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Full text of "Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung"

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N  \  ^.vtvo. .   4' 


MITTHEILUNGEN  DES  INSTITUTS 


FÜR 


OESTERREICHISCHE 


GESCHICHTSFORSCHUNG. 


UNTER  MITWIRKUNG   VON 


08W.  REDLICH,  F.  WICKHOFF  und  H.  R.  v.  ZEISSBERG 


BEDIGIRT   VON 


E.  MÜHLBACHER. 


XVII.  BAND. 


INNSBRUCK. 

VERLAG  DER  V^TAöNER'SCHEN  UNIVERSITÄTS-BUCBHANDLUNG. 
1896. 


2)6 
( 

/5^.  /  7 


DRUCK  HEK  WAGNKirSCHEN  UNIV.-BUCHDRUCKEKEI  IN  INNSBRUCK. 


Inhalt. 


Seile 


Die  falsclien  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).     Von   AHonK 

Dopsch  .         .         .         .         .         .         .         .         .         .         .         .  1 

Ein    Ineditum    Ottos    I.    für    den    Grafen    von    Bergamo    von    970.      Von 

E.  von  Ottenthai 35 

Die  angebliche  Ermordung   des  Herzogs  Ludwig  von  ßaiern   durch  Kaiser 

Friedrich  II.  im  J.  1231.  Von  E.  Winkel  mann  .  .  .  .  48 
Ein  Bullenstempel  des  Papstes  Innocenz  IV.      Von    Ludwig   Schmitz- 

Rheydt ,         64 

Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstl.  Provisionsbullen  des  15.  Jahrhunderts. 

Von  M.  Mayr-Adlwang 71 

Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.     Von  Adolf  Beer  .         .        .        .       109 

Markgraf  Friedrich    der  Freidige   von  Meissen   und   die  Meinhardiner   von 

Tirol  1296— 1298.     Von  Woldemar  Lipp  ert  ....       209 

Die  Reichssteuer  der  schwäbischen  Reichsstädte  Esslingen,  Reutlingen  und 

Rottweil.     Ein  Beitrag   zur  Geschichte   der   Einkünfte    der   deutschen 

Könige  und  Kaiser.     Von  TheodorSchön 234 

Die    österreichischen    Länder-Kongresse.     Von    weiland    Professor    H.    J. 

Bidermann.     Aus    dem   Nachlasse    des    Verewigten    herausgegeben 

von  Sigmund  Adler      .         .         .     .         .         .         .         .         .         .       264 

Zur   Geschichte    der   Witwenehe    im    altdeutschen   Recht.     Von    Martin 

Wolff 369 

Zur    Abstammung    des    österreichischen    Kaiserhauses.      Von    Heinrich 

Witte 3S9 

Eine   Episode    aus    der   Geschichte    des    zweiten    Lorabardeubundes.     Von 

GeorgCaro  .         , 397 

Beiträge   zum   päpstlichen  Kanzleiwesen  des  XIIL  und  XIV.  Jahrhunderts 

mitgetheilt  von  JosefTeige        .         .         .         .         .         .         .         .       408 

Die  höfische  Kunst  des  Abendlandes  in  byzantinischer  Beleuchtung.     Von 

JuliusvonSchlosser 440 

Ueber     die    Entstehung     des    Kurfürstenthums.      Eine    Entgegnung     von 

TheodorLindner 537 

Friedrichs  III.  Aachener  Krönungsreise.    Von  Joseph  Seemüller         ,       584 


296 


IV 

Seite 
Kleine  M  i  1 1  h  e  i  1  u  n  g  e  u : 

Die  Städtegründungea  Heinrichs  I.     Von  C.  Ro  d  enberg  .         .       161 

Vier    verwandte    Ai-elatische    Diplome    Konrads    III.      Von    Robert 

Sternfeld       . 167 

Das  Verbot   Bücher   der   Vaticanischen   Bibliothek   auszuleihen.     Von 

Tb.  Sickel 293 

L'eber  die  >tres  comitatus*  bei  der  Erhebung  Oesterreichs  zum  Herzog- 

thum  (1156).     Von  A.   Dopsch 
Ueber  die  angeblich  älteste  deutsche  Privaturkunde.  Von  J.  S  e  e  m  ü  1 1  e  r       310 
Zur  Topographie  und  Organisation  der  umbrischen  Bergdistricte.    Von 

J.  Ju'^ng 457 

^'(•rgleicll    zwischen   der  Landgratschaft  Nellenburg  und    der  Hegauer 

Ritioscbaft  im  Jahre  J54().     Von  Georg  Tumbült  .         .       459 

.Angeblich  oigenhiindige  Unterschriften  deutscher  Könige  um  die  Wende 

des  13.  und  14.  Jahrhunderts.     Von  M.  Vancsa  .         .         .       666 

Zur  Frage  der  böhmischen  Verfassungsänderung  nach  der  Schlacht  am 

weissen  Borge.     \'ou  M.  May r- Adl wang  .         .         .         .       669 

Literatur  und  Notizen: 

Baumann  Geschichte  des  Allgäiis  S.  206.  —  Böhmen,  Mähren 
und  .Schlesien  Die  bist,  periodische  Literatur  1894  (Bretholz)  692. 
—  Bretholz  Der  Vertheidigungskampf  der  Stadt  Brunn  gegen 
1645.  —  Ders.  Urkunden,  Briefe  und  Actenstücke  zur  Geschichte 
die  Schweden  der  Belagerung  der  Stadt  Brunn  etc.  1643  und 
1645  (A.  Huber)  501.  —  Büdinger  Die  Universalhistorie  im  Alter- 
thum  204.  —  Bukowina  Neueste  Schriften  zur  Geschichte  der 
(S.  Herzberg-Fränkel)  201.  —  Eulenburg  Das  Wiener  Zunftwesen 
(Schalk)  676.  —  Fejerpataky  Urkunden  aus  der  Zeit  König 
Stefan  II.  (A.  Aldasy)  184.  —  Günther  Geschichte  des  Feldzuges 
von  1800  in  Über- Deutschland,  der  Schweiz  und  Ober-Italien 
(Criste)  .".OG.  —  Gutsclie  u.  Scliultze  Deutsche  Geschichte  von 
der  Urzeit  bis  zu  den  Karolingern  (Jung)  673.  —  Hampe  Ge- 
.schichte  Konradins  von  Hoheustaufeu  (M.  Vancsa)  187.  —  Huber 
Oesterreichi-schc  Reichsgeschichte  (Schwind)  177.  —  Jahrbuch  der 
kunsthistorischen  Sammlungen  des  Allerhöchsten  Kaiserhauses 
Band  16.  (Simon  Laschitzer)  356.  —  Innerösterreich  Die  historische 
periodische  Literatur  1892  —  1894  (Jaksch)  510.  —  Kempf  Geschichte 
des  deutscheu  Reiches  während  des  grossen  Interregnums  1245 — 1273 
(Vancsa)  187.  Kuun  Relationura  Hungarorum  cum  Oriente  etc. 
historia  antiquissima  I.  205.  —  Lamprecht  Deutsche  Geschichte. 
5.  Band,  2.  liiilfte  I.  u.  2.  Aufl.  (Felix  Rachfahl)  468.  -  Lippert 
Wettiner  und  Witteisbacher  sowie  die  Nieder-Lausitz  im  XIV.  Jahr- 
hiuiderto  (S.  öteinherz)  350.  —  Loewe  H.  Richard  von  San  Ger- 
mano  und  die  ältere  Redaktion  seiner  Chronik  (A.  Winkelmann) 
185.  —  Luschin  Oesterreichische  Reich sgeschichte  (Sartori-Monte- 
croce)  342.  —  Maretich-Uiv-Alpon  Die  zweite  und  dritte  Berg-lsel- 
Schlacht  (Gefechte  in  der  Umgebung  von  Innsbruck  am  25.  und 
29.  Mai  1809)    (Jos.    Egger)   508. .  -    Mayr    Card.    Commendone's 


Seite 
Kloster-  u.  Kirchenvisitation  von  1569  206.  —  Ders.  Einiges  a.  d. 
Berichten  d.  Grazer  Nuntiatur  206.  —  Ders.  Ueber  Expensen- 
rechnungen  f.  päpstl.  Provisionsbullen  206.  —  Milkowicz  Monu- 
menta  confraternitatis  Stauropigianae  Leopoliensis  207.  —  Mittel- 
schulprogramme österreichische  1895  (Prem)  682.  —  Neuwirth 
Mittelalterliche  Wandgewälde  und  Tafelbilder  der  Burg  Karlstein 
in  Böhmen  (Ad.  Horcicka)  352.  —  Otto  Die  Beziehungen  Rudolfs 
von  Habsburg  zu  Papst  Gregor  X.  (Osw.  Redlich)  674.  —  Pastor 
Geschichte  der  Päpste  seit  dem  Ausgang  des  Mittelalters  (Bach- 
mann) 487.  —  Posse  Die  Siegel  der  Wettiner  bis  1324  und  von 
1324—1486  etc.  (Lippert)  191.  —  Reding-Biberegg  Der  Zug 
Suworow's  durch  die  Schweiz  24.  Herbst-  bis  10.  Weinmonat  1799 
(Oskar  Criste)  504.  —  Schneller  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Bisthums 
Trient  206.  —  Schweizer  Geschichte  der  schweizerischen  Neutra- 
lität (J.  Dierauer)  478.  —  Schwind  u.  Dopsch  Ausgewählte  Ur- 
kunden zur  Verfassungsgeschichte  der  deutsch- österreichischen 
Ei'blande  im  Mittelalter  (Luschin)  345.  —  Sforza  Fälschungen 
A.  Ceccarelli's  205.  —  Sickel  Römische  Berichte  I.  II.  (Steinherz) 
679.  —  Slovenische  historische  Literatur  der  Jahre  1892—1894 
(Josef  Apih)  529.  —  Spamers  Illustrierte  Weltgeschichte  VIl.  u. 
VIII.  Band  (Krones)  502.  —  Städtewesen  deutsches  Neuere 
Literatur  VI,  28—50  (Karl  Uhlirz)  316,  342.  —  Starzer  Die  Re- 
sidenz d.  Nuntius  in  Graz  206.  —  Ders.  Ueber  einen  Visitations- 
auftrag a.  d.  Bischof  v.  Gurk  1592  206.  —  Ders.  Regesten  zur 
Gesch.  der  Pfarren  u.  Klöster  Niederösterreichs,  Steiermarks,  Kärn- 
tens 205.  —  Tadra  Acta  judiciaria  cousistorii  Pragensis  II.  207. 
—  Tadra  Summa  Cancellariae  (Cancellaria  Caroli  IV.).  (Bretholz) 
198.  —  Wachsmuth  Einleitung  i.  d.  Studium  der  alten  Geschichte 
204.  —  Zdekauer  Lo  Studio  die  Siena  nel  rinascimento  (Voltelini) 
482.  —  Westfälisches  Urkundenbuch  (Ottenthai)  348. 
Jahresbericht  über  die  Herausgabe  der  Monumenta  Germaniae  historica  531 
Vierzehnte  Plenarsitzung  der  Badischen  Historischen  Kommission       .         .       534 

Personalien .         .         .       207 


Die  falsclien  Karolinger-Urkunden 
für  St.  Maxiniin  (Trier). 

Von 

Alfons  Dopsch. 


Unter  den  verschiedenen  Fälschungen  von  mittelalterlichen  Königs- 
und Kaiserurkunden  dürfen  jene  von  St.  Maximin-Trier  neben  den  in 
der  Keichenau  angefertigten  in  hervorragendstem  Masse  das  Interesse 
nicht  nur  des  Diplomatikers,  sondern  auch  des  Historikers  überhaupt 
beanspruchen. 

Hier  wie  dort  wurde  wiederholt  und  zu  verschiedenen  Zeiten  in 
umfassender  Weise  gefälscht,  der  Inhalt  dieser  Fälschungen  aber  ist 
gerade  bei  den  in  St.  Maximin  fabricirten  Spuria  besonders  wichtig, 
indem  wir  ihnen  wichtige  Aufklärungen  in  verfassimgs-  und  wirtschafts- 
geschichtlicher Beziehung  verdanken ;  auf  sie  hat,  wie  bekannt,  K.  W, 
Nitzsch  ohne  Argwohn  bezüglich  ihrer  Echtheit  seine  geistvollen  Aus- 
führungen über  des  Dienstrecht  von  St,  Maximin  grossentheils  aufge- 
baut. Und  wenn  dieselben  auch  nichts  für  die  Zeit  besagen,  in  der 
sie  angeblich  ausgestellt  wurden,  so  sind  sie  auch  als  Spuria  nicht 
minder  charakteristisch ;  gerade  als  Fälschungen  beleuchten  sie  ja  durch 
ihre  Tendenz  noch  viel  schärfer  die  Strömungen  der  Zeit,  in  welcher 
sie  entstanden. 

Die  Frage  nach  der  Echtheit  der  St.  Maximin'scheu  Urkunden  ist 
bereits  frühzeitig  aufgeworfen  und  erörtert  worden.  Schon  in  der 
ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhundertes  erschienen  Streitschriften  für  und 
wider  i).     In  neuester  Zeit  hat  Bresslau  sämmtliche  älteren  Urkunden 


')  Vgl.  Archiepiscopatus  et  electoratus  Trevirensis  per  refractarios  monachos 
Maximinianos  aliosque  turbati,  Augustae  Trevirorum  1633;  dagegen  Zyllesius, 
Defensio  abbatiae  imperialis  s.  Maximini  1638. 

Mittheilungen  XVII.  ^ 


0  A  Hon 8   Dop 8 eil. 

liu-  8t.  Maximiu  iu  zusammeuhäugeuder  Untersuchung  behandelt  i), 
nachdem  über  die  Karolinger-Diplume  bereits  Sickel  seine  Ansichten 
geäussert  hatte  -). 

An  Karolingerurkunden  liegen  für  St.  Maximin  11  Stücke  vor, 
von  welchen  die  5  ältesten  ebenso  wie  das  einzige  Präcept  aus  der 
Mer(»vingerzeit  (Dagobert)  schon:  seit  längerem  als  Fälschungen  erwiesen 
sind.  Vier  von  diesen  Spuria  —  angeblich  von  Pippin,  Karl  d.  Gr., 
Ludwif  d  Fr  und  Lothar  11.  herrührend  —  sind  noch  in  den  Urschriften 
(auf  der  Bibl.  Nationale  in  Paris)  erhalten,  während  das  5.  Stück  nur 
iu  einem  Chartular    aus  dem   13.  Jahrhundert    überliefert   erscheint^). 

Die  lieihe  der  echten  Diplome  beginnt  mit  einer  Urkunde  Karls  III. 
vom  Jahre  885  (M.  1671). 

Sickel  hatte  bereits  erkannt,  dass  jene  vier  noch  in  den  Urschriften 
erhaltenen  Stücke  „von  ein  und  derselben  Hand"  herrührten.  Sie 
wurden  nach  seiner  Ansicht  ,, spätestens  im  11.  Jahrhundert"  ange- 
fertigt^), eine  Zeitbestimmung,  die  sich  aus  dem  Schriftcharakter  der 
Dorsualbenierkungen  ergebe,  ßresslau  nun  ist  iu  seiner  umfassenden 
Untersuchung  zu  dem  Ergebnis  gelangt,  dass  diese  4  Diplome  ,,uud 
wahrscheinlich  auch"  die  Urkunde  Dagoberts  sowie  jene  fünfte  Karo- 
Unger-Urkunde,  von  der  uns  die  Urschrift  nicht  mehr  vorliegt  (M.  730), 
eine  einheitliche  Fälschungsgruppe  repräsentiren.  Indem  er  von  dem 
Ansätze  Sickels  autigieng  und  sich  bezüglich  der  äusseren  Merkmale 
jener  Urschrifteu,  wie  dieser  mit  der  Verwerthung  der  Dorsualbe- 
merkungen  allein  geuug  sein  liess,  meinte  er  die  Entstehungszeit  dieser 
Fälschungen  aus  inneren  Gründen  des  näheren  auf  die  Jahre  953  bis 
963  fixiren  zu  können.  Der  terminus  a  quo  ergebe  sich  aus  dem  Um- 
stände, dass  in  einem  dieser  Stücke,  der  Urkunde  Lothars  II. 
(M.  1283),  augenscheinlich  eine  Urkunde  Otto's  I.  von  953  (DO.  169)  ^) 
benützt  wurde,  was  die  Aehnlichkeit  des  Inhaltes,  sowie  die  auflfallende 
Uebereinstimmung  einzelner  Wendungen  beweise.  Anderseits  müssten 
im  Jahr  963  unsere  Fälschungen  bereits  vorhanden  gewesen  sein,  da 
in  einem  Diplom  Ottos  II.  aus  diesem  Jahre   (DOII.    7)  die   in   dem- 

')  lieber  die  älteren  Königs-  und  Papaturkunden  für  das  Kloster  St.  Maximin 
bei  Trier,  Westdeutsche  Zeitschr.  5,  20  ff. 

'^)  Beitr.  zur  Diplomatik  V.  in  Sitz.-Ber.  d.  Wiener  Akademie  49,  319  An.  1. 
(1865)  und  Reg.  Karol.  (1867)  421. 

»)  M(ühlbacher)  Reg.  n"^  98,  430,  729,  1283. 

')  M.  730. 

*)  Der  in  den  Beitr.  z.  Dipl.  a.  a.  0.  gegebene  Ansatz  »spätestens  im  Be- 
ginne des  9.  Jahrhunderts'  ist,  wie  schon  Breslau  hervorgehoben  hat,  offenbar 
nur  ein  Druckfehler.     Vgl.  Reg.  Karol.  421. 

"J  Mon.  Germ.  ed.  Sickel. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  3 

selben  verliehenen  Kechte  nicht  wie  dort  allgemein  auf  Urkunden 
früherer  Könige,  sondern  ausdrücklich  auf  diejenigen  Dagoberts,  Pip- 
pins,  Karls  des  Grossen,  Ludwigs  des  Frommen  und  ihrer  Nachfolger 
begründet  würden.  Ganz  entsprechend  sei  denn  auch  eine  ähnliche 
Bezugnahme  in  einer  Urkunde  Ottos  L  von  965  (DO.  280)  gehalten. 
Da  das  Vorhandensein  von  Originalen  Dagoberts,  Pippins  etc.  im  Jahre 
963  bei  der  Beschaffenheit  dieser  Fälschungen  ausgeschlossen  erscheine, 
könnten  die  Urkunden,  welche  963  Otto  IL,  965  seinem  Vater  vor- 
gelegt wurden,  nur  unsere  Fälschungen  gewesen  sein.  Dies  sei  auch 
aus  der  Benutzung  derselben  „in  jenen  und  späteren  Bestätigungen", 
so  insbesouders  aus  DOIL  42,  deutlich  zu  erkennen. 

Dafür  aber,  dass  jene  5  Fälschungen  thatsächlich  zwischen  953 
und  963  angefertigt  worden  seien,  spreche  auch  das,  was  wir  sonst 
aus  den  Diplomen  der  Ottoneuzeit  über  den  lebhaften  Kampf  wüssten, 
welchen  die  Aebte  des  Klosters  in  diesem  und  dem  folgenden  Jahr- 
zehnt um  die  Kestitution  der  verlorenen  Besitzungen,  die  Sicheruno- 
der  Reichsuumittelbarkeit  und  Behauptung  seiner  Rechte  geführt  hätten. 
Wir  wissen,  dass  970  Kaiser  Otto  I.  n^on  Seiten  des  Klosters  ver- 
schiedene Bitten  vorgetragen  wurden,  die  sich  unter  andern  auch  auf 
die  Verbriefung  gewisser  Rechte  und  Freiheiten  bezogen.  Denselben 
wurde  damals  nur  zum  Theil  stattgegeben,  erfüllt  aber  wurden  sie 
erst  von  Otto  IL  973.  Damit  nun  stünden  nach  Bresslau  diese  Fäl- 
schungen in  einer  nähern  Beziehung;  sie  hätten  den  Bestrebungen 
des  Klosters  als  Stütze  gedient,  mit  ihrer  Hilfe  habe  man  die  Erfül- 
lung jener  wesentlich  erreicht 

Diese  Aufstellung  Bresslaus  hat  ohne  Zweifel  viel  Bestechendes 
für  sich,  da  die  einzelnen  Beweismomente  augenscheinlich  geschlossen 
in  einander  greifen,  die  Sicherheit  des  Schlusses  zu  verbürgen.  Eines 
mochte  vielleicht  auch  dem  der  Sache  Fernerstehenden  auffallend  er- 
scheinen, dass  nämlich  die  vorhandenen  4  Urschriften  nicht  nach  ihren 
äusseren  Merkmalen  näher  untersucht  wurden,  oder  mindestens  über 
den  paläographischen  Befund  derselben  sogut  wie  nichts  bemerkt 
erscheint.  Gerade  er  aber  konnte  für  mich,  da  ich  jene  Urkunden  für 
die  Neuausgabe  der  Karolinger  Diplome  in  den  Mon.  Germ,  zu  bear- 
beiten hatte,  nicht  gleichgiltig  sein,  ich  musste  ihm  vor  allem  auch 
eine  entsprechende  Beachtung  schenken. 

Zunächst  darf  als  feststehend  betrachtet  werden,  dass  sämmtliche 
vier  Stücke,  wie  schon  Sickel  dargethan  und  Bresslau  bestätigt  hat, 
von  einer  Hand  herrühren.  Sie  weisen  alle  Formen  urkundlicher  Be- 
glaubigung auf,  wie  sie  in  den  Diplomen  jener  Zeit  vorkommen  (ausser 
der   Unterschrift   des    Königs    und    der  Recognitionszeile    auch  Mono- 


i  AlfonsDopsch. 

gramm,  Kecoguitiouszeichen  und  Besiegelung)  und  wollen  somit  die 
GeltuniT  von  Originalurkunden  beanspruchen.  Es  gestattet  daher  der 
paläographische  Befund  direct  eine  Schlussfolgeruug  auf  die  Zeit,  da 
sie  entstanden.  Eben  diesem  aber  ist  der  vorerwähnte  Umstand  sehr 
günstig,  dass  alle  vier  Stücke  von  derselben  Hand  geschrieben  sind;  wir 
können  somit  die  äusseren  Merkmale  aller  gleichmässig  für  die  Beur- 
theilung  ihrer  gemeinsamen  Entstehungszeit  heranziehen  und  verwertheu. 

Im  allgemeinen  wird  mau  sagen  dürfen,  dass  diese  Fälschungen 
äusserlich  sehr  plump  ausgefallen  sind,  derart,  dass  auf  den  ersten 
Blick  die  gänzliche  Verschiedenheit  des  Schriftcharakters  auffiillt  gegen- 
über dem,  welcher  uns  in  Originalen  aus  der  Karolingerzeit  entgegen- 
tritt. Diese  Urschriften  machen  von  vornherein  einen  durchaus  jün- 
geren, ja  bedeutend  jüngeren  Eindruck. 

Wbhl  hat  sich  der  Schreiber  anscheinend  bemüht,  ältere  Formen,  wie 
sie  etwa  in  Karolinger-Diplomen  üblich  waren,  nachzuahmen,  so  z.  B.  die 
Form  des  g,  es  ist  ihm  das  aber  schlecht  genug  gelungen.  Auch  der  Versuch, 
die  diplomatischen  Kürzungszeichen  und  üblichen  Cursivverbindungen 
nachzumachen  —  bei  fr,  ii,  fu,  st,  sti,  et  —  fiel   recht   kläglich   aus. 

Immerhin  mag  dies  darauf  deuten,  dass  der  Fälscher  echte  Karo- 
lingerdiplome als  Vorlage  benützte,  oder  wenigstens  kannte,  wozu  in 
St.  Maximin  selbst  sich  hinreichend  Gelegenheit  bot.  Auch  lässt  sich 
nicht  verkennen,  dass  der  Schreiber  im  Verlaufe  seiner  Arbeit  Fort- 
schritte gemacht  hat;  es  zeigt  die  auf  den  Namen  Ludwig  des  From- 
men (M.  729)  gefälschte  Urkunde  gegenüber  der  angeblich  von  Karl 
dem  Grossen  herrührenden  (M.  430)  einen  entschieden  regelmässigeren, 
gleichförmigeren  Schriftverlauf,  der  Fälscher  vermochte  sich  bei 
jener  auch  schon  besser  dem  Linienschema  anzubequemen,  gegen  das 
er  in  dieser  durchaus  sündigte.  Hervorzuhebeu  ist,  dass  die  verlän- 
gerte Schrift  der  ersten  Zeile  gänzlich  misrieth,  anderseits  aber  die 
Chrismen  am  Beginn,  sowie  die  Recognitionszeichen  am  Schlüsse  völlig 
verunglückten,  weil  auch  ganz  missverstanden  sind. 

Schon  diese  allgemeinen  Beobachtungen  zeigen,  dass  man  zur  Zeit 
der  Anfertigung  dieser  Fälschungen  in  St.  Maximin  die  ältere  Diplom - 
schrift  nicht  mehr  beherrschte;  eben  dies  aber  ruft  von  vornherein 
bereits  gegen  die  Annahme  Bresslaus  Bedenken  wach,  da  wir  wissen, 
dass  auch  nach  der  von  ihui  als  Entstehungszeit  fixierten  Periode 
(953 — 963)  iu  St.  Maximin  Königsurkunden  geschrieben  und  der  kai- 
serlichen Kanzlei  zur  Bestätigung  vorgelegt  wurden,  welche  ihrem 
Schriftcharakter  nach  der  damals  kanzleimässigen  Diplomschrift  durch- 
aus conform  sind  i). 

»)  So  1)0.  SDl   (070). 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  5 

Eine  nähere  Untersuchung  ergibt  aber  des  weiteren  eine  Reihe 
von  Momenten,  die  ein  bestimmteres  Urtheil  über  die  Entstehungszeit 
dieser  Fälschungen  bloss  auf  ihre  äusseren  Merkmale  hin  gestatten. 
Zunächst  fallen  die  deutlich  hervortretenden  Abschnittslinien  bei  den 
verdickten  Oberlängen  auf.  Besonders  ist  dies  bei  M.  98  der  Fall. 
Wohl  hat  auch  hier  der  Schreiber  sich  bemüht,  denselben  durch  Auf- 
setzen von  Haarstrichen  das  in  der  Diplomschrift  übliche  Aussehen 
zu  verleihen,  doch  ist  dies  manchmal  versäumt  worden,  ganz  abge- 
sehen davon,  dass  auch  sonst  die  ursprüngliche  Form  noch  deutlich 
hervortritt.  Diese  deutlichen  Abschnittslinien  an  den  nach  oben  ver- 
dickten Schäften  (bei  d,  h,  1,  u.  a.)  sind  vor  dem  11.  Jahrhundert  so 
kaum  nachweisbar.  Ferner  muss  die  überaus  reichliche  Verwendunsr 
von  Abkürzungen  näherer  Beachtung  gewürdigt  werden.  Verdient 
schon  der  weniger  wesentliche  Umstand  Erwähnung,  dass  das  Schluss-m 
nahezu  durchaus  gekürzt  erscheint,  was  in  dieser  consequenten  Durch- 
führung für  die  Diplomschrift  des  10.  Jahrhunderts  schwerlich  zu  be- 
legen sein  dürfte,  so  müssen  verschiedene  einzelne  Kürzungen  besonders 
hervorgehoben  werden.  So  vor  allem  das  con  (M.  430  in  constructum 
und  weiter  bei  incunvulsa  und  contra) ;  ferner  die  Kürzung  von  nullus 
(null),  supra  dicti  (sup  dicti),  non  (ü),  insuper  (insup),  omni  mode 
(öl  mode)  in  M.  729;  ähnlich  auch  in  M.  1283.  Andere  Kürzungen, 
wie  esse  (ee),  vel  (t),  quod  (qd),  quoniam  (c|m),  atque  (atqi),  welche 
sich  auch  in  Original-Diplomen  der  Karolingerzeit  vereinzelt  belegen 
lassen,  erscheinen  in  einer  Häufung  nebeneinander  verwendet,  die  ganz 
ungewöhnlich  ist.  Ausserdem  ist  das  Vorkommen  des  einfachen  e  an 
Stellen,  wo  vordem  ae  oder  das  (hier  sonst  auch  verwendete)  ^  auf- 
tritt, zu  vermerken.  (M.  98.)  Bresslau  hat  für  eine  andere  Fälschungs- 
gruppe (vornehmlich  Urkunden  der  Salier)  die  gleiche  Beobachtung 
zur  Zeitbestimmung  derselben  verwertet,  indem  er  sehr  richtig  be- 
tonte, dass  solche  oder  ähnliche  Kürzungen  „bis  zum  Ende  des  11. 
Jahrhundertes  in  Diplomen  nicht  eben  häufig  vorkommen"  2).  That- 
sächlich  wird  nach  diesen  Beobachtungen  auch  für  unsere  Fälschungen 
dasselbe  Argument  zu  verwerthen  sein. 

Werden  wir  damit  also  schon  etwa  auf  den  Beginn  des  12.  Jahr- 
hunderts gewiesen,  so  finden  sich  endlich  noch  zwei  wichtige  Anhalts- 
punkte für  die  Schlussfolgerung  auf  eine  engere  Entstehungszeit. 

In  dem  auf  den  Namen  Lothars  II.  gefälschten  Stücke  lautet  die 
Datierung:  Data  Mettis  civitate  XVII  kal.  mai.  anno  dominice  incar- 
nationis  DCCCLXVIII,  indictione  prima,  anno  serenissimi  regis  Lo- 
tharii  XV;  in  dei  nomine  feliciter  amen.     Wir   haben   hier    eine   von 

«J  a.  a.  0.  S.  38. 


n  AlfonsDopsch. 

der  älteren  Datirungsformel,  wie  sie  zur  Zeit  der  Karolinger  und  lange 
danach  uocli  ziemlich  ständig  eingehalten  wurde,  abweichende  Form 
vor  uns.  Es  folgt  auf  das  einleitende  data  nicht  unmittelbar  die  Tages- 
uud  Mouatsangabe,  um  nach  der  Anführung  der  verschiedenen  Jahres- 
bezeichuuugen  mit  der  durch  ein  vorangehendes  „actum"  versehenen 
Ortsangabe  zu  schliessen,  es  sind  die  Angaben  des  Tages,  der  Jahre 
und  des  Ortes  vielmehr  anders  augeordnet,  das  Actum  aber  fehlt  ganz. 
Und  diese  Umstellung  in  den  Angaben  der  Datirungszeile  ist  um 
so  bedeutsamer,  als  der  Fälscher  sich  sonst  bemüht  hat,  die  Datirung 
seiner  Urkunden  im  Sinne  der  Zeit   zu  gestalten,    der   es   sie   speciell 

zuschrieb  ^). 

Die  vorliegende  Datirungsform  aber  erweist  sich  als  eine  jener 
„Uebergangsdatirungen'S  welche  im  12.  Jahrhundert  von  der  Zeit 
Heinrich  V.  ab  immermehr  in  Gebrauch  kamen  ^).  Während  auch 
noch  in  seiner  Kanzlei  ursprünglich  die  ältere  Datirungsformel  vor- 
wiegend in  Verwendung  stand,  mehrten  sich  gegen  das  Ende  seiner 
Regierungszeit  die  Abweichungen  von  derselben;  aber  nicht  eine  be- 
stimmte neue  Formel  tritt  zunächst  an  die  Stelle  der  alten,  sondern 
in  „buntester  Mannigfaltigkeit"  wandeln  sich  die  Neubildungen.  Aus 
der  grossen  Masse  derselben  heben  sich  nach  den  grundlegenden  Aus- 
führungen Fickers  einzelne  Arten  heraus.  Auffallend  häufig  wird  in 
den  letzten  Jahren  Heinrich  V.  die  Nennung  des  Ortes  unter  Data 
mit  Beseitigung  des  „Actum^' •').  Von  diesem  Brauch  die  Datirung 
zu  formuliren,  ist  der  Fälscher  unverkennbar  beeinflusst. 

Allein  noch  näher  schliesst  sich  der  Kreis,  wenn  wir  die  Auf- 
einanderfolge der  einzelnen  Angaben  in  der  obigen  Datirung  beachten. 
Unter  Heinrich  V.  war  schliesslich  die  Form  eingebürgert  worden, 
•  dass  auf  Datum  mit  Ort  zunächst  die  Jahresangaben,  dann  erst  der  Tag 
folgte.  Anders  unter  seinem  Nachfolger  Lothar  III.,  dem  Supplinburger, 
mit  dessen  Regierung  sich,  wie  bekannt,  eine  durchgreifende  Aende- 
runtr  in  den  Formen  der  deutschen  Kfmigsurkunde  vollzieht.  Nun 
wird  die  Tagesbezeichnung  den  Jahresangaben  wiederum  vorangestellt, 
so  zwar,  dass  auf  Data  mit  Ort  zunächst  jene,  dann  erst  letztere 
folgen ;    das  actum  fehlt  nach  wie  vor  gänzlich  •^).     Eben    damit    aber 


•)  Man  vgl.  M.  98  (Pippin):  Datum  quod  fecit  mensis  ianuarii  in  puplico 
palatio  Magontiae,  Xllll  regni  nostri  anno ;  icliciter.  und  über  die  wahrscheinlich 
einem  echten  Diplom  entnommene  Datirung  von  M.  729  (Ludwig  d.  Fr.)  Sickel 
Reg.  421. 

>)  Ficker,  Beitr.  z.  ürk.-Lehre  2,  311. 

3)  a.  a.  0.  iS.  315. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  7 

stimmt  genau  die  Form  unserer  Datiruug  überein,  wir  werden  durch 
diese  feine  Unterscheidung  gegenüber  dem  unter  Heinrich  V.  üblichen 
Formular  auf  die  Zeit  Lothars  III.  verwiesen. 

In  derselben  Urkunde  (M.  1283)  begegnet  uns  aber  des  weiteren 
noch  eine  Erscheinung,  die  in  ihrer  Eigenart  ebenso  einen  bestimmten 
Schluss  auf  die  Entstehuugszeit  gestattet.  Es  findet  sich  nämlich  am 
Beginn  der  Kecognitionszeile  das  ,ego*  vor  dem  Namen  des  Notars. 
Sie  lautet:  Ego  Grimlandus  advicem  Advencii  archicapellani  recognovi. 
Das  ,ego'  tritt  an  dieser  Stelle  gerade  in  der  Zeit  Lothars  III.  hervor, 
nachdem  es  früher  unter  Heinrich  IV.  vorwiegend  in  der  italienischen 
Kanzlei  (entsprechend  dem  in  Italien  üblichen  Brauche)  Eingang  ge- 
funden, unter  Heinrich  V.  aber  wieder  ganz  verschwunden  war.  Nun 
erst  in  der  Zeit  Lothars  III.  wird  diese  später  regelmässig  übliche 
Formel  in  der  deutschen  Kanzlei  durchgreifend  verwendet  i). 

So  wird  durch  das  ZusammeutrefiFen  dieser  beiden  charakteristi- 
schen Momente  die  Kegierungsperiode  Lothars  III.  (1125 — 1137)  als 
muthmassliche  Entstehunofszeit  unserer  Fälschungen  darofethan,  womit 
der  allgemeine  Schriftbefund  sehr  gut  übereinstimmt.  Das  einzige 
Argument  aber,  welches  Sickel  und  nach  ihm  Bresslau  bezüglich  der 
äusseren  Merkmale  dieser  Spuria  vorbrachten,  der  Charakter  der  Dor- 
sualvermerke,  verliert  jedwede  Bedeutung,  da  sich  constatiren  liess, 
dass  dieselben  Dorsualvermerke  von  derselben  Haud  und  mit  der 
gleichen  Tinte  geschrieben,  auch  auf  Stücken  sich  finden,  die  nach  der 
Annahme  Bresslau's  selbst  jener  weiteren  Gruppe  von  Fälschungen 
zugehören,  welche  um  1116  etwa  angefertigt  wurden-).  Uebrigens 
schienen  mir,  auch  bevor  ich  dies  feststellen  konnte,  die  Schriftzüge 
jener  Dorsualvermerke  nicht  von  einer  solchen  Eigenart  zu  sein,  dass  sie 
„spätestens  dem  11.  Jahrhundert"  zugewiesen  werden  müssteu.  Die 
Möglichkeit  einer  Entstehung  derselben  in  der  ersten  Hälfte  des  12. 
Jahrhundertes  hielt    ich   von    vornherein   für    nicht    unwahrscheinlich. 

Diesem  Resultat  nun,  welches  sich  aus  einer  eingeheßdereu  Unter- 
suchung der  äusseren  Merkmale  dieser  Fälschungen  ergab,  scheint  der 
innere  Sachverhalt,  auf  den  Bresslau  vornehmlich  seine  Hypothese  auf- 
gebaut hat,  zu  widersprechen. 

Suchen  wir  diesem  nunmehr  näher  zu  treten.  Wie  früher  er- 
wähnt, hat  Bresslau  angenommen,  dass  eine  Urkunde  K.  Ottos  I.  vom 
Jahre  953  (DO.   169)  dem  Fälscher  zur  Vorlage  gedient  haben  müsse. 


»)  Ficker  a.  a.  0.  2.  §  290. 

2)  Für  die  Karolingerzeit  kommt  davon  nur  eine  M.  1727  B,  eine  Urkunde 
auf  den  Namen  Arnolfs,  in  Betracht. 


Q  Alfons   Dopscli. 

da  eines  unserer  Spuria  eine  auffallende  Uebereinstimmuug  mit  der- 
selben in  verschiedenen  Wendungen  zeige.  Gegenüber  dem  damit  ge- 
wonnenen Anfangszielpunkt  meinte  B.  den  terminus  ad  quem  in  einer  Ur- 
kunde Ottos  IL  vom  Jahre  963  erblicken  zu  können.  Als  Grund  da- 
für führt  er  vornehmlich  an,  dass  in  dieser  Urkunde  die  Verleihung 
der  in  ihr  enthaltenen  Kechte  nicht  mehr  wie  953  ganz  allgemein 
auf  Diplome  der  Vorzeit,  sondern  ausdrücklich  auf  diejenigen  Dago- 
berts, Pippins,  Karls  des  Grossen,  Ludwigs  des  Frommen  etc.  begrün- 
det werde.  Dann  aber  folgert  er  wörtlich :  „Die  Annahme,  dass  noch 
963  .  .  .  echte  Originale  Dagoberts  etc.  vorhanden  gewesen  wären,  auf 
welche  jene  Kechte  hätten  begründet  werden  können,  ist  bei  der  Be- 
schatfenheit  unserer  Fälscungen  auf  das  Bestimmteste  ausgeschlossen; 
die  Urkunden,  welche  Abt  Wiker  963  Otto  IL  (965  seinen  Vater) 
vorlegen  Hess,  köjiuen  demnach  nur  unsere  Fälschungen  gewesen  sein." 

So  sehr  diese  Schlussfolgerung  ob  ihrer  scheinbar  stringenten 
Fassung  für  den  ersten  Moment  auch  bestechen  mag,  bedeutet  sie 
eicrentlich  doch  nur  einen  Cirkelschluss.  Aus  der  Beschaffenheit  un- 
serer  Fälschungen  können  wir,  sowohl  nach  ihrer  äusseren  (incon- 
gruenten)  Form  als  nach  ihrer  Diction  nur  erschliessen,  dass  echte 
Originale  Dagoberts  etc.  unmöglich  mehr  vorhanden  gewesen  sein 
können  zu  der  Zeit,  da  sie  entstanden;  wir  können  aber  daraus  au 
sich,  so  viel  ich  sehe,  nichts  erschliessen  über  das  Nichtvorhandensein 
solcher  Urkunden  für  das  Jahr  963,  was  eben  bewiesen  werden  sollte. 
Auf  dieser  Petitio  principii  aber  beruht  allein  auch  der  weitere  posi- 
tive Schluss  über  den  Charakter  der  Urkunden,  welche  963  (respective 
965)  vorgelegt  wurden. 

Es  könnten,  falls  diese  Fälschungen  einer  späteren  Zeit  zugehören, 
sehr  wohl  im  Jahre  963  solche  echte  Urkunden  noch  vorhanden  ge- 
wesen, später  aber  verloren  gegangen  sein,  so  dass  der  Fälscher  seine 
Falsificate  thatsächlich  nicht  mehr  den  entsprechenden  (963  eventuell 
noch  vorhandenen)  echten  Diplomen  dieser  Könige  anzupassen  ver- 
mochte. 

Wichtiger  als  dieses  ist  das  andere  Argument  Bresslau's,  welches 
sich  auf  die  Benutzung  unserer  Spuria  durch  die  Urkunde  Ottos  IL 
von  963  (DOII.  7)  grüjidet.  Von  vorneherein  muss  hervorgehoben 
werden,  dass  er  eine  solche  nur  an  2  Stelleu  anzunehmen  vermag. 
Zunächst  soll  die  Wendung  „excepto  nostre  regalitati",  welche  sich 
auf  di(^  Unabhängigkeit  des  Klosters  bezieht,  der  falschen  Urkunde 
Lothars  M.   1283  entnommen  sein. 

Bresslau  selbst  hat  an  einer  andern  Stelle  seines  Aufsatzes  ange- 
Jioniinen,    dass   der   Ausdruck   „nostra   regalitas"   des   Spuriums  —  er 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  9 

kommt  daselbst  nur  in  jener  einzigen  Wendung  vor  —  aus  der  echten 
Urkunde  DO.  169  (953)  stamme.  Thatsächlich  lässt  sich  derselbe  nicht 
nur  in  jenem  echten  Diplom  Ottos  I.  von  953,  sondern  auch  sonst 
wiederholt  in  Urkunden  Ottos  I.  nachweisen  1).  Es  wäre  somit  nur 
die  Verbindung  mit  ,excepto'  oder  letzteres  Wort  an  sich  gravirend. 
Nun  finden  wir  aber  die  gleiche  Wendung  auch  in  einer  weiteren, 
unzweifelhaft  echten  (im  Original  erhaltenen)  Urkunde  Ottos  I.  für 
einen  anderen  Empfänger  (Fischbeck)  verwendet.  Dieses  Diplom  2)  ist 
umso  beweiskräftiger,  als  es  nicht  nur  im  allgemeinen  seinem  Rechts- 
inhalt nach  mit  der  in  Frage  stehenden  Urkunde  Ottos  II.  überein- 
stimmt, sondern  ül^erdies  die  genannte  Wendung  eben  an  der  Stelle 
aufweist,  welche  sich  (wie  in  unserer  Urkunde)  auf  die  Unabhängigkeit 
des  Klosters  bezieht.  Dieselbe  lautet  hier:  ut  nulli  seculari  dominio 
sint  subiecte,  excepto  nostro.  Dass  also  die  Wendung,  das  Kloster 
solle  niemanden  „excepto  nostre  regalitati"  unterworfen  sein,  welche 
in  dem  einen  Spurium  vorkommt,  sich  in  der  Urkunde  Ottos  II.  von 
963  findet,  kann  somit  nichts  für  die  Priorität  der  Fälschung  besagen, 
da  jene  Wendung  als  kanzleigemäss  betrachtet  werden  darf,  indem 
eine  solche  Ausdrucksweise  auch  sonst  in  Urkunden  der  Ottonenzeit 
nachweisbar  ist. 

Es  soll  ferner  nach  Bresslau  der  Passus,  in  welchem  DOII.  7  die 
freie  Abtwahl  zugesteht,  sich  enger  an  das  eine  Spurium  auf  den 
Namen  Ludwig  des  Frommen  (M.  730)  anscliliessen,  als  an  die  echte 
Urkunde  Karls  III.  (M.  1671).  Diese  Thatsache  ist  an  sich  ganz  zu- 
treffend, wir  können  deshalb  auch  von  der  Urkunde  Karls  III.  hier 
ganz  absehen.  Allein  Bresslau  selbst  hat  sich,  wie  man  aus  seiner 
Ausdrucksweise  sieht,  nicht  verhehlen  können,  dass  die  Uebereinstim- 
raung  zwischen  DOII.  7  und  jenem  Spurium  nicht  ganz  concludent 
sei.  Es  verliert  diese  Aehnlichkeit  aber  in  dem  Momente  jede  Be- 
deutung, als  wir  eine  andere  echte  Urkunde  Ottos  II.  nachweisen 
können,  zu  welcher  jene  Stelle  in  DOII.  7  besser,  ja  genau  stimmt. 
Eine  solche  findet  sich  in;  DOII.  6,  einem  Originaldiplom  desselben 
Königs  aus  derselben  Zeit  für  das  Kloster  Hilwartshausen,  welches 
offenbar  dafür  als  Vorlage  gedient  hat.  Ich  setze  die  betreffende 
Stelle,  wie  sie  sich  in  den  drei  genannten  Urkunden  findet,  hier  an. 
Spurium  Ludwigs  d.  Fr. 
(M.  730). 

Electionem  etiam  ab- 
batis  monachorum  con- 


Don.  7. 

Concedimus     etiam 


DOII.  6. 

Concedimus  etiam  eis 


eis  liberum  inter  se  eli-  liberum  inter  se  eligendi 
gfendi    abbatem    arbi-  abbatissam      arbitrium, 


')  So  in  DO.  85,  89,  102,   176. 
»)  DO.  144  (955). 


10 


Alfons   Dopsch. 


ut    eo    propensius    pro 
oborando   statu   nostri 
regni    divinum    implo- 
rent  auxilium. 


cediraus  arbitrio,  cum  Itrium,  ut  eo  securius 
scilicet  qui  vite  ac  sa-  ',diviuum  ab  illis  implea- 
pientie  luerito  secun-  jtur  offitium  summeque 
dum  regulam  probabi-  [propensius  maiestatis 
lis  ubieuuque  inveni-  'pro  nobis  implorent 
tur  t'ligeudi.  auxilium. 

Die  Uebereinstimmuug  der  in  Frage  stehenden  Stelle  mit  der  in 
der  Kanzlei  Ottos  II.  aach  sonst  üblichen  Diction  ist  so  schlagend, 
dass  es  kiiuui  uothwendig  erscheint,  noch  weitere  Beispiele  aus  jener 
Zeit  von  Otto  1.  und  Otto  II.  anzuführen.  Ganz  ähnliche  Wendun- 
gen wie  in  DOII.  7  finde]!  sich  auch  in  den  Urkunden  Ottos  I. 
DO.  229  (für  Gernrode),  DO.  255  (lür  Kempten)  und  DOII.  22a  für 
S.  Paul  in  Verdun).  DOII.  S6  (für  Borghorst).  —  So  lässt  sich  denn 
der  Nachweis  erbringen,  dass  keiner  der  von  Bresslau  für  das  Jahr 
<.l(;p,  als  terminus  ad  quem  der  Eutstehungszeit  unserer  Fälschungen 
vorgebrachten  Gründe  stichhältig  ist;  es  hat  sich  zugleich  ergeben, 
dass  die  Urkunde  Ottos  II.,  welche  angeblich  auf  Grund  jener  Fäl- 
schungen verfasst  wurde,  DOII.  7,  durchaus  kanzleigemässes  Formular 
aufweist.  Der  Verdacht,  dass  dieselbe  einzelne  Wendungen  jenen 
Fäl'^ehungen  entnommen  habe,  erscheint  daher  beseitigt. 

und  es  lag  damals  auch  gar  kein  sachlicher  Grund  vor,  Fäl- 
schungen wie  die  unseren  anzufertigen  und  der  königlichen  Kanzlei 
vorzulegen,  um  die  Bestätigung  der  Rechte,  welche  DOII.  7  enthält,  zu 
erlangen.  Nichts  anderes  besagt  ja  dieses  Diplom  als  die  Bestätigung 
der  Unabhängigkeit  des  Klosters  unter  Königsschutz  und  des  freien 
Wahlrechtes.  Beides  aber  war  demselben  durch  Otto  I.  wiederholt 
verbrieft  worden.  Bereits  940  hatte  Otto  nach  einem  uns  noch  im 
■  Original  erhalteneu  Diplom  (DO.  31)  verfügt,  „ut  ip.si  fratres  predicto 
degeutes  loco  tauta  religione  dedito  a  nulla  umquam  vim  dominatio- 
nis  patiantur  persona,  sed  neque  ullius  premantur  ordinationis  potestate 
vel  famulatus  absque  voluntate  electi  abbatis,  qui  a  reliqua  promo- 
veatur  eiusdem  coenobii  congregatione  secuudum  sancti  Benedicti  re- 
gulam, quando  dominus  ut  voluerit  predecessorum  discreverit  tempora, 
utque  in  nostro  et  successorum  nostrorum  regum  nianeat  mundiburdio, 
quateuus  illorum  quietudo  nostro  defendatur  imperiali  sceptro." 

Drei  Jahre  später  (943)  war  dem  Kloster  in  einer  besonderen 
Urkunde  das  Recht  der  freien  Abtwahl  neuerdings  von  Otto  ertheilt, 
(DO.  53),  im  Jahre  953  aber  dessen  Unabhängigkeit  unter  Königs- 
schutz wiederum  zugesichert  worden.  Und  wenn  wirklich  diese  Un- 
abhäiigigki'it  des  Klosters  vordem  noch  bedroht  erschien,  so  war  diese 
Gefahr  eben  mit  dieser  Urkunde  (DO.    lt;9    Original)    mindestens   für 


Die  falschen  Karolinger-Urknnclen  für  St.  Maximin  (Trier).  \l 

die  Zeit  Ottos  I.  definitiv  beseitigt,  da  dieser  in  ihr  ausdrücklieli  er- 
klärt, er  habe  diese  Entscheidung  getroffen  über  eine  Klage  des  Erz- 
bischofes  von  Trier  —  und  daher  drohte  ja  St.  Maxirain  allein  eine 
solche  Gefahr  —  veelcher  behauptete,  das  Kloster  sei  seiner  Kirche 
ungerechter  Weise  entfremdet  worden.  In  der  Urkunde  Ottos  IL  aber, 
welche  963,  also  zu  Lebzeiten  seines  Vaters,  des  Kaisers  Otto  L,  aus- 
gestellt wurde,  findet  sich  keine  Bemerkung  über  eine  solche  Bedro- 
hung des  Klosters,  es  werden  einfach  die  Privilegien  seines  Vaters 
bestätigt.  Man  mochte,  wie  anderwärts  so  auch  in  St.  Maximiu  Wert 
darauf  legen,  die  erworbenen  Kechte  von  dem  neuen  (961  erwählt) 
König  gleich  im  Beginne  seiner  Regierung  bestätigen  zu  lassen.  Dass 
aber  in  dem  Diplom  neben  den  Privilegien  seines  Vaters  von  Otto  IL 
auch  solche  von  Dagobert,  Pippin  etc.  erwähnt  werden,  kann  an  sich 
kaum  als  verdächtig  betrachtet  werden.  Denn  wenn  auch,  wie  Bress- 
lau  bemerkt,  in  der  Urkunde  Ottos  I.  von  953  ,,nur  ganz  allgemein" 
die  Rede  ist,  dass  das  Kloster  laut  verlesener  Privilegien  ,,ab  anti- 
quissimis  temporibus"  unabhängig  gewesen  sei,  so  ist  doch  als  fest- 
stehend zu  betrachten,  dass  St.  Maximin  einstens  thatsächlich  solche 
ältere  Privilegien  besass.  In  der  uns  noch  (im  Original)  erhaltenen 
Urkunde  Karls  III.  vom  Jahre  885  werden  in  ganz  bestimmter  Weise 
„statuta  antecessorura  nostrorum"  erwähnt.  Dieser  Erwähnung  darf 
doch  wohl  eine  grössere  Bedeutung  beigemessen  werden,  als  dies  von 
Bresslau  geschehen  ist.  Wir  wissen  nicht  nur,  dass  St.  Maxirain  Pri- 
vilegien älterer  Karolinger  besass  i),  wir  sind  durch  jene  Urkunde 
Karls  IIL  auch  in  den  Stand  gesetzt,  auf  den  Inhalt  jener  ältesten 
Urkunden  einen  bestimmten  Rückschluss  zu  thun.  Karl  habe  in  Er- 
fahrung gebracht,  heisst  es  hier,  „monasterium  beati  Maximini  per 
diversas  distributum  persouas  a  propria  electione  iniuste  et  ultra  sta- 
tuta antecessorura  nostrorum  iurationabiliter  propriis  privilegiis  frus- 
tratum  et  ab  electione  penitus  deiectum  esse."  Daraufhin  habe  der 
Kaiser  das  Kloster  in  seine  Vorrechte  wieder  eingesetzt  und  demselben 
das  Wahlrecht  zugestanden  -).  Und  wenn  nun  in  dem  auf  diesen  ein- 
gangs gegebenen  Bericht  folgenden  dispositiven  Theil  des  Diploms 
bestimmt  wird :  „ut  deinceps  hoc  idem  raonasterium  sub  nostra  defen- 
sione  salvum  subsistat  [nullusque  habeat  potestatem  aliquam  eis  iu- 
rationabilem  inferre  molestiam",  ausserdem  aber  noch  die  Verfügung 
über    die    freie  Wahl    angeschlossen    erscheint,    so    ist    es,    wie    schon 

')  Einer  Schenkung  Dagoberts  wird  auch  in  dem  echten  (orig.)  Diplom 
Ottos  I.  von  9f!6  (DO.  314)  gedacht. 

2)  monasterium  propriis  privilegiis  restituimus  et  electionem  fratribus  .  .  . 
concessimus. 


12  Alfons   Dopsch. 

Sickel  1)  hervorgehoben  hat,  klar,  dass  sich  die  eigenen  Privilegien 
auf  die  Unabhängigkeit  (wahrscheinlich  vom  Erzbischof)  und  auf  das 
Wahlrecht  bezogen  haben  müssen.  Ob  diese  einst  vorhandenen  älteren 
Privilegien  885  noch  existirten,  wird  uns  nicht  gesagt.  Die  Annahme 
Sickels,  der  Hinweis  auf  jene  Diplome  der  Vorfahren  erfolge  „in  Aus- 
drücken, die  wahrscheinlich  machen,  dass  schon  damals  die  älteren 
Urkunden  beseitigt  oder  vernichtet  waren",  ist  lediglich  durch  seine 
Auffassung  des  Wortes  privilegia  begründet.  Doch  scheint  m.  E.  au.s 
dem  Zusammenhang  und  wiederholtem  Gebrauch  dieses  Wortes  eher 
die  Auffassung  desselben  im  weiteren  Sinne,  gleich  Vorrechten, 
geboten.  Aber  auch  sonst  wird  die  gegentheilige  Annahme  mindestens 
ebensoviel  Wahrscheinlichkeit  für  sich  beanspruchen  dürfen,  Avenn 
mtm  bedenkt,  dass  der  Nachweis  jener  Rechte  seitens  des  Klosters 
unter  den  genannten  Umständen  jedenfalls  auf  Grund  beweiskräftiger 
Documente  geführt  werden  musste. 

Konute  früher  festgestellt  werden,  dass  das  Diplom  Ottos  IL  von 
963,  welches  angeblich  auf  Grund  unserer  Fälschungen  abgefasst  wurde, 
seiner  Form  nach  kanzleigemäss  und  durchaus  unverdächtig  sei,  dass 
dasselbe  ferner  an  Rechten  nichts  anderes  enthalte  als  durch  andere 
unzweifelhaft  echte  Diplome  aus  der  unmittelbar  vorhergehenden  Zeit 
bereits  sichergestellt  war,  so  kann  die  in  demselben  vorkommende 
Bezugnahme  auch  auf  Privilegien  Dagoberts,  Pippins  etc.  allein  um 
so  weniger  einen  zureichenden  Grund  bieten,  einen  Verdacht  bezüg- 
lich der  Vorlagen  unseres  Stückes  zu  begründen,  als  sich  nachweisen 
Hess,  dass  das  Kloster  thatsächlich  einstens  ältere  Privilegien  besass, 
welche  unzweifelhaft  dieselben  Rechte  verbrieften. 

Es  liegt  somit  nach  keiner  Richtung  hin  mehr  ein  Grund  vor, 
mit  Bresslau  anzunehmen,  dass  unsere  Fälschungen  vor  dem  Jahre 
963  zu  dem  Zwecke  augefertigt  wurden,  um  daraufhin  die  Bestätigung 
jener  Rechte  von  Otto  II.  in  DOII.  7  zu  erlangen. 

Mehr  Wahrscheinlichkeit  als  die  Bresslau'sche  Hypothese  hätte  es 
von  vornherein  gehabt,  als  terminus  ad  quem  das  Jahr  973  zu  be- 
trachten, da  damals  von  Otto  II.  durch  DOII.  42  nicht  nur  die  Unab- 
hängigkeit des  Klosters  unter  Königsschutz  sowie  das  Wahlrecht 
bestätigt  wurden,  sondern  auch  noch  weitere  Rechte,  und  zwar 
solche  (Gerichts-  und  Abgabenfreiheit),  die  unzweifelhaft  eine  grosse 
Aehnlichkeit  aufweisen  mit  dem,  was  unsere  Fälschungen  sonst  noch 
enthalten.  Es  muss  ja  auffallen,  und  spricht  sicherlich  wenig  für  jene 
Hypothese,  dass  in  dem  Diplom  von  963,  zu  einer  Zeit  also,  da  bereits 

')  Sitz.-Ber.  d.  Wiener  Akademie  49,  320.  Anm. 


Üie  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  J3 

jene  Fälschungen  vorhanden  gewesen  sein  sollen,  ein  Theil  der  in 
diese  aufgenommenen  Vorrechte  keine  Erwähnung  faud.  Eine  ge- 
wisse Erklärung  dafür  lässt  sich  höchstens  mit  der  von  Bresslau,  aller- 
dings zu  anderem  Zwecke  aufgestellten  Yermuthung  gewinnen,  da.ss 
ein  Theil  dieser  Kechte  nicht  sofort,  sondern  erst  später  Anerkennung 
faud.  Otto  II.  hätte  demnach  963,  da  ihm  jene  Fälschungen  angeb- 
lich vorgelegt  wurden,  nur  einzelne  von  den  in  ihnen  entlialteneji 
Kechten  anerkannt,  andere  aber  damals  noch  verweigert.  Weshalb, 
ist  allerdings  dabei  nicht  recht  einzusehen,  da  mau  doch  annehmen 
muss,  dass  Otto  alle  jene  Privilegien  wie  später  so  auch  damals  als 
echt  angesehen  habe. 

Immerhin  verdient  die  frappante  Aehnlichkeit  des  Diploms  von 
973  (DOll.  42)  mit  unseren  Fälschungen,  welche  Bresslau  betont  hat, 
eine  ernstliche  Würdigung,  Bresslau  hebt  3  Stellen  aus  DOIl.  42 
heraus,  welche  so  besonders  schlatjend  wirken. 

Fassen  wir  von  denselbeu  zunächst  die  an  zweiter  und  dritter 
Stelle  erwähnten  analogen  Wendungen  ins  Auge.  Der  Satz  in  DOII. 
42 :  „theloneum  a  navibus  eorum  nuUus  exigat"  soll  auf  das  Spurium 
M,  430  zurückgehen :  „uec  theloneum  usquam  a  navibus  eorum  exigat." 

Diese  Stelle  wird  m.  E.  an  sich  von  vornherein  wenig  Bedeutung 
für  sich  in  Anspruch  nehmen  dürfen,  da  sie  in  ihrer  farblosen  allge- 
meinen Fassung  jeder  charakteristischen  Eigenart  entbehrt.  Zudem 
ist  festgestellt,  dass  solche  Erwähnungen  von  Zollabgaben  in  Immuni- 
tätsurkunden bereits  zur  'Karolingerzeit  vorkommen  i).  Für  die  Prio- 
rität der  betreffenden  Fälschung,  aus  welcher  die  Stelle  eutuommen 
sein  soll,  kann  dieselbe  unter  diesen  Umständen  umsoweniger  etwas  be- 
sagen, als  sich  trotz  ihrer  Kürze  und  allgemeinen  Fassung  überdies  noch 
ein  bedeutsamer  Unterschied  findet.  „Nullus"  in  DOII.  42  steht  „uec 
—  usquam"  im  Spurium  gegenüber.  Diese  in  echten  Urkunden  sonst 
selten  nachweisbare  Formulirung  der  Fälschung  involvirt,  da  ein  „nul- 
lus" bereits  vorausgeht,  genau  genommen  eine  weitere  Ausdehnung 
des  verliehenen  Rechtes  zu  Gunsten  des  Klosters,  indem  auch  die  ört- 
liche Fixirung  desselben  gegeben  erscheint.  Es  müsste  sonach  bei  einer 
Priorität  dieser  Fälschung  eigentlich  Wunder  nehmen,  dass  dem  Kloster 
die  ertheilte  Zollbefreiung  nicht  in  dieser  weiteren,  oder  mindestens 
unzweideutigen  Form  bestätigt  wurde. 

Die  zweite  zum  Beweise  angezogene  Stelle  hat  Bresslau  nicht 
direct  vorgeführt,  sondern  nur  ganz  allgemein  erwähnt,  indem  er  be- 
hauptete „die  in   DOII,   42    gewährte   Freiheit   des  Verkehrs   in  allen 


»)  Vgl.  Sickel  Beitr.  z.  Dipl.  V.  SB.  der  Wiener  Akad.  49,  34 


DOII.  42. 
familiaque  eorum  ...  et  iu  siu- 
gulis  civitatibus  imperialibus  -vel 
pr^fectoriis  liberam  potestatem  ha- 
beant  iutrandi  et  exeuudi  veudendi 
et  emeudi  pasceudi  et  adaquandi 
eique  opera  imperialia  vel  comi- 
tialia  funditus  perdonamus. 


lA  Alfons   Dopsch. 

köuigliclieu  oder  gräflichen  Städten"  gehe  „auf  einen  entsprechenden 
Passus^'  iu  dem  Spurium  M.  730  zurück.  Wie  aber  lauten  die  angeb- 
lich einander  eutsprechenden  Stelleu  ? 

M.  730. 
Mancipia  insuper  seu  predia  vel 
cunctam  monasterii  substautiam 
abbatis  potestati  committimus,  jut 
ad  fratrum  solummodo  couductum, 
ne  sancte  religionis  status  deficiat, 
liberam  veudendi  vel  commutandi 
habeatnostre  auctoritatis  licentiam, 
quatinus  sine  indigentia,  sed  cum 
tranquillitate  et  pace  dominum 
pro  Salute  nostra  iugiter  exoreut. 
Sie  sind,  wie  der  Augenschein  lehrt,  grundsätzlich  verschieden 
und  können  überhaupt  nicht  mit  einander  verglichen  werden,  da  die 
eine  sich  auf  etwas  ganz  anderes  bezieht,  als  die  audere  enthält.  Im 
Spurium  wird  der  gesammte  Besitzstand  des  Klosters,  besonders  die 
mancipia  und  predia,  dem  Abte  unterstellt,  diesem  zu  Gunsten  des 
Klosters  das  freie  Verfüguugsrecht  (Verkauf  und  Tausch)  über  die- 
selben eingeräumt.  Das  echte  Diplom  Ottos  II.  aber  enthält  davon 
gar  nichts,  es  wird  vielmehr  an  der  fraglichen  Stelle  dem  Kloster  und 
dessen  Leuten  Verkehrs treiheit  in  den  königlichen  und  gräflichen 
Städten  zugestaudeu,  das  Recht  des  Verkaufes  und  Kaufes,  der  Weide 
und  (Vieh-)  Tränke.  Es  wird  kurz  gesagt  der  F a m  i  1  i a  des  Klosters 
ein  Vorrecht  und  zwar  ein  solches,  wie  dasselbe  der  königlichen  fami- 
lia  zukam,  ertheilt.  Von  einem  Vorrechte  der  familia  hinwiderum  sagt 
jene  Stelle  des  Spuriums  überhaupt  nichts,  und  speciell  nichts  von  einem 
solchen,  das  sich  auf  die  (königliehen  und  gräflichen)  Städte  bezog. 
Die  beiden  bisher  besprochenen  Stellen  können  somit  weder  für  die 
Priorität  dieser  Fälschungen  etwas  besagen,  noch  auch  zu  dem  Nach- 
weis verwerthet  werden,  dass  die  Spuria  der  echten  Urkunde  Ottos  II. 
DOII.  42  zur  Vorlage  dienten.  Sie  sind  vielmehr,  wie  schon  Sickel 
vermerkt  hat'),  aus  jener  Urkunde  Ottos  I.  von  970  entnommen,  über 
welche  ein  bestimmtes  Urtheil  hinsichtlich  ihrer  Geltung  mcht  sicher 
ist,  da  die  äusseren  Formen  der  urkundlichen  Beglaubigung  Mängel 
aufweisen  (Fehleu  der  Besiegelung). 

Wichtiger  als  diese  beiden  ist  die  dritte  der  Analogiestellen,  welche 
Bresslau  zur  Begründung  seiner  Ansicht  vorgebracht  hat. 


')  in  MG.  DO.  391. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  Si  Maximin  (Trier).  15 

Es  soll  der  Passus  vou  DOII.  42:  et  nt  uuUa  cuiuslibet  iudi- 
ciariae  dignitatis  persona  in  curtibus  eorum  plaeita  habere  praesumat 
.  .  .  familiaque  illorum  banuuin  et  fredas  uulli  nisi  abbati  persolvat" 
direct  auf  M.  1283  (Lothar) :  „nulli  etiam  comitatui  bauuum  et  fredas 
exsolvet,  nee  aliquis  iu  locis  eiusdeni  sancti  Maximijii  placitum  habere 
presumaf'  zurückgehen. 

Um  einen  genauen  uud  vollen  Vergleich  zu  ermöglichen,  müssen 
wir  doch  die  entsprechenden  Stellen  ganz  hier  anführen.    Ebeu  damit 
verliert  die  vorhandene  Aehnlichkeit  schon  sehr  an  Wirknno-. 
I^ÖII.  42:  I  Spurium  M.  1283) 


abbaziam  sancti  Maximiui  .  .  . 
nulli  eciam  comitatui  baunum  ac 
fredas  exsolvat  nee  aliquis  in  locis 
eiiisdem  sancti  Maximini  sine  nostro 
iussu  placitum  habere  presumat. 


et  ut  nulla  cuiuslibet  iuditiariae 
dignitatis  persona  in  curtibus  eo- 
rum placitum  habere  presumat, 
theloneum  a  navibus  eorum  uullus 
exigat  familiaque  eorum  baunum 
et  fredas  nulli  nisi  abbati  persolvat, 
nuUiusque  nisi  abbatis  vel  ab  eo 
constitutorum  placitum  attendat 

Hinzuzufügen  ist  noch,  dass  in  der  echten  Urkuude  DOII.  42 
jener  Steile  eine  Bestimmung  unmittelbar  voraugeht,  welche  dem  Abt 
und  den  Conventualen  das  Recht  verleiht,  die  Vogtei  über  das 
Kloster  zu  verleihen  oder  zu  entziehen.  In  diesem  Zusammenhano- 
gewinnt  die  einschränkende  Klausel  am  Schlüsse  der  fraglichen  Stelle 
„vel  ab  eo  constitutorum"  ihre  specifische  Bedeutung,  es  ist  klar,  dass 
sie  sich  auf  den  jeweiligen,  vom  Abt  bestellten  Vogt  des  Klosters  be- 
ziehe. So  wird  das  Mass  der  Analogie  der  beiden  Stellen  in  ein  deut- 
liches Licht  gerückt  und  sofort  der  bedeutsame  Unterschied  klar,  der 
thatsächlich  besteht.  Nach  dem  Wortlaut  des  echten  Diploms  wird 
zu  Gunsten  des  Klosters  einerseits  die  Ausübung  jeder  ordnungsmässigen 
Gerichtsbarkeit  auf  den  ,,curtes"  desselben  untersagt,  anderseits  aber 
nur  die  familia  des  Klosters  bevorrechtet,  niemandem  ausser  dem  Abt 
Gerichtsabgaben  (Bann-  und  Friedensgelder)  zu  leisten  und  zugleich 
die  Bestimmung  aufrecht  erhalten,  dass  dieselbe  der  Gerichtsbarkeit 
des  Abtes  und  der  von  ihm  bestellten  Vögte  unterstehen  solle. 

Ganz  anders  die  Bestimmungen  des  Spuriums.  Die  Abtei  — 
ein,  nebenbei  gesagt,  an  sich  ungewöhnlicher  Ausdruck  —  soll  ganz 
allgemein  befreit  sein  Gerichtsabgaben  an  die  Grafschaft  zu  leisten 
und  jedwede  Gerichtsbarkeit  auf  dem  Klosterbesitz  schlechterdings  aus- 
geschlossen sein  ohne  Geheiss  des  Königs. 

Es  ist  klar,  welche  von  diesen  beiden  Rechtsverleihungen  ihrem 
Umfang  nach  als  die  weitere,   welche   vom  Standpunkte  des  Klosters 


■^Q  Alfons   Dopsch. 

als  die  günstigere  anzusehen  ist.  Und  während  so  die  Diction  im 
allsemeinen  sehr  verschieden  ist,  erscheint  die  Uebereinstimmung  der 
beiden  Stücke  im  einzelnen,  ihrem  Wortlaut  nach,  bei  einem  Vergleich 
der  in  Betracht  kommenden  Stellen  im  ganzen  auf  sehr  wenige  Worte 
beschränkt.  Nur  die  Ausdrücke  „nuUi  .  .  .  bannum  ac  fredas  exsol- 
vat"  und  „placitum  habere  presumat"  sind  thatsächlich  gleich.  Gerade 
diese  aber  sind  gänzlich  unverdächtig,  weil  keineswegs  ungewöhnlich. 
Die  Worte  bannus  ac  freda  finden  sich  schon  in  der  Karolingerzeit 
gerade  in  Immunitätsurkunden  nicht  selten  i).  Aus  den  Karolinger- 
Diplomen  werden  sie  dann  (z.  B.  bei  Bestätigungen)  auch  in  die  Urkunden 
der  Ottonen  übernommen  2).  Aehnlich  verhält  es  sich  auch  mit  dem 
Ausdruck  „placitum  habere"  '^).  Während  dieselben  aber  bislang 
entsprechend  dem  in  der  Karolingerzeit  üblichen  Formular  der  Immuni- 
tätsurkunden bei  der  Aufzählung  jener  Rechte  angeführt  werden,  deren 
Ausübung  durch  die  ordentliche  Gerichtsbarkeit  zu  Gunsten  des  bevor- 
rechteten Klosters  sistirt  erscheint,  formell  also  ein  Rechtsverbot  an 
die  öflentlichen  Beamten  im  Sinne  einer  Einschränkung  ihrer  amt- 
lichen Wirksamkeit^),  bildet  sich  in  den  Urkunden  der  Ottonenzeit 
neben  diesem  noch  ein  anderes  Formular  aus. 

Die  Bestimmung  über  die  auf  den  gefreiten  Gütern  des  Immuni- 
tätsherrn sesshaften  Leute,  welche  früher  gleichfalls  in  der  Form  des 
Verbotes  dem  einheitlichen  Exemtions-Formular  augegliedert  war,  er- 
langt vielfach  eine  selbständige  Fassung  und  wird  zugleich  in  die 
positive  Form  eines  Vorrechtes  umgewandelt.  Diese  Erscheinung  geht 
Hand  in  Hand  mit  der  Erwähnung  des  Vogtes  als  Immuuitäts-Ge- 
richtsorgans  im  Sinne  eines  ausschliesslichen  Gerichtsstandes  für  die 
Familia,  die  nunmehr  in  den  Diplomen  der  Ottonenzeit  ständig  wird. 
Es  ist  ein  charakteristisches  Zeichen  für  die  Ausbildung  der  immuni- 
tätsherrlichen Gerichtsbarkeit  —  auf  sie  bezieht  sich  ja  die  Wirksam- 
keit der  Vögte  nach  der  einen  Seite  hin  —  welche  in  diesen  Neue- 
rungen ihren  Ausdruck  findet. 

Nicht  wie  früher  wird  in  diesen  Urkunden  den  öfi'entlichen 
Beamten  schlechthin  untersagt  (neben  andern),  gegen  die  Leute 
des  Immunitätsbezirkes  eine  amtliche  Zwangsgewalt  geltend  zu 
machen  (homines  ecclesie  .  .  .  iniuste  distriugendos)  oder  von  denselben 

»)  Vgl.^M.  133  (Karl  d.  Gr.  769  f.  St.  ßertin),  M.  799  (Ludwig  d.  Fr.  826  f. 
Prüm),  M.  1410  (or.  Ludwig«  d.  D.  863  f.  St.  Felix  u.  Regula),  M.  1541 
(or.  Karls  lü.  878  f.  Reichenau).  Vgl.  auch  Sickel,  Beitr.  z.  Dipl.  V.  Sitz.-Ber. 
der  Wiener  Akad.  49,  356  fi".  '')  z.  B.  DO.   146. 

3)  Vgl.  M.  1215;  1587  bis  1590  und  16i)9.  DO.  277  u.  DOII.  210,  vgl.  auch 
DO.  245.  341.  372  u.  DOIL  94;   144. 

^)  Vgl.  Brunner  RG.  2,  293  ä'. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  ]^7 

öffentliche  Leistungen  zu  erheben  (uec  ullas  redibitiones  .  .  .  requiren- 
das)  1),  diese  Leute  werden  jetzt  vielmehr  bevorrechtet,  vor  niemand 
ausser  dem  Vogte  Eecht  zu  geben,  er  sollte  der  ausschliessliche  Ge- 
richtsstand sein,  vor  dem  die  Angelegenheiten  derselben  entschieden 
werden  sollten.  Sehr  deutlich  tritt  dieser  Uebergang  von  dem  alten 
zum  neuen  Formular  in  einer  Urkunde  Ottos  L  für  Neuenheerse  ent- 
gegen 2).  Hier  wird  der  alten,  aus  der  Vorurkunde  übernommenen  Im- 
munitätsformel die  Bestimmung  angeschlossen:  „Hominibus  quoque 
eiusdem  monasterii  predictum  mundeburdum  et  tuitionem  constitui- 
mus,  ut  etiam  coram  nulla  iudiciaria  potestate  examinentur,  nisi  coram 
advocato.  Zugleich  aber  wird  dieser  nunmehr  selbständigen  Bestim- 
mung manchmal  jene  weitere  angeschlossen,  dass  diese  Hintersassen 
niemand  ausser  dem  Immunitätsherren  Leistungen  schulden  sollten. 
„üt  familiae  eorum  coram  nullo  nisi  advocato  eorum  iustitiam  secu- 
larem  cogantur  agere  et  null!  nisi  eidem  congregationi  serviant"  be- 
sagt eine  Immunität  Ottos  I.  für  Magdeburg  (DO.  14)  ^). 

Eine  den  fraglichen  Wendungen  des  Diploms  für  St.  Maximin 
ganz  analoge  Stelle  bietet  DO.  86  (für  Trier) :  ut  abliinc  uullus  iudex 
publicus  vel  quislibet  ex  iudiciaria  potestate  comes  ingredi  habeat  pote- 
statem  causa  legalis  iusticie  vel  causa  adunandi  placiti  in  villis  et  in 
locis  eiusdem  T.  ecclesie  .  .  ,  neque  familia  ipsius  ecclesie  .  .  .  aut 
tributa  vel  freda  exsolvat  .  .  .  sed  sufificiat  comiti,  ut  advocatus  s.  T. 
ecclesie  .  .  .  iusticiam  de  familia  reddat." 

Dabei  ist  im  allgemeinen  zu  bemerken,  dass  neben  dem  Ausdruck 
,homines'  besonders  die  Bezeichnung  ,familia'  verwendet  wird. 

Indem  sieh  also  sowohl  die  einzelnen  Ausdrücke  von  DOII.  42  als 
unverdächtig  erweisen,  wie  anderseits  unzweifelhaft  echte  Diplome  auf- 
zeigen Hessen,  deren  Bestimmungen  sachlich  dasselbe  besagen  wie  dieses, 
ist  ein  Grund  nicht  einzusehen  für  die  Annahme  Bresslau's,  dass  jene 
Verfügung  auf  unsere  Fälschungen  hin  getroffen  worden  sein  müsse. 
Bei  näherem  Zusehen  stimmt  vielmehr  die  Diction  von  DOII.  42  weit 
besser  zu  dem  sonst  bekannten  echten  Formular  der  Ottonenzeit  als 
zu  jenen  Fälschungen.  Es  darf  in  dieser  Beziehung  nicht  nur  auf 
das,  wie  gesagt,  formelmässige  ,familia'  gegenüber  dem  allge- 
meinen und  an  dieser  Stelle  sonst  kaum  üblichen  ,abbazia'  des  Spu- 
riums  hingewiesen  werden,  es  stimmt  anderseits  das  in  dem  Spurium 
auftretende  ,comitatui'  nicht  zu  dem  gebräuchlichen  Formular  echter 
Diplome,  es  schliesst  sich  endlich  DOII.  42  insbesonders  durch  die  in 

')  Formulae  imperiales  ed.  Zeumer  MG.  Form.  307. 

2)  DO.  36.   Vgl.  ausserdem  DO.  89.  227.  252.  DOII.  IG.  29.  (11.  75.  95. 

3)  Aehnlicli  DO.  15.  16.     Vgl.  auch  DO.  294. 

Mittheilungen  XVII.  ^ 


j[g  A 1  f  0 11  s   D  0  p  s  c  h. 

dem  Spurium  gänzlich  fehlende  Schlussclausel :  ,,nulliusque  nisi  abbatis 
vel  ab  eo  constitutorum  placitum  attendat"  sehr  wohl  an  die 
früher  charakterisirte  allgemeine  Eatwickeluug  au,  indem  dieselbe,  wie 
eezeicrt  wurde,  neben  dem  Abt  die  von  ihm  bestellten  Vöote  als  Ge- 
richtsstand  der  familia  bestehen  lässt. 

Und  gerade  mit  diesem  bedeutsamen  Unterschiede  haben  wir  auch 
zugleich  den  Schlüssel  gefunden  für  die  richtige  AuflFassung  der  im 
Jahre  070  Kaiser  Otto  I.  vorgetragenen  Bitten,  welche  angeblich  mit 
unseren  Fälschungen  in  näherem  Zusammenhang  stehen  sollen.  Bress- 
lau  hat  ja  angenommen,  dass  eine  derselben,  welche  unter  Otto  L, 
wie  der  Befund  von  DO.  391  darthut,  nicht  erfüllt,  sondern  erst  von 
Otto  II.  (eben  durch  DO.  II,  42)  realisirt  wurde,  die  Verbriefung  ge- 
wisser Rechte  und  Freiheiten  betroffen  habe,  „für  die  man  sich,  zum 
Theil  wenigstens  auf  unsere  gefälschten  Karolingerdiplome  stützen 
konnte".  , Sicherlich  haben",  meint  er  ,,die  während  dieses  langen 
Kampfes  von  den  Mönchen  fabricirten  falschen  Urkunden  denselben 
die  endliche  Erringung  des  Sieges  auf  das    wesentlichste   erleichtert". 

Thatsächlich  erscheint  in  DOII.  42  jene  970  nicht  vollzogene 
Urkunde  Ottos  I.  (DO.  391),  wie  schon  Sickel  bemerkt  hat,  als 
Vorlage  benützt,  thatsächlich  werden  die  dort  angestrebten  Rechte  hier 
nun  endgiltig  bestätigt. 

Allein  gerade  das,  worin  beide  Urkunden  übereinstimmen,  gerade 
das,  was  man  dort  erstrebte  und  hier  erreichte,  ist  eben  etwas  ganz 
andei'es,  als  unsere  Fälschungen  enthalten. 

Wie  die  im  Eingänge  von  DO.  391  uns  entgegentretende  Nar- 
ratio  berichtet,  bezog  sich  die  damals  vorgetragene  Bitte  vornehmlich 
auf  die  Vogtei  i).  Um  den  Unbilden  zu  steuern,  welche  die  familia 
des  Klosters  von  den  Vögten  zu  erdulden  hatte,  erstrebte  der  Abt 
damals  das  Recht,  die  Vogtei  beliebig  verleihen  und  entziehen  zu 
dürfen  (ut  idem  abbas  eiusque  successores  advocatias  habeant  quibus 
velint  dandi  quibusque  velint  tollendi  potestatem).  Der  familia  sollte 
ferner  das  Vorrecht  zu  theil  werden,  niemandes  Gericht  zu  folgen 
ausser  jenem  des  Abtes  und  der  von  ihm  bestellten  Vögte  (nee  epis- 
coporum  aut  ducum  comitumve  aut  alicuius  iudiciari^  potestatis  pla- 
citum adtendant,  nisi  solius  abbatis  et  advocatorum  quos  ipse  elegerit 
et  constituerit). 

Eben  diese  Stellen  wurden  dann  in  DOII.  42  wörtlich  aufge- 
nommen, es  waren  also    dies   die  Rechte   und  Freiheiten,  welche  man 


')  Notum  esse  volumus,  qualiter  venerabilis  abbas  .  .  .  nostram  .  .  .  adiit 
excellentiam  conquerens  ob  advocatorum  incuriam  se  suamque  familiam  per- 
multa  pati  incommoda. 


Die  falschen  Karolinger- Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  19 

970  nicht  erlangte,  die  erst  973  zuerkannt  wurden.  Gerade  von  der 
Vogtei  aber  (dem  Ein-  und  Absetzungsrecht  der  Vögte,  der  Bestellung 
derselben  als  ausschliesslichen  Gerichtsstand  für  die  familia  des  Klo- 
sters) sagen  unsere  Fälschungen  gar  nichts,  es  ist  —  und  das  haben 
wir  früher  als  auffallenden  Unterschied  gegenüber  DOII.  42  hervor- 
gehoben —  in  keiner  von  ihnen  allen  auch  nur  eine  Audeutuna;  dar- 
über  enthalten. 

Ist  somit  dargetlian,  dass  sie  zu  der  wesentlichsten  Frage,  um 
welche  es  sich  damals  (970—73)  dem  Kloster  handelte,  keine  Bezie- 
hung aufweisen,  so  können  sie  auch  unmöglich  damals  zu  dem  Zwecke 
angefertigt  worden  sein,  um  auf  sie  hin  oder  wenigstens  unter  ihrer 
Mithilfe  jene  Kechte,  die  dann  973  wirklich  ertheilt  wurden,  zu  er- 
ringen. 

Es  ist  aber  auch  klar,  dass  sie  zu  einer  Zeit  fabricirt  wurden, 
wo  nicht  diese,  sondern  eine  andere  Frage  im  Vordergrunde  des  von 
dem  Kloster  vertretenen  Interesses  stand. 

Was  ist  aber  anderseits  das  Gemeinsame  in  all'  diesen  Fälschungen, 
worauf  scheint  in  ihnen  vor  allem  Werth  gelegt?  —  Deutlich  springt 
die  Tendenz  derselben  in  die  Augen,  wenn  wir  die  einzelnen  Stücke 
ihrem  Inhalte  nach  vergleichen.  Zunächst  also  die  vier  noch  in  den 
Urschriften  erhaltenen  Urkunden.  Gemeinsam  allen  und  im  Mittel- 
punkte der  einzelnen  Bestimmungen  stehend,  findet  sich  die  Verfügung, 
dass  das  Kloster  unabhängig  und  von  jedweder  äusseren  Ingerenz 
frei  unter  Königsschutz  stehen  solle  i).  Daneben  wird  die  freie  Wahl 
des  Abtes  besonders  betont.  ^)  Die  übrigen  Kechte,  welche  ausserdem 
noch  verliehen  werden,  schliessen  sich  in  gewissem  Sinne  jenem  zuerst 
erwähnten  Kernpunkte,  der  Unabhängigkeit,  an.  Es  ist  die  Immu- 
nität (M.  729),  aus  deren  Inhalt  noch  besonders  und  wiederholt  das 
Verbot,  eine  Gerichtsbarkeit  auf  dem  Klosterbesitz  auszuüben  (M.  430 
und  1283),  sowie  Abgaben  zu  erheben  (M.  430  und  1283),  hervorge- 
hoben erscheint.  Zollfreiheit  wird  durch  zwei  dieser  Urkunden  ver- 
liehen (M.  430,  1283).  Mit  dem  specifischen  Charakter  dieser  vier 
Stücke  stimmen  vollkommen  auch  jene  zwei  weiteren  Fälschungen 
überein,  die  uns  nicht  mehr  in  der  Urschrift  erhalten  sind,  die  Ur- 
kunde Dagoberts-^)  und  ein  zweites  auf  den  Namen  Ludwigs  des 
Frommen  gefälschtes  Stück  (M.  730).  Auch  in  ihnen  tritt  in  gleicher 
Weise  die  Unabhängigkeit  des  Klosters  unter  Königsschutz  als  Haupt- 
sache hervor,  es  wird  ausserdem  in  ersterer  neben  einer  Besitzbestä- 
')  So  ausdrücklich  M.  98,  430,  1283  dazu  im  allgemeinen  729  als  Immunitilt. 
2)  M.  98,  430. 
8)  Beyer,  Mittelrhein.  U15.  1,  1  n"  3. 


20  Alfo  n  s  Do  psch. 

tigung  jedweder  gewaltsame  Eingriff  in  das  Kloster  verboten,  in  letz- 
terem aber  die  freie  Abtswahl  und  dazu  die  Unterordnung  des  gesammten 
Klosterbesitzes  unter  den  Al)t  mit  freiem  Verfügungsrecht  über  den- 
selben zugestanden.  Wir  dürfen  mit  ziemlicher  Sicherheit  annehmen, 
dass  auch  diese  beiden  Spuria  auf  denselben  Fälscher  zurückgehen,  wie 
jene  vier  anderen,  mindestens-  aber  zu  derselben  Zeit  und  aus  dem- 
selben Anlasse  entstanden  sind.  Eine  Keihe  also  von  6  Fälschungen, 
deren  gleichartiger  Inhalt  eine  gemeinsame  Tendenz  verräth.  Diese 
selbst,  gewissermasseu  als  Programm  für  die  ganze  Gruppe,  ist  klar 
gezeichnet  im  Eingang  der  angeblich  ältesten  Urkunde,  dem  Spurium 
Dagobert's:  „Ego  Dagobertus  rex  poteutissimus,"  heisst  es  da,  „con- 
venienti  concilio  episcoporum  meorum  comitumque  legatos  de  mea 
parte  ad  abbatem  Memilianum  direxi  mandans  ei,  ut  diligenter  in- 
quireret  raichique  per  se  ipsum  iudicaret,  quibus  auctoribus  illud  mo- 
nasterium  sancti  Maximini  constructum  velcuius  imperio  ;ipri- 
stinis  temporibus  esset  subiectum." 

Die  staatsrechtliche  Stellung  des  Klosters,  sein  Verhältnis  zur 
Staats-  und  Diöcesangewalt,  das  ist  die  Frage,  auf  welche  das  Interesse 
dieser  Fälschungen  deutlich  sich  concentrirt. 

Sie  aber  sind  offenbar  entstanden,  da  jene  Frage  acut  wurde,  da 
St.  Maximiu  um  diese  seine  Stellung,  um  seine  Unabhängigkeit  mit 
einer  dieselbe  bedrohenden  Macht  zu  kämpfen  hatte. 

Zur  Zeit  Ottos  I.  und  Ottos  II.  war  dies,  wie  früher  ausgeführt 
wurde,  nicht  der  Fall.  Damals  war  die  Unabhängigkeit  des  Klosters 
auch  durch  andere  Diplome,  als  die  in  Frage  stehenden  DO.  169, 
DOII.  7  und  DOII.  42  gewährleistet,  unangetastet. 

Wenn  wir  aber  nun  die  echten  Königsurkunden  der  späteren 
Zeiten,  welche  sich  auf  jene  Frage  beziehen,  untersuchen,  so  finden 
wir,  dass  diese  Unabhängigkeit  St.  Maximins,  wie  sie  in  DOII.  7  und 
DOII.  42  ihren  Ausdruck  fand,  auch  m  der  Folge  gewahrt  blieb,  so 
zwar,  dass  eine  Keihe  von  Diplomen  der  späteren  Herrscher  direct 
auf  sie  als  Vorurkunden  zurückgeht,  wesentlich  die  gleichen  Bestim- 
mungen wiedergibt  und  bestätigt.  So  Otto  III.  in  DOIII.  62  (990), 
Heinrich  II.    (1005)  i),    Heinrich  IV.    (1065)  ^0,    Heinrich  V.  (1116)^). 

Bis  ins  12.  Jahrhundert  also  war  diese  selbständige  Stellung  des 
Klosters  vom  Königthum  ununterbrochen  anerkannt  und  wiederholt 
verbrieft  worden.     Eben  damals  aber  trat  ein  vollkommener  Umschlag 


»)  Beyer  1,  334. 
2)  Ebd.  1,  416. 
8)  Ebd.  1,  495. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  21 

ein.  Wir  wissen,  dass  im  Jahre  1139  diese  Unabhängigkeit  St.  Maxi- 
mins  nicht  mehr  zu  Hecht  bestand,  indem  dasselbe  damals  definitiv 
von  König  Konrad  III.  —  das  Diplom  ist  noch  im  Original  erhalten i) 
—  dem  Erzbisthnm  Trier  untergeordnet  wurde.  Dieser  definitiven 
Entscheidung  aber,  welche  damals  vom  Könige  getroffen  wurde,  gieng, 
wie  wir  aus  diesem  Diplom  erfahren,  ein  längerer  Streit  zwischen 
St.  Maximin  und  Trier  voraus,  in  dem  das  Erzstift  Besitzrechte  an 
das  Kloster  geltend  machte. 

Schon  seit  langer  Zeit  hätten,  wird  uns  berichtet,  die  Erzbischöfe 
von  Trier  unaufhörlich  bei  den  früheren  Königen  Ansprüche  auf  St. 
Maximin  erhoben,  das,  dem  Bisthum  zugehörig,  widerrechtlich  diesem 
entzogen  worden  sei.  In  ein  neues  Stadium  aber  sei  dieser  Streit  mit 
verschärfter  Eindringlichkeit  getreten,  da  bei  Heinrich  V.  der  Erz- 
bischof Bruno,  bei  seinem  Nachfolger  Lothar  III.  Albero  von  Trier 
die  Frage  anhängig  machten.  ,,Ad  postremum  cum  privilegia  sua  pre- 
dictus  archiepiscopus  Albero  prenominato  imperatori  Lothario,  qu^  de 
suprascript(^  abbatit^  s.  Maximini  possessione  habebat,  crebrius  obtulisset 
et  eidem  imperatori  pro  hoc  maxime  consequeudo  beneficio  in  expeditione 
Apuli^  cum  magno  et  periculo  et  sumptu  fideliter  deservisset,  tempus 
agend^  sibi  iustici(j  iuterventu  principum  obtinuit.  Sed  Imperator  morte 
preventus  causam  iam  quidem  ceptara,  sed  minime  consummatam  reli- 
quit."  Nach  dem  Regierungsantritte  Konrads  III.  aber  habe  Albero 
jene  Klage  von  neuem  „magnis  et  assiduis  allegationibus"  iu  Anwesen- 
heit der  Fürsten  vorgebracht  „preferens  utique  antiqua  privi- 
legia possessionem  abbati^  s.  Maximini  suo  episcopio 
iure  confirmantia'.  Auf  jene  Privilegien  hin  —  je  ein  Diplom 
Dagoberts  und  Karl  des  Grossen  werden  genannt  —  und  die  Ver- 
sicherung, das  Kloster  sei  früher  dem  Stifte  widerrechtlich  entzogen 
worden,  sowie  auf  Bitten  des  Papstes  Innocenz  II.  habe  der  König 
(Kourad  III.)  dieses  eudgiltige  Urtheil  gefällt. 

Diese  Entscheidung  Konrads  III.  von  1139  muss  unzweifelhaft 
als  spätester  terminus  ad  quem  für  die  Entstehung  unserer  Fälschungen 
betrachtet  werden,  da  durch  dieselbe  jene  Rechtsfrage  definitiv  er- 
ledigt wurde,  auf  welche  sich  diese  ausschliesslich  beziehen.  Damals 
aber,  im  12.  Jahrhundert  also,  war  thatsächlich  die  Unabhängigkeit 
St.  Maximin's  ernstlich  bedroht,  es  galt  eben  jene  Rechte  zu  ver- 
theidigen,  welche  angeblich  durch  diese  (falschen)  Urkunden  ver- 
brieft wurden.  Damals  sind  dieselben  auch  offenbar  entstanden, 
da  ihre  specifische  Tendenz  für  diese  Zeit  eine  eminente  praktische 
Bedeutung    erlangt.     Und    sehen    wir   genauer    zu,    so    werden    wir 

1)  Beyer  1,  565. 


22  Alfons  Dopsch. 

aus  dem,  was  wir  über  jenen  Streit  im  einzelnen  erfahren,  einen 
noch  näheren  Schluss  auf  die  Entstehungszeit  dieser  Spuria  thun 
können.  Jene  älteren  Trierer  Urkunden,  durch  welche  die  Besitzan- 
sprüche des  Erzhisthums  an  St.  Maximin  begründet  wurden,  sind 
gleichfalls  Fälschungen,  Es  ist  aber  nach  den  verschiedenen  Andeu- 
tungen, welche  über  jenen  Streit  vorliegen  i),  höchst  wahrscheinlich, 
dass  dieselben  von  Seite  des  Erzbisthums  Trier  erst  unter  Albero  pro- 
ducirt  wurden,  da  ihrer  in  dem  Berichte  der  Urkunden  Konrads  III. 
erst  in  diesem  Zusammenhange  ausdrücklich  Erwähnung  geschieht  im 
Gegensatze  zu  der  ganz  allgemein  gehaltenen  Erzählung  über  die  An- 
sprüche, welche  früher,  und  auch  von  Erzbischof  Bruno  noch 
geltend  gemacht  wurden.  Prümers  ^)  hat  m.  E.  daraus  mit  Recht  ge- 
schlossen, dass  dieselben  erst  unter  Albero  angefertigt  wurden,  dieser 
selbst  aber  vermuthlich  deren  Urheber  gewesen  sei. 

Diese  Spuria  sind  nun  auf  die  Namen  Dagoberts,  Pippins  und 
Karls  des  Grossen  gefälscht  aus  dem  sehr  naheliegenden  Grunde,  um 
jene  Ansprüche  Triers  möglichst  alt  erseheinen  zu  lassen  und  insbe- 
sonders  jene  Behauptung  erweisen  zu  können,  dass  das  Kloster  später 
widerrechtlich  dem  Erzbisthum  entzogen  worden  sei.  Man  hatte  sich 
ja  von  Seiten  Triers  mit  der  späteren,  thatsächlicheu  Rechtsentwicklung 
abzufinden,  der  zu  Folge  St.  Maximin  mindestens  seit  den  Zeiten  Hein- 
richs I.  unabhängig  unter  Königschutz  gestanden  hatte  ^).  Diese  selb- 
ständige Stellung  des  Klosters  w;ir  von  da  ab  durch  eine  Eeihe 
unzweifelhaft  echter  Diplome  anerkannt  und  gesichert  worden,  man 
konnte  sich  in  St.  Maximin  sogar  auf  eine  noch  heute  erhaltene,  echte 
Urkunde  Karls  III.  von  885  (M.  1671)  berufen,  welche  ein  Gleiches 
besagte.  Den  Nachweis  aber,  dass  diese  durch  eine  geschlossene  Reihe 
von  Diplomen  bezeugte  Entwickelung  dem  ursprünglichen  Rechtsver- 
hältnis zuwiderlaufe,  nur  durch  ,, Gewaltmassregeln  oder  Nachlässig- 
keit" der  späteren  Herrscher  hervorgerufen  worden  sei^),  war  eben 
nur  mit  solchen  Urkunden  zu  erbringen. 


')  Zu  vergleichen  ist  dazu  auch  uocli  das  jener  Urkunde  entsprechende 
Mandat  Konrads  III.  an  Ö.  Maximin,  Trier  Gehorsam  zu  leisten  (Beyer  1,  567), 
sowie  ein  Diplom  Friedrichs  I.  von  1157  (Bej'er  1,  655),  durch  welches  das  Ur- 
theil  Koni-ads  III.  zu  Gunsten  des  Erzbistums  bestätigt  wird. 

'^)  Albero  von  Montreuil,  Erzbischof  von  Trier.  Diss.  Göttingen  1874  Beil.  II. 

s)  Aus  dem  früher  besprochenen  Diplom  Ottos  1.  vom  Jahre  940  (DO.  31) 
geht  hervor,  dass  schon  von  Heinrich  I.  die  damals  bestrittene  Unabhängigkeit 
des  Klosters  anerkannt  wurde.     Die  Urkunde  selbst  ist  nicht  mehr  erhalten. 

••)  So  suchte  man  von  Seite  des  Erzbistums  die  Sache  anscheinend  darzu- 
stellen, da  Konrad  111.  in  seinem  Mandat  an  S.  Maximin  von  Albero  sagt,  »nobis 
in  presentia  principum  querimoniam   suam    repetivit   quod    abbatia  S.  Maximini 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  23 

Anderseits  musste  man  in  St.  Maxiuiin  erkennen,  dass  man  dem 
Vorgehen  Alberos  nur  dann  mit  Aussicht  auf  Erfolg  begegnen,  nur 
dann  gegenüber  dem  von  ihm  geführten  Beweisverfahren  die  eigene 
Unabhängigkeit  behaupten  könne,  wenn  man  dafür  gleichfalls  Diplome 
aus  der  ältesten  Zeit  vorlegen  konnte.  Da  man  solche  in  dem  Kloster 
damals  offenbar  aber  niclit  mehr  besass,  so  griff  man  zu  demselben 
Mittel,  dessen  sich  auch  Albero  bediente,  man  Hess  Fälschungen  an- 
fertigen, und  dazu  konnte  man  sich  in  St.  Maximin  umso  leichter 
bewogen  fühlen,  als  das  Kloster,  wie  früher  nachgewiesen  wurde, 
einstens  thatsächlich  solche  ältere  Diplome  besass.  Die  Namen  der 
Herrscher  aber,  welche  dem  Kloster  zuerst  jene  nunmehr  bedrohten 
Rechte  ertheilt  hatten,  gaben  die  Diplome  Ottos  II.  von  963  (DOII.  7) 
und  973  (DOII.  42),  respective  das  Ottos  I.  von  965  (DO.  280)  an  die 
Hand.  So  wurden  unsere  Fälschungen  unternommen  und  auf  die  in 
jenen  Diplomen  enthaltenen  Namen  ausgefertigt.  So  erklärt  sich  auch 
der  umstand,  dass  man  gerade  diese  Diplome  dabei  als  Vorlage  be- 
nützte, nach  ihnen  Wortlaut  und  Inhalt  der  Spuria  formte  i). 

Unter  Albero  von  Trier,  das  wissen  wir,  kamen  jene  angeblich 
älteren  Köuigsurkunden  für  Trier  zuerst  zum  Vorschein,  er  legte  sie 
Lothar  111.  auf  seinem  Zuge  in  Apulien  (1137)  vor,  um  daraufhin  die 
Unterordung  St.  Maximins  unter  seine  und  des  Erzbisthums  Herrschaft 
zu  erreichen.  Um  diesen  Bestrebungen  zu  begegnen,  hat  mau  in  dem 
Kloster  unsere  Fälschungen  angefertigt,  sie  sind  augenscheinlich  zu 
derselben  Zeit  entstanden.  In  die  Jahre  1132  (dem  Regierungsautritt 
Alberos)  bis  1137  also  sind  dieselben  voraussichtlich  anzusetzen,  sie 
sind  jedenfalls  vor  1139  entstanden,  wie  das  Diplom  Konrads  III. 
darthut.  Das  aber  ist  genau  dieselbe  Zeit,  auf  welche  wir  durch  die 
Kritik  der  äusseren  Merkmale  jeuer  vier  noch  in  den  Urschriften  er- 
haltenen Spuria  gewiesen  wurden.  Eigenthümlichkeiten,  die  erst  in 
der  Zeit  Lothars  III.  auftreten,  konnten  dort  beobachtet  werden. 

Dieselbe  Ursache  also  hat  damals  zur  Zeit  Lothars  III.  nach 
zwei  Seiten  hin  zu  Urkundenfälschungen  Veranlassung  gegeben.  Der 
Streit  über  die  staatsrechtliche  Stellung  des  Klosters  S.  Maximia  bietet 
das   interessante    Schauspiel    eines    Kampfes,    bei  welchem    nicht    nur, 

.  .  .  episcopio  suo  iure  proprietatis  pertinuerit,  sed  iam  dudum  eadem  possessione 
sive  violentia  sive  negligentia  principum  diu  caruerit.     Beyer  1,  567. 

')  Dass  man  bei  dieser  Auifassung  über  die  Entstehungszeit  dieser  Spuria 
nicht  mehr  auf  das  Diplom  Ottos  1.  von  953  (DO.  169)  als  Vorlage  zurückzugehen 
braucht,  ist  kaum  nöthig  hervorzuheben.  Man  konnte  die  Stellen,  welche  nach 
Bresslau  au-s  jener  Urkunde  stammten,  einfach  aus  den  Urkunden  Ottos  IL  ent- 
nehmen, zu  welchen  unsere  Spuria  dem  Wortlaute  nach  thatsächlich  auch  besser 
stimmen. 


24  Alfons  Dojjsch. 

wie  aucli  sonst  häufig,  die  eine  Partei  zur  Begründung  ihrer  Rechts- 
ansprüche   Fälschungen    producirt,    in    beiden    Lagern    wird   hier  mit 
Hilfe  von  Fälschungen  versucht,  den  jemals  behaupteten  Rechtsstand- 
punkt zu  begründen.     Und  diese  zwei,  ihrem  Inhalte  nach  direct  ent- 
gegengesetzten   Fälschungsgruppen    erscheinen    im   einzelnen    auf  die 
Namen    der    gleichen    Herrscher    angefertigt.     Das    Recht    selbst   lag, 
von  diesen  Spuria   abgesehen,    ohne   Zweifel   auf  Seiten  des  Klosters. 
Der  von  diesem  vertretene  Rechtsstandpunkt  war  nicht  nur  durch  eine 
seit  mehr  als  200  Jahren  anerkannte  thatsächliche  Eutwickelung  be- 
gründet, er  Hess  sich    auch   für   die    frühere  Zeit   mindestens  indirect 
rechtlich  vertreten.     Das  Erzbisthum  aber  hat,  soviel  wir  wissen,  nie- 
mals einen  directeu    urkundlichen    Beleg    für   die    Rechte,    welche    es 
nunmehr    anstrebte,    besessen.      Und   doch    fiel    das    Urtheil,    welches 
diesen    Streit    endgiltig    entschied,    zu   Gunsten    dieses    letzteren    aus. 
Die  Erklärung  dafür  aber  kann  kaum  zweifelhaft  sein.    Wohl  wird  in 
dem  Diplom    Kourads  III.,    durch    welches  jene    Entscheidung   gefällt 
wurde,  bei  Erwähnung  der  von  Albero  vorgelegten  Urkunden,  die  als 
Beweisstücke  dienten,  ihrer  äusseren  Beglaubigungsform  gedacht  i),  allein 
es  kann  dieses  Moment  umsoweniger   ausschlaggebend    gewesen    sein, 
als  auch  die  von  dem   Kloster   producirten  Urkunden  eine  solche  Be- 
glaubigung aufwiesen. 

Der  eigentliche  Grund  für  diese  Urthellsfällung  ist  sicherlich  ein 
anderer  gewesen,  und  er  darf  jedenfalls  als  bedeutend  wirksamer  be- 
trachtet werden,  da  wir  ihn  aus  politischen  Rücksichten  gegen  Albero 
ableiten  möchten. 

Der  Erzbischof  von  Trier,  Albero  von  Montreuil  2),  war  ja  jener 
Reichsfürst,  dem  König  Konrad  III.  aus  mehr  als  einem  Grunde  ver- 
pflichtet war.  Er  war  es  gewesen,  der  nach  dem  Tode  Lothars  IIL, 
da  verschiedene  bedeutsame  Umstände  sich  vereinigten,  den  Schwieger- 
sohn des  eben  kinderlos  Verstorbenen  als  geeignetsten  Throucandidaten 
zu  empfehlen,  die  Initiative  zur  Erhebung  des  Staufers  ergriff",  er 
war  es  auch,  der  nachher  für  die  Anerkennung  des  zunächst  nur 
von  einer  Partei  Erwählten  wirksam  eintrat.  Die  zustimmende  Er- 
klärung des  Papstes  zu  dieser  Parteiwahl  dürfte  von  ihm,  als  dem 
geistigen  Haupte  der  kirchlichen  Partei  wesentlich  beeinfiusst  worden 
sein.  Wie  damals  bei  seinem  Regierungsantritte  (1138),  so  verband 
auch  im   folgenden    Jahre   den    König   dessen    eigenstes  Interesse  mit 


»)  Von  der  Urkunde  Dagoberts  heisst  es:  in  quo  per  anuli  sui  notam  im- 
pressionem  confirniat;  über  die  andere  Urkunde  aber  erfahren  wir:  aliud  nichilo- 
minus  preceptum  Karoli  regis  Francorum  nota  imagiue  signatuin  recitabat. 

'^)  Vgl.  für  das  Folgende  die  Ausführungen  Prüraers  a.  a.  0.  S.  43  fl'. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  25 

Albero.  Jetzt  galt  es,  die  Macht  seines  gefährlichsten  Gegners,  des 
stolzen  Weifen,  zu  brechen,  dem  Rechtspruch,  welcher  auf  die  Wei- 
gerung Heinrichs,  eines  seiner  Herzogthümer  herauszugeben,  erfolgt 
war,  praktische  Geltung  zu  verschaffen. 

Nach  Strassburg  hatte  Konrad  1139  die  Fürsten  zu  einem  Reichs- 
tage berufen,  um  hier  mit  denselben  wegen  eines  gemeinsamen  Vor- 
gehens gegen  Sachsen  zu  berathen,  von  ihnen  eine  entsprechende 
Unterstützung  für  dieses  sein  Vorhaben  zu  gewinnen.  Unter  diesen 
Umständen  ist  hier  nun  in  Strassburg  jene  Entscheidung  über  den 
Streit  zwischen  St.  Maxirain  und  dem  Erzbisthum  von  dem  Köniir  ae- 
fällt  worden.  Konrad  konnte,  er  durfte  nicht  anders  als  zu  Gunsten 
des  Erzbisthums,  oder  richtiger  gesagt,  Alberos  entscheiden,  umsomehr 
da  auch  der  Papst  zu  dessen  Gunsten  intervenirte. 

So  dürfen  die  Stellen  des  Diploms,  in  welchen  der  Rücksicht  auf 
die  grossen  Verdienste  Alberos  gedacht  wird,  ihre  specifische  Bedeu- 
tung beanspruchen.  Nach  dem  Tode  Lothars  habe  Albero  jene  Klage 
neuerdings  vorgebracht:  „Nobis  autem  per  dei  misericordem  provi- 
dentiam  ad  regui  gubernationem  subliraatis  fidemque  ipsius 
archiepiscopi  studiumet  labores  circa  nostrametregni 
fidelitatem  multis  argumentis  persentientibus".  Und  das 
Urtheil  selbst,  die  Entscheidung  leitet  der  König  also  motivirend  ein: 
,  Nos  itaque  in  hoc  ipsum  tum  manifesta  iusticiae  attestatione,  tum 
etiam  precibus  et  peticione  venerabilis  patris  nostri  pap^  lunocentii  II. 
etpreterea  ipsius  dilectissimi  ac  fidelissimi  nostri  archiepiscopi  Alberonis 
obsequio  et  multimoda  devotione  rationabiliter  inelinati. " 

Ein  Postulat  der  Staatsraison  war  es,  dass  Konrad  1139  so  ent- 
schied ;  die  Trier'schen  Fälschungen  gegenüber  jenen  von  St.  Maximin 
anzuerkennen,  gebot  die  politische  Klugheit,  die  Rücksicht  auf  die 
Verdienste  Alberos  um  das  junge  Königthum  der  Staufer. 


Gehören,  wie  im  Vorangehenden  zu  zeigen  versucht  wurde,  diese 
Fälschungen  der  Zeit  Lothars  III.  au,  so  rückt  damit  wiederum  eine 
in  sich  geschlossene  Gruppe  von  Spuria,  welche  bisher  in  die  frühere 
Zeit  verlegt  wurde,  in  das  12.  Jahrhundert. 

Es  ist  eine  beachtenswerthe  Erscheinung,  dass  von  der  grossen  Masse 
der  mittelalterlichen  Ur  künden  fälschungeu  immer  mehr  als  P  r  o  d  u  c  t  e 
des  12.  Jahrhunderts  erwiesen  werden,  ich  möchte  sagen  in  dem 
Masse,  als  die  Forschung  in  die  nähere  Erkenntnis  derselben  eindringt. 

Seitdem  K.  Foltz  im  Jahre  1878    den  Nachweis   geliefert  i),  dass 

»)  Forschungen  zur  deutschen  Gesch.  18,  493  fi'.  —  Vgl.  dazu  als  nachträg- 
liche Ergänzung  Mittheil,  des  Inst.  f.  öst.  GF.  14,  327  tf. 


26  A  Ifons  Dopscli. 

die  zahlreichen  F  u  1  d  a  e  r  Fälschungen  einen  Zusammenhang  aufweisen, 
dass  sie  iusgesammt  eben  in  jener  Zeit  von  Eberhard,  einem  Mönche 
des  Klosters  hergestellt  wurden,  hat  sich  in  der  Folge  immer  mehr 
gezeigt,  dass  auch  verschiedene  andere  Fälschungsgruppen  der  gleichen 
Zeit  zugehören.  Bresslau  hat  in  seinem  früher  besprochenen  Aufsatze 
(1885)  das  Gros  der  St.  Maximiner  Spuria  in  das  12.  Jahrhundert 
überwiesen  und  in  jüngerer  Zeit  ist  durch  die  Untersuchungen  K. 
Brandi'ö  dargethan  worden  i),  dass  auch  die  überwiegende  Mehrzahl 
der  so  zahlreichen  Reichenauer  Spuria  dieser  Zeitperiode  angehöre. 

Die  grossen  Fälschungsreihen  treten  so  zu  einander,  sie  begegnen 
sich  nahezu  in  der  Zeit  ihrer  Entstehung.  Aber  auch  ausser  diesen 
werden  an  kleinei'en,  weniger  umfangreichen  Fälschungsgruppen  immer 
mehr  derselben  Zeit  zugewiesen.  Früher  schon  (1874)  hatte  Prümers 
in  seiner  oben  bereits  citirten  Abhandlung  (Beil.  II.)  festgestellt,  dass 
die  Spuria  der  Tricr'.^chen  Kirche  in  die  Zeit  Lothars  III.  gehören. 

Pfister  hat  dann  in  jüngster  Zeit  den  Nachweis  erbracht,  dass  die 
Urkunden  von  Hohenburg  und  Niedermünster  um  die  Mitte 
des  1 2.  Jahrhunderts  gefälscht  worden  seien  -)  und  vor  Kurzem  erst 
hat  W.  Wigand  entgegen  der  bisherigen  Auffassung  ein  Gleiches  für 
Strassburg  dargethan  ■'^).  Er  hat  zugleich  auch  bereits  für  wahr- 
scheinlich erklärt,  dass  die  umfaugreichen  Ebersheim  er  Fälschungen 
dieser  Periode  angehö  en  und  ist  damit  auch  schon  auf  die  Allgemein- 
heit dieser  Erscheinung  aufmerksam  geworden.  Sehr  richtig  hob  er 
hervor,  dass  „wohl  kein  Jahrhundert  des  Mittelalters  so  fruchtbar  an 
diesen  Erzeugnissen  sei  wie  eben  das  zwölfte",  dass  die  Annahme 
Quicherat's,  welcher  solches  für  das  11.  Jahrhundert  nachweisen  zu 
können  meinte  ^),  in  diesem  Sinne  modificirt  werden  müsse. 

Und  thatsächlich  treten  zu  den  bereits  angeführten  Fälschungs- 
gruppen noch  eine  Reihe  weiterer  hinzu,  welche,  soweit  es  sich  we- 
nigstens um  angebliche  Karolingerurkunden  handelt,  in  der  gleichen 
Zeit  entstanden.  —  Die  Fälschung  für  Drübeck  (Mühlbacher  1510) 
gehört  ebenso  in  das  12.  Jahrhundert  -''),  wie  ein  St.  Emmeramer  Stück 
(M.  1959)  %  die  Kemptener  Fälschungen  (M.  157  und  158),  das  Spu- 


')  Die  Reichenauer  Urkundenfälschungen  in  d.  Quell,  u.  Forschungen  zur 
Gesch.  d.  Abtei  Reichenau  herausg.  von  der  bad.  hist.  Commission  I.  1890.  Vgl. 
Mittheil.  d.  Inst.  14,  663  fi'. 

-')  Annalcs  de  V  Est  5,  430  tt'. 

s)  Zeitschr.  f.  Gesch.  d.  Oberrheins  N.  F.  ü,  389  ff. 

*)  Bibl.  de  1'  ecole  des  chartes  1865  p.  538. 

5)  Vergl.  Jacobs  in  Zeitschr.  des  Harzvereius  11,  1,  16  f. 

«J  Waitz  VG.  6,  461. 


Die  falsclien  Karolinger-Urkuuden  für  St.  Maximin  (Trier).  27 

riuin  für  Lindau  (M.  961)  ^)  verdanken  derselben  Zeit  ilire  Entstehung, 
wie  die  falsclien  Urkunden  für  Murrliardt  (M.  643)  ^)  und  Ottobeuern 
(M.  132.) 

Wenn  bei  all  diesen  Fälschungen  der  K  ach  weis  dieser  Entste- 
hungszeit schon  geführt  wurde,  so  wird  sich  derselbe  überdies  noch 
für  manche  andere  Spuria  in  gleicher  Weise  erbringen  lassen.  Ich 
kann  hier  vorgreifend  von  den  Ergebnissen  der  für  die  Neuausgabe 
der  Karolingerdiplome  in  den  Monumenta  Germaniae  gemachten  Vor- 
studien mindestens  soviel  herausheben,  dass  auch  die  Spuria  für  Ober- 
münster (M.  1698),  für  ßheinau  (M.  1361)  und  für  Prüm  (M.  361) 
in  das  12.  Jahrhundert  gehören  dürften. 

Umfassend  also  und  an  den  verschiedensten  Orten  Deutschlands 
wurde  damals  die  Anfertigung  falscher  Königs-  und  Kaiserurkuudeu 
betrieben,  ja  es  hat  den  Ansehein,  als  ob  zwischen  einzelnen  Fäl- 
schuno'sgruppen  ein  gewisser  innerer  Zusammenhang  bestehe^  da  das 
Formular  mehrerer  von  ihnen  eine  auffallende  Uebereinstimmung  auf- 
weist. Mühlbacher  hat  seinerzeit  bereits  darauf  aufmerksam  gemacht^), 
dass  solches  bei  Kempten  (M.  158)  und  Ottobeuern  (M.  132)  zu  be- 
obachten sei. 

Aus  den  Untersuchungen  Brandi's  geht  hervor,  dass  diese  Ueber- 
einstimmung in  weiterem  Umfang  auch  bei  den  Fälschungen  der 
Keichenau,  von  Buchau,  Lindau,  Rheinau  und  Kloster  Stein  nach- 
weisbar ist  ^). 

Ob  es  sich  wohl  um  einen  einheitlichen  Ausgangspunkt  bei  all' 
diesen,  unter  einander  sicher  in  einer  gewissen  Beziehung  stehenden 
Fälschungen  handelt,  ob  sich  etwa  eine  gemeinsame  Centralstelle  für 
das  südliche  Deutschland  nachweisen  lässt,  bei  der  die  Fäden  aus  den 
verschiedenen  Richtungen  zusammenlaufen? 

Brandi  hat  dies  für  die  Reichenau  darthun  zu  können  gemeint, 
nach  ihm  wäre  die  Reichenauer  Fassung  die  ursprüngliche  und  aus 
ihr  die  Fälschungen  der  verschiedenen  anderen  Klöster  hervorgegangen. 

Mir  scheint  die  andere  Möglichkeit  mehr  Wahrscheinlichkeit  für 
sich  zu  haben,  dass  ein  bestimmtes  Formular  sich  allmählich  ausgebildet 
habe,  gewissermassen  ein  „Schimmel",  der  in  den  verschiedenen  Klöstern 


1)  Vgl.  Sickel  Reg.  418. 

2)  Ficker  Beitr.  z.  Urk.-Lehre  1,  14. 
3j  Reg.  bei  no  158. 

4)  Exkurs  II  seiner  irüher  cit.  Abhandlung:  Ueber  die  Verbreitung  der 
Reicbenauer  Fälschung,  die  Klostervögte  betreffend  u.  die  Heimat  der  Constitutio 
de  expeditione  Romana. 


28  A 1  f  0  n  s  D  0  p  s  c  h. 

zu  Grunde  gelegt  und  je  nach  den  Verhältnissen  mehr  oder  weniger 
ausgeschrieben  und  befolgt  wurde.  Die  speciellen  Bedürfnisse  und 
Sonderinteressen  mögen  dann  im  Einzelfalle  bestimmend  für  die  defini- 
tive Gesammttextirung  gewesen  sein. 

So  erklärt  sich  m.  E.  natürlicher,  dass  bei  diesen  verschiedenen 
Fälschungen  „nur  abgerissene  und  unter  sich  verschiedene  Bruchtheile"  ^) 
der  Keichenauer  Fassung  wiederkehren,  was  bei  einem  directen  Zu- 
sammenhang derselben  mit  letzterer  (als  Vorlage)  weniger  plausibel 
erscheint. 

Die  Thatsache,  dass  ein  einheitliches  Formular  als  „Schimmel' 
in  einer  Reihe  von  Klöstern  bei  Fälschungen  verwendet  wurde,  deutet 
auf  eine  Gemeinsamkeit  der  Bedürfnisse  sowohl,  wie  der  Ziele,  die 
mau  an  den  verschiedenen  Orten  dadurch  zu  erreichen  suchte.  Und 
wenn  wir  nun  über  den  Kreis  dieser  in  näheren  Zusammenhang  ste- 
henden Fälschungen  hinausgehen  und  alle  jene  zahlreichen  Spuria  des 
12.  Jahrhunderts  zusammenfassen  nach  inneren  Gesichtspunkten,  wenn 
wir  deren  Inhalt  im  einzelnen  vergleichen,  so  lässt  sich  ein  allen, 
oder  mindestens  sehr  vielen  von  ihnen  Geraeinsames  darthun.  Neben 
dem  gemeinsamen  Bestreben  der  verschiedenen  Klöster  —  um  solche 
handelt  es  sich  nahezu  ausschliesslich  —  für  ihren  factischen  Besitz- 
stand ältere  Rechtstitel  zu  schaffen,  um  diesen  und  damit  zusammen- 
hängende Nutzungen  besser  gegen  äussere  Eingriffe  vertheidigen  zu 
können,  begegnet  uns  auffallend  häufig  als  Rechtsinhalt  dieser  Spuria: 
Immunität,  Bestimmungen  über  die  Vogtei  und  vielfach  auch  solche 
über  Befreiung  von  öffentlichen  Diensten  und  Leistungen.  Und  diese, 
den  Inhalt  dieser  Fälschungen  vornehmlich  ausmachenden  Freiheiten 
und  Rechte  stehen  ihrerseits  wiederum  in  enger  Beziehung  zu  ein- 
ander, sie  tragen  ein  einheitliches  Gepräge,  indem  sie  gemeinsam  eiuer 
bestimmten  Tendenz  dienen.  Die  Immunität,  um  welche  es  sich  bei 
diesen  Fälschungen  handelt,  ist  ja  eine  andere,  als  die  uns  aus  den 
echten  Diplomen  der  früheren,  speciell  derKarolinger-Zeit  bekannte.  Sehr 
deutlich  tritt  das  neben  den  bereits  oben  besprochenen  St.  Maxirainer 
Stücken  bei  den  Ebersheimer  Fälschungen  (vgl.  iusbesouders  M.  440), 
oder  einzelnen  Fuldaer  (M.  1350)  und  Reicheuauer  Stücken  (M.  447 
und  1722)  hervor  und  ganz  in  dem  gleichen  Sinne  sprechen  die  Spu- 
ria für  St.  Stephan  in  Strassburg  (M.  1086)  und  Kempten  (M.  157  und 
158),  sowie  die  damit  übereinstimmenden  falschen  Urkunden  für  Lin- 
dau, Ottobeuern  und  Rheinau.  Auch  eine  Reihe  weiterer  Spuria  über 
deren  Entstehungszeit  heute  nichts  Näheres  festgestellt  ist  —  sie  sind 


»)  Brandi  a.  a.  0.  S.   109. 


i)ie  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maxim  in  (Trier). 


29 


ims  nur  aus  späteren,  jüngeren  Ueberlieferungsformen  bekannt  — 
schliessen  sich  inhaltlich,  ihrer  Tendenz  nach  dem  an.  So  die  Neu- 
städter Fälschungen  (M.  315  und  573)  und  jene  für  Masmünster 
(M.  751).  Wie  oben  bei  Besprechung  der  betreffenden  St.  Maximiner 
Urkunden  ausgeführt  wurde,  tritt  die  Eigenart  der  älteren  Immunität 
hier  mehr  in  den  Hintergrund,  sie  verblasst  gegenüber  der  neuen 
Entwickelung,  welche  ihrerseits  entsprechend  den  geänderten  Bedürf- 
nissen eine  andere  Formulierung  jenes  Vorrechtes  zeitigt.  Während  die 
ältere  Immunität  vornehmlich  darauf  abzielt,  bestimmte  und  genannte 
ordnungsmässige  Amtshandlungen  der  öff'entlicheu  Beamten  zu  Gunsten 
des  Privilegirten  zu  verwehreu,  im  wesentlichen  also  den  Charakter 
der  Exemtion  an  sich  trägt,  kehrt  diese  (jüngere)  Fassung  das  andere 
der  den  Inhalt  der  Immunität  ausmachenden  Vorrechte  hervor,  die 
Defensio,  im  Sinne  eines  Schutzes  vor  bestimmten,  gegen  den  Privi- 
legirten gerichteten  Uebergriffen  aus  der  Amtsgewalt  und  über  dieselbe 
hinaus.  Indem  der  Königsschutz  zugesichert  wird,  erscheint  hier  das 
Hauptgewicht  auf  das  Verbot  gelegt,  in  den  Immunitätsbezirk  ge- 
waltsam einzudringen  zu  willkürlicher  Gerichtshandlung  und  wider- 
rechtlicher Steuererhebung,  drückende  Abgaben  von  den  Immunitäts- 
leuten zu  erzwingen. 

Eben  damit  wird  der  Zusammenhang  mit  den  daneben  besonders 
auftretenden  Bestimmungen  über  die  Vogtei  klar  erwiesen,  wir  fühlen 
so  deutlich  die  Spitze  heraus  und  ihr  Zielobject  zugleich.  In  zahl- 
reichen solchen  Fälschungen  wird  auf  die  Bedrückungen  seitens  der 
Vögte  angespielt.  Der  charakteristische  Ausdruck  ,balraunt'  findet 
sich  wiederholt  in  diesem  Zusammenhang  ^),  wir  hören  von  wider- 
rechtlicher Abgabenerpressung;  viele  dieser  Spuria  haben  denn  auch 
die  Feststellung  der  Rechte  und  Pflichten  des  Vogtes  (zu  Gunsten  des 
Klosters)  direct  zum  Zwecke  -). 

So  werfen  diese  Fälschungen  ein  bezeichnendes  Licht  auf  die  da- 
malige Entwickelung  in  rechtlicher  und  wirtschaftlicher  Beziehung. 
Wir  wissen  ja,  dass  sich  auf  Grundlage  der  älteren  Immunität  die 
mit  ihr  gegebene  ^)  Eigen gerichtsbarkeit  der  gefreiten  Gebiete  allmäh- 
lich immer  mehr  ausbildete.  Die  Vögte  als  Träger  dieser  zunächst 
niederen,  etwa  auf  den  Umfang  der  dem  Vicar  oder  Centenar  zustehen- 
den Competenz  beschränkten  Immunitätsgerichtsbarkeit  errangen  immer 


1)  M.  1722  (f.  Reichenau),  M.  1361  (f.  Rheinau),  M.  961  (f.  Lindau)  u.  A. 

2)  M.  767  u.  768  (Ebersheim),  361  (Prüm),  751  (Massmünster)  u.  insbesonders 
die  St.  Maximiner  Spuria  auf  den  Namen  späterer  Kaiser. 

8)  Vgl.  Brunner  RG.  2,  298  ff. 


30  A 1 1 0  n  s  D  0  p  s  c  h. 

mehr  Bedeutung,  indem  die  Kirchen  seit  der  ottonischen  Zeit  in 
der  Folge  allmählich  auch  die  hohe  Gerichtsbarkeit  erwarben. 

Und  während  früher  die  Staatsgewalt  eine  sichere  Ingerenz  auf 
die  Bestellung  der  Vögte  sich  gewahrt  hatte,  später  aber,  in  der  Zeit 
der  Ottoneu,  die  Immunitätsinhaber  das  Recht  erlangten,  den  Voo-t 
ein-  und  abzusetzen,  musste  die  Stelluncr  der  Vöcrte  gegrenüber  den 
Immunitätsherrn  in  dem  Momente  an  Festigkeit  gewinnen,  da  die 
Leiheform  auch  diese  Institution  durchdrang.  Im  11.  Jahrhunderte 
ist  dieser  Process  schon  deutlich  im  Gange  ^)  die  Vogtei  wurde  damit 
allmählich  zu  einem  erblichen  Besitz  des  Laienadels,  welcher  sie  vor- 
nehmlich handhabte.  Die  nächste  Folge  davon  aber  war,  dass  die 
Inhaber  der  Vogtei  alsbald  die  bevogteten  Stifter  und  Klöster  ganz 
in  ihre  Gewalt  bekamen,  ihre  gesicherte  Stellung  gegenüber  diesen 
allmählich  widerrechtlich  ausnützten,  indem  sie  die  Besitzungen  der- 
selben an  sich  rissen  und  durch  üntervögte,  welche  sie  zu  ihrer  Ver- 
tretung in  der  Verwaltung  einsetzten,  die  Klöster  bedrückten. 

Der  Druck,  welcher  damit  auf  der  Kirche  lastete,  wurde  früh- 
zeitig auch  bereits  unangenehm  empfunden,  involvirten  doch  die  mate- 
riellen Vortheile,  welche  den  Vögten  daraus  erwuchsen,  eine  ebenso 
schwere  Beeinträchtigung  der  kirchlichen  Interessen. 

Dagegen  machen  nun  vornehmlich  jene  Fälschungen  des  12.  Jahr- 
hunderts Front,  sie  suchen  gegen  diese  Entwicklung  anzukämpfen, 
ihr  o-ecrenüber  zu  Gunsten  der  Klöster  einen  festen  Damm  zu  errichten. 

Es  ist  aber  charakteristisch,  dass  diese  Tendenz  gerade  in  jener 
Zeit  so  umfassend  zu  Fälschungen  verleitete. 

Um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  etwa  tritt,  wie  wir  gesehen 
haben,  diese  Erscheinung  zu  Tage,  in  der  Zeit  Lothars  III.  besonders 
und  der  ersten  Staufer.  Es  ist  dies  die  Zeit,  da  mit  der  Beendigung 
des  Kampfes  zwischen  dem  Kaiserthum  und  Papstthum  die  Folgen 
desselben  für  das  deutsche  Königthum,  für  die  deutsche  Staatsverfas- 
sung überhaupt  deutlich  fühlbar  werden. 

Die  königliche  Gewalt  ging  aus  diesem  Kampfe  empfindlich  ge- 
schwächt hervor,  andere  Elemente  waren  während  dieser  Zeit  mächtig 
gefördert  worden,  insbesonders  hob  sich  das  Fürsteulhum  nunmehr 
kräftig  heraus,  es  trat  dem  Königthum  in  einer  dessen  Gewalt 
beschränkenden,  mächtigen  Stellung  gegenüber.  Die  Kirche  aber 
war  in  ihrem  Ansehen  erhöht  worden,  ihre  Bedeutung  überragte 
damals  das  deutsche  Königthum  und  drohte  es  in  den  Schatten  zu 
stellen.     Die  geistlichen  Fürsten  traten  den  weltlichen  ebenbürtig  zur 


')  Vgl.  Waitz  VG.  7,  343  ff.  Lamprecht,  deutsches  Wirthschaftsleben  1,  1 122  ff. 


Die  falschen  Karolinger-Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  3[ 

Seite,  die  kirchliche  Partei  repräsentirte  eineu  Machtfactor,  welchem 
die  deutschen  Thronwerber  fortan  eine  bedeutsame  Berücksichtigung 
angedeihen  lassen  mussten. 

Aus  diesem  Gesichtspunkte  will  die  Erscheinung  betrachtet  werden, 
welche  jene  umfassenden  Klosterfälschungen  darstellen.  Des  Otto 
von  Freising  bedeutsame  Bemerkung,  dass  die  Kirche  damals  (vom 
Wormser  Coucordat  ab)  einen  grossartigen  Aufschwung  genommen 
mächtig  erstarkt  sei  i),  verdient  auch  in  dieser  Beziehung  eine  charak- 
teristische Bedeutung.  Die  Kirche  nimmt  die  Gelegenheit  wahr,  jene 
günstigen  Verhältnisse,  die  neue  politische  Lage  in  planvollem  Zuge 
zur  Festigung  ihrer  Stellung  auszunützeu.  Sie  sucht  sich  von  dem 
Drucke  zu  befreien,  welcher  mit  jener  verfassungsrechtlichen  Ent- 
wickelung  wirtschaftlich  auf  ihr  lastete,  indem  sie  damit  ihren  be- 
drohten Besitzstand  sichert  und  zugleich  die  Eechte  und  Pflichten 
derjenigen  zu  uormiren  trachtet,  von  deren  Seite  ihr  jene  Gefahr  be- 
sonders drohte. 

So  tritt  die  Eigenart  dieser  Fälschungen  in  ihrer  besonderen 
Tendenz  ins  rechte  Licht:  die  charakteristische  Neuformuliruno-  der 
Immunität,  die  Bestimmungen  über  die  Vögte  gewinnen  ihre  prak- 
tische Bedeutung.  Dass  in  einzelnen  dieser  Spuria  auch  gegen  die 
Erblichkeit  der  Vogtei  -)  und  gegen  die  Einsetzung  von  Untervögten 
Stellung  genommen  wird  s),  darf  in  diesem  Zusammenhang  besonders 
hervorgehoben  werden.  Die  zahlreichen  Fälschungen  anderseits,  welche 
von  dem  Besitzstand  der  Klöster  handeln,  entsprechen  dem  Bedürfnis, 
als  Schenkung  und  Vergabung  älterer  Zeiten  das  hinzustellen,  v/ofür 
ein  sicherer  Besitztitel  nicht  producirt  werden  konnte. 

In  dieser  Beziehung  erheischt  noch  eine  andere  Erscheinung 
wichtige  Beachtung,  die  mit  diesen  Fälschungen  gewissermassen  Hand 
in  Hand  geht,  indem  sie  durch  das  gleiche  Bedürfnis  veranlasst  wurde^ 
aus  derselben  Tendenz  sich  erklärt. 

Es  ist  auffallend  und  gewiss  nicht  zuflUlig,  dass  gegenüber  einem 
empfindlichen  Mangel  der  früheren  Zeit,  gerade  mit  dem  12.  Jahrhundert 
dieUrkundenbücher  der  Klöster  (Chartulare  und  Copiarien)  sich 
bedeutsam  zu  mehren  beginnen.  V^ährend  wir  für  Deutschland  aus  dem 
10.  Jahrhundert  nur  3  (je  eines  für  Corvey,  Prüm  und  Passau),  aus  dem  11. 
gleichfalls  nur  3  Chartulare  (Stabloer  Codex  in  Bamberg,  St.  Moritz- 


')  Exhinc  eccleeia  libertati  ad  plenum  restituta  paceque  ad  integrum  refor- 
mata,  in  magnura  montem  erevisse.  Cbron.  VII,  16. 

2)  Vgl.  M.  447  für  Reichenau,  Wirtemberg  ÜB.   1,  72. 

3)  Vgl,  M.  158    (Kempten),    M.    961    (Lindau),    M.  1361    (Rbeinau),    M.  447 
4G5.  1722  (Reichenau). 


^2  Alfons  Dopsch. 

Magdeburg  und  St,  Emmeram)  kennen,  sind  uns  von  solchen,  die  im 
12.  Jahrhundert  angelegt  wurden,  deren  15  bekannt.  In  Aachen,  Freisiug, 
Fulda,  Gorze,  Hersfeld,  Kempten,  Lorsch,  Ottenbeuern,  Passau  (cod. 
vetustiss.),  Rheinau,  Trier  (Romersdorfer  Bullar),  Werden  und  Worms 
legte  man  damals  Copialbücher  an,  in  Prüm  fand  das  alte  Chartular  nun- 
mehr mit  einem  neuen  (zweiten)  Theile  seine  Ergänzung  und  anderseits 
reicht  auch  das  Echternacher  Chartular  in  seiner  ursprünglichen  Anlage 
in  das  12.  Jahrhundert  zurück.  Die  Veranlassung  zur  Anlegung  eines 
solchen  Chartulars  bot  zunächst  das  Bestreben,  die  dem  Kloster  ver- 
lieheneu Urkunden  und  Privilegien  abschriftlich  zu  sainmeln,  um  even- 
tuellen Verlusten  an  solchen,  welchen  die  einzelnen  Originalurkunden 
leichter  zum  Opfer  fallen  konnten,  vorzubeugen.  Ausserdem  wurde 
der  Besitzstand  des  Klosters  hier  verzeichnet  und  die  mit  demselben 
in  Zusammenhang  stehenden  Nutzungen.  Eintragungen  über  Tradi- 
tionen Privater,  urbariale  Aufzeichnungen  treten  hier  entgegen. 

Der  an  sich  deutliche  Zweck  der  Anlage  aber  wird  manchmal 
überdies  ausdrücklich  im  Eingange  hervorgehoben.  Ein  recht  cha- 
rakteristisches Beispiel  dafür  bietet  das  grosse  Copialbuch  von 
Fulda,  der  sogonannte  Codex  Eberhardi.  Die  Vorreden,  welche  der 
Fuldaer  Mönch  Eberhard  seinem  zwischen  1155 — 1162  angelegten 
grossen  Werke  vorausschickt  ^)  und  in  welchen  er  den  Zweck  seiner 
Arbeit  vorführt,  dürfen  als  typischer  Ausdruck  dieser  bedeutsamen 
Erscheinung  gelten.  Man  wollte  einen  sicheren  Ueberblick  über  den 
gesammten  Besitzstand  des  Klosters,  über  dessen  Rechte  und  begrün- 
dete Ansprüche  gewinnen,  gegenüber  den  Eingriffen,  die  der  Laien- 
adel sich  widerrechtlich  erlaubte.  Hier  in  Fulda  hat  dies  zugleich 
Anlass  zu  umfassenden  Fälschungen  gegeben,  zur  Verunechtung  echter 
und  Herstellung  neuer,  falscher  Urkunden.  Und  wenn  diese  Begleit- 
erscheinung auch  als  Ausnahme  zu  gelten  hat,  so  ist  jene  Tendenz 
doch  auch  den  übrigen  Chartulareu  gemeinsam.  Die  Eintheilung 
solcher  Kopialbücher,  dass  mau  die  Masse  der  vorhandenen  Urkunden 
meist  nach  deren  Ausstellern  (Päpsten,  Königen  und  Privaten)  schied, 
—  im  Fuldaer  Chartular  wird  überdies  nach  einem  sachlichen  Gesichts- 
punkte die  Reihe  der  Besitzurkunden  von  jenen  der  Privilegien  ge- 
trennt —  deutet  darauf  hin,  dass  man  damit  eben  praktischen  Be- 
dürfnissen zu  Hilfe  kommen  wollte.  Die  verschiedenen  Rechtstitel  für 
den  Besitz  und  die  erworbenen  Freiheiten  jederzeit  bequem  und  zuver- 
lässig zur  Hand  zu  haben,  war  ein  wirksames  Mittel  zur  Wahrung  der 
klösterlichen  Interessen,    Und  so  vereinigen  sich  denn  diese  beiden  in 


')  Gedruckt  bei  Dronke,  Triulitiones  et  antiquitates  Fuldenses.  Vorrede  V  ff. 


Die  falschen  Karolinger- Urkunden  für  St.  Maximin  (Trier).  33 

dem  Auftreten  zahlreicher  Urkundenfälschungen  und  der  sich  weithin 
verbreitenden  Anlegung  von  Chartularen  zum  Ausdruck  gelangenden 
Erscheinungen,  uns  einen  Einblick  thun  zu  lassen  in  eine  wirtschaft- 
liche Bewegung,  welche  von  der  Kirche  ausgeht  und  einer  gewissen 
politischen  Färbung  nicht  entbehrt. 

Gerade  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts,  vor  allem  in  der  Zeit 
Lothars  III.,  mochte  man  zu  solchen  Urkundenfälschungen  sich  umso 
eher  verleitet  fühlen,  als  auch  nach  einer  anderen  Richtung  hin  die 
Aussicht  vorhanden  war,  damit  durchzudringen  und  einen  praktischen 
Erfolg  zu  erreichen.  Es  ist  jene  Periode,  da  —  unter  Lothar  III. 
wird  dies  besonders  deutlich  —  die  Formen  der  deutschen  Königs- 
urkunde eine  durchgreifende  Umwandlung  erfahren.  Neue  Formeln 
bürgern  sich  ein,  die  alten  werden  zum  Theil  umgemodelt,  die 
deutsche  Königsurkunde  wandelt  damals  auch  ihre  äussere  Form  1). 
Da  der  bisherige  Herzog  Lothar  König  wird  und  sein  Beamtenper- 
sonal mit  übernimmt,  erscheint  die  Tradition  in  der  königlichen 
Kanzlei  unterbrochen,  die  Beamten,  welche  unter  ihm  auftreten, 
zeigen  sich  in  dem  Kauzleigeschäft  weniger  bewandert  2),  die  Papstur- 
kunde '^)  wie  die  Privaturkunde  macht  ihren  Einfluss  deutlich  bemerk- 
bar. Die  ganze  Kanzleigebahrung  entbehrt  jener  exclusiven  Bestimmt- 
heit, welche  sie  vordem  auszeichnet;  bedeutsam  mehren  sich  jetzt  die 
Fälle  ganz  ausserhalb  der  Kanzlei  geschriebener  Königsurkunden  ^), 
die  von  der  Partei  hergestellt,  der  königlichen  Kanzlei  zur  Beglaubi- 
gung präsentirt  werden. 

Nimmt  mau  die  Eigenart  der  früher  bereits  beleuchteten  politi- 
schen Coustellation  hinzu,  die  Geneigtheit  des  deutschen  Königthums 
zu  weitgehender  Berücksichtigung  der  kirchlichen  Ansprüche,  so  war 
damit  die  Möglichkeit  eines  praktischen  Erfolges,  der  Anerkennung 
solcher  falscher  Urkunden,  nicht  unwahrscheinlich.  Wie  wir  oben  bei 
Besprechung  der  Trierer  Fälschungen  sahen,  lassen  sich  thatsächlich 
Fälle  nachweisen,  in  welchen  solche  Fälschungen  den  beabsichtigten 
Erfolg  hatten. 

Und  gerade  nach  dieser  Seite  hin  wird  der  Masse  dieser  Fäl- 
schungen noch  eine  weitere  Beachtung  zu  schenken  sein.  Indem  die- 
selben dazu  bestimmt  waren,  in  der  königlichen  Kauzlei  vorgelegt  zu 
werdeu,  sei  es  dass    man   damit   nur   einen   Rechtstitel   zur  Wahrung 


i)  Ficker  Beitr.  z.  Urk.-Lehre  1,  190.  2,  74  u.  318. 

2)  Vgl.  die  Ausführungen  W.  Schum's   in  Kaiserurkunden  in  Abbildungen, 
Text  114  ff. 

8)  Vgl.  Mühlbacher  in  Mittheilungen  d.  Inst.  f.  öst.  GF.  Erg.-Bd.  4,  510. 

*)  Bresslau  Urk.-Lehre  1,  339  An. 

Mittheilungen  XVII.  ^ 


6A  Alfons    Dopsch. 

bestrittener  Rechte  produciren  wollte,  oder  sei  es  dass  mau  auf  sie 
hiu  eine  Bestätigung  seitens  der  königlichen  Kanzlei  zu  erlangen 
suchte,  mochte  wohl  auch  das  Formular  letzterer  nicht  ganz  unbeeiu- 
flusst  an  ihnen  vorübergehen.  Thatsächlich  weist  beispielsweise  das 
Formular  der  jüngeren,  in  der  Zeit  der  ersten  Staufer  sich  einbürgern- 
den Immunität!)  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  den  in  diesen  Fäl- 
schuno-en  zu  Tage  tretenden  Formen  auf.  Und  wenn  dabei  auch  stets 
wohl  berücksichtigt  werden  muss,  dass  diese  Fälschungen  ihrerseits 
ja  vielfach  aus  echten  Urkunden  der  Zeit  schöpften,  da  sie  entstanden, 
so  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  sie  in  gewissem  Sinne  auf  die 
Umwandlung  zum  späteren  Formular  mitbestimmend  gewirkt  haben. 
Fälschungen  sind  ja  gerade  darauf  angewiesen,  neue  Formen  zu  schafien, 
ihr  Formular  muss  zum  Theile  frei  concipirt  werden,  um  damit  auf 
die  speciellen  Ziele  hinzuarbeiten,  welche  sie  anstreben. 

Im  Hinblick  auf  die  grosse  Masse  dieser  Fälschungen,  das  Auf- 
treten derselben  an  verschiedenen  Orten,  wird  die  Berücksichtigung 
dieser  Möglichkeit  für  die  Beurtheilung  und  das  Verständnis  des  spä- 
teren Formulars,  speciell  auch  der  jüngeren  Immunität,  vielleicht  nicht 
ohue  fruchtbringende  Folge  sein. 


1)  Lamprecht,  deutsches  Wivthschaftslebeu  I,  2,  1020  ff. 


Ein  Ineditum  Ottos  I. 
für  den  Grafen  Yon  Bergamo  von  970. 

Von 

E.  von  Ottenthai. 


In  uomine  sanctae  iudividuaeque  trinitatis.  Otto  divina  favente 
clemeutia  imperator  augustus.  Si  mundanum  ins  contra  rem  publicam 
statumque  nostri  regni  insidiis  inclinantes  evellere  iubet,  tunc  eos  quos 
in  nostra  fidelitate  insudare  comperimus,  sublimare  atque  augmentare 
omnimodo  debeaius.  Quocirca  omnium  fidelium  sanctae  dei  ecclesiae 
nostrorumque  praesentium  scilicet  ac  futurorum  noverit  industria,  Ber- 
nardum  suggerente  humaui  generis  inimico  contra  nostram  fidelitatem  ^) 
nequiter  agere  voluisse  ideoque  omnia  sua^)  nostrae  rei  publicae  parti 
iure  devenisse.  Tunc  uobis  uostrisque  successoribus  proficuum  fore  si  ea 
inter  nostros  fideles  dispertiremus  considerantes,  interventu  ac  petitione 
Adheleidae <^)  nostrae  coniugis  nostrique  imperii  consortis  Giselberto 'i) 
comiti  nostroque  fideli  res  illas  omues  quas  infra  civitatem  Ticinensem^) 
sive  in  eodem  comitatu  ac  in  urbe  Pergami  seu  in  ipso  comitatu  A^el 
in  comitatu  Seprensi  [et]  Brissiauensif),  nee  non  curtes  vel  domicurtiles 
sitas  in  loco  et  fundo  qui  dicitur  Hospitale  monte  Bergamascho,  Re- 
biollo,  Lauenia,  Grampello,  Bonade  superiore,  Greim,  Gase  Simolate, 
Gudi,  Burico,  Fiermates),  Valleriano,  Breniano,  Marno,  Sernego  prae- 
fatus  Bernardus  possidere  videbatur,  cum  omnibus  mobilibus  et  immo- 


a)  A,  wohl  verlesen  für  serenitatem  oder  maiestatem.  ^)  suae  A. 

c)  Adhibendae  ■  A,  am  Rand  von  anderer  Hand  beigeschrieben  Adelhaidis ;  ich 
habe  die  an  die  Corruption  am  nächsten  anschliessende  Form,  welche  auch  dem 
10.  Jahrh.  noch  entspricht,  gewählt.  ^)  Gilberto  A.  «)  Dociuemsem  A. 

0  Sempresi  Brissianensi  A.  e)  A,  höchst  wahrscheinlich  verderbt  für 

Farinate,  vgl.  p.  41. 

3* 


6ß  Ottentlial. 

bilibus  casis  castris  capellis  viueis  pratis  pascuis  molendinis  piscatio- 
uibus  aquis  aquarumque  decursibus  servis  et  ancillis  massaritiis  aldioni- 
bus^)  vel  aldiouabus  seu  cum  omnibus  quae  dici  vel  denominari  pos- 
simt,  ad  easdem  curtes  quolibet^)  modo  pertineutibus  uostri  praecepti^) 
auctoritate  concedimus  largimur  donamus  nee  nou  de  uostro  iure 
in  suumf*)  ins  [transfuudimus]  e)  atque  delegamus,  ut  habeat  teneat 
possideat,  eo  videlicet  iure  quo  easdem  res  Bernardus*)  coraes  quondam 
possidere  videbatur.  Insuper  praecipimus  ut  nullus  dux  marchio  comes 
vicecomes  gastaldio  sculdasio  vel  aliquis  publicae  rei  exactor  nee  nou 
magna  parvaque  persona  praetaxatum  Giselbertum  de  iam  dictis  rebus 
disvestire^)  inquietare  molestare  ullo  modo  praesumat,  sed  tam  ipse 
quamque  sui  beredes  nostri  praecepti^)  auctoritate  freti  atque  iuvati 
[de]  praenominatis  rebus  prout  eorum  decreverit  animus,  disponant 
atque  sui^»),  omnium  violentorum  remota  controversia.  Si  quis  igitur, 
quod  minime  speramus,  haue  nostram  praeceptalem  >)  auctoritatem  in- 
friugere  aut  aliquo  modo  transgredi  temptaverit,  sciat  se  compositurum 
auri  optimi  libras  centum,  medietatem  camerae  nostrae  et  medietatem 
saepe  dicto  Giselberto  ^)  comiti  suisque  haeredibus  quibus  violentia  illata 
fuerit.  Quod  ut  verius  credatur  firmiusque  ab  omnibus  observetur, 
mauu  propria  roborantes  nostro  sigillo  iussimus  insigniri. 

Signum  dominii)   Ottonis  serenissimi  augusti. 

Ambrosius  cancellarius  advicem  Hubeiti  episcopi  et  archicancellarii 
subscripsit. 

Anno  dominicae  incarnatiouis  DCCCCLXX,  imperii  vero  dominii) 
Ottonis  IIII"^),  indictione  XIII;  actum  Papia,  feliciter  amen. 


Den  ersten  Hinweis  auf  vorstehende  Urkunde  verdanke  ich  der 
Freundlichkeit  meines  CoUegen  Dr.  Dopsch,  welcher  mir  eine  Reihe 
von  Notizen  über  handschriftliche  Ueberlieferungen  Ottouischer  Diplome 
—  eine  Ausbeute  seiner  französischen  Reise  für  M.  G.  Diplomata,  über 
welche  er  in  dieser  Zeitschrift  berichtet  hat  i)  —  für  meine  Regesten 
der  sächsischen  Kaiser  mittheilte.    Bei  einem  Aufenthalt  in  Paris  nahm 


a)  udionihus  A.  ^)  quas  A.  <=)  in  A  corr.  in  praeceptdbtti,  so  dass  in 

der  Vorlage  auch  nostra  praeceptali  gestanden  sein  könnte.  ^)  A,  statt  eius. 

e)  fehlt  in  A.  ')  A  hat  Giselbertus  statt  Bernardus,  über  die  geringe  Wahr- 

scheinlichkeit, dass  diese  Lesart  richtig  sei,  vgl.  unten  p.  4f'".  s)  devestire  A. 

h)  A,  sonst  in  diesem  Zusammenhang  gebraucht  frui,  perfrui^  ordinäre,  facere. 
i)  praeceptabilem  A.  ^)  Güberto  A.  i)  A.  m)  A,  am  Rand 

von  anderer  Hand :  lege  Villi. 

')  Unedirte  Karolinger-Diplome  aus  französischen  Handschriften,  Mitth.  16, 
193-221. 


Ein  Ineditum  Ottos  I. 


37 


ich  Gelegenheit  diese  bisher  unbekannte  Urkunde  abzuschreiben  und 
glaube  den  Abdruck  derselben  mit  einigen  Erläuterungen  begleiten 
zu  sollen. 

Meine  Quelle  (A)  ist  Codex  n«  17  f.  247  der  Collection  Baluze 
der  Bibliotbeque  nationale  zu  Paris  i).  Es  ist  ein  Saramelband,  der 
sich  aus  verschiedenen  Bestandtheilen  zusammensetzt.  Mit  f.  231  beginnt 
ein  Heft  etwas  kleineren  Formates  in  Quart,  von  einer  Hand  des 
ausgehenden  17.  Jahrh.  beschrieben.  Es  enthält  Diplome  für  S.  Cri- 
stina,  Bullen  für  Vallombrosa.  Als  Quelle  ist  am  Kopfe  angegeben: 
ex  veteri  codice  mauuscripto.  Auch  die  nächste  Abtheiluug  des  Sammel- 
bandes, welche  mit  f.  242  anhebt,  weist  dieselbe  Handschrift  auf,  und 
auch  hier  wieder  ist  zu  Beginn  citiert :  ex  veteri  codice  manuscripto.  Diese 
Quellenangabe  betrifft  auch  A,  welches  neben  andern  Documenten  in 
diesem  Theil  des  Codex  steht.  Da  der  Copist  zu  den  einzelnen  Urkunden- 
abschriften auch  das  Folio  seiner  Vorlage  hinzufügte,  können  wir 
constatieren,  dass  dieselbe  ein  Codex  von  mindestens  393  Blättern 
war,  aus  welchem  aber  unser  Abschreiber  nur  gewisse  Urkunden  — 
durchaus  königliche  und  päpstliche  —  aushob.  Denn  f.  245,  f.  247  (A), 
f.  249  des  C.  Baluze   entsprechen  f.  196,   f.  269,   f.  283  der  Vorlage. 

Von  den  in  diesem  Heft  vereinigten  Urkunden  betreffen  zwei 
(Bullen  des  14.  Jahrh.)  das  Kloster  S.  Anton  zu  Vienne,  alle  übrigen 
Oberitalieu.  Mit  Ausnahme  von  A  und  von  Böhmer  Eeg.  Heinr.  VII. 
no  555  für  die  Fieschi  von  Genua  sind  alle  Stücke  an  geistliche  Em- 
pfänger gerichtet,  oder  doch  zu  gunsten  geistlicher  Genossenschaften 
erlassen,  und  zwar  beziehen  sich  dieselben  mit  Ausnahme  von 
DO.  III.  54  (St.  924,  für  die  bischöfliche  Kirche  zu  Parma)  durchwegs 
auf  Klöster:  neben  S.  Anton  zu  Vienne  auf  S.  Salvadore  an  der 
Trebbia,  Columba,  S.  Maria  de  Castiglione,  Fontevivo  bei  Borgo 
S.  Donnino,  S.  Giovanni  in  Pavia,  S.  Giovanni  evang.  bei  Cremona, 
Farinate,  S.  Desiderio  und  Acquanegra  bei  Brescia. 

Aus  dieser  Manigfaltigkeit  des  Inhaltes  folgt  zugleich,  dass  der 
als  Vorlage  citierte  „vetus  codex  manuscriptus"  nicht  ein  zu  vermögens- 
rechtlichen oder  sonst  wie  immer  gearteten  Verwaltungszwecken  an- 
gelegtes Copialbuch  gewesen  sein  kann,  sondern  dass  dessen  Entste- 
hung geschichtlichem  Sammeleifer,  archivalischer  Forschung  entsprun- 
gen sein  muss;  wir  werden  daher  auch  das  Alter  jeuer  Handschrift 
kaum  über  das  16.  Jahrh.  zurückzusetzen  geneigt  sein. 

Der  „vetus  codex  manuscriptus«  scheint  keine  weitern  Angaben 
enthalten    zu   haben,    aus    welcher  Quelle  er  seinerseits  die   einzelnen 

1)  Vgl.  Delisle  Cabinet  des  manuscrits  1,  364  ff.,  Bibl.  de  l' ecole  des 
chartes  35  (1874),  266—268. 


38  Ottentlial. 

Urkunden  schöpfte.  Wir  haben  das  im  besondern  für  unser  Ineditum 
zu  bedauern,  weil  die  Abschrift  in  der  Coli,  Baluze  sichtlich  mehrfach 
verderbt  ist,  aber  auch  weil  uns  so  ein  Mittel  gebricht,  um  den  Inhalt 
dieser  Urkunde,  welche  nicht  eine  kirchliche  Corporation  sondern  blos 
Laien  berührt,  in  wüuschenswerther  Weise  klar  zu  legen;  doch  gelingt 
es  darüber  und  über  die  Geschichte  des  Diploms  durch  anderweitige 
Combinationen  die  nöthigsten  Aufschlüsse  zu  erlangen. 

Als  Empfänger  von  A  wird  ein  Graf  Giselbertus  —  wie  neben 
der  französischen  Form  Gilbertus  zweimal  richtig  steht  —  genannt. 
Die  geschenkten  Objekte  liegen  in  den  Grafschaften  Pavia,  Bergamo, 
Seprio,  Brescia;  wir  haben  es  also  mit  einem  oberitalienisehen  Grafen 
zu  thun ;  und  da  stossen  wir  auf  Giselbert  Grafen  von  Bergamo,  welchen 
wir  von  962 — 993  nachweisen  können  i). 

Beim  Namen  des  ßernardus,  welchem  die  in  A  verschenkten  Güter 
abgesprochen  wurden,  ist  nicht  etwa  an  ein  Verderbnis,  an  den  vier  Jahre 
früher  verstorbenen  König  Berengar  II.  zu  denken,  von  dessen  Gütern 
zwar  gerade  der  Bischof  von  Bergamo  und  darunter  auch  in  einem 
der  in  A  genannten  Orte  (Bonate  superiore)  profitierte  ^),  sondern  es  ist 
Graf  Bernard  von  Pavia  gemeint.  Das  erfahren  wir  mit  vollster 
Sicherheit  aus  DO.  II.  130  (St.  676)^),  wo  es  heisst:  tempore  nostri 
patris  Ottonis  augusti  quidam  comes  amisit  predium  quod  tenebat  ex 
parte  uxoris  sue,  causa  magne  accusationis,  scilicet  Bernardus  nomine, 
et  assidue  sui  accusatores  circa  sedem  imperii  nostri  euntes  et  eum 
frequenter  insidiando  persequentes  numquam  ad  veniam  recuperacionis 
predii  per  venire  eo  tempore  meruit  ....  Nunc  autem  ....  perdona- 
mus  per  hoc  nostrum  preceptum  Bernardo  comiti  nostram  henivolen- 
tiam  et  gratiam  omnemque  querimoniam  calumniam  qu^  pertinere 
videtur  ad  partem  rei  publice  et  omnia  que  egit  circa  sedem  imperii 
et  honoris  nostri  ab  eo  repellimus. 

Insuper  concedimus  illi  omn^  predium  quod  olim  tenuit  ex  parte 
sue  uxoris,  videlicet  has  cortes:  Sexpile,  Lauennam,  Grapellum, 
Tiliam,  Brenanum,  Vailatem,  Farinatem,  Sarnegum,  Piueniugum, 
Bonate m,  unam  doraum  infra  civitatem  Cvmas  positam  et  massaricia 
separata  infra  comitatus  Bergomensem,  Brixiensem,  Mediolanensem 
posita. 

Dass  diese  beiden  Urkunden  in  unmittelbarem  und  ursächlichem 
Zusammenhang  zu  einander   stehen,    ergibt   sich  auf  das  bestimmteste 


')  Vgl.    z.  B.  CD.  Langob.  n«  664.  767.  804.  844.  875;    Ficker  Ital.  Forsch. 
4,  42  n"  31,  47  no  34;  vgl.  auch  Ronchetti  Mem.  di  Bergamo  2,  34  ff. 
2)  Böhmer-Ottenthal  Reg.  no  3G7. 
s)  M.  G*.  DD.  2,  146  ex  or. 


Ein  Ineditum  Ottos  I. 


39 


daraus,  dass  die  oben  gesperrt  gedruckten  Orte  in  A  wiederkehren  i). 
Auch  die  Narratio  beider  Documente  ergänzt  sich  auf  das  beste. 

Auf  die  Persönlichkeit  des  Grafen  Bernard  komme  ich  zurück. 
Hier  sei  zunächst  betont,  dass  uns  von  DO.  II.  130  die  Urschrift  er- 
halten ist,  deren  Echtheit  durch  die  Schrift  des  Kanzleinotars  Folch- 
mar  A^)  vollständig  verbürgt  ist.  Damit  ist  im  allgemeinen  auch  die 
Glaubwürdigkeit  unseres  lueditums  gewährleistet.  Auf  diesen  Zusam- 
menhang muss  ich  auch  deshalb  grosses  Gewicht  legen,  weil  ich  für 
den  Wortlaut  von  A  wohl  behaupten  kann,  dass  er  durchaus  zeitgemäss 
sei,  nicht  aber  auch  in  der  Lage  bin  den  Kanzleinotar,  welcher  es 
abfasste,  festzustellen.  Das  Protokoll  entspricht  dem  Notar  It.  B  bis 
auf  den  Umstand,  dass  dieser  in  der  Datierungsformel  nie  das  einfache 
anno  imperii  domui  Ottonis  verwendet,  sondern  stets  einen  zierenden 
Zusatz  wie  Serenissimi  imperatoris  oder  ähnlich  anfügt.  Freilich  könnte 
ein  solcher  in  der  Ueberlieferung  von  A  ebensogut  ausgefallen  sein 
wie  die  Tagesangabe  zu  Beginn  der  Datierung  oder  wie  in  der  Recog- 
nitionszeile  „recognovit  et"  vor  subscripsit. 

Auch  der  Context  von  A  erinnert  am  meisten  an  diesen  Kanzlei- 
beamten. So  gleich  die  Publicationsformel  mit  der  Angliederung  der 
Narratio  im  accusativus  cum  infinitivo,  die  Ausdrücke  inclinare,  sub- 
limare,  augmentare,  interventu  et  petitione,  remota  controversia,  dele- 
gare,  die  Gegenüberstellung  der  Satzglieder  mit  tam  —  quam,  sive  — 
seu;  die  Poenformel  treffen  wir  übereinstimmend  inDO.  1.410,  während 
It.  B.  sonst  andere  charakteristischere  Wendungen  liebt  •^).  Aber  über- 
haupt vermisse  ich  eine  Anzahl  von  Phrasen,  welche  diesem  Mann  be- 
sonders geläufig  waren  und  für  deren  Anwendung  die  Formulierung 
des  Textes  in  A  so  guten  Anlass  geboten  hätte  wie  in  den  andern 
Dictaten  des  It.  B,  so  penitus,  amodo  in  autea,  die  Einleitung  der 
Pertinenzformel  durch  una  cum  (statt  des  einfachen  cum  in  A);  die 
Corroborationsformel  will  mit  der  Phraseologie  des  It.  B  nicht  stimmen, 
auch  der  Areugengedanke  ist  fremdartig;  eine  Wiederholung  der  Arenga 
nach  der  Publicationsformel  finden  wir  bei  It.  B  nur  in  dem  interpo- 
lierten DO.  I.  401.  Daher  erscheint  es  mir  wahrscheinlicher,  dass  unser 
Ineditum  nur  theilweise  unter  Einfluss  der  Kanzlei  entstanden,  dass 
It.  B  oder  It.  D    (an    den    man  bei  einigen  Wendungen  noch  denken 


')  Ueber  Farinate  ^=  Fiermate  siehe  unten  S.  41. 

2)  Vgl.  die  Vorbemerkung  in  der  Ausgabe  der  DD.  .  ;:.    . 

3)  Ich  verweise  auf  die  Zusammenstellung,  welche  ich  Mittb.  Ergbd.  1,  146 
gegeben  habe. 


40  Ottenthai. 

könnte)  ein  Parteiconcept  nur  ergänzt  respective  reingeschrieben,  oder 
auch,  dass  It.  B  blos  das  Eschatokoll  beigefügt  liabe  i). 

Auf  solche  Weise  mögen  sich  in  unser  Ineditum  ebensogut  wie 
etwa  in  DO.  I.  349.  410  und  anderswo  einige  incorrecte  oder  doch  dem 
Kanzleigebrauch  fremde  Ausdrücke  und  Satzbildungen  eingeschlichen 
haben,  wie  contra  nostram  fidelitatem,  wo  allerdings  ein  üeberlieferungs- 
fehler  näher  liegt,  oder  die  Wendung  der  Kaiser  schenke  curtes  vel 
domicurtiles  (die  ich  mich  sonst  nicht  erinnere  in  den  Diplomen  Ottos  I. 
gelesen  zu  haben,  die  Phrase  fehlt  auch  im  Glossar  der  DD.  Ausgabe) 
sitas  in  loco  et  fundo  qui  dicitur  H.  u.  s.  w.,  während  zu  erwarten 
wäre :  in  locis  infrauominatis :  in  fundo  qui  u.  s.  w.  ungewöhnlich  ist 
auch  die  Formel:  sed  tarn  ipse  quamque  sui  heredes  nostri  praecepta- 
bili  auctoritate  freti  atque  iuvati  praenominatis  rebus  prout  eorum  de- 
creverit  animus,  disponant  atque  sui.  Das  gebräuchlichste  ist  unter 
Otto  I.:  habeat  potestatem  tenendi  vendendi  etc.  et  quicquid  eorum 
decreverit  animus  (oder  ähnlich)  faciendi  ^). 

Auch  aus  DO.  II.  130  lassen  sich  keine  Verbesserungen  des  For- 
mulares  unseres  Ineditums  gewinnen,  da  es  in  der  Fassung  von  A  ganz 
unabhängig  ist,  was  umgekehrt  nur  wieder  ein  Moment  zugunsten 
der  Glaubwürdigkeit  dieses  bildet.  Nur  für  die  Namen  der  Schenkuugs- 
objekte  gewinnen  wir  aus  DO.  II.  130  eine  gewisse  und  werthvolle 
Controller  jene  Orte,  welche  in  dem  oben  aufgenommenen  Excerpt 
dieses  Diploms  gesperrt  gedruckt  sind,  kehren  in  A  fast  gleichlaui  end 
wieder,  sind  also  richtig.  Bei  andern  der  angeführten  Orte  ergibt  sich 
das  aus  deren  heutigem  Namen,  so  Gudi  =  Gudi  bei  Abbiate  Grasso 
und  Marno  =^  Marne  am  Brembo,  sw.  Bergamo ;  Valleriano  ist  nach 
dem  Index  des  CD.  Langob.  =  Vairano,  deren  wir  eines  n.  von  Crema, 
ein  anderes  n.  von  Pavia  finden.  Das  Hospital  in  den  bergamaski- 
schen  Bergen  vermag  ich  nicht  nachzuweisen  '^) ;  für  Greim  verweise 
ich  auf  ähnliche  Ortsnamen  im  Gebiet  von  Bergamo:  Grem  im  Val- 
gorno.  Gromo  uw.  von  Bonate,  ein  anderes  am  Oberlauf  des  Serio; 
ein  Portus  Buricus  am  Ticino  ist  in  DO.  III.  221  erwähnt;  ich  will 
nicht  weiter  ausführen,  auf  welche  Combinationen  man  unter  der  An- 
nahme leichter  Verderbung  von  Buricus  käme  (z.  B.  Brivio  oder  Burro, 


•)  lt.  B  und  It.  D  arbeiten  auch  in  DO.  I.  371  gemeinsam. 

'■')  Für  die  Verbesserung  dieser  Stelle  wäre  auch  auf  die  Formulae  imperiales 
hinzuweisen,  welche  übrigens  so  Avenig  als  die  Urkunden  Ottos  II.  und  III.  eine 
Wendung  bieten,  aus  welcher  sich  das  sinnlose  ,sui'  palaeographisch  ungezwungen 
erklären  Hesse. 

3)  Sollte  eines  der  von  Ronchetti  Mem.  di  Bergamo  6,  XXV  aufgezählten 
Hospitäler  zutreffen  ? 


Ein  Ineditum  Ottos  I.  a-i 

beide  im  Bergamaskischen) ;  denn  da  die  Oertlichkeiten  in  A  nicht 
nach  Grafschaften  geordnet  sind,  ist  in  solchem  Falle  grösste  Zurück- 
haltung in  der  Emendation  geboten. 

Bei  ßebiollo  darf  wohl  kaum  an  Robbiolo,  Fraction  von  Grancinc 
sw.  Mailand  gedacht  werden;  für  Gase  Simolate  fand  ich  überhaupt 
keine  entsprechende  Oertlichkeit.  Dagegen  glaube  ich  den  sonderbar 
klingenden  Namen  Fiermate  in  plausibler  Weise  deuten  zu  können. 
Hatte  der  lugrossator  des  Gr.  unseres  A  die  offene  langobardische  Form 
von  a  verwendet,  was  ja  durchaus  wahrscheinlich  ist,  so  erhalten  wir 
durch  leichten  Lesefehler,  namentlich  seitens  eines  spätem  Copisten, 
das  Wort  Fiermate  ungezwungen  aus  Farinate.  Dieser  Ort  ist  auch 
in  DO.  IL  130  als  Besitzthum  der  Gemahlin  Beruards  aufgeführt,  er 
liegt  zwischen  Crema  und  Treviglio  in  der  Nähe  von  Sergnano  (in  A 
und  DO.  IL  130  genannt),  Vailate  und  Pianengo  (in  DO.  IL  allein 
erwähnt),  er  spielt  in  der  Geschichte  von  A,  wie  wir  noch  sehen  wer- 
den, eine  weitere  Rolle. 

Haben  wir  in  diesem  Fall  einen  Ortsnamen  von  A  mit  Hilfe 
von  DO.  IL  130  emendiert,  so  wäre  es  doch  unzulässig,  umgekehrt 
jene  Orte  in  A  welche  in  der  Nachurkunde  fehlen,  zu  beanständen; 
dem  Grafen  Bernard  ist  nach  A  sein  ganzes  Vermögen  confisciert 
worden,  zurückgegeben  wurden  ihm  nach  DO.  IL  130  blos  die  Güter 
seiner  Gemahlin  und  diese  werden  hier  nicht  vollständig  aufgezählt. 
sondern  es  wird  schliesslich  auf  massaricia  separata  infra  comitatus  Ber- 
gomensem, Brixiensem,  Mediolanensem  posita  verwiesen.  Es  können 
also  in  A  recht  wohl  noch  andere  Ortschaften  und  andere  Grafschaften 
genannt  sein  als  in  DO.  IL  130;  anderseits  braucht  im  J.  970  keines- 
wegs das  ganze  Heiratsgut  der  Gemahlin  Bernards  gerade  an  Giselbert 
geschenkt  worden  zu  sein,  es  können  also  auch  einige  der  in  DO.  IL 
aufgezählten  Ortsnamen  in  A  fehlen. 

Ohne  hier  auf  alle  topographischen  Einzelheiten  erschöpfend  ein- 
gehen zu  wollen,  muss  doch  das  Verhältnis  der  in  beiden  Diplomen 
erwähnten  Grafschaften  berührt  werden.  DO.  IL  130  nennt  nebenbei, 
aber  in  einer  Weise,  dass  man  schliessen  muss,  alle  aufgeführten  Güter 
sollen  damit  bestimmt  werden,  die  Grafschaften  Bergamo,  Brescia, 
Mailand.  A  zählt  ausser  den  beiden  erstem  noch  auf:  civitatem  Doci- 
uemsem  und  in  comitatu  Sempresi.  Den  sinnlosen  erstem  Namen 
glaubte  ich  schlankweff  in  Ticinensem  emendieren  zu  dürfen,  das  for- 
dert  der  ganze  Inhalt  der  Urkunde,  denn  Bernard  war,  wie  ich  noch 
nachweisen  werde,  Graf  von  Pavia,  die  Verbesserung  ist  auch  palaeo- 
graphisch  naheliegend.  Der  letztere  Name  ist  sicher  verlesen  statt 
Sepresi;    es  ist  also    die  Grafschaft  Seprio    gemeint.     Leider   hat   sich 


42  Ottenthai. 

nocli  keiue  italienische  historische  Gesellschaft  gefunden,  welche  die 
Bearbeitung  einer  auf  den  grundlegenden  verfassungsgeschichtlichen 
Werken  Fickers  beruhende,  das  reiclie  Quellenraaterial  erschöpfend  und 
kritisch  ausbeutende  historische  Geographie  Italiens  angeregt,  noch  weni- 
ger ein  einzelner  Gelehrter,  welcher  sich  wirklicli  an  die  höchst  verdienst- 
volle Arbeit  gemacht  hätte.  Mir  aber  fehlt  hier  das  Material,  um  über 
das  ursprüngliche  Verhältnis  der  Grafschaften  Mailand  und  Seprio  zu 
handeln.  Ich  muss  mich  begnügen  hier  zwei  Thatsachen  festzustellen : 
die  Grafschaft  Seprio  ist  schon  vor  dem  J.  970  nachweisbar  ^),  und 
es  war  für  A  Anlass  vorhanden  gerade  diese  Grafschaft  zu  nennen, 
denn  Lavena  liegt  in  diesem  Sprengel  -). 

Nachdem  die  Glaubwürdigkeit  der  Urkunde  erwiesen  ist,  wäre 
noch  die  Einreihung  festzustellen.  Die  Tagesangabe  fehlt  leider.  Nach 
lucarnationsjahr  und  Incliction  gehört  die  Urkunde  in  das  Jahr  970, 
der  Kaiser  ist  in  diesem  Jahr  von  Januar  bis  etwa  15-  März  in  Pavia, 
dem  in  A  genannten  Ausstellungsort,  nachweisbar.  Das  Kaiserjahr  IUI. 
ist  offenbares  Verderbniss,  die  nächstliegende  Emendation  in  VII  (uii) 
hebt  den  Widerspruch  zu  den  andern  Jahresau  gaben  nicht  auf,  ist  auch 
mit  dem  Ausstellungsorte  nicht  zu  vereinen  •') ;  ist  also  wahrscheinlich 
V  vor  IUI  ausgefallen,  so  würden  alle  Jahresdaten  nach  dem  2.  Febr. 
970  zusammenstimmen,  die  Ausstellung  der  Urkunde  also  zwischen 
2.  Febr.  und   15.  März  fallen. 


An  dem  Inhalt  unseres  Ineditum  interessiert  uns  zunächst  die 
Persönlichkeit  des  verurtheilten  Bernard.  Dass  er  Graf  von  Pavia 
war,  ergibt  sich  aus  folgenden  Thatsachen.  DO.  II.  130  stammt  aus 
dem  Archiv  von  S.  Trinitä  in  Pavia.  Ueber  die  Stiftung  dieser  Probstei 
berichtet  Komualdus  Flavia  Papia  sacra  *)  und  Eobolini  ^)  nach  den 
Aufzeichnungen  Bossi's,  dass  der  Graf  Bernard  von  Pavia  dieselbe  zum 
Dank  für    die  Befreiunc:    aus    grosser   Trübsal    errichtete.     Der  Inhalt 


')  Lupi  CD.  Bergom.  2,  259  vom  J.  961  Nantelmiis  comes  Sepriensis ;  der 
älteste  Beleg  bei  Ficker  ist  von  1014  (Ital.  Forsch.  4,  66  n"  44) ;  das  Grafen- 
geschlecht  scheint  jenes  der  alten  Grafen  von  Mailand  zu  sein. 

-)  Amati  Diz.  corogr.  nennt  ein  Lavena  im  mandamento  Arcisate  und  ein 
anderes  im  mand.  Gavirate,  beide  liegen  in  der  Grafschaft  Seprio.  Allerdings 
finden  wir  auch  im  Val  Camonica  (Prov.  Brescia)  bei  Breno  einen  Ort  namens 
Laveno,  aber  schon  die  übereinstimmende  Namensform  in  A  und  DO.  II.  130 
spricht  für  jenes  im  Comitat  Seprio. 

•')  Otto  kam  im  J.  908  nicht  nach  Oberitalien,  vgl.  Böhmer-Ottenthal 
Reg.  468— 489  a. 

•»)  1,  38. 

*)  Notizie  di  Pavia  2,  243. 


Ein  Ineditum  Ottos  1.  43 

von  DO.  IT.  130,  für  den  sich  Komuald  auf  das  im  Archiv  von  S.  Trinita 
befiudliche  Privileg  Ottos  II.  beruft,  wird  freilich  von  Kobolini  schief 
gedeutet,  wenn  er  schreibt:  essendo  stato  esso  Bernardo  uell'a.  96G 
accusato  a  torto  come  partecipe  di  certa  sedizione  contro  l'imperio 
appresso  Ottone  M.,  perde  egli  la  grazia  dell'  imperatore  e  furouo  tutti 
i  suoi  beni  confiscati.  Aber  die  Thatsache  der  Stiftung  wird  ausser  den 
Angaben  Bossi's  und  Roniualdo's  nicht  nur  durch  die  Provenienz  dieses 
Diploms  gesichert,  sondern  auch  durch  weitere  Mittheilungen  Robolinis, 
wonach  Bernard  in  dieser  Kirche  begraben  lag  und  schliesslich  doit 
verehrt  wurde  ^). 

Die  Familie  Bernards  ist  aber  auch  durch  andere  Angal)en  als  in 
Pavia  ansässig  nachzuweisen.  In  DO.  II.  130  werden  die  oben  er- 
wähnten Güter  an  Bernardus  et  Rodlinda  coraites  zurückgegeben.  Es 
handelt  sich  ja  um  das  eonfiscierte  Gut  der  Gemahlin!  Im  J.  ICOl 
nun  veranlasst  vor  dem  zu  Pavia  unter  persönlicher  Anwesenheit 
Ottos  III.  abgehaltenen  Hofgericht  der  Pfalzrichter  Lanfrank,  dass  „Rolend 
cometissa  ...  et  Ubertus  diacconus  s.  Ticineusis  ecclesie,  filius  b.  m. 
Bernardi  comiti,  mater  et  filia"  die  Erklärung  abgeben,  keinerlei  An- 
recht auf  die  Area  und  den  Besitz  des  Klosters  S.  Salvator  und  Felix 
zu  Pavia  zu  haben  '^).  Also  es  handelt  sich  um  Besitz  zu  Pavia  und 
auch  der  Diacon  übert,  des  Grafen  Bernard  und  der  Rolend  Sohn, 
gehört  dem  Klerus  jener  Stadt  an.  Und  wieder  im  J.  1017  bekunden 
zu  Pavia  Bernardus  comes  filius  b.  m.  Bernardi  qui  fuit  comes,  und 
Vater  und  Sohn  Ubert  (ohne  Titel)  die  Stiftung  eines  Anniversariums 
für  den  verstorbenen  Grafen  Bernard  bei  der  Alexanderkirche  zu 
Bergamo  ^). 

Als  Ursache  der  Güterentziehung  ist  in  A  angeführt,  dass  Bernard 
suo-o-erente  humani  generis  inimico  contra  nostram  fidelitatera  nequiter 
agere  voluisse,  also  Verschwörung  gegen  den  Kaiser.  Diese  Anklage  wird 
auch  in  DO.  II.  130  keineswegs  als  unbegründet  bezeichnet;  die  kaiser- 
liche Kanzlei  erklärt  namens  Ottos  II.  ausdrücklich :  et  omnia  qu^  egit 
circa  sedem  imperii  et  honoris  nostri  ab  eo  repellimus.  Getadelt  wird  nur, 
dass  assidue  sui  (Bernards)  accusatores  circa  sedem  imperii  euntes  et 
eum  frequenter  insidiando  persequentes  numquam  ad  veniam  recupera- 
cionis  predii  ■  (uxoris  suae)  pervenire  meruit;  und  nur  die  Confiscation 
des  Frauengutes  wegen  Verbrechens  des  Mannes  wird  als  gesetzlos 
bezeichnet. 


1)  Nach  Reliquienverzeichnis  von  1236,  Notizie  4»,  395,  vgl.  4^,  256. 

2)  M.  G.  DD.  2,  844  n"  411. 

s)  Lupi  CD.  Bergom.  2,  487;    über  Grafen  von  Pavia   namens  ßernard  y^]. 

auch  Robolini  1.  c.  2,  245. 


44  Ottenthal. 

Also  die  Anklage  ging  nur  gegen  Bernard  allein.  Näheres  über 
seine  Verschwörung  wissen  wir  nicht.  Wenn  Eobolini  sie  in  der  oben 
angeführten  Stelle  auf  die  Autorität  Komualdo's  und  Bossi's  ins  Jahr 
966  setzt,  so  vermögen  wir  nicht  zu  sagen,  ob  seiue  Gewährsmänner 
hierfür  einen  positiven  Haltpunkt  hatten  oder  ob  nur  die  allgemeine 
Kenntnis  von  den  Aufständen  italienischer  Grosser  nach  Ottos  Heim- 
kehr nach  Deutschland  im  Jahre  965  und  von  deren  Bestrafung  auf 
dem  dritten  Zug  nach  Italien  sie  zu  dieser  Angabe  veranlasste. 

In  der  That  möchte  sich  Bernards  Schuld  frühestens  aus  den 
genannten  Jahren  herschreiben.  Unsere  Hauptquelle  über  jenen  Auf- 
stand ist  der  Fortsetzer  des  Chr.  Eeginonis  ^).  Er  meldet  zum  Jahre 
965 :  Eodem  anno  quidam  ex  Langobardis  more  solito  ab  imperatore 
deficiunt  et  Adalbertum  in  Italiam  reducunt.  Gegen  diesen  wird  der 
Schwabeuherzog  Burchard  entsendet,  welcher  den  Gegner  zur  Flucht 
zwingt.  Der  italienische  Erzkauzier  B.  Wido  von  Modena  vulpina 
calliditate  imperatori  se  simulans  fidelem  ipsique  infideles  se  prodi- 
turum  iactitans  kommt  als  Gesandter  Adalberts  nach  Sachsen  und 
wird  auf  dem  Kückweg  gefangen  gesetzt.  960  will  der  fränkische 
Graf  Udo  coniurationem  cum  Adalberto  .  .  .  habens  zur  Blendung 
Waldos  von  Como  nach  Italien  ziehen,  wird  aber  als  Hochverräther 
aus  dem  Eeich  verbannt.  Dann  betritt  der  Kaiser  selber  Italien, 
Sigolfum  Placentinum  episcopum  quosdamque  ex  comitibus 
Italicis  propter  Adalbertum  priori  anno  a  se  deficientes  in  trans- 
alpinas  partes  .  .  .  cnstodiendos  direxit.  Zu  diesen  exilirten  Grafen 
könnte  nun  auch  Bernard  von  Pavia  gehört  haben.  Dass  ein  Theil  von 
dessen  Gut  erst  970  verschenkt  wurde,  beweist  nichts:  dem  Grafen 
Guntram  von  Breisgau  war  sein  Besitz  am  7.  August  952  confisciert 
worden,  Otto  vergabte  einzelne  Theile  desselben  zwei  Tage  später, 
andere  953,  958,  959,  ja  noch  962 !  2) 

Aus  den  Jahren  966 — 970  ist  uns  über  weitere  Aufstände  in 
Oberitalien  nichts  berichtet;  das  schliesst  allerdings  nicht  aus,  dass 
dennoch  solche  stattfanden.  Ich  erinnere  an  Liudprands  Erzählung  3), 
dass  Adalbert.  im  Sommer  968  dem  Kaiser  Nikephoros  meldet,  er  habe 
8000  Gepanzerte  zur  Bekämpfung  Ottos  bereit,  wobei  doch  wohl  an 
Adalberts  alte  Freunde  in  Italien  gedacht  werden  muss ;  wir  wissen  nichts 
über  den  Fortgang  der  Unternehmung^),  sie  scheint  im  Keime  erstickt 
worden  zu  sein.    Der  auf  versuchten  Hochverrath  Bernards  hindeutende 


')  M.  G.  SS.   1,  627,  Schulausgabe  ed.  Kurze  175. 

2)  Böhmer-Ottenthal  Reg.  217  a,  218,  232,  256,  26S,  313. 

3)  Legatio  Const.  c.  30,  M.  G.  SS.  3,  353,    Schulausgabe  etl.  Dümmler  179. 
^)  Vgl.  Reg.  485  ^ 


Ein  Ineditum  Ottos  L  45 

Ausdruck    (nequiter    agere    voluisse)    würde    auch    hiermit   sich  wohl 
vereinen. 

Auch  über  die  Motive  Beruards  erfahren  wir  aus  den  beiden 
Urkunden  nichts.  Aber  nicht  übersehen  darf  mau,  glaube  ich,  das 
verwandtschaftliche  Verhältnis,  in  welchem  Bernard  mit  K.  Adalbert 
resp.  mit  dessen  Mutter  Willa  stand  und  zwar  durch  seine  Gemahlin 
Rodlinda,  wie  sie  DO.  II.  130  heisst.  In  DO.  III.  411  ist  dieselbe  be- 
zeichnet als  Roleud  cometissa  filia  b,  m.  domni  Ugoni  regis  ^).  Das 
Verwandtschaftsverhältnis  dürfte  ich  am  einfachsten  durch  folgendes 
Schema  klar  machen  können. 
].  Thiebald  v.  Provence       Bertha  Tochter  Lothars  IL       2.  Adalbert  von  Tuscien 


Boso  von  Tuscien      K.  Hugo      Rotrud       Innengard      Adalbert  von  Ivrea      Gisla 

•,J.„  Rodlind     Bernard  td        '        rr 

VVilia  ^.^,_  Berengar  IL 

Adalbert 

Bernard  war  also  durch  seine  Gemahlin  direct  Geschwisterkind  mit 
Königin  Willa,  und  wenn  man  ausseracht  lässt,  dass  Bereugar  II.  nur 
ein  Stiefsohn  Irmgards  war  —  wie  so  ehrgeiziger  Schmuggel  gegen- 
über vornehmer  Verwandtschaft  ja  auch  heutzutage  blüht  —  auch  mit 
Berengar  II.  selber.  Welche  Rolle  aber  verwandtschaftliche  Beziehungen 
in  Italien  sowohl  unter  dem  Regiment  Hugos  und  Berengars,  als  auch 
später  wieder  spielten,  ist  allbekannt.  Mir  würde  diese  Verwandt- 
schaft als  genügender  Grund  für  Bernards  politische  Haltung  er- 
scheinen. Der  Gegensatz,  welcher  zwischen  Hugo  und  Berengar  um 
den  Besitz  des  oberitalienischen  Thrones  bestanden  hatte,  trat  uaturgemäss 
zurück,  seitdem  ein  auswärtiger,  beiden  Sippen  fernstehender  Herrscher 
das  Reich  an  sich  genommen.  Gegenüber  der  gemeinsamen  Schädi- 
gung ihres  Einflusses  und  ihrer  Einnahmequellen  lag  es  nahe,  dass 
sie  sich  nur  mehr  als  Veiwandte  fühlten.  Es  mag  da  auch  noch  er- 
innert werden,  dass  Adelheid  wohl  die  Verschenkung  von  Bernards  und 
Rodlinds  Gut  befürwortete,  die  Rückerstattung  dagegen  ihre  Rivalin  2) 
Theophanu. 

Die  Schenkung,  welche  K.  Hugo  945  seiner  Tochter  Rodlind 
machte  3),  geht  zugleich,  ja  in  erster  Linie  an  Rotruda.  Sie  wird  durch 
keinen  Titel  charakterisiert,  wir  haben  aber  in  ihr  ohne  Zweifel  Rod- 


>)  Sie  dürfte  Bernard  als  zweiten  Gatten  geheiratet  haben,  da  K.  Hugo  945 
seine  Tochter  Rodlind  als  Gemahlin  eines  Grafen  Elisiardus  bezeichnet.  CD.  Langob. 
981  no  575. 

2)  Vgl.  Kehr  in  Sybels  Zeitschrift  66  (1891),  423  fi. 

^)  Vgl.  oben  Anm.  1. 


Aß  Ottenthai. 

linds  Mutter  zu  sehen,  üeber  diese  Freundin  K.  Hugos  berichtet  Liud- 
praud  Antap.  1.  III.  c  39,  dass  sie  die  Tochter  Walperts,  des  praepoteus 
iudex  von  Pavia  war  und  dass  dessen  Macht  gerade  darauf  beruhte, 
dass  er  Kozam  gnatam  suani  Gilleberto  comiti  palatii  coniugio  socia- 
verat;  1.  IV  c.  13  ^)  zählt  er  unter  den  Concubinen  Hugos  auf:  Eozam 
deiüde,  Walperti  superius  memorati  filiam,  quae  ei  mirae  pulcritudinis 
peperit  uatam.  Dieser  Gillebertus  aber  ist  niemand  anderer  als  Pfalz- 
graf Giselbert  von  Bergamo,  der  Grossvater  des  Empfängers  von  A  2), 
denn  im  Jahr  959  macht  Eotruda  que  et  Raza  comitissa  b.  m,  Walperti 
iudicis  filia  et  relicta  quondam  Giselberti  comitis  palatii  eine  Schen- 
kung an  S.  Alexander  zu  Bergamo  für  ihres  Gemahls  und  ihres  Sohnes 
Lanlrauk  Seelenheil  ^). 

Ich  glaube  nun  ohne  weiteres  annehmen  zu  dürfen,  dass  König 
Huo-o  nur  eine  Tochter  namens  Rodlind  oder  Rolend  gehabt  habe,  dass 
die  Gemahlin  des  Grafen  Elisiardus  und  jene  des  Grafen  Bern ard  eine  und 
dieselbe  Person  sei,  eben  der  Sprössling  der  Rotrud,  deren  Name  in 
Rodlind  widerklingt.  Unter  dieser  Voraussetzung  ergibt  sich,  dass 
durch  A  ein  Theil  des  Erbgutes  der  Rodlind  an  ihren  Stiefneffen,  den 
Enkel  der  Rotrud  aus  deren  rechtmässigen  Ehe  kam.  Eine  solche 
Zuwendung  ist  sehr  begreiflich,  aber  auf  der  anderen  Seite  nicht  minder 
der  besondere  Hass,  welchen  die  Grafen  von  Pavia  gegen  jene  von 
ßero-amo  hegten,  welcher  seinen  Ausdruck  findet  in  den  ausser  der 
Kanzlei  aufgezeichneten  Worten  von  DO.  II.  130 :  assidue  eins  accusa- 
tores  circa  sedem  imperii  euntes  et  eum  frequenter  insidiando  perse- 
quentes. 

Da  nun  der  ältere  Pfalzgraf  Giselbert  bereits  vor  935  starb  *),  so 
wäre  es  möglich,  dass  auch  Theile  der  Morgeugabe  Rotruds  an  Rodlind 
gekommen  und  diese  eben  in  A  an  die  Grafen  von  Bergamo  zurück- 
gestellt worden  wären,  so  dass  also  der  jüngere  Graf  Giselbert  die- 
selben zu  gleichem  Recht  wieder  empfieng,  wie  sie  einst  sein  Gross- 
vater innegehabt  hatte.  Wegen  dieser  Möglichkeit,  die  ich  freilich 
keineswegs  auch  als  eine  Wahrscheinlichkeit  bezeichnen  möchte,  habe 
ich  beim  Abdruck  in  Anm.  f  nicht  mit  voller  Bestimmtheit  Giselbertus 
als  Versehen  für  Bernardus  bezeichnen  wollen. 

1)  M.  G.  SS.  3,  311.  319,  Schulausgabe  70.  86. 

2)  unser  Giselbert  bezeichnet  sich  in  einer  Urkunde  von  993  als  filius 
Lanfranci  comitis  palatini,  Lupi  CD.  Bergom.  2,  395,  Rotrud  dagegen  bekennt  in 
der  Urkunde,  welche  in  der  folgenden  Anm.  citiert  ist,  dass  sie  von  Giselbert 
einen  Sohn  namens  Lanfrank  hatte. 

3)  Lupi  CD.  Bergom.  2,  247,  CD.  Langob.  1089  n«  634. 

•»)  So  Dümmler  7x1  Liudprand  Antap.  p.  70  Anm.  4  ohne  Beleg,  jedenfalls 
ist  945  Lanlrank  an  der  Stelle  des  Vaters,  Fickcr  Ital.  Forsch.  1,  313. 


Ein  Ineditum^Ottos  I.  47 

Was  nun  den  tliatsäclilichen  Erfolg  unserer  beiden  Urkunden  an- 
langt, so  ist  Gropello  wirklich  in  den  Besitz  der  Grafen  von  Pavia 
gekommen ;  die  von  ihuen  gestiftete  Probstei  S.  Trinita  wurde  nach 
Bossi  und  Romualdus  i)  u.  a.  mit  Schloss  Gropello  ausgestattet.  In  Fari- 
nate  dagegen,  das  in  DO.  IL  130  ebenfalls  als  restituiert  TDezeichnet 
ist,  und  zwar  im  castellum  vetus  daselbst,  stifteten  die  Grafen  von 
Bergamo  vor  1114  ein  Frauenkloster  -).  Gerade  dieser  Umstand  scheint 
mir  die  Deutung  Fiermate  ^=  Fariuate  zu  eiuer  sehr  wahrscheinlichen 
zu  machen.  Es  belassen  also  entweder  die  Grafen  von  Bergamo  auch 
aus  andern  ßechtstiteln  Besitz  in-  Fariuate,  oder  was  mir  viel  wahr- 
scheinlicher ist,  es  fand  über  diesen  Besitz  ein  gütlicher  Austrag 
zwischen  beiden  Geschlechtern  statt.  Leider  sind  Besitzverzeichnisse 
ebensowenig  von  S.  Trinita  wie  vom  Kloster  zu  Fariuate  bekannt.  Von 
letzterem  besitzen  wir  die  Bulle  Paschais  II.  von  1114  April  14,  mit 
welcher  er  die  Stiftung  bestätigt  und  unter  päpstlichen  Schutz  stellt, 
die  Besitzungen  sind  aber  nicht  aufgezählt  ^j.  Auf  zwei  weitere  Be- 
stätigungen von  Calixt  II.  und  Innocenz  IL  verweist  Lupi  blos,  ohne  den 
Wortlaut  derselben  zu  kennen.  Der  Cod.  Baluze  17  enthält  nur  die 
Bullen  Paschais  und  Innocenz'. 

Dass  in  einer  solchen  fast  durchaus  geistlichen  Archiven  entnom- 
menen Sammlung  auch  unser  Ineditum  überliefert  ist,  führt  mich  zu 
dem,  wie  ich  glaube,  recht  naheliegenden  Schluss,  dass  auch  A  dem 
Klosterarchiv  von  Fariuate  entstamme  und  dass  es  dahin  aus  analogen 
Gründen  gekommen  sei,  wie  DO.  IL  130  iu  das  Archiv  von  S.  Tri- 
nitä  kam. 


1)  Vgl.  p.  42  Anm.  4. 

2)  Vgl.  die  folgende  Anm. 

s)  Lupi  CD.  Bergom.  2,  885;  hier  und  Ronchetti  Mem.  di  Bergamo  3,  22 
dürftige  Mittheilungen  über  die  Schicksale  dieses  Klosters,  die  für  uns  ohne 
weitem  Belang  sind. 


Die  angebliche  Erinordimg  des  Herzogs  Ludwig 
von  Baiein  diircli  Kaiser  Friedricli  IL  im  J.  1231. 

Von 

E.  Winkelmann. 


Man  kann  nicht  behaupten,  dass  durch  die  vielfache  Behandlung, 
die  in  neuester  Zeit  der  Fiage  zu  Tlieil  wurde,  wer  die  Ermordung 
des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  am  15.  September  1231  ^)  angestiftet 
und  was  zu  ihr  Veranlassung  gegeben  habe,  mehr  Klarheit  als  früher 
in  die  Sache  gebracht  worden  ist.  Man  wird  aber  auch  von  vorne- 
herein zugestehen  müssen,  dass  es  nach  Lage  der  Dinge  kaum  möglich 
war,  da  selbst  diejenigen  Quellen,  welche  in  Bezug  auf  sie  scheinbar 
ganz  positive  Nachrichten  bringen,  thatsächlich  doch  nur,  wie  wir 
sehen  werden,  Muthmassungen  geben  und  geben  konnten,  wenn  sie 
auch  von  der  Wahrheit  derselben  überzeugt  waren.  Es  gilt  das  ganz 
besonders  von  dem  Antheile,  den  sie,  die  bairischen  Quellen  fast  aus- 
nahmslos, dem  Kaiser  Friedrich  IL  an  der  Ermordung  zuschreiben, 
meist  mit  solcher  Bestimmtheit,  dass  auch  das  Urtheil  vieler  neueren 
Geschichtsforscher  dadurch  mehr  oder  minder  beeinfiusst  worden  ist, 
während  eigentlich  nur  Eaumer  und  Schirrmacher  in  seinem  „Kaiser 
Friedrich  IL"  Bd.  I,  197  und  neuerdings  sein  Schüler  Lindemann 
in  einer  Rostocker  Dissertation  (,,Die  Ermordung  Herzog  Ludwigs 
von  Baiern  und  die  päpstliche  Agitation  in  Deutschland"  1892)  den 
gegen  den  Kaiser  erhobenen  Verdacht  abzuweisen  versucht  haben. 
Ich  selbst  fasste  1863  in  meiner  Gesch.  K.  Friedr.  IL  Bd.  I,  399  Anm. 


')  Der  Tag  lässt  sich  nicht  ganz  sicher  bestimmen.  Gegenüber  dem  ge- 
wöhnlich angenommenen  16,  hat  Riezler  II,  59  sich  für  den  15.  September 
entschieden. 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  49 

meine  damalige  Ansiclit  im  Anschlüsse  an  die  Bölimers  dahin  zu- 
sammen, dass  die  Schuld  Friedrichs  mehr  als  wahrscheinlich  sei,  und 
auf  dasselbe  Urtheil  kommen  auch  die  Ausführungen  Döllingers  in 
einer  1864  gehaltenen  Kede  (Akad.  Vorträge  III,  194  ff.)  und  die 
kürzeren  Erörterungen  ßiezlers  im  II.  Bande  seiner  bairischen  Ge- 
schichte hinaus.  Wegen  der  Tragweite  der  Frage  fühlte  ich  mich 
jedoch  bei  der  Neubearbeitung  meiner  Geschichte  Friedrichs  verpflichtet, 
nochmals  sorgsam  zu  prüfen,  ob  denn  das  vor  mehr  als  30  Jahren 
Ausgesprochene  wirklich  Berechtigung  habe.  Komme  ich  jetzt  zu  dem 
entgegengesetzten  Ergebnisse,  muss  ich  mich  vielfach  selbst  wider- 
legen, und  in  der  Hauptsache,  wie  in  vielen  Einzelheiten,  mich  jetzt 
gegen  Böhmer,  Döllinger  und  ßiezler  für  Kaumer,  Schirrmacher  und 
Lindemann  erklären,  so  mag  man  darin  einen  Beweis  sehen,  dass  ich 
mit  völliger  Unbefangenheit  an  die  Untersuchung   herangetreten  bin. 

Welches  Aufsehen  das  Ereigniss  machte,  ist  aus  den  zahlreichen 
Erwähnungen  desselben  in  den  Annalen  der  Zeit  zu  schliesseu.  Aber 
die  meisten  sind  in  fast  befremdender  Weise  ganz  kurz  gehalten:  sie 
begnügen  sich  zu  sagen,  dass  der  Herzog  von  einem  Banditen  (sicarius 
und  ähnlich;  sterharius  in  der  Cont.  pred.  Vindob.,  M.  G.  SS.  IX,  727) 
mit  einem  Messer  oder  Dolche  (Ann.  Marbac.  ib.  XVII,  176:  cultello 
preacuto,  quem  nos  possumus  appellare  sicam)  erstochen  worden  sei. 
So  Ann.  Scheftlarn.  ib.  p.  339  (mit  dem  16.  Sept.);  Ann.  S.  Stephani 
Frising.  ib.  XIII,  56;  Ann.  Mellic.  ib.  IX,  507.  Cont.  Lambae.  ib. 
p.  558;  Cont.  S.  Cruc.  prima  ib.  p.  627,  tertia  p.  637.  Ann.  Sahsb.  ib. 
p.  784  (presente  familia  sua)  und  darnach  (zum  Theil)  Herm.  Altah. 
ib.  XVII,  391  und  Hist.  episc.  Patav.  ib.  XXV,  627;  endlich  noch 
kürzer  Ann.  Ensdorf.  ib.  X,  5.  Ann.  Saxon.,  ib.  XVI,  431.  Ann.  Mogunt. 
ib.  XVII,  2.  Ann.  Colmar.  min.,  ib.  p.  189.  Aus  diesen  Annalen  ist 
also  für  unseren  Zweck  nichts  zu  lernen.  Verhältnismässig  wenige 
Quellen  bringen  nun  aber  scheinbar  genaue  Angaben  über  die  Persön- 
lichkeit und  das  Schicksal  des  Mörders  und  die  Veranlassung  seiner 
That  und  diese  zerfallen  nach  dem  Inhalte  ihrer  Mittheilungen  in  drei 
Gruppen  i),  von  denen  die  erste 

I.  vollständiges  Dunkel  über  den  Mörder  und  seinen 
Zweck  walten  lässt.  Während  sonst  es  wohl  heisst,  dass  der  Mord  a 
quodam  ignoto  (so  Ann.  Scheftl.,  Salisb.),  a  quodam  sicario  (Albr.)  u.  s.  w. 
geschehen   sei,    erklärt   die    Sächsische   Weltchronik   Kap.  376,   M.  G. 


*)  Ich  schliesse  mich  hier  im  Allgemeinen  der  von  Lindemann  S.  78  ge- 
wählten Eintheilung  der  Quellen  an,  die  sich  aber  etwas  vervollständigen  lassen. 
Ueber  die  von  Aventin  gegebenen  drei  verschiedenen  Versionen  in  betreff  des 
Mörders  und  seiner  Motive  s.  Riezler  II,  60. 

Mittheiluugen.  XVII,  4 


50  E.  Winkel  mann. 

Deutsche  Chroniken  II,  248,  weshalb  er  unbekannt  geblieben  ist :  van 
eneme  manne,  de  wart  dot  geslagen,  unde  ne  wiste  neman  rechte,  we  he 
was  (Hist.  irap.  bei  Mencken  III,  125:  idemque  captus  et  occisus,  quis 
vel  unde  fuit,  quilibet  ignoravit),  und  Ann.  Stad.,  M.G.  XYI,  361  sagen: 
sed  ille  uisus  fugere,  trucidatur.  Das  ist  ein  ganz  natürlicher  Hergang 
und  den  meisten  bairischen  Annalen  hat  gleichfalls  wohl  kein  anderer 
vorgeschwebt,  da  gerade  sie  schwerlich  es  verschwiegen  haben  würden, 
wenn  sie  irgend  etwas  Genaueres  über  das  Ende  ihres  Herzogs  in 
Erfahrung  gebracht  hätten. 

Aber  gerade  weil  sich  nun  Herkunft  und  Zweck  des  Mörders 
nicht  mehr  feststellen  Hess,  war  den  abenteuerlichsten  Gerüchten  Thür 
und  Thor  geöffnet,  während  auffälliger  Weise  an  die  nächstliegende 
Erklärung  der  That,  dass  ihr  nämlich  Privatrache  zu  Grunde  liegen 
könnte.  Niemand  gedacht  zu  haben  scheint,  eine  solche  Erklärung  sich 
wenigstens  nirgends  findet.  Kindlich  ist  die  Auffassung  des  Christianus 
de  calamit.  eccle.  JMogunt.  M.  G.  SS.  XXV,  247,  dass  die  Ermordung 
Ludwigs  eine  Strafe  des  Himmels  dafür  war,  dass  er  sich  vor  ,30  Jahren 
der  Hinterlassenschaft  seines  Oheims,  des  Kardinalerzbischofs  Konrad 
von  Mainz,  bemächtigt  habe.  Aber  lauge  vorher  war  schon  eine  Ver- 
muthung  aufgetreten  und  in  einer  zweiten  Gruppe  von  Quellen  zu 
Worte  gekommen,  die  die  That  scheinbar  aufs  Einfachste  erklärte, 
nämlich  damit,  dass 

IL  der  Mörder  ein  Assassine  gewesen  sei:  der  „Alte 
vom  Berge",  das  Oberhaupt  der  Ismaeliten  des  Libanons,  habe  einen 
seiner  Assassinen  zur  Ermordung  Ludwigs  abgeschickt.  Aber  dass 
diese  Vermuthung  aufgestellt  wurde,  lag  doch  nicht  so  nahe,  wie  viel- 
fach behauptet  worden  ist.  Es  ist,  wie  Döllinger  S.  207  vollkommen 
mit  Recht  hervorhebt,  keineswegs  richtig,  dass  man  damals  im  Abend- 
lande alle  räthselhaften  Morde  schlechtweg  dem  Alten  vom  Berge  in  die 
Schuhe  geschoben  habe,  und  auch  darin  muss  man  Döllinger  beistimmen, 
dass  vielmehr  der  Mord  des  Baieruherzogs  der  einzige  ist,  der  in  Europa 
von  Zeitgenossen  den  Assassinen  zur  Last  gelegt  wurde,  während  man 
allerdings  im  Oriente  mit  solcher  Erklärung  leichter  bei  der  Hand  war. 
Wie  es  nun  gekommen  sein  mag,  dass  man  auf  den  Fall  Ludwigs  von 
ßaiern  die  gleiche  Erklärung  anwandte,  wird  sich  schwer  ausmachen 
lassen  i),  wenn  man  nicht  mit  Döllinger  S.  206  von  vorne  herein  an- 
nehmen will,  dass  der  Mörder  wirklich  ein  Orientale  gewesen  sei,  „dass 


*)  Ich  möchte  glauben,  dass  die  Veranlassung  durch  die  grosse  Aehnlichkeit 
jm  Hergange  der  Ermordung  Ludwigs  mit  der  Konrads  von  Montferrat  gegeben 
wurde,  welch  letztere  auch  in  Europa  gewaltiges  Aufsehen  gemacht  hatte. 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  51 

Hautfarbe,  Physiognomie,    Besehneidung  eine  Verwechslung  nicht  zu- 
liessen",  von  welchen  Dingen  freilich  in  keiner  Quelle  die  Kede  ist,  und 
dass  es  überall,  geschweige  in  der  Umgebung  des  Herzogs,  der  selbst 
einen  Kreuzzug  gemacht   hatte,    „eine  Menge  von  Menschen  gab,    die 
in    Palästina    gewesen    waren    und    einen    Syrier  wohl    zu    erkennen 
wussten".     Dies  Letztere  ist  ohne  Weiteres   zuzugeben.     Trotzdem   ist 
Döllingers  Ausführung   hinfällig,    weil   keineswegs    feststeht,    dass  der 
Mann  so  aussah,  dass  er  für  einen  Orientalen  bez.  für  einen  Assassinen 
sehalten    werden    musste   und   als  solcher    auch    thatsächlich   erkannt 
worden  ist.     Die  erste  Gruppe  von  eingehenderen  Quellen  weiss,    wie 
gesagt,  davon  nicht  das  Geringste,  und  innerhalb  der  zweiten  tritt  die 
Angabe,    dass   der  Mörder  ein  Assassine   gewesen    sei,    zunächst   auch 
nur  als  eine  Möglichkeit,  nicht  als  positive  Thatsache  auf.    Denn  wenn 
die  Ann.  Marbac.  1.  c,,  die  den  Mord  überhaupt  am  ausführlichsten  behan- 
deln,   ihn    geschehen  lassen:  a  quodam  persona,    ut  dicebatur,    vili  et 
ignota,  quales  mittere  solet  quidam  potens,  qui  dicitur  Senior  de  Mon- 
tania,    so  gestehen   sie   auch   sofort  zu,    dass  dies  eben  nur  eine  Ver- 
muthung  sei,   indem  sie  fortfahren:    Comprehenso    autem   interfectore, 
cum  multis  suppliciis  torquerent  eum  et  cogerent  ad  confitendum,  cuius 
instinctu  vel  iussu  tantum  facinus  attemptare  presumpsissel,  nichil  ab 
eo  poterant  extorquere.    Et  sie  per  omnia  membra  laniatus  et  discerptus 
periit.     Ich  will  jetzt  nicht   darauf  Gewicht   legen,    dass  die  Marb.  in 
diesem  Theile  jedenfalls  nicht  gleichzeitig  sind,  dass  sie  mit  ihrer  Er- 
zählung  von    der   nachträglichen  Folterung   des  Mörders    ganz   allein 
stehen,    und    dass   die  Angaben    der    ersten  Quellengruppe  von  seiner 
sofortigen  Tödtung  nach  der  That  mindestens  die  gleiche  Glaubwürdig- 
keit beanspruchen   dürfen.     Aber   auch   aus  den  Marbac.  geht  hervor, 
dass  man   nach   der    (angebhcheu)  Folterung  so  klug  war  wie  zuvor, 
d.  h.  nicht  wusste,  woher  der  Mörder  war  und  was  er  gewollt  hatte  i). 
Während  nun  der  Mörder  den  Ann.  Marbac.  ein  Assassine  gewesen  zu 
sein  scheint,  behaupten  allerdings  andere  Quellen  schlechtweg,  dass  er 
ein  solcher  war.    So  Chron.  Sampetr.  ed.  Stübel  p.  71 :  a  servo  cuiusdam 
geutilis,  qui  dicitur  Senior,  und  Albricus,  M.  G.  SS.  XXIII,  929:  Dux 
Bawarie  Lud.  a  qüodam   sicario  Assacino    occiditur   a  Veteri  de  Mon- 

1)  Böhmer,  der  an  der  Schuld  des  Kaisers  festhält,  fragt  freilich  BFW.  lllOl^* 
in  Bezug  auf  die  Marb.:  , Konnte  denn,  solange  noch  der  Kaiser  in  Ansehen 
stand,  das  ihn  etwa  gravierende  Resultat  der  Untersuchung  veröffentlicht  werden?* 
So  byzantinische  Rücksichten  hat  die  Zeit  nicht  gerade  genommen:  Böhmer  führt 
selbst  eine  Menge  von  Stellen  an,  in  denen  der  Kaiser  geradezu  der  Anstiftung 
geziehen  wird.  Die  Marbac.  aber  sagen  ja  ausdrücklich,  dasa  der  Mörder  trotz 
der  von  ihnen  vorausgesetzten  Folterung  nichts  gestanden  habe:  wie  hätten  sie 
ihrerseits  also  mehr  wissen  oder  sagen  können? 

4* 


52  E.  Winkelmann. 

tana  transmisso.  Qiiod  audiens  rex  Hungarie  eidem  Veteri  multa  trans- 
misit  in  auro  et  argento  xenia  et  eius  gratiam  impetravit  et  obtinuit. 
Man  sieht,  wie  das,  was  ursprünglich  nur  ein  Gerücht  war,  sich  bei 
seiner  weiteren  Verbreitung  für  gewisse  Leute  in  eine  Thatsache  ver- 
wandelt hat;  aber  man  wird  auch  beachten  müssen,  dass  in  diesen 
Schriften  über  den  Grund,  den  der  Alte  von  Berge  zu  seinem  Vorgehen 
gegen  den  Herzog  gehabt  haben  könnte,  noch  nicht  das  Geringste 
gesagt,  also  auch  nicht  der  Kaiser  für  dasselbe  verantwortlich  gemacht 
wird,  obwohl  zu  der  Zeit,  da  Albricus  schrieb,  das  Gerede  von  seiner 
Anstiftung  schon  so  weit  verbreitet  war,  dass  die  dritte  Quellengruppe, 
in  der  es  zum  Ausdrucke  kam,  die  zahlreichste  ist. 

III.  Der  Kaiser  ist  Anstifter  des  Mordes.  Man  hatte 
zwar  keinen  Beweis  für  eine  solche  Behauptung;  doch  gaben  zwei 
Thatsachen  vielen  unverkennbar  Anlass,   sie  für    begründet  zu  halten. 

Die  eine  ist  die,  dass  Friedrich  in  der  That  seit  seinem  Kreuz- 
zuge mit  den  Ismaeliten  des  Libanons  Beziehungen  unterhielt.  Er 
hatte  aus  Anlass  desselben  mit  ihnen  Briefe  und  Geschenke  gewechselt, 
und  noch  im  Sommer  1232  sollen  nach  Chron.  reg.  Colon,  ed.  Waitz 
p.  263  mit  Boten  des  Sultans  von  Damaskus  auch  solche  des  Alten  vom 
Berge  bei  ihm  in  Apulien  gewesen  sein.  Erklären  sich  diese  Bezie- 
hungen zur  Genüge  aus  Friedrichs  IL  syrischer  Politik,  so  mag 
es  daneben  ja  sein,  dass  er,  wie  Döllinger  S.  208  meint  und  wie 
es  nach  Albr.  der  König  von  Ungarn  gethan  haben  soll,  sich  gegen 
etwaige  Anschläge  auf  sein  Leben  von  dieser  Seite  her  zu  sichern 
suchte.  Genug,  man  wusste  oder  wollte  wissen,  dass  er,  der  Ver- 
bündete der  Sultane  von  Damaskus  und  Aegypten,  auch  mit  dem 
Oberhaupte  der  sogenannten  Assassinen  befreundet  sei. 

Die  zweite  Thatsache,  die  zu  der  Entstehung  jenes  Gerüchts  den 
Anstoss  gegeben,  ist  die,  dass  Friedrich,  wie  allbekannt  war, 
Grund  hatte,  auf  den  Herzog  Ludwig  erzürnt  zu  sein :  die  Chron.  reg. 
Col.  will  sogar  wissen,  dass  er  ihn  geächtet  habe.  Es  mag  vielleicht 
auch  bekannt  gewesen  sein,  dass  bis  zu  der  Zeit,  da  der  Herzog  starb, 
noch  keine  förmliche  Aussöhnung  zwischen  ihm  und  dem  Kaiser  selbst 
stattgefunden  hatte,  obgleich  jener  wieder  am  Hofe  des  Kaiserssohnes 
erscheinen  durfte  und  überhaupt  zwischen  diesem  und  den  Wittels- 
bachern  wieder  ein  freundliches  Verhältniss  bestand.  Aber  nicht  zwi- 
schen Ludwig  und  dem  Kaiser. 

Da  lag  es  nun  nahe,  dass  sensationslüsterne  Leute,  und  solche 
hat  es  zu  allen  Zeiten  gegeben  und  gerade  auch  in  den  Klöstern,  aus 
denen  unsere  Berichte  stammen,  jene  beiden  Thatsachen:  des  Kaisers 
Freundschaft  mit  den  Ismaeliten  und  seinen  Groll  gegen  den  Herzog, 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  53 

mit  einander  in  Verbindung  brachten  und  zur  Erklärung  der  sonst 
räthselhaften  Ermordung  des  letzteren  verwendeten,  und  zwar  mit  um 
so  grösserem  Scheine  der  Glaubwürdigkeit,  je  mehr  sich  allmählich 
die  Meinung  festsetzte,  dass  der  Herzog  unter  den  Dolche  eines. 
Assassinen  gefallen  sei. 

Solche  Gedankenverbindung,  die  nothwendig  dazu  führte,  dem 
Kaiser  die  mittelbare  oder  unmittelbare  Anstiftung  zur  That  beizu- 
messen, zeigt  sich  sehr  deutlich  in  der  Chron.  reg.  Colon,  ed.  Waitz 
p.  263  (=Ann.  Colon,  max.,  M.  G.  SS.  XVI,  842):  Lud.  dux.  Baw 
a  quodam  Sarraceno,  nuncio  Vetuli  de  Montanis,  in  medio  suorum 
est  occisus.  Nam  idem  Vetulus  imperatori  confederatus,  multas  iniurias, 
quas  idem  dux  imperatori  intulerat,  intendit  vindicare.  Hoc  autem 
conscientia  imperatoris  creditur  gestum  esse,  quia  Imperator  ipsum 
ducem  paulo  ante  diffidaverat  in  rebus  et  in  persona,  misso  ad 
hoc  nuncio  special!.  Ob  nun  Friedrich  wirklich  den  Herzog  geächtet 
hat  —  wenn  es  geschehen  ist,  kann  es  trotz  des  auf  das  Jahr  1231 
sich  beziehenden  paulo  ante  doch  nur  wegen  seines  Abfalls  1229  und 
bald  nach  Friedrichs  Rückkehr  aus  dem  heiligen  Lande  geschehen  sein 
—  das  lässt  sich  beim  Mangel  anderer  Nachrichten  nicht  verbürgen. 
Würde  dafür  sprechen,  dass  Friedrich  beim  Friedensschlüsse  mit  dem 
Papste  im  Jahr  1230  für  den  Herzog  anscheinend  keine  Amnestie- 
urkunde ausgestellt  hat  wie  für  den  in  gleicher  Lage  befindlichen 
Bischof  von  Strassburg,  so  ist  dem  entgegenzuhalten,  dass  das  im 
Grunde  auch  gar  nicht  nothwendig  war,  da  dem  Herzoge  so  wie  so 
die  allgemeine  im  Frieden  den  Anhängern  des  Papstes  gewährte  Am- 
nestie zu  Gute  kam.  Ausserdem  fällt  ins  Gewicht,  dass  eine  förmliche 
Aechtung  doch  nur  auf  Spruch  eines  Fürstengerichts  hätte  erfolgen 
können,  während  deutsche  Fürsten  sich  zu  Friedrich  erst  im  Winter 
1230  zum  Zwecke  der  Vermittlung  mit  dem  Papste  begaben,  diese 
aber  schwerlich  für  eine  Handlung  zu  haben  gewesen  wären,  die  den 
von  ihnen  erstrebten  Frieden  hätte  erheblich  erschweren,  wenn  nicht 
gar  unmöglich  machen  müssen.  Endlich,  wenn  Heinrich  VIT.  den 
Herzog  an  seinem  Hofe  empfing,  ihm  sogar  einen  vielleicht  recht  be- 
deutenden Einfiuss  auf  die  Regierung  einräumte,  obgleich  derselbe 
noch  nicht  ausdrücklich  vom  Kaiser  zu  Gnaden  angenommen  war  und 
obgleich  nur  erwartet  werden  konnte,  dass  es  demnächst  geschehen 
werde,  so  war  das  doch  etwas  ganz  anderes,  als  wenn  Ludwig  noch 
unter  der  kaiserlichen  Acht  gestanden  hätte.  Aus  diesen  Gründen 
scheint  mir  die  von  der  Chron.  reg.  Col.  gemeldete  Aechtung  Ludwigs 
trotz  des  zu  ihrer  Unterstützung  beigefügten  „  misso  nuntio  special! "  in 
hohem  Grade   unwahrscheinlich.     Aber   man   sieht,    wie    ihr  Verfasser 


54  E.  Winkelmann. 

schliesst:  der  Kaiser  liat  den  Herzog  geächtet;  der  Alte  vom  Berge 
ist  des  Kaisers  Freund,  also  des  Herzogs  Feind;  deshalb  vollstreckt 
er  unter  des  Kaisers  Mit  wissen  die  Acht  i). 

Indessen  für  andere  Annalisten  bedurfte  es  nicht  einmal  der  an- 
geblichen Aechtung,  um  mit.  Hülfe  der  beiden  oben  berührten  That- 
sachen  zu  demselben  Schlüsse  zu  kommen,  dass  nämlich  die  Ermor- 
dung Ludwigs  von  Friedrich  II.  angestiftet  worden  sei.  Dieses  Er- 
gebnis ist  jedoch  immer  nur  eine  Schlussfolgerung  und  wir  haben 
keine  Gewissheit  dafür,  dass  die  Verknüpfung  zweier  an  sich  von 
einander  vollkommen  unabhängiger  Thatsachen,  auf  der  sie  beruht, 
der  Wirklichkeit  entsprochen  hat.  Man  darf  übrigens  annehmen,  dass 
auch  diejenigen  Schriftsteller,  die  nur  von  der  Urheberschaft  des 
Kaisers  reden^  ohne  sein  Werkzeug  beim  Morde  näher  zu  bezeichnen, 
sich  dies  als  einen  Assassinen  gedacht  halien. 

In  diese  Quellengruppe  der  Ankläger    des  Kaisers    gehören   nun: 

Ann.  Scheftlarn  mai.  M.  G.  SS.  XVII,  340,  die  zu  1231  nichts 
von  einem  Antheile  Friedrichs  am  Tode  Ludwigs  wissen,  bemerken  zu 
1235,  dass  er  wegen  desselben  suspectus  habebatur. 

Ann.  Scheftlarn.  min.  ib.  p.  343:  per  nuncios  Friderici. 

Herm.  Altah.  ib.  p.  391  als  Zusatz  zu  der  kurzen  Notiz  der  Ann. 
Salisb.  (s.  0.):  a  quodam  ignoto  pagano  ....  et  hoc  apud  Chelhaim 
insidiis  d.  Friderici  imperatoris  XVI.  kal.  oct.,  (wo  namentlich  auch 
die  Hinzufüguug  des  Wortes  pagano  zu  den  Salisb.  bemerkenswerth  ist). 

Ann.  Stad.  1.  c. :  procurante  imperatore,  obwohl  sie  (s.  o.)  sagen, 
dass  der  Mörder  beim  Fluchtversuche  getödtet  sei,  was  doch  so  viel  ist, 
als  dass  man  nicht  wisse,  wer  und  woher  er  war. 

Ann.  Neresh.,  ib.  X,  23:  a  quodam  Sarraceuo  Montanie  dolo 
imperatoris  occiditur. 

Chron.  S.  Aegidii  Brunsv,,  bei  Leibn.  Scr.  rer.  Brunsvic. :  fecit  per 
Asisinos  occidi  —  und  daraus  Chron.  Sampetr.  p.  84  zu  1252,  während 
es  bei  der  ersten  Erwähnung  des  Ereignisses  zu  1231  den  Kaiser  aus 
dem  Spiele  lässt,  den  Mörder  aber  immerhin  schon  als  Assassinen 
(s.  0.)  bezeichnete. 

Sifr.  de  Balnhusin  M.  G.  SS.  XXV,  703:  ab  Assassinis,  ut  dice- 
batur,  missis  ab  imp.  Frid. 


»)  Wie  Lindemann  S.  86  trotz  der  conscientia  imperatoris  gegen  mich  be- 
streiten kann,  dass  der  Kölner  Chronist  entschieden  den  Verdacht  gegen  den 
Kaiser  theilt,  ist  mir  völlig  unbegreiflich.  Etwas  Schlimmes  scheint  er  allerdigs 
in  dieser  »Mitwissenschalt»  nicht  gefunden  zu  haben;  er  berührt  sich  darin  mit 
dem  Geschichtschreiber  von  St.  Gallen  (s.  u.). 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  55 

Der  Gebrauch  des  Plurals  (ab  Assassinis)  iu  unseren  Quellen,  während 
nachweislich  doch  nur  ein  Einzelner  den  Mord  vollstreckte,  zeigt  uns 
übrigens,  wie  unsicher  ihre  Kunde  über  den  Hergang  war ;  mit  Ausnahme 
der  Scheftlarn.  dürfte  auf  diesen  gebrauch  der  Wortlaut  der  päpstlichen 
Bulle  von  1245  (s.  u.)  von  Einfluss  gewesen  sein,  ebenso  wie  auf  die 
einzige  in  Betracht  kommende  Erwähnung  des  Vorfalls  in  italischen 
Quellen,  nämlich  in  Ann.  S.  Justinae  Patav.  M.  G.  SS.  XIX,  159:  dux 
Bawarie  immemor  patris  sui  a  Friderico  per  Assisinos  interfecti. 

Endlich  gehört  iu  diese  Gruppe  noch  die  Cont.  pred.  Yindob. 
M.  G.  SS.  IX,  727  (darnach  wohl  Chron.  Aurea  in  Hormayrs  Archiv 
1827  S.  432):  nutu  irap.  Frid.,  aber  mit  der  bemerkenswerthen  Be- 
gründung, auf  die  noch  zurückzukommen  sein  wird:  quia  procuravit 
filium  in  patrem. 

Sämmtliche  bisher  angeführte  Quellen  können,  namentlich  wenn 
wir  dessen  eingedenk  bleiben,  wie  und  wo  solche  Annalen  u,  s.  w. 
entstanden,  natürlich  nicht  im  Geringsten  beweisen,  dass  Friedrich  IL 
wirklich  einen  mehr  oder  minder  grossen  Antheil  am  Morde  Ludwigs 
gehabt  hat,  sondern  nur  das  Eine,  dass  in  weiten  Kreisen  der  Glauben 
an  seine  Urheberschaft  verbreitet  war,  trotzdem  als  festgestellt  zu  be- 
trachten ist  und  auch  von  anderen  Zeitgenossen  gewusst  wurde,  dass 
der  Mörder  keine  Aussage  gemacht  hatte. 

Ganz  anderes  Gewicht  als  jene  Behauptungen  dürftig  unterrichteter 
Mönche,  die  ihr  Ohr  nur  zu  gern  einem  aufregenden  on  dit  liehen  und 
dieses  weiter  trugen,  hat  aber  die  Darstellung  des  Conr.  de  Fabaria,  M.  G. 
SS.  II,  181 ;  ed.  Meyer  v.  Knonau  p.  243,  der  die  Fabel  von  dem  Assas- 
sinen  nicht  keuut  oder  nicht  glaubt,  trotzdem  aber  mit  dürren  Worten 
den  Kaiser  der  unmittelbaren  Anstiftung  des  Mordes  zeiht:  Reconciliato 
imperatore  cum  Romano  pontifice,  cum  didicisset  pro  certo  couspirationis 
facte  contra  ipsuin  ducem  Bawarie  caput  caudamque  refrenauteui,  misso 
sicario  violeutissimo,  qui  suam  vitam  pro  morte  ducis  non  timeret  opponere, 
ipsum,  prout  male  gesserat,  pugione  fecit  occidi.  Verschiedene  Umstände 
tragen  dazu  bei,  dieser  Anklage  ein  so  grosses  Gewicht  zu  geben,  dass, 
wie  ich  selbst  früher  daraufhin  die  Schuld  des  Kaisers  für  mehr  als 
wahrscheinlich  erklärte,  so  auch  Riezler  II,  61  namentlich  wegen  dieses 
Zeugnisses  sein  Urtheil  dahin  zusammenfasst,  „dass  wir  uns  der  Wucht 
des  Verdachtes  nicht  entziehen  können,  mit  dem  die  Zeitgenossen  den 
Kaiser  belasteten''.  Man  bedenke:  Konrad  von  Pfäffers  ist  dem  Kaiser 
sonst  durchaus  freundlich  gesinnt  und  er  giebt  in  der  Lebensbeschrei- 
bung des  Abts  von  St.  Gallen,  Konrad  von  Bussnang,  der  obige  Stelle 
angehört,  ersichtlich  die  Ansichten  und  Mittheilungen  desselben  wieder; 
der  Abt  selbst  aber  ist  Mitglied  des  königlichen  Raths,  fast  fortwährend 


56  E.  W  i  n  k  e  1  m  a  n  u. 

am  Hofe  Heinrichs  VIL  und  von  diesem  zu  den  wichtigsten  Auge- 
legenheiten  verwendet,  so  dass  wir  in  dem,  was  er  über  unsern  Fall  seinem 
Biographen  mitgetheilt  hat,  wohl  unbedenklich  den  Ausdruck  der 
überhaupt  am  Königshofe  gang  und  gäbe  gewordeneu  Meinung  er- 
blicken dürfen.  Selbstverständlich  ist  nicht  daran  zu  denken,  dass 
der  Kaiser,  wenn  er  wirklich  einen  Autheil  an  der  Mordthat  gehabt 
haben  sollte,  davon  gerade  seinem  Sohne,  der  ihm  obendrein  augen- 
blicklich in  hohem  Grade  missfällig  geworden  war,  Mittheilung  ge- 
macht haben  sollte  —  das  ist  ohne  Weiteres  Lindemann  S.  91  zuzu- 
geben. Aber  darum  bleibt  das  Gewicht  gerade  dieser  Anklage  doch 
ein  sehr  schweres.  Es  ist  immerhin  die  Umgebung  des  Sohns,  die  so 
über  den  Vater  redet  und  zwar  mit  voller  Billigung  seiner  angeblichen 
That,  an  der  man,  so  wenig  wie  der  Kölner  Chronist  (s.  o.  S.  53  A.) 
irgend  etwas  Auffallendes  findet,  also  nicht  etwa  in  der  Absicht,  ihm 
etwas  schlechtes  nachzusagen.  Im  Gegentheil:  Konrad  von  Pfäffers 
und  gewiss  ebenso  sein  Gewährsmann,  der  Abt,  ist  offenbar  von  diesem 
Ausgange  Ludwigs  höchst  befriedigt:  war  letzterer  doch  der  persön- 
liche Feind  des  Abts  und  sein  Nebenbuhler  um  den  Einfiuss  auf  den 
König  gewesen!  Bei  Konrad  ist  also,  wie  Döllinger  S.  206  ganz 
richtig  betont,  „nicht  von  einem  Gerüchte  oder  allgemeinem  Glauben 
die  Kede,  sondern  die  Sache  wird  als  einfache,  unzweifelhafte  That- 
sache  berichtet",  als  die  gerechte  Strafe  eines  Kebellen.  Der  Kölner 
Chronist  hatte  noch  ein  „creditur"  für  nöthig  gehalten.  Hier  findet  sich 
nicht  die  leiseste  Andeutung  eines  Zweifels. 

In  der  Person  Konrads  von  Pfäffers  oder  vielmehr  des  hinter  ihm 
stehenden  Abts  erhebt  sich  also,  obwohl  er  es  nicht  sein  will,  ein  An- 
kläger gegen  Friedrich  IL,  der  alle  Anderen  an  Bedeutung  weit  zu 
überragen  scheint.  Einen  Beweis  für  seine  Anklage  kann  freilich  auch 
er  nicht  vorbringen,  sondern  indem  er  wiedergiebt,  was  wie  anderswo,  so 
auch  am  Königshofe  geredet  wurde,  kann  er  nur  seine  feste,  so  zu  sagen, 
moralische  Ueberzeugung  in  die  Wagschale  werfen,  und  es  wird  von 
anderen  Umständen,  besonders  Gründen  der  inneren  Wahrscheinlich- 
keit abhängen,  ob  wir  sie  auch  uns  zu  eigen  machen  zu  müssen 
glauben.  Wenn  das  aber  sogar  die  Ueberzeugung  des  königlichen 
Hofes  war,  da  kann  es  wahrhaftig  nicht  Wuuder  nehmen,  dass  nicht  nur 
das  bairische  Volk,  wie  Conr.  de  Fab.  erzählt,  sondern  auch  Ludwigs 
Sohn  und  Nachfolger,  Herzog  Otto,  sie  anfänglich  theilte  und  dass 
Friedrich  IL  es  1235  bei  seiner  Durchreise  durch  Baiern  für  nöthig  hielt, 
ihn  von  der  Grundlosigkeit  seines  Verdachts  zu  überzeugen,  wie  die 
Ann.  Scheftlarn.  mai.  p.  340  zu  diesem  Jahre  berichten:  Imp.  duci 
Bawarie  pro  morte  patris,    de  qua  suspectus   habebatur,   reconciliatur. 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc,  57 

Es  ist  ebenso  natürlich,  dass  man  am  päpstlichen  Hofe,  als  nach 
der  zweiten  Exkommunikation  Friedrichs  Alles  hervorgesucht  wurde, 
was  ihm  irgend  schaden  konnte,  dazu  auch  diesen  schon  weit  ver- 
breiteten Verdacht  benützte.  Denn  Schirrmacher,  Albert  v.  Posse- 
münster S.  25  irrt,  wenn  er  zur  Unterstützung  seiner  Vertheidiguug 
Friedrichs  gegen  diesen  Verdacht  fragt,  warum  denn  Gregor  IX.  kein 
Wort  für  denselben  habe.  Hat  denn  Gregor  nicht  deutlich  genug  auf 
ihn  angespielt,  indem  er  1239  Nov.  23.  (bei  Höfler,  Albert  v.  Beham 
S.  7.  BFW.  7277)  dem  Kaiser  vorwirft,  dass  er  ,,quosdam  de  maioribus 

(principum) incarcerando,  proscribendo  et  proditorie  necis  gladio 

feriendo  ac  paganorum,  qui  Asisini  vocantur,  quemlibet  principem 
christianum  gladiis  exponendo"  die  Fürsten  gefährde  1)  ?  Die  offene 
Anklage  erhebt  allerdings  erst  Innocenz  IV.  in  seiner  Absetzungsbulle 
1245  Juli  17.  M.  G.  Ep.  pont.  II,    192  BFW.  7552:    ducem   Bawarie 

.  .  .  fecit,  sicut  pro  certo  asseritur, per  Assasinos  occidi.    Als 

selbständige  „höchst  wichtige  Zeugnisse'',  wie  Böhmer  sie  nennt,  können 
diese  Aeusserungen  der  Päpste  natürlich  nicht  gelteu,  da  sie  nur  auf 
dem  in  Deutschland  verbreiteten  Gerücht  fussen,  während  umgekehrt 
auch  wieder  mehrere  der  in  den  oben  angeführten  Annalen  enthal- 
tenen positiven  Bemerkungen  über  Friedrichs  Antheil  am  Morde  er- 
sichtlich erst  aus  diesen  päpstlichen  Erlässen  geschöpft  sind,  deren 
Inhalt  die  Bettelmönche  bei  ihrer  Agitation  in  Deutschland  gegen  den 
Kaiser  gewiss  so  viel  als  irgend  möglich  verbreitet  haben  werden '-) ; 
was  also  früher  nur  als  Gerücht  herumgetragen  worden  war,  galt  nun, 
nachdem  Papst  und  Konzil  gesprochen,  als  Thatsache  und  wurde 
als  solche  in  den  späteren  Annalenwerken  festgelegt,  Innocenz 
selbst  aber,  und  darin  muss  man  Liudemann  S.  86  unbedingt  bei- 
stimmen, hätte  sicher  mehr  gesagt,  sich  bestimmter  und  schärfer  aus- 
gedrückt, wenn  er  mehr  gewusst  hätte;  er  wusste  eben  nicht  mehr 
und  konnte  wie  jeder  Andere  nicht  mehr  wissen,  als  dass  ein  Ver- 
dacht gegen  Friedrich  bestand :  sicut  pro  certo  asseritur  3),    Und  auch 


1)  Lindemann  S.  79  hat  diese  Stelle  gleichfalls  ausser  Acht  gelassen. 

2)  Hierfür  ist  eine  Stelle  in  der  Chronik  des  Erfurter  Minoritenklosters 
M.  G.  SS.  XXIV,  201  bezeichnend,  in  der  gerade  auf  diese  Anschuldigung  durch 
Innocenz  IV.  Bezug   genommen    wird :    Hec   scribit  Innocentius   papa   in  decreto 

concilii  Lugdunensis :  Iste  Frid.  imp.  obtinuit  Asisinos  homines  mortiferos 

a  quodam  rege qui  appellatur  Vetustus  Montanie,  quos  misit,  quo  voluit 

ad  occidendum.     Vgl.  auch  Lindemann  S.  75.  94  ff. 

3)  Lindemann  S.  74  weist  darauf  hin,  dass  es  nicht  die  einzige  Mordanklage 
war,  die  jetzt  von  geistlicher  Seite  gegen  Friedrich  erhoben  wurde,  sondern  dass 
ihm  jetzt,  wo  es  darauf  ankam,  ihn  gleichviel  durch  welche  Mittel  moralisch  zu 
schädigen,    in  ebenso    gewundener  Weise    auch    der  Tod  des  Landgrafen  Ludwig 


5g  E.  Winkelmann. 

das  ist  kein  Beweis  für  die  Berechtigung  deh  Verdachts,  dass  der  be- 
kannte Agitator  im  päpstlichen  Dienste  Albert  von  Passau  im  Jahre 
1246  in  einem  Briefe  an  den  Herzog  Otto  (Höfler,  Albert  S.  118, 
BFW.  11490)  von  dem  Kaiser  als  dem  „parricida  vester"  spricht.  Um 
den  Sohn  des  Ermordeten  bei  der  päpstlichen  Partei  festzuhalten,  spielte 
er  diesen  Trumpf  aus,  frischte  er  den  alten  Verdacht  auf.  Aber  es 
ist  sehr  bezeichnend,  dass  er  trotzdem  seinen  Zweck  nicht  erreichte. 
Herzog  Otto  muss  in  Betreff  des  Todes  seines  Vaters  jetzt  eine  andere 
Meinung  gehabt  haben;  denn  sonst  hätte  er  sich  doch  wohl  bedacht, 
sich  mit  dem  Mörder  desselben  zu  verschwägern  und  noch  in  dem- 
selben Jahre  seine  Tochter  mit  dessen  Sohne  Konrad  IV.  zu  ver- 
ehelichen. 

An  der  Hand  der  Ueberlieferung,  das  hat  die  bisherige  Unter- 
suchung meines  Erachtens  klargelegt,  dürfen  wir  nicht  hoffen,  das- 
jenige aufzuklären,  was  den  Zeitgenossen  selbst  ein  ßäthsel  war  und 
bleiben  musste.  Nur  so  viel  hat  sich  ergeben,  dass  wenn  auch  nicht 
ein  allgemeiner,  so  doch  ein  sehr  weit  verbreiteter  Verdacht  bestand, 
dass  die  Ermordung  Herzog  Ludwigs  vom  Kaiser  angestiftet  worden 
sei,  und  dass  dieser  Verdacht  bei  Conradus  de  Fabaria,  auf  dessen 
Mittheilungen  wegen  seines  Gewährsmanns  am  Meisten  etwas  zu  geben 
ist,  mit  einer  geradezu  verblüffenden  Bestimmtheit  auftritt.  So  sind 
wir  denn,  wenn  wir  weiter  kommen  wollen,  darauf  angewiesen,  uns 
nach  Gründen  umzusehen,  aus  welchen  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit 
—  denn,  um  das  nochmals  zu  betonen,  wir  dürfen  nicht  hoffen,  hier 
jemals  zu  absoluter  Sicherheit  zu  gelangen  —  die  Schuld  des  Kaisers 
erhärtet  oder  bestritten  werden  kann,  und  in  ersterer  Richtung,  zur 
Unterstützung  des  gegen  ihn  ausgesprochenen  Verdachts  ist  ja  auch 
schon  Mancherlei  von  Neueren  vorgebracht  worden.  So  stellt  Böhmer 
in  BFW.  11104^  die  Behauptung  auf:  „darin,  dass  dieser  Mord  nicht 
etwa  aus  Privatrache  oder  aus  zufälliger  Veranlassung,  sondern  durch 
einen  unbekannten  (also  doch  wohl  gedungenen)  Meuchelmörder  er- 
folgte, stimmen  alle  gleichzeitigen  Quellen  überein".  Es  ist  erstens 
einzuwenden,  dass  der  Mörder,  weil  er  unbekannt  blieb,  darum  doch 
nicht  nothwendig  ein  gedungener  zu  sein  brauchte,  und  zweitens,  dass 
er,  selbst  wenn  er  gedungen  gewesen  wäre,  darum  doch  sehr  wohl 
das  Werkzeug  einer  Privatrache  sein  konnte  und  nicht  nothwendig 
gerade  das  des  Kaisers  gewesen  sein  muss,  wie  Böhmer  unverkennbar 

von  Thüringen  1227,  der  seiner  Gemahlinnen  und  endlich  der  des  eigenen  Sohns 
Heinrich  Vll.  zur  Last  gelegt  wurde.  Die  otfenbare  Grundlosigkeit  dieser  Be- 
schuldigungen ist  sehr  geeignet,  auch  gegen  die  in  Betreff  Ludwigs  von  Baiern 
misstrauisch  zu  machen. 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  59 

geschlossen  haben  will.  In  Wirklichkeit  liegt  die  Sache  doch  anders: 
keine  Quelle  hat  die  Privatrache  u.  s.  w.  als  Grund  des  Mordes  aus- 
drücklich abgelehnt;  rücksichtiich  derer  aber,  die  den  Kaiser  —  zum 
Theil  erst,  wie  gesagt,  auf  die  Autorität  des  Papstes  hin  —  beschul- 
digen, muss  immer  wieder  und  wieder  bemerkt  werden,  dass  keine 
von  ihnen  in  der  Lage  war,  etwas  wirklich  Sicheres  anzugeben  und 
dass  überhaupt  Niemand  es  vermochte.  Wenn  aber  Vermuthungen 
Raum  gewährt  werden  darf,  ist  nicht  leicht  zu  verstehen,  weshalb 
nicht  am  Ende  doch  Privatrache  in  Betracht  kommen  könnte,  Herzog 
Ludwig  hatte  viele  Feinde,  im  Reiche  sowohl,  wo  das  Fürstenthum 
kurz  vor  seinem  Tode  auf  den  Tagen  zu  Worms  im  Januar  und  April 
1231  sich  sehr  entschieden  gegen  die  von  ihm  beim  Könige  befür- 
wortete städtefreundliche  Politik  erklärt  hatte,  als  auch  in  Baiern,  wo 
z.  B.  seine  Gewaltthätigkeiten  im  Bisthume  Freising  wohl  Anlass  zu  einer 
blutigen  That  gegeben  haben  könnten  und  er  ausserdem  in  dem  zeit- 
weise verbündeten,  meist  aber  feindlichen  wilden  Grafen  Konrad  von 
Wasserburg  einen  Nachbarn  hatte,  dem  auch  das  Schlimmste  zuzu- 
trauen war.  Nicht  als  ob  ich  den  Verdacht  nach  dieser  Richtung  hin 
ablenken  wollte:  ich  möchte  nur  darauf  hinweisen,  dass  die  Möglich- 
keit, es  liege  hier  trotz  des  Schweigens  der  Quellen  ein  Akt  der  Privat- 
rache war,  keineswegs  ausgeschlossen  ist.  Man  denke  nur,  wie  viele 
deutsche  Fürsten  gerade  in  dem  Jahrzehent,  um  welches  es  sich  hier 
handelt,  solcher  Rache  zum  Opfer  gefallen  sind. 

Doch  bleiben  wir  bei  der  augeblichen  Schuld  Friedrichs  IL  Ver- 
stehe ich  Dölliuger  recht,  so  gründet  er  seine  Ueberzeugung  von  der- 
selben, abgesehen  von  der  Aussage  des  Conradus  de  Fabaria,  vor- 
nehmlich auf  folgende  vier  Indizien :  1.  Der  Mörder  war  ein  Assassine 
—  aber  das  steht,  wie  wir  gesehen  haben,  keineswegs  fest:  die  Sage 
von  dem  Assassinen  hat  sich  vielmehr  erst  allmählich  in  Folge  der 
vollständigen  Unkenntnis  über  die  Persönlichkeit  des  Mörders  ge- 
bildet. —  2.  „Warum  hat  Herzog  Otto  geschwiegen  zu  der  Anklage 
des  Papstes,  wenn  er  den  Kaiser  für  unschuldig  hielt?"  Dem  darf 
man  wohl  die  andere  Frage  entgegenstellen,  ob  es  denn  die  Aufgabe 
des  Herzogs  war,  die  gegen  Friedrich  gerichteten  Manifeste  des  Papstes 
seinerseits  zu  wiederlegen?  Seine  Antwort  war  die  Verlobung  seiner 
Tochter  mit  Konrad  IV.  —  3.  „Warum  hat  der  Kaiser  selbst  ge- 
schwiegen?" Nun,  es  giebt  Dinge,  gegen  die  sich  zu  vertheidigen, 
ein  anständiger  Mensch  jedes  Wort  für  zu  viel  hält,  üeberdies  was 
liätte  es  genutzt,  auf  die  sich  nur  auf  das  Gerücht  berufende  Anklage 
des  Papstes  „Du  bist  der  Mörder"  mit  einem  „Ich  bin  es  nicht"  zu 
antworten,    da  Friedrich,    selbst    wenn   er   sich   von   aller  Schuld  frei 


(30  E.  Winkel  mann. 

wusste.  doch  ebensowenig  wie  irgend  ein  Anderer  den  wirkliehen 
Schuldigen  anzugeben  vermochte.  Als  Menschenkenner  wird  er  sich 
gesagt  haben,  dass  eine  blosse  Abläugnung  und  mehr  konnte  er  nicht 
vorbringen,  dem  Gerüchte  nur  neue  Nahrung  gegeben  haben  mürde. 
—  4.  Dem  Kaiser  ist  eine  solche  That  zuzutrauen :  „Dem  Gönner  und 
Beschützer  eines  Ezzelin  von  Komano  war  nichts  wohlfeiler  als  ein 
Menschenleben",  Das  mag  sein  —  ich  selbst  habe  früher  darauf 
hingewiesen,  dass  es  auch  sonst  Blutflecke  in  Friedrichs  Leben  giebt. 
Aber  man  wird  ihm  nicht  leicht  eine  zwecklose  Gewaltthat,  eine  blos 
von  Eachsucht  eingegebene  Handlung  nachweisen,  und  in  unserm  Falle 
ist  schwer  einzusehen,  was  er  durch  die  Ermordung  des  Herzogs  etwa 
zu  gewinnen  hätte  glauben  können  oder  welcher  vernünftige  Zweck 
nur  auf  diesem  und  auf  keinem  anderen  Wege  zu  erreichen  war. 

Die  Quellen,  die  dem  Kaiser  die  Anstiftung  des  Mordes  schuld 
geben,  sehen  den  Grund  dazu  ausgesprochener  Massen  oder  still- 
schweigend in  der  vorausgegangenen  Rebellion  des  Herzogs,  Indessen 
Auflehnung  eines  Fürsten  gegen  den  Kaiser  war  im  Reiche  nicht  etwas 
so  Ausserordentliches,  dass  es  nur  durch  den  Tod  hätte  gesühnt  werden 
können:  die  Kaiser  des  Mittelalters  hätten  viel  zu  thun  gehabt,  wenn 
sie  jeden  rebellischen  Fürsten  hätten  morden  lassen  wollen.  Oben- 
drein war  die  Rebellion  Ludwigs  verhältnissmissig  ungefährlich  ver- 
laufen  und  endlich  waren  seit  ihr  schon  zwei  Jahre  verflossen,  als  er 
dem  Dolche  erlag.  Wenn  nun  der  Hauptankläger  Konrad  von  Pfäfiers 
diese  verspätete  Rache  i)  daraus  zu  erklären  scheint,  dass  der  Kaiser 
erst  bei  oder  nach  dem  Friedensschlüsse  mit  dem  Papste  zuverlässige 
Kunde  (pro  certo)  von  Ludwigs  Umtrieben  erhalten  habe,  so  kann  man 
darin  doch  unmöglich  mit  Meyer  von  Knonau  in  seiner  Ausgabe  und 
mit  Riezler  II,  61  eine  Stüze  für  die  Anklage  gegen  Friedrich  finden, 
sondern  im  Gegentheile  einen  Beweis  dafür,  auf  wie  schwachen  Füssen 
sie  sogar  hier  ruht,  wo  sie  mit  grösster  Bestimmtheit  auftritt.  Wie 
kindisch  ist  hier  die  Verknüpfung  von  Ursache  und  Wirkung!  Die 
Ermordung  geschah  ein  Jahr  nach  dem  Frieden  des  Kaisers  mit  dem 
Papste  und  dieser  wieder  ein  Jahr,  nachdem  Heinrich  VII.  gegen  den 
Herzog  als  Bundesgenossen  des  Papstes  ins  Feld  gezogen  war.  Friedrich 
sollte  also  erst  im  Sommer  1230  von  der  Auflehnung  Ludwigs  pro 
certo   erfahren    und    dann    noch    ein  Jahr  mit  seiner  Rache    gewartet 


')  Noch  verspäteter  erscheint  sie  bei  dem  unter  Rudolf  von  Habsburg 
schreibenden  Thomas  Tuscus,  M.  G.  SS.  XXII,  521 :  eo  quod  in  discordia,  quam 
habuerat  cum  Ottone  (!j,  partem  Ottonis  foverat  toto  posse,  was  nicht  einmal  wahr 
war.  Denn  Ludwig  hatte,  abgesehen  von  einem  ganz  vorübergehen  den  Schwanken, 
immer  zu  Friedrich  gehalten. 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  ß^ 

haben?  Das  glaube,  wer  es  kann!  Es  ist  ja  möglich,  dass  er  noch 
immer  dem  Herzoge  grollte,  dass  noch  keine  offizielle  Aussöhnung 
zwischen  ihnen  stattgefunden  hatte;  aber  von  da  bis  zu  einem  Morde 
ist  noch  ein  weiter  Schritt. 

Die  Kebellion  von  1229  reicht  also  in  keiner  Weise  aus,  um  eine 
Anstiftung  zur  Ermordung  Ludwigs  einigermassen  verständlich  er- 
scheinen zu  lassen.  Dagegen  würde  die  Begründung  derselben  in 
der  Cont.  predic.  Vindob.  M.  G.  SS.  IX,  727  (s.  o.):  „quia  provocavit 
filium  in  patrem"  allerdings  besser  einleuchten,  schon  deshalb,  weil  sie 
sich  auf  unmittelbar  vorangegangene  Vorkommnisse  bezieht.  Dass  sie 
ganz  allein  für  sich  steht,  könnte  ebenfalls  für  sie  sprechen,  insofern 
derjenige,  der  so  schrieb,  doch  Grund  gehabt  haben  muss,  nicht  mit 
in  den  allgemeinen  Chor  einzustimmen,  der  unbedenklich  die  Rebellion 
als  Veranlassung  des  Mordes  bezeichnete.  Wenn  wir  nur  wüssten, 
aus  welchem  Kreise  die  Nachricht  herstammt  und  ob  das  ein  solcher 
war,  dem  wir  tiefere  Einblicke  in  die  Geheimgeschichte  des  kaiser- 
lichen Hofes  zutrauen  dürfen !  Giebt  sie  aber,  wie  vielleicht  vermuthet 
werden  kann,  das  Gerede  am  österreichischen  Herzogshofe  wieder,  so 
waren  die  Beziehungen  des  jungen  Herzogs  Friedrich  des  Streitbaren 
zum  Kaiser  damals  nicht  der  Art,  dass  letzterer  so  leicht  jenen  in  seine 
Absichten,  geschweige  denn  in  eine  so  heikle  Sache,  wie  die  befohlene 
Tödtung  eines  Mitfürsten,  eingeweiht  haben  wird.  Wie  steht  es  nun  aber 
mit  der  inneren  Wahrscheinlichkeit  jener  Angabe?  Lindemann  S.  87 
sagt,  sie  begehe  einen  groben  Anachronismus,  indem  sie  die  Ermordung 
Ludwigs  (1231)  mit  dem  nachfolgenden  Aufstande  Heinrichs  VII.  (1234/35) 
in  Zusammenhang  bringe.  Aber  in  dem  Wortlaute  liegt  solch  Anachro- 
nismus durchaus  nicht:  warum  sollte  der  Verfasser  nicht  vielmehr  das 
erste  Zerwürfniss  Heinrichs  mit  seinem  Vater  im  Auge  gehabt  haben,  das 
schon  1231  bestand  und  beinahe  schon  damals  zu  seiner  Absetzung  geführt 
hätte  ?  Nun  ist  vollkommen  richtig,  dass  unter  verschiedenen  Massregeln 
Heinrichs  VII,  aus  diesen  Jahren,  die  den  Vater  stark  gegen  ihn  auf- 
brachten, es  ganz  besonders  die  Parteinahme  Heinrichs  für  die  Städte 
des  Bisthums  Lüttich  war  und  dass  bei  dieser  der  Einfluss  Ludwigs 
von  Baiern  unverkennbar  ist.  Es  ist  ferner  zum  Mindesten  sehr  wahr- 
scheinlich, dass  Ludwig  einigen  Antheil  an  dem  thörichten  Plane 
Heinrichs  hatte,  sich  von  seiner  österreichischen  Gemahlin  zu  trennen, 
die  ihm  der  Vater  gegeben  hatte,  und  der  Einfluss  Ludwigs  auf  den 
König  mag  überhaupt  weiter  gereicht  haben,  als  wir  wissen;  er  mag 
ihn  immerhin  auch  noch  in  anderen  uns  unbekannten  Dingen  in  einem 
den  Absichten  des  Kaisers  entgegengesetzten  Sinne  gebraucht  und  so 
dazu   beigetragen    haben,    dass    sich    im   Jahre    1231    das    Verhältnis 


62  E.   Winkel  mann. 

zwischen  Vater  und  Sohn  sehr  unerquicklich  gestaltete.  Aber  sollte 
es  denn  für  den  Kaiser  gar  kein  anderes  Mittel  gegeben  haben,  den 
Sohn  der  Einwirkung  des  Baiern  zu  entziehen  als  allein  dessen  Er- 
mordung? Derselbe  hatte  am  Hofe  Heinrichs  doch  stets  einen  eben- 
falls einflussreichen  Gegner  in  dem  Abte  von  St.  Gallen  und  obendrein 
scheint  dort  gerade  um  diese  Zeit  der  Markgraf  Hermann  von  Baden 
eine  massgebende  Persönlichkeit  gewesen  zu  sein  und  dieser  war  ein 
Vertrauter  des  Kaisers. 

Genug,  diejenigen  Gründe,  die  vod  den  Zeitgenossen  angeführt 
werden,  um  ihre  Beschuldigung  Friedrichs  IL  glaubhaft  zu  machen, 
sind  durchaus  hinfällige,  und  ich  finde  nicht,  dass  die  Neueren,  die 
sich  die  Beschuldigung  aneigneten  (ich  nehme  mich  selbst  keineswegs 
aus),  bessere  vorzubringen  gewusst  haben.  Es  lässt  sich  keiu  ver- 
nünftiger Zweck  entdecken,  den  Friedrich  auf  keinem  anderen  Wege 
als  allein  mittels  der  Beseitigung  Ludwigs  zu  erreichen  hätte  hofifen 
können,  während,  vorausgesetzt,  dass  er  überhaupt  auf  den  Gedanken 
gekommen  wäre,  verschiedene  schwer ^viegende  Erwägungen  ihn  von 
der  Ausführung  desselben  hätten  abhalten  müssen. 

Man  weiss  zum  Beispiel,  welchen  Werth  er  auf  ein  gutes  Ein- 
vernehmen mit  den  Fürsten  legte  und  dass  er  deshalb  sogar  seine  ganze 
Reichspolitik  den  fürstlichen  Interessen  unterordnete,  und  da  sollte  er, 
um  einen  vielleicht  augenblicklich  etwas  unbequem  gewordenen  Fürsten 
loszuwerden,  kurzweg  zur  Ermordung  desselben  gegriffen  haben,  deren 
Aufdeckung  doch  nicht  so  ausser  dem  Bereiche  aller  Möglichkeit  lag, 
dass  sie  in  keiner  Weise  zu  besorgen  gewesen  wäre,  die  aber,  wenn 
sie  erfolgte,  nothwendig  den  gesammten  Fürsteustaud  gegen  ihn  auf- 
bringen musste? 

Ein  anderes  nicht  zu  unterschätzendes  Moment  kommt  hinzu. 
Zwei  grosse  Fürstenthümer,  Baiern  und  Pfalz,  waren  wittelsbachisch ; 
aber  dort  regierte  der  Vater  und  hier  der  Sohn  und  zwar  letzterer, 
soweit  wir  sehen  können,  in  so  völliger  Unabhängigkeit  vom  Vater, 
dass  sie  während  der  letzten  Jahre  vielfach  in  den  Reichsangelegen- 
heiten gesonderte  Wege  gegangen  waren,  Otto  von  der  Pfalz  sich  auch 
nicht  an  der  Empörung  des  Vaters  betheiligt  hatte.  War  es  unter 
diesen  Umständen  für  den  Kaiser  am  Ende  nicht  vortheilhalfter,  wenn 
Baiern  und  Pfalz  so  lange  als  möglich  getrennt  blieben,  als  wenn  sie, 
wie  das  durch  die  Ermordung  Ludwigs  ohne  Weiteres  eintreten  musste 
und  eintrat,  schon  jetzt  in  einer  Hand  vereinigt  wurden? 

Die  Thatsache,  dass  gleich  nach  der  Ermordung  Ludwigs  von 
Baiern  ein  weitverbreitetes  Gerücht  sie  dem  Kaiser  zuschob,  steht  fest 
und  es  war   schlimm  genug,  dass  es  Glauben  fand.     Aber   aus    dieser 


Die  angebliche  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Baiern  etc.  ßg 

Untersuchung  denke  ich,  ist  wenigstens  das  gewonnen  worden,  dass 
der  Ueberlieferung,  die  dieses  Gerücht  weiter  trug,  nach  keiner  Kich- 
tung  hin  irgend  welche  innere  Wahrscheinlichkeit  zur  Seite  steht, 
während  wir  ganz  gut  zu  verfolgen  vermögen,  wie  es  entstanden  ist. 
Und  wenn  es  in  weiten  Kreisen  Glauben  fand,  darf  man  doch  auch 
das  nicht  übersehen,  dass  diejenigen,  die  in  erster  Linie  durch  dag 
schreckliche  Ereigniss  erschüttert  werden  mussten,  jenem  Gerede  offenbar 
nicht  Glauben  geschenkt  haben  nämlich  die  deutschen  Eeichsfürsten, 
die  wenige  Monate  nach  dem  tragischen  Ende  eines  Standesgeuossen  i) 
unbedenklich  in  grosser  Zahl  auf  den  Kuf  des  beschuldigten  Kaisers 
zu  ihm  nach  Friaul  eilten,  und  Herzog  Otto  von  Baiern,  der  sich  mit 
ihm  verschwägerte.  Dass  der  Sohn  des  Ermordeten,  sobald  seine  erste 
Erregung  sich  gelegt  hatte  2),  von  der  Grundlosigkeit  des  Gerüchtes 
überzeugt  war,  muss  auch  uns  genügen. 


^)  Ann.  Sclieftlarn. :  se  nece  tanti  principis  non  modica  turbatio  inter  prin- 
cipes  fuit. 

?)  Lindemann  S.  72  bezweifelt  wohl  mit  Kecht  die  Meinung  Riezlers,  dass 
die  Schwankungen  in  Ottos  Reichspolitik  zu  Anfang  der  vierziger  Jahre  darauf 
zurückzuführen  seien,  dass  »der  alte  Verdacht  in  seiner  Seele  bald  erstickt,  bald 
wieder  angefacht  wurde". 


Ein  Biillenstempel  des  Papstes  Innocenz  IV. 

Von 

Ludwig  Schmitz-Rheydt. 

(Mit  einer  Tafel  Abbildungen). 

Vor  mehreren  Jahren  (Sommer  1887)  wurde  bei  Baggerarbeiten 
in  der  Nähe  Kölns  ^)  aus  dem  Rheinbett  ein  Apostelstempel  ans  Tages- 
licht gefördert;  wenige  Tage  später  kam  noch  ein  Namensstempel  des 
Papstes  Innocenz  IV.  zum  Vorschein,  der  fast  an  derselben  Stelle 
im  Strome  gefunden  wurde.  Es  unterliegt  wohl  keiuemZweifel,  dass  wir 
es  hier  mit  einem  zusammengehörigen  Stempelpaar  zu  thun  haben. 
Durch  Herrn  Prof.  ßoue  in  Düsseldorf,  in  dessen  Besitz  augenblicklich 
beide  Stempel  sich  befinden,  wurde  ich  auf  diese  aufmerksam  gemacht, 
und  mit  seiner  gütigen  Erlaubnis  möchte  ich  diesen,  wie  mir  scheint, 
höchst  wichtigen  und  fast  einzig  dastehenden  Fund  ^)  bekannt  geben, 
der  wohl  das  Interesse  weiterer  Kreise  beanspruchen  möchte. 

Eine  genaue  Beschreibung  der  beiden  Stempel  wird  auch  trotz 
der  beigegebenen  Abbildungen,  welche  einmal  die  ganzen  Stempel  und 
dann  die  eigentlichen  Stempelflächen  in  Originalgrösse  zeigen,  nicht 
überflüssig  sein.  In  der  äusseren  Form  und  dem  Material,  aus  dem 
sie  verfertigt  sind,  unterscheiden  sich  beide  wesentlich  von  einander. 
Der  Namensstempel,  d,  h.  derjenige,  der  den  Namen  des  Papstes  trägt, 
ist  aus  einem  stark  kupferhaltigen  Material  hergestellt  und  jetzt  infolge 
dieses  Kupfergehalts  mit  einer   intensiv   grünen  Schicht  Patina   über- 


')  Der  Fundort  liegt  genauer  etwas  oberhalb  Kölns  auf  der  Deutzer  Seite, 
zwischen  Deutz  und  Poll. 

2)  Bisher  ist  ein  Bullenstempel  des  Papstes  Clemens  III.  bekannt,  publiciert 
von  Schlosser  in  dem  Jahrbuch  der  kunsthist.  Sammlungen  des  allerhöchsten 
Kaiserhauses  13  (1892)  S.  44. 


Ein  Bullenstempel  des  Papstes  Innocenz  IV.  etc.  (35 

zogen;  er  hat  die  Form  eines  abgestumpften  Kegels,  dessen  Höhe  8*^"' 
beträgt;  der  Durchmesser  der  unteren  Kreisfläche  (mit  der  Inschrift) 
beläuft  sich  auf  3,5*^™,  der  der  andern  auf  c.  3^"".  Entsprechend 
seinem  Material  ist  dieser  Stempel  sehr  schwer  und  massiv.  Anders 
der  Apostelstempel.  Aus  einer,  vorwiegend  Eisen  enthaltenden  Bronze 
hergestellt,  hat  er  die  Form  eines  nach  einer  leisen  Einschnürung  nach 
oben  hin  breiter  werdenden  Cylinders  mit  aufgesetzter  abgestumpfter 
Pyramide  und  ist  etwas  über  10°'"  hoch;  der  Durchmesser  der  Kreis- 
fläche des  Cylinders  beträgt  ebenfalls  3,5*^™.  Im  Vergleich  zu  dem 
Namensstempel  ist  er  entschieden  härter  und  widerstandsfähiger. 

Auf  der  Stempelfläche  des  Namensstempels  findet  sich  die  Legende 

INNO 

C6NTIVS,  selbstredend  die  einzelnen  Zeichen  in  umgekehrter  Stellung 

•PP-  IUI- 
und  Keihenfolge,  keilförmig  eingeschnitten  i),  umgeben  von  einem 
Kranze  von  61  Punkten.  Der  Apostelstempel  zeigt  die  Köpfe  der 
beiden  Apostelfürsteu  Paulus  und  Petrus  mit  den  üeberschriften 
SPASPE;  die  Buchstaben  stehen  aber  nicht  in  einer  geraden  Linie, 
besonders  A  und  das  zweite  S  sind  grösser  als  die  übrigen  Buchstaben ; 
zwischen  den  Köpfen  schwebt  ein  Kreuz,  an  dessen  Spitze  sich  ein 
Punkt  findet  und  dessen  unterer  Balken  sich  bis  fast  zu  der  das 
ganze  Stempelbild  einrahmenden  Perlenschnur,  die  aus  75  (?)  Punkten 
besteht,  fortsetzt.  Der  Ausdruck  der  Köpfe  weicht  von  dem  der  bisher 
bekannt  gewordenen  Bullentypen  2)  bedeutend  ab ;  dies  ist  indes  weniger 
auf  unserer  Tafel  bemerkbar,  als  auf  den  Abdrücken,  die  zum  Zwecke 
dieser  Untersuchung  von  den  aufgefundenen  Stempeln  genommen  wurden. 
Bei  Paulus  tritt  die  Stirn  sehr  stark  hervor,  das  rechte  Ohr  steht  in 
seiner  unteren  Hälfte  weit  vom  Kopfe  ab,  die  Haupthaare  sind  durch 
8  einzelne  Striche  scharf  hervorgehoben.  Der  obere  Ansatz  der  Nase 
ist  anatomisch  wohl  falsch,  was  eben  durch  die  zu  weit  hervortretenden 
Stirnknochen  bedingt  ist.  Die  Gloriole  um  Paulus  besteht  aus  26  oder 
27  Punkten;  ihr  unterer  Ansatz  an  den  Randkranz  ist  nicht  mehr 
deutlich  erkennbar  und  deshalb  auch  die  genaue  Zahl  der  Punkte  nicht 
sicher  zu  bestimmen.  An  dem  Kopfe  des  h.  Petrus  fällt  die  starke 
Nase  besonders  auf;  das  Kopfhaar  ist  durch  25,  der  Bart  durch  28 
und  die  Gloriole  durch  26  Punkte  angedeutet. 

Vergleichen  wir  nun  nach  dieser  Beschreibung  die  Stempelbilder 
mit  den  bisher  bekannt  gewordeneu  Bullen  des  Papstes  Innocenz  IV.  3), 


')  Vergl.  dazu  Schlosser  1.  c. 

^)  Diekamp  in  den  Mittheil.  des  Instituts  3,  610  u.  625  und  die  Tafel  dazu. 

3)  Vgl.  besonders  die  Abbildungen  bei  Diekamp  a.  a.  0.  und  dann  die  Be- 


Mittheilungen  XVII. 


QQ  L  u  d  w  i  g  S  c  h  m  i  t  z  -  R  h  e  y  d  t. 

SO  ergiebt  sich,  dass  unsere  Stempel  mit  keinem  dieser  Bullentypen 
sich  decken.  Unser  Namensstempel  zeigt  zwar  eine  auffallende  Aehn- 
lichkeit  mit  dem  2.  Namensstempel  Innocenz'  Ijei  Diekamp,  aber  ander- 
seits auch  wieder  Verschiedenheiten  —  ich  erwähne  z.  B.,  dass  das  0 
in  unserm  Stempel  zu  hoch,  bei  Diekamp  dagegen  zu  niedrig  steht  und 
dass  der  Punkt  neben  dem  ersten  P  in  unserm  Stempel  ziemlich 
weit  von  dem  Eandkranz  entfernt  steht,  während  er  ihn  bei  Diekamp 
fast  berührt  — ,  die  eine  Identität  ausschliessen.  Bei  dem  Apostel- 
stempel hingegen  differiert  die  Zahl  der  Punkte  der  Gloriole  um  Paulus 
und  des  Randkranzes,  der  Ausdruck  der  Köpfe  und,  was  besonders  ins 
Gewicht  fällt,  die  Form  der  Schriftzeichen  von  den  Diekampschen 
Bullen,  Hiernach  können  wir  wenigstens  mit  voller  Sicherheit  be- 
haupten, dass  unsere  Stempel  nicht  gedient  haben  zur  Herstellung  der 
von  Diekamp  nachgebildeten  Bullen.  Dies  spricht  aber  noch  keines- 
wegs gegen  die  Echtheit  unserer  Stempel,  über  welche  ich  mich  jetzt 
des  weitern  auslassen  will. 

Es  versteht  sich,  dass  man  einen  solchen  Fund  kritisch  betrachten 
muss.  Deshalb  sei  hier  zunächst  ausdrücklich  bemerkt,  dass  die  Pro- 
venienz der  Stempel  zu  irgend  welchen  Bedenken  keinen  Anlass  giebt; 
die  Arbeiter,  die  sie  gefunden,  und  der  Antiquitätenhändler,  durch 
dessen  Hände  sie  gegangen,  verdienen,  wie  man  mir  mittheilt,  in  ihren 
Angaben  über  ihre  Auffindung  kein  Misstrauen.  Moderne  Fälschung 
ist  jedenfalls  ausgeschlossen.  Abgesehen  von  dem  Bullennamensstempel 
Clemens  III.,  für  dessen  Echtheit  Schlosser  eintritt  i),  ist  bisheran 
nichts  Bestimmtes  von  weiteren  erhaltenen  Exemplaren  päpstlicher 
Bullenstempel  bekannt  geworden.  Selbst  in  Rom  in  der  Stempel- 
sammlung der  vatikanischen  Bibliothek  hat  sich  nach  eingezogenen 
Erkundigungen  ein  Bullenstempel  nicht  erhalten.  Um  so  auffallender 
muss  uns  dieser  Fund  erscheinen,  zumal  wenn  man  bedenkt,  mit 
welcher  Vorsicht  die  Stempel  behütet  wurden  und  noch  werden  zur 
Vermeidung  jeglichen  Missbrauchs-).  Wie  weit  die  Nachricht  bei 
Moroni :  Dizionario  di  erudizione  storico-ecclesiastica,  Band  66,  S.  88 : 
,  Stellisco  afferma,  che  possideva  i  piombi  degli  antipapi  Pasquale  III. 
e  demente  VII. "  auf  Wahrheit  beruht,  ist  leider  jetzt  nicht  mehr 
zu  kontrollieren. 

scheibung  eines  DiekamiD  nicht  bekannten  Namensstempels  lunocenz  IV.  (an  einer 
Bulle  von  1254  Juni  26.  für  die  Ciarissen  in  Brixen)  von  Straganz  im  Programm 
des  Haller  Gymnasiums  1894  S.   13. 

1)  Jahrb.  der  kunsthist.  Sammlungen  des  Kaiserhauses,  Bd.  XIII,  1892,  S.  44. 

2)  Moroni:  Dizionario  di  erudizione  storico-ecclesiastica.  Band  5,  S.  277. 
Diekamp  1.  c.  S.  531.  Vergl.  dazu  Mansi :  Sacrorum  conciliorum  amplissima  col- 
lectio.  tom.  XVII,  715. 


Ein  Bullenstempel  des  Papstes  Innocenz  IV.  etc.  g7 

Echt  sind  unsere  Stempel  jedenfalls  in  dem  Sinne,  dass  sie  gleich- 
zeitig, d.  h.  um  die  Mitte  des  13.  Jahrhunders  gemacht  sind.  Denn 
nichts  spricht  gegen  eine  solche  Annahme;  vielmehr  weisst  das  Mate- 
rial, aus  dem  sie  verfertigt,  die  Kostspuren,  die  Patinaschicht  direkt 
auf  ein  sehr  hohes  Alter  hin. 

Ich  glaube  nun  auch,  dass  wir  noch  einen  Schritt  vireiter  o-ehen 
und  behaupten  können,  die  Stempel  sind  original,  d.  h.  echte  Bullen- 
stempel des  Papstes  Innocenz  IV.  Es  ist  mir  zwar  bisher  keine  Bulle 
an  einer  Urkunde  Innocenz  IV.,  die  auf  ihnen  geprägt  sei,  beo-eo-net. 
Doch  kann  dies  nichts  beweisen,  da  wir  über  die  Bullen  der  Päpste 
noch  sehr  wenig  unterrichtet  sind  und  die  Forschung  hier  kaum  an- 
gesetzt hat.  Was  Innocenz  IV.  speciell  betrifft,  so  sind  bisherau 
2  Apostel-  und  3  Namensstempel,  die  während  seines  Pontifikats  in 
Gebrauch  waren,  durch  die  Publikation  Diekamps  nachgewiesen  worden: 
dazu  wird  noch  ein  dritter  Apostelstempel,  der  „wegen  des  massiven 
Ausdrucks  der  Apostelköpfe "  bald  durch  einen  besser  gearbeiteten  er- 
setzt wurde,  erwähnt  '').  Möglich  wäre  es,  dass  dieser  dritte  Apostel- 
stempel die  Vorlage  für  unseru  Apostelstempel  gewesen  ist. 

Gegen  eine  Fälschung  der  beiden  Stempel  spricht  fernerhin  die 
sorgfältige,  starke  Herstellung  der  Stempelstöcke,  von  denen  der 
Namensstempel  ebenso  wie  der  Clemens  III.  aus  Kupferbronze  gemacht 
ist.  Diese  Uebereinstimmung  in  diesen  zwei  bisher  einzig  bekannt 
gewordenen  päpstlichen  Namensstempeln  ist  doch  ein  Beweis  für  ihre 
Originalität.  Für  den  aus  Eisenbronze  hergestellten  Apostelstempel 
haben  wir  bis  heute  kein  Analogon.  Ich  meine:  ein  Fälscher,  der 
doch  immer  nur  für  einige  wenige  Bullen  die  Stempel  benöthigt 
haben  würde,  hätte  sie  schwerlich  aus  so  starkem  Material  hergestellt. 
Und  wie  ist  die  Verschiedenheit  des  Stoffes  zu  erklären?  Gerade  der 
Umstand,  dass  der  Namensstempel  aus  weniger  starkem  Material  her- 
gestellt ist  als  der  Apostelstempel,  ist  wiederum  ein  Beweis  für  die 
wahrscheinliche  Echtheit.  Denn  es  ist  doch  natürlich,  dass  man  den 
Apostelstempel,  weil  er  nicht  mit  jedem  Papste  wechselte,  aus  mög- 
lichst starkem  Material  herstellte,  während  man  für  den  Namens- 
stempel von  vornherein  nur  eine  beschränkte  Gebrauchszeit,  nämlich 
für  die  Dauer  des  Pontifikats,  annehmen  musste. 

Wie  aber  sind  nun  die  Stempel  an  den  Khein  gekommen  ?  Durch 
die  Annahme  einer  Nachlässigkeit  oder  Indiscretion  seitens  eines 
curialen  Beamten  lässt  sich  diese  Frage  nicht  lösen.  Eine  solche  Un- 
achtsamkeit   läge  jedenfalls  vor,    wenn  immer  nur  e  i  n  Bullenstempel 


')  Diekamp  1.  c.  3,  624  u.  625.  Bibl.  de  T  Ec.  des  chartes  19,  71  ft'. 


(jg  Ludwig  Schmitz-Rheyclt. 

in  Gebrauch  gewesen  wäre.  Dies  ist  aber,  wie  Diekamp  und  Straganz 
bewiesen  liaben,  nicht  der  Fall  gewesen:  unter  Innocenz  IV.  und 
Alexander  IV.  kommen  zwei  verschiedene  Namensstempel  zu  gleicher 
Zeit  nebeneinander  vor  i). 

Wir  müssen  vielmehr,  die  Echtheit  der  Stempel  vorausgesetzt,  auf 
andere  Weise  eine  Erklärung  suchen.  Die  Kurie  selbst  ist  unter 
Innocenz  IV.  nicht  am  Rhein  gewesen,  dagegen  mehrmals  ein  päpst- 
licher Legat.  Dass  aber  der  Legat  die  Vollmacht  gehabt  habe,  das 
päpstliche  Siegel  zu  führen,  diese  Annahme  klingt  zu  ungeheuerlich 
und  lässt  sich  auch  nicht  irgendwie  durch  ein  directes  Zeugnis  stützen, 
wenn  auch  durch  sie  der  Fund  wohl  am  leichtesten  erklärt  werden 
könnte.  Ein  Vergleich  des  Itinerars  der  päpstlichen  Legaten  unter 
Innocenz  IV.  mit  den  Oertlichkeiten,  Städten,  Klöstern  u.  s.  w.,  zu 
deren  Gunsten  der  Papst  Privilegien  verleiht  oder  an  deren  Adressen 
er  Briefe  sendet,  ergibt  zwar  zuweilen  ein  auffallendes  Zusammen- 
treffen und  Uebereinstimmung  in  den  Daten,  z,  B. 

Rodenberg  Epist.  saec  XIII.  Vol.  II  No.  220:  Innocenz  IV.  an  den 
Erzbischof  von  Trier:  1253  Juli  12. 

Regesta  imperii  V,  3,  S.  1565:  der  Legat  in  Trier:  1253  Juli 5 — 14. 

oder  Rodenberg  1.  c.  S,  146  1 147 :  Innocenz  IV  für  Köln :  1252 
December  9  und  12. 

Reg.  irap.  1.  c.  S.  1562163:  der  Legat  in  Köln:  1252  October  29 
bis  December  19. 

Aber  diese  immerhin  ganz  vereinzelten  Fälle  können  nichts  be- 
weisen ^).  Zudem  erhebt  sich  dann  die  Schwierigkeit,  wie  kamen  diese 
Urkunden  in  die  Register  des  Papstes. 

Erst  eine  genaue  Untersuchung  sämmtlicher  erhaltenen  Bleibullen 
Innocenz  IV.  könnte  in  der  Frage  nach  der  Echtheit  unserer  Stempel 
völlige  Aufklärung  geben.  Würde  sich  hierbei  herausstellen,  dass 
unsere  Typen  auf  den  Bullen  der  päpstlichen  Briefe  für  Deutschland, 
speciell  für  das  Rheinland,  sich  thatsächlich  finden,  dann  wäre  wohl 
wenn  die  betreffenden  Urkunden    selbst    nicht  verdächtig  sind,    gegen 


')  Diekamp  1.  e.  4,  532.  Straganz  Mittheilungen  aus  dem  Archiv  des  Cla- 
rissenklosters  in  Brixen,  Progr.  des  Haller  Gymnasiums  1894  S.  13. 

2)  Für  die  Annahme,  dass  der  Legat  im  Besitz  eines  Bullenstempels  gewesen, 
könnte  man  vielleicht  anführen :  Rodenberg  1.  c.  Einleitung  XIV,  Anmerkung  4 : 
Authenticum  bullatum  ep.  no  646  a.  1265  Nov.  4  Clemens  IV.  legato  suo, 
quam  in  Francia  habebat,  subscribendum  transmisit.  Was  soll  das  bedeuten? 
Die  Bulle  diente  doch,  wie  man  (Diekamp  1.  c.  III,  S.  610)  bisher  angenommen, 
nicht  nur  zur  Bestätigung  des  Inhalts  der  Urkunde,  sondern  durch  sie  wurde  auch 
das  Schreiben  verschlossen,  so  dass  also  eine  nachträgliche  Einfügung  in  den  Text 
unmöglich  war,  da  der  Adressat  erst  das  Schreiben  zu  öffnen  hatte. 


Ein  Bullenstempel  des  Papstes  Innocenz  IV.  etc.  69 

die  Annahme,  dass  von  einem  päpstlichen  Legaten  die  Stempel  in 
Deutschland  zurückgelassen  sind  und  so  den  Weg  in  den  Ehein  ge- 
funden haben,  nichts  einzuwenden.  Diese  Untersuchung  würde,  falls 
sie  ein  positives  Kesultat  erzielte,  auch  wohl  eine  ganz  genaue  Datie- 
rung des  Gebrauchs  der  Stempel  und  damit  die  Person  des  Legaten 
feststellen  können.  Bis  diese  Untersuchung  geführt  ist,  muss  die 
Frage  nach  der  Herkunft  unserer  Stempel  offen  bleiben,  und  meine 
oben  angedeutete  Vermuthung  kann  einstweilen  nur  die  Bedeutung 
einer  Hypothese  haben,  die  bis  jetzt  durch  keinen  stichhaltigen 
Orund  gestützt  ist. 

Ueber  die  beim  Bullieren  angewendete  technische  Procedur,  über 
die  wir  bisher  fast  völlig  im  Unklaren  sind  ^),  gestatten  uns  unsere 
Stempel,  wie  mir  scheint,  ziemlich  sichere  Muthmassungen.  Was 
Schlosser  hierüber  sagt^  —  nämlich,  dass  man  sie  sich  so  zu  denken 
habe,  dass  der  obere  (Namens-)  Stempel  in  den  vertieften  unteren 
(Apostel-)  Stempel  hineinpasste,  in  dessen  Höhlung  der  Bleischrötling 
zu  liegen  kam  —  trifft  jedenfalls  nicht  zu.  Denn  beide  Stempel,  die 
uns  vorliegen,  haben  auf  den  Stempelfiächen  denselben  Durchmesser; 
von  einer  Vertiefung  des  einen  ist  nichts  zu  sehen.  Ich  stelle  mir 
vielmehr  das  Bullieren  folgendermassen  vor.  Bekanntlich  existierten 
in  der  Plumbaria,  dem  Geschäftsräume  für  die  BuUierung,  zwei  sog. 
fratres  plumbi  oder  de  plurabo  -),  die  das  Bullieren  besorgten.  Ihre 
Thätigkeit  ward  so  vertheilt,  dass  der  eine  dieser  Beamten,  nachdem 
der  Apostelstempel  mit  seiner  unteren  Hälfte  (der  abgestumpften  Pyra- 
mide) in  eine  festliegende  Oeffnung,  wohl  in  einen  Ambos  oder 
einen  Schraubenstock,  in  die  er  genau  passte,  gesteckt  war,  über  diesen 
die  zu  bullierende  Urkunde  und  mit  der  anderen  Hand,  wohl  ver- 
mittels einer  Zange,  den  Namensstempel  hielt,  während  der  zweite 
Frater  den  Hammerschlag  ausführte.  Das  Bullenblei  hatte  schon  die 
runde  Form,  wenn  es  zwischen  die  Stempel  gelegt  wurde.  Dass  beide 
Stempelbilder  zu  gleicher  Zeit  eingedrückt  werden  mussten,  bedingt 
schon  das  weiche  Material  der  Bulle;  hätte  man  versucht,  zuerst  etwa 
nur  die  Apostelbilder  und  dann  mit  einem  neuen  Hammerschlag  den 
Namensstempel  einzudrücken,  so  würde  natürlich  der  erste  Eindruck 
durch  den  zweiten  Hammerschlag  wieder  verschwunden  sein,  oder  zum 
mindesten  viel  an  Deutlichkeit  verloren  haben.  Durch  den  gleich- 
zeitigen Eindruck  beider  Stempelbilder  erklärt  sich  auch,  wenn  wir 
auf  Bullen,  wie  es  ja  nicht  selten  vorkommt,    finden,  dass  die  Avers- 


1)  Vergl.  Diekamp  1.  c.  3,  609. 

2)  Moroni  1.  c.  5,  277. 


•JTQ  Ludwig  Schmitz-Rlieydt. 

und  Keversseite  nicht  gleichmässig  geprägt  sind  i).  Durch  eine  \]n-, 
aufmerksamkeit  oder  dadurch,  dass  der  obere  Stempel  nicht  genau  auf 
den  unteren  aufgesetzt  wurde,  oder  durch  einen  nicht  senkrecht  ge- 
führten Hammerschlag  konnte  ja  leicht  eine  Verschiebung  eines  Stem- 
pels oder  des  Bleistückes  eintreten,  infolgedessen  dann  entweder  nur 
ein  Stempel  oder  beide  nicht  vollständig  zum  Abdruck  kamen,  was 
bei  dem  von  Schlosser  augenommenen  Verfahren  unmöglich  gewesen 
wäre. 


')  cfr.  Diekamp  3,  610. 


lieber  Expensenrecliiiuiigen 
für  päpstl.  ProvisionsbiiUen  des  15.  Jalirhimderts. 

Von 

M.  Mayr-Adlwang. 


In  der  sogeuannten  Serie  ,  Corapositioues  •  der  libri  della  camera 
apostolica  des  15.  Jahrhunderts,  welche  das  römische  Staatsarchiv  ver- 
wahrt, nimmt  der  dritte  Band  eine  Ausnahmsstellimg  ein,  da  er  einen 
von  den  übrigen  Bänden  wesentlich  verschiedenen  Inhalt  aufweist. 
Er  besteht  aus  zwei  Original-Papierfascikel  in  Quart,  von  welchen 
der  eine  die  Auischrif't  „Liber  cedularum  expensaruui  provisionum 
ecclesiarum  et  monasteriorum"  trägt,  der  andere  „Liber  cedularum 
omnium  expensarum  factarutn  in  expeditionibus  omnium  bullarum 
expeditarum  tam  per  cameram  quam  per  cancellariam  et  tam  gratis 
quam  taxatarum  de  mandato  sanctissimi  doraini  nostri  pape"  sich  be- 
titelt. Der  erste  Theil,  welcher  53  Blätter  umfasst,  beschäftigt  sich 
ausschliesslich  mit  Konsistorialpfründen  des  Jahres  1463.  Auf  dem 
ersten  Blatte  steht  der  erwähnte  Titel,  die  Folien  3  und  4  enthalten 
ein  unvollständiges  Kegister  der  aufgeführten  Diöcesen  und  Abteien, 
die  Blätter  2 — 11  und  44—53  sind  leer.  Mit  Blatt  12  beginnt  die 
alte  gleichzeitige  Numerierung  in  römischen  Zahlzeichen.  Der  zweite 
Theil  behandelt  Provisionen  des  Jahres  1481  überhaupt.  Neben  der 
modernen  Foliierung  erscheint  noch  eine  alte  römische,  die  Fort- 
setzung von  fol.  53 — 114  umfassend.  Der  Pergamentumschlag  des 
ganzen  Bandes  weicht  von  den  Einbänden  der  Cameralregister  nicht  ab. 

Nach  den  erwähnten  Titeln  sollte  man  eine  Sammlung  von  Ex- 
pensenzetteln  der  Procuratoren  oder  Sollicitatoren,  in  dem  einen  Fall 
für   die  Ausfertigung    und    Expedition    von  Provisionsbulleu  der  Kon- 


72  M.  Mayr-Adlwang. 

sistorialpfründen,  im  anderen  der  durch  Kammer  und  Kanzlei  über- 
haupt expedierten  Bullen  erwarten.  Doch  sind  nicht  die  einzelnen 
cedulae  aneinandergereiht,  wie  dies  beispielsweise  im  Cod.  Vatic.  lat. 
3478,  der  Konsistorialpfründeu  behandelt,  oder  in  entsprechenden 
Bänden  s.  XVI  des  Konsistorialarchives  der  Fall  ist.  Wir  haben  hier 
vielmehr  Bruchstücke  einer  besonderen  Art  von  Cameral-Eegistern 
vor  uns.  Dies  beweisen  nicht  blos  die  mehr  oder  minder  ausführlichen 
Anga])en  bei  den  einzelnen  cedulae  selbst,  sondern  vor  allem  die  auf 
fol.  2  vorangestellte  Abschrift  eines  Edictes  des  Kardinal-Kämmerers 
Ludwig  von  Aquileia  vom  29.  April  1462,  welches  dieser  infolge  eines 
mündlichen  Specialauftrages  des  Papstes  erlassen  hatte  i). 

Der  Erlass,  dessen  Narratio  uns  auch  in  willkommener  Weise 
über  Veranlassung  und  Zweck  dieser  neu  eingeführten  Register  be- 
lehrt, betitelt  sich:  Edictum  positum  pro  exhibendis  cedulis  expen- 
sarum  provisionum.  Das  Edict  erscheint  inhaltlich  als  eine  Abstellung 
grober  Misbräuche  und  Verschärfung  der  Vorschriften  für  die  Solli- 
citatoreu,  welche  sich  bei  ihren  Expensenberechnuugeu  verschiedene 
Uebervortheilungen  der  Parteien  zu  schulden  kommen  liessen.  Ausser 
anderen  ungebührlichen  Expensen,  so  wird  in  dem  Erlasse  berichtet, 
haben  sie  auch  Posten  für  Geschenke  an  die  Kardinäle  und  Prälaten 
der  Kurie  und  an  die  Förderer  der  Sache  des  Ernannten,  manchmal 
sogar  an  den  Papst  eingestellt,  woraus  für  diese  Schande  und  für  die 
Promovierten  Schaden  erwachse.  Um  solchen  Uebelständen  zu  steuern, 
wird  befohlen,  dass  in  Zukunft  der  Procurator  oder  Sollicitator  von 
jeder  Art  von  Provisionen,  die  in  der  Kammer  taxiert  sind,  bei  Ver- 
meidung der  Excommunicatiou.  der  Entziehung  seiner  ßeneficien  und 
einer  Busse  von  400  Kammergoldguldeu  bereits  ausgefertigte  und  expe- 
dierte Bullen  nicht  eher  aus  der  Kammer  oder  Kurie  fortnehme 
oder  fortnehmen  lasse,  bis  er  nicht  in  der  Kammer  zur  gewöhnlichen 
Amtsstuude  eine  ausführliche  und  richtige  Rechnung  über  alle  Aus- 
lagen präsentiert  hätte.  Erst  wenn  diese  Rechnung  geprüft,  approbiert, 
signiert,  vom  clericus  mensarius  oder  dessen  Stellvertreter  unterfertigt 
und  in  den  Kammerbüchern  gehörig  registriert  ist,  darf  sie  gleich- 
zeitig mit  den  Bullen  an  die  Partei  ausgehändigt  werden. 

Damit  das  Edict  zur  möglichst  allgemeinen  Kenntnis  gelange, 
wurde  die  Publication  desselben  an  den  drei  dazu  bestimmten  Oert- 
lichkeiten  der  Stadt  ano-eordnet  -). 


')  S.  Beilage  I. 

2)  Die  Meldung  des  Cursor  Autouius  vom  nächsten  Tage  über  die  geschehene 
Affichierung  ist  beigesetzt  und  vom  Kammerkleriker  G.  de  Vulterris,  welcher  das 
Edict  gegengezeichnet  hatte,  gefertigt.     Vgl.  Beilage  I. 


Ueber  Expensenvecbnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  73 

Dass  dieser  Erlass  practische  Geltung  erlangt  und  auch  für  min- 
destens eine  Reihe  von  Jahren  1)  behalten  hatte,  lehrt  die  Betrach- 
tung des  Inhaltes  unseres  ßegisterbandes  in  formeller  Beziehung.  Die 
Yorschriften  des  Edictes  erscheinen  hier  mehr  oder  minder  genau 
durchgeführt.  Zunächst  steht  am  freien  Rande  an  der  Seite  jeder 
Nummer,  gleichwie  in  den  übrigen  Cameralregistern,  der  Name  der 
betreffenden  Diöcese.  Der  Kopf  der  cedula  trägt  eine  Inhaltsangabe, 
welche  in  der  Regel  beginnt:  Expense  facte  in  eoufirmatione  circa 
provisionem,  in  expeditione  bullae  etc.  und  neben  der  Art  der 
Bulle  oder  Bullen  Namen  und  Kirche  des  Empfängers,  häufig  auch 
den  Procurator  in  der  ersten  Person  sprechend  anführt.  Dann  folgen 
die  einzelnen  Posten  der  mehr  oder  minder  specialisierten  Ausgaben, 
welche  gewöhnlich  mit  primo  einsetzen  und  meist  nach  der  zeitlichen 
Aufeinanderfolge  der  Einzahlung  in  die  einzelnen  Aemter  geordnet 
sind.  Daran  i-eiht  sich  der  Präsentationsvermerk  des  Procurators.  Er 
bescheinigt,  dass  dieser  die  Expenseunote  der  Kammer  unter  Ablegung 
eines  Eides  für  ihre  Richtigkeit  persönlich  vorgelegt  habe  und  fügt 
das  Datum  der  Präsentation  bei.  Diese  Formel  variiert  ziemlich  stark, 
vermerkt  aber  in  der  Regel,  dass  der  Procurator  sie  eigenhändig  ge- 
schrieben, was  auch  schon  die  subjective  Stilisierung  beweisen  würde  -). 
Manchmal  fehlt  sie  vollständig,  oder  es  wird  die  geschehene  Vorlage 
von  Seite  der  Kammer  erwähnt.  Diese  bestätigt  dann  anschliessend, 
dass  die  Rechnung  präsentiert,  geprüft  und  nach  Leistung  des  Eides 
approbiert  wurde.  Häufig  wird  auch  hier  oder  nur  hier  das  Datum 
beigesetzt.  Wie  das  Edict  vom  29.  April  1462  weiters  vorschreibt, 
folgt  endlich  die  eigenhändige  Unterschrift  des  jeweiligen  :\ieusarius 
oder  dessen  Stellvertreters  mit  einfacher  Namensangabe  und  dem 
Character  „apostolice  camere  clericus".  Vor  der  Aushändigung  wird 
die  cedula  noch  mit  vollem  Wortlaute  in  das  Register  übertragen. 
Aehulich  wie  bei  den  übrigen  Registern  hat  der  registrierende  Kammer- 
notar, der  auch  collationiert,  seinen  Namen  beizusetzen. 

Wie  sich  aus  dem  Gesagten  von  selbst  ergibt,  wechselt  die  Hand- 
schrift mit  den  Eegistratoren  auch  in  unserm  Registerbande.  Indes 
sind  die  einzelnen  Formeln  nicht  allzufeststehend  und  mannigfachen 
Variationen  unterworfen,  auch  findet  nicht  selten  ein  vollständiger 
Wegfall  einer  oder  mehrerer,  vom  angezogenen  Edicte  geforderter  Ver- 


1)  Vgl.  Beilage  II,  weiche  Beispiele  aus  dem  Jahre  1463  und  1481  bringt. 
Die  Auswahl  derselben  ist  derart  getroüeu,  dass  nur  deutsche  Empfänger,  diese 
aber  innerhalb  der  heutigen  deutschen  und  österr.  Grenzen  vollständig  berück- 
sichtigt wurden. 

2)  Vgl.  die  Beispiele  a.  a.  0. 


74  ^I-  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  11  g. 

merke  statt.  Besonders  bei  deu  Beispielen  aus  dem  Jahre  1481  —  noch 
nicht  20  Jahre  nach  Erlass  des  Edictes  —  ist  eine  ganz  bedeutende 
Verschlechterung  der  formellen  Behandlung  zu  constatiereu  ^). 

Im  Anschlüsse  seien  ein  paar  einzelne  Beobachtungen  erwähnt, 
die  sich  aus  unseren  Beispielen  ergeben,  jedoch  nichts  mit  der 
Registratur  der  Expenseunoten  selbst  zu  thun  haben.  Während  im 
Jahre  1463  durchwegs  noch  Procuratoren  genannt  werden,  erscheinen 
1481  nur  mehr  Sollicitatoren,  wiewohl  erst  im  nächsten  Jahre  eine 
feste  Organisation  des  VacabilistencoUegs  der  Sollicitatoren  durch  die 
Bulle  „Romanas  pontifex"  '^)  erfolgte.  In  einem  Falle  erscheint  der 
Procurator  auch  synouym  als  sindacus  bezeichnet  ^).  Manchmal  über- 
nimmt der  Empfänger  selbst  die  Procura  seiner  Bulle  ^).  Die  Werth- 
bezeichnungen  sind  gewöhnlich  in  Kammergoklducaten  angegeben,  die 
Unterabtheiluugen  in  grossi  und  bolini.  Selten  finden  sich  Gulden  ^), 
solidi  und  carlini.  Angaben  der  Taxhöhe  (nach  der  Regel  in  grossis), 
der  Höhe  der  Annate  und  der  gezahlten  üesammtsumme  kommen  nur 
ausnahmsweise  vor. 

Die  weitere  Aufgabe  wäre,  die  Berechnung  der  Taxen  in  den 
einzelnen  Bureaux  und  deren  Vertheilung  an  unseren  Beispielen  näher 
zu  untersuchen.  Allein,  um  richtige  und  allgemein  giltige  Schlüsse 
ziehen  zu  können,  liegt  ein  viel  zu  geringes  Material  vor.  Vor  allem 
müssten  hiezu  die  correspondierenden  Serien  der  Cameralregister  mit- 
einbezogen werden.  Weil  wir  aber  über  die  p  r  a  c  t  i  s  c  h  e  Durch- 
führung der  Taxenbemessung  noch  sehr  wenig  unterrichtet  sind  ß), 
dürfte  trotzdem  die  Wiedergabe  einiger  allgemeiner  Beobachtungen  an 
unseren  Beispielen  von  einigem  Nutzen  sein  ''). 

Bezüglich  der  äusseren  Form  fällt  zunächst  aul,  dass  die  Pro- 
curatoren kein  feststehendes  Schema  für  die  Anordnung  ihrer  Zahlungen 
einhalten  und  häufig  mehrere  Posten    zusammenzieheu,    wie    es   ihnen 


')  Vgl.  die  Beispiele  der  Abtheilung  B.  a.  a.  0. 

'^)  Vgl.  M.  Tangl,  Die  päpstlichen  Kanzleiordnungeii,  Constit.  n'^  LII.  S.  207  ft". 

3j  A.  3. 

*)  A.  -2,  4. 

^)  A.  1,  5,  B.  6,  16;  in  A.  6  sind  rheinische  Gulden  angegeben. 

")  Aus  diesem  Grunde  mag  auch  der  Abdruck  so  verhältnismässig  zahl- 
reicher Stücke  seine  Rechtfertigung  finden.  Vgl.  darüber  M.  Tangl,  Das  Tax- 
wesen der  päpstlichen  Kanzlei  vom  13.  bis  zur  Mitte  des  15  Jahrhunderts,  Mittheil, 
des  Inst.  f.  österr.  Geschichtsforschung,  XIII,  1  S.  60  ff. 

')  Für  die  folgenden  Darlegungen  wurden  durchwegs  auch  die  betreffenden 
Abschnitte  von  E.  v.  Ottenthai,  Die  Bullenregister  Martin  V.  und  Eugen  IV., 
Mittheil,  des  Instit.  f.  österr.  Geschichtsforschung  I.  Ergänzungsband  401  fl'.  zu 
Rathe  gezogen. 


Ueber  Espensenreclinungen  für  päpstliche  Provisionsbnllen  etc.  75 

eben  bequem  war  oder  gelegen  kam.  Manchmal  wird  jedoch  auch  in 
ihren  Aufschreibungen  strenge  äussere  Scheidung  nach  der  Einzahluno- 
in  die  einzelnen  ßureaux  eingehalten.  Bei  näherem  Zusehen  lässt 
sich  eine  solche  auch  für  die  übrigen  Fälle  vornehmen,  wenn  auch 
äusserliche  Abschnitte  fehlen.  Darnach  erfolgten  die  Zahlungen  für 
Pfründenverleihungen  an  folgende  Aemter  und  in  folgender  Ordnung : 
im  Supplikenamt,  oder  bei  konsistorialen  Pfründen  an  die  Konsistorial- 
kanzlei  für  die  vorbereitenden  Acte;  in  der  eigentlichen  Kanzlei  die 
Scriptoren-  und  Abbreviatorentaxe,  welche  nach  dem  officiellen  Tax- 
buche zu  berechnen  war;  ungefähr  dieselben  Taxen  werden  weiters 
noch  im  Siegelamte  und  im  Register  eingehoben;  endlich  kommen 
die  ausgiebigsten  Zahlungen  in  der  Kammer. 

Wie  aus  dieser  Zusammenstellung  bereits  erhellt,  ist  die  eigentliche 
Kanzleitaxe  nur  für  die  Kanzlei,  Plumbarie  und  das  Register  mass- 
gebend. Daneben  sind  in  allen  diesen  Aemtern  noch  eine  Reihe  von 
Nebensporteln  zu  entrichten.  Um  ein  richtiges  Bild  zu  gewinnen,  ist 
eine  Scheidung  unserer  Verleihungen  in  konsistoriale  Pfründen  und 
gewöhnliche  Provisionen  nothwendig  1).  Bei  letzteren  ist  wieder  die 
Expedition  per  cameram  von  der  allgemein  üblicheren  per  cancella- 
riam  getrennt  zu  behandeln,  da  erstere  einen  anderen  modus  pro- 
cedendi  in  der  Kanzlei  bedingt. 

Konsistoriale  und  nichtkonsistoriale  Verleihungen  erfahren  nur  in 
der  Kanzlei  eine  gemeinsame  Behandlung,  kommen  jedoch  auf  ge- 
trenntem Wege  in  dieselbe.  Bei  konsistorialen  Pfrüudenverleihungen 
wird  zuerst  unter  dem  Vorsitze  des  hiezu  bestimmten  Kardinals  der 
kirchliche  Process  eingeleitet  und  das  Ergebnis  im  Konsistorium  zur 
Berathung  uud  Entscheidung  gebracht  ^).  Vom  Resultate  wird  die 
Kanzlei  durch  eine  schriftliche  Mittheilung  -  die  cedulae  consisto- 
riales  —  verständigt.  Für  die  Ausfertigung  dieser  Voracten  wurden 
natürlich  auch  Gebühren  eingehoben.  Sie  kommen  in  unseren  Bei- 
spielen  vielfach  zum  Ausdrucke.  In  A.  6  erscheinen  6  Posten,  welche 
nur  auf  die  Ausfertigung  der  Voracten  Bezug  nehmen,  in  A.  5  deren 
fünf,  in  A.  4  deren  vier,  in  A.  3  mindestens  drei,  in  A.  2  deren 
zwei,  in  B.  17  zwei  und  B.  15  einer.  Es  finden  sich  da  Ausgaben 
für  die  Prüfung  der  Zeugen  und  für  den  Process  (A.  2),  für  den 
Kardinal-Kommissär  (A.  3,  4,  5,  6).  für  die  cedula  an  die  Kanzlei 
(A.  2,  3,  6,  15,  17),   für   die   Registratur   derselben  (B.  17),    für   den 

')  Von  den  Beispielen  sind  A.  1—6,  B.  11,  15,  17  konsistoriale  Pfründen, 
dazu  kommt  noch  Beilage  III. 

-)  Der  mit  der  Leitung  des  Processes  betraute  Kardinal  heisst  in  unseren 
Beispielen  .commissarius",  in  den  Konsistorialacten  immer  „cardinalis  referens*. 


76  M.  Mayr- Adl-wang. 

Secretär  oder  Notar  des  referierenden  Kardinals  (A.  4,  5),  für  die 
canierarii,  parafrenarii  und  Trinkgelder  an  die  anderweitige  Diener- 
schaft, wie  auch  für  die  ersten  Meldungen  aus  dem  Konsistorium  über 
die  erfolgte  Verleihung.  Am  höchsten  erscheinen  die  Ausgaben  für 
die  sogenannte  propina  des  Kardinals  und  für  den  Secretär.  Sie 
schwanken  in  unseren  Fällen  i)  für  den  Kardinal  zwischen  15  duf. 
und  50  fl.  (A.  5),  für  den  Secretär  werden  zwischen  12  duc.  und 
20  fl.  (A.  5)  gezahlt;  der  Preis  der  cedulae  schwankt  zwischen  1  bis 
6  duc.  und  18  fl.  rhein.  Die  Trinkgelder  variieren  naturgemäss  gleich- 
falls stark.  Aus  einem  Kostenüberschlag  für  die  Ausgaben  behufs  Er- 
langung der  Konfirmationsbullen  für  Trient  vom  Jahre  1505,  welcher 
allerdings  aus  etwas  späterer  Zeit  stammt,  aber  für  unsere  Zwecke 
gute  Dienste  leistet  -').  ersieht  man,  dass  für  alle  diese  Ausgaben  keine 
fixen  Taxen  bestanden.  Sie  richteten  sich  jedenfalls  nach  der  Höhe 
der  Einkünfte  der  betreffenden  Kirche.  Die  propina  für  den  Kardinal 
sollte  eigentlich  nicht  in  Greld,  sondern  in  einem  entsprechenden  Ge- 
schenke bestehen.  GewöhnUch  wurde  jedoch  Geld  gegeben,  wie  unsere 
Beispiele  zeigen.  Es  kamen  aber  auch  Zurückweisungen  des  Geldes 
seitens  des  betreffenden  Kardinals  vor  (A.  6).  Im  Vergleich  zu  den 
ZahluDgen  in  den  übrigen  Aemtern  müssen  diese  Leistungen  schon 
als  ganz  beträchtliche  bezeichnet  werden. 

üsichtkonsistoriale  Verleihungen  hatten  ihren  Weg  in  die  Kanzlei 
durch  das  Supplikeuamt  zu  nehmen.  Wenn  die  Petitio  nicht  schon 
durch  die  Partei  daselbst  eingereicht  wordeu  war,  wurde  hier  die 
Supplik  ausgefertigt^).  Dafür  wurde  nach  unseren  Beispielen  eine 
Taxe  von  2  oder  3  grossi  eingehoben  4).  Für  die  Eegistrierung  der 
Supplik  war  die  gewöhnliche  Taxe  1  gr.  2  bol.,  für  2  das  doppelte. 
Abschriften  aus  dem  Kegister  werden  ziemlich  hoch  berechnet  (B.  5). 
ebenso  öfteres  Schreiben  der  Supplik  (B.  14);  eine  Keformation  der- 
selben kostet  1  gr.  2  bol.  (B.  5) '"). 

Die  cedulae  consistoriales  und  die  genehmigten  Suppliken  ge- 
langen an  den  Vicekanzler  zur  Ausfertigung  der  Urkunden.     An  der- 

')  Die  Angaben  der  Beilage  III.  sind  wegen  der  exorbitanten  Höhe  hier 
nicht  mitinbegritten. 

-')  Beilage  lY. 

")  Posten  pro  confectioue  supplicationis  finden  sich  ausdrücklich  erwähnt 
in  B.  9  und  14. 

4)  In  B.  14  werden  dafür  8  gr.  berechnet,  offenbar  ruusste  man  für  die 
Stilisierung  der  Erectio  mehr  Zeit  aufwenden.     In  B.  19  waren  6  gr.  zu  zahlen. 

6)  Kähere  Angaben  -über  diese  kleinereu  Zahlungen  bietet  die  bei  Woker, 
Das  kirchliche  Finanzwesen  der  Päpste  S.  189  ff.  abgedruckte  taxa  officialium, 
worauf  ich  aber  aus  dem  unten  S.  78  N.  1  angedeuteten  Grunde  nicht  näher 
•eingehen  kann. 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  77 

selben  betbeiligen  sich  drei  Bureaux:  die  Kanzlei,  die  Bullarie  und 
das  Register.  Die  uniforme  Behandlung  in  diesen  Aemtern  kommt 
durch  die  wenigstens  theoretisch  gleich  hoch  bemessene  Taxe,  welche 
in  jedem  getrennt  zu  zahlen  ist  1),  zum  Ausdrucke.  Bekanntlich  wird 
diese  vom  Kescribendar  auf  Grund  des  officiellen  Taxbuches  für  jede 
Bulle  nach  ihrem  Inhalte  angesetzt  und  muss  vier  Mai:  für  die 
Scriptoren  und  Abbreviaturen  (Kanzlei),  in  der  Bullarie  und  im  Register 
erlegt  werden.  Werden  die  Bullen  per  came/am  expediert,  dann  tritt 
noch  die  taxa  quinta  für  die  expedierenden  Secretäre  hinzu  -). 

Darnach  ergibt  sich  für  unsere  Beispiele  die  nothwendige  Schei- 
dung von  selbst.  Die  meisten  derselben  sind  einfache  Provisionen, 
die  übrigen  lassen  sich  als  Resignationen  mit  Pension  (B.  1,  8,  22)^ 
einfache  Resignationen  (B.  5,  18),  Pensionen  (B.  3).  Pension  mit 
Altersdispens  (B.  6),  Unionen  (B.  7,  12).  Erection  (B.  15)  und  Surro- 
gation (B.  20)  bestimmen,  soweit  dies  auf  Grund  der  meist  nur  karo-en 
Angaben  eben  möglich  ist.  Bei  den  Provisionen  herrscht  die  Expe- 
dition per  cameram  weitaus  vor,  nur  A.  5,  B.  4,  17,  19  haben 
4  Taxen,  in  allen  übrigen  sind  5  zu  constatieren  ^),  wenn  man  die 
ganz  summarischen  Angaben  in  den  übrigen  5  Beispielen  von  A  ausser 
Spiel  lässt. 

Wie  aus  unseren  Beispielen  ersichtlich  ist,  erfolgte  die  Einzahlung 
der  taxa  quinta  im  Siegelamte  *),  Gewöhnlich  wird  auch  die  Register- 
taxe gleich  miteinbezogen,  woher  sich  der  Ausdruck  pro  tribus  taxis 
erklärt.  Manchmal  werden  alle  5  Taxen  nur  summarisch  angegeben 
(B.  3,  12,  21).  Auch  die  Bezeichnung  der  Taxen  durch  Ordnungs- 
zahlen kommt  vor  (B.  4,  19).  Von  den  übrigen  Verleihungen  wurden 
die  einfache  Pension  (B,  3),  eine  Union  (B.  12)  und  die  Surrogatio 
per  cameram  expediert.  Ein  Versuch  die  Taxe  in  unseren  Beispielen 
auf  den  theoretischen  Ansatz  des  Taxbuches  zurückzuführen,  ist  eine 
misliche  Sache.  Erstlich  tragen  nur  die  cedulae  B.  3,  6,  7,  20  am 
Kopfe  Taxangaben,  weiters  sind  die  Zuschläge  ^)  oder  die  gewiss  öfter 

')  Aeusserlicb  kommt  dies  in  Beilage  III  zum  Vorschein,  ebenso  beispiels- 
weise in  einer  Verleihung  von  1463  für  Stagnö  (Curzola)  im  gleichen  Bande  der 
Compositiones  fol.  4'.  Ueber  die  getrennte  Einzahlung  vgl.  Tangl,  a.  a.  0.  71  und 
Ottenthai,  a.  a.  0.  514—519. 

2)  Darüber  vgl.  Ottenthai,  1.  c.  469  f.  und  513  N.  5.  Tangl  nimmt  die 
allgemeine  Einsetzung  der  taxa  quinta  erst  durch  Innocenz  VIII.  an  (a.  a.  0.  62), 
wobei  er  sich  auf  Ottenthai  beruft,  aber  mit  Unrecht,  denn  dieser  erwähnt  davon 
nichts.     Unsere  Beispiele  sprechen  gegen  Tangls  Annahme. 

3)  In  B.  2,  3,  20  wird  diese  Art  der  Expedition  ausdrücklich  erwähnt. 

4)  Dadurch  wird  Ottenthals  Angabe  a.  a.  0.  513  bestätigt. 

'"]  Die  oft  mannigfaltigen  clausulae  sind  ohne  Urkundentext  nicht  zu  be- 
stimmen. 


<jg  M.  May  r- Ad  Iwan  g. 

von  deu  Procuratoren    mit  der  Taxe  verbundeneu  Trinkgelder  schwer 
zu  eruieren  und  endlieli,    was   mir   allerdings  die  Hauptsache  scheint, 
fehlt  uns  für  diese  Zeit  noch   ein  verlässliches  Taxbuch  i).     Will  man 
aber  doch  Proben  anstellen,  so  ist  es  am  gerathensten  mit  den  taxierten 
Beispielen  zu  beginnen.     Von  den  beiden  Unionen  (B.  7  und  12)  ist 
die  erstere  mit  40  gr.  taxiert,  was  ungefähr  einem  der  Fälle  im  Tax- 
b)uche  -)  entsprechen  würde.     Die  Zweite  war  ebenso  taxiert,  denn  die 
Scriptorentaxe  und  4  weitere  Taxen  (per  cameram)  betragen  je  4  Du- 
caten.     Der  Schreiber  bekommt  in  B.  12  noch  2  Duc.  ausserdem,    in 
B.  7  einen  gr.,    welcher    aber   gleich    zur  Taxe   geschlagen  wird.    Die 
Kegistertaxe  entspricht  deui    Ansätze,    die  Abbreviatoren-  und  Siegel- 
taxe ist  um  je  5  gr.  niedriger  ^).    B.  6  ist  zu  30  gr.  taxiert.    Es  finden 
sich  ähnliche  Verhältnisse  für  Scriptoren-  und  Abbreviatorentaxe ;  Siegel- 
und  Kegistertaxe  weisen   einen  höheren  Zuschlag  auf.     Aehnlich  wird 
die  Vertheilung  der  Taxen  bei   der  einfachen  Pension  B.    o   mit   dem 
Ansätze  zu  20  gr.  sein.    Zieht  man  für  Abbreviatoren-  und  Siegeltaxe 
je  einen  halben  Ducaten    ab,    so    stimmt   der   Ansatz   von   9  Ducaten 
für  die  fünffache  Taxe.     Bei  der  Surrogatio  B.  20  tritt  die  reine  Taxe 
in  der  Abbreviatur  und   wahrscheinlich   in   der  Siegeltaxe  hervor,    im 
übrigen  ist  ein  massiger  Zuschlag  von  je  1  gr.  zu  bemerken.   Analog 
diesen   Fällen   steht   es   auch   mit   den   nichttaxierten   Pensionen   und 
Resignationen.     In  B.    1    sind   die   4  Taxen   für   die  Resignation   und 
Pension   getrennt    angeführt.      Au    Höhe    unterscheiden    sie   sich    nur 
in  der  Scriptorentaxe   um    1    gr.,    in  der  Abbreviatorentaxe  um  5  gr., 
doch  fällt  die   doppelt  niedrigere  Siegeltaxe   auf.     In   einem    au  deren 
Beispiele  (B.    8)    sind    die    Taxen    für    Resignation    und    Pension    zu- 
sammengezogen, die  einfache  Taxe  ist  hier  wie  bei  B.  18  etwas  höher 
(wohl   ungefähr   30   wie  in  B.  G),    Abbreviatoren-    und    Siegeltaxe  in 
B.  8  und  die  Abbreviatorentaxe  in  B.  18  zeigen   einen  Nachlass,    die 
Reo-istertaxe  in  B.  18  ist  wohl  die  Grundtaxe.      In    B.    21  wurde  auf 
-die  fünffache  Taxe  1  Duc.  aufgeschlagen.     Anscheinend  grössere  Ver- 
wirrung  herrscht   in    B.   22.      Die   Grundtaxen   für   Resignation   und 
Pension  dürften  20  und  24  gr.  betragen,  wie  sich  aus  den  Scriptoren- 
taxen  21  und  26  gr.,  den  Siegeltaxen  22  gr.  und  24  gr.  und  der  ge- 


1)  Tangl  führt  den  Gegenstand  nicht  so  weit  und  Wokers  erwähntes  Buch 
über  das  kirchliche  Finanzwesen  der  Päpste  (Nördlingen  1878)  wurde  allgemein 
ablehnend  aufgenommen,  besonders  die  Edition  der  Taxbücher  im  Anhange  erfuhr 
scharfe  Kritiken  (vgl.  Tangl,  a.  a.  0.  S.  1  ff.).  Das  Buch  ist  thatsächlich  für 
unsern  Zweck  fast  nicht  benutzbar. 

2)  Etwa  bei  Woker,  a.  a.  0.  S.  172. 

3)  Vgl.  auch  Woker,  a.  a.  0.  189,  190. 


Ueber  Expensenreclinungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  79 

meinsamen  Kegistertaxe  44  gr.  ergibt.  Die  Abbreviatorentaxe  Avürde 
iu  diesem  Falle  allerdings  fehlen,  wenn  sie  nicht,  ja  was  möglich  ist, 
bei  der  Registrierung  der  cedula  einfach  übersehen  wurde. 

Betrachtet  man  die  nichtkousistorialen  Provisionen  der  Reihe 
nach,  so  ergibt  sich,  dass  B.  2  ungefähr  zu  20  gr.  taxiert  war;  iu 
die  Abbreviatorentaxe  theilen  sich  hier  der  Abbreviator  und  der  Sum- 
marius  1).  Für  B.  4  war  wohl  der  Ansatz  26  gr.,  für  B.  5  etwa  20 
gr.,  wobei  die  Siegeltaxe  ungewöhnlich  niedrig  angesetzt  erscheint; 
ebenso  hoch  war  sie  für  B.  9.  Die  Abbreviatoren  erhalten  hier  be- 
deutend mehr  und  auch  der  Summator  bekommt  seinen  Ducaten. 
B.  10  erscheint  zu  30  gr.  taxiert,  wiederum  ist  die  Siegeltaxe  be- 
deutend niedriger.  In  B.  16  theilen  sich  der  Abbreviator  und  Sum- 
mator in  die  Abbreviatorentaxe,  aber  zu  sehr  ungleichen  Theilen;  der 
Ansatz  ist  wohl  24  carleni.  B.  19  hat  als  Grundtaxe  21  gr.,  Abbre- 
viatoren- und  Siegeltaxe  sind  beträchtlich  geringer.  Im  grossen  und 
ganzen  kann  eine  gewisse  Gleichheit  aller  Taxen,  ob  es  nun  deren 
3  oder  5  sind,  nicht  geläugnet  werden,  Abbreviatoren-  und  Sieo-el- 
taxen  sind  häufig  niedriger  als  der  Grundansatz.  Soweit  bei  den  an- 
gedeuteten schwierigen  Verhältnissen  ein  Vergleich  mit  den  Ansätzen 
der  officiellen  Taxrollen  möglich  ist.  wurden  diese  wohl  auch  nicht 
übermässig  überschritten. 

Mit  ganz  anderen  Grössen  haben  wir  bei  konsistorialen  Pfründen 
zu  rechnen.  Auch  da  gelten  bezüglich  eines  Vergleiches  mit  den  offi- 
ciellen Kanzleitaxen  die  gleichen  Schwierigkeiten.  Hier  spielt  der 
Ansatz  für  die  betreffende  Kirche  im  Liber  provincialis  mit  herein, 
ferner  ist  die  Anzahl  der  auszufertigenden  Bullen,  deren  Anzahl  8, 
1^,  sogar  10 "')  betragen  kann,  massgebend.  Die  Beispiele,  welche  nur 
gauz  summarische  Angaben  bieten,  wie  A  1,  3,  4,  mögen  lieber  un- 
berührt bleiben,  um  unhaltbare  Combinationen  zu  vermeiden. 

Die  besten  Aufschlüsse  über  den  Vorgang  bei  der  Taxierung  der- 
artiger Verleihungen  bietet  der  bereits  erwähnte  Trieutner  üeberschlag 
von  1505  in  dem  Absätze  über  „expense  pro  bullis  redimendis". 
Darnach  kosten  9  Bullen  in  der  Scriptorie  19  oder  20  Duc.  nach 
Vereinbarung,  mithin  eine  ungefähr  2  Duc;  in  B.  17  kosten  6  Bullen 
8  duc.  6  gr.,  in  B.  15  dürften  nach  Abzug  der  bestimmten  Taxe  für 
die  Arbeit   der  Scriptoren   von    4  Duc.  ^)    8  Bullen    zu   rechnen   sein, 


')  Ottentlial  a.  a.  0.  469  begegnet  dem  summator  zum  ersten  Male  1486  und 
stösst  sich  daran,  unsere  Beispiele  beweisen  das  frühere  Vorkommen  desselben 
zur  Genüge. 

2)  Im  citierten  Beispiele  der  Verleihung  für  Stagnö.  ■ 

')  Diese  Summe  wird  wenigstens  in  Beilage  IV  angegeben. 


80  ^I-  Mayr-Adlwang. 

ebenso  iu  A.  5;  iü  A.  6  sind  6,  für  Trient  im  Jahre  1488  wahr- 
scheinlich 8. 

Anders  stellt  sich  die  Berechnung  seitens  der  Abbreviatoren. 
Zunächst  fallen  absolutio  a  censuris  und  munus  consecrationis,  welche^ 
wenn  dafür  zu  zahlen  ist,  nach  Vereinbarung  an  den  custos  cancella- 
riae  oder  senescalcus  berichtigt  zu  werden  scheinen  i),  weg.  Für  die 
übrigen  Bullen  wird  für  jede  die  feste  Taxe  von  2  Duc.  weniger  2  Duo. 
von  der  Gesammtsumme  gezahlt-).  In  B.  17  beläuft  sich  die  Taxe 
für  die  Abbreviatoren  und  den  custos  ebenso  hoch  wie  für  die  Scrip- 
toren.  Jn  B.  15  hatten  die  Abbreviatoren  wohl  7  Bullen,  in  A.  5 
vielleicht  4  (weil  der  Protonotar  ^)  (3 — 8  Duc.  erhält),  iu  A.  6  eben- 
soviel, für  Trient  7,  in  B.  11  drei  Bullen  auszufertigen. 

Die  Taxe  in  plumbo  soll  wieder  vereinbart  werden.  Sie  erscheint 
etwas  niedriger  als  die  Scriptorentaxe  (A.  5,  B.  15,  17),  für  Trient 
ist  sie  gleich  hoch  angesetzt.  Dazu  kommen  Zahlungen  für  Siegel- 
verschluss  und  für  die  magistri  plumbi  nach  Vereinbarung  nebst  Trink- 
geld für  die  familiäres  nach  Belieben.  Besonders  viel  hatte  Trient  im 
Jahre  1488  im  Siegelamte  zu  zahlen. 

Die  Registertaxe  war  ungefähr  ebenso  hoch  wie  die  übrigen 
oder  etwas  niedriger  •*).  Für  Trient  werden  16  Duc,  in  A.  5  sammt 
allen  Trinkgeldern  12  duc.  9  gr.  gerechnet,  in  B.  17  kosten  5  Bullen 
5  duc.  5  gr.  Die  Art  der  Berechnung  ersehen  wir  wiederum  aus 
dem  Ueberschlag  von  1505.  Für  die  Registrierung  der  bulla  prin- 
cipalis  besteht  keine  fixe  Taxe,  es  ist  dafür  1  Duc.  arbitrarie  ange- 
setzt (in  B.  15  werden  2  Duc.  gezahlt),  für  die  Consecrations-  und 
Absolutionsbulle  erscheinen  je  2  Ducaten  vereinbart  (in  B.  15  für  die 
Consecrationsbulle  2  duc.  8  gr.).  Dazu  kommen  noch  die  soge- 
nannten conclusiones  ^),  wofür  iu  der  Regel  je  1  Duc.  gezahlt  worden 
zu  sein  scheint.     In  B.  17  wurde  für  5  Bullen  eine  ziemlich  geringe 


1)  Vgl.  Beilage  IV. 

2)  Vgl.  Beilage  IV. 

s)  Vgl.  die  Berechnung  dieser  Taxe  in  Beilage  IV.  Vgl.  auch  B.  15,  11,  17,  A.  2. 

^)  Ueber  die  Registertaxen  im  allgemeinen  vgl.  Ottenthai  a.  a.  0.  509  ff. 

s)  Ich  möchte  darunter  kurze  Registrierung  der  Nebenurkunden  nach  der 
littera  principalis  vermuthen,  etwa  wie  die  bekannte  Registrierung  ,in  eundem 
modum* ;  die  Zahl  6  dafür  in  Beil.  IV  würde  stimmen :  6  -f-  2  -)-  1  =^  9,  in  B.  15 : 
6-)- 1  +  1  =8  ;  in  der  Verleihung  für  Stagnö  werden  von  10  Urkunden  neben 
der  littera  principalis  4  weitere  registriert  und  für  letztere  die  halbe  Taxe  be- 
rechnet. Ebenda  wird  für  2  litterae  clausae  in  der  Kanzlei  nur  die  Hälfte  der 
Taxe,  die  andere  Hälfte  aber  im  Siegelamte  gezahlt,  ein  corrige  in  plumbo  (gr.  8) 
und  ein  solches  in  registro  (gr.  10)  werden  ebenfalls  in  der  Kanzlei  gezahlt. 
Leider  ist  das  Beispiel   zur  Veröffentlichung  in  diesem  Rahmen  zu  umfangreich. 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  g]^ 

Summe  vereinbart.  Neben  den  eigentlichen  Taxen  sind  auch  im  Ke- 
gisteramte  noch  manche  Zahlungen  zu  leisten.  Am  höchsten  er- 
scheinen die  regalia  für  den  Vicekanzler  i)  (im  Trientner  Ueberschlag 
mit  3  Duc,  in  der  Trientner  Koufirmationsbulle  mit  4  Duc.  ^),  in 
B.  15  und  17  mit  1  Duc.  4  gr.)  angesetzt.  Weiters  erhalten  die 
magistri  bedeutende  Sportein  3)  (B.  15,  17),  in  der  Trientner  Kon- 
firmation ist  1  Ducaten  für  diese  Art  von  Trinkgeld  bestimmt. 

Für  die  Kegistratur  selbst  ist  gleichfalls  eine  Taxe  zu  ent- 
richten (Trientner  Konfirmation  1  Duc;  B.  17  für  4  Bullen  1  duc. 
gr.  5  und  für  die  Kegistratur  der  Bulle  ad  episcopos  3  gr.;  B.  15 
1  duc.  4  gl'.;  B.  11  Duc.  1)*).  Endlich  sind  noch  einige  eventuelle 
Nebenzahlungen  zu  leisten,  so  in  B.  15  pro  grossis  an  die  magistri 
4  gr.,  pro  registratore  1  duc.  4  gr.,  pro  portu  2  gr.,  pro  familiari 
registri  1  gr.;  in  B.  17  pro  portu  ebenfalls  2  gr.;  im  Trientner  Ueber- 
schlag siud  pro  turno  und  pro  cassario  die  respectablen  Summen  von 
3  und  1  Duc.  eingestellt^). 

Aehnliche  Zahlungen  neben  der  Taxe  gab  es  auch  in  der  eigent- 
lichen Kanzlei.  Hier  harrten  noch  mehr  Personen  der  Entlohnung 
als  im  Siegel-  und  Hegisteramte.  Die  in  einzelnen  Beispielen  notierten 
Posten  wachsen  der  Zahl  nach  für  unsere  konsistorialen  Pfründen 
bis  zu  8  und  9  an  (B.  15,  17,  A.  5,  Trienter  Konfirmation),  im 
Trientner  Ueberschlag  sind  deren  noch  mehr.  Es  genügt  die  wich- 
tigsten kurz  zu  berühren.  Diese  sind  vor  allem  die  im  Ueberschlag 
von  1505  und  in  den  Taxlisten  als  fix  angegebenen  ß).  Da  erscheint 
zuerst  die  Taxe  der  Protonotare,  welche,  nach  den  Ansätzen  des 
Liber  provincialis  mittelst  eines  eigenen  Schlüssels  iDcrechnet,  meist 
in  der  camera  eingefordert  wird ').  Die  ,iura  prothonotario- 
r  u  m "  stehen  aber  in  unseren  Beispielen  immer  unter  den  Posten  der 
Kanzlei  und  variieren  in  denselben  zwischen  6  und  34  Duc.  Wenn 
im  Liber  provincialis  die  Angabe  der  Einkünfte  fehlt,  was  nicht  selten 


1)  Vgl.  Ottenthai,  a.  a.  0.  516;  auch  nach  der  Stellung  in  unseren  Beispielen 
scheint  diese  Taxe  im  Register  erlegt  worden  zu  sein,  jedoch  ausserhalb  der 
eigentlichen  Taxe. 

2)  Hier  sind  wahrscheinlich  noch  andere  regalia  miteinbezogen. 

3)  Vgl.  Ottenthai,  a.  a.  0.  511  N.  2. 

*)  In  den  Secretärregistern  stellen  sich  diese  Posten  um  ein  Geringfügiges 
höher. 

*)  Für  das  plumbum  finden  sich  bei  Stagnö  (22  gr.)  und  in  Beil.  IV  (pro 
tribus  plumbis  5  Duc.)  ganz  beträchtliche  Summen  eingestellt. 

«)  Eine  andere  Frage  ist  freilich,  ob  diese  Leistungen  auch  früher  schon  als 
ordinarium  zu  bezeichnen  sind. 

')  Vgl.  Beilage  IV. 

Mittheilungen  XVll.  6 


g2  M.  M  a  y  r   A  d  1  w  a  n  ^. 

vorkommt,  und  aus  der  Gesammtangabe  der  servitia  communia  und 
minuta  eine  Berechnung  erschwert  ist,  lassen  sie  sich  aus  der  Taxe 
für  die  Protonotare  bequem  (wenigstens  annähernd)  berechnen. 

Eine  weitere  Entlohnung  beziehen  der  custos  cancellarie  so- 
wohl als  Taxe  wie  für  seine  Arbeit,  ferner  die  Scriptoren,  die 
Abbreviatoren  für  ihre  Arbeit,  sowohl  der  Abbreviator,  welcher 
die  Correcturen  ausführt,  wie  nicht  minder  der  Abbreviator  primae 
visionis,  der  Rescribendar,  der  Computator,  kurz  alle  irgend- 
wie an  der  Ausfertigung  der  Urkunde  in  der  Kanzlei  betheihgten 
Personen!).  Die  SoUicitatoren  bekommen  für  ihre  Mühewaltung 
gleichfalls  eine  ganz  bedeutende  Entschädigung,  welche  wiederum  nach 
der  Höhe  der  Einkünfte  bemessen  wird  2).  Im  Trientner  Ueberschlag 
erscheint  bereits  das  Sollicitatorencolleg  der  Jauitscharen,  welche  den 
20ten  Theil  des  dem  Papste  zufallenden  servitiums  erhalten,  dem- 
nach nicht  von  der  Partei  entlohnt  würden.  Die  Partei  muss  ausser 
den  Taxen,  der  Arbeit  und  der  Entlohnung  für  dieselbe  auch  das 
Schreibmaterial  bestreiten.  Dazu  kommen  noch  Trinkgelder  an  die 
Dienerschaft  der  bedeutenderen  Beamten. 

Soviel  durch  die  Kanzleiregeln  über  die  Expedition  der  Bullen 
bekannt  ist  und  durch  Untersuchung  der  Originale  für  die  Kenntnis 
derselben  gewonnen  wurde,  bestätigt  oder  ergänzt,  wie  wir  sehen,  die 
Praxis. 

Was  von  den  Nebeuauslagen  in  der  Kanzlei,  im  Siegelamte  und 
im  Register  für  die  konsistorialen  Provisionen  gilt,  findet  der  Hauptsache 
nach  auch  auf  die  gewöhnlichen  Verleihungen  Anwendung.  Weil  es 
sich  um  geringere  Beträge  und  wobl  auch  um  einfachere  Arbeit 
handelt,  sind  auch  die  Forderungen  geringer  und  weniger  zahlreich. 
Es  tritt  hier  die  Bezahlung  der  eigentlichen  Arbeit  (Anfertigung  der 
Minuten,  Registratur,  Distributio  etc.)  und  des  Materials  mehr  in  den 
Vordergrund,  Trinkgelder  sind  seltener  3).  Nur  in  ß.  14  fällt  die 
enorme  Höhe  der  iocalia  auf,  wenn  nicht  ein  Fehler  unterlaufen  ist  ^). 

Was  die  Kosten  der  Minuten  anlangt,  so  stellt  sich  der  Durch- 
schnittspreis auf  5  gr.,  die  Zahlung  variiert  zwischen  4  gr.  bis  1  Duc, 
in  einem  Falle  stellt   sie  sich  auf  2  duc.  2  gr.  (B.  14),   allerdings  ist 


')  Dasselbe  gilt  auch,  Avenn  die  Bulle  die  audientia  zu  passieren  hat. 

2)  In  einem  Falle  begnügt  sich  der  SoUicitator  mit  einer  Entlohnung  nach 
gutem  Willen  (B.  22),  wahrscheinlich  rechnete  er  auf  die  Generosität  des  Em- 
ptängers. 

3)  Die  Namen  der  Kanzleibeamten  werden  bei  gewöhnlichen  Verleihungen 
sehr  selten  angeführt. 

*)  Vielleicht  versteckt  sich  dahinter  auch  eine  Anuate. 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  33 

dies  eine  Erectionsbulle.  Die  cedulae  uud  cartae  stellen  sich  auf 
1—6  gl'. ;  für  die  Kesiguation,  Kecognition  und  Consens  werden  3 — 6 
gr.  gezahlt  1),  für  die  Distribution  2—5  gr.  Für  die  prima  visio, 
welche  bei  Bullen  per  cameram  in  der  Kegel  nicht  stattfand  2)  (nur 
B.  21  hat  dieselbe),  wurde  für  eine  Urkunde  1  gr.  gezahlt;  in  B.  1 
wird  sie  wegen  der  2  Bullen  zweimal  gerechnet;  in  B.  17  steht  aus- 
drückhch  für  6  Bullen  6  gr.  angegeben;  in  B.  15  stimmen  8  gr. 
für  die  angenommenen  8  Bullen,  ebensoviel  weist  der  Trientuer  Ueber- 
schlag  als  ordinarium  auf,  nur  die  Konfirmation  voö,  1488  verzehn- 
facht den  Preis.  Es  ist  noch  hinzuzufügen,  dass  in  den  per  cameram 
expedierten  Bullen  (B.  2,  9,  12,  13,  14,  16,  20,  21)  mit  einer  Aus- 
nahme (B.  3)  bereits  der  Summator  vorkommt  3),  der  in  der  Kegel 
5  gr.  oder  1  Duc.  erhält,  nur  in  B.  12  (Union)  bekommt  er  3  Duc.  4). 
.  '  Die  letzten  Zahlungen  für  Provisionsbullen  waren  in  der  aposto- 
lischen Kammer  zu  leisten.  Von  den  nichtkonsistorialen  waren 
die  eigentlichen  Annaten  zu  erlegen,  von  den  konsistorialen  die  ser- 
vitia,  welche  in  communia  und  minuta  zerfallen.  Betrachten  wir  zu- 
erst die  eigentlichen  Annaten.  worunter  man  den  halben  Betrasr 
einer  Pfründe  von  24  bis  100  Kammergoldgulden  jährlichen  Erträg- 
nisses versteht,  der  bei  der  Verleihung  an  die  camera  apostolica  zu 
entrichten  war,  so  fällt  bei  unseren  Beispielen  sofort  auf,  dass  eine 
wirkliche  Einzahlung  nur  in  nicht  per  cameram  expedierten  Fällen 
erfolgt  (B.  1,  5,  8,  10),  dagegen  in  den  per  cameram  verliehenen 
9  Bullen  nur  in  zweien  (B,  12,  20)  die  obligatio  vorkommt.  Letztere 
kann  aber  auch  bei  den  Secretären  stattfinden  ^). 

')  Diese  werden  auch  getrennt  aufgeführt. 

2)  Vgl.  Ottenthai,  a.  a.  0.  468  N.  4. 

3)  Vgl.  die  bereits  erwähnte  (oben  S.  79  N.  1)  Angabe  bei  Ottenthai, 
a.  a.  0.  469  und  ebenda  Beilage  5. 

■»)  Uebrigens  hängt  die  Entlohnung  des  Summators  von  der  Arbeit  ab.  Vgl. 
Beilage  5  bei  Ottenthai,  a.  a.  0.  589  ,quod  fribus  vicibus  fuerit  bulla  transscripta 
{et)  quod  tribus  vicibus  vel  quatuor  satisfactum  fuerit  summatori  .  .  .   *. 

5)  Aus  unseren  wenigen  Beispielen  und  den  ungenügenden  Angaben  der- 
selben ist  man  nicht  berechtigt  zwingende  Schlüsse  zu  ziehen.  Wie  Ottenthai 
in  seinen  Darlegungen  über  die  expeditio  per  secretarios  gesteht,  weiss  man 
darüber  noch  Weniges.  Wenn  man  die  grosse  Anzahl  unserer  per  cameram  ex- 
pedierten Beispiele  betrachtet  und  die  enge  Verbindung  der  Secretäre  mit  der 
camera  apostolica  erwägt,  wird  man  vielleicht  in  dem  Ausdrucke  per  cameram 
doch  lieber  apostolicam  als  secretam  zu  ergänzen  geneigt  sein  und  in  dieser 
Expedition  gegenüber  dem  immer  gegensätzlich  gebrauchten  per  cancellariam 
(vgl.  auch  Beilage  I  und  die  taxa  officialium  bei  Woker)  eher  ein  aus  bestimmten 
Gründen  abgekürztes  Verfahi-en  sehen,  welches  durch  die  taxa  quinta  theurer  zu 
stehen  kam.    Dadurch  braucht  die  Thätigkeit  der  Secretäre  in  der  camera  secreta 

nicht  eingeschränkt  zu  werden. 

6* 


34  M.  Mayr-Adlwang. 

Aus  deu  wirklich  verzeichneten  Zahlungen  erhellt,  dass  neben  der 
Annate  regelmässig  für  die  Quittung  und  Obligation,  wenn  eine  solche 
erfolgte,  zu  zahlen  war.  Die  Quittung,  deren  Ertrag  dem  Thesaurar 
zufällt  1),  kostete  nach  unseren  Beispielen  1  duc.  3  gr.  (in  B.  1  dürfte 
wohl  ein  Fehler  sein,  in  B.  8  ist  nach  der  Restitution  der  Obligation 
noch  eine  Quittung  zu  begleichen).  Die  Obligation  wird  meist  zu 
3  sr.  gerechnet.  Hie  und  da  werden  auch  die  Kosten  für  die  cedulae 
verrechnet.  In  B.  5  könnte  man  eine  Quiudennia  vermuthen,  doch 
ist  die  Bulle  sicherlich  keine  Union. 

Für  konsistoriale  Pfründen,  d.  i.  für  solche,  deren  jährliches  Ein- 
kommen über  100  Kammergoldguldeu  ausmacht,  wurde  in  der  Kammer 
ein  Drittel  des  Jahreserträgnisses  eingehoben,  Sämmtliche  derartige 
in  Eom  zur  Verleihung  kommenden  Pfründen  wurden  in  der  Kammer 
und  wohl  auch  beim  caraerarius  des  heiligen  Kollegs  durch  den 
mit  dem  Taxvermerke  versehenen  „Liber  provincialis",  auch  „Liber 
caraere"  genannt,  in  Evidenz  gehalten  2).  Zum  Namen  der  betreffenden 
Kirche  war  gleich  die  zu  zahlende  Summe  hinzugefügt.  Der  tech- 
nische Ausdruck  dafür  ist  servitia  communia.  Eine  Hälfte  davon  fällt 
dem  Papste,  die  andere  dem  Kardinalscollegium  zu.  Wie  in  allen 
Aemtern  ausser  den  Taxen  noch  eine  Reihe  von  Zahlungen  zu  leisten 
ist,  so  treten  auch  zu  den   servitia  communia   noch   fünf  minuta  ser- 


*)  Vgl.  darüber,  wie  überhaupt  für  die  Zahlungen  in  der  camera  apostolica 
die  von  J,  P.  Kirsch  im  Historischen  Jahrbuche  der  Gön-esgesellschaft  IX,  300  ff. 
veröffentlichten  Notizen  aus  der  2,  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  (aus  Cod.  Sessor,  46). 

2)  Ein  solcher  Liber  provincialis  mit  Taxvermerk  ist  bisher  nur  aus  einer 
Bologneser  Handschrift  der  2.  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  von  J.  v.  DöUinger, 
Materialien  zur  Geschichte  des  15.  und  16.  Jahrhunderts  IL  S.  1—296  ediert. 
Gleichen  Inhaltes  ist  aber  auch  der  von  Kirsch  (vgl.  N.  1)  benützte  Cod.  Sessor.  46 
und  eine  Reihe  von  Handschriften  der  vatikanischen  Bibliothek  mit  reicherem 
Inhalte  als  die  Bologneser  Handschrift,  so  Cod.  Vat.  lat.  9239,  Ottob.  65  und  910. 
(vgl.  die  Beschreibung  dieser  Handschriften  bei  Forcella,  Catalogo  dei  manoscritti 
riguardanti  la  storia  di  Roma,  Rom  1879  ff.  5  Bde.).  —  Cod.  9239  wurde  1482 
vollendet.  Der  hübsch  ausgestattete  unfoliierte  Pergamentcodex  diente  jedenfalls 
zur  officiellen  Benützung.  Cod.  Ottob.  65  ist  gleichfalls  eine  Prachthandschrift 
und  stammt  zweifelsohne  aus  dem  hl.  Kolleg,  weil  die  Statuten  desselben  fol.  112  ff. 
eingetragen  sind,  er  dürfte  derselben  Zeit  wie  Cod.  Vat.  9239  angehören,  hat 
aber  viele  spätere  Nachträge.  Aus  der  Zeit  Martins  V.  stammt  Cod.  Ott.  910, 
wie  sich  aus  der  ^'chlussnotiz  fol.  161'  ergibt,  worin  der  Vicekanzler  Johannes 
Kardinal  von  Ostia  sagt,  dass  er  nach  Vollendung  dieses  »Liber  provincialis*  auf 
Befehl  des  Papstes  Martin  V.  Nachträge  gemacht  habe.  Diese  folgen  auch.  —  Cod.  910 
enthält  dieselbe  Münztabelle  fol.  162' — 163  wie  der  Sessor,  Im  Konsistorialarchiv 
befindet  sich  ein  auf  Pergament  geschriebenes  Exemplar  aus  unserem  Jahrhundert, 
versehen  mit  dem  Imprimatur,  —  Ueber  das  »Provinciale*  der  Kanzlei  vgl.  Tangl, 
Die  päpstl.  Kanzleiordnungen,  Einl.  und.  Abschnitt  I. 


Ueber  Expensenrechijungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  35 

vitia,  die  iura  sacre,  iura  subdiaconorum,  iura  quietantiarum  und  event. 
ein  Betrag  für  Obligation  und  Eidesformel  hinzu.  Alle  diese 
Leistungen,  welche  nach  ganz  bestimmten  Schlüsseln  von  den  servitia 
communia  berechnet  werden,  fallen  den  Beamten  der  Kammer  und 
des  hl.  Kollegs  als  Emolumente  zu.  Deren  Vertheilung  ist  genau  ge- 
reo-elt  i).  Für  die  sacra  werden  5  %  ^^''^  ganzen  Taxe,  für  die  Sub- 
diacouen  V3  der  sacra,  oder  nach  der  Rechnuug  des  Ueberschlages  von 
1505  1%  %  der  Taxe  an  den  Kammerdepositar  gezahlt.  Die  minuta 
servitia  zerfallen  in  fünf  Theile,  nämlich :  das  miuutum  caniere,  wovon 
3/4  an  den  Kämmerer  und  V4  ^^  die  Kammerkleriker  fällt,  3  Minuten 
fallen  dem  gesammten  zum  Bezüge  berechtigten  Beamtenpersonal  zu, 
die  5.  minuta  muss  an  das  Bureau  des  hl.  Kollegs  abgeführt  werden. 
Jede  Minute  ist  der  28.  Theil  der  ganzen  (resp.  der  14.  Theil  der 
halben  ^)  Taxe.  Für  die  Quittungen  gilt  das  Schema,  dass  bis  zu  einer 
Summe  von  100  Duc.  1  Duc,  bis  500  2  Duc,  bis  1000  exclusive  3  Duc, 
für  1000  Duc.  4,  für  1100  Duc.  5,  von  1100—1500  Duc.  6  Duc.  u.  s.  f 
zu  zahlen  sind.  Von  2000  Duc.  ab  werden  für  jedes  weitere  Tausend 
4  Duc.  gerechnet.  Die  erste  Quittung,  welche  sich  auf  das  commune 
servitium  des  Papstes,  die  sacra,  das  minutum  camere  und  die  3  minuta 
<ic'r  Beamten  erstreckt,  stellt  der  Kammerdepositar  aus ;  er  nimmt  das 
Geld  dafür  zugleich  mit  den  andern  an  ihn  zu  erlegenden  Beträgen 
in  Empfang  3)  und  erhält  für  jeden  Ducaten  der  Quittungskosten  einen 
carlenus.  Das  Erträgnis  dieser  Quittung  theilen  Kämmerer'^)  und 
Kammerkleriker  zu  gleichen  Theilen.  Eine  zweite  Quittung  stellt  der 
Kämmerer  des  hl.  Kollegs  für  das  servitium  commune  und  minutum 
sacri  collegii  aus ;  diese  wird  gleich  der  ersten  berechnet.  Der  Clericus 
mensarius  ist  gehalten,  keine  Bulle  auszuhändigen,  bevor  er  nicht  die 
Zahlungsbestätigung  der  Depositare  in  Händen  hat^). 

In  der  Praxis  sieht  die  Sache  freilich  wieder  etwas  anders  aus. 
Die  Kosten  der  sacra,  der  iura  subdiaconorum  und  die  Quittungen 
werden  genau  nach  diesen  Regeln  berechnet,  aber  die  servitia  minuta 


1)  Bequeme  Anhaltspunkte  für  die  Berechnung  aller  dieser  iura  geben  uns 
die  Aufzeichnungen  im  Codex  Sessor.  46  (bei  Kirsch,  a.  a.  0.)  und  unser  Trientner 
Kostenüberschlag  von  1505;  zur  Ergänzung  dient  auch  noch  ein  Beispiel  im  Cod. 
Ottob.  910  f.  163'.  Vgl.  die  Statuten  in  Cod.  Ottob.  65  fol.  112  ff.  und  auch  Gottlob, 
Aus  der  Camera  apostolica,  92  ff. 

2)  Vgl.  Kirsch,  a.  a.  0.  306. 

3)  Deshalb  begegnet  man  wohl  meist  einer  summarischen  Angabe  dieser 
Posten. 

*)  In  Beilage  IV  wird  der  Kämmerer  nicht  ausdrücklich  als  Theilhaber 
erwähnt. 

5)  Vgl.  bei  Kirsch,  a.  a.  0.  307. 


gß  M.  Mayr- Adl wang. 

zeigen  sehr  verschiedene  Höhe  (A.  1,  2,  3).  Im  allgemeinen  erscheinen 
sie  niedriger  angesetzt,  als  sie  eigentlich  betragen  würden,  nur  in 
A  3  und  jedenfalls  in  der  Trientner  Konfirmation  sind  sie  höher,  die 
Ueberzahlung  über  die  Normaltaxen  beträgt  hier  mindestens  100  Duc. 
In  den  Beispielen  A.  4,  5,  B.  11,  15,  17  sind  nur  summarische  Angaben. 
Wegen  der  erwähnten  Schwierigkeiten  bei  der  Berechnung  der  Minuten 
lassen  sich  die  einzelnen  Posten  nur  für  die  sacra,  iura  subdiaconorum 
und  Quittungen  feststellen,  wenn  die  Taxe  der  Kirche  bekannt  oder 
wenigstens  der  Betrag  der  Protonotare  einzeln  eingestellt  ist,  falls 
etwa  Theilzahlungen  erfolgten.  Für  die  Obligation  war  die  Taxe  wohl 
1  Duc.  (A.  3,  B.  11,  17),  wozu  noch  ein  oder  mehrere  Groschen  für  die 
Quittungen  (für  je  1  Duc.  entfällt  je  1  gr.)  kommen.  Das  kommt  den 
Notaren  zu  gute.  Trient  rauss  allerdings  1488  wieder  die  zehnfache 
Obligation  und  den  Notareu  15  Duc.  zahlen.  A.  6  wurde  gratiose 
expediert,  dafür  brauchten  in  der  Kammer  blos  126  Duc.  gezahlt  zu 
werden  und  100  Duc.  an  den  Papst  für  die  Gnade.  Die  Taxe  für 
Paderborn  steht  im  Liber  provincialis  nicht  angegeben,  aber  nach  der 
Zahlung  für  den  Protonotar  war  die  Verleihung  mindestens  auf 
2000  Duc.  taxiert.  Die  gratiose  Expedition  fällt  demnach  ganz  be- 
deutend ins  Gewicht. 

Aus  dem  Beginne  des  16.  Jahrhunderts  gibt  ein  genaues  Tage- 
buch des  Trientner  Kanzlers  Anton  Quetta  ^)  über  seine  Reise  nach 
Rom  im  Jahre  1514,  um  die  Bestätigung  der  Wahl  des  Bischofes 
Bernhard  von  Cles  zu  erwirken,  so  instructive  Aufschlüsse  über  alle 
Einzelnheiten  der  Vorgänge  bei  einer  Konfirmation,  dass  es  sich  wohl 
der  Mühe  lohnt,  die  für  unsere  Zwecke  in  Betracht  kommenden  Stellen 
einer  auszugsweisen  Besprechung  zu  unterziehen. 

Der  Kanzler  war  am  28.  August  1514  von  Trient  abgereist  und 
traf  am  7.  September  in  Rom  ein.  Sogleich  machte  er  sich  an  die 
Erledigung  seiner  Aufgabe,  die  ihn  bis  zum  9.  October  unausgesetzt 
thätig  in  der  ewigen  Stadt  festhielt.  Er  suchte  zunächst  den  refe- 
rierenden Kardinal  Hadrian  auf  und  übergab  ihm  ein  kaiserliches 
Schreiben.     In  dessen  Begleitung   verfügte  er  sich  am   nächsten  Tage 


1)  K.  k.  Statth.-Arch.  in  Innsbruck.  Cod.  489.  Pap. -Original  in  12»  mit 
Pergamentumschlag,  96  Blätter.  Fol.  1—8  enthalten  die  Ausgaben  auf  der  Hinreise, 
fol.  17 — 19  verschiedene  Ausgaben  in  Rom  (darunter  12  quatrini  für  das  vorliegende 
Büchlein),  fol.  33—34'  die  Ausgaben  für  die  Expedition  der  Konfirmation,  fol.  49 
extraordinäre  Auslagen,  lol.  65—85'  das  Tagebuch  über  alle  Verhandlungen  und 
Schritte  in  Rom,  fol.  94  eine  Uebersichtstabelle  über  die  "Wegentfernungen  zwischen 
Rom  und  Trient,  fol.  96'  eine  übersichtl.  Zusammenstellung  der  mitgeführten 
Geldsummen-  und  Sorten.     Alle  übrigen  Blätter  sind  leer. 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliclie  Provisionsbullen  etc.  g7 

zum  Papst,  um  ebenfalls  ein  kaiserliches  SchreibeB  und  die  Acten  des 
Wahlprocesses  zu  überreichen.  Der  erwähnte  Kardinal  erhielt  sogleich 
das  Referat  übertragen. 

Da  der  Gegenkandidat  (Bannisius)  gegen  die  Wahl  Bernhards 
bereits  Einsprache  erhoben  hatte,  war  zuerst  die  Prüfung  der  Wahl 
im  Konsistorium  vorzunehmen  und  es  mussten  alle  Formalitäten  des 
Processes  erfüllt  werden.  Kardinal  Hadrian  versprach  hiebei  seine 
möglichste  Unterstützung  und  machte  zugleich  aufmerksam,  dass  an 
eine  Expedition  der  Bestätigung  nicht  zu  denken  sei,  solange  nicht 
dem  Kämmerer  eine  Obligation  durch  ein  Bankhaus  über  die  Ein- 
zahlung der  dem  Papste,  dem  hl.  Kollegium  und  der  Kammer  zu- 
stehenden Gebühren  vorliege.  Neben  der  Beschleunigung  dieser  An- 
crelegenheit  empfahl  der  Kardinal  auch  möglichste  Geheimhaltung  der 
Sache. 

Während  zur  Einleitung  des  Processes  die  nöthigen  Zeugen  requi- 
riert wurden,  begann  Quetta  mit  seinem  Begleiter  Thomas  Marsoner 
(dem  späteren  Domherrn  und  Küchenmeister  Bernhards  von  Cles)  auch 
mit  dem  Banquier  Angelus  de  Mapheis  wegen  Beschaffung  der  nöthigen 
Obligation  und  Umwechslung  seines  rhein.  Geldes  in  das  an  der  Kurie 
allein  gangbare  Kammergold  zu  verhandeln.  Schon  hiebei  ergaben 
sich  allerlei  Schwierigkeiten  bezüglich  der  Höhe  der  Interessen  für 
den  Banquier  und  bezüglich  der  Abwägung  der  rhein.  Gulden  bei  dem 
Agenten  der  Fugger,  deren  eine  grosse  Zahl  für  zu  gering  erklärt 
wurde.  Quetta  nahm  sein  Geld  und  versuchte  sein  Glück  bei  anderen 
Bankhäusern  (bei  Spaniern  und  bei  Welser)  mit  ebensowenig  Erfolg. 
Auf  Anrathen  des  Kardinals  Hadrian  wendete  er  sich  an  Altovitis' 
Erben  bei  der  Engelsbrücke.  Dort  deponierte  er  3700  fl.  rhein.,  1000 
ducati  largi,  35  Kammerducaten  und  280  aurati  Bononienses  gegen 
eine  Bescheinigung.  Der  Banquier  stellte  die  nöthige  Obligation  für  die 
Kurie  aus,  des  allgemeinen  Inhalts,  dass  er  sich  zur  Zahlung  der  Kon- 
firmationskosten verpflichte.  Diese  trug  Quetta  zu  Kardinal  Hadrian, 
der  sie  jedoch  nicht  entsprechend  fand  und  dem  Banquier  eine  andere 
ausfertigen  Hess.     Das  war  am   12.  September, 

Inzwischen  hatte  der  Process  begonnen,  es  mussten  Vertheidigungs- 
schriften  angefertigt  und  der  besondere  Gönner  der  Gegenpartei,  der 
Kardinal  von  Carpi,  umzustimmen  verbucht  werden;  letzteres  hatte 
schlechten  Erfolg.  Auch  der  Versuch,  einen  Nachlass  in  der  Annaten- 
zahlung  zu  erreichen,  wurde  unternommen. 

Am  14.  September  fand  eine  regelmässige  Sitzung  des  Konsi- 
storiums statt,  wobei  die  Konfirmationsfrage  im  Kardinalskollegium  zur 
Sprache    kam.     Nach    des    Kardinal    Hadrian   Versicherung   hielt    der 


88  M.  Mayr-Adlwang. 

Papst  seilest  die  Einwürfe  des  Gegners  für  unmassgebend,  wollte  aber 
nicht  den  Schein  erwecken,  als  ob  derselbe  nicht  angehört  würde; 
auf  einen  Nachlass  der  Annate  gieng  er  nicht  ein,  ebenso  bestand  er 
auf  der  Reservation  von  Beneficien. 

Hierauf  wurden  den  verschiedenen  Kardinälen  Besuche  abgestattet 
und  ihnen  die  Angelegeuheit  empfohlen,  ferner  an  der  Widerlegung 
der  inzwischen  durch  Kardinal  Hadrian  bekannt  gewordenen  Schrift 
der  Gegner  gearbeitet;  der  Advocat  Joh.  B.  de  Senis  erhielt  sogleich 
die  üblichen  zwei  ungarischen  Goldducaten.  Da  die  Widerlegung  der 
gegnerischen  Artikel  durch  den  Procurator  Joh.  Wayderaann  sehr 
mager  ausfiel,  bestellte  Quetta  eiuen  anderen  Procurator.  Am 
20.  September  raussten  beide  Parteien  mit  ihren  Procuratoren  und 
Advocaten  vor  Kardinal  Hadrian  erscheinen.  Die  Entscheidung  sollte 
im  nächsten  Konsistorium  fallen.  Es  waren  dann  unter  Beihilfe  der 
Procuratoren  und  Advocaten  eine  Reihe  von  Formalitäten:  wie  die 
Prüfung  der  Vollmachten,  Beeidigimg  der  Zeugen,  Information  der 
Kardinäle  zu  erledigen.  Diese  schienen  der  Sache  günstig  gestimmt, 
doch  fürchtete  Quetta  am  21.,  dass  die  Gegner  im  Konsistorium  am 
nächsten  Tatje   eine  Verschiebung  der  Konfirmation    erreichen.     Diese 

TD  O 

trat  thatsächlich  aus  Rücksicht  für  die  Gegner  ein,  obwohl  der  Papst 
und  alle  Kardinäle  für  die  Expedition  waren,  doch  sollte  das  ent- 
scheidende Konsistorium  schon  am  25.  stattfinden. 

Die  folscenden  Tagre  bis  zu  demselben  verliefen  wieder  mit 
Vorbereitungen  hiefür  und  waren  infolge  der  Thätigkeit  der 
gegnerischen  Partei  mit  mancherlei  Aufregung  und  Befürchtungen  ver- 
bunden. Kardinal  Hadrian  liess  Quetta  die  betreffenden  Nachrichten 
zukommen.  Das  Konsistorium  am  25.  brachte  die  gewünschte  Ent- 
scheidung, den  Gegner  Bannisius  wollte  der  Papst  mit  eiuer  Praebende 
von  300  rh.  fl.  auf  Kosten  des  Bestätigten  abfinden. 

Quetta  gieng  sofort  daran,  die  Expedition  der  Bestätigungsbullen 
zu  betreiben.  Zunächst  musste  vom  referierenden  Kardinal  die  cedula 
consistorialis  erlangt  werden,  nach  welcher  die  Bullen  auszufertigen 
waren.  Weil  für  die  Expedition  der  letzteren  in  der  Kanzlei,  im 
Siegelamte  und  im  Register  Kammerducaten  nöthig  waren,  wechselte 
Quetta  am  nächsten  Tage  deren  500  gegen  700  rh.  fl.  ein  und  betrieb 
bei  den  Abbreviatoren  die  Anfertigung  der  Minuten,  nach  welchen 
nachher  die  Bullen  selbst  geschrieben  werden.  Am  folgenden  Tage 
(27.  Sept.)  war  die  cedula  consistorialis  fertig.  Quetta  zahlte  dem 
Kardinal  die  gewöhnliche  propiua  und  betrieb  die  Reinschrift  der 
Bullen  nach  den  Minuten,  um  Tags  darauf  (Donnerstag,  wo  Amtstag 
der    Kanzlei    ist)    die    Expedition    derselben    zu    erlangen.      Auch    der 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  39 

Advocat  wurde  bezahlt.  Dieser  wusste  über  die  Practikeu  des  Kardinals 
vou  Carpi  Wunderdinge  zu  erzählen.  Doch  die  Expedition  sollte 
nicht  so  schnell  vou  statten  gehen,  als  Quetta  etwas  optimistisch  be- 
rechnet hatte.  Die  familia  des  Kardinals  Hadrian  wies  die  dargebotene 
propina  von  60  fl.  rh.  als  zu  wenig  ab  und  behielt  die  cedula  zurück. 
Das  Elend  gieng  nun  erst  recht  an. 

Am  nächsten  Tage  (28.  Sept.)  gieng  Quetta  in  die  Kanzlei,  wo 
er  die  Bullen  in  den  diversen  bancha  nach  der  Gepflogenheit  signieren 
und  subscribieren  liess  und  überall  nach  der  notula  expensarum  can- 
cellarie  zahlte,  doch  wurde  er  nicht  fertig.  Er  hatte  an  diesem  Tage 
drei  Anstände:  wegen  der  Einwechselung  der  Kammerducaten,  vou 
welchen  er  noch  200  nahm,  dann  mit  den  parafrenarii  des  Papstes 
und  mit  der  faniilia  des  Kardinals. 

Am  folgenden  Tage  (29.  Sept.)  wendete  er  sich  wieder  an  Secretär 
und  Kämmerer  des  Kardinals.  Diese  verlangten  jetzt  auch  noch  eine  Er- 
höhung der  propina  für  den  Kardinal,  da  ein  Abt  so  viel  zahle,  als 
er  gegeben,  und  führten  das  Beispiel  des  Maiuzers  ins  Feld.  Weil 
auch  Qaettas  SoUicitator  Julian  de  Cesis  die  geschehene  Zahlung  für 
genügend  erklärte,  sträubte  er  sich  lange,  doch  musste  er  endlich 
„invictis  dentibus",  wie  er  sagt,  dem  Secretär  und  dem  niagister  domus 
je  30  und  der  propina  des  Kardinals  50  Kammerducaten  zulegen.  Noch 
gab  es  aber  mit  den  Familiären  —  quasi  raptores  nennt  sie  Quetta  — 
mancherlei  Gezäuke,  bis  sie  die  cedula  endlich  auslieferten  (30.  Sept.). 

Alsbald  besorgte  Quetta  die  Ausfertigung  der  contracedula,  damit 
die  Bullen  registriert  werden  könnten.  Er  erhielt  sie  am  Montag  den 
2.  October.  Ein  inzwischen  bei  dem  Bauquier  gemachter  Versuch,  für 
je  100  Kammerducaten  weniger  als  140  rh.  fl.  geben  zu  müssen,  hatte 
fehlgeschlagen.  Obwohl  die  Bullen  noch  nicht  expediert  waren,  hatte  auch 
der  päpstliche  Thesaurar  infolge  von  Geldverlegenheiten  schon  am 
1.  October  die  Auszahlung  der  Rate  für  den  Papst  erbeten. 

Am  3.  October  wurde  vorerst  die  Expedition  iu  den  noch  übrigen 
Aemtern  der  Kanzlei,  dann  im  Siegelamte  besorgt.  In  letzterem  er- 
hoben die  barbati  wieder  ungebührliche  Forderungen,  und  Quetta 
bemerkt,  nirgends  wurde  soviel  gezankt  als  hier. 

Im  Register,  wo  am  folgenden  Tage  die  Verpflichtungen  erledigt 
werden  sollten,  fehlte  angeblich  der  Minutenzettel.  Quetta  hoff'te  Tags 
darauf  mit  allen  Geschäften  fertig  zu  sein,  um  am  6.  October  abreisen 
zu  können,  doch  erst  an  letzterem  Tage  erhielt  er  die  Bullen  aus  dem 
Register  und  trug  sie,  nachdem  er  dort  gezahlt,  in  die  Kammer.  Auch 
die  cubicularii,  die  gemäss  einer  Bulle  17o  erhalten,  und  die  Leute 
an  der  porta  ferrea  wurden  befriedigt.    Bereits  am  28.  September  hatte 


90  M.  Mayr-Acllwang. 

Quetta  zwei  Suppliken  wegen  des  Suffragaus  und  eines  Dispensations- 
indultes eingereicht  und  am  29.  wegen  Formfehler  erneuert.  Die 
directe  Besorgung  beim  Papste  hatte  Kardinal  Hadrian  zugesagt.  Als 
Quetta  das  Indulgenzbreve  jetzt  erheben  wollte,  war  es  nicht  auffindbar, 
er  musste  sich  bis  zur  Anfertigung  eines  neuen  gedulden. 

Am  7.  October  erhielt  er  endlich  alle  Bullen,  und  das  Indulgenz- 
breve wurde  zur  Besiegelung  an  den  Papst  gesendet.  Dieser  Tag  und 
die  folgenden  wurden  noch  mit  heftigen  Streitigkeiten  betreffs  der 
Abrechnung  mit  dem  Banquier  ausgefüllt,  der  50  Ducaten  Provision 
für  das  Versprechen  seiner  Obligation  verlangte.  Quetta  wollte  die 
Sache  schliesslich  der  Entscheidung  des  Kardinal  Hadrian  überlassen. 
Da  dieser  aber  verreist  war,  deponierte  er  inzwischen  50  Ducaten  zu 
Händen  einer  dritten  Person  und  reiste  ab. 

Damit  schliesst  das  Tagebuch.  Bischof  Bernhard  von  Cles  schrieb 
eigenhändig  auf  die  Kückseite  des  ersteu  Blattes :  Fuimus  bene  con- 
tenti  de  expeditione,  fuit  celeris  non,  obstantibus  frivolis  adversariorum 
oppositionibus,  tarnen  minori  sumptu  ^)  quam  in  expeditione  aliquorum 
predecessorum. 

Beilage  I. 

Edictum  liositum  pro  exhihendis  ceduUs  expensarum  provislonum  ^). 

1462  April  29  Rom. 

Universis  et  singulis  presentes  literas  seu  presens  publicum  edictum 
visuris,  lecturis  et  audituris  Ludovicus  miseratione  divina  tituli  sancti 
Laurentii  in  Damaso  sacre  Eomane  ecclesie  presbyter  cardinalis  Aquileiensis 
domini  pape  camerarius  salutem  in  domino.  Quoniam  frequenter  ad 
sanctissimi  in  Christo  patris  et  domini  nostri  domini  Pii  divina  Provi- 
dentia pape  IL  atque  nostram  notitiam  fidedignis  relatibus  pervenit,  quod 
in  Eomana  curia  per  illos,  qui  sollicitant  expeditiones  buUarum  provisionum 
aliquarum  ecclesiarum,  in  expensis  per  eos  in  ipsis  expeditionibus  propterea 
factis  diversemodo  fraudes  plurime  comictuntur,  in  quorum  computis  ex- 
pensarum huiusmodi  transmissis  ad  partes  ultra  alias  indebitas  expensas 
plurime  ponuntur  exposite  pecunie  sub  nomine  donorum  et  exeniorum 
non  solum  reverendissimis  dominis  cardinalibus  et  aliis  Romane  curie 
prelatis  et  dominis  fautoribus  promotorum,  sed,  quod  deterius  est,  ipsl 
summo  pontifici  quandoque  datorum,  unde  predictis :  pontifici ,  cardinali- 
bus, prelatis  et  dominis  universeque  Komanae  curie,  licet  indebite,  maxima 
resultat  infamia,  ipsis  etiam  promotis  defectu  talium  defraudantium  dam- 
pna  plurima  sepenumero    subseeuntur :    ad  obviandum  igitur,    ne  deinceps 


')  Vgl.  den  Scliluss  der  Beilage  III. 

'-')  Erwähnt  und  theilweise  verwerthet  hat  diesen  Erlass  A.  Meister,  Aus- 
züge aus  den  Rechnungsbüchern  der  Camera  Apostolica  zur  Geschichte  der  Kirchen 
des  Bistums  Strassburg  1415  — 1513.  Zeitschrift  iur  Geschichte  des  Oberrheins 
N.  F.   VII.  (1892)  S.   106  f. 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  9J 

talia  commictantur^),  nos  Ludovicus  camerarius  prefatus  de  speciali  man- 
dato  prefati  sanctissimi  domini  nostri  pape  super  hoc  vive  vocis  oraculo 
nobis  facto  ac  auctoritate  camerariatus  offitii  nostri  omnibus  et  singulis 
tarn  clericis  quam  laicis,  cuiuscunque  Status,  gradus,  ordinis  vel  conditionis 
existant,  tenore  presentium  precipimus  et  mandamus,  quatenus  aliquis 
eorum,  quicunque  fuerit,  qui  onus  expeditionis  bullarum  provisionis  cuius- 
vis  ecclesie  patriarcalis,  archiepiscopalis,  episcopalis,  abbatialis,  magristratus, 
generalatus  et  cuiusvis  alterius  ecclesie  in  apostolica  camera  taxate  assump- 
serit,  in  futurum  in  virtute  sancte  obedientie  et  sub  excommunicationis 
et  privationis  omnium  et  singulorum  benefitiorum  suorum  et  400  flore- 
norum  auri  de  camera  applicandorum  sentenciis  et  penis,  quas  sentencias 
et  penas  quemlibet  contrafatientem  incurrere  volumus  ipso  facto,  de  cetero 
non  audeant  quemlibet  vel  presumant  bullas  super  talibus  provisionibus 
confectas  et  expeditas  per  se  vel  alium  seu  alios  extrahere  seu  extralii 
facere  de  camera  apostolica  et  Eomana  curia,  nisi  lorius  in  eadem  caraei*a, 
dum  dominos  de  ipsa  camera  de  mane  hora  consueta  in  eorum  loco  so- 
lito  et  consueto  pro  tribunali  sedere  contigerit,  porrexerit  et  presentaverit 
cedulam  veri  computi  omnium  et  singularum  expensarum  in  de  et  super 
ipsis  provisionibus  et  builis  expeditis  factarum,  quam  cedulam  expensarum 
in  dicta  camera  examinatarum  et  approbatarum,  postquam  signata  fuerit 
et  subscripta  manu  clerici  mensarii  vel  alterius  eius  nomine  et  in  libros 
dicte  camere  debite  registrata,  teneant  et  debeant  unacum  builis  ipsis 
expeditis  ad  partes  ad  eos,  ad  quos  pertinet,  in  fidem  legitimarum  expen- 
sarum factarnm  destinare.  Alioquin  contra  inobedientes  ad  predictarum 
sentenciarum  publicationem  penarum  quam  exemtionem  procedetur  eorum 
contumacia  in  aliquo  non  obstante.  Et  ne  quemquam  de  predictis  hesi- 
tare  contingat,  hoc  idem  simile  edictum  per  diversa  alme  urbis  et  Romane 
curie  publica  loca  affigi  mandamus,  cum  non  sit  verisimile  ad  omnium 
et  singulorum  notitiam  non  devenire,  quod  extitit  tam  patenter  omnibus 
publicatum.  In  quorum  testimonium  presentes  literas  fieri  nostrique  si- 
gilli,  quo  in  talibus  utimur,  fecimus  et  iussimus  impressione  communiri. 
Datum  Rome  sub  anno  a  nativitate  domini  1462  indictione  10,  die  vero 
29.  mensis  aprilis,  pontificatas  sanctissimi  domini  nostri  pape  prefati 
anno  4*^.     G.  de  Vulterris. 

Et  post  die  ultima  dicti  mensis  aprilis  Antonius  .  .  .  .^)  Cursor  re- 
tulit  se  affixisse  tria  similia  edicta  iu  tribus  publicis  locis  alme  urbis, 
videlicet  in  valvis  sancti  Petri,  in  porta  bronzea  castri  sancti  Angeli  et 
in  columna  Campiflori  et  ibi  dimisisse.     G.  de  Vulterris, 

Beilage  n. 

A.  Expensenrechnungen  für  konsistoriale  Provisionen  aus  dem  Jahre  1463. 

1.  Constauz.     (fol.  4). 
Expense    facte    in    confirmatione  .  .  .    Burkardi    electi    et    confirmati 
ecclesie  Constanciensis  in  Almania. 
Primo  pro  annata  ......  fl.  2500 


*)  In  der  Vorlage  commictatur. 
^)  So  in  der  Vorlage. 


92 


M.  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  11  g. 


Pro  Sacra         .          .          .          .          . 

fl. 

125 

Pro  subdiaconis 

fl. 

41    s.   23   d. 

4. 

Pro  tribus  minutis  servitiis 

fl. 

187   s.   25 

Pro  minuto  camere 

fl. 

83  s.   16  d. 

8 

Pro  quitancia  camere 

fl. 

7 

Pro  minuto  collegü 

fl. 

66   s.   25 

Pro  quitancia  collegü 

fl. 

7   s.   35 

In  propina  domini  Peciapanni 

fl. 

105 

Notavio  cause 

fl. 

20 

Pro  familia  domini  cardimilis 

fl. 

17 

Pro  proficiat  familie  cardinalis 

fl. 

20 

Pro  magistro  domus  pro  panno 

fl. 

12 

Pro  procuratore  cause 

fl. 

15 

Pro  litteris  expediendis 

fl. 

100   gr.   27 

Pro  sollicitatura 

fl. 

4 

Pro  parairenariis 

fl. 

6 

Pro  famulo  decani    . 

fl. 

2 

Nos  Gebhai'dus  Saceler  et  üeorius  Wiutei'stetter  maioris  et  sancti 
Stephani  Constanciensis  ecclesiaruni  canonici  procuratores  domini  nostri 
electi  supranominati  hanc  cedulam  ad  camei'am  apostolicam  sub  nostris 
iuramentis  die  15.  ianuarii  anni  presentis  1463  personaliter  presentavi- 
nius  etc.  scriptam  manu  nostri  Gebbardi  etc. 

Presens  cedula  presentata  fuit  die  suprascripta  per  prefatum  dominum 
Gebhardum  et  iuratum,  quod  omnes  sunt  vere  expense  et  realiter  facte, 
nee  amplius  aliquid  pro  expeditione  dicte  ecclesie  intendit  expedire.  Nico- 
laus de  Ghinizauo  apostolice  camei'e  clerifus. 

Registrata  et  collationata.     Maheimer. 


2.  Con  stanz  (St.  Gallen),    (fol.  21'). 

Sancti  Galli  0.  S.  B.  Constanciensis  diocesis  cedula  expensarum  facta- 
rum  per  me  Ulricum  abbatem  monasterii  sancti  Galli  Constanciensis  in 
procuiacione  raea  ad  abbatiam  eandem. 
Primo  pro  examine  testium  et  processu 
Pro  cedula  ad  cancellariam 
Pro  litteris  provisionis  et  ad  contentum  et  in  totum 

cancellaria 
Pro  cedula  prothonotariorum 
Pro  custodi  cancellarie 
Pro  locumtenente  correctorum  pro  birretu 
Pro  plumbo  et  registro  l)ullarum 
Pro  propinis   amieorum 
Pro  Camera  pro  commuu 
Pro  Sacra 
Pro  subdiacono 
Pro  minuto 
Pro  tribus  minutis 
Pro  quitancia  camere 
Pro   minuto  collegü 


duc. 

7 

duc. 

6 

L 

duc. 

18 

duc. 

H 

duc. 

2 

—  4  gr. 

duc. 

21    8 

r.   8 

duc. 

20 

duc. 

400 

duc. 

20 

duc. 

6   s. 

33   d. 

4 

duc. 

13  s. 

16  d. 

S 

duc. 

30 

duc. 

2 

duc. 

10 

Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc. 


93 


Pro  quitancia  collegii        ......     duc.  2   s.   15 

Pro  obligacione  camere  et  quitancia  .  .  .     duc.   1 

Ita  est  ut  prescribiter.  Ulricus  abbas  manu  propria.  Exhibita  pre- 
sens  pagina  expensarum  per  ,  .  .  Ulricum  abbatem  monasterii  sancti 
Galli  subscripta  manu  propria,  in  qua  omnes  exposite  pecunie  descripte 
sunt  constituentes  summam  flor.  auri  de  Camera  569  et  sol.  25- 

Admissa  est  et  approbata  in  camera  apostolica  Rome  16.  maii  1463. 
Sulimanus  apostolice  camere  clericus  manu  propria.  Registrata  per  me 
Ciriacum  Lecksteyn  notarium. 


3.  Constanz  (Reichenau).     (fol.  42). 

Expense  facte  pro  sancta  Maria  et  Marci  Augiemaioris  Constanciensis 
dioc.    per  me  Gebardum  Satler    canonicum  Constanciensem  in  decr.  licent. 
sindacum  sive  pi'ocuratorem  monasterii  eiusdem. 
Item  procuratori 
Pro  cedula       .... 
Pro  notario  cause    . 
Pro  sollicitatura 
Pro  proficiat    .... 
Pro  cubiculariis  domini  cardinalis 
Pro  parafrenariis 
Pro  i^ropina  domini 


Pro  sanctissimo  domino  nostro 

Pro  collegio  cardinalium 

Pro  minuto  servitio  cardinalium 

Pro  minuto  servitio  camere 

Pro  quitancia  collegii 

Pro  quitancia  camere 

Pro  munere  benedictionis 

Pro  subdiaconibus    , 

Pro  magioris 

Pro  expeditione  litterarum 

Pro  obligatione  et  grossis  quitantie 


10 
4 

8 
1 


duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc.  8 
duc.   6 
duc.  8 
duc.   16 
duc.   125 


duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 
duc. 


125 

12  gr.   5 
15  gr.  5 
2   gr.   3 
2   gl".   3 
15   gr.   5 
4 
2 

56  gr.  8 
1   gr.   5 


Die  4.  maii    1463    infrascriptus  Gebardus    dedit    hanc    cedulam    cum 
iuramento.     Gaspar  Blondus  ad  relationem  domini  G.  de  Vulterris. 


4.  Laibach.     (fol.  27). 

Expositi  in  causa  Laybacensi  per  me  Sigismundum  electum  Laybacensem. 
Primo    in    die    pronunciacionis    pro     valete   Raphaelo 

scutifero  domini  Rothomagensis   nuncio  pro  nun- 

ciacione  huiusmodi  ..... 

Nicoiao  Sule,  qui  fait  primus  nuncius  pronunciacionis 
Johanni  Bapt.  secretario  domini  Rothomagensis 
Belfrenariis      ........ 

Pro  propina  et  reverencia  domini  Rothomagensis 
Pro  expediendis  litteris  provisionis,    iuramento    fideli- 

tatis  et  aliis  litteris  necessariis,   sollicitatura     . 
Pro  annata  in  camera       ...... 


duc. 

14 

duc. 

1 

duc. 

12 

duc. 

3 

duc. 

15 

duc. 

49   gr.   6 

duc. 

150 

Q^  M.  Mayr-Adlwang. 

Pro  minutis  servitiis         .  .  .  .  •  •     'i^c-   36 

Pro  mandato  de  conferendo       .  .  .  .  .     —  gi'-  4 

Ego  Sigismundus  Kamberger  Laybacensis  fateor  medio  iuramento  me 
premissa  exposuisse  in  causa  huiusmodi  manu  propria. 

Die  iovis  30.  et  ultima  mensis  iunü  per  prefatum  dominum  Sigis- 
mundum  electum  presentata  fuit  prescripta  cedula  expensarum  Eome  in 
Camera  apostolica  anno  domini  1463  et  per  me  Ciriacum  dicte  camere 
notarium  regestrata. 

5.  Meisseu.     (fol.  33). 

Cedula  expensarum  factarum  in  (expeditione)  ecclesie  Misnensis. 

Primo  pro  notario  domini  Senensis  .          .          .          .  fl.  20 

Pro  proficiat    .          .          .          .          .          .          .          .  fl.  8 

Pro   camerariis           .          .          .          .          .          •          .  fl.  6 

Pro  parafrenariis       .          .          .          .          •          •          .  fl.  4 

Pro  propina  domini  facta  exposuimus         ..        .          .  fl.  50 

Pro  Antonio  de  Caff'arellis  advocato  .          .          .          .  fl.  3 

Pro  litteris  in  cancellaria,  pro  principali  littera  camere 

constitialis  (l)^)  et  aliis  litteris  contentis           .  fl.  20  gv.   5 

Pro  custode  cancellarie,  regestratura  cedule  et  littera'')  fl.  4  gv.  3 

Pro  plumbo     . fl.  12   gr.   5 

Pro  prothouotario,  minutis  et  abbreviatore  pro^)         .  fl.  12  gr.  9 

Pro  registro  pro  bis  omnibus  .          .          .          .          .  fl.  12   gr.   9 

In  Camera  pro  annata       .          .          .          .          .          .  fl.  444   gi'.    2 

Pro  procuratore  et  sollicitatore  ....  — 

Ego  Theodoricus  de  Scenbagh  prepositus  Misnensis  die  2.  mensis 
septembris  anno  domini  1463  dictam  banc  cedulam  medio  iura- 
mento ....  (feblt). 

Exbibita  in  camera  et  pro  summa  598  admissa  est  Tibure  6.  sep- 
tembris  1463.     Sulimanus  G.  de  Vulterris. 

6.  Paderborn,     (fol.  24'). 

Expense  facte  circa  provisionem  domini  electi  Padeburnensis  tam  pro 
expeditione  litterarum  quam  aliter  prout  infra. 
Primo  per  notariorum  cedulam  .  .  .  .     fl.  renens.   18 

Pro  referentibus  nova  post  consistorium    .  .  .     fl.        »         10 

Pro  pellefrenariis  et  camerariis  domini  cardinalis  com- 

missarii  .  .  .  .  .  .-         .     fl.        »  10 

Pro  coUacione  sociis  de  familia  domini      ,  .  .     fl.        »  3 

Pro  coeo  domini  cardinalis         .....     fl.        »  1 

Pro  propina  domini  cardinalis  expositi  fuerunt  .     fl.        »         31 

Que  summa  recepta  fuit,  quia  eam  recipere  renuit  et  distributa  inter 
procuratorem,   sollicitatores  et  promotores  partim  et  partim  restituta. 
Magistro  Alberto  Gog  pro  mandatis  faciendis     .  .     fl.   6 

Ad    arcbiepiscopum    pro  litteris,    ad  imperatorem,    ad 
clerum,  ad  prepositum,  ad  vasallos,  ad  capitulum, 

a)  Vielleicht  causam  constituente. 

^)  Es  folgen  3  schwer  lesbare  Worte :  auctoritatem  munens  constitiali  I 
—  birreto  correctori  .  .  . ! 


üeber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc. 


95 


cluc. 

29   gr.   7 

duc. 

24  gr.    5 

duc. 

126 

duc. 

26 

duc. 

1    gr.   2 

munus  consecrationis,  pro  carta,  pro  eustodecamere 
de  munere  consecrationis,  pro  regestratura  cedule, 
pro  portenario,  pro  Fabricio  pro  minuta,  pro  pro- 
thonotario,  pro  birreto  locumtenenti  correctorum 
In  plumbo  et  registro       ...... 

In  Camera  apostololica  pro  annata  et  minutis  servitiis 
Pro  diversis  sollicitatoribus  et  expensis  eorundem 
Pro  Ciriaco  notario  camere  apostolice 

Item  expositi  sunt  100  duc  ad  recognoscendum  dominum  nostrum 
sanctissimum,  quia  gratiose  expediti  sumus. 

Quod  ista  superius  prescripta  vera  sunt,  ego  Arnoldus  prior  mona- 
sterii  sancti  Maynulfi  in  Badeken  0.  can.  reg.  Padeburnensis  dioc.  manu 
mea  protestor. 

Anno  a  nat.  1463  ind.  11.  die  sabbati  4.  mensis  iunii  venerabilis  pater 
dominus  Arnoldus  prior  prescriptus  obtulit  cedulam  expensarum  prescriptam 
in  Camera  apostolica,  quam  ut  sie  manu  propria  subscripsit  et  dixit,  ut 
prescribitur,  exposuisse. 

B.  Expensenrechnungen  für  Provisionen  vom  Jahre  1481. 
1.  Augsburg  (Pöttmes).    (ibl.  85). 

Die  1 8.  iulii  dominus  Georgius  Schwab  presentavit  expensas  infrascriptas 
per  eum  factas  pro  expeditione  bullarum  super  ebdomadaria  in  parrochiali 
ecclesia    sancti    Petri    oppidi    Pettmess    Augustensis     diocesis    de    persona 
Georgii  Swab  et  primo  iuravit.  ,^ 

Pro  supplicatione  et  regestratura  eiusdem 
Pro  minuta  et  in  parco  minori 
Pro  recognitione  mandati  et  resignatione 
Pro  taxa  scriptorum  .  . 

Pro  prima  visione    ..... 

Pro  taxa  abbreviatorum    .... 

Pro  taxa  plumbi       ..... 

Pro  taxa  registri      ..... 

Pro  registi-atura        .  .         •. 

Pro  annata       ...... 

Pro  quitancia  .  .  ... 

Pro  taxa  scriptoris  supei-  expeditione  dicte  bulle  pensionis 

Pro  prima  visione    . 

Pro  taxa  abbreviatorum    . 


Pro  plumbo 

Pro  registro  bullarum 

Pro  registratura 

Pro  obligatione  et  insfitutione 

Pro  cedulis 


gr.  3  b. 
gr.   13 
gr.  4 
duc.  2 
gr.    1 
gr.   17 
duc.   1 
duc.   2 
gr.  5 
duc.   1 7 
gr.   3 
duc.   2 
Carl, 
duc. 
duc. 
duc. 
Carl. 
Carl, 
carl. 


gr.  4 


gr. 
gr. 


3 


gr.  5 


Carl. 


1 
2 

1 
2 

5 

4^ 

4 


carl. 
carl. 
carl. 


2.  Bamberg,     (fol.  68). 

Expense  in  expeditione  bulle  gratie  :^si  neutri«  pro  domino  Laurentio 
Thum  super  perpetua  vacaria  ad  altare  trium  regum  in  ecclesia  Bam- 
bergensi. 


96 


M.  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  n  g. 


duc 

1 

duc 

2 

gr- 

2 

duc 

1 

duc. 

6 

— 

gl-- 

4 

-1 

/  0„1,K_1„T 

2   b.  6 

Pro  minuta      .... 

Pro  scriptoribus 

Pro  summario 

In  plumbo,  quia  per  cameram 

Pro  registratura  et  auscultatura 

Pro  obligatione  in  camera 

Die  16.  iunii  Henricus  Scoleuben  (Schönleben)  iuravit  ut  supra. 
Marius. 

3.  Bamberg,     (fol.  83')- 

Expense    facte    pro    bulla    domini    Melchioris    Mekau   Nuemburgensis 
Bambergensis  dioc.  taxata  ad  gr.  20  videlicet: 
Pro  minuta      ........     carl.   5 

Pro   5  taxis  taxas  solitas  .....     duc.  9 

Pro  consensu  pensionis  lo.  Gerones  .          .  .     carl.  3 

Pro  registratura  et  auscultatura,  quia  in  libro  secreto     carl.   7 

Ita  est,  ut  supra  continetur,  Conradus  Brannter  notarius  palacii  et 
sollicitator  dicte  bulle.  Die  21.  iunii  1481  dictus  Conradus  presentavit 
et  iuravit. 

4.  Bresslau.     (fol.  61). 

Provisio  archidiaconatus  Wratislaviensis. 
Pro  registro  supplicationis         .  .  .  .  .     gr.   1   b.   2 

Pro  minuta      .... 
Pro  prima  visione    . 
Pro  taxa  scriptorum 
Pro  carta  scriptori 
Pro  secunda  taxa 
Pro  publicatione  in  cancellaria 
In  plumbo  pro  tertia  taxa 
Pro  registro  bullarum  pi'o  taxa 
Pro  registratura  bulle 


gl'- 
gr.  5 
gr.   1 
duc.   2 
gr.   1 
duc.   2 
gl-.   8 
duc.    2 
duc.   2 
gr.   3 


gr.   6 


gl--    1 


gi-- 
gi-- 


Summa:  duc.   1  1   gr.   3  b.  2 
Die    2.    aprilis    1481    iuravit    Nicolaus    Czeppel    clericus    Poznavensis 
principalis  ita  solvisse  etc. 

5.  Co  In  (Kauonicat  St.  Simon),     (fol.  70). 

Expense  facte  per  dominum  Joannem  de  Petra  pro  expeditione  bullarum 
super    canonicatu    et    prebenda    sancti    Simonis    Coloniensis    pro    domino 
Henrico  de  Petra  et  primo: 
Pro  supplicatione 
Pro  registratura 
Pro  distributione 
Pro  minuta      .... 
Pro  duobus  sumptibus  ex  registro  s 
Pro  reform atione  supplicationis 
Pro  resignatione  in  cancellai"ia 
Pro  scriptoribus 
Pro  taxa  abbreviatorum     . 
Pro  taxa  plumbi 


. 

gr.   3 

.     gr.    ].   2 

gr.   4 

gr.  6 

mpplicationum 

duc.   2  gr 

—  gr.   1. 

gr.   6 

. 

duc.  2  gr 

•          .          • 

.     duc.   2 

... 

duc.   1   gr 

Ueber  Expensenreclinungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc. 


97 


Pro  taxa  registri 

Pro  annata  XV. 

Pro  quietancia 

Pro  obligatione 


duc.   2   gl".   5 
duc.   15 
duc.   1   gr.  3 
gr.   3 


gr.    2 
fl.    1 

fl.  3  gr. 
fl.  2  gl-, 
gr.  1 
fl.  3  gr. 
fl.  3  gr. 
—   gr-   3 


6.  Co  In  (Hactringen).     (fol.  56). 

Die  29.  martii  (prefati)  dominus  Johannes  Cebele  cleiicus  Coloniensis 
exposuit  pro  expeditione  unius  bulle  nove  pensionis  cum  dispensatione 
super  ecclesia  in  Hactringen  Coloniensis  dioc.  4  marcharum  puri  argenti 
et  taxata  ad  30  pro  Arnoldo  Kassembergh  medicine  doctore  defectu  na- 
talium  petiente,  qui  dictam  ecclesiam  ad  hoc  dispensatus  obtulit  et  primo 
videlicet : 

Pro  registratione  duarum  supplicationum  .  .  .     gr.   2  b.  4 

Pro  redentione  de  manibus  abbreviatoris 
Pro  minuta  unacum  supplicatione 
Pro  scriptore  ..... 
Item  in  taxa  abbreviatoris 
Pro  prima  visione    .... 
Pro  plumbo     ..... 
Pro  registro     ..... 
Pro  registratore         .... 

Dicta  die  prefatus  Johannes  presentavit  cedulam  et  iuravit  in  forma. 

7.  Constanz  (S.  Laureutii  in  Triengen).    (fol.  59'). 

Parrochialis    ecclesie  sancti  Laurentii  in  Triengen  4  marcharum  pre- 
posito  et  capitulo  ecclesie  sancti  Mauricii  in  ßelingen  Constanciensis  dioc. 
unite  et  taxate  ad  40. 
Pro  minuta  supplicationis 
Pro  redemptione  supplicationis 
Pro  minuta  domino  Nicoiao  Gaviliati 
Scriptori  videlicet  domino  Sinolfo 
Abbreviatori  pro  taxa 
In  prima  visione 
Pro  taxa  plumbi 
Pro  taxa  regesti 
In  regestro  pro  magistris 
In  registratura 
^Magistris  registri  propter  incorporationem 

Summa:   duc.    14   gl*.   24  b.   2 

Die  2.  apriüs  dominus  Vitus  Maller  clericus  Augustensis  dioc.  solici- 
tator  iuravit  etc. 

8.  Eich  statt  (S.  Pauli  in  Enstenbach).     (fol.  70). 

Expense  facte  per  Eustacium  pro  expeditione  trium  bullarum  videlicet 
resignationis  cum  pensione  parrochialis   ecclesie  sancti  Pauli  in  Enstenbach 
Eystetensis    dioc,    ut    continetur   in    cedula    presentata    cum  iuramento  et 
piimo : 
Pro  supplicatione      .  .  .  .  .  •  •     g^^-   1-   2 

Mittheilungen  XVII.  "^ 


gr.   2 

gr.    1.   2 

gr.   ö 

duc.   4  gr.    1 

duc.   3   gr.    5 

gr.    1 

duc.   3  gr.   r> 

duc.  4 

gr.   1 

gr.  3 

gr.    2 


98 


M.  Mayr-Adlwang. 


Pro  distributione  abbreviatoris 

Pro  minutis     . 

Pro  scriptore  et  carta 

Pro  taxa  abbreviatoris 

Pro  taxa  in  plumbo 

Pro  registratura 

Pro  taxa  in  registro 

Pro  annata 

Pro  quietancia 

Pro  obligatione  et  restitutione  ac  cedula 

Pro  quietantia  .... 


gr.   3 

gr.   10 

duc,   6  gl'.   5 

duc.   5   gr.   7 

duc.  5   gr.   s 

gr.   8 

duc.   6  gr.  4 

duc.    27   gr.   S 

duc.   1   gr.   3 

gr.   4.   2 

duc.   1   gr.   3 


1 


9.  Eich  statt  (Talmetfelt).     (fol.  70'). 

Expense  facte  per  dominum  Bruckardum  pro  bulla  expedita  super  par- 
rochiali  ecclesia  in  Talmetfelt  Eystetensis  dioc.  pro  Joanne  Ampferlein, 
ut  patet  in  cedula  presentata  cum  iuramento. 
Pro  confectione  supplicationis  . 
Pro  redemptione  supiDlicationis  ex  registro 
Pro  redemptione  ab  abbreviatore 
Pro  minuta 
Pro  notario  cancellarie 
Pro  taxa  scriptorum 
Pro  taxa  abbreviatoi'um  . 
Pro  tribus  taxis  in  plumbo 
Pro  summario  domino  Trapezuntio 
Pro  registratura  et  auscultatura 

Summa:  duc.   13  b.   2 


•      gr.   3 

•      gr.    1. 

2 

.     gl--   3 

•     gr.   5 

•     gr.   3 

.     duc.   2 

gr. 

2 

.     duc.  2 

gr. 

5 

.     duc.  6 

gr. 

2 

.     duc.   1 

•      —   gr. 

5 

10.  Lavant  (Katrig).     (fol.  81). 

Expense    facte    per  Jobannem  Pemdel  super    prepositura 
Eatrig  Lavantinensis  dioc. 


ecclesie    in 


Primo  pro  supplicatione    . 

.     gr.  2 

Pro  registro  supplicationis 

.     gl-.  1   b.  2 

Pro  examinatione 

.     b.   10 

Pro  iuramento  in  camera 

•     gr.   4 

Pro  abbreviatoribus 

.     duc.  3  gr.   1 

Pro  scriptoribus 

.     duc.   3  gr.   1 

Pro  plumbo     .          .          .          . 

.     duc.   2  gr.  3 

In  registro 

.     duc.  3 

Pro  registratura 

.     gr.   5.   2 

Pro  Camera  apostolica 

.     duc.   14 

Pro  quitantia  . 

.     duc.  2  gr.  3 

Pro  sollicitatore 

.     duc.   1 

Pro  obligatione 

.     gr.  3 

Pro  registro  in  camera     . 

.     gr.  2 

Die   17.  iulii   1481   Ulricu 

LS    soll 

icitatc 

)r  iur 

aArit.     Marius. 

Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc. 


99 


11.  Mainz  (Kloster  St.  Andreas),     (fol.  58). 

Expense  facte  pro  buUa  monastei'ii  B.  M.  de  sancto  Andrea  ord.  Cist. 
Maguntinenses  dioc.  per  dominum  Guidonem  Morelli  soUicitatorem. 
Et  primo  pro  obligatione  in  bancho  .  .  .     duc.    1 

Pro  scriptoribiis        .......      duc.   6   gr.   2 

In  plumbo        ........      duc.    19   gr.   4 

Pro  offitialibus   plumbi      .  .  .  .  .  .     gr.   2 

Pro  taxa  abbreviatoris      ......     duc.   4  gr.   5 

Pro  registratura        .......     duc.   1 

Pro  minuta      ........     duc.   4 

Pro  procuratore  ordinis     .  .  .  .  .  .     — 

Pro  prothonotario     .......     duc.   6 

Pro  annata,  minuta  et  quitantia        ....     duc.  80  gr.    l(i 

Pro  cambio  et  portu         ......     scuta  (!) 

Pro  obligatione  in  camera  .....     duc.   1    gr.    l 

Pro  notario  cancellarie      .  .  .  .  .  .     gr.   1  i 

Die  30.  martii  dictus  dominus  Guido  soUicitator  presentavt  presentem- 
cedulam  expositorum  in  expeditis  dicti  monasterii  et  iuravit.    Jo.  Gerones. 

12.  Mainz  (Lictim).     (fol.  84'). 

Die   15.  iulii  dominus  Benedictus  de  Feltro    presentavit  cedulam  ex- 
pensarum  infrascriptarum  super  expeditione  bulle  unionis  decani  et  cano- 
nicorum  ecclesie  oppidi  Lictim  (!)  Maguntinensis  dioc,  iuravit  etc. 
Pro  taxa  scriptoribus         ......     duc.  4 

Pro  datis  sibi  ultra  taxis  .....     duc.  2 

Pro   4  aliis  taxis  in  plumbo      .....     duc.   16 

Pro  resumpto  supplicationis  ex  registro     .  .  .     duc.   1   gr.   1 

Pro  sollicitatura        .......     duc.  4 

Pro  registratura        .  .  .  .  .  .  .     gi".   5 

Pro  obligatione         .  .  .  .  ,  .  .     gr.  3 

Pro  Trapezuntio        .......     duc.   3 

13.  Mainz  (Erfurt),     (fol.  87). 

Die  12.  (?)  iunii  iuravit  dictus  i)  de  Ameria,  quod  in  expeditione 
bulle  pro  consulibus  Ertfordensibus  Maguntinensis  (dioc.)  hae  fuerint 
expense. 


Pro  supplicatione  et  sriptoribus 
Pro  3  taxis  in  plumbo 
Pro  parco  maiore  et  Hernes 
Pro  registratura 
Pro  extraordinariis  . 
Pro  obligatione  et  cedula 


duc.   7  gr.   2 
duc.   21   gr.   ', 
duc.   8 
gr.   6 
duc.   1 


14.  Mainz  (Wertheim),     (fol.  86). 

Expense  in  expeditione  bulle  erectionis  collegiate  ecclesie  in  Wertlieim 
per  Henricum  Schonleben  soUicitatorem. 

*)  Fehlt,  auch  früher  steht  der  Name  nicht.   . 


100 


M.  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  n  g. 


Pro  confectione  supplicationis    . 

Pro  conscribenda  supplicatione  multis  vicibus 

Pro  minuta      ...... 

Pro  scriptore,  quia  bis  scripsit 

Pro  abbreviatoribus  .... 

In  plumbo        ...... 

Pro  registratura  et  auscultatura 

Pro  Trapezuntio        ..... 

Pro  iocalibus  ...... 


gr.   8 

duc.   1 

duc.   2  gr.   2 

duc.   4 

duc.   16 

duc.  49  gr.   ' 

gl-.   8 
duc.   1 
duc.   60 


Die   26.  iulii   1481    dominus  Henricus    suprascriptus    iuravit.    Marius. 


15.  Naumburg,     (fol.  84). 
Expense  facta  in  buUis  domini  Theodori  episcupi  Numbergensis. 


Pro  scriptore,  carta  et  ipsius  labore 

duc.   20   gr.    7 

Pro  prima  visione    . 

.     gl-.   8 

In  banco  abbreviatorum  . 

duc.    12 

Pro  prothonotario     . 

. 

duc.   6 

Pro  custode  ipsius,  taxa  et  omni 

ipsius 

solutione 

duc.   4  gr.   8 

Pro  ostiai'io     .... 

gr.   7 

Pro  familiäre   custodis       .          .  ■ 

.     gr.   2 

Pro  ianitore     .... 

gr.    1 

Pro  abbreviatore,  qui  expedivit 

duc.   1   gr.    1 

Pro  domino  Benedicto  de  Maffeis, 

qui 

fuit  in  ordinc 

expediendi 

duc.   1 

Pro  birretto  domino  correctori 

gr.   4 

Pro  cedula  vicecancellarii 

duc.   1 

In  plumbo 

duc.   10  gr.   3 

Pro  magistris 

duc.   1 

Pro  familiaribus  plumbi    . 

gr.   5 

In  registro  bullarum  pro  princ 

ipa" 

i   . 

duc.   2 

Pro   6  conclusionibus 

duc.   6 

Pro  munere  consecrationis 

duc.   2  gr.   b 

Pro  grossis  magistris 

gr.   4 

Pro  magistris 

duc.    1 

Pro  registratore 

duc.    1    gr.   4 

Pro  vicecancellario  . 

duc.    1    gr.   4 

Pro  portu        .... 

gr.   2 

Pro  familiari  registri 

gr.   1 

Pro  communi  domini  pape 

duc.    100 

Pro  communi  cardinalium 

duc.    109   gr. 

Pro  aliis   minutis 

duc.   4.3 

Die   24.  iulii    1481    dominus  Henricus    sollicitator    iuravit    in    forma. 
Marius. 

IG.  Naumburg  (Kanonicat).     (fol.  86). 

Die  24.  iulii  dominus  Ulricus  WolfersdorflF  presentavit  expensas  infra- 
scriptas  per  eum    factas    super   bulla    canonicatus    ecclesie  Nuemburgensis 
pro  Keginaldo  de  Wyssenbach,  iuravit. 
Pro  taxa  scriptorum  .        .............       ...     carl.   24 


Ueber  Expensenrechnungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc. 


101 


Pro  carta 

Pro  sunimario 

Pro  3  taxis  in  plumbo 

Pro  taxa  abbreviatoris 

Pro  registratura 


carl.  2 

carl.  5 

fl.    7  carl.   6 

fl.    1  carl.   9 

carl.  7 


17.  Paderborn  (Kloster  St.  Veit),     (fol.  99')- 

Infrascripte    sunt    expense    facta   per   me   Antonium   Kode    de   Lipsia 
Coloniensis    dioc.  pro    expeditione   bullarum   provisionis   monasterii   sancti 
Viti  Padeburnensis  dioc. 

Pro  cedula  reverendissimi  domini    vicecancellarii 
Pro  registratura  eiusdem  .... 

Pro  roinutis  . 

Pro  correctore  .  .  .  .  ... 

Pro  custode  carl.   5  .  .  .  ... 

Pro  hostiario  ....... 

Pro  videndo  in  prima  visionse   6  bullas      . 

Pro  cartis        .         .  .    ,      .  ■  .  . 

Pro  familiäre  ostiarii        .  .  .  . 

Pro  taxis  scriptorum  dictarum  6  bullarum 

Pro  taxa  abbreviatorum  et  custodis 

Pro  protlionotariis  in  cancellaria 

Pro  taxa  in  plumbo  prefatarum  4  bullarum 

Pro  taxa  bulle  ad  episcopos 

Pro  taxa  bulle  forme  iuramenti 

Pro  plumbatoribus    . 

Pro  taxa  5  bullarum  in  registro 

Pro  forma  iuramenti 

Pro  magistris  carl.  5         .       -   . 

Pro  reverendissimo  domino  vicecancellario 

Pro  registratura  4  bullarum     .  .  . 

Pro  registratura  bulle  ad  episcopos 

Pro  portu        .  .  .       •  .  ,  . 

Pro  obligatione  in  camera 

Pro  annata  et  minutis  servitiis 

Et  ita  Antonius  Eode  de  Lippia  (!),  iuravit. 

18.  Pas  sau  (Melk),     (fbl.  72).  :^  '^;J. 

1481  iunii  20.  Dominus  Paulus  Reisinger  iuravit  exposuisse  pro 
expeditione  bulle  super  resignatione  parrochialis  ecclesie  sancti  Stefani  in 
Melico  Pataviensis  dioc.  ?  -.v-'i. 

Pro  supplicatione     .  .  .  .  ..        .  .     gr.  2   •    .i; ;  ,;•;  (,.'{ 


duc,   1 

gr.   2 

duc.    1 

gr.   4 

gr.   5 

gr.    V2 

gr.   6 

gr.   6 

gr.   1 

duc.   8  gr. 

6 

duc.   8  gr. 

6 

duc.   7 

duc.   7   gr. 

4 

duc.    1   gr. 

2 

duc.   1    gr. 

2 

duc.    1 

duc.   5   gr. 

5 

gr.    1 

gr.   5 

duc.    1   gr. 

4 

duc.   1    gr. 

5 

gr.   3 

gr.   2 

duc.   1   gr. 

1 

duc.   375 

gr. 

Pro  minuta      . 
Pro  taxa  scriptorum 
Pro  taxa  abbreviatorum 
Pro  prima  visione    . 
Pro  taxa  in  plumbo 
Pro  taxa  in  registro 


gr.   5      -  ■  ^ 

duc.   3  gl'.  4 

duc.   2  gr.  5 

gr.   2  . 

duc.  3/  gr.  4 

duG.  3      :  ; 


102 


M.  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  n  g. 


Pro  registratura 

Pro  resignatione  in  cancellaria 


gr.   5 
gr.   3  0 


19.  Strassburg  (Kanouicat),     (fol.  72'). 

Die    22.    ivinii    dominus  Henricus  Schonleben    principalis    iuravit    ex- 
posuisse  pro  expeditione  bullarum  super  canonicatu  ecclesie  Argentinensis 
ut  infra  primo: 

Pro  redemptione  supplicationis  ex  registro  .  .     b.   9 

Pro  minuta      .  .  .  .  .  .  .  .     gr.   6 

Pi'o  prima  taxa         .  .  .  .  .  .  .     duc.   2  gr.    1 

In  bancho  abbreviatorum  .  .  .  .  .     duc.   1    gr.   5 

In  plumbo        ........     duc.   1   gr.    l 

In  registro       ........     duc.   2  gr.   1 

Pro  registratura        .  .  .  .  .  .  .     gr.   4 

Pro  obligatione  et  cedula  .  .  .  .  .     gr.   3.   2 

20.  Würzburg  (Zirndorff).     (fol.  65"). 

Expense  facte  per  me  Eustachium  Munch  pro  bulla  surrogationis 
super  parrochiali  ecclesia  in  Zirndorff  Herbipolensis  dioc.  pro  domina 
Joanne  Hyntermayr.     Fuit  taxata  ad  gr.   20  et  expedita  per  cameram. 


1 


Pro  taxa  scriptorum  ...... 

Pi'O  taxa  abbreviatorum  et  summario  domino  Joanne  Hörn 
Pro  tribus  taxis  in  plumbo       ..... 

Pro  registratura        .  .  .  .  .  '       . 

Pro  obligatione  et  cedula  ..... 

Die   11.  aprilis   1481    dictus  Eustachius    presentavit    dictam    cedulam 
et  iuravit.     Jo.  Gerones. 


duc.   2  gr. 
duc.   2 
duc.   6  gl", 
gr.   5 
gl-.   2V2   b. 


21.  Würzburg  (Prestntat).     (fol.  68'). 

Expense  facte  in  expeditione    bulle  domini  Georgii  Krelis    super  pri- 
missaria  ecclesie  oppidi  Prestnstat  et  primo : 


Pro  supplicatione     ...... 

gr.   3 

Pro  registratura        ...... 

gr.    ] 

Pro  distributione  eiusdem 

.     gr.   2 

Pi*o  recognitione  mandati 

gr.    1 

Pro  resignatione        ...... 

gr.   3 

Pro  minuta      ....... 

gr.   4 

Pro  duabus  cartis     ...... 

gr.   2 

In  prima  visione      ...... 

gr.    1 

Pro  5  taxis  ad   2  pro  qualibet  taxa 

duc.    11 

Pro  plumbatoribus   ...... 

gr.   4 

Pi-o  summario           ...... 

gr.   5 

Pro  registratura        ...... 

gr.   5 

Pro  cedula  expensarum     ..... 

gr.   2 

»)  Vgl.  diese  cedula  mit  theilweise  verschiedenen  Angaben  und  dem  unrich- 
tigen Namen  »Einsinger*  auch  in  Starzer's  n.  ö.  Pfarrregesten,  Blätter  des  Yer- 
<nnes  f.  Landeskunde  v.  Niederöst.  N.  F.  XXV.  131. 


üeber  Expensenreclmungen  für  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  IQß 


Die   19.  iunii   1481    dominus  Stephanus  de  Caciis    soUicitator  iuravit 
se  exposuisse  ut  supra.     Marius. 

22.  Würzburg  (Ehren),     (fol.  103). 

Expense  facta  super  buUa  parrochialis  ecclesie  in  Ebren  Herbipolensis 
pro  Johanne  Eimlin. 

Pro  registratura  supplicationis  ....  gr. 

Pro  distributione  eiusdem  .  .  .  .  •  gr. 

Pro  recognitione  instrumentomm       .  .  .  .  gr. 

Pro  resignatione  et  con sensu  pensionis      .  .  •  gr. 

Pro  taxa  scriptoris  littere  mandati  de  providendo       .  duc.   2   gr.    1 

Pro  taxa  provisionis  scriptorum  ....  duc.   2  gr.   6 

Pro  prima  visione    .  .  .  .  .  .  .  gr.   2 

Pro  abbreviatore,  pro  minuta  et  sollicitatura      .  .  gr.   6   (!) 

In  plumbo  pro  littera  provisionis      ....  duc.   2  gr.   2 

Pro  litera  pensionis  ......  duc.   2  gr.  4 

Pro  taxa  registri  Anibali  .....  duc.  4  gr.  4 

Pro  quitantia  .......  duc.   1   gr.   3 

Pro  sollicitatore  quod  voluerit  dans.  — 

Die   14.  septembris   1481   Johannes  Clupfel  soUicitator  iuravit. 


Beilage  III. 

Auslagen  für  die  Konfirmation  des  Bischofes   Ulrich  von   Trient 
im  Jahre  1488^). 

Dominus  Georgius  de  Hürnhaim,  canonicus  Augustensis  ecclesie,  ex- 
posuit  in  nogocio  confirmacionis  pro  reverendissimo  patre  et  domino  Udalrico 
de  Fruntsperg,  episcopo  Tridentino,  de  anno   1488. 


In  cancellaria. 


Item  primo  pro  cedula  confirmacionis 

Imprimis  Scripten  bullas 

Item  pro  bulla  absolucionis  pro  taxa 

Item  (pro)  prima  visione 

Item  in  parco  abreviatorum 

Item  seniceris 

Item  rescribendario 

Item  custodi  pro  taxa  et  cedula 

Item  familiaribus  custodis 

Item  familiaribus  hostiarii 

Item  ostiario   .... 

Item  pro  cedula  prothonotariorum 

Item  prothonotariis 

Item  correctori  pro  birreto 


5  duc. 

16   duc.   8  karl. 

2  duc. 
8  duc. 
12  duc. 
87   duc. 

1  karl. 

4  duc.  8  karl. 

3  karl. 

2  karl. 
2  duc. 
2  karl. 
34  duc. 

4  karl. 


J)  K.  k.  Statth.-Archiv   in   Innsbruck.   Trient.   A.  lat.  c.  Hl.  169.     Vgl.  tr. 
Schneller,  Beiträge  zur  Gesch.  d.  Bistums  Trient,  Ferd.-Zeitschrift  III.  F.  39.  H.  235  f. 


104 


M.  M  a  V  r  -  A  d  1  w  a  n  s. 


In  plumbo. 

Item  in  plumbo        .... 

Item  pro  taxis  .... 

Item  magistris  in  plumbo 

Item  pro  plumbatoribus   . 

Item  pro  familiaribus  in  plumbo 


In  regist ro  bullarum. 


Item  pro  taxis 

Item  pro  regalibus 

Item  pro  registratura 

Item  pro  bibalibus  ad  registrandum 

In  Camera  apostolica 

Item  pro  annata  tria  milia  ducatorum 

Item  pro  officiis  minutis 

Item  pro  obligacione  camere     .  .   . 

Item  notario  obligacionis 

Item  magistro  ceremeniarum  pro  iuramento  prestito 

Ad  munus  consecrationis. 

Item  pro  mandato  consecrandi         .,  ^ 

Item  pro  Omnibus  necessariis  ad  munus  consecracionis 

Item  pro  parillis    cum    vino  ad  munus    consecrationis 

Item  archiepiscopo  Nannatensi  alias  Burdunensi  aut 
Virdunensi  consecratori  reverendissimi  episcopi 
12   duc.  in  una  thacia  de  argento  deaurato 

Item  duobus  episcopis  assistentibus  cuilibet  unam 
thaciam  argenteam  pro     . 

Item  pro  litera  consecrationis  impense 

Item  camerariis  domini  archiepiscopi 

Item  familiari  Johannis  Burckhardi  . 

Item  pifferis  iu  die  consecrationis 


34  duc. 

16   duc. 

10  duc. 

1   duc.  4  karl. 

1   duc. 


16   duc. 
4   duc. 
1   duc. 
1    duc. 


3000  duc. 

899   duc. 

10   duc. 

15  duc. 

2   duc.   4   karl. 


1    duc.   4 
10  duc. 
8  karl. 


12   duc. 


karl. 


.      10   duc. 

.      3 

duc. 

.      1 

duc. 

.     ::,        4 

karl. 

.  '  1 

duc. 

Summa  3986   duc.   20  kan 


In  palacio. 

Item  secretario  .  domini  nostri  sanctissimi 

Item  camerariis  secretis    . 

Item  cubiculariis      . 

Item  parafrenariis     . 

Item  magistris  hüsserii     . 

Item  aput  portam.  ferream 

Item  in  prima  porta 

Item  in  porta  ortus  secreti 

Item  pro  annulo  domini  Wilhelmi 

Item  canapariis  secretis    '. '       ".' 


10  duc. 
40  duc. 
10  duc. 
8  duc. 

7  duc, 
6  duc. 
3  duc. 
3  duc. 

8  duc. 
2   duc. 


Ueber  Expensenvechnungen  für  j)äpstliche  Provisionsbullen  etc.  \()q 


lu  domibus  cardinalium.    Vicecancellarii. 


Item  secretario 

Item  camerariis 

Item  parafrenariis     . 

Item  auditori  de  Jeronimo 

Item  credenciai'iis     . 

Item  iiotario    . 


lu  domo  Seueusis. 


Item  secretario 

Item  camerariis 

Item  credenciariis 

Item  scaico 

Item  parafrenariis 

Item  domino  Antonio  magistro  domus 

Item  qui  portat  felis 

Item  cursoribus        .  . 


:-5G  duc. 
10  duc. 
8  duc. 
10  duc. 
4  duc. 
G  duc. 


30  duc. 
10  duc. 
6  duc. 
4  duc. 
4  duc. 
2  duc. 
1  duc. 
1   duc. 


Summa  229   duc. 


Petr 


In  domo  cardiuali 

Item  secretario 

Item  camerariis 

Item  credenciariis 

Item  parafrenariis     . 

Item  propine  cardinalibus 

Item  expense  pro  oratoribus  missis  ad  Eomanam  curiam 

ascendunt  circa        ....•• 
Item  expense  facte  per  dominum  Georgium  de  Hürnhaim 

canonicum    Augustensem    veniunt    ad    summam 

per  totum  annum    . 
Item  pro  mantello    .... 
Item  pro  propinis  hincinde 
Item  advocatis  ante  adventum  domini 
Item  20  duc.  Senis  interim  quod  fuit 
Item   6   duc.    pro    Johanne  Verber    a    die    22.    mensis 

aprilis    in    hospicio    usque   ad   14.  diem    mensis 

maii  et  1   duc.  extraordinarie. 
Item  pro  expensis  unius  nunctii  domini    . 
Item  pro  transumpto  episcopi  Augustensis  confirmacionis 
Item  advocatis  et  scriptoribus  in  negocio  informacionis 

domini    .....-•• 
Item  100  duc.  domino  Petro  Fingerlin  eapellano  domini 

et  3  flor.  rhen.  ac  30  gross.,    quos  exposuit  in 

negociis  domini  et  in  balneo  Viterbiensi. 
Item  28  duc.  dedi  domino  ad  manus  proprias  inteiim 

quod  in  curia  fuit  et  extra. 
Item    20   duc.    duobus    cavallariis    missis    a    curia    ad 

dominum  cum  literis. 


d  vincula. 

20  duc. 
15   duc. 
6   duc. 
5   duc. 
400   duc. 


30(t   duc. 


300   duc. 
21   duc. 
30  duc. 
9  duc. 
20   duc. 


duc. 
karl. 


66    duc.    43    l^arl. 


Summa   1048   duc.   3   fl.  rh.    19   karl. 


106 


M.  M  a  y  r  -  A  d  1  w  a  n  g. 


Im  Ganzen  belaufen  sich  die  Auslagen  für  die  aufgezählten  Posten 
nahezu  auf  5270  Kammerdukaten.  Rechnungen  für  andere  kleine  Auslagen 
liegen  gleichfalls  vor.  Die  nächste  Trientner  Konfirmation  im  Jahre  1496 
kostete  ungefähr  4650  Dukaten,  die  Konfirmation  von  1506  kam  nahezu 
ebenso  hoch,  jene  von   1514  etwas  niedriger  zu  stehen^). 

Beilage  lY. 

Trientner   Aufzeichnung    vom    Jahre    loOö    über   die    Taxen   für    eine 
konsistoriale  Provision  -). 

Hec  pro  expeditione  cuiusque  ecclesie  cathedralis  vel  monasterü 
ordinarie  solvuntur  apud  sedem  apostolicam. 

In  primis  annata,  cuius  medietas  debita  pape  appellatur  commune 
pape  et  sibi  solvitur.  Altera  medietas  debita  collegio  cardinalium  appellatur 
commune  collegii  et  solvitur  depositario  pape. 

Jura  sacre,  scilicet  duc.  5  pro  quolibet  centenario  totius  taxe,  et 
cedunt  servientibus,  solvuntur  depositario  minutorum. 

Jura  subdiaconorum  est  ducatus  unus  cum  duobus  terciis  ducati  pro 
quolibet  centenario  tocius  taxe  et  solvitur  ut  supra. 

Quinque  sunt  minuta  servitia  et  quodlibet  minutum  servitium  con- 
tinet  vigesimam  octavam  partem  tocius  taxe,  videlicet  si  taxa  ascenderet 
ad  duc.  2800,  unum  minutum  ascenderet  ad  duc.  100  et  quinque  minuta 
essent  duc.  500. 

Jura  quietantiarum  spectant  dominis  clericis,  sunt  duc.  8  usque  ad 
duc.  100  summe,  quam  constituunt  comune  pape  et  4  minuta  servitia,  duc, 
unus,  item  ab  100  usque  ad  500  duc.  2,  item  ab  500  usque  ad  1000 
exclusive  duc.  3,  inclusive  4,  abinde  supra  reiteratos  eadem  solutio.  Ita 
quod  proveniunt  duc.  4  pro  quolibet  miliar!  et  solvuntur  depositario  minu- 
torum et  ultra  capiunt   1   carl.  pi'o  quolibet  duc.  quielancie. 

Jura  prothonotariorum  exiguntur  ut  plurimum  in  camera  et  sunt  pro 
primo  centenario  totius  taxe  duc.  5,  abinde  supra  in  infinitum  1  duc.  pro 
quolibet  centenario  et  quia  sepissime  aliquid  magis  exemplo  qua  ratione 
percipitur. 

Ponatur  aliqua  ecclesia  vel  monasterium  esse  in  taxa  2800,   solveudum 
esset  ex  premissis  rationibus. 
Pro  comuni  pape 
Pi*o  comuni  coUesfü 


Pro  Sacra 

Pro  subdiaconis 

Pro  minuto  camere 

Pro  minuto  collegii 

Pro  tribus  aliis  minutis 

Pro  quietantia  collegii 

Pro  quietantia 


1400  duc. 
1400  duc. 
140  duc. 
46  duc. 
100  duc. 
100  duc. 
300  duc. 
7  duc. 
7  duc. 


')  Ausführliche  Rechnungen  daiüber  in  der  Art  und  Weise  der  obigen  von 
1488  liegen  im  Statthalterei-Archiv  in  Innsbruck.  Trient.  lat.  A.  c.  III.  169. 
Für  die  Numismatik  von  Bedeutung  sind  die  häufigen  Umrechnungen  der  ver- 
schiedenen Geldsorten. 

2)  K.  k.  Statthalterei-Archiv  in  Innsbruck.  Trient.  lat.  A.  c.  III.  169. 
2  gleichz.  Exemplare,     Vgl,  Fr.  Schneller,  a.  a.  0.  237. 


Ueber  Expeusenrechnungen  tür  päpstliche  Provisionsbullen  etc.  I(j7 


Pro  obligatione,  que  cedit  notariis 
Pro  prothonotarüs 


4  duc. 
32  duc. 


Sequuntur    arbitraria    ut    puta    in    ecclesia    Trideutina, 
cuius    annata  3000  duc.  de  camera. 

In  domo  reverendissimi  cardiualis  comissarii. 

Cardinali  pro  propina  80  duc.  vel  ad  plus  100,  licet  soleat  non  pecu- 
niam,  sed  quid  muneris  accipi  pro  arbitratu  oratorum. 

Secretario 24  duc.  arbitr. 

Camerariis 3  vel  4  arbitr. 

Parafemariis     ........     3  arbitr. 

Credentiariis 3  vel  4  arbitr. 


In  palatio  pontificis. 


Cubiculariis 

Gentibus  armormum 

Parafemariis     . 

Hostiariis 

Porteferree 

Ad  catenam 

In  horto  secreto 

Camerariis 


7  arbitr. 

2  arbitr. 

G  arbitr. 

5  arbitr. 

1  arbitr. 

1  arbitr. 

2  arbitr. 

1 0   arbitr. 


Hec  ommia  moderantur  ad  arbitrium  boniviri;  plerasque  tarnen  Ger- 
manie aliarumque  provintiarum  ecclesias  pro  rata  annate  minus  solvisse 
constat  ut  puta  in  expeditionibus  ecclesiarum  Maguncie,  ^lonasteriensis, 
Osnaburgensis,  Constantiensis,  Madburgensis,  Herbipolensis,  Pombergensis 
«tc.    Et  hec  pendent  maxime  ex  fide  procuratorum  etc.  expeditionis. 

Sequuntur    expense    pro    buUis     redimendis,     quarum    alie 

sunt  ordinarie,    alie  arbitrarie,    et  sciendum  est,    quod  vel 

maxime    in    expeditionibus    ecclesiarum    ultramontanarum 

dantur    etsi    non    placeret    infrascripte    bulle. 


Confirmationis      ,,       ^  -i     2.     ■      i 

>  Hec  due  solent  simul  poni. 
A  censuns       ) 


Ad  regem  vel   principem. 
Ad  metropolitanum,  si  est  suflraganeus. 
Ad  populum. 
Ad  clerum. 
Ad  capitulum. 

Ad  feudatarios,  si  habent  feuda. 

Consecrationis,  si  non  consecratur  in  curia,  ut  puta,  si  extra  tempora  a  iure 
statuta  vellet  consecrari  ut  in  p.  v.»)  quemadmodum  audio  et  si  vult. 
Pro  minutis  abbreviatorum        .....     duc.  3  arbitr. 
Pro  scriptura  omnium  bullarum         ....     duc.  4  ordin. 


a)  Vielleicht:  presenti  voce. 


108 


M.  Mayr-Adlwang. 


Sciiptoribus  pro  9   bullis  computata  etiam  bulla  con- 

secrationis  potuisset  taxari       .... 

Familiari  seriptoris  ...... 

Pro  regalibus  rescribendarii  et  computi 

Pro  taxa    abreviatorum  7  bullarum,    qviia   excipiuntur 

pro  unaquaque  bulla  2  duc,  postea  detrahuntur 

duo,    sie    secundum    num^rum    bullarum    essent 

14,  detractis  duobus  remanent   12.     Alle    bulle 

sunt  sub  alia  taxa  ..... 

Pro  taxa  custodis  bulle    absolutionis  et  muneris  con- 

secrationis 
Custodi  pro  registratura  cedule 
Familiari  custodis     . 
Hostiario  .... 

Familiari  hostiarii    . 
Pro  cedula  prothonotariorum     . 
Corectori  pro  bireto 
In  prima  visione 
Pro  taxa  in  officio  sollicitatoi'um  pro  bulla   principali 

duc.  12,  quia  quando  annata  non  excedit  500  duc. 

solvuntur  duc.  6,  si  autem  excedit,  solvuntur  1 2  duc. 
Sollicitatoribus,  quos  vulgo  dicunt  Janizeros 
Pro  vigesima  annate  pape,  que  detrahitur  de  eomune 

pape,  nam  in  casu  nostro  comune  pape,  ut  audio, 

sunt   1500   duc,    idest    medietas  annate,    detra- 

hantur  75,  remanent  pontifici  ..       ... 

Capellano  solicitatorum     ...... 

Pro  iure  prothonotariorum  ex  ratione  superius  allegata 

in  capitulo  incipienti  iura  prothonotariorum 
Abbreviatoribus    de    parcho    maiori   pro    eorum    turno     duc.   2   ord. 
Secretario  vicecancellarii  pro  cedulla  vel  eins  locumtenti     duc.  4  arbitr. 
In  plumbo  pro  taxa  omnium  bullarum       .  .  ,     duc.  1 7  componitur. 

In   7   plumbis  conclusionum       .  .  ."  ...     duc.  3  componitur. 


duc.  19  vel  20  comp. 
Carl.   2   arbitr. 
Carl.    2   arbitr. 


duc.    1 2   ordin. 

duc.  6  componitur. 
carl.  7  arbitr. 
carl.  4  arbitr. 
duc.  1  carl.  2  arbitr. 
carl.  2  arbitr. 
carl.  2  arbitr. 
duc.  1  ordin. 
carl.    1    ordin. 


duc.   12   ord. 
dixc.   7  5   ord. 


1425   duc. 

carl.   2  extraord. 

duc.   32   ord. 


Pro  magistris  plumbi 

Pro  familiaribus   plumbatorum  . 

In  registro  bullarum  pro  principali 

Pro  bulla  muneris  consecrationis 

Pro  bulla  absolutionis 

Pro   (■)   conclusionibus  solvendis  \) 

Pro  regalibus  vicecancellarii 

Pro  turno         .... 

Pro  cassario     .... 

Pro  trihus  plumbis 


.  '  duc.  2  0  componitur. 

duc.  1  carl.  6  arbitr. 

duc.    1    arbilr. 
.      duc.  2  componitur. 

duc.  2  componitur. 

duc.  6  componitur. 

duc.   3   arbitr. 

duc,  3  componitur. 

duc.   1   arbitr. 

duc.  5  componitur. 


Quia  pro  stillo  curie,  que  sunt  vel  arbitraria  vel  componibilia,  sunt 
moderata.  Plerique  curiales,  qui  ex  mamona  iniquitatis  querunt  sibi  facere 
amicos,  aliquando  secus  faciunt  in  vilipendium  sancte  sedis  apostolice  et 
gruvem  iacturam   ecclesiarum   et  dispendium   eorum  animai'um. 

')  An  der  Seite :  Sunt  bulle  parve.  .,  •   .       .  .  .  ,  • 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756. 

Von 

Adolf  Beer. 


I. 

Die  Literatur  über  deu  Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges  hat 
in  den  letzten  25  Jahren  wesentliche  Bereicherung  erfahren.  Im  Jahre 
1878  erschienen  die  Memoiren  des  Cardinais  Bernis,  bekanntlich  des 
hervorragendsten  französischen  Unterhändlers  bei  den  Verhandlungen 
zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  seit  dem  Sommer  1755,  die 
am  1.  Mai  ]  756  zum  Abschlüsse  des  ersten  Versailler  Vertrages  führten. 
Wie  es  scheint,  zumeist  aus  dem  Gedächtnisse  niedergeschrieben,  sind 
die  Angaben  mit  Vorsicht  zu  benutzen.  Martens  hat  in  den  Ein- 
leitungen zu  den  mit  Oesterreich  und  England  abgeschlossenen  Ver- 
trägen Kusslands  werthvolle  Mittheilungen  aus  den  russischen  Archiven 
gemacht.  Den  reichhaltigsten  Beitrag  in  erster  Linie  für  die  Beurthei- 
lung  der  preussischen  Politik  lieferten  die  betreifenden  Bände  der  poli- 
tischen Correspondenz  Friedrich's,  die  uns  Tag  für  Tag  einen  Einblick 
in  die  Gedankenkreise  des  Königs  gewähren. 

Die  historische  Forschung  hat  sich  des  neuen  Materials  bemächtigt 
und  war  bemüht,  die  gelieferten  Bausteine  zu  verwertheu.  Einige 
Arbeiten  kommen  vorzüglich  in  Betracht:  eine  im  Jahre  1878  iu  der 
Berliner  Akademie  vorgetragene  Abhandlung  von  Max  Duuker,  welche 
in  der  nach  dem  Tode  desselben  herausgegebenen  Sammlung :  Abhand- 
lungen aus  der  neueren  Geschichte,  Leipzig  1887  Aufnahme  gefunden 
hat,  während  ein  älterer  Aufsatz  in  der  historischen  Zeitschrift  als 
werthlos  bei  Seite  gelassen  wurde.  Das  Werk  des  Duc  de  Broglie: 
L'aUiance  autrichienne,  Paris  1895,  fusst  im  Wesentlichen  auf  öster- 
reichischem   Schriftenmateriale    mit    Benutzung    des    IV.    Bandes    der 


wo  Adolf  Beer. 

Gescliiclite  ]Maria  Theresias  von  Arneth  und  einer  von  mir  in  dem 
XXVIl.  Bande  der  historischen  Zeitschrift  erschienenen  Abhandlung. 
Aus  den  französischen  Archiven  konnten  nur  einige  Schriftstücke  be- 
nutzt werden.  Dem  britischen  Museum  wird  manche  Notiz  entnommen, 
ohne  jedoch  unsere  Kenntnis  der  englischen  Politik  damaliger  Tage 
wesentlich  zu  bereichern.  Koser  und  Naude,  der  erste  in  seinem 
Werke :  Friedrich  der  Grosse,  der  letztere  in  zwei  Artikeln  (Historische 
Zeitschrift  Bd.  55  uud  56),  haben  die  politische  Correspondenz  für 
die  Schilderung  der  friedericiauischen  Politik  in  den  bedeutungsvollen 
Jahren  1755  und  1756  zur  Grundlage  genommen.  Endlich  erschien 
die  Schrift  Max  Lehmann's:  Friedrich  der  Grosse  und  der  Ursprung 
des  siebenjährigen  Krieges.  Leipzig.  1894. 

Welch  grossen  Eiufluss  die  Individualität  des  Forschers  auf  die 
Darstellung  uud  Beurtheilung  geschichtlicher  Ereignisse  ausübt,  wie 
^ehr  auch  die  Zeitereignisse  auf  die  Erforschung  der  Vergangenheit 
einwirken,  wie  schwer  es  ist  jene  Objectivität  zu  wahren,  die  zur 
Entwirrung  des  thatsächlichen  Zusammenhanges  erforderlich  ist,  davon 
legen  die  erwähnten  Schriften  vollgültiges  Zeugnis  ab,  Dunker's  in- 
teressante Abhandlung  ist  zu  einer  Zeit  abgefasst,  als  die  bisher  innigen 
Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Russland  gelöst  waren,  die 
Petersburger  Politik  eine  gegnerische  Haltung  Preussen  gegenüber 
einzunehmen  begann.  Nicht  unwahrscheinlich,  dass  der  Politiker 
Dunker  seinen  Blick  in  die  Vergangenheit  versenkte,  um  das  Verhältnis 
zwischen  Preussen  und  Eussland  unter  Friedrich  dem  Grossen  zum 
Vergleiche  heranzuziehen.  Sein  Schlussergebnis  ist,  Russland  habe  in 
erster  Linie  den  siebenjährigen  Krieg  heraufbeschworen,  eine  Behauptung, 
die  schwerlich  auf  Zustimmung  wird  rechnen  können,  und  soweit  ich 
sehe,  bisher  auch  nicht  gefunden  hat.  Die  Feindseligkeit  Elisabeths 
gegen  Friedrich  und  die  Politik  ihres  Kanzlers  würden  den  Ausbruch 
des  gewaltigen  Kampfes  nie  herbeigeführt  haben.  Russland  bildete 
allerdings  einen  bedeutsamen  Factor  in  den  Berechnungen  des  öster- 
reichischen Staatsmannes,  der,  ich  wiederhole  es,  nach  nochmaliger 
Prüfung  des  gesammten  Materials,  als  Motor  der  grossen  Coalition 
betrachtet  werden  muss. 

Nach  Herstellung  des  Friedens  im  Jahre  1748  redete  Kaunitz 
einer  Verbindung  mit  Frankreich  das  Wort,  aber  die  von  ihm  ver- 
tretene Ansicht  bei  den  Berathungen  im  Jahre  1749  über  die  von 
Oesterreich  einzuschlagende  Politik  hat  die  Zustimmung  der  Rathgeber 
Maria  Theresias  nicht  gefunden,  und  Broglie  irrt,  wenn  er  behauptet, 
dass  Maria  Theresia  ohne  Zögern  l)eigestimmt  habe.  Von  ofi'ensiven 
Anflücren  hielt  sich  die  österreichische  Politik  damals  frei.     Nicht  eine 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  1^1 

Gewinnung  Frankreichs  zu  einem  aggressiven  Vorgehen  gegen  Preussen 
wurde  beabsichtigt.  In  Paris  sollte  mau  von  den  friedlichen  Absichten 
Oesterreichs  überzeugt  werden,  und  die  Behauptung  Friedrichs  II.. 
als  sinne  man  in  Wien  nur  auf  Erneuerung  des  Kampfes,  widerleo-t. 
wo  möglich  eine  Lockerung  der  innigen  Beziehungen  Frankreichs  und 
Preussens  bewerkstelligt  werden  Nur  Bartenstein  war  der  energischeste 
Befürworter  einer  Allianz  mit  Frankreich,  aber  selbst  Kaunitz  war 
nicfit  mit  dem  von  ihm  beabsichtigte u  Gange  einverstanden  i). 
Die  Berichte  Blondel's  von  den  friedlichen  Strömungen  in  der  öster- 
reichischen Kesidenz  nach  Paris  entsprachen  durchwegs  der  Sachlao-e 
und  sein  Nachfolger  gefiel  sich  nur  in  üebertreibungen,  wenn  er  begeistert 
und  entzückt  von  der  Aufnahme  bei  der  schönen  Frau  nach  Hause 
schrieb,  dass  sich  Maria  Theresia  dem  Könige  an  den  Hals  werfe, 
von  Frankreich  zurückgewiesen  sich  aber  wieder  England  zuwenden 
werde.  Auch  was  Broglie  über  die  damals  geplante  Königswahl  Josefs 
beibringt,  bedarf  vielfach  der  Berichtigung. 

Die  Sendung  des  Grafen  Kaunitz  war  eine  kluge  Massregel.  Er 
war  unstreitig  der  geeignetste  Mann,  bessere  Beziehungen  zu  Frankreich 
anzubahnen;  seine  persönlichen  Erfolge  in  der  französischen  Haupt- 
stadt hatten  jedoch  auf  die  Politik  keinen  Einfluss.  Es  sei  für  jetzt 
auch  nicht  die  leiseste  Hoffnung  vorhanden,  Frankreich  von  Preussen 
zu  trennen,  schrieb  er  im  Jahre  1751  nach  Wien,  ja,  er  warf  die 
Frage  auf,  ob  zur  Befestigung  der  eigenen  Sicherheit  nicht  eine  Aus- 
söhnung mit  dem  Nachbarstaate  gesucht  werden  solle,  eine  Anregung, 
die  allerdings  in  Wien  keiuen  Anklang  fand,  aber  als  Thatsache  von 
Broglie  ohne  Begründung  bezweifelt  wird. 

Auch  bei  Kaunitz  war  die  Aussöhnung  mit  Preussen  nur  ein 
vorübergehender  Gedanke.     Die  üeberzeugung  dass  dieser  Staat  nieder- 

')  In  einer  Aufzeichnung  vom  23.  September  1755,  welche  die  Grundlage 
für  die  Conferenz  dienen  sollte,  finden  sich  folgende  Bemerkungen.  Wir  haben 
mehr  als  Andere  Alliierte  nöthig.  Nur  zwei  Wege:  Frankreich  und  die  See- 
mächte. System  des  Bartenstein :  Ohne  Frankreich  können  wir  nicht  Preussen 
schwächen;  die  natürlichste  Allianz  alle  Katholischen  und  alle  Protestanten; 
diese  Idee  flattiert ;  Ratio  odii  gallici  cessat.  Wir  die  Katholischen  wären  an 
Macht  superieure. 

Der  Graf  hat  eingehen  müssen.  In  principio  war  er  einig,  dass  ohne 
Connivenz  Frankreichs  nichts  zu  thun.  Hinc  das  Projekt  von  1749.  Allein  er 
dift'erierte  in  modo  von  Bartenstein.  Er  hielt  vor  gefährlich,  sich  Frankreich 
blos  zu  geben,  Bartenstein  wollte  incompatibilia  combinieren,  doctrinieren  und 
machen,  dass  Preussen  auf  allen  Seiten  blos  wäre. 

In  Paris  fanden  wir  zwar  einige  gute  Dispositionen  aber  keinen  Ernst.  Frank- 
reich sah,  dass  wir  nur  halb,  Preussen  aber  ganz  und  dass  es  einen  oder  den 
andern  haben  könne. 


112  Adolf  Beer. 

geworfen  werden  müsse,  hatte  bei  ihm  zu  feste  Wurzeln  gefasst.  Als 
die  Differenzen  zwischen  England  und  Frankreich  jenseits  des  Oceans 
den  Ausbruch  eines  continentalen  Krieges  wahrscheinlich  erscheinen 
liessen,  stand  er  auf  Seite  der  Briten,  allein  es  ist  durchaus  unrichtig, 
weun  Dunker  dem  Berichte  des  preussischen  Vertreters  an  der  Themse 
Glauben  schenkt,  dass  Oesterreich  zum  Kriege  ermunterte.  Noch  im 
Frühjahre  1755  lag  es  durchaus  in  der  Absicht  des  österreichischen 
Staatsmannes,  an  der  Verbindung  mit  England  festzuhalten  ^).  In  einer 
Conferenz  am  31.  März  im  Beisein  der  kaiserlichen  Majestäten  wurde 
die  einzunehmende  Haltung  in  Berathung  gezogen.  Es  sei  nicht  zu 
zweifeln,  heisst  es  in  dem  Vortrage  an  den  Kaiser  vom  4.  April  1755- 
dass,  wenn  die  Feindseligkeit  zur  See  wirklich  erfolgen  sollte,  alsdann 
auch  das  Kriegsfeuer,  wie  das  französische  Cabinet  sich  schon  bedroh- 
lich geäussert,  sich  auf  das  Festland  ausbreiten  werde,  es  sei  daher 
kluge  Vorsicht.  Alles  vorzukehren,  um,  wenn  es  zum  Kriege  kommen 
sollte,  gleich  in  dem  ersten  Feldzuge  die  äussersten  Kräfte  anspannen 
zu  können,  dieselben  so  wenig  als  möglich  zu  theilen  und  meisten- 
theils  in  dem  Kriege  gegen  Preussen  zu  verwenden,  welches  das  einzige 
ergiebige  Mittel  sei,  durch  einen  „vergnüglichen  Anschein"  dem  Könige 
mehrere  Feinde  zuzuziehen  und  in  die  gehörigen  Grenzen  zu  setzen, 
um  sodann  mit  erforderlichem  Nachdruck  gegen  andere  Feinde  der 
Kaiserin  die  Waffen  gebrauchen  zu  können;  es  sei  als  ein  Grundsatz 
jedoch  festzuhalten,  dass  weder  England  noch  Frankreich  durch  geheime 
ünterbauungen  zu  Feindseligkeiten  angefrischt,  sondern  zu  gütlicher 
Beilegung  der  amerikanischen  Streitigkeiten  die  erforderlichen  Schritte 
gethan  werden  sollen;  dem  englischen  Ministerium  sollten  die  höchst 
gefährlichen  Folgen  eines  allgemeiuen  Krieges  und  die  mangelnden 
Vertheidigungsmittel  zu  Gemüthe  geführt,  jedoch  der  Bündnisfall,  wenn 
England  eine  Landung  auf  dem  Continente  unternehmen  sollte,  an- 
erkannt und  die  Anwendung  der  äussersten  Kräfte  für  den  Fall  eines 
entscheidenden  Landkrieges  im  Voraus  zugesichert  werden,  jedoch 
müsse  England  eine  gleiche  Eeciprocität  angedeihen  lassen,  eine  gleiche 
Versicherung  von  sich  stellen,  die  gehörigen  Anstalten  bei  Zeiten  vor- 
zukehren. Noch  in  den  ersten  Julitagen  waren  diese  Ansichten  mass- 
gebend -). 

Bekanntlich    haben    die   Anträge    Oesterreichs    im    August     1755 
keinen    fruchtbaren    Buden     in    Paris     befunden    und    ]\lonate    lang- 


')  Die  Darstellung  bei  Broglie  S.  140  ist  nicht  zutreffend.  Von  einem 
,refu8  positif*  kann  nicht  gesprochen  werden.  Am  31.  Mai  1755  erhielt  Eszterhazy 
die  Weisung  Williams  zu  unterstützen. 

2)  An  Colloredo  12.  Juli   1756. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756. 


113 


schleppten  sich  die  Verhandln ngen  fruchtlos  hin.  Auch  die  Kunde 
von  dem  Abschlüsse  des  Westminster -Vertrages  hatte  unmittelbar 
keinen  bestimmenden  Einfluss  ausgeübt,  denn  in  den  Pariser  Kreisen 
war  damals  der  raassge1>ende  Gedanke,  sich  auf  einen  Krieg  mit 
England  zu  beschränken  und  bloss  Oesterreichs  Neutralität  zu  erhalten. 
Erst  seit  Beginn  des  Februar  1756  schöpfte  Starhemberg  ueue  Hoff- 
nung. „Es  dürfte  mir  gelingen",  schrieb  er  nach  Wien  am  7.  Februar, 
„den  hiesigen  Hof  dahin  zu  bewegen,  unseren  ersten  Plan  der  Ver- 
handlung zu  Grunde  zu  legen,  während  Prankreich  bisher  bloss  einen 
einfachen  Garantievertrag  abschliessen  wollte.  Wenn  der  französische 
Hof  den  Entschluss  fassen  würde,  auf  die  österreichischen  Vorschläge 
zurückzutreten,  erwiderte  Kaunitz  am  22.  Februar,  und  hierüber  eine 
vollständige  Abrede  zu  pflegen,  wäre  solches  das  Erwünschlichste,  so  dem 
Erzhause  widerfahren  könnte  i).  Starhemberg  erhielt  vollständige  Bil- 
ligung, dass  er,  nachdem  die  Nachricht  von  dem  Abschlüsse  des  West- 
minster-Vertrages  eingelangt  war,  die  geheimen  Vorschläge  auf  die 
Bahn  gebracht  habe.  Sollte  er  eine  zweideutige  Antwort  erhalten, 
habe  er  seinen  Eifer  zu  massigen,  da  man  nicht  zu  übertreiben  ge- 
denke, es  sei  Hoffnung  vorhanden,  künftig  eine  günstige  Gelegenheit 
zu  benutzen;  der  gegenwärtige  Zustand  sei  derartig,  dass  man  von 
dem  gefährlichen  Nachbar  Alles  zu  befürchten ,  hingegen  von  dem 
Bundesgenossen  wenig  oder  nichts  zu  hoffen,  sogar  die  Unterstützung 
des  gefährlichsten  Feindes  zu  besorgen  habe;  man  sei  entschlossen, 
ein  geheimes  Einverständnis  mit  Frankreich  zu  erzielen,  auch  wenn  es 
auf  die  Erneuerung  des  geheimen  Vorschlages  eine  abschlägige  Ant- 
wort ertheilen  und  in  offensive  Massnahmen  gegen  Preussen  nicht 
eingehen  wollte,  da  man  sich  endlich  damit  zu  begnügen  hätte,  eine 
grössere  Sicherheit  sich  zu  verschaffen.  Massgebend  für  den  Entschluss, 
in  welcher  Form  immer  mit  Frankreich  abzuschliessen,  war  die  Furcht, 
dass  eine  Erneuerung  des  Vertrages  vom  Jahre  1741  zwischen  Frank- 
reich und  Preussen  stattfinden  könnte,  da  man  davon  unterrichtet  war, 
dass  Friedrich  dem  französischen  Sendboten  Nivernois  dargelegt  habe, 
wie  wenig  sein  mit  England  geschlossener  Vertrag  dem  französischen 
Interesse  zuwiderlaufe.     Man  wurde  in  dem  Wunsche,  mit  Frankreich 

•)  An  Starhemberg  22.  Februar  1756.  Arneth  hat  IV.  Note  508  den  Anfang 
des  Briefes  von  Kaunitz  an  Starhemberg  nicht  abgedruckt ;  er  lautet :  Au  moyen 
des  ordi-es  que  vous  parviennent  aujord'  hui  mon  eher  comte,  nous  vous  mettons 
en  etat  quelque  soit  la  reponse  que  vous  attendez  d'  aller  en  avant  de  tafon  ou 
d'  autre  sans  avoir  besions  d'  attendre  d'  autres.  IL  seroit  bien  fache  cependant, 
s'  il  c'  etoit  autrement  que  sous  le  pied  du  grand,  que  la  providence  offre  si 
heureusement  dans  ce  moment  ci,  qu'  il  n'  est  pas  vraisemblable  que  jamais 
r  occasion  puisse  etre  aussi  favorable.     Dann  folgt  die  Stelle  bei  Arneth. 

Mittheilungen  XVII.  8 


114  Adolf  Beer. 

zu  einem  Abschlüsse  zu  gelaugeu,  durch  Starhembergs  Berichte  be- 
stärkt, der  ausführlich  Kunde  von  den  Gesprächen  zwischen  Friedrich 
und  Nivernois  gab.  In  Paris  hatte  eine  Aeusserung  Friedrichs 
auf  liouille  grossen  Eindruck  gemacht;  dass  er  nichts  einzuwenden 
hätte,  wenn  Frankreich  einen  Neutralitätsvertrag  mit  Oesterreich 
schliessen  würde,  was  kein  Hindernis  wäre,  den  preussisch  -  französi- 
schen Vertrag  zu  erneuern.  Nivernois  hatte  sich  in  diesem  Sinne 
ausgesprochen  i). 

Infolge  einer  am  26.  März  1756  abgehaltenen  Conferenz  erhielt 
Starhemberg  die  Weisung,  die  Abschliessung  einer  Neutralitätscon- 
vention und  eines  Defensivvertrages  zu  fördern,  die  Erneuerung  eines 
Vertrages  zwischen  Frankreich  und  Preussen  mit  allen  thunlicheu 
Mitteln  zu  hindern,  dem  französischen  Hofe  jeden  Zweifel  zu  benehmen, 
dass  die  kaiserlichen  Majestäten  ernstlich  gewillt  seien,  nicht  nur  den 
Defensivvertrag,  sondern  auch  den  geheimen  Tractat  auf  dem  Fusse 
der  Billigkeit  und  Keciprocität  zu  schliessen  und  „vollkommen  in  die 
französische  Allianz  einzugehen",  das  schliessliche  Ergebnis  sei  jedoch 
nur  „  conditionale "  für  den  Fall  einzurichten,  wenn  Eussland  beitrete 
und  die  Durchführung  möglich  sei,  denn  zur  wirklichen  Ausführung 
des  geheimen  Planes  sei  erst  dann  zu  schreiten,  „bis  sich  vernünftigem 
Ermessen  ein  vergnüglicher  Ausschlag  zu  versprechen  sei "  -). 

Als  Starhemberg  diese  Weisung  erhielt,  waren  die  Verhandlungen, 
welche  durch  die  Krankheit  von  Bernis  ins  Stocken  gerathen  waren, 
wieder  in  Fluss  gekommen.  Der  französische  Unterhändler  würdigte 
die  Frankreich  erwachsenden  Vortheile,  nur  darüber  war  er  mit  sich 
nicht  im  Eeinen,  ob  er  dem  Könige  anrathen  könne,  schon  jetzt 
auf  den  Plan  Oesterreichs  einzugehen.  Aber  Starmhemberg  berichtete 
nach  Wien,  dass  Bernis  im  Princip  einverstanden  sei,  und  wenn  es 
vorläufig  zum  Abschlüsse  eines  Defensivvertrages  käme,  so  würde 
später  auch  die  Durchführung  des  grossen  Planes  gelingen,  wozu  viel- 
leicht der  König  von  Preussen  die  Handhabe  bieten  würde.  Hierauf 
waren  auch  die  Bemühungen  Starhembergs  gerichtet.     Bernis  war  für 


')  (Nivernois)  fait  connaitre  tout  naturellement,  que  ce  seroit  ä  son  avis 
faire  un  grand  coup,  que  de  rendre  aus  yeux  de  toute  V  Europe  inutile,  illusoire 
et  meme  contraire  ä  1'  Angleterre  le  traite  qu'  eile  vient  de  conclure  avec  le  Roi 
de  Prusse,  et  dont  eile  fait  sonner  si  haut  les  avantages ;  il  convient  qu'  il  n"  y 
a  pas  beaucoup  ä  se  fier  de  ce  Prince,  luais  il  croit  qu'  en  meme  tems  on  pourra 
se  lier  de  fayon  et  lui  faire  prendre  des  engagemens  si  forts,  qu'  il  seroit  im- 
possible  qu'  il  y  manquät  jamais.  Nivernois  übersendet  zu  diesem  Behufe  einen 
Plan.     Starhemberg  11.  März  1756. 

-)  Bei  der  Conferenz  bildeten  die  Depeschen  vom  22.  Februar  und  11.  März 
die  Grundlage  der  Berathung. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  ^15 

einen  Defensivvertrag,  während  Kouille  bloss  für  eine  Neutralitäts- 
convention  mit  Hinzufügung  eines  geheimen  Artikels,  welcher  eine 
Präliminarvereinbarung  über  die  grosse  Angelegenheit  und  gleichzeitig 
das  Versprechen  einer  Defensivallianz  enthalten  sollte.  Die  Rücksicht- 
nahme für  den  König  von  Preussen  war  für  Rouille,  wie  Stai'hemberg 
meldete,  massgebend.  Auch  bezweifelte  es  Starhemberg,  dass  es  ihm 
gelingen  werde,  die  Unterstützung  Frankreichs  vor  Abschluss  des 
geheimen  Vertrages  zu  erlangen,  wenn  der  König  von  Preussen  den 
Def'ensivvertrag  zum  Anlass  eines  Krieges  machen  würde.  Erst  am 
17.  April  nach  Abschluss  seines  Berichtes  über  die  Ergebnisse  dieser 
Verhandlungen  hatte  Starhemberg  noch  eine  Besprechung  mit  Bernis, 
welcher  ihn  hoffen  Hess,  zu  einem  Defesivtractate  zu  gelangen.  Bernis 
sagte  ihm.  er  sei  des  Königs  und  der  Pompadour  sicher. 

Welche  Bedeutung  hat  der  am  1.  Mai  1756  zu  Versailles  abge- 
schlossene Vertrag?  Broglie  hat  ein  treffendes  Wort  gesprochen: 
der  Vertrag  roch  nach  Pulver.  Vorläufig  hatte  man  sich  allerdings 
bloss  über  einen  Neatralitäts-  und  einen  Defensiv  vertrag  geeinigt,  aber 
am  19.  April  war  bereits  im  französischen  Conseil  der  Beschluss  ge- 
fasst  worden,  dass  Aveitere  Verhandlungen  über  einen  geheimen  Ver- 
trag unmittelbar  folgen  sollen.  Am  Tage  des  Abschlusses  erhielt 
Starhemberg  ein  Schriftstück  zugestellt,  welches  die  Fortsetzung  des 
begonnenen  Werkes  einleitete.  Broglie  hat  den  Wortlaut  desselben 
veröfi'entlicht,  Arneth  seinerzeit  bloss  einen  Auszug  gegeben.  Vor- 
läufig werden  von  Bernis  weitere  eingehende  Aufklärungen  und  An- 
gaben gefordert  über  die  Höhe  der  Summen,  welche  Frankreich  zu 
zahlen  hätte,  in  welchen  Zeiträumen  dieselben  zu  entrichten,  und  über 
die  Plätze,  welche  dem  König  zur  Sicherstellung  einzuräumen  wären, 
über  die  Zusammensetzung  der  von  Oesterreich  als  nothwendig  bezeich- 
j  neten  dritten  Armee  u.  s.  w.  Auch  ward  die  Geneigtheit  Frankreichs 
ausgesprochen,  auf  das  Anbot  einzugehen,  an  Don  Philipp  niederlän- 
disches Gebiet  abzutreten  und  Verhandlungen  in  Madrid,  Neapel  und 
Parma  einzuleiten  und  zur  Theilnahme  an  der  zwischen  Oesterreich 
und  Frankreich  getrofienen  Vereinbarung  zu  bestimmen. 

Befriedigen  konnte  dieses  Schriftstück  den  österreichischen  Unter- 
händler nicht.  Wichtiger  ist  eine  zweite  Schrift  vom  11.  Mai,  worin 
Frankreich  die  Abtretung  der  gesammten  Niederlande  forderte  und 
sich  anheischig  machte,  einen  Geldbetrag  zur  Verfügung  zu  stellen, 
welchen  Oesterreich  nach  seinem  Belieben  verwenden  sollte ;  um  grossen 
Forderungen  des  Wiener  Cabinets  vorzubeugen,  wurde  jedoch  bemerkt, 
dass  Frankreich  bedeutende  Ausgaben  für  seine  Marine  zu  machen 
habe.     In    mündlichen    Gesprächen    ging  Bernis    weiter.     Er   begreife 

8* 


\1Q  A  cl  0  1  f  B  e  e  r. 

wohl,  SO  äusserte  er  sieh,  dass  Oesterreich  die  grösstmögliche 
Schwächung  Preussens  anstrebe,  aber  eine  genaue  Bezeichnung  jener 
Gebiete  forderte,  welche  dem  König  abgenommen  werden  sollen  i ). 

In  Wien  sah  man  in  dem  Defensivvertrage  bloss  „den  Grund- 
stein zu  der  grossen  Absicht  gelegt".  Vorläufig  Avar  das  Vertrauen 
zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  hergestellt  und  die  Unterstützung 
des  letzteren  für  den  Fall  eines  Angriffes  gesichert.  Von  neuen  Fehl- 
tritten Preussens  —  den  ersten  hatte  es  nach  der  Ansicht  des  Grafen 
Kaunitz  durch  den  Abschluss  des  Vertrages  in  England  gemacht  — 
erwartete  und  erhofite  man  die  Förderung  der  gehegten  Pläne,  Kaunitz 
war  hocherfreut  mit  dem  erzielten  Ergebnisse,  denn  seine  Gegner,  Ver- 
treter der  Verbindung  mit  deu  Westmächten,  waren  aus  dem  Felde 
o-eschlao-en  =^).  Nach  Empfang  der  Depesche  Starhembergs  fand  eine 
Conferenz  statt  in  Gegenwart  des  Kaisers  und  der  Kaiserin.  Kaunitz 
analysierte  den  Vertrag  und  begann  seine  Darlegung  mit  der  Bemer- 
kuno-: „des  Königs  von  Frankreich  Aeusserung  Hesse  keinen  Zweifel 
übrio-,  dass  in  Bälde  der  Traite  secret  zu  seiner  Eichtigkeit  kommen 
werde  3).  Zwei  Wochen  darauf  wurden  die  Punkte  in  Berathung  ge- 
zogen, welche  in  dem  Vertrage  geregelt  werden  sollen.  Die  Abtretung 
der  gesammten  Niederlande,  welche  Frankreich  forderte,  war  eine 
'j-rosse  Zumuthung.  Oesterreich  sollte  auf  ein  reiches,  schönes  und 
beträchtliches  Land  verzichten,  welches  netto  5  Millionen,  brutto 
10  Millionen  einbrachte.  Ein  edles  Kleinod  nennt  Kaunitz  den  Besitz, 
allein  ein  grösserer  Vortheil  winkte  für  den  Verlust:  die  volle  Ent- 
kräftung des  Königs  von  Preussen.  Es  handelte  sich  um  die  Auf- 
rechterhaltung der  katholischen  Eeligion,  der  kaiserlichen  Autorität  in 
Deutschland,  der  Reichsverfassung,  um  die  Wohlfart,  ja  um  die  Existenz 
des  Erzhauses.  Der  territoriale  Verlust  wurde  durch  die  Wieder- 
eroberung Schlesiens  und  der  Grafschaft  Glatz   reichlich  aufgewogen  *). 

In  sechs  Punkten  wurden  nun  die  österreichischen  Bedingungen 
formuliert:  1.  Conditio  sine  qua  nou  war,  dass  die  Abtretung  erst 
dann  stattzufinden  hätte,  bis  Oesterreich  zum  Besitze  von  Schlesien 
und  Glatz  gelangt  sein  werde;  2.  der  König  von  Frankreich  habe 
nicht  bloss  zur  Cession  dieser  Gebiete,  sondern  zu  einer  noch  grösseren 
Schwächung  Preussens  beizutragen,  Oesterreich  müsse  vor  der  preussi- 
schen  Eache    sichergestellt    werden;    diese  Conditio    sine  qua  non   sei 


')  Postscript  II   vom  13.  Mai  1756    von  Starhemberg.     Das  Schriftstück  im 
Anhange. 

2)  Kaunitz  an  Starhemberg,  19.  Mai  1756. 
•  ■'   '     3)  (Schulenburg)  Einige  neue  Aktenstücke.     Leipzig,   184]. 
'  :i-  ■-■  4)  Arneth  IV.  450.  -  . 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  Wl 

als  der  Probierstein  der  Gesinnung  Frankreichs  anzusehen;  3.  Frank- 
reich müsse  werkthätigen  Antheil  nehmen  und  ein  namhaftes  Corps 
unmittelbar  gegen  Preussen  oder  Westphalen  absenden  oder  an  den 
Grenzen  bereit  halten,  um  die  protestantischen  Mächte  von  einer 
etwaigen  Unterstützuug  Preusseus  abzuhalten;  4.  abgesehen  von  der 
Theilnahme  Frankreichs  an  den  von  Oesterreich  und  Russland  zu 
stellenden  Armeen  werde  zur  glücklichen  Vollstreckuug  des  Vorhabens 
noch  eine  von  anderen  Mächten  aufzustellende  Armee  gefordert ; 
5.  Luxemburg,  Chimaj  und  Beaumont,  allenfalls  auch  die  Pays  retro- 
cedes  sei  man  bereit,  an  Frankreich,  den  Rest  an  Don  Philipp  abzu- 
treten, wogegen  dieser  auf  die  italienischen  ßesitzthümer  und  auf  sein 
Recht  auf  Neapel  zu  verzichten  hätte;  6,  die  französische  Forderung, 
dass  die  Abtretung  der  gesammten  Niederlande  in  Form  eines  Ver- 
kaufes stattfinden  soll,  sei  unbillig,  denn,  wurde  in  der  Weisung  zur 
Erläuterung  des  letzten  Punktes  hinzugefügt,  Frankreich  wolle  sich 
nicht  nur  wegen  des  Geldvorschusses  sicherstellen,  sondern  für  eine 
massige  Geldsumme  ansehnliche  Gebiete  erlangen,  selbst  wenn  das 
ganze  Unternehmen  scheitern  würde,  ja,  wenn  auf  dieses  Ansinnen 
eingegangen  würde,  könnte  Frankreich  den  ganzen  Plan  gegen  Preussen 
hintertreiben;  so  lange  der  Krieg  dauere,  habe  sich  Frankreich  zur 
Leistung  eines  Geldbeitrages  zu  verpflichten;  die  Niederlande  sollten 
als  Pfand  für  die  gewährten  Vorschüsse  dienen,  welche,  im  Falle  das 
Vorhaben  fehlschlüge,  wieder  zurückzuzahlen  sind. 

Starhemberg  hatte  trefflich  die  Zwischenzeit  bis  zum  Einlangen 
dieser  Weisungen  benutzt.  Mit  der  Pompadour,  mit  Puissieux,  mit 
dem  Marschall  Beleisle,  die  er  als  jene  Persönlichkeiten  bezeichnete, 
auf  die  es  zumeist  ankomm.e,  fanden  in  Paris  und  in  Compiegne 
Conferenzen  statt;  auch  bemühte  er  sich  mit  Machault  in  nähere  Ver- 
bindung zu  treten.  Von  Wichtigkeit  war,  dass  Bernis  in  Paris  blieb 
und  keinen  Gesandtschuftsposten  übernahm,  eine  Ansieht,  welche  die 
Pompadour  vollkommen  theilte  und  in  dieser  Richtung  thätig  war. 
Avährend  ü'Argenson  auf  die  Entfernuncr  des  Mannes  hinarbeitete  und 
hiefür  bei  Rouille  und  Machault  Unterstützung  fand.  Starhemberg 
sah  hoffnungsvoll  der  Zukunft  entgegen.  Mau  dürfe  nicht  auf  halbem 
Wege  stehen  bleiben,  bemerkte  die  Pompadour,  und  die  zu  Oesterreich 
neigenden  Staatsmänner  waren  derselben  Ansicht,  und  wenn  der 
österreichische  Unterhändler  auf  die  Conditio  sine  qua  non  hinwies, 
so  erkannte  man  diese  als  billig  keinem  Anstände  unterliegend  an. 
Der  Wunsch  war  ein  allgemeiner,  die  neue  Allianz  zu  einer  dauer- 
haften,  unauflöslichen  zu  gestalten.  Nachdem  Starhemberg  die 
Weisuno'en    erhalten    hatte,    ging;    er    augenblicklich    ans    Werk.     Die 


11g  Adol  t  Beer. 

sechs  Punkte  brachte  er  in  neue  Form  und  reducierte  dieselben  auf 
vier,  um,  wie  er  nach  Wien  schrieb,  die  französischen  Staatsmänner 
nicht  zu  erschrecken  i).  Dass  eine  Schwächung  Preussens  nothwendig 
sei,  hatte  er  ohnehin  seit  Monaten  in  seinen  Gesprächen  mit  Bernis 
weitläufig  erörtert,  eine  unmittelbare  Mitwirkung  glaubte  er  jedoch. nicht 
erlangen  zu  können.  Aber  Starhemberg  wollte  sich  damit  begnügen, 
wenn  Frankreich  die  deutsehen  Fürsten  von  einer  Unterstützung 
Preussens  abhielt,  ferner,  wenn  es  an  Oesterreich  reichliche  Geldmittel 
und  an  einige  deutsche  Fürsten  Subsidien  zur  Aufstellung  und  Erhal- 
tung eines  Heeres  gewährte.  In  diesem  Sinne  hatten  Rouille'  und 
Bernis  mit  Starhemberg  gesprochen,  der  daraus  die  Folgerung  zog, 
dass  man  die  Noth wendigkeit  erkenne,  zum  Gelingen  des  grossen 
Planes  mitzuwirken. 

Dennoch  vergingen  mehrere  Wochen,  ehe  Starhemberg  eine  be- 
stimmte Antwort  erhielt,  Dass  man  aber  die  Verhandlungen  zu  einem 
gedeihlichen  Abschlüsse  führen  wollte,  ging  daraus  hervor,  dass  Berni«, 
der  zum  Gesandten  in  Wien  bestimmt  war,  in  Paris  blieb.  Die  Pom- 
padour und  die  anderen  Minister  betonten  aber,  dass  die  Forderungen 
zur  oflfensiven  Antheilnahme  an  dem  Kriege  allein  den  Stein  des  An- 
stosses  bilde,  denn  abgesehen  davon,  dass  dies  dem  König  widerstrebe, 
könnte  man  nicht  den  Krieg  gegen  England  mit  Energie  führen  und 
überdies  noch  mit  einer  Armee  Oesterreich  unterstützen ;  ohnehin  sei 
das  Gelingen  der  Unternehmung  sicher.  Frankreich  verweigerte  nur 
die  Stellung  eines  französischen  Corps,  mit  uichten  aber  die  Unter- 
stützung mit  Geld  und  besoldeten  Truppen. 

Im  August  hatten  die  Verhandlungen  endlich  eine  concrete  Ge- 
stalt gewonnen.  Starhemberg  heischte  kategorisch  Autwort  auf  die 
von  ihm  formulierten  vier  Punkte.  Bernis  stellte  eine  Verständigung  in 
Sicht,  nur  müsse  er  noch  die  Weisungen  des  Königs  einholen.  Zwischen 
ihm  und  Starhemberg  fanden  allabendlich  Conferenzen  statt,  woriu 
die  einzelnen  zu  vereinbarenden  Punkte  eingehend  besprochen  wurden, 
so  dass  an  eine  Formulierung  des  Vertrages  geschritten  werden  konnte. 
Starhemberg  hatte  eine  beträchtliche  Geldunterstützung  von  Frankreich 
erreicht  und  hoffte  noch  mehr;  Frankreich  machte  sich  anheischig, 
sechs  Millionen  im  Vorhinein  zu  bezahlen.  Im  Falle  die  Unternehmung 
gelang,  verzichtete  Frankreich  auf  die  Rückzahlung,  misslang  sie,  for- 
derte  es    die  Hälfte   zurück  ^).      Starhemberg   war    jedoch    beauftragt, 


»)  Die  4  Punkte  abgedruckt  bei  (Schulenburg)  Einige  neue  Aktenstücke 
S.  29  nur  sind  dieselben  nicht  dem  Grafen  Starhenberg  sondern  von 
Starhembe.Tg  dem  französischen  Cabinet  übergeben  worden. 

-)  Ce    qui    est   une    prcuve  bien    evidente    de   V  espoir    qu'  on  se  fait  de  la 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  \\C) 

acht  Millionen  zu  verlangen  und  die  gesamuiten  Vorschüsse  rückzahlen 
zu  können.  Frankreich  heischte  die  Sicherheitsplätze  Nieuport  und 
Ostende  und  die  freie  Communication  überYpern  und  Düukirchen.  Auch 
beharrte  es  auf  einem  Theile  der  Niederlande,  während  Oesterreich 
bloss  Luxemburg  an  Frankreich  abzutreten  gesonnen  war.  Starhem- 
bergs  Mühe,  die  Forderungen  Frankreichs  einzuschränken,  war  ver- 
gebens 1).  Hatte  Starhemberg  auch  keine  bestimmte  formelle  Ein- 
willigung zur  gänzlichen  Vernichtung  Preussens  erlangt,  so  erörterte 
man  doch  den  Plan,  mit  Sachsen,  Mannheim,  Schweden  und  anderen 
Mächten  Verhandlungen  einzuleiten  und  ihnen  einen  Theil  au  der 
Beute  zuzusagen.  Frankreich  überliess  die  Führung  dieser  Verhand- 
lungen Oesterreich  und  machte  nur  darauf  aufmerksam,  dass  auch 
Holland  und  Dänemark  heranzuziehen  seien.  Auf  die  Frage  Starhem- 
bergs,  was  man  Holland  zusagen  sollte,  erwiderte  Bernis,  es  grenze 
an  Preussen,  man  werde  daher  irgend  etwas  ausfindig  machen  können. 
Bezüglich  Dänemarks  wurde  auf  Bremen  und  Verden  hingewiesen. 
Beleisle  meinte,  Dänemark  könne  12.000  Mann  Infanterie  stellen, 
ebenso  auch  Cavallerie.  Auch  Schweden  sei  zu  gewinnen.  Baron 
Bung,  der  in  Abwesenheit  des  schwedischen  Gesandten  Schäffer  die 
Geschäfte  leitete,  meinte,  dass  man  in  Schweden  gerne  gegen  Preussen 
losschlagen  werde,  man  erwarte  mit  Ungeduld  den  Ablauf  des  Ver- 
trages  mit   Preussen  ^).      Starhemberg    forderte,    dass    Frankreich   an 


reussite  de  notre  entreprise  et  de  la  determination  prise  d'  y  concourir  effica- 
cement. 

'j  On  nous  soub90iine  ou  fait  bembhmt  de  nous  soubronner  de  vouloir 
tonjours  corserver  un  reste  de  menagement  pour  1'  Angleterre  d'  envier  a  la  France 
ce  que  est  la  plus  propre  ä  lui  donner  1'  avantage  contre  son  ennemi,  tandis 
qu'  Elle  nous  fournit  les  mojens  d"  ecraser  le  notre.  On  ne  fait  nulle  attention 
äcequeje  dis  de  la  Jalousie  et  du  mecontentement  que  donnerait  a  T  Espague, 
ii  r  Hollande  et  ä  toutes  les  Puissances  de  1'  Europe  un  aggrandissement  de  Puis- 
sance  tel  que  la  France  le  demande.  On  dit  que  la  paix  devra  de  necessite  etre 
forcee  pour  le  Koi  de  Prusse  et  pour  1'  Angleterre,  que  par  consequent  ce  n'  est 
pas  ä  ce  que  diront  ces  deux  Cours  de  nos  arrangemens  qu'  il  faut  faire  atten- 
tion ;  qu"  il  sera  aise  de  tranquilliser  1'  Hollande  qu'  on  pourra  lui  assigner  une 
barriere  plus  reculee,  que  1'  Espagne  ne  pourra  refuser  son  consentement  ä  une 
change  si  avantageusement  pour  1'  Infant. 

-)  Schon  im  Jahre  1755  hat  Kaunitz  die  Gewinnung  Schwedens  ins  Auge 
gefasst.  Graf  Zinzendorf  mit  einer  Mission  nach  Petersburg  betraut  erhielt  die 
Weisung  seinen  Rückweg  über  Stockholm  und  Kopenhagen  zu  nehmen  und  mit 
Hoepken  in  Verbindung  zu  treten,  »was  den  schwedischen  Hof  anreizen  könnte, 
sich  bei  ausbrechendem  Kriege  ruhig  zu  halten  und  daran  keinen  Theil  zu  nehmen, 
nachher  aber  bei  etwa  sich  ergebenden  Gelegenheiten  zur  Widereroberung  der 
verlorenen  Pommernschen  Lande  sich  zu  bedienen*.  Instruction  an  Colloredo 
12.  Juli  1755. 


120  Adolf  Beer. 

Sachsen  Subsidieii  geben  solle.  Dies  wurde  abgelehnt  mit  dem  Hin- 
weise, dass  man  ohnehin  Oesterreich  grosse  Summen  verabreiche,  welche 
sodann  für  Russland  und  Sachsen  verwendet  werden  sollen.  Starhem- 
berg  hielt  dies  für  vortheilhaft.  Frankreich  stellte  die  Forderung, 
dass  Russland  in  Deutschland  keine  Erwerbung  mache.  Mit  Bayern. 
Mannheim  und  Würtemberg  werde  Frankreich  verhandeln,  auch  in 
Darmstadt  und  Würzburg  thätig  sein;  ßeleisle  bei  Beginn  des  Jahres 
bloss  für  einen  Krieg  mit  England  war  nunmehr  ein  eifriger  Befür- 
worter des  österreichischen  Planes;  er  versprach,  Rouille  zu  bestimmen, 
ohne  Zeitverlust  vorzugehen.  Mit  General  Browne  wünschte  er  in 
Correspoudenz  zu  treten  i). 

Wie  ersichtlich,  war  die  Verständigung  zwischen  Stahremberg  und 
dem  französischen  Staatsmännern  weit  gediehen,  wenngleich  man 
zu  festen  Abmachungen  noch  nicht  gelangt  war.  Auch  mit  der 
Schwächung  Preussens,  d.  h.  mit  der  üeberweisung  preussischen  Grebiets 
an  die  Verbündeten,  die  sich  an  dem  Kriege  betheiligen,  war  Frankreich 
einverstanden.  Starhemberg  bezeichnete  auch  jene  Länder,  welche 
Oesterreich  nebst  Schlesien  und  Glatz  für  sich  ausersah,  Frankreich 
willigte  ein,  nur  sollte  das  Wiener  Cabinet  die  Abmachungen  mit  den 
betrefiFenden  Höfen  treffen  -). 

Frankreich  hat  bekanntlich  in  Berlin  durch  Valory  erklären 
lassen,  dass  es  Oesterreich  im  Falle  eines  Angriffes  unterstützen  würde. 

')  P.  S.  20  Ang.  1756  Belleisle  hatte  an  Browne  bereits  geschrieben,  aber 
noch  keine  Antwort  erhalten,  worüber  er  zu  Starhemberg  seine  Verwunderung 
äusserte.  II  fait  grand  cas  de  Mr.  de  Browne  et  desire  fort  d'  entretenir  avec  lui 
une  correspondance  reglee  et  exacte  pendant  tous  le  cours  de  1'  entreprise  pro- 
attee.  Cela  ne  pourra  que  nous  etre  d'  une  tres  grand  avantage  your  1'  avan- 
cement  de  nos  affaires.  Le  Credit  de  Mr.  de  Bellisle  augmente  et  nous  savons 
par  r  experience  que  nous  en  avons  faite  qu'  il  ne  laisse  pas  languir  les  choses 
dout  il  se  Charge.  11  est  tres  fort  d'  avis  qu'  il  faudra  temporiser  avec  le  Roi 
de  Prusse  et  eviter  toute  action  decisive,  ce  que  lui  paroit  un  moyen  sur  de 
vaincre  ce  Prince.  Uebev  die  Abwendung  Belleisle's  von  der  preussischen  Partei 
Knyphausen  Pol.  Corr.  X1I[  p.  62. 

2)  J'  ai  ajoute'a  ma  deniande  que  nos  vues  etoient  tournees  principalement 
ou  sur  une  partie  de  la  Lusace,  öu  sur  une  partie  du  haut  Palatinat,  öu  enfin 
sur  le  duche  de  Sultzbach,  a  cause  que  ces  provinces  etant  limitrophes  de  la 
Boheme,  seroient  que  toutes  autres  ä  notre  convenance.  et  que  d'  ailleurs  elles 
appartenoient  ä  des  Princes  qu'  il  seroit  aise  de  dedommager  tres  amplement  aux 
depens  du  Roi  de  Prusse.  Stahremberg  hatte  die  Weisung  erhalten  auch  Crossen, 
zu  fordern;  er  kam  derselben  nicht  nach;  wenn  man  im  Besitze  von  Schlesien 
s-ei,  werde  man  die  Forderung  erheben  können,  schrieb  er  nach  AVien.  Ohnehin 
habe  er  den  Ausdruck  gewählt  , toute  la  Silesie^  und  Ja  Silesie  entiere^  II 
n"  est  pas  propable  que  si  tout  le  reste  reussit  ä  souhait.  on  nous  fasse  de^ 
difficultes  sur  le  seul  objet  (jui  pourroit  en  causer  beancoup  presentement. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  191 

Die  Ausiclit  Lehmann's,  dass  ,  in  den  Bemühungen  der  französischen  Mi- 
nister. Preussen  von  der  Ergreifung  der  Offensive  abzuhalten,  noch  einmal 
das  Bündnis  vom  5.  Juni  1741  nachwirke  und  es  den  Anschein  gewinne, 
als  ob  die  Franzosen  den  preussischen  König  zu  Hilfe  rufen,  um  sich 
des  österreichischen  Versuches  zu  erwehren ",  ist  eine  durchaus  verfehlte. 
Es  lag  unbedingt  im  Interesse  Frankreichs,  einen  Zusammenstoss  zu 
liintertreiben,  ehe  eine  Einigung  mit  Oesterreich  erzielt  wurde. 

Seitdem  man  in  Paris  Kunde  von  den  militärischen  Massnahmen 
erhalten  hatte,  drängten  die  Franzosen  auf  den  Abschluss  des  geheimen 
Vertrags,  Starhemberg  befürwortete  denselben  und  verlangte  die  üeber- 
seudung  eines  Vertragsentwurfes.  Denn  wie  leicht  konnte  Oesterreich 
Schlesien  uud  Glatz  erobert  haben  und  zwar  mit  ünterstützuno-  Frank- 
reichs,  welches  bei  einer  Offensive  Preussens  ein  Heer  zur  Verfüguno- 
stellen musste,  ohne  nach  einem  glücklich  geführten  Krieg  den  Preis 
zu  erhalten  1).  Wenn  die  Vereinbarung  abgeschlossen  sei,  bemerkte 
Starhemberg,  und  beide  Höfe  gleichmässig  interessiert  seien,  die  er- 
warteten Vortheile  durch  einen  Krieg  mit  Preussen  zu  erlauben, 
würde  man  in  Paris  sogar  wünschen,  dass  Friedrich  sobald  möglich 
zum  Angriff'  schreite  -). 

IL 
Seit  dem  Beginne  der  englisch-französischen  Wirren  nahmen  die 
Beziehungen  Oestei-reichs  zu  Russland  in  den  Combinationen  des  Grafen 
Kaunitz  eine  hervorragende  Stelle  ein.     In  einem  Kriege  gegen  Preussen 


')  On  insiste  presentement  plus  que  jamais  sur  la  prompte  redactiou  du  Plan 
de  notrs  traite  secret.  J' entrevois  aisement  le  motif  de  cet  empressement;  c' est 
la  crainte  que  1"  on  a,  que  le  Roi  de  Prusse  ne  vienne  ä  nous  attaqner  avant 
la  conclusion  du  dit  traite.  On  voit  bien  que  1"  on  ne  pourroit  pas  se  dispenser 
en  pareil  cas  de  nous  secourii',  et  meme  tres  efficacement,  nous  le  serions  aussi 
par  la  Russie,  nos  propres  forces  sont  tres  considerables,  on  conclut  donc  de  lii 
qu'  il  est  propable  que  nous  remporterions  1'  avantage  sur  la  Prusse  et  qu'  il 
seroit  tres  possible,  que  nous  lui  enlevassions  la  Silesie  et  le  Comte  de  Glatz, 
et  parvinsions  ä  notre  but  de  1'  affaiblir  de  toute  part,  sans  pour  cela  nou? 
fussions  obliges  de  la  cession  des  Paysbas.  Je  sais  qu'  il  y  a  dans  le  conseil  des 
gens,  qui  nous  soup^onnent  de  desirer  nousmemes  que  la  negociation  secrette 
ne  se  termine  pas  de  sitot  et  que  le  Roi  de  Prusse  vienne  nous  attaquer  avant 
la  conclusion  da  traite.  —  —  L'  Abbe  de  Bernis  paroit,  oü  veut  au  moins  pa- 
roitre,  ne  pas  penser  de  meme ;  mais  il  marque  un  egal  empressement  a  ce  que 
nous  puissions  bientöt  conclure  nos  arrangements  secrets. 

-)  Si  au  contraire  nos  arrangemens  se  trouvent  une  fois  conclues,  les  deux 
Cours  egalement  interessees,  ä  obtenir  promptement  les  avantages  qu'  elles  atten- 
dent  d'  une  guerre  contre  le  Roi  de  Prusse  bien  loin  de  craindre,  qu'  il  nous 
attaquät  le  premier,  auroient  bien  plustot  ä  desirer  1'  une  et  1'  autre  qu'  il  prit 
ce  parti,  et  qu'  il  le  prit  au  plustöt.     Starhemberg  29.  Aug.  1756. 


122  Adolt  Beer. 

konnte  England  nur  durch  Geldmittel  an  Eusslaud  uud  an  die  kleinereu 
deutschen  Staaten  Unterstützung  gewähren,  während  auf  die  Mitwirkung 
eines  russischen  Heeres  unbedingt  "gerechnet  werden  musste.  Aber 
im  Frühjahre  1755  wähnte  man  ernstlich  zweifeln  zu  sollen,  ob  in 
Petersburg  noch  die  bisherige  feindliche  Stimmung  gegen  Preussen 
obwalte.  Das  Verhältnis  Eszterhazy's  zu  dem  russischen  Kanzler  Be- 
stuschew  war  ein  getrübtes,  der  Yicekanzler  Woronzow  war,  wie  man 
in  Wien  annehmen  zu  müssen  glaubte,  preussisch  gesinnt.  Die  Ent- 
sendung des  Grafeu  Ludwig  Zinzendorf  nach  Petersburg,  um  volle 
Klarheit  über  die  Sachlage  zu  gewinnen,  erfolgte.  Die  von  demselben 
nach  Wien  gesandten  Depeschen  imd  in  erster  Linie  ein  ausführliches 
Memoire  „sur  la  Kussie",  worin  er  nach  seiner  Eückkehr  seine  Ein- 
drücke und  Erfahrungen  zusammenfasste,  sind  bisher  nicht  veröffent- 
licht worden.  Sie  gewähren  eine  genaue  Kenntnis  über  den  Charakter 
der  massgebenden  politischen  Personen  und  festigten  in  Wien  die 
üeberzeugung,  dass  man  auf  Russlands  Kreise  rechnen  könne  uud 
zwar  auch  auf  Woronzow  und  seine  Partei,  was  um  so  wertvoller 
erscheinen  musste,  als  der  Einfluss  Bestuschew's  bei  der  Czariu  im 
Sinken  war,  während  Woronzow  die  Gunst  derselben  besass.  Es  ist 
Zinzendort's  Verdienst,  den  Vieekauzler  dauernd  für  Oesterreich  ge- 
wonnen und  während  seiner  Anwesenheit  in  Petersburg  den  Abschluss 
des  russisch-englischen  Vertrages  vom  30.  Dezember  1755  gefördert 
zu  haben  ^).  Dem  Einflüsse  Woronzow's  ist  es  bekanntlich  in  erster 
Linie  zuzuschreiben,  dass  am  1.  Februar  1756  die  geheime  Deelaration 
an  Williams  übergeben  wurde,  welche  ausdrücklich  besagte,  dass  die 
russischen  Truppen  nur  im  Falle  eines  Angriffes  des  Königs  von 
Preussen  gegen  England  oder  dessen  Bundesgenossen  zur  Verfügung 
gestellt  werden  sollen  -). 

Die  Weisung  vom  13.  März  1756,  die  Czarin  zu  fragen,  ob  Kuss- 
land einen  österreichischen  Angriff  gegen  Preussen  unterstützen  wolle 
und  wann  noch  in  diesem  Jahre  die  Operation  begonnen  werden 
könnte,  erklärt  sich  durch  den  Stand  der  Verhandlungen  mit  Frank- 
reich, da  damals  die  Aussicht  vorhanden  war,  auf  Grund  der  im  August 
des  Vorjahres  gemachten  Anträge  eine  Einigung  zu  erzielen,  und  durch 
eine   Anfrage    des    russischen    Ministeriums  '^).      Zwischen    Bernis    und 

'I  Die  politische  Correspondeiis  erwähnt  der  Sendung  nach  Petersburg  und 
Stockholm  XII.  339. 

-)  Martens,  Recueil  des  traites  et  Conventions  T.  IX  traites  avec  L"  Angleterre 
p.  175  fg. 

^)  Der  Depesche  Eszterhazj's  vom  25.  Februar  1756  liegt  folgende  Note  des 
russischen  Ministeriums  bei :  Les  circonstauces  du  temps  devenant  tous  les  jours 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  ]^23 

Starhemberg  fand  über  die  Mitwirkung  Russlands  und  über  den  Zeit- 
punkt des  Augriffes  gegen  Preussen  ein  Gedankenaustausch  statt. 
Wohl  lehnte  Frankreich  eine  militärische  Unterstützung  ab,  aber  man 
erörterte  den  Plan;  dass  es  in  Hannover  einfallen,  während  Oesterreich 
gleichzeitig  mit  Preussen  anbinden  sollte.  In  Wien  fand  man  den 
Gedanken  trefflich,  aber  man  konnte  sich  über  die  Durchführuug  einiger 
Zweifel  nicht  erwehren;  denn  dass  Russland  zu  werkthätigen  Mass- 
nahmen gegen  Preussen  zu  vermögen  sein  werde,  konnte  mit  Walir- 
hcheiulichkeit  angenommen  werden,  wenn  aber  die  Auswechslung  der 
Ratification  des  mit  England  geschlossenen  Vertrages  erfolgt  war, 
wol-über  man  Anfangs  März  nicht  unterrichtet  war,  und  ein  Gesinnungs- 
wechsel an  der  Newa  eintrat,  mus»te  Russland  England  unterstützen. 
Avenn  Frankreich  in  Hannover  einen  Einfall  machte.  Solans-e  von 
Russland  keine  zuverlässige  Erklärung  erfolgt,  lautet  die  Weisung  vom 
6.  März  1756  an  Starheml^erg,  sei  es  nicht  möglich  zu  bestimmen, 
ob  schon  in  diesem  Jahre  vorzugehen  sei.  Oesterreich  hatte  die  feind- 
seligen Gesinnungen  unermüdlich  genährt,  auf  Russlands  auswärtige 
Politik  Einfluss  zu  nehmen  gesucht,  fortwährend  gemahnt,  sich  in 
keinerlei  Verwiklungen  einzulassen  und  alle  Kräfte  zusammenzuhalten 
gegen  den  gemeinsamen  gefährlichsten  Feind:  begreiflich  genug,  dass 
man  an  der  Newa  durch  die  österreichische  Anfrage  den  Zeitpunkt 
lür  einen  Angriff  gegen  Preussen  gekommen  wäbnte.  Die  Antwort 
war  daher  eine  willfährige.  Im  April  waren  die  kriegerischen  Mass- 
nahmen in  der  russischen    Hauptstadt  Tagesgespräch  i).     Aber  gleich- 

plus  critiques  par  la  Guerre,  qui  semble  etre  comme  inevitable  entre  V  Angie- 
ten-e  et  la  France,  Sa  Maj.'»-"  Imp'«'  si  bieu  par  ses  engagemens,  que  par  1'  Interet, 
qu"  Elle  prend  au  Bien  et  ä  la  Surete  des  Ses  Allies  se  trouve  tres  portee  a  les 
secourir  vigoureusement,  et  c"  est  pour  y  etre  plus  prete,  qu'  Elle  a  ordonne  ä 
son  Ministere,  de  prier  S.  E.  Mons.''  1'  Ambassadeur  de  vouloir  bien  s'  expliquer 
clairement  et  par  ecrit,  sur  les  Sentimens  et  mesures  de  sa  Cour  sur  le  Gas 
d'  une  Guerre,  qui  surviendroit  In  Europe,  et  principalement  et  nommement  sur 
celui :  si  le  Roi  de  Prusse  1'  eut  commence,  ou  qu'  il  y  fut  mele  seulement,  c"  est 
ä  dire,  que  si  le  Roi  de  Prusse  attaque  quelqu'  un  des  Allies  Communs,  alors  avec 
quelles  tbrces  ils  pensent  a  s'  y  opposei-,  tout  egalement,  que  s'  Ils  jugeront  ä 
propos  de  1'  attaquer  a  Son  tour,  avec  quels  ott'erts  ils  Se  proposent  de  1'  ett'ectuer. 

Sa  Maj.te  Imperiale  etant  egalement  resolue  de  les  seconder  vigoureusement 
S.  E.  Mons.  r  Ambassadeur  jugera  de  Lui  meme,  combien  il  est  de  1'  Interet  de 
Sa  Cour,  de  donner  sur  ce  qu'  est  dessus  de  tels  eclaircissemens  que  demande 
une  affaire  de  cette  importance. 

')  Vorläufig,  bis  ein  förmliches  Projekt  von  Seite  Oesterreichs  vorliegen 
werde,  erklärte  sich  Russland  entschlossen,  1.  Um  Riga  in  Curland  und 
längs  der  Düna  28  Infanterieregimenter  zu  formieren,  daher  73.132  Mann 
aufzustellen.  2.  Von  Smolensk  gegen  die  Ukraine  drei  Corps  aufzustellen, 
im    Ganzen    111.563   Mann.     3,    Um  Pleskow    5  Cürassier-    und    4  Hussarenregi- 


124  Ado]  f  Beer. 

zeitig  hatten  die  Verhandlungen  mit  Frankreich  die  Wendung  genommen, 
dass  vorläufig  bloss  der  Defensiv- Vertrag  abgeschlossen  werden  sollte, 
die  Durchführung  des  grossen  Planes  um  so  mehr  auf  das  nächste 
Jahr  vertagt  werden  muoste.  In  Eussland  wurde  es  nicht  als  De- 
müthigung  empfunden,  dass  Eszterhaz}^  am  22.  Mai  1756  den  Auf- 
trag erhalten  hatte,  die  russischen  Kreise  von  dem  Inhalte  der  mit 
Frankreich  abgeschlossenen  Verträge  und  der  geheimen  Artikel  in 
Kenntnis  zu  setzen  und  dieselben  aufzufordern,  die  seit  Jahren  ab- 
gebrochenen Beziehungen  mit  Frankreich  aufzunehmen,  um  daselbst 
gemeinschaftlich  mit  Oesterreich  gegen  Preusseu  zur  Beförderung 
der  grossen  Absichten  thätig  zu  sein,  den  Beginn  des  Kampfes 
aber  zu  vertagen.  Hatte  doch  Russland  nur  für  den  Fall  zu  den 
Waffen  greifen  zw  wollen  erklärt,  wenn  auch  Oesterreich  sein  Heer 
mobil  mache. 

III. 
Die  französischen  Irrungen  jenseits  des  Oceans  beschäftigten  die 
Aufmerksamkeit  des  Königs  in  ähnlicher  Weise  wie  den  österreichischen 
Staatsmann,  allein  während  Kaunitz  auch  die  Eventualität  in  Betracht 
zog,  um  vielleicht  die  Aufnahme  und  Durchführung  längst  genährter 
politischer  Pläne  zu  ermöglichen,  wünschte  Friedrich  eine  Begleichung 
der  Differenzen  zwischen  Frankreich  und  England,  aber  mit  klarem 
Blicke  erkannte  er  schon  in  den  ersten  Stadien  des  Conflictes  die 
Rückwirkung  auf  die  europäischen  Verhältnisse.  Die  Furcht  vor  einem 
allgemeinen  Kriege  liess  ihn  alle  erdenklichen  Mittel  ersinnen,  dem- 
selben vorzubeugen.  Die  Schritte  Englands  in  Wien  und  in  Petersburg, 
namentlich  auch  die  Sendung  Williams  bestärkten  ihn  in  seiner  Ansicht. 
Xur  über  den  Beginn  des  allgemeinen  Krieges  war  er  im  Zweifel. 
Da  England  ohne  Mitwirkung  Oesterreichs  in  Europa  nicht  im  Staude 
war.  den  Krieg  zu  beginnen,  so  war  wenigstens  für  die  nächste  Zeit 
nichts  zu  befürchten,  da  die  inneren  Verhältnisse  des  österreichischen 
Staates  nach  den  Berichten  seines  Vertreters  in  W^ien  die  Regierung 
voll  in  Anspruch  nahmen. 

mentev,  ferner  4500  Mann  leichte  Cavallerie  und  einige  Dragonerregimenter  zu- 
sammenzuziehen. 4.  Bei  Keval  nahezu  8000  zur  Einschiffung  in  Bereitschaft  zu 
halten.  5.  In  Curland  10.510  Mann  als  Reservecorps  aufzustellen.  6.  Bei  allen 
Truppen  befinde  sich  eine  sehr  ansehnliche  Anzahl  der  Feld-  und  schweren  Ar- 
tillerie ;  alles  sei  in  einem  nicht  nur  zum  Marsch,  sondern  auch  zu  Kriegs- 
operationen fertigen  Stand,  dass  man  gleich  nach  dem  zwischen  beiden  kaiser- 
lichen Höfen  zu  erfolgenden  Concert  den  König  von  Preussen  zu  Land  und  zu 
Wasser  angreifen  kann.  7.  Die  ganze  Flotte  werde  der  Art  ausgerüstet  sein,  um 
die  preussischen  Küsten  beunruhigen  und  die  Festungen  bombardieren  und  blo- 
quiereu  z\i  können.    Kszterhazy  am  22.  April    1756.     .  . 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  )95 

Gerade  die  Furcht  vor  einem  all<?emeiueu  Kriesfe  reifte  den  Plan, 
mit  England,  welches  sich  ihm  durch  den  Herzog  von  ßrauuschweig 
genähert  hatte,  den  Westminster- Vertrag  abzuschliessen.  Schon  Zeit- 
genossen haben  den  leitenden  (iesichtspunkt  Friedrichs  richtig beurtheilt  ^). 
In  Paris  schien  man  lauge  Zeit  geneigt,  diesen  Schritt  nicht  als 
einen  Absprung  von  der  bisherigen  Allianz  aufzufassen.  Selbst  die 
grössten  Bewunderer  Friedrichs  werden  jedoch  zugestehen  müssen,  dass 
die  Berechnungen  des  Königs  unrichtig  waren.  Wenn  Naude  behauptet, 
dass  es  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres  1756  den  Anschein  gewann, 
„als  sei  Preussens  Macht  und  Einfluss  ausserordentlich  verstärkt  worden, 
indem  die  von  allen  Seiten  es  umschliessende  Vereinigung  Englands. 
Oesterreichs,  Russlands  und  Sachsens  sich  zu  lösen  begann,  und  der 
König  eine  Zeit  lang  sich  in  der  Doppelstellung  zwischen  Frankreich 
und  England  zu  erhalten  verstand",  so  lässt  sich  hierfür  schwerlich 
ein  Beweis  erbringen.  Die  ,, Siegeszuversicht",  welche  aus  dem  Schreiben 
vom  19.  Februar  1756  an  den  Prinzen  von  Preussen  hervorleuchten 
soll,  stützt  sich  auf  die  Nachricht,  dass  man  in  Wien  ungemein  bestürzt 
sei,  was  mit  den  Thatsachen  nicht  übereinstimmt.  Schon  die  erste 
Kunde  von  den  zwischen  England  und  Preussen  angeknüpften  Ver- 
handlungen steigerte  an  der  Donau  die  Hoffnung,  dass  es  nunmehr 
gelingen  könne,  die  Pariser  Kreise  für  Oesterreichs  Pläne  günstig  zu 
stimmen.  Die  Annahme  Friedrichs,  dass  England  eine  Lockerung  der 
russisch- österreichischen  Beziehungen  werde  bewerkstelligen  können, 
war  auch  eine  falsche,  da  mau  an  der  Newa  den  Augenblick  nicht 
ei-warten  konnte,  gegen  Preussen  loszuschlagen  und  einige  Tage  nach 
der  Ratification  des  Vertrags  mit  England  eine  hierauf  bezügliche 
Anfrasre  nach  Wien  richtete.  Von  den  Stimmungen  und  Strömungen 
in  der    russischen    Hauptstadt    hatte    Friedrich    keine    genaue   Kunde. 


')  Als  Starhemberg  von  dem  Abschlüsse  des  Westmünstervertrages  Kenntnis 
erhielt,  schrieb  er  nach  Wien :  Dieu  veuille  que  ceta  se  confirme.  (P.  S.  vom 
22.  Januar  1756).  Am  7.  Februar  1756  meldete  er:  Ces  ministres  (Rouille  und 
de  Sechelles)  me  dirent  ensuite  que  c'  etoit  apparement  la  crainte  des  trouppes 
Russiennes  qui  avoit  engage  le  Roi  de  Prusse  a  la  demarche  qu'  il  avoit  de  faire, 
que  quoique  on  eut  ici  tout  Heu  d'  etre  mecontent  de  la  fapon  on  n'  avoit  nean- 
moins  pas  grand  sujet  de  s'  inquieter  pour  le  fond  de  la  chose,  qu'  il  n'  etoit 
guerre  possible  que  cette  nouvelle  liaison  put  subsister,  qu'  on  ne  voj'oit  pas 
r  avantage  que  le  Roi  de  Prusse  y  trouveroit,  et  que  selon  toute  apparence,  il 
n'  avoit  cherche  qu'  ä  se  niettre  h  V  abri  de  toute  attaque,  du  cote  de  la  Russie 
et  de  la  pavt  de  mon  Cour,  que  neanmoins  la  chose  meritoit  une  attention  se- 
rieuse,  qu'  on  ne  pouvoit  encore  ni  condamner  le  Roi  de  Prusse,  ni  le  justifier, 
mais  que  tout  ce  qu'  on  pouvoit  m'  assurer  c'  etoit  que  1'  on  desiroit  ä  present 
plus  que  jamais,  de  s'  unir  etroitement  avec  ma  Cour  et  qu'  on  attendoit  a  cet 
effet  avec  beaucoup  d'  impatience  les  ordres  que  je  devois  recevoir. 


126  A  cl  0 1  f  ß  e  e  r. 

Die  ehemaligen  Partisane  eines  Bündnisses  mit  Preussen  waren  längst 
abspenstig  geworden  und  in  das  österreichische  Lager  übergegangen, 
nachdem  es  gelungen  war,  dieselben  mit  klingender  Münze  und  glän- 
zenden Versprechungen  für  die  Zukunft  zu  gewinnen.  Friedrich  rech- 
nete auf  die  Geldkraft  Englands,  welches  zögerte,  die  käuflichen  Personen 
voll  zu  befriedigen  und  bloss  den  Kanzler  Bestuschew,  dessen  Autorität 
längst  brüchig  war,  gewann.  Schwerlich  kann  die  Politik  des  Königs 
als  kurzsichtig  bezeichnet,  auch  nicht  getadelt  werden,  dass  sie  argwöhnisch 
war,  aber  sie  war  leichtgläubig  und  überstürzend.  Den  aus  zweiter 
Quelle  einlaufenden  Berichten  schenkte  er  vollen  Glauben,  was  jedoch 
insoferne  erklärlich  ist,  als  seine  Vertreter  in  Wien  die  unrichtigsten  An- 
gaben über  die  Absichten  des  Wiener  Hofes  seit  Jahren  nach  Berlin  sandten, 
von  Rüstungen  und  Befestigungen  meldeten,  die  nur  gegen  den  Nach- 
barstaat gerichtet  sein  konnten.  Nicht  minder  war  es  eine  Täuschung, 
wenn  er  infolge  der  bisherigen  Gegnerschaft  zwischen  Habsburg  und 
Bourbon  eine  Verbindung  derselben  für  nicht  wahrscheinlich  hielt. 

Am  30.  Januar  1756  berichtete  Knyphausen  zum  ersten  Male 
von  lang  andauernden  Conferenzen  zwischen  Starhemberg  und  Rouille. 
Friedrich  hält  es  am  wahrscheinlichsten,  dass  ein  Neutralitätsvertrasr 
hinsichtlich  der  Niederlande  oder  eine  Vereinbarung  geplant  werde, 
dass  Oesterreich  sich  einer  französischen  Demonstration  gegen  Hannover 
nicht  widersetzen  werde.  Die  Initiative  ging  seiner  Ansicht  nach  von 
Frankreich  aus  und  werde  in  Wien  keinen  Anklang  finden,  üeber 
die  in  Paris  seit  einem  halben  Jahre  geführten  Verhandlungen  war 
das  tiefste  Geheimnis  gewahrt  worden.  Nach  allen  Richtungen  gingen 
am  10.  Februar  1756  die  Weisungen  des  Köuigs,  den  Dingen  auf  den 
Grund  zu  kommen.  Die  Sachlage  erschien  ihm  bei  näherer  üeber- 
legung  doch  gefahrdrohend,  aber  er  hoffte  über  das  Jahr  1756  hinaus- 
zukommen, um  mittlerweile  alle  Vorkehrungen  treffen  zu  können  ^). 
Unaufhörlich  iDCschäftigen  ihn  die  Beziehungen  zwischen  Oesterreich 
und  Frankreich,  er  hält  auch  eine  Abrede  für  möglich,  dass  sich 
Frankreich  in  eineu  gegen  ihn  gerichteten  Krieg  Oesterreichs  nicht 
mischen  werde  -). 

Sein  Blick  ist  nach  Petersburg  gerichtet.  Als  Mitchell  am  14.  Juli 
die  erste  Audienz  hatte,  sagte  Friedrich:  Der  Friede  werde  im  laufenden 
Jahre  erhalten  bleiben;  er  wolle  mit  seinem  Kopfe  dafür  haften,  be- 
merkte er,  als  Mitchell  in  ihn  drang,  einen  Plan  zu  entwerfen.  Aber 
seid  ihr  der  Russen  sicher?    Mitchell  bejahte.     So  lange  England  auf 


1)  12.  Februar  1756,  Band  XIII,  S.  105. 

2)  14.  Februar  1756,  Band  XIII,  S.  107. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  197 

die  Politik  des  russischen  Cabinets  massgebenden  Einfluss  ausübte, 
schien  keine  Gefahr  für  die  Erhaltung  des  Friedens  vorhanden.  Die 
Mittheilungen  des  englischen  Gesandten  lauteten  befriedigend.  Bestu- 
schew  und  die  Mehrheit  des  Conseils  hielten  au  der  Verbinduno-  mit 
England  fest,  und  Williams  gab  sich  der  Hoffnung  hin,  dass  es  ge- 
lingen würde,  trotz  der  Gegenwirkung  Oesterreichs  Russland  festzu- 
halten und  eiue  Verständigung  mit  Preussen  anzubahnen.  Friedrich 
musste  daher  infolge  dieser  Mittheilung  wähnen,  dass  die  Truppen- 
ansammlungen, über  die  er  Kunde  erhielt,  nur  auf  (jrund  des  zwischen 
England  und  Eussland  abgeschlossenen  Vertrages  erfolgten.  Sein 
lebhafter  Vi^unsch  war  nur,  dass  England  ein  wachsames  Auge  auf 
Petersburg  habe,  da  er  von  der  Sendung  des  französischen  Emmissärs 
Douglas  unterrichtet  war  1).  Immer  mehr  wurde  er  in  seiner  Auf- 
fassung der  Sachlage  bestärkt,  dass  im  laufenden  Jahre  keine  Kriegs- 
gefahr drohe.  Knyphausen  berichtet  über  die  friedlichen  Strömungen 
in  Paris,  Friedrich  wendet  sich  nach  London,  die  günstige  Gelegenheit 
zur  Begleichung  der  Differenzen  zu  nutzen.  Nur  die  begonnene  Chipo- 
tage  Frankreichs  in  Petersburg  ist  ihm  unerklärlich,  obgleich  er  daran 
zweifelt,  dass  eine  Allianz  geplant  werde  ^). 

Dringender  wurde  die  Aufforderung  an  das  englische  Cabinet, 
den  Anschluss  Eusslands  an  Oesterreich  und  Frankreich  zu  hinter- 
treiben, als  er  aus  dem  Haag  Berichte  erhielt,  über  die  oftmaligen 
Zusammenkünfte  der  Vertreter  Frankreichs  und  Eusslands.  Nun  schien 
es  ihm  klar,  aus  welchem  Grunde  Oesterreich  an  England  eine  solche 
allgemeine  und  ironische  Antwort  gegeben  hatte  und  die  bereits  im 
Mai  abgeschlossene  Convention  mit  Frankreich  nicht  veröffentlichte; 
es  wolle  erst  abwarten,  meinte  er.  bis  Eussland  mit  Frankreich  einig 
sei  3).  Wenn  es  aber  England  nicht  gelang,  die  Bestrebungen  Frank- 
reichs und  Oesterreichs  an  der  Newa  zu  hintertreiben,  dann  mussten 
Massuahmen  ergriffen  werden,  der  drohenden  Gefahr  zu  begegnen,  und 
zwar  die  Pforte  zu  gewinnen,  gegen  die  Kaiserhöfe  eine  Erklärung  zu 
erlassen  oder  ihnen  den  Krieg  zu  erklären.  Gelang  es  England,  in 
Petersburg  festen  Boden  zu  gewinnen,  so  war  in  Deutschland  nichts 
zu  befürchten  *). 

')  25.  Mai  1756. 
,   2)  An  Knyphausen  5.  Juni    1756,    an   den    Herzog    von    Braunschweig   vom 
selben  Tage. 

*)  Der  Neutralitäts-  und  Defensivvertrag  wurde  den  Gesandten  am  Wiener 
Hofe  am  11.  Juni  1756  mitgetheilt,  nachdem  Starhemberg  am  30.  Mai  gemeldet 
hatte,  dass  die  Ratification  am  28.  erfolgt  sei. 

*)  An  Finkenstein  am  7.  Juni  mit  der  Bemerkung :  le  meilleur  de  tous  les 
partis  seroit  celui  de  la  paix.     An  Mitchell  8.  Juni  1756. 


228  Adolf  Beer. 

Die  feste  Zuversieht  des  englischen  Ministeriums  auf  seinen  Ein- 
fluss  in  Petersburg  erwies  sich  als  nichtig.  Die  Anzeichen  mehrten 
sich,  dass  Oesterreich  den  Sieg  davon  tragen  werde  und  auf  den 
Kanzler  Bestuschew,  der  England  das  Wort  redete,  auf  die  Dauer 
nicht  zu  rechnen  sei.  Der  Verdacht  Friedrichs  steigerte  sich,  als 
Mitchell  dem  Grafen  Finkenstein  kein  Hehl  machte,  dass  er  die  Ver- 
hältnisse in  Petersburg  nicht  günstig  beurtheile  und  annehmen  zu 
müssen  glaube,  dass  WiUiams  Schifibruch  gelitten  habe.  Ein  englischer 
Courier,  der  aus  Russland  kam,  meldet  von  Truppenausammlungen 
zwischen  Narwa,  ßiga  und  Mitau  und  von  in  Petersburg  umlaufenden 
Gerüchten,  dass  Eussland  im  Vereine  mit  Oesterreich  den  König  an- 
greifen werde  i).  Diese  Mittheilungen  machten  auf  Friedrich  grossen 
Eindruck.  Tags  darauf  erlässt  er  die  ersten  Weisungen  an  Schlabern- 
dorf,  dass  er  bei  den  jetzigen  kritischen  Umständen  von  Europa,  da 
die  Gefahr  eines  ausbrechenden  grossen  Kriegsfeuers  fast  überall 
gegenwärtig  und  vorhanden  sei,  sich  genöthigt  sehe,  sich  in  eine 
Positur  zur  Deckung  seines  Landes  gegen  alle  feindlichen  Anfälle  zu 
setzen  -). 

Hatte  der  Rückzug  der  Russen  den  König  beruhigt,  so  mussten 
die  Nachrichten  aus  Wien  seine  Aufmerksamkeit  erregen,  dass  Oester- 
reich allein  einen  Kampf  wagen  wolle.  Schlaberudorf  meldete  von 
österreichischen  Rüstungen.  Sein  Gesandter  an  der  Donau  hatte  in 
den  letzten  Jahren  wiederholt  von  militärischen  Massnahmen  berichtet, 
gut  unterrichtet  war  er,  wie  wir  nunmehr  wissen,  nicht.  Klinggräfen 
hat  zur  Verschärfung  des  Gegensatzes  zwischen  den  beiden  Nachbar- 
staaten ungemein  beigetragen  und  eine  richtige  Beurtheilung  der  an 
den  beiden  Höfen  herrschenden  politischen  Absichten  nicht  aufkommen 
lassen.  Wollte  man  den  von  ihm  erstatteten  Berichten  Glauben 
schenken,  dann  war  Krieg  gegen  Preussen  seit  dem  Aachner  Frieden 
der  herrschende  Gedanke  in  Wien.  Die  langjährigen ,  resultatlosen 
Verhandlungen  über  die  Durchführung  des  Dresdner  Vertrages  über 
den  Handel  und  die  schlesische  Schuld,  hatten  ohnehin  dazu  beige- 
tragen, freundliche  Beziehungen  nicht  aufkommen  zu  lassen.  Am 
26.  Juni  1756  hiess  es  nun  in  einem  Berichte  Klinggräfens,  Alles  ge- 
winne den  Anschein  eines  Krieges  nur  wolle  mau  den  König  als 
Angreifer  hinstellen ;  gleichzeitig  bemerkte  er,  man  könne  nicht  klar 
seheu,  woher  die  Mittel  kommen,  und  meinte,  dass  Spanien  das  Geld 
vorschiessen    werde.     Der   Vertreter    Preussens    hatte    wahrscheinlich 


1)  Finkensteins  Bericht  18.  Juni  1756  Pol.  Corr.  XH.  426. 

2)  19.  Juni  XII.  432  fg. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756. 


129 


Kunde  erhalten,  dass  man  an  der  österreichisch-ungarischen  Grenze 
zwei  Cavallerielager  zusammenzuziehen  beabsichtige  und  daran  seine 
Combinationen  geknüpft  ^).  Friedrich  beurtheilte  die  Sachlage  anders 
als  sein  Vertreter.  Man  habe  sich,  heisst  es  in  einer  Weisuno-  an 
Kliuggräfen,  mit  Kriegsvorbereitungen  übereilt;  dieselben  bekunden 
nur  die  bösen  Absichten  des  Hofes,  und  es  gewinne  den  Anschein 
dass  die  Parteien  noch  nicht  eng  miteinander  verbunden  seien.  Ich' 
habe  Truppenbewegungen  ausführen  lassen;  wenn  die  Oesterreicher 
sich  mit  einem  Kriege  tragen,  Avird  man  ihnen  Geburtshülfe  leisten; 
wenn  sie  sich  übereilt  haben  mit  ihren  Demonstrationen,  werden  sie 
die  Schwerter  rasch  in  die  Scheide  stecken.  An  demselben  Tao-e,  am 
6.  Juli  1756,  erhielt  Klinggräfen  die  Mittheilung,  dass  der  König  drei 
bis  vier  Eegimenter  die  Garnisonen  habe  wechseln  lassen,  Puebla  habe 
darüber  seinem  Hofe  berichtet  und  wahrscheinlich  die  Thatsachen  über- 
trieben, er  habe  zu  erfahren,  welche  Eindrücke  die  Depesche  des  öster- 
reichischen Gesandten  hervorgerufen  habe,  und  ob  man  bereits  in 
Böhmen  und  Mähren  die  militärischen  Massnahmen  vermehre. 

Die  .Geburtshilfe"  Friedrichs  hatte  in  Wien  den  ErfoW. 
dass  man  nunmehr  Truppen  nach  Böhmen  sandte.  Dies  geschah  un- 
mittelbar nach  dem  Einlangen  der  Puebla'schen  Berichte.  Dass  man 
in  Wien  in  die  Nachrichten  keinen  Zweifel  setzte,  ist  schon  daraus 
leicht  erklärlich,  dass  man  auch  aus  Dresden  von  Lagern  berichtete, 
welche  der  König  angeordnet  habe  und  zwar  in  Schlesien,  Magdeburg 
und  Pommern.  Die  Eückberufung  preussischer  Militärs  aus  Karlsbad 
zu  einer  Zeit,  als  Friedrich  sich  am  Vorabende  eines  Krieges  mit 
Eussland  wähnte,  wurde  in  diesem  Sinne  gedeutet. 

Wir  sind  gegenwärtig  wohl  in  der  Lage,  die  Berichte,  welche 
dem  König  in  den  ersten  zwei  Juli -Wochen  zugiengen,  auf  ihre  Rich- 
tigkeit zu  prüfen.  Ob  dieselben  dem  Sachverhalte  entsprechen,  konnte 
Friedrich  natürlich  nicht  ermessen.  Er  nahm  auf  Treu  und  Glauben 
an,  was  ihm  aus  Wien  und  anderen  Orten  übermittelt  wurde.  Kling- 
gräfen scharrte  alle  Notizen  zusammen,  deren  er  habhaft  werden 
konnte.  In  einem  Schreiben,  dessen  Herkunft,  wie  der  Herausgeber 
des  XIII.  Bandes  der  politischen  Correspondenz  bemerkt,  mit  absoluter 
Sicherheit  nicht  mehr  festzustellen  ist,  wird  die  Anzahl  der  Kanonen 
und  Mörser  ziffermässig  angegeben.    Der  Kaiser,  der  französische  Bot- 


*)  Derartige  jCampement*  hatten  schon  im  April  und  Mai  stattgefunden. 
Weisungen  des  Hofkriegsrath  vom  17.  April  und  6.  Mai ;  über  die  Bedeutung 
der  zwei  Cavalleriecorps  an  der  ungar.-österreich.  Grenze  (Erlässe  des  Hofkriegs- 
raths  vom  1.  und  19.  Juni)  vergl.  Kaunitz  an  Starhemberg  am  18.  Juni  im 
Anhange. 

Jßttheilungen  XVII.  9 


130 


Adolf  Beer. 


schafter,  die  Grafen  Kaunitz  und  Neiperg  dringen  in  die  Kaiserin,  den 
Moment  zu  benutzen,  um  sieh  in  den  Besitz  Schlesiens  zu  setzen. 
Frankreichs  und  Russlands  Mitwirkung  sei  sicher.  Man  wähnt  einen 
Notizenschreiber  zu  lesen,  der  aber  von  den  wirklichen  Verhältnissen 
keine  Kenntnis  hat.  Friedrich  schenkte  jedoch  den  Angaben  vollen 
Glauben,  wie  aus  einem  Briefe  an  den  Prinzen  von  Preussen  er- 
sichtlich, da  er  auch  von  dem  Herzoge  von  Braunschweig  am  12.  Juli 
ein  Schreiben  erhalten  hatte,  worin  von  der  Absicht  Oesterreichs. 
Preussen  anzugreifen,  Meldung  gemacht  wurde. 

Dass  Friedrich  von  der  jedenfalls  eigenartigen  Anfrage  in  Wien 
die  endgültige  Entscheidung  abhängig  machen  wollte,  ob  er  zu  den 
Waffen  greifen  solle,  ist  sicher,  allein  er  zweifelte,  dass  die  Antwort 
günstig  ausfallen  werde,  und  traf  jedenfalls  Vorbereitungen,  um  Oester- 
reich  zuvorzukommen.  Am  18.  Juli  war  die  Weisung  an  Klinggräfen 
abgegangen,  am  20.  und  21.  liefen  zwei  Berichte  des  preussischeu 
Geschäftsträgers  aus  dem  Haag  ein,  welche  bedenkliche  Mittheilungen 
enthielten,  Auszüge  aus  einer  Depesche  des  holländischen  Gesandten 
in  Petersburg,  die  auf  den  König  Eindruck  zu  machen  nicht  verfehlen 
konnten.  Swart  berichtete  nämlich,  die  beiden  Kaiserhöfe  seien  über- 
eingekommen, Preussen  anzugreifen;  Russland  werde  150.000,  Oester- 
reich  80.000  Mann  ins  Feld  stellen,  der  Angriff  sei  auf  das  Früh- 
jahr 1757  verschoben  worden,  die  Ursache  des  Rückzuges  der  russi- 
schen Regimenter  liege  darin,  dass  man  die  durch  Desertion  und 
Krankheit  hervorgerufenen  Lücken  ausfüllen  wolle ;  Oesterreich  bedürfe 
einiger  Monate,  um  die  Ausrüstung  zu  vervollkommnen,  die  Kaiserhöfe 
seien  nicht  allein  zum  Angriffe  entschlossen,  auch  das  Bündnis  zwischen 
Russland  und  Frankreich  sei  gesichert.  Der  Holländer  fügte  auch 
einige  Angaben  über  die  zwischen  dem  Wiener  und  Pariser  Cabinet 
abofeschlossene  Vereinbarung  an.  Die  Schriftstücke  Swarts  sind  vom 
19.  Juni  datiert,  und  damals  hatte  Oesterreich  noch  keine  kriegerischen 
Vorbereitungen  augeordnet.  Mit  Frankreich  war  noch  keine  Verein- 
barung  getroffen,  da  die  Weisungen  au  Starhemberg  am  9.  Juni  ab- 
gegangen, zur  Zeit  der  Abfassung  des  holländischen  Berichts  erst  in 
Paris  eingelaufft  waren.  Die  einzelnen  Punkte  des  üebereinkommens 
zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  entsprachen  dem  Sachverhalte 
ebenfalls  nicht.  Das  ganze  Complot  ist  entdeckt  und  aufgeklärt, 
schrieb  Friedrich  am  22.  Juli  an  seine  Schwester.  Er  habe  alle 
Mysterien  entwirrt,  schrieb  er  an  Klinggräfen.  Die  Berichte  flössen 
aus  so  trefflicher  Quelle,  dass  er  in  die  Richtigkeit  keinen  Zweifel 
setzte.  Der  Krieg  erschien  ihm  unvermeidlich.  Von  der  Antwort  der 
Kaiserin  wollte  er  seine  Handlungsweise  abhängig  machen.     Fiel  die- 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  -[^i 

selbe  UDgünstig  aus,  so  wollte  er  das  Prävenire  spielen,  und  die  in 
den  nächsten  Tagen  von  allen  Seiten  einlaufenden  Berichite  mussten 
ihn  in  seinen  Ansichten  bestärken. 

Auf  die  Antwort  Maria  Theresias  harrte  der  König  mit  be- 
greiflicher Ungeduld.  Da  die  allgemeinen  Angelegenheiten,  so 
lautete  dieselbe,  sich  in  einer  Krisis  befinden,  so  habe  die  Kaiserin 
es  als  zweckmässig  erachtet,  für  ihre  Sicherheit  und  für  die  ihrer 
Alliierten  Massnahmen  zu  ergreifen,  welche  auf  Niemandes  Nachtheil 
abzielen.  Dass  Friedrich  damals  zum  Angriffe  gegen  Oesterreich  ent- 
schlossen war,  wurde  in  Wien  nicht  angenommen.  Die  eigentliche 
Ursache  der  preussischen  Kriegsrüstungen  erschien  zweifellos  durch 
das  Betragen  des  russischen  Hofes  gegen  England  und  durch  den  An- 
marsch russischer  Truppen  nach  Livland  veranlasst.  ,  Seitdem  die 
russische  Kaiserin",  heisst  es  in  dem  Rescript  an  Starhemberg  vom 
24.  Juli  1756,  ,auf  unsere  freundschaftlichen  Vorstellungen  mit  den 
etwas  voreiligen  Kriegsanstalten  innegehalten  und  ihren  Truppen  den 
unerwarteten  Befehl  habe  zufertigen  lassen,  den  Marsch  nicht  weiter 
fortzusetzen,  so  wisse  der  König  von  Preussen  diese  contradictorisch 
erscheinenden  Massnahmen  nicht  zusammenzureimen,  und  es  ist  viele 
Wahrscheinlichkeit  vorhanden,  dass  er  sich  nicht  leicht  durch  offensive 
Operationen  einen  gewissen  Krieg  zuziehen  und  uns  dadurch  in  den 
Stand  setzen  werde,  uns  auf  den  casum  foederis  bei  Frankreich  und 
Russland  wie  auch  bei  den  übrigen  Alliierten  berufen  zu  können "  i). 
Die  Kaiserin  vermied  es  auch,  bei  der  Klinggräfen,  dem  preussischen 
Gesandten  in  Wien,  ertheilten  Audienz  sich  in  irgendeine  Erörterung 
einzulassen  und  die  Gegenfrage  zu  stellen,  gegen  wen  die  Kriegs- 
rüstungen  Preussens  gerichtet  seien.  Denn  man  gieng  von  der  Ueber- 
zeugung  aus,  dass  der  König  keinen  Anstand  genommen  haben  dürfte, 
die  förmliche  Erklärung  abzugeben,  dass  er  nichts  Feindliches  unter- 
nehmen, sondern  seine  Kriegsveranstaltungen  abändern  wolle,  wenn 
von  österreichischer  Seite  das  Gleiche  geschehe  '^).  Auch  dem  Gedanken, 
schon  damals  sich  an  Frankreich  zu  wenden,  um  von  demselben  für 
den  Fall  eines  Kampfes  die  versprochene  Hülfeleistung  anzusuchen, 
glaubte  man  nicht  Folge  geben  zu  sollen,  und  zwar  aus  dem  Grunde, 
weil,  wenn  die  Verhandlungen  über  den  geheimen  Vertrag  mittler- 
weile bereits  zum  Abschlüsse  gekommen  wären,  man  ohnehin  auf  die 
Mitwirkung  Frankreichs  rechnen  konnte,  im  widrigen  Falle  aber  be- 
fürchtet wurde,  dass  sich  Frankreich  an  den  Buchstaben  des  Defensiv- 


•)  Eine  von  Lehmann  nicht  abgedruckte  Stelle  des  Rescripts. 
-)  Rescript  an  Starhemberg,  Schlosshof  11.  August,  bei  Lehmann  S.  122. 

9* 


^32  Adolf  Beer. 

Vertrages  halten  und  zunächst  seine  guten  Dienste  anbieten,  daher  den 
nämlichen  Weg  einschlagen  würde,  welcher  dem  Könige  von  Preussen 
am  allerangeuehmsten  wäre,  da  dieser  nichts  anderes  wüuschen  dürfte, 
als  auf  eine  glorreiche  Art  zur  Sprache  zu  kommen  und  sich  aus  seiner 
dermaligen  Verlegenheit  herauszuziehen  i).  Endlich  war  auch  die  Er- 
wägung massgebend,  dass  selbst  wenn  der  König  das  Versprechen 
geben  würde,  die  Küstungeu  einzustellen,  dies  nichts  Anderes  als  bloss 
den  Aufschub  des  Anmarsches,  wozu  er  dennoch  vorbereitet  verbliebe, 
zur  Folge  hätte  -). 

Man  entschloss  sich,  die  Gelegenheit  zu  nutzen,  um  die  Küstuugen 
weiter  fortzusetzen.  Bis  Anfangs  Juli  hatte  sich  Oesterreich  lediglich 
darauf  beschränkt,  zwei  Cavallerielager  an  der  österreichisch-ungarischen 
Grenze  zusammenzuziehen  ^).  Als  man  in  den  ersten  Tagen  Juli  durch 
die  Berichte  Pueblas  von  preussischen  Kriegsrüstuugeu  Kunde  erhielt, 
auch  einige  intercipierte  Schreiben  des  Königs  in  die  Hände  des 
österreichischen  Cabinets  gekommen  waren,  worin  von  der  Ausrüstung 
einiger  schlesischer  Festungen  gesprochen  ward,  wurde  eine  Commissiou 
zusammengesetzt,  welche  sich  mit  den  Vorkehrungen  gegen  einen 
etwaigen  preussischen  Anfall  beschäftigen  sollte  *). 

')  An  den  Grafen  Starhemberg,  24.  Juli  1756.  Vergl.  den  Bericht  Flemmings 
Pol.  Corr.  XIII.  S.  210. 

'')  Postscript  vom  12.  August  1756  an  Starliemberg. 

3)  Rescript  an  Starhemberg  vom  18.  Juni  im  Anhange. 

■»)  Vergl.  Lehmann.  —  Die  erste  Depesche  Puebla's  ist  vom  26.  Juni  1756 
datiert ;  sie  lautet  folgendermassen :  Tres  eloigne  de  vouloir  donner  des  fausses 
alarmes,  je  sens  bien  qu'  elles  n'  aboutiront  qu'  ä  des  simples  demarcations  que 
le  Roy  fait  pour  complaire  k  V  Angleterre  sur  le  meme  pied  qu'  il  a  fait  souvent 
dans  la  demiere  guerre  en  faveur  de  la  France,  cependant  il  est  certain  que  ce 
Prince  ne  discontinue  point  d'  augmenter  son  armee  la  quelle  il  cherche  ä  porter 
sur  le  pie  de  2ü0"'  hommes  et  on  dit  avec  quelque  probabilite  qu'  entre  ici  et 
le  lei'  d"  Aoüt  il  formera  neuf  nouveaux  Regimens  d'  Infanterie  de  deux  Bataillons 
chacun,  savoir  cinq  en  Prusse  et  quatre  en  Silesie;  cette  augmentation  ä  faire 
a  la  fois  surpasse  presque  1'  imagination,  et  si  eile  a  Heu  et  la  force  qu"  on  dit, 
je  compte  que  les  nouveaux  bataillons  qu'  on  a  formes  et  qu'  on  forme  depuis 
un  an  et  au  delä  y  serout  compris  et  que  1'  ordre  doune  aus  Regimens  d"  etre 
moins  scrupuleux  pour  la  taille  des  Recrues,  vise  ä  en  faciliter  les  levees. 

On  parle  egalement  et  generalement  des  deux  Corps  d'  Observation,  qui 
pendant  cet  ete  encore  doivent  s'  assembler  1'  un  de  50'"  hommes  entre  Francfort 
sur  1*  Odre  et  Breslau,  et  1'  autre  beaucoup  plus  inferieur  au  premier  compose 
de  la  plus  part  des  troupes  qui  sont  en  Westphalen  et  dans  le  Fays  de  Magde. 
bourg  dans  le  voisinage  de  Cleves  ou  de  Minden.  II  est  au  moins  certain,  que 
tous  les  congedies  de  la  Garnison  de  Potsdam  indistinctement  ont  ete  rappeles, 
et  que  les  Regimens  de  celle  de  Berlin  ont  eu  ordre  de  rappeler  les  plus  eloignes ; 
les  conseillers  Provinciaux  ont  eu  ordre  rigoureux  d'  avoir  tous  les  soins  imaginables 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  J3^ 

Am  9.  Juli  wurde  der  Bescbluss  gefasst,  sich  in  eine  «vigouröse* 
Vertheidigung  zu  setzen.  Die  in  Böhmen  und  Mähren  befindlichen 
Truppen  erhielten  den  Befehl,  bestimmte  Lager  zu  beziehen  und  sich 
durch  die  nächstgelegenen  Eegimenter  zu  verstärken  i).  Man  glaubte, 
dass  man  binnen  kurzer  Zeit  dem  König  eine  Armee  von  50.000  Mann 
und  im  Monate  September  von  80.000  bis  90.000  Mann  werde 
entgegenstellen  können.  Die  gesammten  Cavallerieregimenter ,  nach 
dem  Friedensfusse  zu  800  Mann  gerechnet,  waren  an  Maunsehaft 
und  Pferden  ganz  complett,  und  man  beabsichtigte,  dieselben  sobald 
als  möglich  auf  den  Kriegsfuss,  zu  1000  Mann  und  Pferd  gerechnet, 
zu  setzen.  Zum  Ankauf  von  Rimontpferden  waren  bereits  alle  An- 
stalten getroöen.  Im  Falle  der  Noth  beabsichtigie  man  auch  mehrere 
Eegimenter  Infanterie  und  Cavailerie  aus  Siebenbürgen,  dem  Banat 
und  Slavonien,  dann  aus  Italien  ein  Corps  von  10.000  Mann  und  ein 
anderes  aus  den  Niederlanden,  10.000  bis  12.000  Mann,  heranzuziehen, 
wodurch  das  gesammte  zur  Verfügung  stehende  Heer  sich  auf  100.000 
Mann  belaufen  hätte  -). 

chacun  dans  son  district  des  chevaux  d'  Artillerie  et  du  train  des  vivres,  äfin 
qu*  ils  puissent  venir  aux  rendez-vons  marques  aussitot  que  1"  ordre  en  par- 
viendrait. 

Am  selben  Tage  meldete  Paebla  in  einer  Nachschrift,  dass  an  Keith  und 
Schmettau,  sowie  an  andere  Offiziere,  welche  sich  damals  in  Karlsbad  befanden, 
Weisungen  ergangen  seien,  zurückzukehren;  in  einem  chiffrierten  Schreiben  vom 
26.  Juni,  dass  Württemberg  Infanterie  in  6  Tagen  ihren  Marsch  antreten  soll, 
die  ganze  Berliner  Garnison  werde  folgen  und  vereint  mit  den  Truppen  aus 
Pommern  ein  Lager  zwischen  Stettin  und  Danzig  bilden,  um  30.000  Russen  zu 
beobachten,  die  sich  im  Marsche  befinden.  Am  29.  Juni  meldete  Puebla  von 
Gerüchten  in  der  Stadt,  dass  Rüstungen  in  Böhmen  und  Mähren,  sowie  russische 
in  Livland  den  König,  bewegen,  Vorsichtsmassnahmen  zu  treffen,  et  peut-etre 
ä  prevenir  T  une  ou  1'  autre  Puissance  qui  songeroit  ä  le  troubler.  Man  sprach 
auch  von  4  Lagern  zwischen  Frankfurt  a.  d.  Oder,  in  Magdeburg,  Köslin  und 
Minden. 

Auch  in  den  späteren  Berichten  aus  den  ersten  Julitagen  ist  von  Truppen- 
märschen die  Rede,  hervorgerufen  durch  die  gewaltigen  Ansammlungen  in  Böh- 
men und  Mähren.  Je  conviens  avec  toutes  les  personnes  sensees,  heisst  es  in 
der  Sprache  vom  1.  Juli  1756,  qu'  il  n'  y  a  pas  seeuement  un  motif  aparent  pour 
justifier  en  tout  cas  un  coup  aussi  temeraire,  qui  ne  devroit  etre  attribue  qu'  aux 
inquietudes  que  notre  traite  avec  la  France,  et  1"  etroite  intelligence,  qu'  on  suppose 
regner  entre  les  Cours  de  Vienne  et  de  Petersbourg  lui  causent.  Am  17.  Juli 
1756  meldete  Puebla,  Winterfeld  solle  dem  Könige  Vorstellungen  gemacht  haben. 
Friedrich  aber  habe  geantwortet,  er  habe  genaue  Kenntnis,  dass  die  Höfe  von 
Wien,  Versailles  und  Petersburg  eine  Vereinbarung  getroffen  haben,  über  ihn  her- 
zufallen und  Schlesien  zu  nehmen. 

')  10.  Juli  1756  an  Starhemberg;  dass  Tags  zuvor  der  Beschluss  gefasst 
wurde,  entnehme  ich  einer  Weisung  an  Starhemberg  vom  l'j.  Sept.  1756. 

-)  Dem  Originalrescript  an  Starhemberg  vom  24.  Juli  entnommen. 


134  Adolf  Beer. 

Nach  dem  ursprünglichen  Plane  des  Grafen  Kaunitz  war  der  Be- 
ginn des  Kampfes  für  den  März  1756  in  Aussicht  genommen,  aber 
auf  das  nächste  Jahr  vertagt  worden.  Ehe  an  Rüstungen  geschritten 
werden  konnte,  musste  der  geheime  Vertrag  mit  Frankreich  zum  Ab- 
schlüsse gelangt  sein  *),  denn  man  erwartete  von  Frankreich  jedenfalls 
für  die  Durchführung  des  grossen  Planes  die  erforderlichen  Geldmittel. 
Man  berechnete  die  nothwendigen  Summen,  von  dem  Ordinarium  ab- 
gesehen, auf  12  Millionen,  die,  wie  es  in  einer  Zuschrift  au  Starhem- 
berg  heisst,  ohne  Hülfe  nicht  aufgebracht  werden  könnten.  Vier 
Millionen  waren  allerdings  durch  Errichtung  einer  Lotterie  auf- 
genommen worden,  die  für  die  Ausführung  des  Vorschlages  bereit 
gehalten  wurden  ^).  Hierin  liegt  wahrscheinlich  die  Erklärung,  dass 
Starhemberg  bei  den  Verhandlungen  im  Sommer  1756  von  Frankreich 
acht  Millionen  forderte.  Diese  in  Bereitschaft  liegenden  Summen 
standen  nun  zur  Verfügung;  die  Stände  zeigten  grosse  Opferwilligkeit 
und  machten  sich  zur  Aufnahme  von  Anlehen  im  Betrage  von  über 
zehn  Millionen  anheischig.  Die  Ausführung  des  geheimen  Vorschlags 
wurde  damals  nur  dann  beabsichtigt,  wenn  man  „alle  Wahrscheinlich- 
keit eines  glücklichen  Erfolgs  vor  sich  sehen  würde  und  das  zu  ver- 
abredende Concert  dergestalt  beschaffen  fände,  als  es  die  Grösse  der 
Unternehmung  und  die  ansehnliche  Kriegsmacht  des  Königs  erfordern 
würde."  Dieselbe  konnte,  wie  man  in  Wien  annahm,  bis  auf  200.000 
Mann  gebracht  werden,  wovon  der  grösste  Theil  gegen  Oesterreich  und 
nur  ein  Corps  von  50.000  Mann  zur  Verwendung  gegen  Russland  kommen 
wird.  Starhemberg  meldete  im  Juli,  dass  man  in  Paris  den  grossen  Plan 
ernstlich  wolle.  Die  Möglichkeit,  dass  die  Vereinbarung  zu  stände  komme^ 
war  daher  vorhanden  und  in  diesem  Falle  konnte  von  der  Defensive  zur 
Offensive  übergegangen  werden.  Starhemberg  wurde  angewiesen  den 
Franzosen  ins  Gewissen  zu  reden,  die  schöne  und  erwünschte  Gelegenheit 
zu  nützen,  nicht  nur  den  Krieg  gegen  England  ohne  Gefahr  auf  der  Land- 
seite zu  führen,  sondern  sich  auch  wichtige  und  wesentliche  Vortheile  zu 
verschaffen.  Bisher  hatte  man  die  Mitwirkung  französischer  Truppen  bei 
einem  Angriffskriege  gegen  Preussen  als  conditio  sine  qua  gefordert,  nun 
zeigte  man  sich  befriedigt,  falls  Frankreich  eine  vierte  Armee  Dicht  zur 
Verfügung  stellte,  wenn  es  wenigstens  England,  Holland  und  die  protestan- 
tischen Fürsten  von  jeder  Hülfeleistung  abhalten  und  zur  Formierung 
einer  ansehnlichen  dritten  Armee  alles  Erforderliche  beitragen  würde, 
Avas  zur  Ausführung  des  grossen  Vorhabens  unbedingt  nothwendig  sei^). 

')  Vergl.   die  Weisung   vom    22.  Mai  1756   an  Eszterhazy    bei   Scliulenbiug 
a.  a.  0.  S.  37,  wo  aber  der  Wortlaut  nicht  vollständig  wiedergegeben  ist. 
'^)  An  Starhemberg  6.  März  1756. 
3)  An  Starhemberg  24.  Juli  1756. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  135 

Als  Friedrich  die  zweite  Anfrage  an  Maria  Theresia  stellte,  hatte 
man  über  den  Fortgang  der  Verhandlungen  in  Frankreich  noch  keine 
Nachrichten  erhalten.  Man  war  daher  vorläufig  auf  die  eigene  Kraft 
augewiesen,  wenn  Friedrich  die  Feindseligkeiten  eröffnete.  Man  ent- 
schloss  sich  zum  Kampfe ;  ohnehin  musste  es  nach  reiflicher  üeber- 
legung  früher  oder  später  zu  einem  Kriege  mit  Preussen  kommen. 
Gegenwärtig  war  Friedrich  der  Angreifer  und  mau  konnte  daher 
infolge  der  Verträge  mit  Frankreich  und  Kussland  auf  die  versprochene 
Hülfeleistuug  rechnen.  Es  kam  nur  darauf  an,  Zeit  bis  in  den  Winter 
zu  gewinnen.  Im  ärgsten  Falle  musste  man  sich  auf  den  Verlust 
einer  Schlacht  und  eines  grossen  Theiles  des  Königreiches  Böhmen 
gefasst  machen,  allein  man  hoffte,  dass  dies  nur  „temporale  Nach- 
theile *  sein  dürften,  da  bei  eiuem  künftigen  Frieden  allem  Vermuthen 
nach  kein  Länderverlust  zu  besorgen  sei,  wogegen,  wenn  Schlesien 
wieder  erobert  würde,  der  gefährlichste  Feind  geschwächt,  der  Ruhe- 
stand uud  die  Wohlfahrt  des  Erzhauses  befestigt  sein  würde  und  mit 
aller  Wahrscheinlichkeit  gehofft  werden  könnte,  folglich  ein  zeitweiliger 
Schaden  gegen  einen  immerwährenden  uud  unschätzbaren  Vortheil  in 
die  Wagschale  zu  legen  sei  i). 

Bei  dem  an  Klinggrafen  ertheilten  zweiten  Memoire  hatte  man 
,zwei  wichtige  Objecte  sorgfältig  vor  Augen",  entweder  den  König 
,  zum  Angressor  zu  macheu  *  und  sich  die  Hülfe  Russlauds  und  Frank- 
reichs zu  sichern,  oder  für  den  Fall,  wenn  Preussen  in  diesem  Jahre 
ruhig  bleibe,  wegen  der  künftigen  mit  Russland  und  Frankreich  zu 
concertierenden  Massnahmen  freie  Hände  zu  behalten.  Zugleich  sollte 
vermieden  werden,  „  Ihrer  Majestät  allerhöchstes  Werk  keinem  Vorwurfe 
einer  Unwahrheit  auszusetzen ",  deun  in  der  ersten  an  Klinggräfen  gege- 
benen Antwort  konnte  mit  Wahrheit  versichert  werden,  dass  die  Kriegs- 
anstalten nur  auf  die  eigene  und  der  Alliierten  Sicherheit  und  keines- 
wegs „auf  Jemands  Präjudiz''  abzielen.  Nicht  weniger  richtig  war  es. 
dass  zwischen  üesterreich  und  Russland  noch  kein  Offensivbündnis 
bestehe.  Was  für  das  künftige  zu  geschehen  habe,  kounte  mit  Still- 
schweigen übergangen  werden,  ohne  von  der  Wahrheit  abzugehen. 
„Allein  dies  sei  der  Hauptzweck,  den  der  König  von  Preussen  habe 
wissen  wollen  und  da  er  diesfalls  keine  Versicherung  erhalten,  so 
stehe  fast  nicht  zu  zweifeln,  dass  er  innerhalb  wenigen  Tagen  zu  den 
Waffen  greifen  werde  und  einen  grossen  Vortheil  haben  werde"  -). 


>)  An  Starhemberg  22.  August  1756.    Vergl.  Arneth  IV.  485.    An  Eszterhazj 
22.  August  1756. 

^)  An  Eszterhazy  22.  August  1756. 


136  Adolf  Beer.  , 

Die  Berechnungen  des  Grafen  Käunitz  trafen  zu.  Friedrich  zog 
das  Schwert  aus  der  Scheide.  Der  Einfall  nach  Sachsen  erfolgte. 
Schon  Zeitgenossen  haben  den  Entschluss  des  Königs,  seinen  Gegnern 
zuvorzukommen,  nicht  gebilligt.  Sein  getreuer  Podewils  rieth  drin- 
gend ab. 

Hertzberg  fasste  sein  Urtheil  über  die  Politik  Friedrich  folgender- 
massen  zusammen:  „Auf  geheime  und  wahrscheinliche  Nachrichten 
gestützt,  glaubte  der  König  im  Juni  (1756),  dass  der  Moment  gekommen 
sei,  in  dem  die  Höfe  zu  Wien,  Petersburg  und  Dresden  den  Plan, 
welchen  sie  vereinbart,  auszuführen  und  ihn  zu  Anfang  des  Jahres 
1757  anzugreifen  gedächten.  Es  steht  fest,  dass  diese  Pläne  bestanden; 
aber  da  sie  nur  eventuelle  waren  und  der  Bedingung  unterlagen,  dass 
der  König  Veranlassung  zu  einem  Kriege  gäbe,  wird  es  problematisch 
bleiben,  ob  diese  Pläne  jemals  ausgeführt  würden,  oder  ob  die  grössere 
Gefahr  die  gewesen  ist,  ihre  Verwirklichung  zu  erwarten  oder  der- 
selben zuvorzukommen".  Hertzberg  irrte  in  der  Annahme,  dass  die 
Pläne  nur  eventuelle  waren  und  der  Bedingung  unterlagen,  dass  Fried- 
rich selbst  die  Veranlassung  zu  einem  Kriege  geben  würde.  Die  Ge- 
schichtsschreibung hat  fast  durchweg  die  Ansicht  vertreten,  dass  Fried- 
rich nicht  anders  handeln  konnte,  nachdem  er  die  Ueberzeugung  ge- 
wonnen zu  haben  glaubte,  dass  eine  gewaltige  Coalitiou  gegen  ihn  im 
Bilden  begriffen  sei.  Ranke,  der  zum  ersten  Male  das  Berliner  archi- 
valische  Material  zu  benützen  in  der  Lage  war,  hat  in  seiner  licht- 
vollen Darstellung  die  Gesichtspunkte  in  objektiver  Weise  dargelegt, 
welche  den  König  leiteten.  Die  betreffenden  Bände  der  politischen 
Correspondenz  Friedrichs'  schienen  die  Auffassung  der  grossen  Geschichts- 
schreibers zu  bestätigen,  und  Koser  ist  in  seinem  Werke  mit  Benützung 
der  veröffentlichten  Schriftstücke  zu  denselben  Ansichten  gelangt,  wie 
sein  Meister. 

Die  Schrift  Lehmanns  wirft  die  bisherige  Auffassung  über  den 
Ursprung  des  siebenjährigen  Krieges  über  den  Haufen.  Nicht  mit 
Erfolg.  Seine  Arbeit  wird  nur  insofern  Werth  behalten,  als  er  den 
stringenten  Nachweis  geliefert  hat,  dass  Oesterreich  erst  seit  dem  Juli 
gerüstet  hat.  Auch  die  gewiss  geistreiche  Abhandlung  Dellbrücks  in 
den  Preussischen  Jahrbüchern  hält  bei  einer  kritischen  Prüfung  nicht 
Stich.  Ein  Bild  von  überwältigend  furchtbarer  Grösse  soll  Friedrich 
nach  der  Zeichnung  Dellbrücks  sein,  aber  es  ist  doch  nicht  Aufgabe 
des  Geschichtsschreibers  einen  Mann  grösser  zu  machen  als  er  wirklich 
ist.  Friedrich  hat  es  auch  nicht  nöthig,  dass  Versuche  gemacht  werden, 
seine  Bedeutung  höher  zu  schrauben  und  die  Fehler  zu  verkleistern, 
die  er  beffangceii  haben  luacj. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  137 

Ein  österreichischer  Militär  des  18.  Jahrhunderts  hat  über  den 
Einfall  in  Sachsen  folgendes  ürtheil  gefällt:  „Menace'  pas  nne  ligue 
formidable  qui  se  forme  contre  lui,  Frederic  ne  voit  autres  nioyeus 
que  d'  attaquer  successivement  ses  ennemis.  La  Saxe  comme  le  plus 
proche  du  centre  de  ses  etats  et  celle  qui  pouvoit  lui  procurer  les  plus 
avantages  dans  le  Cours  de  la  guerre  tant  par  sa  richesse  pour  V  en- 
tretient  de  ses  armees  que  par  sa  Situation  qui  le  mettoit  en  etat 
d'embrasser  ou  d' attaquer  de  tous  cotes  les  etats  de  la  maison  d' Au- 
triche  i).  Ich  glaube  nicht  zu  irren,  wenn  ich  behaupte,  dass  ein 
unbefangenes  Studium,  von  vorgefasster  Meinung  nicht  getrübt,  zu  dem- 
selben Ergebnisse  gelangen  wird. 

Anhang. 
I. 

Le   11.  May   17  56. 
Ajoute    ä    la     derniere     reponse     du    ßoi    Tres    Chretien. 
(Vergl.  S.   11.5). 

Sa  Majeste  Tres  Chrelienne  et  SaMajeste  rimperatrice  Reine  d' Hougric 
et  de  Boheme,  en  desirant  d'  assurer  par  des  traites  1'  union  et  la  parfaite 
intelligence  heureusement  etablies  entre  Elles,  ont  eu  principalemeut  en 
vue  de  se  precautionner  contre  leurs  ennemis,  et  de  prevenir  tous  les  cas, 
qui  pourraient  un  jour  allumer  une  guerre  generale,  soit  ä  la  mort  des 
rois  d'  Espagne,  et  de  Pologne,  soit  ä  V  ofcasion  des  limites  des  Etats 
respectifs  des  Cours  de  France  et  de  Yienne. 

Le  Systeme  que  viennent  d'  etablir  Leurs  dites  Majestes  doit  etre 
un  jour,  s'  il  est  bien  suivi,  le  plus  ferme  soutien  de  la  vraie  religion, 
de  la  liberte  germanique  et  du  repos  de  V  Europe  entiere. 

Ce  grand  ouvrage  n  a  pu  s'  elever  et  il  ne  saurait  desormais  se  per- 
fectionner  ni  s'  achever,  que  par  la  confiance  pleine  et  entiere  des  deux 
cours.  C  est  pourquoi  Sa  Majeste  Trös  Chretienne  croit  devoir  ajouter 
ä  sa  derniere  reponse  des  eclaircissements  et  des  reflexions. 

La  tendresse  du  roi  pour  ses  enfants  n'  est  pas  1'  unique  source  du 
desir  qu'  il  a  de  procurer  un  etablissement  plus  assure  au  Serenissime 
Infant  D.  Philippe. 

La  crainte  qu'  il  ne  s'  eleve  un  jour  des  disputes  fächeuses  entre 
les  deux  cours  par  rapport  aux  stipulations  du  dernier  traite  d'  Aix  la 
Chapelle  qui  coucernent  les  etablissements  des  Infants  d'  Espagne  en  Italic, 
est  le  motif  qui  presse  le  plus  Sa  Majeste  T.  Ch.  de  traiter  de  V  echange 
des  Etats  de  Parme,  Plaisance  et  Guastalle  et  ce  sont  les  premiöres  pro- 
positions  faites  au  mois  de  Septembre  par  Sa  Majeste  1' Imperatrice,  qui 
ont  donne  au  roi  1'  idee  de  choisir  de  preference  une  portion  des  Pays- 
Bas  pour  parvenir  au  dit  echange. 

L'  offre  qui  fut  faite  en  meme  temps,  de  remettre  entre  les  mains 
de  Sa  Majeste  les    villes    d'  Ostende    et    de    Nieuport    fixa    principalemeut 


')  Aus  dem  Papieren  Chastelers  im  Kriegsarchiv. 


■j^ß«^  Adolf  Beer. 

r  attention  du  roi  sur  la  cöte  maritime  des  Pays-Bas  dans  la  vue  d'  en 
tirer  des  secours  contre  la  Cour  Britannique  qui  doit  etre  regardee  au- 
i  ourd'  hui  comme  la  seule  et  veritable  ennemie  de  la  France. 

Mais  comme  Sa  Majeste  1'  Imperatrice  en  explication  des  premieres 
propositions  faUes  au  mois  de  Septembre  vient  de  s'  ouvrir  entierement 
öur  le  des  sein  oü  eile  est  de  recouvrer  la  Silesie  et  le  comte  de  Glatz, 
et  que  pour  executer  ce  gi'and  projet,  Elle  a  besoin  du  concours  et  des 
secours  de  Sa  Majeste  Tres-Chretienne ;  il  a  paru  necessaire  au  ßoi  d'  entrer 
sur  cet  article  dans  un  plus  grand  detail,  afin  de  donner  plus  d'  activite 
ä  la  negociation. 

p.  Sa  Majeste  1' Imperatrice  ayant  cede  solemnellement  la  Silesie 
et  le  Comte  de  Glatz  au  Eoi  de  Prusse,  le  recouvrement  de  ces  Provinces 
doit  etre  regarde  par  Elle  comme  une  nouvelle  acquisition,  et  un  aggran- 
dissement  reel,  qui  par  son  importance  et  sa  Situation  ne  peut  etre  mise 
en  paralelle  avec  la  possession  des  Fays-Bas,  dont  plus  grande  partie  du 
domaine  se  trouve  actuellement  allienee. 

2°.  II  ne  serait  ni  juste  ni  reciproque  que  le  Eoi  en  renon^aut  a 
l'alliance  de  la  Cour  de  Berlin  et  procurant  ä  Leurs  Majestes  Imperiales 
des  avantages  presents,  ne  retirät  lui-meme  que  des  avantages  futurs  et 
indirects  de  la  renonciation  de  la  Cour  de  Vienne  ä  V  alliance  de  1'  An- 
gleterre. 

30.  Par  le  meme  pi'incipe  de  justice  et  de  reciprocite,  il  parait  in- 
dispensable que  les  places  qui  seront  confiees  au  Koi  pour  la  sürete  des 
sommes  qu'  il  sera  tenu  d'  avancer  et  des  interets  des  dites  sommes,  soient 
choisies  de  preference  parmi  les  villes  Maritimes  du  Comte  de  Flandres 
afin  que  S.  M  T.  Chr.  trouve  aumoins  dans  son  alliance  avec  Sa  Majeste 
r  Imperatrice  une  partie  des  resources  contre  les  Anglais  qu'  Elle  est  bien 
aise  de  procurer  ä  la  Cour  de  Vienne  contre  les  Puissances  dont  cette 
Cour  peut  avoir  le  plus  ä  craindre. 

Ainsi  pour  prevenir  tous  les  differends  qui  ne  manqueraieut  pas  de 
naitre  un  jour  de  1'  echange  propose  dans  les  Pays-Bas,  et  pour  couper 
d'  un  seul  coup  la  racine  de  toutes  les  dissentions  qui  pourraient  renverser 
le  .Systeme  d'  union  etabli  entre  les  deux  cours,  il  pavait  indispensable 
que  Leurs  dites  Majestes  conviennent  par  les  ai-ticles  preliminaiies  du 
traite  secret  et  aux  conditions  proposees,  d'  une  cession  ouverte  de  tous 
les  Pays-Bas  possedes  par  1'  Imperatrice  Keine  et  de  tous  les  territoires 
sur  lesquels  il  y  a,  ou  peut  y  avoir  contestation  entre  Leurs  dites  Majestes, 

Le  seul  reglement  des  limites  de  la  portion  des  Pays-Bas,  qu  on 
echangerait  avec  les  trois  Duches  possedes  par  1' Infant  serait  sujet  a  des 
longueurs  et  u  des  difficultes,  auxquelles  les  deux  cours  ont  un  interet  egal 
de  ne  point  s'exposer;  l'amitie  sincöre  qui  les  lie  et  la  haine  politique 
qui  les  eclaire,  exigent  egalement  qu'  Elles  s'  arrangent  sur  de  grands  objets 
et  qu'  Elles  ne  laissent  subsister  dans  leurs  arrangements  aucune  Opposition 
d'  interets  ni  aucuti  germe  de  division. 

Le  recouvrement  de  la  Silesie  est  un  objet  si  capital  pour  Sa  Majeste 
r  Imperatrice,  qu'  Elle  ne  doit  pas  balancer  ä  ceder  au  Roi  ä  des  con- 
ditions raisonnables  et  acceptables  la  totalite  des  Pays-Bas :  C  est  pour 
ce  seul  arrangement  que  les  deux  cours  parviendront  ä  egaliser  les  avan- 
tages reciproques,    qu' I]lles    ont    raison    d'attendre:    et    qu' Elles    doivent 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  139 

retirer  de  leur  union  intime,  et  de  1'  etablissement  d'  un  nouveau  Systeme 
politique. 

Pour  cet  efifet  Sa  Majeste  1'  Imperati'ice  ne  sauvait  trop  tot  remettre 
au  Roi  r  etat  des  sommes  qu'  Elle  compte  repeter  annuellement  pour  la 
cession  des  Pays-Bas,   et  du  produit  et  des  charges  des  dits  doraaines. 

Sa  Majeste  1'  Imperatrice  fera  ensuite  V  usage  qui  lui  conviendra  des 
dites  sommes  et  S.  M.  T.  Chr.  se  chargera  de  procurer  de  Y  aveu  des  cours 
de  Madrid,  de  Naples  et  de  Parme,  un  etablissement  eonvenable  et  un 
juste  dedommagement  au  Serenissime  Infant  pour  les  Etats  qu'  il  possede 
en  Italic,  les  quels  seraient  cedes  ä  Sa  Maj.  1'  Imp.  et  entreraient  pour 
leur  vaieur  dans  le  prix  de  la  vente  ou  cession  des  Pays-Bas,  bien 
entendu,  que  pour  la  sürete  des  sommes  convenues,  il  serait  remis  des 
places  ä  S.  M.  T.  Chr.  et  par  preference  des  places  maritimes,  et  bien 
entendu  aussi,  que  la  vaieur  des  dites  places  serait  une  sürete  süffisante 
de  la  vaieur  des  sommes  couvenues  et  des  interets  des  dites  sommes. 

S.  M.  T.  Chr.  n'  etant  reellement  assistee  par  aucune  Puissance  dans 
la  guerre  presente  avec  1'  Angleterre,  est  obligee  t\  de  grands  fraix  tant 
pour  r  entretient  des  armees  qu'  eile  employe  ä  la  defense  des  cötes  de 
son  Eoyaume,  et  de  ses  possessions  dans  le  nouveau  monde,  que  pour  la 
reparation  et  V  augmentation  de  sa  Marine. 

Le  Eoi  espfere  donc  que  S.  M.  1'  Imp.  ne  lui  proposera  dans  la  re- 
daction  des  articles  preliminaires  du  traite  secret  que  des  conditions 
compatibles  avec  la  depense  de  la  presente  guerre,  sans  quoi  malgre  le 
desir  sincere  que  S.  M.  T.  Chr.  aura  toujours  de  se  preter  aux  desirs  de 
la  Cour  de  Vienne,  il  ne  lui  serait  pas  possible  de  sacrifier  ä  des  vues 
de  simple  convenance  ce  que  sa  gloire  exige  d'  Elle,  et  ce  que  son  amour 
paternel  pour  ses  peuples  lui  prescrit;  dans  des  circonstances  oü  Elle  re^-oit 
tant  de  preuves  de  leur  zele  et  dans  un  temps  oü  Sa  dite  Majeste  a  de 
si  justes  motifs  de  soulager  leurs  besoins. 

J'ai  copie  mot  ä  mot  tout  cet  ajoute  ä  la  derniere  reponse  du  U. 
T.  Chr,  tel  qu'il  m' a  ete  diele  par  Mr.  1' Abbe  Comte  de  Bemis,  lui  en 
ayant  ensuite  fait  la  lecture  et  1'  ayant  demande  si  ce  que  j'  avais  ecrit 
etait  conforme  a  ce  que  le  Roi  1'  avait  charge  de  me  dicter,  il  m'  a  re- 
pondu  qu'oui.  Fait  a  Versailles. 

Ce  13.  de  Mai  1756. 
P.  S.  2.  J'  ai  eu,  depuis  que  ma  depeche  est  achevee  encore  une 
longue  conversation  avec  1'  abbe  de  Bemis  qui  m'  a  parle  beaucoup  plus 
favorablement  que  la  derniere  fois  sur  le  point  du  plus  grand  afiai- 
blissement  de  la  puisance  du  ßoi  de  Prusse ;  il  m'  a  meme  dit, 
qu'  il  connaissait  tres-bien  qu'  il  etait  de  notre  interet  d'  insister  sur  ce 
point  et  qu'  il  se  mettait  ä  cet  egard  entiörement  ä  notre  place ;  mais 
qu'  il  ne  s'  agissait  que  de  lui  donner  des  moyens  de  faire  entrer  le  Koi 
et  les  Ministres  dans  nos  idees  et  qu'  il  etait  ä  cet  effet  de  necessite  in- 
dispensable que  nous  nous  expliquassions  precisement  sur  cet  article  et 
tissions  connaitre  quel  serait  le  partage  que  nous  pourrions  faire  des 
provinces  qu'  on  enleverait  au  Eoi  de  Prusse  de  quel  pretexte  on  se  ser- 
virait  pour  justifier  ce  depouillemant  et  quelle  serait  la  portion  des  ses 
etats  qu'  on  lui  laisserait. 


140  Adolf  Beer. 

II. 

Kaunitz    an    Starhemberg. 

Vienne,  le   19  May   1756. 

J'ai  ete  bien  aise,  par  bien  des  raisons,  mon  eher  Comte,  que  vous 
soyez  parvenu  a  signei'  enfin  notre  traite  attendu,  que  si  on  avait  hesite 
sur  cet  objet,  sur  lequel  assürement  il  y  avait  plus  ä  penser  pour  nous 
que  pour  la  France,  j'  aurais  eü  naturellement  bien  de  la  peine  ä  me 
flatter  de  plus  grandes  idees,  et  beaucoup  plus  encore,  ä  empecher  que 
d'autres  ne  perdent  entierement  courage  et  ne  desesperent  de  pouvoir 
Jamals  rien  faire  de  grand  et  de  solide  avec  la  cour,  oü  vous  etes.  Pour 
de  grandes  choses  il  faut  de  grands  moyens,  et  point  de  minuties;  il 
est  question  de  savoir,  si  la  France  veut  profiter  d'une  occasion,  qu'elle 
ne  retrouvera  peut-etre  jamais,  il  ine  semble,  que  1'  on  ne  devrait  pas 
meme  balancer  sur  ce  sujet  et  cela  supose,  il  s'ensuit,  que  voulant  la 
chose.  et  sachant  aujord  'hui  ü  quelles  conditions  eile  est  possible,  et 
point  autrement,  on  devrait,  sans  tarder  davantage  s'expliquer  rondement, 
et  point  a  deux  fois  sur  ce  que  V  on  veut  ou  ne  veut  pas,  il  n'  y  a  que 
cette  methode,  qui  vaille  avec  nous,  sur  le  pied  de  convenances  justes,  et 
reciproques  il  n'y  a  rien,  que  nous  ne  soyons  capables  de  faiie,  et  en 
meme  temps  nulle  idee  quelconque,  que  nous  ne  soyons  egalement  capables 
d' abandonner,  dez  que  nous  verrons,  qu'elle  ne  peut  point  aller  sur  le  pied, 
dont  je  viens  de  faire  mention  et  qui  est  le  seul,  auquel  nous  donnerons 
jamais  les  mains.  Le  Ministere  fran^ais  devrait  un  peu  se  mettre  ä  la  place 
des  gens,  et  ne  point  oublier  qu'il  faut  s'entreaider  dans  la  vie. 

Je  desire  fort  aussi,  que  l'on  n'imagine  pas,  oü  vous  etes,  d'en  user 
ä  l'avenir  ä  notre  egard,  que  comme  avec  un  Allie  de  passage,  passes 
moi  le  terme,  je  crois,  que  vous  m'entendrez.  K^ous  nous  regardons, 
comme  entierement  livres  au  parti,  que  nous  avons  pris,  et  je  vous  reponds, 
que  nous  nous  conduirons  en  consequence,  que  nous  ne  ferons  pas  les 
choses  ä  demi;  et  qu'il  n'y  aura  certainement  rien  de  louche  dans  nos 
procedes:  mais  je  vous  avertis  en  meme  temps,  que  nous  exigerons  aussi 
une  conduite  parfaitement  reciproque  de  la  part  de  notre  nouvel  allie,  et 
je  vous  prie  d'in.sinuer  et  de  faire  comprendre,  combien  il  Importe,  que 
r  on  s'  occupe  serieusement  et  de  bonne  foi  de  tous  les  moyens  propres  ä 
nous  donner  de  la  confiance  dans  notre  nouvelle  alliance. 

III. 

Kaunitz    an    Starhemberg.' 

ce  18  Juni  1756. 
D'  apres  tout  ce  qu'  on  vous  a  dit  par  le  dernier  Courier,  vous  ne 
douterez  pas,  M',  que  nous  ne  voulions  toujours  serieusement  le  grand 
objet,  que  nous  avons  propose  ä  la  France :  mais  je  vous  repete,  que  nous 
ne  la  croyons  point  aussi  deciilee  lä  dessus,  que  nous  le  sommes.  Cela  a 
du  natm-ellement  nous  engager  ä  songer  ä  des  conditions  propres  ä  assürer 
une  pareille  entreprise,  necessairement  accompagnee  d'  embarras  et  de  dan- 
gers. Celle,  d'3'  interesser,  ou  plut(»t  envelopper  la  France,  comme  partie 
princlpale,  est  entre  autres  de  cette  espece.  J'imagine  qu'elle  en  sera  un 
lieu  effarouchee,  parceque  cela  se  trouve  etre  tres  oppose  ä  l'esprit  et  aux 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  \±-t 

vues  des  ditierents  ecrits,  qu'  eile  nous  a  donnes  jusqu'  ici,  et  il  se  pourrait 
aussi,  que  ses  forces  de  terra  ne  fussent  pas  actuellement  encore  assez 
considerables,  pour  qu'  eile  püt  mettre  en  campagne  1'  armee.  que  nous  lui 
demandons.  Mais  quelque  raison  que  l'on  puisse  avoir,  pour  ne  pas  vouloir 
s'engager  ä  une  pareille  mesure,  il  sera  toujours  necessaire  d'y  insister, 
tant  et  aussi  longtemps,  que  nous  ne  trouverons  pas  la  France  decidem- 
ment  disposee  ä  vouloir  la  chose,  ä  ce  seul  point  pres,  de  la  meme  fa^on, 
que  nous  la  voulons,  et  qu'elle  nous  convient.  Ce  n'est  donc,  que  dan« 
ce  cas,  que  vous  pourriez,  M^'  faire  entrevoir  comme  de  vous  meme,  que 
nous  ne  chicannerons  jamais  sur  des  mots,  ni  nous  ne  attacherons  preci- 
sement  ä  une  condition  dez  qu'  on  pourra  la  remplacer  par  une  autre,  qui 
ferait  le  meme  effet,  et  serait  plus  agreable  ä  celle  des  deux  parties,  qui 
aura  ä  la  remplir,  en  un  mot  il  y  aura  moyen  de  s'entendre,  döz  qu'on 
le  voudra  aussi  serieusement  a  Versailles  qu'on  le  veut  ici. 

Au  reste  on  vous  a  dejä  informe  Monsr.  que  le  roi  de  Prusse  fait 
des  preparatifs  qui  denotent  1'  ombrage,  qu'  il  coni-oit  de  notre  alliance,  et 
surtout  de  la  vivacite,  avec  la  quelle  les  Busses  fönt  des  armemens  extra- 
ordinaires.  II  nous  Importe  grandement,  de  nous  mettre  ä  l'abri  de  toute 
surprise;  mais  nous  concevons  en  mt5me  temps,  qu'il  est  de  la  prudence, 
de  ne  point  augmenter  plus  qu'il  ne  le  faut  absolument,  les  inquietudes 
de  ce  dangereux  voisin.  Pour  eviter  l'une  et  1' autre  extremite,  il  a  ete 
resolu,  de  nous  borner  ä  des  arrangemens,  qui  ont  dejn  ete  pratiques 
plusieurs  fois  depuis  la  paix  d'Aix  la  Chapelle,  et  par  consequent  nous 
nous  bonerons  quant  ä  present  ä  deux  Camps  de  Cavallerie  sur  les  confins 
de  la  Hongrie  vers  ici,  pour  rassembler  une  bonne  partie  des  regimens^ 
qui  se  trouvent  disperses  dans  ce  Royaume,  afin  de  pouvoir  les  faire 
marcher  en  Boheme,  ou  il  n'  y  en  a  pas  assez,  au  cas  que  vers .  l'Automne 
le  roi  de  Prusse  voulut  nous  attaquer. 

II  n'y  a  rien  dans  cette  disposition,  qui  puisse  donner  raisonnable- 
ment  des  inquietudes  au  roi  de  Prusse,  ni  ä  qui  que  ce  soit  puisque 
cela  est  d'  usage  depuis  plusieurs  aunees,  comme  je  vous  F  ai  dejä  fait 
remarquer.  Nous  somment  cependant  bien  aises,  de  donner  ä  cette  occasion 
une  nouvelle  marque  de  confiance  au  roi  T.  Ch.  en  lui  faisant  part  de  la 
resolution  que  leurs  Majestes  Imples.  viennent  de  prendre,  et  des  motifs, 
qui  les  y  engagent,  et  vous  aurez,  Monsieur,  ä  en  instruire  Messieurs 
de  Rouille  et  de  Bernis  de  la  maniere  que  vous  jugerez  la  plus  con- 
venable. 

Nous  savons  aussi  que  le  roi  de  Prusse  fait  tout  ce  qu'il  peut,  pour 
engager  la  cour  de  Londres,  ä  accorder  des  subsides  aux  cours  de  Dresde 
et  de  Munic,  et  ä  employer  le  verd  et  le  sec  pour  seduire  la  Russie ;  nous 
savons  egalement,  que  1'  on  cajole  beaucoup  M^"  de   Valory. 

Vous  ferez  de  ces  notions  1'  usage,   que  vous  croirez  pouvoir  en  faire. 

IV. 

Starhemberg    an    Kaunitz. 

Paris  le   18-  Juni    1765. 

J'ai  täche  dans  1' Intervalle  qui  s'est  passe  depuis  le  depart 

de  mon   susdit  Coun-ier  du    13.  de  Mai    et    nommement    depuis    la  publi- 


142 


Adolf  Beer. 


cation  de  notre  traite  d'  alliance  d'  employei-  utilement  ce  temps  d'  inactiou 
quant  ä  1'  objet  principal  pour  preparer  d'  avance  las  esprits  aux  choses 
sur  lesquelles  nous  allons  avoir  a  nous  concerter,  pour  entretenir  las 
"bonnes  dispositions  dans  lesquelles  on  est  actuellement,  et  pour  m'  attirer 
de  plus  an  plus  1'  amitie  et  la  confiance  des  personnes  desquellas  dependra 
principaleraent  le  succes  et  la  necessite  de  notre  grande  atfaire.  J'ai  au  ä 
cet  äffet  pandant  cat  intervalle  outre  les  Conferences  ordinaires  du  mardi 
avec  Mr.  Kouille,  des  conversatious  tres  frequentes  quoique  la  plupart  du 
temps  secretes  soit  ici,  soit  ä  Versailles  avec  l'Abbe  de  Bernis  une  entrevue 
tres  sacrete  avec  Mad.  da  Pompadour,  et  de  meme  avec  Mr.  de  Puysieulx 
et  avec  le  Marechal  de  Ballisla.  Ce  sont  lä  ä  peu  pres  les  personnes  dont 
nous  avous  le  plus  besoin,  et  qui  sont  les  mieux  intentionnes  pour  la 
reussite  da  notre  affaira.  Je  dois  y  ajouter  Mr.  da  Machault  avec  lequel 
ä  Texemple  de  plussieui-s  de  mes  confrferes  je  n'avais  eu  par  le  passe 
ancun  commerce,  taut  parcequ'ii  est  le  seul  de  tous  les  Ministres  d' Etats 
qui  na  rand  pas  la  visite  aux  Ministres  etrangers  que  parcequ'en  mon 
particuliar  j'  avais  eu  lieu  d'  etre  mecontent  de  la  fa^on  dont  il  m'  avait 
re^u,  lorsque  je  m'  etais  fait  presenter  ä  lui  par  feu  Milord  Albemarle,  oü 
il  na  m' avait  fait  aucune  politesse,  na  m' avait  pas  offert  de  siege,  ni 
meme  adresse  la  parole.  Comme  je  n' etais  pas  ci-davant  dans  le  cas  d' avoir 
rien  ä  traiter  avec  lui,  je  n'  avais  plus  cherche  ä  le  voir,  et  j'  ai  du  de 
toute  necessite  continuer  ä  en  agir  de  meme,  tant  qu'il  a  fallu  cacber 
notre  liaison,  vu  que  je  n'aurais  au  aucun  pretexte  pour  lui  demander 
une  entrevue  secrete  et  que  je  ne  pouvais  le  voir  publiquemant  sans 
donner  des  soup^ons  a  ceux  de  mes  confreres  qui  se  trouvent  vis-a-vis  de 
lui  dans  le  meme  cas  que  moi.  Actuellement  la  chose  est  differente,  il  est 
naturel  que  je  voie  tous  les  ministres  du  Eoi,  et  je  puis  passer  d'  autant 
plus  aisement  sur  la  petite  difficulte  de  ceremoniel  que  je  me  trouve 
revetu  d'  un  caractera  qui  ne  m'  assujettit  ä  rien,  et  que  d'  ailleurs  je  suis 
eertain,  que  Mr.  de  Machault  reparera  par  toute  sorte  d'attentions  et  de 
politesse  son  inattention  passee  a  mon  egard,  et  1'  Omission  de  la  visite 
rendue  dans  laquelle  apparemment  il  persistera  toujours. 

Je  profiterai  donc  de  l'occasion  que  va  me  fournir  le  voyaga  tres 
prochain  de  Compiegne  pour  Her  connaissance  avec  lui  et  tächer  de  tirer 
parti  des  dispositions  favorables  dans  lesquelles  Mad.  de  Pompadour  et 
l'Abbe  de  Bernis  m'  ont  assure,  qu'  il  etait  de  preference  ä  tous  les  autres 
Ministres  du  Koi,  et  (ju'il  est  naturel  de  lui  supposer  lorsqu'il  s'agit 
d'  une  affaire  tendante  au  bien  de  V  etat,  ä  V  avantage  du  commerce,  de  la 
navigation  de  la  puissance  maritime  et  par  consequent  du  departement 
dont  il  est  charge,  et  ä  la  diminution  du  credit  de  son  adversaire  le  comte 
d'Argenson,  qui  malgre  1'  approbation  qu'  il  a  donne  dans  la  conseil  ä  tous 
les  arrangements  dejä  pris  entre  les  deux  cours  et  ceux  qu'  on  est  convenu 
de  prendre  encore,  et  malgre  toutes  les  choses  tres  satisfaisantes  qu'il 
m'a  dites,  loi'S  de  la  conclusion  du  traite,  parait  neanmoins  encore  toujours 
un  peu  suspecta  ä  Mad.  de  Pompadour,  tant  par  rapport  aux  sentiments 
qu'Elle  lui  connait,  qu'a  cause  de  quelques  indiscretions,  qu'on  le  soup- 
yonne  d' avoir  commises  depuis  qu'il  est  admis  dans  le  secret  de  notre 
ncgociation  et  ä  cause  de  1' empressement  qu'il  marque  de  voir  partir  au 
plustöt  l'Abbä  de  Bernis  et  des  conseils  secrets  qu'  on  sait  qu  il  a  donne 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  143 

a  cet  egard  ä  Mr.  Rouille.  Toutes  ces  circonstances  prises  ensemble,  et 
peut-etre  quelques  autres  encore,  qua  1'  on  n'  aura  pas  juge  a  propos  de 
nie  oomrauniquer,  fönt  que  ce  ministre  parait  toujoure  suspects  ä  Mad, 
de  Pompadour.  Je  regarde  ces  soup^ons  corame  une  certitude  de  sa 
mauvaise  volonte,  des  qu'ils  sont  assez  forts  pour  qu'ou  croye  devoir  me 
les  faire  entrevoir,  mais  je  n'  en  crains  gueres  les  effets ;  tous  les  autres 
niinistres  sont  certainement  dans  la  bonne  voye;  la  seule  cbose  qui  soit 
le  plus  ä  craindre  est  que  sa  mauvaise  volonte  n'infiue  indirectement  sur 
les  Operations  de  Mr.  Rouille  par  les  conseils  secrets  qu'  il  lui  donne ;  mais 
il  sera  aise  d'  obvier  ä  cet  inconvenient  en  deeidant  le  sort  de  V  abbe  de 
Bernis  et  faisant  cesser  par  lä  les  inquietudes  de  Mr.  Rouille,  desquelles 
apparement  Mr.  d'Argenson  a  su  profiter  pour  obtenir  sa  confiance  et  pour 
r  engager  li  se  diriger  en  bien  des  cboses  d'  apres  ses  conseils.  Ce  point  va 
etre  decide  dans  peu,  et  je  crois  d' apres  tout  ce  que  m'ont  dit  Mad. 
de  Pompadour,  Mr.  de  Puysieulx  et  le  marecbal  de  Bellisle  qu'ils  par- 
viendront  ä  persuader  le  Roi  de  le  garder  ici:  Tout  ce  qui  fait  la  plus 
grande  difticulte  est  son  admission  au  conseil  sans  laquelle  il  ne  serait 
pas  naturel  <{u'  on  le  fit  demeurer  et  sans  laquelle  meme  sa  demeure 
deviendrait  presque  inutile.  .11  y  a  la  dessus  differents  points  de  vue  et 
les  sentiments  sont  bien  partages;  Mad.  de  Pompadour  a  fort  a  coeur  que 
personne  n'  entre  au  conseil  avant  Mr.  de  Soiibise,  qui  effectivement  y 
entrera  dans  peu  de  semaines  lors  de  la  retraite  du  marquis  de  Puysieulx, 
qui  se  fera  incessament ;  Elle  voit  bien  la  necessite  d'  y  admettre  aussi 
l'Abbe  de  Bernis,  mais  eile  craint  que  cela  ne  fa!?se  crier  contre  eile,  et 
ne  donne  du  meconteutement  ä  Mr.  de  Machault,  qui  est  d'avis  que  l'Abbe 
de  Bernis  parte  apres  la  signature  des  preliminaires  et  cela  apparemment, 
parcequ'  il  desire  de  s'  approprier  ensuite  lui-meme  la  direction  principale 
de  notre  afiaire;  je  crois  neanmoins  qu'elle  aura  pris  son  parti  d' apres 
les  representations  que  nous  lui  avons  faites  ä  ce  sujet  Mr.  de  Puysieulx 
et  moi  et  j'espere  qu'elle  purviendra  ä  se  decider  le  Roi.  Le  Marechal  de 
Bellisle  d'un  autre  cöte  desirerait  fort  que  le  Duc  de  Nivemais  eüt,  sinou 
avant  tout  autre,  du  moins  tres  tot  place  au  conseil,  il  voit  cette  espe- 
rance  bien  reculee,  si  l'on  y  admet  a  present  l'Abbe  de  Bernis  et  ensuite 
Mr.  de  Moras,  qui  de  toute  necessite  devra  y  entrer  bientot,  et  il  souhai- 
terait  peut-etre  ü  cette  fin  que  l'Abbe  de  Bernis  n'y  parvint  pas  encore, 
quoiqu'  il  soit  d'  avis  et  meme  tres  fortement  qu'  il  faut  que  ce  dernier 
demeure  ici.  Mais  je  crois  avoir  trouve  le  moyen  de  vaincre  son  Oppo- 
sition en  proposant  comme  je  1'  ai  fait  ä  Mad.  de  Pompadoiu*  de  faire 
nommer  Mr.  de  Nivernais  pour  l'ambassade  d'Espagne  ä  laquelle  il  serait 
en  effet  tres-pro^Dre  et  qui  lui  procurerait  pour  le  present  une  position 
honorable,  et  assurerait  pour  1'  avenir  son  entree  au  conseil.  Mr.  de  Belisle 
m'a  paru  goüter  beaucoup  cette  idee  et  est  Interesse  par  lä  personnelle- 
ment  ä  faire  demeurer  l'Abbe  de  Bernis.  Mr.  de  Puysieulx  dit  tout  natu- 
rellement,  qu'  il  n'  y  a  pas  d'  autre  parti  ;i  prendre,  qu'  il  y  va  du  bien  et 
de  la  reussite  de  notre  aflfaire  et  que  cette  affaire  doit  etre  regardee  comme 
manquee  si  1'  on  fait  partir  l'Abbe  de  Bernis ;  il  se  propose  d'  en  parier 
encore  tres  fortement  au  Roi  et  de  lui  dire  qu'  il  comptait  par  lä  lui  rendre 
un  bien  plus  grand  Service  encore  qu'  il  n'  avait  eu  Y  avantage  de  lui  rendre 
il  y  a  un  an,  lorsque  conjointement  avec  le  Marechal  de  Noailles  il  1' avait 


]^44  Adolf  Beer. 

detourne  du  parti  iujuste  et  contraire  ä  ses  interets,  qu'  on  voulait  lui 
faire  prendre  d'envahir  les  Pays-Bas  et  d'entrer  en  guerre  avec  Sa  Majeste 
r  Imperatrice.  Je  prevois  qu'on  ne  prendra  de  determination  fixe  lä-dessus 
qu'  apres  1'  arrivee  de  la  reponse  de  Sa  Majeste  aux  dernieres  ouvertures 
du  Koi  Tres  Chretien  et  lorsqu'on  en  aura  infere  quelle  sera  ä  peu  peu  la 
conclusion  de  notre  negociation. 

On  attend  cette  reponse-  avec  beaucoup  d' impatience  et  1' on  parait 
desirer  tres  fort  que  nous  puissions  nous  accorder  sur  tous  les  grands 
objets  qui  nous  restent  ä  discuter,  l'y  prevois  encore  de  bien  grandes 
difficultes,  mais  j'  espere  toujours  de  parvenir  ä  la  fin  ä  les  surmouter. 
r  augure  beaucoup  de  bien  des  dispositions  favorables  dans  lesquelles  il 
me  parait  de  voir  Mad,  de  Pompadour  et  la  plus  grande  partie  des 
Ministres.  Ils  desirent  reellement  la  chose  il  ne  s'  agira  que  de  convenir 
des  moyens,  et  de  trouver  la  voye  d'  assurer  en  meme  temps  la  couve- 
nance  des  deux  Cours ;  cela  ne  sera  certainement  pas  impossible  et  malgre 
r  enormite  des  demandes  que  1'  on  nous  fait  ici  et  1'  Opposition  tres-forte 
que  je  prevois  ä  toutes  celles  que  de  notre  cöte  nous  pourrons  faire, 
j'  ose  assurer  neanmoins  qu'  en  continuant  ä  agir  avec  la  bonne  foi,  la 
verite,  la  douceur  et  la  fermete,  que  nous  avons  employe  jusqu'  ä  present 
dans  notre  negociation,  nous  viendrons  ä  bout  de  tout.  Le  point  essentiel 
etait  de  faire  desirer  ä  la  France,  ce  que  nous  desirons,  et  c'  est  ä  quoi 
nous  sommes  certainement  parvenus :  II  est  vrai  qu'elle  se  flatte  d'  y 
trouver  de  plus  grands  avantages  qu'  apparemment  nous  ne  lui  accor- 
derons.  mais  je  crois  que  quand  meme  eile  en  trouverait  beaucoup  moins, 
eile  compterait  toujours  pour  un  trös-grand  point,  d'  avoir  rompu  le  lien 
physique  entre  nous,  et  les  Puissances  Maritimes,  et  que  cet  objet  seul 
lui  fera  toujours  desirer  la  reussite  de  notre  entreprise,  bien  entendu 
neanmoins  qu'  eile  tächera  en  meme  temps  de  se  procurer  ä  cette  occasion 
le   plus  d'  avantages  qu'  il  lui  sera  possible  et  cela  est  tres  naturel. 

Mad.  de  Pompadour  et  tous  les  Ministres  me  disent  unanimement  qu'  il 
ne  faut  pas  laisser  notre  grand  ouvrage  ä  demi  acheve,  bien  loin  de  me  faire 
aucune  objection  lorsque  je  fais  sentir  que  tous  les  avantages  qui  doivent 
revenir  ä  la  France  seront  uniquement  dependants  de  V  accomplissement  de 
la  condition  sine  qua  non,  on  me  repond  toujours,  que  rien  n' est  si 
juste,  et  que  c'  est  un  point  qui  ne  sera  pas  conteste,  enfin  on  temoigne  en  tout 
le  desir  le  plus  vif  de  rendre  la  nouvelle  alliance  durable  et  indissoluble  on 
fait  apercevoir  en  toutes  les  occasions  des  marques  de  la  franchise  et  de  la 
pleine  confiance  que  1'  on  nous  a  promises,  et  s'  il  arrive  quelques  fois 
que  Mr.  Kouille  matte  un  peu  de  reserve  dans  ses  ouvertures,  qu'  il  est 
dans  le  cas  de  me  faire,  je  crois  devoir  attribuer  cette  reserve  plus  tot 
ä  sa  propre  circonspection,  ä  sa  timidite  naturelle  et  k  d'  autres  raisons 
d'  inquietude  de  Jalousie  et  de  raecontentement  qui  lui  sont  personnelles 
qu'  au  sentiment  du  Eoi,  et  ä  celui  de  ses  Ministres  et  des  personnes 
qu'  il  honore  plus  particulierement  de  sa  confiance  telles  que  Mad.  de 
Pompadour  et  1'  Abbe  de  Bernis.  Ce  dernier  de  meme  que  le  Marechal 
de  Bellisle  m'  assurent  toujours  que  1'  Intention  du  Koi  est,  que  tout  se 
fasse  de  concert  entre  les  deux  Cours,  que  Mr.  Rouille  me  communique 
tout  ce  qui  peut  interesser  la  cause  commune  et  ne  me  fasse  en  rien  des 
demi-confidences.     Je    vois    en    effet    que    dans  la  plupart    des    choses,    il 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  1^5 

s'  agit  dans  cette  conformite.  11  vient  de  reparer  pleinement  la  reserve  qu'  il 
m'  avait  mise  dans  les  Communications  qu'  il  m'  avait  faites  au  sujet  du  traite 
an-ete  avec  la  Baviere  et  de  1'  envoy  de  Mr.  Duglas  en  Russie.  II  m'  a  tait  part  du 
projet  que  1'  on  a  d'  envoyer  des  troupes  en  Corse  le  lendemain  du  jour  que  ce 
projet  avait  ete  con(;u ;  il  m'  a  communique  la  reponse  du  Eoi  Tres  Chretein  aux 
Etats  Generaux  avant  qu'  elle-eut  ete  expediee  et  m'  en  a  donne  ce  piece 
d'  abord  apres  qu'  il  1'  ent  fait  partir  et  avant  que  d'  en  parier  ä  qui  que 
ce  seit  et  meme  ä  1'  ambassadeur  d'  Hollande,  qui  n'  en  a  pas  encore  con- 
naissance ;  il  m'  a  informe  des  soup90us,  que  le  Koi  de  Prusse  a  cherche 
d'  inspirer  au  Eoi  de  Naples  dös  le  lendemain  du  jour  ou  la  lettre  de  ce 
Prince  est  arrivee:  Enfin  je  dois  en  tout  rendre  pleine  justice  ä  la  bonne 
foi  apparente  et  ä  la  confiance  dont  je  crois  que  1'  on  en  agit  envers 
nous.  Mr.  Eonille  m'  a  fait  entendre  dejä  plusieurs  fois  que  nous  u'  en 
agissions  iDas  de  meme,  qu'  il  fallait  que  les  confidences  fussent  recipro- 
ques  et  que  je  ne  lui  disais  jamais  rien  de  ce  qui  se  passait  de  notre 
cöte  et  ne  lui  communiquais  aucun  des  avis  que  nous  recevions  de  nos 
Ministres  aux  cours  etrangeres.  Je  1'  ai  prie  de  se  souvenir,  que  je 
r*  avais  informe  de  toutes  les  demarches  faites  en  dernjer  lieu  par  le 
Ministre  d'  AngleteiTe  ä  Vienne^  et  des  reponses  qui  lui  avaient  ete  don- 
nees;  que  je  lui  avais  fait  part  en  son  temps  des  premieres  ouvertures 
faites  en  Eussie,  et  de  1'  eflfet  qu'  elles  y  avaient  produit  et  qu'  en  tout 
je  ne  lui  avais  laisse  ignorer  depuis  le  commencement  de  la  negociation, 
aucune  demarche  faite  par  ma  Cour  qui  püt  en ,  quelque  fagon  interesser 
Celle  ci,  au  lieu  que  de  son  cöte  il  n'  avait  commence  qu'  apres  la  con- 
clusion  du  traite  e  mettre  toute  reserve  de  cöte  et  ä  agir  avec  1'  Ouver- 
türe et  la  franchise  qu'  il  etait  de  notre  interet  mutuel  d'  employer  en 
toutes  les  occurences. 

Mad.  de  Pompadour  m'  a    beaucoup    reccommande  de  dire  de  sa  part 

I     ä  Votre  Excellence  de  ne  pas  se  livrer  ä  des  coup9ons  que    1'  envie  et  le 

mecontentement  de  1'  union  parfaite  entre  nos  deux  cours  pourrait  engager 

de  certaines    gens,    ä  vouloir  faire  naitre,    eile  m'  a  dit  que  l'  on  se  met- 

<     trait  ici  ä    1'  abri  de  toutes    ces    choses    lä,    qu'  il    fallait  se  communiquer 

ingenuement,  tous  les  mouvements  relatifs  ä  cet  objet  que  V  on  apercevrait 

:     de  part  on  d'  autre ;  Elle  a  ajoute  qu'  eile  me  repondait  de  Mrs.  de  Machault 

i    de  Bellisle  de  Maras  et  de  Bernis    que  ce  dernier    etait    le    seul    qui    fut 

I    pleinement  instruit  des  intentions  du  Eoi  au  sujet  de  notre  aflPaire  et  en 

'    qui  le  Eoi    avait    mis  a    cet    egard    toute    sa    confiance;    que    Mr.  Eouille 

:    etait  tres  honnete  homme,    et  ne  desirait  en  eflfet  que  le  bien  mais  qu'  il 

I    etait  faible  et  coupQonneux  et  se  laissait  un  peu  trop  conduire  par  1'  Abbe 

I    de  la  Ville ;    que  celui-ci  avait  1'  ambition  de  vouloir  faire  le  Ministre  et 

le  negociateur  tandis  qu'  il  n'  etait  que  commis,    mais    qu'  eile    m'  assurait 

qu'  il  n'  aurait  jamais  le  maniement  d"  aucune  affaire  et  nommement  de  la 

',    presente;    que  le  Eoi    faisait    beaucoup  de  cas  de  Mr.  de  Puysieulx,    que 

c'  etait  un  homme  d'  une  droiture    et    d'  une    integrite    parfaite,    que  nons 

perdions  beaucoup  en  lui  mais  qu'  il  avait  insiste  si  vivement  que  le  Eoi 

n'  avait    pu    lui    i'efuser    sa    demission ;     que    nous    avions    perdu    encore 

j    d'  avantage    par  le  malheur    arrive  a  Mr.  de  Sechelles,    qu'  il  y  avait    des 

\    gens  qui  ne  pensaient  pas  si  bien  que  tout  ce  qu'  Elle  venait  de  nommer 

j    et  desquels  il  fallait  bien  se  mefier,    mais  qu' ils    ne  pourraient  pas  nous 

1  Mittheilungen  XVII.  10 


j^(^  Adolf  Beer. 

nuire,  et  que  notre  afFaire  reussirait  certainement  si  1'  on  continuait  ä  la 
traiter  de  la  meme  fa9on  qu'  eile  avait  ete  conduite  jusqu'  ä  present.  Elle 
ne  m'  a  pas  parle  du  Prince  de  Soubise  dont  1'  admission  au  conseil  est 
Sans  doute  la  seule  cause  qui  a  fait  accepter  la  demission  de  Mr.  de 
Puysieulx.  V.  E.  le  connait  personnellement,  il  a  beaucoup  de  politesse 
et  d'  usage  du  monde,  mais  je  ci'ois  que  malgi-e  la  consideration  person- 
nelle  que  lui  donne  sa  naissance,  ses  alliances,  la  faveur  dans  laquelle  il 
est  aupres  du  Koi,  et  1'  amitie  de  Mad.  de  Pompadour,  sa  voix  ne  sera 
neanmoins  pas  d'  un  bien  grand  poids  dans  le  conseil  et  ne  remplacera 
que  tres  imparfaitement  Celle  de  Mr.  de  Puysieulx.  Elle  m'  a  repete 
plusieurs  fois  de  ne  pas  manquer  de  faire  parvenir  a  V.  E.  1'  avis  qu'  on 
m'  avait  donne  et  dont  j'  ai  dejä  fait  mention  dans  plusieurs  de  mes  pre- 
cedentes  que  V  on  etait  ])resque  certain  que  le  Roi  de  Prusse  avait  un 
espion  ä  Vienne  lequel  etait  tres  instruit  et  qui  devait  etre  du  bureau  des 
affaires  etrangeres.  Elle  m'  a  dit  qu'  Elle  me  verrait  en  particulier,  toutes 
les  fois  que  je  le  demanderais,  qu'  il  fallait  se  parier  souvent,  s'  expliquer 
tout  avec  franchise  et  surtout  ne  point  perdre  de  temps,  et  häter  autant 
que  possible  la  conclusion  et  1'  execution  de  nos  arrangements. 

Je  ne  m'  etendrai  pas  davantage  sur  tous  les  pi'opos  generaux  qu'  eile, 
aussi  bien  que  tous  les  ministres  du  Koi  m'  ont  tenu  pour  prouver  com- 
bien  on  est  decide  d'  entrer  dans  nos  vues  et  de  s'  en  tenir  au  Systeme 
nouvellement  adopte.  Nous  verrons  dans  peu  si  les  effets  repondront  ä 
toutes  ces  belies  paroles.  Je  vais  pour  le  present  passer  a  des  objets 
plus  particuliers  et  faire  mention  des  dernieres  confidences  que  Mr.  Rouille 
a  eu  ordre  de  rae  faire. 

J'  avais  ecrit  jusqu'  ici  lorsque  j'  ai  ete  interrompu  i^ar  1'  arrivee  de 
mon  chancelliste  qui  m'  a  apporte  les  ordres  tres  gracieux  du  courant  i). 
J'  ai  suspendu  pendant  vingt  quatre  heures  la  continuation  de  ma  depeche 
pour  avoir  le  temps  de  lire  tout  le  contenu  tres-important  des  ordres 
sonverains  et  des  pieces  qui  y  etaient  jointes.  Je  compte  actuellement 
les  mettre  au  plutöt  en  execution,  mais  il  me  parait  necessaire  avant 
toute  chose  de  faire  partir  la  presente  depeche  ä  laquelle  aussi  bien  je 
ne  pourrais  rien  ajouter  de  ce  qui  serait  relatif  ä  V  execution  de  ces 
ordres  puisque  je  ne  puis  gueres  esperer  d'avoir  plustöt  que  dans  cinq 
ou  six  jours  une  reponse  de  1'  Abbe  de  Bernis  ä  la  premiöre  Ouvertüre 
que  je  lui  ferai,  laquelle  pour  autant  que  j'  ai  pu  me  decider  jusqu'  ä 
present  ne  concernera  que  les  arrangements  ä  prendre  au  sujet  de  la 
premiei-e  des  conditions  sine  quibus  non  qui  a  ce  que  je  prevois 
pourra  seule  donner  lieu  ä  de  tres  grandes  difficultes,  puisque  je  crois  que 
r  on  ne  comptait  de  prendre  ä  cet  egard  d'  engagement  positif  que  lors 
de  la  conclusion  des  articles  pi'eliminaires.  Je  ferai  neanmoins  de  mon 
mieux  pour  obtenir  la  declaration  que  j'  ai  ordre  de  demander  et  j'  agirai 
en  tout  tout-ä-fait  conformement  ä  ce  qui  m'  a  ete  enjoint  sans  passer  en 
rien  les  bornes  qui  me  sont  prescrites. 

Je  reprends  presentement  le  fil  de  ma  depeche.  Sui-  les  plaintes 
quoique  trfes  moderees  que  j'  ai  faites  de  la  reserve  que  Mr.  Eouille  avait 
mise    dans    les    coramujiications     confidentielles    touchant    1' envoy    de    Mr. 


*)  Weisungen  vom  9.  Juni  gemeint. 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  \^~ 

Duglas  en  Russie  et  touchant  le  traite  avec  la  Baviere,  ce  ministre  a  eu 
ordre  de  s' ouvrir  ä  cet  egard  ainsi  que  sur  tous  les  autres  objets  qui 
pourraient  interesser  ma  cour  avec  plus  d'  etendue  et  de  detail  vis-ä-vis 
de  moi.  II  a  execute  cet  ordre  mardi  passe,  ajoutant  neanmoins  qu'  il 
esperait  de  notre  part  un  pareil  retour  de  confiance  et  que  nous  ne  ferions 
H  r  avenir  aucun  mystere  de  tout  ce  qui  pourrait  interesser  cette  cour. 
II  me  dit  en  consequence  que  le  premier  envoy  de  Mr.  Duglas  n'  avait 
eu  d'  abord  d'  autre  objet  que  de  tächer  de  decouvrir  quelles  pouvaient  etre 
les  vues  de  la  Russie  relativement  aux  contestations  qui  venait  alors 
d'  eclater  entre  la  France  et  la  grande  Bretagne,  quelles  etaient  les  mesures 
qu'  eile  prenait  oü  prendrait  avec  la  derniere  de  ces  cours,  et  qu'  elles 
etaient  ses  dispositions  ä  1'  egard  de  la  France.  Mr.  Duglas  avait  eu 
oi-dre  de  s'  adresser  d'  abord  par  preference  au  Comte  de  Woronzow,  qu'  on 
croyait  mieux  intentionne  pour  cette  cour  que  Bestucheff  et  de  voir  si 
r  on  ne  serait  pas  dispose  ä  renouer  le  commerce  avec  la  France,  et  ä  s'  en- 
voyer  mutuellement  des  ministres  ou  des  ambassadeurs.  II  avait  täche 
d'  abord  de  s'  insinuer  chez  1'  ambassadeur  d'  Angleterre  oü  il  s'  etait  fait 
connaitre  pour  natif  Ecossais,  et  par  qui  il  esperait  d'  etre  presente  ä  la 
Cour.  Mais  ce  Ministre  ayant  su  qu'  il  etait  en  liaison  avec  des  negociants 
fran(jais  s'  en  etait  mefie,  et  ne  lui  avait  plus  donne  d'  acces.  11  avait 
trouve  neanmeins  moyen  de  parier  au  C^*^  de  Woronzow,  qui  lui  avait 
donne  des  reponses  tres  favorables  mais  avait  fait  difficulte  de  s' ouvrir 
bien  precisement  vis-ä-vis  de  quelqu'  un  qui  n'  etait  en  aucune  sorte  ac- 
credite.  Sur  ce  Duglas  avait  pris  le  parti  de  s'  en  retourner  jusqu'  en 
Pologne,  oü  (si  j'  ai  bien  entendu)  il  s'  est  arrete  et  a  ecrit  ici  pour  faire 
rapport  de  ce  qui  s'  etait  passe  et  demander  une  lettre  de  creance.  Cette 
lettre  lui  avait  ete  envoyee  non  en  forme  de  lettre  de  creance,  mais  de 
simple  recommandation  pour  le  porteur  dont  le  nom  n'  avait  meme  pas 
ete  exprime.  Elle  etait  de  Mr.  Rouille  ä  Mr.  de  Woronzow.  Muni  de 
cette  lettre,  Duglas  etait  retourne  en  Russie,  avait  ete  tres  bien  acceuilli 
par  les  Ministres,  et  presente  a  1'  Imperatrice.  On  lui  avait  dit  que  SaMajeste 
Czarienne  etait  toute  prete  et  desirait  fort  de  renouer  commerce  avec  le  Roi 
T.  Chr.  qu'  Elle  consentait  ä  lui  envoyer  un  ambassadeur,  qu'  il  n'  y  avait  pas 
de  meilleur  parti  ä  prendre  ä  cet  egard,  que  de  convenir  du  jour,  oü  1'  on  ferait 
ci  chacune  des  deux  cours  la  nomination  de  1'  ambassadeur  respectif,  que  la  com- 
munication  une  fois  retablie,  on  prendrait  ensuite  des  arrangements  de  commerce 
ä  la  convenance  des  deux  cours  et  vivrait  ä  1'  avenir  en  bonne  intelligence. 
Ces  ouvertures  avaient  donne  lien  ä  la  depeche  que  Mr.  Duglas  avait  fait- 
parvenir  par  les  mains  memes  du  Ministere  Russien  ä  Mr.  de  Bonac, 
qui  r  avait  envoyee  par  Courier  ici,  ainsi,  qu'  on  m'  en  avait  informe  tout 
aussi  tot  comme  j'  ai  eu  1'  honneur  de  le  marquer  ä  V.  E.  dös  le  30.  du 
mois  passe.  Mr.  Duglas  a  donne  du  depuis  des  nouvelles  ulterieures  par 
le  moyen  d'un  negociant  fran^ais  etabli  en  Russie  et  qui  est  arrive  ici 
en  secret  1'  avant  veille  du  jour  ou  Mr.  Rouille  m'  en  a  parle ;  II  a  fait 
demander  par  ce  negociant  une  lettre  de  creance  en  forme  et  a  donne 
part  que  la  Cour  de  Russie  allait  envoyer  ici,  mais  en  secret,  un  homme 
accredite  qui  est  actuellement  en  chemin  et  qui  ä  ce  que  croit  Mr.  Rouille 
est  du  bui-eau  des  affaires  etrangeres.  Mr.  Rouille  devait  rapporter  hier 
au  conseil  les  informations  qu'  il  venait  de  recevoir  et  a  cru  prevoir  quo 

10* 


]^4g  Adolf  Beer. 

r  on  deciderait  1'  envoy  d'  une  lettre  de  creance  ä  Mr.  Duglas,  1'  admission 
du  Charge  d'  affaires  Eussien  et  le  consentement  ä  la  proposition  de  la 
nomination  des  ambassadeurs  respectifs.  11  m'  a  xDromis  de  me  faire  part 
mardi  prochain  de  ce  qxii  am-ait  ete  resolu.  II  m'  a  dit  que  Mr.  Duglas 
n"  avait  ni  ne  recevrait  aucune  information  relative  k  la  negociation  existante 
entre  nos  deux  cours,  qu'  on  lui  ferait  part  simplement  de  1'  alliance 
contractee  avec  Sa  Majeste  1'  Imperatrice,  et  qu'  on  lui  enjoindrait  d'  agir 
en  tout  de  concert  avec  Mr.  le  C^^  d'  Esterhazy.  II  a  ajoute  en  outre,  que 
les  points  qui  tenaient  ä  coeur  ä  cette  cour  ici  etaient,  que  la  Russie  ne 
secourut  pas  V  Angleterre,  qu'  Elle  observa  ä  V  exterieur  vis-ä-vis  de  la 
France  les  bienseances  convenables  entre  deux  grandes  cours,  et  qu'  Elle  prit 
avec  Elle  des  arrangements  pour  le  commei-ce.  Qu'  au  reste  o  n'  avait  aucun 
interet  ä  demeler  avec  Elle,  et  beaucoup  moins  encore  depuis  que  1'  on 
etait  en  liaison  avec  ma  Cour  et  qu'  il  avait  cru  par  consequent  ne  devoir  repondre 
que  vaguement  ä  la  demande  que  lui  avait  faite  de  la  part  du  Ministere 
Rusöien  le  negociant  envoye  par  Mr.  Duglas  quel  etait  le  sentiment  de  la 
cour  d'  ici  au  sujet  du  traite  conclu  entre  les  cours  de  Londres  et  de  Berlin. 

Voici  en  quoi  consiste  1'  Ouvertüre  que  Mr.  Rouille  m'  a  faite ;  V.  E. 
pouiTa  juger  en  la  combinant  avec  les  rapports  de  Mr.  le  C*^  d'  Esterhasy 
si  eile  est  tout-ä-fait-sincere.  II  m'  a  dit  pour  conclusion  que  je  de- 
vais  me  souvenir  qu'  il  y  avait  dejä  du  temps  qu'  il  m'  avait  parle  de 
tout  ceci,  que  d'  abord  il  ne  m'  en  avait  fait  qu'  une  mention  tres-legere, 
parcequ'  il  n'  avait  pas  fait  grand  fond  sur  cet  envoy,  et  que  d'  ailleurs 
il  n'  eut  gueres  ete  possible  avant  la  conclusion  de  notre  traite  de  faire 
une  pareille  confidence,  que  depuis  le  traite  conclu,  il  m'  avait  averti  tout 
aussitöt  et  de  1'  envoy  de  Mr.  Duglas,  et  du  motif  et  de  la  premiere  de- 
peche  detaillee  qu"  il-en  avait  reQu. 

Je  n'  ai  pas  manque  quoique  je  n'  eusse  pas  1'  ordre  encore,  de  faire 
sentir  ä  Mr.  ßouille  que  c'  etait  ä  ma  cour  et  ä  1'  avis  qu'  Elle  avait  donne 
ä  Celle  de  Russie  de  sa  liaison  avec  la  France,  que  cette  derniere  devait 
toute  r  Obligation  des  procedes  si  favorables  de  la  Russie ;  11  est  convenu 
que  cela  pouvait  etre  en  grande  partie,  mais  il  a  ajoute  neanmoins.  qu'  il 
y  avait  dejä  du  temps  que  1'  on  apercevait  que  la  Russie  etait  bien  dis- 
posee  envers  cette  cour;  que  surtout  le  C**^  de  Woronzow  avait  toujours 
incline  pour  eile;  mais  que  Mr.  de  Bestuchef  etait  entierement  livre  ä 
r  Angleterre  et  avait  empgche  jusqu'  ici  que  1'  on  ne  se  rapprochät.  Mr. 
Rouille  est  extremement  satisfait  de  ce  bon  succes  qu'  il  s'  attribue  uniquement ; 
car  le  conseil  du  Roi  n'  a  rien  su  jusqu'  ici  de  cet  envoy  et  ne  1'  aurait 
Jamals  appris  si  on  avait  echoue. 

L'  Abbe  de  Bernis  et  le  Marechal  de  Bellisle  sont,  ou  affectent  d'  etre 
peu  Contents  de  cette  manigance  secrete,  ils  craignent  qu'  eile  ne  donne 
du  mecontentement  et  de  la  Jalousie  ä  notre  cour  et  disent  qu'  il  aurait 
ete  plus  convenable  de  faire  passer  comme  je  1'  avais  propose  en  son  temps 
la  negociation  pour  1'  envoy  respectif  des  ambassadeurs  jjar  les  mains  du 
C*ß  d'  Esterhasy ;  la  chose  aurait  certainement  beaucoup  mieux  valu  pour 
nous  car  on  avirait  pu  entrainer  la  conclusion  jusqu'  ä  la  conclusion  de  nos 
preliminaires.  Je  crains  beaucoup  presentement  1'  arrivee  du  Ministre  ou 
Charge  d'  affaires  qui  est  en  chemin  pour  se  rendre  ici ;  si,  comme  il 
n'  en  faut  pas  donter,  il  est  instrait    de  notre  secret,  et    s'  il  a    ordre    de 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  149 

pousser  les  choses  ä  cette  coui%  il  peut  tout  guter,  particulierement  s'  il 
venait  ä  decouvrir  trop  tot  les  vues  de  sa  Cour  au  sujet  de  1'  avantage 
qu'  eile  vondrait  obtenir  en  echange  de  celui  qu'  eile  procurerait  ä  la  Po- 
logne  aux  depens  du  Roi  de  Prasse.  J'  attendrai  les  Communications  ul- 
terieures  que  Mr.  Eouille  doit  me  faire,  et  je  me  conduirai  ensuite  ä  cet 
egard  conformement  aux  ordres  et  aux  eclaircissements  relatifs  a  cet  objet, 
que  je  viens  de  recevoir,  bien  entendu  neanmoins  que  j'  agirai  avec  toute 
la  circonspection  possible  pour  empecher  que  1'  une  on  Y  auti-e  de  ces 
deux  Cours  ne  puisse  soupQonner  que  nous  soyons  jaloux  ou  mecontents  de 
r  iutelligence  qui  va  s'  etablir  entre  EUes,  et  pour  faire  connaitre  au  contraire 
que  c'  est  ä  nous  et  ä  notre  interposition  qu'  Elles  en  ont  toute  1'  Obligation. 

Apres  cette  communication  Mr.  Eouille  m'  a  informe  aussi  des  arran- 
gements  pris  avec  la  Baviere.  II  a  commence  par  me  dire  que  cette 
negociation  etait  commencee  avant  qu'  il  eut  ete  instruit  de  la  nötre,  et 
€ela  me  parait  assez  vraisemblable ;  je  crois  merae  que  j' ai  eu  en  son 
temps  r  honneur  d'  en  avertir  V.  E.  II  a  ajoute  ensuite  qu'  on  avait  des 
lors  promis  le  secret  ä  Y  electeur  sans  exception  aucune,  que  c'  etait  lä 
la  seule  raison  pour  laquelle  on  avait  tarde  ä  me  parier  de  cette  nego- 
ciation, et  qu'  on  s"  en  etait  fait  d'  autant  moins  scrupule  que  les  points 
dont  il  s'  etait  agi  ne  pouvaient  que  nous  etre  tres  indifferents.  Apres 
ce  preambule  Mr.  ßouille  m'  a  fait  la  lecture  d'  un  extrait  des  articles 
arretes,  mais  il  n'  a  pas  voulu  consentir  ä  m'  en  donner  ni  a  m'  en  laisser 
prendre  copie,  sous  pretexte  que  le  traite  n'  etant  qu"  arrete,  mais  pas 
«ncore  conclu,  il  n'  etait  pas  en  son  pouvoir  de  m'  en  faire  une  plus 
ample  communication.  Je  n'  en  redirai  donc  que  ce  qu'  il  m'  en  souvient 
d'  apres  une  simple  lecture  que  j'  ai  faite  de  1'  extrait  qui  m'  a  ete  com- 
munique,  le  traite  consiste  en  sept  articles. 

La  France  promet  ä  1"  electeur  un  subside  annuel  de  trois  Cents 
soixante  mille  florins  aux  conditions  suivantes: 

Apres  r  expiration  de  son  traite  de  subside  avec  Y  Angleterre,  il  ne 
le  renouvellera  pas  et  ne  prendra  aucun  engagement  avec  qui  que  ce  soit 
que  du  consentement  de  la  France.  On  ne  lui  demande  point  de  troupes. 
II  vivra  en  paix  avec  ses  voisins.  II  ne  lui  sera  point  permis  de  fournir 
des  troupes  ä  qui  que  ce  soit,  hormis  son  contingent  dans  le  cas  d'  une 
guerre  d'  empire ;  ses  ministres  agiront  partout  et  particulierement  ä  la 
diette  pleinement  de  concert  avec  ceux  de  France.  II  donnera  sa  voix 
ä  la  diette  conformement  aux  constitutions  de  1'  Empire,  ä  la  paix  de 
Westphalie  garantie  par  la  France,  et  conformement  aux  intentions 
d  e  S.  M.  T.  C  b  r.  Le  traite  durera  six-ans,  apres  1'  expiration  desquels 
r  electeur  le  renouvellera  de  preference  ä  tout  autre  engagement.  11  sera 
signe  ä  la  fin  de  Juillet  qui  est  le  terme  ou  doit  expirer  le  traite  avec 
r  Angleterre  et  1'  on  echangera  les  ratifications  en  deux  mois. 

C  est  lä  pour  autant  que  je  m'  en  ressouviens  tout  ce  que  Y  extrait 
qui  m'  a  ete  communique  contient  de  plus  essentiel,  j'  aurai  probablement 
change  1'  ordre  et  les  paroles,  mais  je  crois  n  avoir  rien  omis  de  la  sub- 
stance.  Mr.  Rouille  m'  a  prie  avec  instance  d'  observer  exactement  le  secret, 
€t  de  faire  en  sorte  qu'  il  soit  observe  a  ma  cour.  Ce  point  tient  fort  ä  coeur ; 
1°  parce  qu"  on  1'  a  promis  ä  1'  electeur,  2°  parce  qu'  on  craint  que  si 
r  Angleterre  venait  ii  savoir    1'  arrangement  pris,  eile  ne  retint  le  dernier 


150 


Adolf  Beer. 


payement  du  subside  et  3™*^  parce  qu"  en  pareil  cas  la  France  ne  pour- 
rait  se  dispenser  de  dedommager  1"  electeur.  J'  ai  promis  ä  Mr.  Rouille 
que  le  secret  serait  exactement  garde.  J'  ai  dit  ä  lui  et  ä  1'  Abbe  de 
Bernis  qu'  il  eüt  ete  ä  desirer  qu"  on  eut  stipule  que  1'  electeur  serait 
oblige  de  donner  des  troupes  ä  la  France  si  Elle  en  avait  besoin :  V  Abbe 
de  Bernis  est  convenu  que  j' avais  raison,  Mr.  Rouille  croit  qu' il  suffit 
d"  voir  empeche  que  la  Baviere  n'  en  donnät  ä  V  Angleterre  et  1'  un  et 
l'autre  sont  d' avis,  qu' en  ajoutant  quelque  cbose  aux  subsides  stipules 
il  ne  sera  pas  difficile  d'  obtenir  des  troupes.  Je  ne  m'  etais  pas  trompe 
lors  que  j'  ai  eu  1'  bonneur  de  marquer  ä  V.  E.  que  1'  affaire  etait  conclue 
et  je  crois  qu'  Elle  1"  a  ete  le  jour  meme  que  j'  ai  indique. 

Mons.  Eouille  m'  a  paru  fort  inquiet  du  propos  que  Mr.  d'  Aubeterre 
marque,  que  V.  E.  lui  avait  tenu  touchant  1'  Espagne,  savoiv  que  la  France 
ne  devait  compter  sur  aucun  secours  de  la  part  de  la  dite  cour  et  que 
1'  on  n'  etait  pas  content  ä  Madrid  de  1'  alliance  que  nous  venions  de  con- 
tracter.  II  soup^onne  toujours  Mr.  le  C^e  Migazzi  de  donner  des  avis 
contraires  et  m'  a  demande  encore  quand  donc  arriverait  le  &^  de  ßosen- 
berg?  On  avait  ete  tres  satisfait  des  derniers  rapports  de  1' Abbe  de 
Fritscbmann,  et  1'  on  se  flattait  dejä  de  faire  revenir  1'  Espagne ;  mais  ce 
que  marque  Mr.  d' Aubeterre  a  renouvelle  les  allarmes.  Je  ne  dois  pas 
omettre  ä  cette  occasion  d'  informer  V.  E.  d'  un  propos  que  m'  a  tenu  en 
dernier  lieu  1'  Abbe  de  Bernis,  lorsque  nous  parlions  des  demarches  qu"  il 
faudrait  faire  en  Espagne  et  u  Naples  pour  faire  entrer  ces  deux  cours 
dans  nos  vues,  et  des  difficultes  que  nous  pourrions  y  rencontrer.  Ce 
propos  est,  que  comme  dans  le  fond  il  ne  s'  agissait  pour  1'  execution  de 
nos  arrangements  que  du  consentement  de  1'  Infant  D.  Philippe,  que  cer- 
tainement  ce  Prince  ne  refuserait  pas,  nous  pourrions  au  pis  aller  prendre 
notre  parti  meme  sans  le  consentement  de  ces  deux  cours.  Je  n'  ai  rien 
replique,  mais  j'  ai  cru  qu"  il  etait  important  d'  informer  V.  E.  de  ce  propos. 

Voilä  tous  ce  que  j'  avais  pour  le  present  ä  marquer  ;i  V.  E.  J"  aurai 
r  bonneur  de  1' informer  au  plus  tot  des  demarches  que  je  vais  faire 
actuellement  en  execution  des  ordres  qui  viennent  de  me  parvenir,  ainsi 
que  de  1'  effet  que  ces  demarches  produiront. 

En  attandant  j"  ai  1"  honneur  de  lui  envoyer  ci-joint  une  copie  de  la 
declaration  de  guerre  contre  1"  Angleterre  qui  a  ete  publiee  il  y  a  trois 
jours.  Comme  ce  counier  ne  va  pas  jusqu'  ä  Vienne,  je  ne  le  Charge  point 
des  ratifications  de  nos  traites,  pour  ne  les  pas  faire  passer  par  differentes 
mains.  Je  les  ferai  partir  par  le  premier  courrier  que  j'  expedierai  en 
droiture  ä  V.  E. 

3.  Juli   1756. 

Je  lui  (Bernis)  dis,  qu'  il  ne  pouvait  etre  question 

d'  abord  que  de  Celles  qui  concernaient  la  possibilite  de  notre  entreprise,  vu 
qu'  il  etait  inutile  de  traiter  des  convenances,  avant  que  de  savoir  ä  quoi 
s'  en  tenir  au  sujet  de  la  possibilite.  J'  ajoutai  en  gros  que  quoique  Lear 
Majestes  Imperiales  n'  eussent  jamais  corapte  de  se  determiner  ä  1'  entre- 
prise projetee  sans  etre  assurees  du  concours  de  la  Fi-ance  et  d"  un  de- 
dommagement  convenable  pour  les  sacrifices  qu'  EUes  auraient  ä  faire,^ 
Elles  etaient  neanmoins  ä  present  encore  plus  que  jamais  decidees  de  ne 
se  preter  ä  des  sacrifices  beaucoup    plus    grands,    que    ceux    sur   lesquels 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  151 

Elles  avaient  compte  d'  abord,  qu'  au  moyen  d'  nn  concours  beaucoup  plus 
grand  el  plus  efficace  de  la  pavt  de  la  France  et  de  dedommagements  bien 
plus  considerables  que  ceux  dont  il  avait  ete  question  dans  le  commencement. 

Je  le  fis  ensuite  convenir  par  avance  de  toutes  les  propositions  gene- 
rales  sur  lesquelles  se  fondent  les  conditions  que  j'avais  ä  lui  proposer: 
savoir:  que  pour  obtenir  de  grands  avantages  il  faut  de  grands  efforts; 
que  qui  veut  bien  sincerement  la  chose,  veut  aussi  les  moyens  qui  y  con- 
duisent ;  que  quand  on  cherche  des  avantages  en  commun  il  faut  aussi  s'  ex- 
poser  aux  risques  et  aux  peines  etc.  Je  parlai  tres  fermement  sur  la  decision 
oü  etaient  Leurs  Maj.  Imp.  de  faire  de  Leur  cöte  tout  ce  qui  etait  en  elles 
pour  la  reussite  de  notre  grand  ouvrage,  pourvu  que  la  France  fit  aussi  pour 
sa  part  des  efforts  proportionnes  ä  la  grandeur  de  1'  entreprise  et  des  avantages 
qui  lui  en  reviendraient,  que  si  eile  ne  se  pretait  pas  ä  ce  point,  Leurs 
Majestes  contentes  d'  avoir  reussi  dans  le  premier  objet  qu'  elles  s'  etaient 
propose,  en  etablissant  une  amitie  et  une  union  parfaite  avec  le  Eoi  T.  Chr. 
abandonneraient  sans  balancer  leur  second  point  de  vue  et  n' insisteraient 
pas  davantage  sur  une  chose  qui  ne  pouvait  se  faire  que  d"  un  commun 
concert  et  avec  un  desir  egal  des  deux  parts  de  reussir  promptement. 
J'  ajoutai  encore  differents  autres  raisonnements  dont  je  ne  ferai  pas  ici 
la  repetition,  ainsi  que  de  tous  les  discours,  dont  j'ai  accompagne  le 
detail  de  mes  propositions;  ce  sont  toutes  choses  connues,  redites  et  dont 
la  plupart  m'  ont  ete  suggerees  par  les  ordres  qui  me  sont  parvenus  depuis 
quelque  temps.  Je  crois  avoir  dit  tout  ce  qu'  il  fallait  et  de  la  faQon  qu'il 
le  fallait.  J'  ai  neanmoins  evite  bien  soigneusement  d'  en  dire  trop  et  de 
toucher  differents  articles  dont  il  ne  devra  etre  question  que  quand  les 
veritables  sentiments  de  la  France  seront  bien  ä  decouvert  au  moyen  des 
reponses  qu'Elle  fera  ;i  nos  presentes  propositions. 

J'  ai  reduit  les  six  conditions  sine  q  u  i  b  u  s  n  o  n  au  nombre  de 
quatre,  afin  de  ne  pas  effrayer  cette  cour  par  un  trop  grand  nombre  de 
demandes  fuites  a  la  fois.  Comme  la  premiere  des  six  a  fait  1'  objet  d'  une 
negociation  preliminaire,  eile  a  ete  par  lä  separee  des  autres  et  je  n'en 
ai  plus  fait  mention.  Des  cinq  qui  restaient  j'en  ai  compose  quatre  et  je 
les  ai  proposees  dans  1'  ordre  et  la  forme  que  V.  E.  verra  marquee  sur  la 
feuille  ci-jointe  au  N.  4.  Je  n  ai  pas  donne  ni  meme  laisse  prendre  de 
copie  de  cette  feuille,  mais  j'ai  du  consentir  que  l'Abbe  de  Bernis  prit 
note  de  ce  (jue  je  lui  disais  ou  qu"  il  eut  ete  autrement  impossible  qu'  il 
se  fut  souvenu  du  total  du  contenu  des  propositions.  Ces  quatre  con- 
ditions resteront  dorenavant  dans  le  me'me  ordre,  et  toutes  les  fois  que 
j'  en  ferai  mention,  ce  sera  dans  cette  conformite.  Apres  avoir  acheve 
r  expose  de  ces  conditions  ainsi  que  des  motifs  que  nous  avions  pour  les 
demander,  et  de  ceux  qui  devaient  engager  la  France  a  y  consentir,  j 'ajoutai 
a  tout  ce  detail  celui  des  eclaircissements  aux  cinq  points  sur  lesquels  la 
France  avait  declare  dans  sa  reponse  du  l^^^'  de  Mai  avoir  besoin  d'une 
plus  ample  Information.  Je  ne  fis  nulle  mention  encore  de  ce  que  j'  avais 
eu  ordre  de  reprondre  a  la  3*^  qui  concerne  les  places  de  sürete;  je  dis 
simplement  que  cette  demande  tombait  d'EUe  meme  par  1' arrangement  que 
nous  avions  propose  dans  notre  troisieme  condition;  je  rendis  au  reste 
tous  les  eclaircissements  conformes  au  contenu  des  quatre  conditions  pro- 
posees et  je  tächai  en  tout  de  mettre  nos  vues,  quant  ü  la  possibilite  de 


152  Adolf  Beer. 

r  entreprise  et  de  la  reussite  dans  un  tel  jour,  que  la  France  ne  pourra 
plus  mainteuaut  se  dispenser  de  iious  donner  des  reponses  precises 
et  cathegoriques  qui  quoiqu' Blies  ne  seront  peut-etre  pas  son  dernier 
mot,  devront  neanmoins  etre  telles  que  nous  pourrons  en  inserer  clairement 
si  Elle  desire  sincerement  1"  entreprise  et  la  reussite  de  notre  ouvrage  et 
si  eile  est  prete  ä  y  concourir  efficacement  et  ä  des  conditions  raisonnables. 

V.  E.  verra  que  j'ai  porte  toutes  mes  demandes  au  plus  haut,  et  en 
partie  meme  au  delä  de  ce  que  j'  en  avais  eu  Y  ordre ;  je  prevois  que  sur 
plusieurs  points  11  faudra  se  relächer  considerablement  mais  ce  ne  sei-a  cer- 
tainement  qu'  a  bonnes  enseignes  et  a  mesure  que  la  cour  d'  ici  ajoutera  aux 
oflFres  qu'  Elle  va  nous  faire,  qui  peut-etre  ne  seront  pas  du  premier  abord 
tout-ä-fait  satisfaisantes.  Mais  que  j'  espere  neanmoins  de  parvenir  encore  a 
faire  porter  aussi  loin  que  la  necessite  l'  exigera,  et  que  la  position  dans 
laquelle  la  Fi-ance  se  trouve  actuellement  pourra  le  permettre. 

L'Abbe  de  Bernis  n'  a  pas  paru  effraye  ni  etonne  de  1'  etendue  de  nos 
demandes  et  du  peu  que  nous  avons  ofiert  ä  la  France  en  comparaison 
de  ce  qu'elle  esperait  obtenir.  II  est  vrai  que  j' avais  eu  soiu  de  le  pre- 
parer  depuis  longtemps  et  nommement  depuis  V  arrivee  des  ordres  du 
9.  de  juin  ä  1"  une  et  1"  autre  de  ces  choses.  II  m'  a  dit  seulement  qu"  il 
prevoyait  de  bien  grandes  difficultes,  mais  que  nous  etions  trop  avances, 
pour  rester  en  si  beau  chemin,  qu'en  nous  pretant  de  part  et  d' autre  fi 
ce  qui  etait  raisonnable  et  en  nous  mettant  Fun  a  la  place  de  1' autre 
nous  surmenterions  certainement  toutes  les  difficultes  et  que  pour  sa  part 
il  ne  desesperait  pas  de  la  reussite  et  du  succes  de  notre  grande  nego- 
ciation. 

Je  n"  en  desespere  pas  non  plus,  mais  il  nous  faudra  encore  un  peu 
de  temps  et  beaucoup  de  patience;  nous  voila  maintenant  parvenus  au 
moment  critique.  Je  ferai  pour  ma  part  tout  ce  que  mon  zele  pour  le 
Service  et  la  connaissance  que  j'  ai  des  dispositions  personnelles  de  ceux 
avec  qui  je  traite  me  mettront  en  etat  de  faire.  J'irai  au  devant  de 
toutes  les  difficultes  et  je  mettrai  toutes  les  circonstances  favorables  ä 
profit.  Si  je  n'obtiens  pas  tout  ce  que  nous  avons  demande,  ce  ne  sera 
certainement  pas  faute  d'  avoir  suffisamment  insiste  sur  tout,  mais  j'  aurai 
du  moius  grand  soin  de  parvenir  au  point  essentiel  qui  est  de  faire 
cooperer  cette  cour  reellement  et  efficacement  a  la  reussite  de  notre  grande 
entreprise  et  de  la  mettre  dans  le  cas  de  devoir  desirer  cette  reussite  autant 
que  nous  la  desirons  nous-memes. 

J'  insisterai  toujours  fortement  sur  la  premiere  coudition  qui  est  celle 
du  plus  grand  aflFaiblissement  du  Roi  de  Prusse ;  c'  est  un  point  sur  lequel 
il  m'a  paru  depuis  le  commencement  de  notre  negociation  que  nous  ne 
pouvions  pas  nous  relächer,  et  je  crois  qu'il  vaudrait  mieux  ne  rien 
conclm-e  que  de  ne  pas  nous  assui'er  de  cette  condition  dans  la  plus  grande 
etendue  qu'il  soit  possible  de  lui  donner. 

Nous  n'  obtiendrons  jamais  la  seconde,  ou  du  moins  ce  ne  sera  qu'avec 
de  bien  grandes  restrictions.  On  ne  veut  absolument  pas  entrer  directe- 
ment  en  guerre  avec  le  Roi  de  Prusse :  peut-etre  s'  y  trouvera-t-on  insen- 
siblement  engage  malgre  soi-meme,  et  sans  savoir  comment ;  je  n"  ose 
meme  promettre  d" obtenir  que  Ton  mette  des  ;i  present  une  armee  en 
carapagne    pour    empecher    les    secours    de    l'Angleterre  et  des    Puissances 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  ]^53 

Protestantes,  si  on  s'y  determine  ce  sera  pour  autant  que  je  puis  juger 
dans  le  dessein  d' attaquer  1"  electorat  d'Hannovre:  je  ne  sais  pas  trop,  si 
cela  pourrait  nous  convenir.  II  est  pourtant  de  necessite  absokie  que  la 
France  tienne  en  respect  tous  les  Princes  qui  voudraient  secourir  le  Roi 
de  Prusse.  Si  Elle  nous  donne  des  secours  considerables  en  argent  et 
qu'en  outre  eile  nous  fournisse  des  troupes  de  Princes  auxquels  eile  paye 
des  subsides,  Elle  ne  sera  gneres  en  etat  de  mettre  outre  cela  une  armee 
en  campagne  et  de  soutenir  en  meme  temps  avec  vigneur  sa  guerre  contre 
TAngleterre,  laquelle  1"  oblige  ä  un  employ  considerable  d'hommes  pour 
garnir  ses  cötes  et  h  des  fraix  immenses  pour  1'  entretien,  et  1"  augmen- 
tation  de  sa  Marine :  ce  dont  il  s'  agit,  est  de  faire  faire  ä  la  France  tout 
ce  qu'Elle  est  en  etat  de  faire  et  de  voir  ensuite  si  tous  ces  efforts  suffi- 
ront  pour  assurer  la  reussite  de  notre  entreprise  et  pour  mettre  la  France 
dans  le  cas  de  devoir  en  desirer  le  succes  autant  que  nous  le  desirous 
nous  memes. 

II  me  semble  qu.e  i-ien  n"  etablirait  mieux  ce  point  que  la  condition 
que  j'ai  mise  au  N.  3  Suvoir  que  les  sommes  que  Sa  Majeste  T.  Chr. 
fournira  seront  exposees  aux  memes  risques  que  toute  Y  entreprise.  Je 
tiendrai  ferme  tant  que  je  pourrai  sur  cette  condition  qui  me  parait  une 
des  plus  essentielles  et  beaucoup  plus  encore  que  la  precedente  qui  meme 
serait  en  certaine  faQon  une  suite  necessaire  de  celle  ci;  car  si  on  pouvait 
obtenir  de  la  France  de  nous  fournir  des  sommes  considerables,  sans  espoii' 
de  remboursement  au  cas  que  1*  entreprise  vient  ü  manquer,  eile  serait 
par  lä  interessee  elle-meme  non  seulement  ä  la  reussite  de  cette  entre- 
prise. Plus  je  connais  T  importance  de  cette  condition,  plus  j'y  prevois  de 
difficultes  et  je  me  suis  bien  aper9u  que  c'est  celle  qui  a  le  plus  frappe 
l'Abbe  de  Bernis;  neanmoins  je  trouve  indispensable  d'y  insister.  Cela 
met  le  ministere  d'  ici  bien  loin  du  compte  qu"  il  avait  fait,  car  on  avait 
espere  d'  arranger  les  choses  de  fayon,  que  quelque  fut  le  succes,  la  France 
ne  risquiit  jamais  rien,  et  c'  est  precisement  ce  que  nous  devons  absolü- 
ment  eviter;  aussi  ne  me  relächerai-je  en  rien  de  cette  condition  jusqu' a 
nouvel  ordre. 

Je  ne  crois  pas  neanmoins  que  nous  puissions  nous  dispenser  de 
donner  a  la  France  des  süretes.  Elle  ne  se  desistera  jamais  de  cette 
demande,  mais  il  faudrait  empecher  si  possible,  que  ces  süretes  ne  fussent 
pas  pour  la  restitution  des  sommes  avancees  mais  seulement  pour  1"  accom- 
plissement  des  conditions  convenues  au  cas  que  1' entreprise  reussisse.  Si 
eile  venait  ä  manquer,  il  faudrait  qu'on  nous  rendit  nos  süretes.  Si  j'obte- 
nais  cette  condition  et  la  premiere,  je  croirais  avoir  gain  de  cause  mais 
je  suis  encore  bien  loin  de  pouvoir  le  promettre  ni  meme  Tesperer:  au 
moins  n"  epargnerai-je  rien  pour  cela,  et  les  raisons  que  j"  ai  ä  dire  pour 
appuyer  ma  demande  sont  certainement  tres  bonnes  et  couvaincantes. 

Quant  u  la  quatrieme  condition  j'en  vois  toute  l'importance  mais  je 
compte  aussi  que  V,  E.  connaitra  corabien  la  matiere  est  delicate ;  et  quels 
menagements  je  serai  ol>lige  de  garder  en  la  discutant. 

L"Abbe  de  Bernis  aurait  desire  que  je  me  fusse  ouvert  en  meme 
temps  sur  le  point  des  convenances,  mais  c'est  ce  que  je  n'ai  pas  cru 
devoir  faire  et  ne  ferai  certainement  pas,  avant  qu'  il  ne  m'  ait  donne  des 
reponses  cathegoriques  a  ces  quatre  propositions.  II  pretend  que  j'agis  en 


154 


Adolf  Beer. 


cela  contre  ce  que  Leurs  Majestes  ont  declare  dans  leur  derniere  reponse, 
mais  je  lui  ai  prouve  le  contraire. 

Le  Koi  est  parti  hier  pour  Compiegne,  les  ministres  s'y  rendront  aujour- 
d"  hui  et  FAbbe  de  Bernis  demain,  on  conferera  apres  demain.  Je  ne  crois  pas 
que  je  puisse  avoir  de  si  tot  1'  honneur  de  marquer  quelque  chose  de  positif 
;i  V.  E. ;  mais  je  ferai  de  mon  mieux  pour  qu"  il  tl  j  ait  pas  de  temps  perdu. 
Je  me  rendrai  apres  demain  ä  Compiegne  et  y  suivrai  ma  besogne  de  pres. 

Les  dispositions  me  paraissent  encore  toujours  favorables  et  je  crois 
ne  ra'y  pas  trom])er.  J'ai  tire  preliminairement  aux  ouvertures  que  je 
viens  de  faire  differents  aveux  de  Mr.  Rouille  et  de  FAbbe  de  Bernis  qui 
sont  certainement  de  tres  bon  augure.  Mr.  Rouille,  lorsque  je  lui  parlai 
de  la  necessite  d'une  armee  ä  fournir  par  la  France  m'a  dit:  »ne  vous 
suffit-il  pas  que  nous  tenions  FAngleterre  occupee  et  que  nous  F  obligions 
tant  que  durera  votre  guerre  contre  le  Roi  de  Prusse  ä 
garder  et  retenir  dans  son  contineut  les  troupes  Hannoveriennes  et  Hessoises 
qui  pourraient  venir  au  secours  de  votre  ennemi;  pourvu  que  nous 
restions  en  guerre  avec  FAngleterre  jusqu'ä  ce  que  vous 
soyez  venus  u  bout  de  votre  entreprise,  que  pouvez  vous  desirer 
de  plus?«  II  m'a  parle  aussi  de  son  propre  chef  d'une  diversion  ä  faire 
dans  F  Electorat  d'  Hannovre.  FAbbe  de  Bernis  me  dit  en  parlant  de  cette 
arraee  a  mettre  en  campagne:  »Et  si  au  lieu  de  cette  armee  nous  vous 
fournissions  un  corps  de  vingt  mille  bommes  compose  de  troupes  de 
differents  princes,  auxquels  nous  payerions  des  subsides  etc.«  ces  propos 
et  differents  autres  encore  me  fönt  voir  que  Fon  reconnait  certainement 
la  necessite  de  cooperer  efficacement  ä  la  reussite  de  notre  entreprise. 
Aussi  ne  suis-je  nuUement  effraye  de  ce  qui  est  dit  dans  la  derniere 
reponse  du  Roi,  pour  faire  sentir  qu'  on  avait  cru  qu'  il  suffisait  de  la 
renonciation  a  F  alliance  du  Roi  de  Prusse.  II  est  assez  naturel  que  Fon 
se  tienne  tant  que  F  on  peut,  sur  la  defensive :  on  voudrait  ne  rien  risqutr 
et  obtenir  de  tres-grands  avantages:  mais  quand  on  reconnaitra  bien,  quil 
n'y  a  pas  moyen  de  conclure  sur  ce  pied  la,  et  qu'il  faut  absolument 
rabattre  de  ses  demandes,  et  ajouter  ä  ses  offres  pour  le  concours:  j'espere 
qu"  on  s'  y  pretera  jusqu'  ä  un  certain  point  s'  entendre,  car  je  suis  bien 
eloigne  de  me  flatter  de  pouvoir  obtenir  la  totalite  des  conditions  de- 
mandees.  —  —  —    — 

P.  S.  1.  Si  j'ai  compris  le  sens  des  ordres  qui  me  sont  parvenus  nous 
comptons  qu'  il  faudra  mettre  quatre  armees  en  campagne,  1*^  la  notre,  2'^^'^'  celle 
de  Russie,  3*^°  Celle  qui  doit  etre  composee  des  trouppes  de  differents 
Puissances,  4*°  celle  que  la  France  doit  fournir.  C  est  dans  cette  con- 
formite  que  je  me  suis  explique,  et  j'  ai  eu  grand  soin  en  detaillant  la 
premiere  des  quatre  conditions  (pie  j'ai  proposees,  de  faire  comprendre 
((u'elle  etoit  indispensable  pour  la  reussite  puisque  c' etoit  eile  qui  devoit 
nous  procurer  ia  diversion  absolument  necessaire  ä  faire  par  une  Troi- 
sieme  armee,  ([ui  ne  devoit  pas  se  confondr«  avec  la  quatriene  que  nous 
demandons  immediatement  ä  la  France. 

Ce  3.  de  Juillet   1756. 

(3.  Juli    175fi). 

P.  S.  2.  Je  suis  tres  inquiet  du  jugement  que  F  on  portera  sur  ma  con- 
duite  et  sur  mes  raisonnemens.  II  me  paroit  d'  etre  dans  le  bon  chemin,  mais 


Znr  Geschichte  des  Jahres  1756.  155 

je  puis  nie  Iromper,  cela  n'  est  que  trop  possible  lorsqu'  on  est  charge  d'  une 
besogne  aussi  grande  et  aussi  delicate  que  V  est  Celle  que  j'  ai  ä  traiter. 
Je  crois  de  mon  devoir  de  dire  les  choses  comme  je  les  trouve,  et  je 
trouve,  certainement  la  Cour  d'  icy  dans  des  dispositions  favorables 
jjour  notre  grand  projet.  Elle  en  desire  la  reussite,  et  je  le  crois 
decidee  ä  j  cooperer  efficacement.  Toute  la  difficulte  consiste  en  ce 
qu'  eile  ne  voudroit  courir  que  peu  öu  i^oiut  de  risque,  et  obtenir  des 
avantages  bien  plus  grands  que  nous  ne  pouvons  lui  aecorder.  Elle  fera 
tout  ce  qu'  eile  croira  qu'  il  est  de  necessite  qu'  eile  fasse,  mais  rien  de 
plus ;  et  eile  insistera  sur  tout  ce  qu'  eile  croira  de  la  possibilite  d'  obtenir, 
et  ne  voudra  en  demordre  en  rien.  Voilä  je  crois  son  Systeme.  Elle  croit 
que  le  projet  peut  reussir  sans  qu'  eile  soit  obligee  ä  prendre  part  direc- 
tement  ä  la  guerre  contre  le  Koi  de  Prusse,  et  Elle  voudroit  s'  en  dispenser. 
Elle  espere  de  pouvoir  si  non  la  totalite  du  moins  la  plus  grande  partie 
des  Pays-Bas,  et  eile  ne  voudroit  pas  lächer  cet  avantage.  II  faut  voir 
si  r  on  pourra  s'  arranger  sur  ces  deux  points  et  je  ne  puis  cesser  de 
m"  en  flatter. 

10.  Juli  1756. 
Votre  Excellence  aura  vu  par  ma  tres  humble  depeche  en  cbiffre 
du  13.  de  ce  mois,  quel  etait  1' expedient  propose  par  Mr.  de  Machault 
d'  abord  ä  Mad.  de  Pompadour,  et  ensuite  au  Koi,  pour  faire  demeurer 
ici  r  Abbe  de  Bernis  jusqu'  ä  la  conclusion  de  notre  negociation.  Le 
jour  meme  du  depart  de  la  dite  depeche  on  fut  sur  le  point  d"  apres 
quelques  representations  que  je  crus  devoir  faire,  d'  abandonner  cet  expt§- 
dient  et  de  se  determiner  ä  ce  que  j'  avais  depuis  plusieurs  mois  propose 
ä  Mad.  de  Pompadour  comme  le  meilleur  de  tous  les  partis  ä  prendre 
sur  cet  objet,  savoir  de  fixer  ici  V  Abbe  de  Bernis  en  lui  donnant  ixne 
place  dans  le  conseil.  Je  fis  connaitre  que  la  nomination  de  1'  Abbe  a 
r  ambassade  de  Vienne  remplissait  a  la  verite  une  partie  de  1'  objet  que 
nous  nous  etions  proposes  en  cberchant  ä  empecher  son  depart  pour 
r  Espagne,  en  ce  que  1 "  Elle  le  faisait  rester  ici  jusqu'  a  la  conclusion 
de  notre  negociation  sans  que  cela  donnät  de  1'  ombrage  et  de  1'  inquietude 
aux  autres  ministres  et  nommement  ;i  Mr.  Eouille  et  2°  en  ce  qu'  eile 
donnait  une  apparence  tout-ii-fait  naturelle  aux  frequentes  conversatious 
que  nous  etions  obliges  d'  avoir  ensemble,  qui  malgre  toute  la  circon- 
spection  que  nous  y  apportons,  ne  peuvent  etre  toujours  ignorees;  mais 
que  neanmoins  la  partie  essentielle  de  1'  objet  que  nous  nous  etions  pi'o- 
poses  n"  etait  nullement  remplie  par  1'  expedient  en  question  ou  que  ce 
qui  importait  davantage  encore  que  les  arrangements  ä  prendre  presen- 
tement  entre  nos  cours,  etait  1'  execution  de  ces  arrangements  et  un  con- 
cert  parfait  sur  tous  les  objets  qu'  il  comprendrait,  que  c'  etait  principa- 
lement  pour  cet  egard  qu.'  il  avait  paru  necessaire  que  1'  Abbe  de  Bernis 
demem-ät  ici,  que  1'  on  pouvait  s'  attendre  ä  mille  inconvenients  et  mesen- 
tendus  dans  1'  execution  de  notre  concert,  si  1'  on  eloignait  1'  homme  qui 
avait  traite  toute  cette  affaire  depuis  son  commencement,  qui  ]Dar  1'  etude 
qu' il  en  avait  faite  etait  plus  ä  portee  que  tout  autre  d' avoir  une  con- 
naissance  eutiere  de  tout  ce  qui  y  etait  relatif,  qui  (comme  Mad.  de  Pom- 
padour me  r  avait  dit  elle-meme)  etait  le  seul  en  qui  le  Roi  eut  entiere 
confiance;    qui  se  trouvait  ä  portee  de  parier  confidentiellement   ä  chacun 


156  Adolf  Beer. 

des  ministres,  de  decouvrir  et  menager  leurs  differentes  vues  personnelles, 
de  reunii*  leurs  avis  et  de  rapporter  le  tout  au  sentiment  particulier  du 
Roi,  et  qui  enfin  par  sa  liaison  avec  Mad.  de  Pompadour  et  par  1'  estime 
qu"  eile  en  faisait  devenait  necessairement  V  homme  de  confiance  des  deux 
parties  et  celui  par  lequel  nous  entretenions  la  communication  si  neces- 
saire  avec  Mad.  de  Pompadour,  a  qui  je  ne  pouvais  parier  souvent  en 
particulier  et  qu'  il  importait'  beaucoup  de  faire  informer  de  tout  ce  qui 
avait  rapport  ä  notre  grande  afFaire  par  quelqu'  un  sur  qui  eile  comptät, 
et  sur  qui  V  on  püt  compter.  Que  toutes  ces  choses  se  rencontraient  dans 
r  Abbe  de  Bernis  et  exigeaient  indispensablement  qu'  on  le  fit  demeurer 
ici.  Qu'  ä  la  verite  il  pourrait,  se  trouvant  ä  Vienne  suivre  egalement 
notre  objet,  se  communiquer  avec  les  ministres,  ecrire  en  particulier  au 
ßoi  et  ä  Mad.  de  Pompadoiu'  etc.  Mais  que  tout  cela  ne  pouvait  faire  le 
meme  eifet  que  lorsqu'  il  se  trouvait  sur  les  lieux  et  etait  ä  portee  de 
voir  tout  par  ses  yeux  et  parer  k  tous  les  inconvenients  ä  craindre. 
Que  Mad.  de  Pompadour  se  souviendrait  qu'elle  m'  avait  dit  elle-meme, 
que  tous  les  Ministres  du  Eoi  ne  pensaient  pas  egalement,  qu'  il  y  en 
avait  dont  il  fallait  se  mefier  beaucoup  que  ceux-lä,  ou  pour  mieux  dire 
celui  lä  qui  aiFectait  d'  etre  ä  present  le  plus  zele  de  tous  pour  la  reussite 
de  notre  grand  ouvrage  ne  manquerait  pas  apres  le  depart  de  1'  Abbe  de 
faire  jouer  tout  plein  de  ressorts  Caches  pour  que  notre  projet  manquät, 
qu'il  aurait  beau  jeu  pour  lors,  puisque  la  communication  entre  Mad. 
de  Pompadour  et  nous  serait  interrompue  qu"  Elle  meme  n"  aurait  per- 
sonne qui  la  conseillät  et  ne  saurait  souvent  quel  parti  prendre  ni  a  qui 
se  fier  lorsqu'  il  s'  agirait  de  deliberations  politiques  sur  lesquelles  Elle  ne 
risquerait  pas  de  prendre  un  parti  par  Elle-meme ;  et  enfin  qu'  il  y  avait 
tout  ;'i  craindre  et  de  lui  et  de  la  chose  meme  qui  etait  trop  grande  et 
trop  etendue  pour  que  dans  1"  execution  il  ne  se  renconträt  tout  plein 
d'  incidents  et  de  difficultes,  qu'  on  ne  pouvait  pas  prevoir  d'  avance,  si 
r  on  ne  prenait  la  parti  auquel  je  croyais  qu"  il  faudrait  toujours  en 
venir  ä  la  fin  de  fixer  l'Abbe  de  Bernis  ici  et  de  lui  donner  place  au 
conseil. 

C  est  a  r  Abbe  de  Bernis  lui-meme  et  ä  Mad.  de  Pompadour  que  je 
fis  toutes  ces  representations,  ils  convinrent  qu"  EUes  etaient  tres  fondees, 
ils  en  redirent  une  partie  au  Roi  et  a  Mr.  de  Machault  et  1'  Abbe  de 
Bernis  me  rapporta  le  soir  qu'  il  croyait  que  notre  afiaii'e  etait  faite  et 
qu'  il  allait  rester  ici  pour  tonjours.  Mais  le  lendemain  on  changea  d'  avis 
et  on  se  determina  positivement  pour  1'  expedient  de  la  nomination  a 
r  ambassade  de  Vienne.  Je  crois  que  c'  est  Mr.  de  Machault  lui-meme  qui 
malgre  sa  liaison  avec  Mad.  de  Pompadour  a  agi  sur  ce  point  le  plus 
vivement  pres  du  Roi.  II  craint  apparemment  comme  tous  les  autres 
ministres,  que  si  1"  Abbe  venait  ü  rester  ici,  il  ne  s'  emparät  seul  de  toute 
la  confiance  du  Roi  et  ne  V  emportät  sur  eux  tous.  Cette  crainte  de  leur 
part  me  parait  assez  bien  fondee,  et  je  ne  suis  pas  etonne  de  tous  les 
mouvements  qu"  ils  se  donuent  pour  s'  en  delivrer.  Mad.  de  Pompadour 
m'a  declare  la  premiere  le  parti  auquel  le  Roi  s' etait  decide;  Elle  m"  a 
lait  connaitre  que  c'  etait  a  son  avis  dejä  un  grand  point  de  gagne  que 
d'  avoir  fixe  ici  1"  Abbe  pour  longtemps,  vu  qu"  on  ne  se  presserait  pas  de 
le  faire  partir,  que  cela  i)Ourx-ait  bien  trainer  une  annee  et  que  dans  cette 


Zur  Geschichte  des  Jahres  1756.  j^j 

annee  il  se  presenterait  peut-etre  des  circonstances  qui  faciliteraient  la 
reussite  de  nos  vues,  qu'  au  pis  aller  ce  serait  toujours  beaucoup  que 
d'avoir  fait  cesser  la  Jalousie  et  les  inquietudes  de  Mr.  ßouille  et  les 
ineonvenients  qui  an  resultaient,  de  nous  etre  assures  que  1'  Abbe  resterait 
ici  jusqu'  ä  la  conclusion  de  notre  negociation  et  qu'  au  surplus  sa  nomi- 
nation  ne  pouvait  a  tous  egards  qu'  etre  fort  agreable  ä  ma  com-.  Elle 
me  dit  que  Mr.  Eouille  m' en  parlerait  et  que  je  ne  lui  fisse  pas  con- 
naitre  d'  en  avoir  ete  instruit  auparavant.  II  m'  en  parla  en  effet  le 
meme  jour  comme  d'  une  idee  qui  lui  etait  venue  ä  lui-meme,  il  me  de- 
manda  ä  d'  expedier  un  courrier  pour  faire  part  a  ma  Cour  de  cette 
resolution,  il  me  suggera  ce  qu  il  desirait  que  j'ecrivisse  ä  ma  Cour  et 
me  pria  de  lui  communiquer  ma  lettre  pour  V.  E.,  ainsi  qu'  il  me  com- 
muniquerait  celle  qu'  il  ecrirait  ä  Mr.  d'  Aubeterre.  C  est  ce  qui  m'  a 
oblige  d'ecrire  ä  V.  E.  sur  cet  objet  une  lettre  separee  qu' Elle  trouvera 
ci-jointe  et  que  j'  ai  fait  lire  ä  Mr.  Eouille.  J'  y  ai  rendu  tous  ses  pro- 
pos  tels  qu'  il  me  les  a  tenus  et  j'  ai  du  y  garder  en  difierents  endroits 
des  menagements  personnels  pour  lui  que  V.  E.  n' aura  pas  de  peine  a 
apercevoir.  II  est  enchante  de  cet  expedient  et  m' a  fait  connaitre  qu' il 
comptait  que  ma  cour  serait  tres  contente  du  parti  que  le  Eni  prenait, 
qui  prouvait  bien  la  sincerite  de  ses  intentions  et  suffisait  seul  pour 
ecarter  tout  ombrage  et  soup^on  sur  le  vrai  desir  du  Eoi  de  terminer  au 
plus  tot  notre  negociation  et  de  procurer  u  Sa  Majeste  les  avantages 
qu'  Elle  3'  en  promettait. 

J'  aurais  desire  tres-fort  de  pouvoir  en  expediant  ce  courrier  marquer 
en  merae  temps  ä  V.  E.  quelque  chose  de  positif  au  sujet  de  cette  nego- 
ciation, et  lui  envoyer  les  reponses  aux  quatre  propositions  que  j'  ai  faites, 
il  y  a  trois  semaines  ä  cette  cour.  Mais  malgre  toutes  les  instances  que 
j'ai  fait  sans  cesse  pour  obtenir  ces  reponses,  et  malgre  les  dispositions 
favorables  oü  je  vois  1'  Abbe  de  Bernis  et  Mad.  de  Pompadour  et  oü  tout 
nous  prouve  que  le  Eoi  et  tout  son  ministere  persistent  constamment,  on 
ne  m'  a  pas  encore  donne  ces  reponses.  L'  Abbe  de  Bernis  m'  a  promis 
hier  tres  positivement  que  je  les  aurais  sans  faute  quatre  ou  cinq  jours 
apres  1'  arrivee  du  Marechal  de  Bellisle  qui  est  attendu  ici  avant  la  fin 
du  mois,  et  ä  qui  on  a  envoye  par  courrier  1'  ordre  de  presser  son  retour 
tant  qu'  il  le  pourrait.  I'  ai  vu  sa  reponse,  qui  me  prouve  en  effet  qu'  on 
n'attend  que  lui  pour  se  decider  sur  le  parti  ä  prendre;  tout  ce  que  je 
puis  entrevoir  par  les  conversations  particulieres  que  j'  ai  eues  pendant 
tout  ce  temps  avec  Mad.  de  Pompadour  et  avec  chaque  individu  du  mi- 
nistere me  fait  prevoir  que  les  plus  grandes  difffcultes  rouleront  sur  la 
condition  que  j'  ai  mise  au  Nr.  2.  Ce  n'  est  pas  que  je  ne  prevoye  que 
les  trois  autres  et  nommement  les  deux  derniäres  en  rencontreront  beau- 
coup aussi,  mais  du  moins  y  aura-t-il  ä  cet  egard  quelque  moyen  d'  ac- 
commodement,  au  lieu  que  je  n'  en  vois  aueun  sur  1'  objet  de  la  condition 
dont  je  viens  de  parier.  On  me  declare  constamment  et  positivement  que 
le  Eoi  ne  veut  ni  ne  peut  entrer  en  guerre  offensive  contre  le  Eoi  de 
Prusse,  que  depuis  le  commencement  de  la  negociation  c'  avait  toujours 
ete  lä  son  sentiment,  qui  m'  avait  ete  dit  et  confirme  ä  chaque  occasion ; 
qu'autre  chose  serait  si  le  Eoi  de  Prusse  venait  a  nous  attaquer  et  ä 
nous  mettre  par  lä  dans  le  cas  de  demander  des  secours  defensifs;    mais 


158 


Adolf  Beer. 


i^ue  pour  r  offensive  il  etait  impossible  de  nous  donner  des  troupes,  iiue 
meme  nous  n'  en  avions  nul  besoin,  mais  que  1'  on  nous  donnerait  des 
secours  puissants  en  argent  et  nous  procurerait  les  moyens  d'  avoir  autant 
de  troupes  auxiliaires  qu' il  nous  en  fallait.  Qu' il  n' etait  pas  juste  a 
nous  d'  insister  sur  une  chose  qui  etait  contraire  aux  sentiments  du  Roi 
et  qui  meme  etait  en  certaine  fa(;on  impossible,  puis<iue  V  on  ne  pouvait 
pas  pousser  avec  vigneur  la  guen-e  contre  1'  Angleterre,  garnir  les  cötes, 
nous  fournir  des  sommes  d'  argent  immenses  et  raettre  outre  cela  une 
armee  en  campagne. 

Que  r  on  me  prouverait    clair    comme   jour  que  la  reussite  de  notre 
entreprise    etait    certaine    sans    le    secours    d' une    armee    fran^aise.     Mais 
qu'  ä  ce  seul  point  pres  on  ferait  tout  ce  que  nous  pouvions  desirer,  ou 
qu"  il    etait   juste    qu"  on    concourüt    efficacement  ä  la    reussite    de    notre- 
entreprise  et  que    1'  on  y  etait  decide.     Je  ne    me  suis  encore  reläche  en 
rien  de  ma  demande  et  je  compte  de  tenir  bon  jusqu"au  bout  puisque  ce 
sera  lä  le  veritable    moyen    d'  obtenir  des  conditions  plus  favorables  pour 
le  reste.     J"  oppose  des    raisons    d'  impossibilite    aux    arguments    d'  impos- 
sibilite  qu'  on  me  produit,  et  j'  ai  mhme  fait  entrevoir  dejä  differentes  fois 
que  je  craignais    fort    que  sur  ce  pied  la  nous  ne  nous    arrangerions  pas. 
II  faudra  voir  les  reponses,  elles  nous  mettront  ä  portee  de  faire  un  juge- 
ment   plus    precis  et  plus  sür.     Mad.  de  Pompadour  et  1'  Abbe  de  Bernis 
m'  ont  fait  apercevoir  assez  clairement,  qu"  il  ne  serait  jias  de  notre  propre 
interet    d'  engager    cette    cour  ä  une    demarche    qui    ne  pourrait    manquer 
de  donner    beaucoup    de  credit    et    d'  influence    dans    les    affaires    au    seul 
ministre    qui    etait    oppose    ä    notre    Systeme    et  ä    la    faveur    de  Mad,  de 
Pompadour,  cet  argument  n'  est  pas  depourvu  de  fondement  quoiqu'  en  effet 
il  ne  soit  pas  convainquant   vu    qu'  il    est    certain    que  le  credit  de  Mad. 
de  Pompadour  est  mieux    t§tabli    que   jamais,    et    que    celui  de  ses  adver- 
saires    baisse    d'  un  jour  ä  1'  autre.     Mr.  Rouille  ne  me  parle  plus  depuis 
quelque  temp«  de  Y  expedient  dont  il    m'  avait  fait  mention    d'  une  diver- 
sion  ä  faire    dans    le  Pays    d'  Hannovre.     L'  Abbe    de    Bernis    n'  a   jamais 
touche    cette    corde    et  je    n'  ai    pas    voulu    lui  en    parier  le    i^remier,    de 
peur  que  cela  ne  lui  fit  croire  que  nous  pourrions  nous  contenter  de  cet 
expedient;  je  erois  pourtant  que  e' est  lä  ä  peu  pres  le  non  plus  ultra 
auquel  on  pourrait  se  decider  sur  la  dite  condition    Nr.   2.  Nous  verrons 
plus  clair  sur  tout  ceci  en  quinze  jours  au  plus  tard.    Mr.  Rouille  est  fort 
ttonne  de  ce  que  je  ne  regois  aucune    nouvelle  depuis  (luelques  semaines 
des   mouvements    du  ßoi    de  Prusse,  il  avait  ete  fort  inquiet    d'  abord  de 
Celles  qui  lui  sont  venues  ä  ce    sujet  de  Berlin  et  de  Dresde   mais  notre 
silence    le   rassure    et   il    commence  ä  croire    que    le    Roi    de    Prusse   n'  a 
nulle  envie  d"  attaquer,  et  que  nous  nous  en  doutons  bien.     Mr.  d'  Aube- 
terre  marque  (ju'  on    ne  parait    gueres    inquiet  ä  Vienne    des    monvements 
que  ce  Prince    fait  et  que    peut-etre    on    ne    demanderait    pas    mieux  que 
d' etre    attaque    par    lui;     comme    cette    lettre    est    arrivee    hier    au    soir, 
Mr.  Rouille  est  aujourd'  hui  de  cet  avis,  peut-etre  changerait-il  demain  si 
j'  etais    dans  le  cas  de  lui  faire    apercevoir    de    grandes    inquietudes  ä  cet 
egard,  ce  que  je  n'  ai  pas  juge  ä  propos  de  faire  dans  la  position  presente 
de    nos    affaires  et  nommement    depuis    que  je    sais    la    fa9on    dont  on  a 
repondu  ä  Mr.  de  Valory  et  de  Broglie,    et   les  propos  que  Mr.  Rouille  a 


Zur  Geschichte  des  Jahres   1756.  159 

tenus  ä  Mrs.  de  Fitzthum  et  de  Kniphausen  avec  le  dernier  desquels  il  a 
eu  ces  jours  passes  une  prise  tres  vive.  On  a  fait  connaitre  a  tous  ces  ini- 
nistres,  que  si  le  Eoi  de  Prusse  venait  ä  nous  attaquer,  on  etait  decide 
de  nous  donner  non  seulement  les  secours  stipules  mais  de  nous  assister 
en  outre  de  toutes  ses  forees.  Mr.  de  Kniphausen  s'  est  attire  lui-meme 
ce  propos  par  ceux  qu'  il  a  tenus  ä  Mr.  Eouille  pour  lui  faire  connaitre 
que  le  Roi  de  Prusse  n'  avait  d'  autre  but  dans  les  dispositions  qu'  il 
faisait  que  de  se  mettre  en  etat  de  defensive  au  cas  que  la  cour  de 
Yienne  vint  ä  1'  attaquer,  comme  eile  en  avait  le  dessein  que  comme 
apparemment  eile  chei'cherait  ä  inspirer  des  soupQons  ä  la  France,  il  etait 
de  r  interet  de  son  maitre  de  chercher  ä  les  detruire.  Mr.  Eouille  a 
repondu,  que  nous  cherchions  si  peu  ä  inspirer  des  soupQous  ä  sa  cour  que 
c'  etait  eile  au  contraire  qui  venait  de  me  donner  avis  des  nouvelles  qu"  eile 
recevait  de  differents  parts  concernant  les  dispositions  que  ce  Prince  faisait ; 
qu'  au  reste  le  roi  comptait  trop  sur  la  prudence  de  Sa  Majeste  Prussienne, 
pour  qu'  il  put  s'  attendre  que  ce  Prince  voulut  en  attaquant  Sa  Majeste 
Imperiale,  le  mettre  dans  la  necessite  d'  entrer  directement  en  gueiTe  avec 
lui  ce  qui  n'  avait  jamais  ete  son  Intention  et  ä  quoi  il  serait  tres-fäche 
de  se  voir  oblige.  C  est  ce  propos  qui  a  donne  lieu  a  la  vivacite  de 
la  siiite  de  cette  conversation  depuis  laquelle  le  Baron  de  Kniphausen 
me  paräit  de  tres  mauvaise    humeur  et  tr^s    embarasse  de  sa  contenance. 

Mr.  de  Fitzthum  s'  est  donne  beaueoup  de  mouvements  pour  m'  en- 
gager  ä  agir  aupres  de  cette  cour,  afin  qu'  eile  se  determinät  i\  faire  des 
offres  de  subsides  ä  la  sienne.  Je  lui  ai  conseille  d'en  parier  a  Mrs. 
Eouille  et  de  ßernis  et  je  leur  ai  represente  qu.'  il  serait  ä  propos  de  lui 
donner  au  moins  des  esperances ;.  Je  crois  qu"  ils  1'  ont  fait,  et  cela  n'  etait 
pas  bien  difificile  parce  qu'  il  est  convenu  lui-meme  qu'  il  n'  avait  aucun 
ordre  d'  en  faire  la  demande  en  forme ;  au  moyen  de  quoi  on  lui  a  re- 
pondu :  qu'  il  voyait  bien  qu'  on  ne  pourrait  pas  traiter  avec  lui  s'  il  n'  avait 
des  ordres  pour  cela.  J'  ai  marque  en  dernier  lieu  ä  V.  E.  quelles  etaient 
les  vues  que  je  puis  croire,  que  1'  on  a  ä  cet  egard  et  il  serait  peut-eti-e 
mieux  qe  ce  füt  nous  qui  traitassions  immediatement  avec  la  Saxe,  parce 
que  cela  faciliterait  beaueoup  la  reussite  des  desseins  que  nous  avons  de 
ce  cöte-lä.  J'  ai  lieu  de  croire  qu'  on  compte  de  s'  assurer  de  cette  cour 
au  moyen  des  subsides  que  nous  lui  payerions  et  de  la  promesse  de  faire 
elire  de  Prince  Electoral  Roi  de  Pologne  ä  la  mort  du  Eoi  son  Pere :  c'  est 
au  moins  lä  tout  ce  que  je  puis  inferer  de  plusieurs  propos  qui  sont 
echappes  ä  Mad.  de  Pompadour,  lorsque  je  lui  parlai  de  ce  qui  est  contemi 
dans  la  depecne  de  Petersbourg  du  8^  Juin  au  sujet  du  Prince  de  Conti. 

J'  ai  reflechi  longtemps  sur  la  fagon  dont  j'  executerais  les  ordres 
que  V.  E.  m'  a  fait  parvenir  ä  cet  egard  par  le  meme  courrier  que  je 
renvoye  aujourd'  hui  et  j'  ai  trouve  tout  bien  considere  qu'  il  n'  y  avait 
rien  de  mieux  ä  faire  que  d'  en  parier  tout  naturellement  ä  Mad.  de 
Pompadour,  qui  a  juge  a  propos  que  j'  en  parlasse  ensuite  aussi  ä  V  Abbe 
de  Bernis,  mais  non  ä  Mr.  Eouille  ni  ä  aucun  des  autres  ministres.  Ce 
que  j'  ai  pu  lirer  des  deux  est  une  assurance  pesitive  qu'  ils  m'  ont  donne 
r  un  et  r  autre  que  j'  allais  avoir  avec  les  reponses  que  1'  Abbe  de  Bernis 
devait  me  donner,  un  eclaircissement  entier  de  ce  qui  avait  ete  dit  dans 
la  reponse  du   1  ^  de  May  au  sujet  de  la  Pologne.     Le  roi  qu'  ils  ont  in- 


160 


Adolf  Beer. 


forme  de  la  demarche  fait  par  Mr.  le  prince  de  Conti  aupres  de  1"  Impe- 
ratrice  de  Eussie,  assure  qu'  il  n'  en  a  ancune  conuaissance  et  ne  croit 
pas  qu'  eile  puisse  etre  vraie.  II  a  voulu  s"  en  eclaircir  avec  Mr.  le  Prince 
de  Conti  lui-meme  mais  on  V  en  a  detourne.  II  a  dit  neanmoins  qu'  il 
etait  tres  possible  que  le  Prince  de  Conti  eüt  donne  quelque  commission 
ä  Mr.  Duglas  qui  lui  avait  ete  toujours  personnellement  attache,  mais 
qii'  il  croyait  que  ce  ne  pouvait  etre  que  des  compliments  et  (pour  me 
^ervir  de  la  meme  expression  que  Mad.  de  Pompadour)  des  coquetteriesi 
ä  sa  fa9on.  Mais  qu'  il  n'  etait  gueres  vraisemblable  qu'  il  eüt  demande 
ä  r  iusu  du  Koi  la  permission  de  se  rendre  ä  Petersbourg.  Ils  m'  ont 
dit  tous  deux  qu'  il  etait  vrai  que  le  Prince  de  Conti  faisait  depuis  long- 
temps  des  demarches  pour  se  faire  elire  Eoi  de  Pologne,  que  meme  le  Eoi 
avait  paru  s'  y  preter,  mais  que  jamais  ce  n'  avait  ete  une  Intention  bien 
decidee  qu'  il  n'  etait  ni  juste  ni  convenable  decontrecarrer  1'  election  du 
Frere  de  Mad.  la  Daupbine  que  meme  on  ne  sait  pas  comment  le  Prince 
de  Conti  pourrait  soutenir  la  dignite  Eoyale,  que  c'  etait  sa  chimere,  et 
qu'  on  la  lui  avait  laissee,  qu'  il  y  avait  des  gens  qu'  il  etait  bon  de  tenir 
occupes,  que  c'  etait  un  os  qu'  on  lui  avait  donne  ä  ronger  qui  1"  empechait 
de  mordre  ä  autre  chose  et  en  un  mot  qu'  on  me  parlerait  sur  tout  ce  qui 
concernait  cet  objet,  langage  si  clair  et  si  positif  qu'  il  ne  resterait  plus 
aucun  doute,  et  que  les  vues  du  roi  nous  seraient  entiörement  connues. 
Je  n'  en  ai  pas  demande  davantage,  il  faudra  voir  si  Ton  tiendra  parole 
et  je  jugerai  trfes-aisement  par  la  combinaison  de  differentes  circonstances 
si  le  langage  qu"  on  tiendra  ä  ce  sujet  est  sincere,  ou  si  1'  on  y  aura  mis 
quelque  reserve.      —      —      —      —      —      — 

Post  S.  •      ce   18-  Juillet   17  56. 

V.  E.  s'  attendra  sans  doute  ä  la  reception  de  cette  depeche  d'  y  trouver 
la  reponse  de  cette  cour  aux  conditions  que  nous  lui  avous  proposees. 
Ce  n'est  certaiment  point  ma  faute  si  eile  ne  s' y  trouve  pas.  Je  presse 
tant  que  je  puis,  mais  on  me  repond  qu'  il  faut  avoir  tout  le  temps  de 
la  reflexion  lorsqu'  il  s'  agit  de  prendre  une  resolution  des  objets  aussi 
gi-ands  et  d' aussi  grande  consequence  que  ceux  dont  il  est  question. 
D'  ailleurs  on  ne  veut  rien  decider  sans  1'  avis  du  Marecbal  de  Bellisle. 
J'  espere  que  les  premiers  jours  du  mois  prochain  je  serai  en  etat  d'  en 
dire  davantage.  En  attendant  je  ne  perds  pas  mon  temps  ici.  Je  vois 
souvent  les  ministres,  je  parle  ä  chacun  d'  eux  en  particulier,  je  täche  de 
connaitre  leurs  dispositions  et  de  m'  assurer  leur  confiance  et  amitie.  La 
petite  difficulte  du  ceremonial  qui  m'  empechait  de  voir  Mr.  de  Machault 
est  levee,  sans  ((u'  il  y  ait  eu  d'  explication  ä  cet  egard.  J'  ai  ete  le  voir 
sans  savoir  s'  il  me  rendrait  la  visite,  il  m'  a  re^u  avec  beauccup  de  poli- 
tesse  et  est  retourne  quekiues  jours  apres  chez  moi.  Mr.  d'  Argenson  me 
fait  beaucoup  d'  accueil,  je  le  vois  assez  frequemraent,  mais  de  fagon  ü  ne 
pas  pouvoir    donner    d'  ombrage  aux  gens    r|ui  ne  sont  pas  bien  avec  lui. 

Mad.  de  Pompadour  m"  a  fort  recommande  la  derniere  fois  que  je 
r  ai  vue  de  dire  de  sa  part  ä  V.  E.  qu'  Elle  la  priait  instamment  d'  ecarter 
pour  1"  avenir  tout  soupc-on  et  toute  mefiance  qui  ne  pouvaient  etre 
qu'  injustes  et  mal  fondes  et  ([ui  blessaient  la  delicatesse  du  Eoi. 


Kleine  Mittheiluugeu. 

Die  Städtegründimffeu  Heinrichs  I.  Zu  den  vielen  Streit- 
iragen.  über  die  eine  völlige  Einigung  noch  nicht  erzielt  ist,  zählen 
auch  die  Städtegründungen  Heinrichs  I.  in  Sachsen.  Zwar  über  den 
Charakter  der  neuen  Städte  besteht  keine  ernstliche  Meiauncrsversehie- 
denheit:  sie  waren  Festungen  und  sollten  militärischen  Zwecken  dienen. 
Dagegen  herrschen  noch  Zweifel  inbezug  auf  eine  verfassungsrecht- 
liche Frage,  welche  damit  zusammenhängt.  Wir  hören,  dass  Heinrich 
die  umwohnende  Landbevölkerung  für  die  Befestigung  und  die  dauernde 
Besetzung  der  Städte  verwendet  hat.  Konnte  nun  der  König  solche 
Dienste  von  jedem  freien  Mann  fordern  oder  nur  von  den  Leuten,  die 
sich  in  einer  privatrechtlichen  Abhängigkeit  von  ihm  fanden  und  auf 
seinem  Grund  und  Boden  lebten  ?  Von  dem  Ausfall  der  Antwort  hängt 
tjs  ab,  ob  man  in  den  neuen  Städten  ausschliessHch  königliche  Pfalz- 
städte zu  erblicken  hat,  oder  ob  man  annehmen  darf,  dass  Heinrich 
seine  Anordnungen  auch  auf  andere  Orte  hat  ausdehnen  können  und 
ausgedehnt  hat  Unsere  Hauptquelle,  der  Bericht  des  Widukind,  spricht 
äch  über  den  streitigen  Punkt  nicht  mit  der  wünschenswerthen  Klar- 
heit aus.  Man  kann  aber,  wie  mir  scheint,  zu  einem  völlig  befriedi- 
genden Ergebniss  kommen,  wenn  man  anderes  Material  heranzieht, 
das  bisher  nicht  oder  nicht  genügend  verwerthet  ist. 

Die  viel  citierte  Stelle  über  die  Maassregeln  Heinrichs  lautet  bei 
Widukind  I,  35  fblgendermassen :  Et  primum  quidem  ex  agrariis  mi- 
litibus  nonum  quemque  eligens  in  urbibus  habitare  fecit,  ut  caeteris 
confamiliaribus  suis  octo  habitacula  extrueret,  frugum  omnium  tertiam 
partem  exciperet  servaretque,  caeteri  vero  octo  seminarent  et  meterent 
frugesque  colligerent  nono  et  suis  eas  locis  reconderent.  Cohcilia  et 
omnes  couventus  atque  convivia  in  urbibus  voluit  celebrari:  in  quibus 
extruendis   die   noctuque    operam    dabant,    quatinus  in  pace   discerent, 

Mittheilnngen  XVII.  11 


|g2  Kleine  Mittheilungen. 

quid  contra  liostes  in  necessitate  facere  debuissent.  Vilia  aut  nulla 
extra  urbes  fuere  moenia. 

Es  herrscht  üebereinstimmung  darin,  dass  Heinrich  bisher  offene 
;(L)rte  ummauert  und  dadurch  zu  Städten  gemacht  hat.  Allerdings  sagt 
dies  Widukind  nicht  geradezu,  aber  seine  Andeutungen  können  in 
Verbindung  mit  den  übrigen  Nachrichten,  die  wir  haben  i),  nicht  an- 
ders verstanden  werden.  In  den  neuen  Städten  Hess  der  König  ex 
agTariis  militibus  jeden  neunten  Mann  Wohnung  nehmen.  Unter  den 
Gründen  für  diese  Anordnung  lässt  Widukind  wieder  den  wichtigsten 
nicht  recht  deutlich  hervortreten:  offenbar  sollten  doch  jene  agrarii 
milites  als  Besatzung  dienen.  Ebensowenig  spricht  er  mit  bestimmten 
Worten  aus,  wer  denn  eigentlich  die  Mauern  erbaut  hat.  Der  ganze 
Bericht  giebt  nur  Aeusserlichkeiten  ohne  strenge  logische  Verknüpfung. 
Allein  Wesen  und  Zweck  von  Heinrichs  Anordnungen  lässt  sich  daraus 
doch  mit  hinreichender  Klarheit  erkennen:  der  König  verfügte,  dass 
bestimmte  Orte  von  der  umwohnenden  Landbevölkerung,  zu  der  auch 
die  agrarii  milites  gehörten,  befestigt,  verproviantiert  und  mit  einer 
Besatzung  versehen  und  diese  von  den  draussen  Wohnenden  unter- 
halten würde.  Dafür  sollte  das  Landvolk,  wenn  der  Feiud  drohte,  in 
den  neuen  Städten  Schutz  und  Aufnahme  finden. 

Streitig  ist  nun,  ob  Heinrich  diese  Anordnungen  nur  für  seine 
königlichen  und  herzoglichen  Domänen  getroffen  hat  oder  auch  anderswo. 
Man  hat  früher  in  den  agrarii  milites  freie  Grundbesitzer  gesehen; 
indessen  nach  dem  Vorgange  von  Waitz  und  Giesebrecht  hat  man 
in  neuerer  Zeit  meist  angenommen,  dass  es  abhängige  Leute  des  Kö- 
nigs waren,  da  dieser  anderen  dergleichen  nicht  hätte  befehlen  können-). 
Jedoch  Widerspruch  dagegen  ist  nicht  ausgeblieben.  Neuerdings  hat 
Hegel  agrarii  milites  übersetzt  mit  „Umwohner  des  Landes"  ^) ;  und 
in  einem  kürzlich  erschienenen  Buch  von  Keutgen  ^)  wird,  freilich  mit 
einiger  Unsicherheit,  die  Ansicht  geäussert,  „dass  die  heerbannpflich- 
tigen Bauern  gemeint  sind"  '"). 

Hier  helfen  uns  Urkunden  weiter.  Im  Jahre  940  verlieh  Otto  I, 
dem  Kloster  Corvey  ß),  dass  seine  Aebte  bannum  habeant  super  ho- 
mines,  qui  ad  prefatum  coenobium  et  ad  civitatem  circa  illud  debent 
ponstructam  confugere  et  in  ea  operari,  hoc  est  in  pago  Auga  in  co- 


>)  Waitz,  Heinrich  I.,  3,  Aufl.  S.  95  fi'. 

-)  Die  Literatur  bei  Waitz,  Heinr.  L,  98,  Not.  6", 

3j  N.  A.  XVIII.  214. 

••)  Untersuchungen  über  den  Ursprung  der  deutschen  Stadtverfassung  45. 

^)  Vgl.  auch  Böhmer-v,  Ottenthai,  Keg.  Heinr,  I.  n.  12. 

*■•)  DD.  I,  114,  n.  27. 


Die  Städtegrünclungen  Heinrichs  I.  jgß 

lüitatu  Kethardi  et  in  pago  Netga  in  comitatu  Dendi  et  Hamponis  et 
iu  pago  Huetigo  in  comitatu  Herimanni;  nullus  horum  aut  aliqua 
iudiciaria  potestas  super  prefatos  homines  potestatem  [habeat  exercendij 
ullius  banni  quem  burgban  vocant,  nisi  ipsius  monasterii  abba  et  cui 
ipse  VLilt  committere.  Aehnliclie  Wendungen  hat  eine  Urkunde  Ottos  III. 
vom  Jahre  980  für  Gandersheim  i),  durch  die  er  der  Aebtissin  urbalem 

bannum,    quem  vulgariter  burgban  vocant, ad  praedictam  civi- 

tatem  pertinentera  bestätigte  und  dazu  diios  nostrae  dominationis  ur- 
bales  bannos,  unum  in  Seburg  et  alterum  in  Grene,  neu  hinzufügte. 
Man  erkennt  hier  deutlich  eine  Institution  des  öffentlichen  ßechts, 
die  lebhaft  an  die  Schilderung  des  Widukind  erinnert.  Es  sind  Land- 
bezirke abgegrenzt  und  für  jeden  eine  Stadt  bezeichnet,  in  der  zu 
Zeiten  der  Noth  die  Landbevölkerung  eine  Zuflucht  finden  soll.  Für 
dieses  Recht  hat  dieselbe  die  Pflicht  zur  Instandhaltung  der  Festungs- 
werke beizutragen,  und  die  Grafen  sind  befugt  die  Ausführung  der 
Befestigungsarbeiten  mit  dem  Banne  zu  erzwingen.  Das  ist  der  Buro-- 
bann,  der  nun  von  den  öffentlichen  Beamten  auf  die  geistlichen  Herr- 
schaften, denen  die  Stadt  untersteht,  übertragen  wird.  Die  Einrich- 
tung, einem  ländlichen  Gebiete  eine  Stadt  als  Zufluchtsstätte  zuzu- 
weisen, ist  auch  auf  das  unterworfene  slavische  Land  ausgedehnt.  Im 
Jahre  961  schenkte  Otto  I.  der  Morizkirche  zu  Magdeburg  den  Zehnten, 
welchen  die  zu  Magdeburg,  Frohse,  Barby  und  Calbe  gehörigen  Slaven 
zu  entrichten  hatten,  und  fügte  hinzu:  Hoc  instantissime  iubemus,  ut 
omnes  Sclavani.  qui  ad  predictas  civitates  confugium  facere  debent, 
annis  singulis  omnem  addecimacionem  eorum  plenissime  ad  sanctum 
Mauricium  persolvant  -).  Wie  in  der  Urkunde  für  Corvey  haben  wir 
auch  hier  das  bezeichnende  Wort  , debent',  das  auf  eine  obrigkeitliche 
Anordnung  hinweist.  Jeder  Zweifel  über  den  Charakter  der  ganzen 
Einrichtung  wird  aber  beseitigt  durch  eine  andere  Urkunde  Ottos  I. 
für  das  Morizkloster.  Im  Jahre  965  ^)  verlieh  er  demselben  den  Königs- 
bann in  der  Stadt  Magdeburg  und  dazu  opus  coustruend^  urbis  a 
circummanentibus  illarum  partium  incolis  nostro  regio  vel  impera- 
torio  iuri  debitum  *). 

')  DD.  II,  242,  n.  214. 

2)  DD.  I,  306,  n.  222^. 

5)  DD.  I,  416,  n.  300.  Der  hier  erwähnte  Königsbann  ist  natürlich  von 
dem  Burgbann  verschieden,  schloss  aber  vermuthlich  diesen  in  sich.  Der  Königa- 
bann  ist  der  Kirche  979  von  Otto  II.  neu  verliehen,  ohne  dass  dabei  von  dem 
Anspruch  auf  Befestigungsarbeiten  die  Rede  ist;  DD.  II,  225,  n.  198. 

*)  Ah  Otto  II.  974  der  Merseburger  Kirche  die  Stadt  Zwenkau  schenkte, 
bestimmte  er,  dass  kein  öffentlicher  Beamter  liberos  homines  infra  eiusdem  civi- 
tatis terminos   et   appertinentias   positos  ad  bannum   persolvendum  vel  ad  opus 

11* 


j(]^  Kleine  Mittheilungen. 

Diese  Urkunden  zeigen  uns,  dass  nicht  lange  nach  dem  Tode 
Heinrichs  I.  der  König  ki-aft  seiner  öffentlichen,  staatlichen  Gewalt  in 
Sachsen  das  Eecht  besass,  von  der  Landbevölkerung  Leistungen  und 
Dienste  für  die  Befestigung  von  Burgen  und  Städten  zu  fordern.  Es 
waren  dies  öffentliche  Lasten,  die  auf  den  Freien  ruhten.  Schon  im 
Jahre  940,  in  der  Urkunde  Ottos  I.  für  Corvey,  erscheinen  sie  als 
etwas  keineswegs  Neues,  sondern  werden  wie  etwas  Allbekanntes  und 
Eingebürgertes  behandelt.  Unbedenklich  darf  man  annehmen,  dass  sie 
schon  zur  Zeit  Heinrichs  I.  bestanden  haben. 

Man  darf  dies  um  so  eher,  als  der  König  nicht  allein  in  Sachsen 
von  freien  Leuten  Befestigungsarbeiten  beanspruchen  konnte.  Im 
Jahre  947  verlieh  Otto  L  dem  Erzstifte  Trier  eine  Immunitätsurkunde  i) 
In  der  bekannten  Weise  werden  darin  den  öffentlichen  Beamten  Amts- 
handlungen auf  dem  kirchlichen  Grund  und  Boden  untersagt  und  dabei 
auch  bestimmt,  dass  die  bischöfliche  familia  nicht  ad  aliquod  castelli 
opus  ab  exactoribus  veetigalium  impleatur.  Also  die  königlichen  Be- 
amten hatten  das  Recht  Beihülfe  zum  Burgenbau  zu  fordern,  sollten 
dasselbe  aber  gegen  die  Insassen  der  Immunität  nicht  zur  Anwendung 
bringen.  Für  Weissenburg  verfügte  Otto  I.  im  Jahre  965  ^),  dass  die 
Leute  des  Klosters  ad  nullam  aliam  civitatem  vel  castellum  muniendum 
ab  aliquo  cogantur  vel  distringantur,  nisi  tantum  ad  idem  praescriptum 
monasterium.  Hier  wie  anderswo  sehen  wir,  wie  das  ursprünglich 
öffentliche  Eecht  auf  eine  geistliche  Herrschaft  übergeht;  und  aus  der 
späteren  Zeit  haben  wir  viele  Beispiele,  dass  in  den  sich  bildenden 
geistlichen  und  weltlichen  Territorien  die  Leute  bestimmte  Pflichten 
für  den  Bau  und  die  Unterhaltung  der  Mauern  von  Städten  und 
Burgen  übernehmen  mussten  ^).  Besonders  charakteristisch  ist  eine 
Urkunde  des  Propstes  Adalbero  von  S.  Paulin  zu  Trier  vom  Jahre  1037  ^). 
Er  schenkte  dem  Kloster  des  heiligen  Matthias  vor  Trier  eine  Anzahl 
Villen  mit  der  Beschränkung,  ut  quelibet  domus  dictarum  villarum 
uno  die  singulis  annis  unius  viri  labore  pro  Castro  nostro  Sarburch 
laborare  tenebitur  et  tenetur;  doch  kann  diese  Last  in  Geld  abgelöst 
werden.  Auf  anderen  Tillen,  die  er  schenkt,  liegt  die  Verpflichtung, 
quod  quelibet  domus  predictarum   villarum,    viduis  exclusis,    dimidium 


muri  urbani  faciendum  aut  ad  miiiistrationem  expeditionis  tribuendam  .  .  .  co- 
-gere  vel  ullatenns  distringere  audeat;  DD.  II,  104,  n.  89. 

1)  DD.  I,   169,  n.  86.      .  ■.-  ; -:  :   .  ,      \   J  •=.,'    . 

-')  DD.  I,  401,  n.  287.. 

3)  Waitsi,  Verf.-Gesch.  VIII,  210;  Hegel,  Verf.-Gesch.  von  Mainz  42;  Köhue, 
Stadtveif.  in  Worms,  Speier  und  Mainz  84;  Eeutgen  4G. 

")  Mittelrhein.  U.  B.  I,  362,  n.  308  III;  wiederholt  a.  1159,  ibid.  678.  n.  616. 


Die  Städtegründungen  Heinrichs  I.  165 

lualdriim  avene  ad  castrum  uostrum  Sarburch  predictum  singulis  auuis 
dare  tenetiir,  ratione  cuius  nos  et  successores  nostri  in  Castro  predicto 
easdem  villas  ab  omnibus  sibi  violenciaoi  aut  iniuriam  facientibus  de- 
feusare  tenebimur  et  tenemur.  Also  die  Landleute  haben  für  die  Ver- 
proviantirung  von  Saarburg  Hafer  zu  liefern,  und  dafür  übernimmt  der 
Herr  der  Burg  ihren  Schutz,  ein  gauz  ähuliches  Verhältniss  wie  bei 
Widukind.  Allerdings  handelt  es  sich  in  jener  Urkunde  um  abhän- 
gige Leute;  aber  ihre  Verpflichtungen  sind  sichtlich  denen  der  Freien 
nachgebildet.  Vielleicht  auch  stammen  die  Lasten  aus  einer  Zeit,  wo 
die  Leute  noch  frei  waren;  darauf  deutet  der  Umstand  hin,  dass  der 
Burgherr  zu  einer  Gegenleistung  verpflichtet  ist. 

Man  sieht,  wenn  Heinrich  L  in  Sachsen  freie  Leute  zu  Arbeiten 
für  den  Burgenbau  zwang,  so  nahm  er  ein  Recht  in  Anspruch,  das 
dem  Könige  überall  im  Reiche  zukam.  Es  ist  nun  in  hohem  Grade 
wahrscheinlich,  dass  dieses  Recht  nicht  erst  im  10.  Jahrhundert  ent- 
standen ist  und  auch  die  übrigen  militärischen  Leistungen,  die  er  von 
den  Sachsen  forderte,  nichts  völlig  Neues  gewesen  sind,  sondern  dass 
er  nur  Einrichtungen  des  karolingischen  Staates  neu  belebt  und  in 
eigenthümlicher  Weise  ausgestaltet  hat.  Lehrreich  ist  hierfür  das 
Edictum  Pistense  vom  Jahre  864  c.  27  ^),  worin  Karl  der  Kahle  be- 
fiehlt: comites  vel  missi  nostri  diligenter  inquirant,  quanti  homines 
liberi  in  singulis  comitatibus   maneant,    qui  per  se  possunt  expeditio- 

nem  facere,    vel  quanti  de  his,    quibus  unus  alium  adiuvet,  — 

sive  de  his,  qui  a  quatuor  quintus  adiuvetur  et  praeparetur,  ufc  expe- 
ditionem  exercitalem  facere  possint,  et  eorum  summam  ad  nostram 
uotitiam  deferant;  ut  illi,  qui  in  hostem  pergere  non  potuerint,  iuxta 
antiquam  et  aliarum  gentium  consuetudinem  ad  civitates  novas  et 
pontes  ac  transitus  paludium  operentur  et  in  civitate  atque  in  marca 
wactas  faciant;  ad  defensionem  patriae  omnes  sine  ulla  excusatione 
veniant.  Man  unterscheidet  hier  zwei  Klassen  von  freien  Leuten,  je 
nach  den  militärischen  Pflichten,  die  ihnen  oblagen.  Die  einen  ziehen 
aus  gegen  den  Feind;  die  anderen  haben  die  Ausziehenden  zu  unter- 
stützen und  auszurüsten  und  militärische  Arbeiten  zu  verrichten.  Die 
Aehnlichkeit  mit  den  von  Widukind  beschriebenen  Anordnungen  Hein- 
richs  fällt  in  die  Augen.  Auch  unter  den  Karolingern  konnten  freie 
Leute  zum  Bau  von  Festungswerken  gezwungen  werden  2).  W^enn 
ferner  Widukind    hervorhebt,    dass    die   kriegerischen    Besatzungen    in 


•)  LL.  Sectio  II,  t.  11,  321. 

-)  Die  Verpflichtung   zum  Bau    von  Brücken   und  Dämmen    und   zu  Wach- 
diensten wird  auch  sonst  erwähnt ;  Waitz,  Verf.-Gesch.  IV^,  31,  35,  36. 


IQQ  Kleine  Mittheilungen. 

den  ueuen  sächsischen  Städten  von  den  draussen  Wohnenden  zu  un- 
terhalten waren,  so  lag  diese  Verpflichtung  in  dem  karolingischen  ad- 
iutorium  inbegriffen;  denn  da  der  Kriegsmann  sich  im  Felde  selbst 
zu  verpflegen  hatte  i),  so  mussten  die,  welche  den  Ausziehenden  in 
seiner  Ausrüstung  unterstützten,  ihm  auch  die  nöthigen  Mittel  zum 
Unterhalt  liefern.  Den  meisten  Austoss  hat,  wie  es  scheint,  die  neuere 
Forschung  daran  genommen  -),  dass  Heinrich  I.  einen  Theil  des  krie- 
gerischen Aufgebots,  wie  Widukiud  sieh  ausdrückt,  in  den  neuen 
Städten  Wohnung  nehmen  liess.  Allein  dass  einzelne  Abtheilungen 
lange  Zeit  unter  den  Waffen  blieben,  war  unter  den  Karolingern  nichts 
Seltenes  gewesen;  denn  wir  hören  häufig  von  Besatzungen,  welche  die 
Könige  in  Grenzorte  oder  wichtige  Punkte  feindlicher  Gebiete  legten  •^) 
Der  Herrscher  konnte  das  Heer  aufbieten,  wann  er  wollte,  und  es 
verwenden,  wie  es  ihm  beliebte.  Auf  Widerspruch  musste  er  nur  ge- 
fasst  sein,  wenn  er  Unerträgliches  oder  Unmögliches  verlangte.  Die 
Mannschaften  in  den  sächsischen  Städten  werden  aber  mit  ihrem 
langen  Kriegsdienste,  der  sie  fast  zu  einem  stehenden  Heere  machte, 
schwerlich  unzufrieden  gewesen  sein,  wenn  sie  dafür  von  anderen  un- 
terhalten wurden. 

Gewiss  hat  Heinrich  nicht  einfach  karoliugische  Einrichtungen 
erneuert.  Was  er  schuf,  passte  sich  den  momentanen  militärischen 
Bedürfnissen  an ;  aber  er  knüpfte  überall  an  die  A'^ergaugenheit  an,  an 
Traditionen  und  Gewohnheiten,  die  noch  nicht  verschwunden  waren; 
denn  bei  den  in  ewigem  Grenzkriege  lebenden  Sachsen  wird  die  ka- 
roliugische Wehrverfassung  wohl  kaum  ganz  in  Vergessenheit  gerathen 
sein.  Was  daher  Heinrich  in  der  Ungarnnoth  seinen  Landsleuten  zu- 
muthete,  war  für  diese  nichts  völlig  Neues  und  Unerhörtes,  Neu  war 
nur,  dass  er  aus  den  Ueberresten  einer  vergangenen  Zeit  wieder  ein 
wirksames  System  der  Landesvertheidigung  zu  machen  verstand. 

Heinrich  hat  für  seine  Maassnahmen  die  Genehmigung  eines  Reichs- 
tages nachgesucht  '^).  Damit  wird  ihr  staatlicher  Charakter  vollends 
gesichert;  denn  er  brauchte  niemanden  zu  fragen,  wenn  er  seine 
Pfalzen  befestigen  lassen  wollte  und  dazu  seine  eigenen  Leute  ver- 
wendete. Wohl  aber  konnte  die  Zustimmung  einer  Reichs  Versammlung 
der  königlichen  Autorität  eine  erwünschte  Stärkung  gewähren,  wenn 
er  von   den  Freien    militärische  Leistungen    forderte,    die    zwar   nicht 


M  Waitz,  Verf.-Gesch.  IV  2.  621. 
-')  Waitz,  Heinr.  I.  98. 
3)  Waitz,  Verf.-Gesch.  IV«,  613. 

*)  Miracula  S.  Wigberti  c.  5;  SS.  IV,  225;    Waitz,  Heinr.  I.,  95;    Böhmer- 
V.  Üttenthal  11.   12. 


Vier  verwandte  Arelatische  Diplome  Konrads  III.  IQJ 

ganz  neu,  aber  immerhin  ungewöhnlich  gross  und  für  das  Leben  des 
Einzelnen  oft  recht  einschneidend  waren. 

Kiel.  C.  Eodenbero-. 


Vier  verwandte  Arelatische  Diplome  Konrads  III.  Kon- 
rad III.  hat  nicht  ohne  Glück  versucht,  eine  festere  Verbindung  Bur- 
gunds  mit  dem  deutschen  Königreich  anzubahnen.  Der  erste  Staufer. 
der  die  Krone  trug,  Hess  es  sich  angelegen  sein,  im  Arelat  eine  Po- 
litik zu  inauguriren,  die  dann  von  seineu  grösseren  Nachfolgern  mit 
Erfolg  fortgesetzt  wurde :  die  geistlichen  Würdenträger  gewann  er  sich 
durch  Verbriefungen,  die  ihnen,  gegenüber  den  weltlichen,  ausgedehntere 
ßechte  gewährten;  er  mischte  sich  in  die  Streitigkeiten  der  Laien- 
aristokratie, begünstigte  die  eine  Parthei,  um  sich  auf  sie  gegen  die 
andere  stützen  zu  können  i). 

Unter  seineu  Urkunden  für  einzelne  Arelatische  Grosse  —  es  sind 
ihrer  nicht  viele  —  fallen  uns  vier  Diplome  auf,  die  durch  die  Ueber- 
einstimmung  eines  grossen  Theiles  ihres  Textes  zusammen  zu  gehören 
scheinen,  wenn  sie  auch  aus  verschiedeneu  Jahren  Konrads  herrühren. 
Es  sind  die  Privilegien  für  die  Erzbischöfe  von  Arles  (A)  und  Embruu 
(E),  für  den  Bischof  von  Viviers  (V)  und  für  den  Edlen  von  Clerieu  (C). 
Diese  Diplome,  mancher  Eigenschaften  halber  verdächtig,  daher  von 
den  Forschern  bald  für  acht,  bald  für  gefälscht  gehalten,  sollen  hier 
eingeheuder  geprüft  werden  -). 

1.  Das  Privileg  für  Arles.  Das  älteste  unserer  vier  Diplome 
ist   der  Datierung   nach    das   für   das   Erzbisthum  Arles    (A)  3).     Diese 


')  Hütfer,  Das  Verhältnis  Burgunds  zu  Kaiser  und  Reich  unter  Friedrich  I. 
(Paderborn  1874)  S.  23  tf.  —  Fournier  Le  royaume  d' Arles  1138—1378  (Paris 
1891)  S.  5  ff. 

2)  St.  3526—28  und  3584  hält  A  und  C  für  gefälscht,  E  und  V  für  echt. 
Hütfer  hält  A,  E,  V  für  acht  (S.  25),  C  in  der  vorliegenden  Form  für  zweifelhaft, 
den  Inhalt  für  authentisch  (S.  70).  Fournier  hält  alle  für  verdächtig,  C  für  ge- 
fälscht (S.  13  und  18  Anm.).  Bernhardi^  Jahrbücher  Konrads  III.  (S.  533  Anm.  65 
und  S.  891  Anm.  19)  hält  E  und  V  für  ursprünglicher,  A  für  danach  gefertigt, 
C  für  Fälschung.  Ficker,  Reichsfürstenstand  S.  302,  305  und  26,  zweifelt  nicht 
an  der  Aechtheit. 

3)  Saxi,  Pontificium  Arelatense,  (Aix  1629,  S.  226)  hat  neben  manchen  an- 
dern Fehlern  des  Abschreibers  im  Datum  .anno  quinto  VII«,  wo  für  quinto  na- 
türlich vero  zu  lesen  ist.  —  Eine  Copie  Arndts,  die  ich  durch  die  Güte  des  Herrn 
Professor  Scheffer-ßoichorst  erhielt,  enthält  den  Veimerk :  ,Ex  originali  spurio 
Arch.  Massiliensis.  Das  angebliche  Or.  in  groben  Schriftzügen  im  Livre  d'  or 
f.  71,  Siegel  verloren«,  ohne  weitere  Gründe  für  den  Verdacht.  Wahrscheinlich, 
handelt  es  sich  hier  um  eine  ziemlich  gleichzeitige  Copie. 


168 


Kleine  Mittlieiluncren. 


nennt  das  Jahr  1144  und  zwar  im  7.  Jahre  der  Regierung  Konrads  lll.v 
d.  h.  vom  18.  März  an  i).  Die  Zeugen  geben  keinen  sicheren  Anhalt 
für  die  Ausstellung.  Es  sind :  Heinrieh  von  Mainz,  Bucca  von  Worms, 
Ortlieb  von  Basel,  Burchard  von  Strassburg,  ein  Archidiakou  Diether 
und  ein  Notar  Albert.  Merkwürdig  ist  hierbei,  dass  der  Kanzler 
Arnold,  der  doch  während  der  ganzen  Eegierung  Konrads  als  Keco- 
o-uoscent  auftritt,  fehlt.  Nun  wissen  wir.  dass  Arnold  im  Febr.  1144 
nicht  am  Hofe,  sondern  in  Köln  ist  und  erst  am  25.  März  wieder  für 
Heinrich  von  Mainz  zeichnet-').  Somit  mag  A  Mitte  März  1144  in 
Würzburg  ausgestellt  sein  ^).  Statt  Arnolds  finden  wir  unter  den 
Zeugen  den  Erzbischof  Heinrich  selbst,  in  unsem  andern  drei  Diplomen 
aber  fehlt  er.  während  Arnold,  wenn  auch  nicht  wie  üblich  recognos- 
cirt,  so  doch  als  Zeuge  erscheint.  Wie  sollte  wohl  ein  Fälscher  im 
Arelat,  der,  wie  man  meint,  A  nach  dem  Muster  von  E  fabrizirte, 
auf  den  Gedanken  kommen,  plötzlich  Arnold  fortzulassen  und  Heinrich 
hinzuzusetzen  ? 

Der  hier  genannte  Notar  Albert  fehlt  bei  den  drei  andern  in  der 
Zeuo-enreihe.  Der  Name  des  sonst  Unbekannten  findet  sich  nun  — 
ausser  in  St.  3465,  s.  u.  Anm.  3  —  nur  noch  dreimal  und  zwar  in 
drei  andern  Arelatischen  Diplomen  der  nächsten  Zeit,  nämlich  in  dem 
für  Vienne  1146,  für  Arles  1153,  iür  Vienne  1153,  was  sehr  zu  be- 
achten ist.  ,.        .     - 

Der  Inhalt  von  A  giebt  zu  keinen  Bedenken  Anlass.  üeberein- 
stimmend  mit  späteren  Diplomen  ist  die  Betonung  der  Prärogative  des 
Erzbisthums  Arles.  Dann  wird  ein  Testament  des  Grafen  von  Toulouse 
erwähnt,  in  welchem  einst  dem  Erzbischof  Gibiliu  gewisse  Besitzungen 
abgetreten  sind.  Dies  Testament  ist  in  der  That,  aus  dem  Jahre  1105, 
vorhanden  ^)  und  bestätigt  mehrere  Angaben  in  A  ^).  Auch  für  die 
weiteren    Güterverleihuno-eu    liegen    andere    Urkunden    zum    Vergleich 


1)  St.  3528  u.  Hütt'er  (S.  25)  ziehen  A  zu  ]  146,  weil  sie  es  ohne  Noth  mit 
E  und  V  zusammenbringen:  die  Verschiedenheit  des  Datums  schien  ihnen  un- 
wesentlich gegenüber  den  Aehnlichkeiten  des  Contextes.  Und  auch  an  das  Datum 
kehren  sie  sich  nicht,  weil  sie,  (S.  S.  170,  Anm.  3),  die  drei  Diplome  nach  Böhmers 
Vorgang  zum  Speirer  Reichstag  vom  Januar  1147  ziehen  zu  müssen  glauben. 

-•)  St.  3466. 

s)  Diese  Annahme  wird  bestätigt  dadurch,  dass  am  23.  Febr.  1144  (St.  3465) 
für  den  abwesenden  Arnold  ebenfalls  Albert  (Adelbertus)  recognosciert,  der  hier 
capellanus  genannt  wird.  Bernhardi  (S.  370,  A.  2)  sagt,  Albert  habe  nur  diese 
eine  Urk.  recognosciert.  Aber  A  ist  die  zweite,  die  ihn  nennt  und  unter  Konrad 
kommt  er  noch  einmal  vor  (Bernhardi  S.  447  A.  39). 

'*)  Gallia  christiana  I,  preuves  S.  97.  .     j   .•  .i> 

''')  quartam  partem  Albaronis  et  6e  Fossö.  -     -  -  •  '■■'■'■    ''*-=- 


Vier  verwaudte  Arelatische  Diplome  Konracls  III.  Ißf) 

vor.  1153  haben  Papst  Anastasius  i),  wie  auch  Kaiser  Friedrich  1.-) 
dem  Erzbischof  Privilegien  gegeben.  Es  sind  keine  Confirmationen 
von  A  3),  aber  eine  Anzahl  von  Namen  findet  sich  in  allen  Diplomen  ^). 
Allerdings  giebt  A  die  bei  weitem  grösste  Anzahl  von  verliehenen 
Orten,  und  so  könnte  mau  hieraus  auf  eine  Fälschung  schliessen.  Aber 
näher  liegt  die  Erklärung,  dass  damals,  als  der  Erzbischof  sich  zuerst 
an  den  deutschen  König  wandte,  dieser  die  hohen  Ansprüche  von 
Arles  nicht  prüfen  konnte  oder  wollte,  dass  spätei-  aber,  wo  mittler- 
weile Concurrenten  aufgetreten  waren,  Arles  sich  bescheiden  musste^'). 

—  Noch  eine  Bestimmung  hat  A  allein :  in  der  Comminatio  sind  dem 
Uebertreter  als  Busse  40  tt  Goldes  angedroht,  iu  die  sich  Fiscus  und 
Erzbischof  zu  theilen  haben.  Warum  sollte  der  burgundische  Fälscher, 
der  diese,  sonst  übliche^),  Formel  in  E  nicht  fand,  sie  hinzusetzen,  da 
sie  doch  keine  praktischen  Folgen  hatte? 

So  finden  wir  keinen  Grund,  A  für  unecht  zu  halten.  Das  Erz- 
bisthum  Arles  hatte  noch  am  ersten  von  allen  Arelatischen  Ständen 
sich  eine  lockere  Verbindung  mit  dem  deutschen  Könige  bewahrt; 
Lothar,  als  er  diese  auffrischen  wollte,  hatte  sich  nicht  lange  vorher 
an  Arles  gewandt').    Jetzt  war  es    der  Erzbischof  Kaimund,    der    sich 

—  vielleicht  bedrängt  von  dem  Rivalen  in  der  Stadt  Arles,  dem  Grafen 
der  Provence^)  —  des  fernen  Souveräns  wieder  erinnerte,  und  zu 
Konrad  III.  mit  einem  umfangreichen  Privilegiengesuch  kam.  Dieser 
zögerte  nicht,  die  Hand  des  mächtigen  Metropoliten  zu  ergreifen  und 
ihm  1144,  vielleicht  im  März  zu  Würzburg,  das  uns  erhaltene  Diplom 
auszustellen.  Damit  war  ein  gutes  Beispiel  gegeben.  Schon  1 146  kam 
der  zweite  Metropolit  des  südlichen  Burgunds,  der  Erzbischof  von 
Vienne,  und  im  nächsten  Jahre  folgte  auch  der  Dritte,  der  von 
Embrun,  nach. 


')  Gall.  Christ,  ibid. 

2)  St.  Act.  ined.  n.  339. 

3)  Wie  Hüffer  S.  25  meint. 

*)  de  Fosso,  Albernicum,  Avalon,  Montdragon.  Friedrich  bestätigt  ausserdem 
von  den  in  A  genannten  Gütern :  Albaron,  das  Grau  (die  steinige  Ebene  bei 
Arles)  und  die  auch  später  immer  als  Reichslehen  bezeichnete  Burg  Salon: 
de  Fosso  und  Albaron  verleiht  er  ganz,  nicht  nur  zum  vierten  Theil,  wie  1105 
und  1144. 

s)  Barbarossa  liebte  überhaupt  keine  blossen  Bestätigungen  früherer  Diplome, 
wenn  er  auch  durch  den  Zusatz,  dass  Alles,  was  vorher  die  reges  Komanorum 
verliehen  hätten,  in  Kraft  bliebe,  die  Gültigkeit  anerkannte. 

'^)  Allerdings  gewöhnl.  100  Pfund. 

')  Hüffer  S.  24. 

s)  Ibid.  S.  102. 


170  Kleine  Mittheilungen. 

2.  Die  Privilegien  für  Embrun  (E)  i)  uud  Vi  vier  s  (V)-). 
Unter  den  vier  Urkunden  sind  diese  beiden  wieder  wegen  der  fast 
völligen  Uebereinstimmung  als  zusammengehörig  zu  betrachten.  Beide 
Male  giebt  Konrad  111.  den  Empfängern  die  Regalien  in  ihren  Städten, 
die  Münze,  den  Zoll  auf  den  Landstrassen  und  auf  dem  Flusse.  Ge- 
meinsam ist  auch  das  Datum:  ..1147.  im  10.  Jahre  der  Reffierung 
Konrads",  d.  h.  vom  13.  März  au'^).  Da  Konrad  bald  danach  ins 
heilige  Land  zieht,  könnte  man  die  Diplome  zu  April  1147  setzen. 

Dies  wird  gestützt  durch  die  unter  den  Zeugen  erwähnten  Bischöfe 
von  Strassburg  und  Havelberg.  Beide  waren  Mitte  März  zum  Pabste 
nach  Frankreich  geschickt,  wo  sie  ihn  am  30.  in  Dijon  trafen;  mit 
seinem  Bescheide  zurückgekehrt,  sahen  sie  Konrad  wohl  im  April  am 
Rhein*),  denn  am  1.  April  ist  er  in  Aachen,  am  20.  in  Bamberg. 
Aus  diesen  Tagen  dürften  unsere  Diplome  stammen. 

Die  Zeugen  stimmen  überein.  Gemeinsam  mit  A  sind  Ortlieb, 
Burchard,  Bucca  und  der  unbekannte  Archidiacon  Diether.  Dazu  kommt 
der  Kanzler  Arnold  (Arnulf),  ein  unbekannter  Rengerius  und  endlich 
„Constantiensem  Anselmum".  Da  der  Bischof  von  Constanz  damals 
Hermann  heisst,  so  können  diese  Worte,  wie  schon  die  Stellung  zeigt, 
nicht  zusammengehören.  Es  müssen  zwei  Personen  sein:  vor  Con- 
stantiensem  ist  der  Name  (Hermannum  oder  H.)  ausgefallen,  nach  An- 
selmum  der  Ort  (Havelbergensem.) 

Die  Unterschiede  zwischen  E  und  V  sind  gering.  E  hat  eine 
Invocatio,  V  nicht.  E  hat  vor  Conradus  noch  Ego,  was  bei  V  fehlt. 
Beides  kann  nicht  gegen  die  Aechtheit  sprechen,  denn,  wie  die  In- 
vocatio um  diese  Zeit  zu  verschwinden  beginnt,  wird  das  Ego  vor  dem 
Ausstelleruamen  häufig.  Uebrigens  kann  die  Verschiedenheit  auch  auf 
die  Copien  zurückgehen.  Auf  sie  ist  wohl  zu  schielten,  wenn  in  E 
Konrad  „Secundus'-  heisst,  in  V  nicht;  denn  die  Zahl  findet  sich  auch 
in  A  und  C.  Sollten  diese  kleinen  Difierenzen  aber  schon  in  den 
Originalen  gewesen  sein,  so  ist  das  ein  Beweis,  dass  weder  E  aus  V, 
noch  V  aus  E  gefälscht  ist.  Denn  gerade  diese  formalen  Theile  hätte 
der  Fälscher  im  Areiat  nicht  fortgelassen,  während  die  Kanzlei  darauf 
keinen  Werth  legte.  Im  Uebrigen  sind  die  Abweichungen  durch  die 
Unterschiede  der  Empfänger  und  ihrer  Kirchen  bedingt.    Dass  Embrun 


>)  St.  3526,  Gall.  christ.  III,  pr.  S.  179.     ■ 

2)  St.  3.527,  Gall.  christ.  XV,  pr.  S.  224,  Böhmer  Act.  imp.  sei.  n.  90. 

•'•)  Böhmer  (ibid.  Anm.)  setzt  E.  u.  V.  zum  Speirer  Tag  vom  6.  Jan.  1147. 
weil  damals  alle  genannten  Zeugen  anwesend.  Vielleicht  haben  wir  es  mit  Hand- 
lungszeugen zu  thun,  während  das  Datum  auf  die  Beurkundung  geht. 

■»)  Bernhardi  S.  559. 


Viel-  verwandte  Arelatische  Diplome  Konrads  III.  171 

die  Gerichtsbarkeit  iu  der  Stadt,  Viviers  aber  nicht  erhält,  könnte 
Wunder  nehmen ;  vielleicht  aber  ist  „iusticiam"  in  V  bei  der  Abschrift 
ausgelassen.  —  Wilhelm  von  Viviers  wird  consanguineus  Konrads  III. 
ö-enannt.  Es  ist  nicht  zu  ermitteln,  wie  diese  Verwandtschaft  beider 
entstanden  war,  aber  es  leuchtet  doch  ein,  dass  eine  solche  Angabe 
sich  nicht  aus  der  Luft  greifen  liess,  am  wenigsten  von  einem  Fälscher. 
Durch  die  verwandtschaftlichen  Beziehungen  erklärt  es  sich,  warum 
Wilhelm  der  einzige  Bischof  des  Arelats  war,  der  sich  von  Konrad  die 
Eegalien  bestätigen  liess. 

E  ist  von  den  meisten  Forschern  für  die  am  wenigsten  verdächtige 
Urkunde  gehalten^).  Aus  dem  Gesagten  wird  erhellen,  dass  V  nicht 
aus  E  gefälscht,  sondern  gleichzeitig  von  der  Kanzlei  ausgestellt  ist. 
Doch  sei  aus  dem  Inhalt  noch  einiges  für  die  Echtheit  beigebracht. 
Das  Bistum  Viviers  lag  zum  grössten  Theile  auf  dem  rechten  Khoue- 
Ufer,  also  auf  französischem  Gebiete;  nur  wenig  war  links  „in  imperio" 
gelegen.  Zu  diesem  gehörte  aber  gerade  die  in  V  einzig  erwähnte 
Besitzung  Donzere^).  Indessen  beanspruchte  die  Reichsgewalt  im  12- 
und  13.  Jahrhundert  die  Hoheit  über  das  ganze  Bistum,  was  im  13. 
zu  Conflikten  mit  dem  französischen  König  führte.  Friedrich  I.  hat 
1177  den  ganzen  Sprengel  dem  Bischof  verliehen  und  jedes  Andern 
Hoheit  ausgeschlossen^).  Wenn  nun  in  V  nur  das  ohne  Zweifel  im 
Reiche  liegejide  Donzere  vergabt  wird,  so  zeugt  dies  von  einer  Be- 
scheidenheit, die  sonst  den  Fälscher  nicht  zu  zieren  pflegt  und  den 
Zweck  der  Fälschung  ausser  Augen  setzt;  denn  worin  konnte  dieser 
bestehen,  als  zweifelhafte  Ansprüche  durch  Brief  und  Siegel  des 
Königs  zu  stützen? 

3.  Das  Privileg  für  Clerieu  (C).  Die  Herren  von  Glerieu, 
deren  Gebiet   iu    der  Gabel   der  Rhone  und  Isere   lag*),    sind    in    der 


')  Fournier  i.  c.  S.  14. 

2)  Auch  im  15.  Jahidt.,  als  das  Reich  jedem  Anspruch  auf  das  rechte  Ufer 
entsagt  hatte,  ist  der  Erzbischof  von  Viviers  als  Herr  von  Donzere  Reichsfürst, 
Ficker.  Reichsfürstenstand  S.  302. 

3)  St.  4190,  Hüffer  S.  52  (ungenau)  und  95.  Man  könnte  sich  wundern, 
dass  hier,  1177,  auf  V  keine  Rücksicht  genommen  ist.  Aber  wir  finden  bei 
näherer  Betrachtung,  dass  der  damalige  Bischof  von  Viviers,  Nicolaus,  eine 
Bestätigung  des  Privilegs  seines  Vorgängers  Raimund  erbittet,  der  von  1157  bis 
1170  regiert  hatte.  Folglich  hat  Friedrich  I.  bereits  früher  ein  Diplom  für 
Viviers  gegeben,  das  uns  verloren  ist.  Uebrigens  stimmt  auch  V  mit  der  Urkunde 
von  1 177  an  einer  Stelle  überein :  monetam,  pedaticum,  utraque  strata  telluris  et 
Rhodani. 

*)  Vgl.  über  sie  Giraud,  Essai  sin-  1"  abbaye  de  S.  Barnard,  (Lyon  1856)  wo 
eis.  321  gedruckt  ist. 


]^72  Kleine  Mittheilurgen. 

Mitte  des  12.  Jahrhunderts  zu  bedeutendem,  wenn  auch  nicht  lauge 
währendem  Ansehen  gelangt.  Silvio  v.  Clerieu  war  es,  der  nach  mehr- 
jährigen freundschaftlichen  Beziehungen  zu  den  deutschen  Herrschern 
1157  in  Besancon  von  Barbarossa  als  einziger  Laienfürst  neben  den 
geistlichen  Würdenträgern  Biirgunds  die  Beuefizien  erhielt;  und  Kage- 
win^)  hat  von  ihm  eine  so  hohe  Meinung,  dass  er  ihn  „magnus  priuceps- 
et  praepotens  de  Ciaria''  nennt.  Im  nächsten  Jahre  begleitete  er  dann  i 
den  Kaiser  nach  Italien  und  weilte  mit  ihm  bei  Koncaglia-). 

Die   Anfänge    dieses    Aufschwungs  Silvios    reichen    in    die    letzten 
Jahre  Konrads  III.  zurück.     Von  mächtigen  Nachbarn    abhäugig.    be- 
sonders  vom  Grafen  von  Albon  und   dem  Erzbischof  von  Vienne,    der 
als  Abt  des  nahen  Romans  Lehnshoheit   beanspruchte,    nähert  er  sich  j 
dem  deutscheu  Herrscher  —  der  einzige  Arelatische  Laieufürst  neben 
den  Herren  von  Baux  — ,  um  bei  ihm  Unterstützung  seiner  ehrgeizigen  1 
Pläne    zu    finden.     Und  Konrad,    hocherfreut   über    dieses   ungewohnte  i 
Ansuchen,  zögerte  nicht,  Silvios  vermeintliche  Privilegien  zu  bestätigen.  { 
Wie  so  oft,  bekräftigt  der  König  ohne  viel  Prüfung  die  Rechte  dessen^  i 
der  ihn  anruft;    ihm  kommt  es    nicht  darauf  an,    später  auch    die  des  \ 
Rivalen  gutznheisseu,  mochten  sie  sich  auch  widersprechen.  ; 

So  erhielt  Silvio   1151  von  Konrad  III.  die  Reichsunmittelbarkeit,   | 
das  Recht   zweier   ZoUstätteu,    die  Aufhebung   ihn   schädigender  Ver-   , 
kaufe  seines  Vorfahren  Ado   an    den  Erzbischof  Leodegar  von  Vienne.  ' 
—  Dies  Diplom   hat   wieder  dieselbe  Arenga,    wie  A,  E^  V,    nur  ent-   i 
sprechend  abgeändert,  ferner  dieselben  Zeugen,  wie  E  und  V,  mit  zwei  | 
Abweichungen.    Erstens :  ausser  Dicterum  noch  Ticterum  archidiaconum, 
was  gewiss  lapsus  calami  ist.    Zweitens:  unter  den  Zeugen  steht  statt 
Bucca  jetzt  Konrad  von  Worms.    Das  ist  für  den  Beweis  der  Echtheit 
von  Bedeutung.     Bucca  war  Ende  1149  gestorben,  ihm  folgte  Konrad. 
Hätte  C  1151  noch  den  verstorbenen  Bucca  als  Zeugen  aufgeführt,  so 
Avürde  selbst  das  noch  kein  zureichender  Grund  für  die  Annahme  der 
Fälschung  sein;    aber  dass  nun  richtig  aus  Bucca  Conrad  wird,  stützt 
gar    sehr    die   Meinung  für   die  Aechtheit:    ein    Fälscher   in    Burgund 
konnte  doch  schwer  die  Veränderung  in  Worms  erfahren. 

Trotzdem  hat  gerade  C  die  meiste  Anfechtung  erfahren.  Warum? 
1.  Nur  in  C  finden  wir  Ausstellurgs-Tag  und  -Ort:  K).  September 
1151,  Worms.  Konrad  aber  soll  an  diesem  Tage  in  Würzburg  ge- 
wesen sein-').     Angenommen,  das  träfe  zu,  so  ist  nach  Fickers  Unter- 


»)  Buch  III,  Cap.  XI. 

2)  Fournier  ibid.  S.  23. 

3)  St.  3584. 


Vier  verwandte  Arelatische  Diplome  Konrads  III.  173 

suchungeu  die  Uuächtheit  keineswegs  erwiesen.  Denn  Worms  liegt 
nur  zwei  Tagreisen  von  Würzburg ;  der  König,  der  damals  von  Lütticli 
südwärts  zog,  weilte  vermutlich  Mitte  September  in  Worms,  bevor  er 
nach  Würzburg  aufbrach.  Worms  lag  für  burgundisclie  Empfänger 
günstig;  zwei  Jahre  später  (Juni  1153)  hat  Silvio,  wie  auch  der  Erz- 
bischof von  Arles,  ebenfalls  in  Worms  ein  Privileg  erhalten. 

2.  Fournier  meint,  die  Bezeichnung  „regnum  Viennae"  für  Burgund 
sei  im  12.  Jahrhundert  nie  gebraucht  worden,  daher  C,  wo  dies  vor- 
kommt, verdächtig.  In  der  That  findet  mau  den  Ausdruck  nicht  vor 
1215,  sondern  meist  „regnum  Burgundiae'-.  Aber  dies  reicht  doch 
nicht  für  den  Beweis  der  Fälschung  aus.  Denn  es  ist  in  C  nicht  von 
„regnum  Viennae"  dieEede,  sondern  von  „reges  ßomanorum  et  Viennae", 
was  doch  nicht  ganz  dasselbe  ist.  Dann  aber  ist  zu  beachten,  dass  in 
der  Kanzlei  Konrads  erst  versucht  wurde,  gegenüber  neuen  Erschei- 
nungen der  Petenten  feste  Formen  zu  gewinnen,  die  dann  unter 
Friedrich  I.  häufig  wieder  fallen  gelassen  wurden.  Bricht  sich  unter 
ihm  also  „regnum  Burgundiae"  Bahn^),  so  ist  aus  dem  vorher  einmal 
vorkommenden  „reges  Viennae"  noch  nicht  eine  Fälschung  aus  dem 
13.  Jahrhundert  zu  folgern.  Viel  zu  selten  ist  überhaupt  in  den  Ur- 
kunden ein  Ausdruck  für  das  ganze  Reich,  als  dass  man  so  bindende 
Schlüsse  ziehen  dürfte. 

3.  Dass  Silvio  „princeps"  heisst,  kann  nicht  verdächtig  er- 
scheinen, da  durch  die  erwähnte  Stelle  bei  Ragewin  dieser  Titel  ge- 
stützt wird  -).  Ficker  hat  richtig  erkannt  ^),  dass  es  sich  hier  nicht  um 
den  Begrifi'  des  Reichsfürsten,  sondern  um  einen  mehr  traditionellen 
oder  usurpirten  Titel  handelt,  wie  bei  den  Herren  von  Baux,  den 
„principes"  von  Orange.  Allerdings  hat  Friedrich  I.  den  Silvio  in 
dem  Diplom  von  1153  nicht  so  genannt;  er  war  nicht  so  leicht 
geneigt,  solche  selbstgeschaffenen  Titel  durch  seine  Kanzlei  zu  be- 
glaubigen. 

4.  Bisher  nicht  bemängelt,  aber  verdächtig  ist  die  Anrede,  „vene- 
rabilis  pretaxate  princeps".  Ohne  Frage  ist  sie  aus  E  (oder  V)  über- 
nommen, wo  es  heisst  „venerabilis  pretaxate  urbis  archiepiscope." 
Während  also  hier  ganz  richtig  der  Prälat  venerabilis  genannt  wird 
und  pretaxate  zu  urbis  sehr  gut  passt,  stimmt  in  C  venerabilis  nicht 
zu  princeps,  schwebt  pretaxate  als  Vocativ  zu  princeps  in  der  Luft. 
Man  könnte  hieraus  auch  auf  eine  Fälschung  von  C  schliessen.    Aber 


')  Und  wie  selten  ist  auch  dies !  (Urk.  für  Vienue  1157,  vgl.  Fournier  S.  XXI). 
Auch  scheint  regnum  Burgundiae  ein  weiterer  Begriff,  als  regnum  Viennae. 
-)  Das  übersieht  Fournier,  trotzdem  es  Hüffer  S.  70  hervorhebt. 
3)  Keichsfürstenstand  S.  26. 


174  Kleine  Mittheilungen. 

sollte  eiu  Fälscher,  der  sorgsam  zu  Hause  sein  Diplom  fabrizirt,  wirk- 
lich diese  Worte  beibehalten,  sollte  er  urbis  fortgelassen  haben  und 
pretaxate  nicht?  Ist  nicht  durch  eine  rasche,  flüchtige  Kanzlei -Aus- 
fertigung von  C  nach  dem  Muster  von  E  das  Inconcinne  in  C  viel 
einfacher  zu  erklären  i)?  — 

Wir  haben  bisher  unsere  vier  Diplome  gesondert  betrachtet  und 
sind  zu  dem  Kesultat  gelaugt,  dass  schwerwiegende  Gründe  für  die 
Annahme  einer  Fälschung  nicht  vorliegen.  Dabei  sind  wir  immer  von 
der  Ansicht  ausgegangen,  dass  das  Kanzleiwesen  gerade  unter  Konrad  III. 
das  Bild  der  grössten  Unregelmässigkeit  bietet,  dass  es  im  Stadium 
des  üeberganges  befindlich  ist  und  daher  Alles  schwankend  und  ephemer 
erscheint.  Feste  Schlüsse  aus  einzelnen  Merkmalen  auf  denWerth  der 
Urkunden  zu  ziehen,  wird  daher  nur  selten  erlaubt  seiu^). 

Wären  uns  die  vier  Diplome  nicht  alle  erhalten,  sondern  nur 
immer  eines  von  ihnen,  so  wäre  meines  Erachtens  überhaupt  Niemand 
auf  den  Gedanken  gekommen,  eine  Fälschung  anzunehmen 3).  Erst 
dadurch,  dass  sie,  obwohl  aus  verschiedenen  Jahren,  zum  grossen  Theil 
denselben  Wortlaut  haben,  ist  man  darauf  gebracht,  dass  eines  aus 
dem  andern  entstanden  sei,  und  dies  konnte  man  sich  nicht  anders 
erklären,  als  durch  Fälschung  eines  oder  mehrerer  auf  Grund  einer 
ächten  Vorlage,  als  welche  das  eine  der  vier  gedient  hatte. 

Aber  die  Uebereinstimmung  lässt  sich  doch  noch  anders  motiviren. 
Man  kann  nämlich  die  Beobachtung  machen,  dass  die  locale  Zusammen- 
gehörigkeit der  Empfänger  auch  Aehnlichkeit  ihrer  Privilegien -Verbrie- 
fungen mit  sich  bringt*).  Um  dies  zu  belegen,  wollen  wir  einmal  die 
wenigen  andern  Königs-Urkundeu  heranziehen,  die  uns  aus  dem  Jahr- 
zehnt 1144 — 1153  für  Süd-Arelatische  Empfänger  erhalten  sind,  näm- 
lich die  Konrads  für  Baux  (1145)  undVienne  (1146)  und  die  Friedrichs 
fürVienne,  Arles,  Clerieu  (alle  drei  1153).  Da  finden  wir  nun  —  ausser 
kleineren  Aehnlichkeiten,  wie  die  Besiegeluug  mit  Goldbulle '^),  die  Er- 
wähnung  eines  Archivs^),   den  sonst  unbekannten  Notar  Albert '')  — ^ 

')  Aus  einer  Stelle  könnte  man  vielleicht  entnehmen,  dass  C  nicht  nur  E, 
sondern  auch  A  zur  Vorlage  benutzt  hat,  insofern  nämlich  in  C  und  A  von 
aurea  bulla,  in  E  von  aureum  sigillum  die  Rede  ist.  Doch  kann  dies  auch 
Zufall  sein. 

»)  Vgl.  Tangl  über  St.  3403  im  Arch.  f.  Osten-.  Gesch.  76,  327  ft'. 

3)  Das  venerabilis  pretaxate  princeps  in  C  wäre  allerdings  schwer  zu  er- 
klären. 

*)  Vgl.  Schefter-Boichorst  ^Ueber  Diplome  Friedrichs  I.  für  Cisterz. -Klöster 
in  Elsass  und  Burgund',  Mittheil.  d.  Inst.  f.  öst.  GF.  9,  215. 

'•')  Bernhardi  1.  c.  S.  447,  Anm.  41. 

«)  ibid.  Anm.  39. 

■>)  S.  oben  S.  168. 


Vier  verwandte  Arelatische  Diplome  Konrads  III.  \']Py 

dass  auch  in  drei  audern  Diplomen  jene  völlige  üebereinstimmuug  der 
Arenga  und  anderer  Theile  vorhanden  ist,  die  unsere  vier  Diplome 
verdächtig  macht:  bei  Baux  (1145)  i),  Arles^)  und  Cle'rieu3)  (beide 
1153).  Also  hier  selbst  in  den  Urkunden  verschiedener  Herrscher  gleich- 
lautende Parthieen.    Wie  ist  dies  zu  erklären? 

Entweder:  das  erste,  vom  deutschen  König  erworbene  Privileg 
(hier  A)  mochte  im  Arelat  bekannt  werden,  die  schwungvolle  Arenga 
gefallen;  wer  nun  beabsichtigte,  dem  fernen  Herrscher  ebenfalls  seine 
Eechte  zur  Bestätigung  zu  unterbreiten,  wünschte  vielleicht  ein  ähn- 
liches Diplom  zu  erhalten,  wollte  zugleich  der  Kanzlei  die  Mühe  der 
Ausfertigung  vermindern:  kurz,  er  schrieb  sich  jene  Urkunde  ab, 
natürlich  mit  den  für  seine  Person  und  seine  Verhältnisse  nöthigen 
Aenderungeu,  präsentirte  dieses  Schriftstück  dem  Könige,  und  die  Kanzlei 
unterfertigte  ohne  viele  Prüfung  mit  ihren  Corroborationen  das  ge- 
wünschte Privileg.  So  hat  Scheffer-Boichorst  die  Echtheit  von  7  früher 
für  unecht  gehaltenen  Diplomen  Friedrichs  I.  für  burgundische  und 
elsässische  Cisterzienserklöster  nachgewiesen*),  indem  er  zeigte,  dass 
zwar  nicht  ihr  Context,  wohl  aber  ihre  Beglaubigungszeichen,  Siegel^ 
Monogramme  aus  der  Kauzlei  stammen. 

Oder:  die  Kanzlei  hat  das  erste  Diplom  der  Reihe  (hier  A,  dort 
das  für  Baux  1146)  entweder  registrirt  oder  besser  —  da  Registrirung 
in  dieser  Zeit  kaum  nachweisbar  —  ein  Concept  aufbewahrt.  Als 
nun  andere  Prälaten  und  Herren  aus  dem  Arelat  sich  dem  Hofe  mit 
ihren  Wünschen  nahten,  wohl  gar  mit  der  Bitte  um  ähnliche  Diplome, 
benutzte  man  jenes  erste  als  Vorlage  für  die  neuen,  schrieb  der  Be- 
quemlichkeit wegen  aus  ihm  ab,  was  nur  immer  beizubehalten  anging, 
fügte  das  Gewünschte  hinzu  und  Hess  Nichtpasseudes  fort. 

So  erklärt  sich  Alles  aufs  Beste:  die  Wiederholung  der  Arenga 
und  der  Theile  des  Protokolls,  deren  Inhalt  für  den  Werth  des  Diploms 
völlig  gleichgültig  war;  ja  auch  die  Beibehaltung  der  Zeugen,  deren 
Anführung  für  die  Geltung  des  Privilegs  bereits  ganz  irrelevant  ge- 
worden war;  man  that  schon  ein  Uebriges,  wenn  man  (wie  in  C) 
wenigstens  den  Namen  eines  jetzt  nicht  mehr  lebenden  Zeugen  ab- 
änderte ^j. 

')  St.  Acta  inedita  n"  332. 

-)  ibid.  n'J  339. 

3)  ibid.  n«  338. 

*)  S.  oben  S.  174,  Anm.  4. 

^)  Aus  der  Flüchtigkeit,  mit  der  man  dabei  zu  Werke  ging,  ist  vielleicht 
zu  schliessen,  dass  die  zweite  der  oben  genannten  Möglichkeiten  noch  eher  zu- 
treffe, als  die  erste.  Dies  wird  bestätigt  durch  die  noch  immer  nicht  aufgeklärte 
Erwähnung   eines  Archives  in  drei  Urkunden  für  Burgund,    wobei  man   doch  in 


;j^76  Kleine  Mittheilungen. 

Somit  dürfte  die  Echtheit  der  vier  Diplome  nachgewiesen  sein. 
Damit  ist  nur  bestätigt,  was  bisher  zu  Gunsten  Arelatischer  Urkunden 
überhaupt  bemerkt  werden  konnte:  es  ist  bisher  unter  ihnen  noch 
keine  gefälschte  entdeckt  worden,  gewiss  ein  gutes  Zeichen  für  die 
Ehrlichkeit  der  Bewohner. 

Fügen  wir  unsere  Urkunden  in  die  Kegesten  Konrads  111.  ein, 
so  würde  sich  mit  den  zwei  übrigen  für  Südburgund  folgende  Reihe 
ergeben : 

1.  Für  Arles:        1144,  Mitte  März,  Würzburg. 

2.  „  Baux:        1145,  10.  August,  Würzburg. 

3.  „  Yienne:     1146,  6.  Januar,  Aachen. 

4.  ,,  Embrun:   1147,  (Januar  oder  April). 

5.  „  Viviers:     1147,  (Januar  oder  April). 

6.  ,.  Clerieu:     1151,  16.  September,  Worms, 

Berlin.  Richard  Sternfeld. 


der  Kanzlei  vorhandene  Abschriiten  früherer  Privilegien  im  Auge  hatte. 
( Ficker,  Beiträge  zur  Urk.-Lehre  I,  331 ;  Bresslau,  Handbuch  der  Urk.-Lehre 
Bresslau  bemerkt  zu  der  oben  angeführten  Arbeit  Schefi'er-Boichorsts,  dass  wahr- 
scheinlich für  die  Privilegien  jener  bürg.  u.  eis.  Klöster  unter  Friedrich  I.  ein 
besonderes,  von  den  sonstigen  Kanzleibräuchen  abweichendes  Formular  verwandt 
worden  ist,  wie  das  auch  Naude  für  Hirschauer  Klöster  aus  Urk,  der  letzten 
Salier  nachgewiesen  hat.     Jahresber.  d.  Gesch.-Wiss.  1888,  4,  71. 


Literatur. 

Alplions  Huber,  Oester reichische  ßeichsgeschichte. 
Geschichte  der  Staatsbildung  und  des  öffentlichen  Kechtes.  280  SS. 
F.  Tempsky  und  Freitag,  Wien.  Prag  und  Leipzig  1895. 

Wohl  noch  nie  hat  eine  Disciplin  in  so  eigenartiger  Weise  ihren 
Einzug  auf  akademischem  Boden  gehalten,  als  die  junge  Wissenschaft,  der 
das  hier  anzuzeigende  Buch  von  Alphons  Huber  gewidmet  ist.  Nachdem 
man  es  längst  als  ein  wissenschaftliches  Bedürfnis  empfunden,  dass  der 
Pflege  der  österreichischen  Verfassungsgeschichte  einige  Aufmerksamkeit 
zugewendet  würde,  und  nachdem  einige  wenige  ziemlich  vereinzelt  daste- 
hende Arbeiten  über  Fragen  aus  diesem  Gebiet  veröffentlicht  worden 
waren,  hat  das  Gesetz  vom  20.  April  1893  R.  G.  Bl.  Nr.  68  die  »öster- 
reichische Reichsgeschichte*,  welche  eine  Geschichte  der  Staatsbildung  und 
des  öffentlichen  Rechtes  Oesterreichs  enthalten  soll,  als  ObligatcoUegium 
in  den  juridischen  Studienplan  gestellt  und  den  Universitäten  die  Lehre 
dieses  obligaten  Faches  zur  Pflicht  gemacht.  Während  sonst  die  wissen- 
schaftliche Forschung  in  ihrer  Entwickelung  neue  Wissenszweige  und 
Disciplinen  schafft  und  diesen  oft  in  mühsamem  Kampfe  Anerkennung  auf 
akademischem  Boden  erringt,  mit  schwerer  Anstrengung  und  nur  allmählich 
ein  Stück  desselben  erobert,  war  hier  der  umgekehrte  Weg  eingeschlagen : 
zuerst  die  gesetzliche  Anerkennung  und  die  Lehrkanzeln  mit  entsprechender 
Lehrverpflichtung  und  dann  die  Wissenschaft. 

Den  gewünschten  Erfolg  der  regeren  Pflege  unserer  Disciplin  hat 
dieser  gesetzgeberische  Versuch  zweifelsohne  erreicht.  Berufene  und  Un- 
berufene haben  sich  alsbald  den  neuen  Problemen  zugewendet,  an  denen 
sie  vordem  —  vielleicht  mit  Rücksicht  auf  die  besonderen  Schwierigkeiten, 
die  da  bestehen  —  kühl  vorübergegangen  waren.  Aber  die  Schwierig- 
keiten selbst  sind  dadurch  nicht  beseitigt,  und  jeder,  in  dessen  Hände  das 
Schicksal  die  Vertretung  dieser  Disciplin  gelegt,  lernt  dieselben  auf  Schritt 
und  Tritt  zur  Genüge  kennen. 

Unter  diesen  Umständen  mochte  es  doppelt  mit  Freuden  zu  begrüssen 
sein,  dass  Alphons  Huber,  der  Meister  der  österreichischen  Geschichte, 
der  ein  Leben  voll  regsamer  Arbeit  diesem  Fache  gewidmet  hatte,  sich 
bereit  fand  mitzuwirken,  als  es  galt  auf  solider  Basis  die  Grundpfeiler  für 

Mittheilungen  XVII,  12 


^^'jfg  Literatur. 

die  neue  Disciplin  aufzurichten.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  H.'s  Werk, 
an  den  Anfang  der  neuen  Disciplin  gestellt,  abschliessend  weder  sein  will 
noch  sein  kann;  und  so  wird  es  auch  in  seiner  Bedeutung  nicht  beein- 
trächtigt, wenn  die  zukünftige  Forschung  über  dasselbe  hinaus  fortschreiten, 
zum  Theile  wohl  auch  andere  Wege  wird  einschlagen  und  sich  bahnen 
müssen.  Der  Natur  der  Sache  und  der  Absicht  der  Unterrichtsverwaltung 
entsprechend  muss  die  junge.  Wissenschaft  immer  mehr  im  Geiste  einer 
rechtsgeschichtlichen  Disciplin  ihren  Ausbau  finden ;  und  im  Sinne  einer  vor- 
wiegend rechts  geschichtlichen  Auffassung  wird  manches  verdrängt  oder 
umgestaltet  werden,  was  als  Erbstück  der  vorwiegend  geschichtlichen  For- 
schung in  H.'s  Oe.-E.-G-,  sich  noch  erhalten  hat.  — 

Die  Anlage  des  Buches  ist  folgende:  Auf  eine  Einleitung,  welche  die 
Bildung  der  territorialen  und  ethnographischen  Grundlagen  kurz  skizziert, 
folgt  in  5  Perioden  mit  den  Grenzen:  1526,  1740,  1792,  1848  gegliedert, 
die  eigentliche  Darstellung,  überall  in  der  Weise  gruppiert,  dass  an  einen 
kurzen  Ueberblick  über  die  Geschichte  der  territorialen  Verhältnisse  die 
Geschichte  des  öffentlichen  Rechtes  sich  anschliesst. 

Für  die  erste  Periode  ist  naturgemäss  die  Scheidung  nach  den  drei 
Ländergruppen  vollständig  durchgeführt,  für  jede  derselben  Staatsbildung 
und  die  wichtigsten  Institute  des  öffentlichen  Rechtes  in  ihrer  geschicht- 
lichen Entwickelung  besonders  skizziert.  Wohl  mit  Rücksicht  auf  einige 
bei  Berathung  des  oben  genannten  Gesetzes  von  massgebender  Seite  ge- 
machte Aeusserungen  hat  H.  die  Aufnahme  dieses  ersten  Abschnittes  in 
der  Vorrede  besonders  begründet,  und  in  der  Darstellung  selbst  finden 
wir  diesen  Zeitabschnitt  viel  kürzer  und  summarischer  behandelt,  als  die 
folgende  neuere  Zeit.  Es  ist  möglich,  vielleicht  recht  wahrscheinlich,  dass 
H.  damit  den  Intentionen  derer,  welche  die  Oe.-R.-G.  in  den  juridischen 
Studienplan  eingefügt  haben,  vollauf  gerecht  geworden  ist.  Aber  ebenso- 
wenig erscheint  es  mir  zweifelhaft,  dass  die  zukünftige  Entfaltung  der 
Oe.-R.-G.  dem  mittelalterlichen  Rechte  einen  weiteren  Umfang  im  Ver- 
hältnis zur  neuen  Zeit  zuweisen  oder  erobern  wird,  als  H.  ihr  gönnte. 
Nicht  nur,  dass  die  rechtsgeschichtliche  Entwickelung  in  der  Zeit  des 
urwüchsigen  gewohnheitsrechtlichen  Werdens  für  die  wissenschaftliche  For- 
schung weit  mehr  Interesse  bietet  als  in  der  späteren  Periode  mit  dem 
in  seiner  Entstehung  so  mannigfaltigen  Zufälligkeiten  ausgesetzten  Gesetzes- 
rechte, es  sind  auch  die  Probleme,  welche  das  mittelalterliche  Recht  zur 
Entfaltung  brachte  oder  angebahnt  hat,  tonangebend  und  grundlegend  für 
die  ganze  spätere  Zeit.  Zum  Theile  fördernd,  zum  Theile  auflösend  und 
umgestaltend  hat  die  Gesetzgebung  der  Neuzeit  den  Rechtsstoff  fortge- 
bildet, den  das  Mittelalter  erzeugt  hatte.  In  ihren  positiven  Schöpfungen, 
wie  in  ihrer  destructiven  Function  fusst  die  neuere  Rechtsgeschichte  auf 
der  mittelalterlichen  Vorzeit  und  bis  in  die  Tage  des  eindringenden  Staats- 
absolutismus und  des  Umsturzes  der  bäuerlichen  Verfassung  ist  sie  ohne 
genaue  Kenntnis  der  mittelalterlichen  Verhältnisse  nicht  verständlich;  so 
scheint  es  mir  ganz  unvermeidlich,  dass  die  Oe.-R.-G.  in  Zukunft  der 
grundlegenden  Entwickelung  de^  ersten  Periode  noch  etwas  mehr  Raum 
wird  gönnen  müssen.  Eine  eingehendere  Darstellung,  für  die  vielfach 
heute  allerdings  noch  die  Vorarbeiten  fehlen,  wird  es  dann  auch  erst  er- 
möglichen,   den    einzelnen  Ländern  ihr  eigenes  Colorit    zu    geben    und  so 


Literatur.  ]^79 

der  thatScächlicheu  Mannigfaltigkeit  gerecht  zu  werden,  welche  in  der 
Ausgestaltung  der  landesfürstlichen  und  exterritorialen  Hoheits-  und 
Besitzrechte,  der  ständischen  Entwickelung,  des  Gerichtswesens  u.  s.  w. 
in  den  einzelnen  Territorien  zu  verfolgen  ist. 

Auch  die  Einbeziehung  der  altern  ungarischen  Verfassungsgeschichte 
hat  H.  in  der  Vorrede  besonders  begründet.  Es  kann  gar  keinen  Zweifel 
unterliegen,  dass  dieselbe  zum  Verständnis  der  späteren  gesammtstaat- 
lichen  Entwickelung  und  der  andauernden  Sonderstellung  Ungarns  uner- 
lässlich  ist,  und  jeder  Benutzer  des  Buches  wird  dem  Autor  für  die  hier 
gebotene  auf  seinen  ältere  Studien  fussenden  Darlegungen  Dank  wissen.  — 

Nach  dem  Inhalte,  den  Quellen  und  den  Formen  der  Ausgestaltung 
des  Kechtslebens  unterscheidet  sich  die  neuere  Zeit  in  vielen  Punkten  vom 
Mittelalter,  und  dieser  Unterschied  übt  natürlich  auch  seine  Wirkung  auf 
die  Darstellung  selbst.  Trotz  der  Sonderstellung,  welche  auch  nach  1526 
die  drei  Ländergruppen  sich  zu  bewahren  suchen,  fehlt  es  nicht  an  ge- 
meinsamen Berührungspunkten  und  wechselseitiger  Influenzierung ;  und 
an  die  Stelle  des  mittelalterlichen  Staates  tritt  der  neuzeitliche  mit  seinem 
geänderten  Kriegs-  und  Gerichtswesen,  seiner  Beamtenorganisation  und  dem 
Gesetzesrecht,  das  sich  immer  weiteren  Boden  gewinnt.  All  dem  muss 
die  Darstellung  nicht  nur  in  ihrem  Inhalte  sondern  auch  in  der  Anord- 
nung gerecht  werden.  H.  gliedert  den  Stoff  in  seiner  Darstellung  der 
2.  Periode  in  der  Weise,  dass  er  zunächst  unter  dem  Titel  »Geschichte 
der  Staatsbildung«  die  Erwerbung  Böhmens  und  Ungarns  durch  das  Haus 
Habsburg  und  dann  die  territorialen  Veränderungen  bespricht,  welche  die 
Kämpfe  um  Ungarn  und  Siebenbürgen,  die  Erwerbungen  Ferdinand  I.,  der 
Erwerb  von  Schlesien,  der  dreissigj ährige  und  der  spanische  Erbfolge- 
krieg und  endlich  die  mit  der  polnischen  Bewegung  zusammenhängenden 
letzten  Kämpfe  und  Friedensschlüsse  unter  Karl  VI.  mit  sich  brachten. 
Li  diesem  Abschnitte  handelt  es  sich  H.  um  die  Schilderung  der  allge- 
meinen geschichtlichen  Entwickelung  und  um  die  territoriale  Aus- 
gestaltung nicht  um  die  Schicksale  der  Staatsgewalt  und  um  die  Wand- 
lungen,  welche  sich  in  deren  Inhalt  vollzogen  haben. 

Der  2.  Abschnitt  über  die  Geschichte  des  öffentlichen  Kechtes  be- 
handelt zunächst  die  Erbfolge,  das  Thronfolgerecht  in  den  drei  Länder- 
gruppen und  die  im  wesentlichen  einheitliche  Ausgestaltung  desselben 
durch  die  pragmatische  Sanction,  und  daran  anschliessend  die  Geschichte 
der  Verwaltung,  des  Stände-  und  Städtewesens,  sowie  das  Verhältnis  von 
Staat  und  Kirche.  Dabei  ist  die  Geschichte  der  Verwaltung  wohl  am  aus- 
führlichsten behandelt.  In  ziemlich  detaillierter  Weise  finden  wir  hier 
eine  Besprechung  der  allgemeinen  Verwaltungs-  und  Justizbehörden  und 
ihrer  Organisation,  wie  sie  auf  Grund  der  organisatorischen  Gesetze  des 
Landesfürsten  oder  auch  unter  dem  Einflüsse  ständischer  Bewegungen  in 
den  einzelnen  Ländergruppen  erwachsen  sind ;  besondere  Paragraphen  bieten 
uns  eine  Uebersicht  über  das  Finanz-  und  Heerwesen  jener  Zeit  —  durch- 
wegs Ausführungen,  welche  zwar  zum  grossen  Theile  auf  älteren  Special- 
untersuchungen fussend  doch  so  manche  Erweiterung  unseres  bisherigen 
Wissens  enthalten  und  in  der  von  H.  gegebenen  Zusammenstellung  als 
höchst  werthvoller  Beitrag  für  unsere  Rechtsgeschichte  zu  begrüssen  sind. 

12* 


180 


Literatur. 


Es  braucht  nicht  erst  hervorgehoben  zu  werden,  dass  die  Besprechung 
der  verschiedenen  Yerwaltungszweige  auch  implicite  so  manches  über  die 
denselben  entsprechenden  staatlichen  Hoheitsrechte  enthält.  Aber  auch 
wenn  wir  die  so  zerstreut  sich  vorfindenden  Andeutungen  sammeln,  so 
kann  doch  darüber  kein  Zweifel  aufkommen,  dass  so  manches  fehlt,  was  zur 
Charakteristik  des  Staatsrechtes  jener  Periode  nothvvendig  wäre.  Zunächst 
Ausführungen  über  die  innere  Cousolidation  der  Staatsgewalt,  welche 
zeigten,  wie  die  im  Mittelalter  zur  Landeshoheit  gelangte  Fürstengewalt 
sich  allmählich  in  den  davon  doch  so  wesentlich  verschiedenen  Staats- 
absolutismus des  vorigen  Jahrhundertes  umgestaltet  hat.  Liegt  die  Vollen- 
dung dieser  Entwickelung  freilich  erst  in  der  Theresianisch-Josephinischen 
Zeit,  die  H.  als  eine  eigene  Periode  gesondert  bespricht,  so  hat  die  Grund- 
lagen hiefür  doch  die  vorausgehende  Zeit  —  also  H.s  zweite  Periode  — 
o-eschafien.  Die  Umgestaltung,  an  die  hier  zu  denken  ist,  besteht  aber 
keineswecrs  lediglich  oder  auch  nur  hauptsächlich  in  dem  allmählichen 
Zurücktreten  des  ständischen  Einflusses  sondern  vielmehr  in  dem  Zurück- 
treten der  privatrechtlichen  Auflassung  der  fürstlichen  Hoheitsrechte  gegen- 
über der  modernen  Idee  einer  Staatsgewalt  und  staatlicher  Omnipotenz, 
die  zwar  zunächst  —  1'  etat  c'  est  moi  —  in  der  Person  des  Monarchen 
verkörpert,  doch  in  jeder  Richtung  publicistischen  Character  trug.  Es  ist 
zweifellos,  dass  die  Behördenorganisation  und  die  im  Greiste  —  oder  wenig- 
stens in  den  Formen  —  der  romanistischen  Doctriu  herangezogene  »ge- 
lehrte« Beamtenschaft  einen  grossen  Antheil  in  dem  erwähnten  Umwand- 
lungsprocesse  als  ihr  Verdienst  sich  viudiciren  kann,  und  dass  namentlich 
die  grosse  Gesammtentwickelung  in  unserem  Behördenwesen  vielleicht  den 
Grundstock  für  diese  Wandlungen  abgeben  musste.  Aber  gegenüber  den 
häufig  nur  ephemeren  Einzelbildungen  in  der  Behördenorganisation  werden 
die  eben  angedeuteten  Fragen  für  die  Forschung  der  österreichischen 
Eechtsgeschichte  wesentlich  in  den  Vordergrund  rücken  müssen.  Sie  wird 
untersuchen  und  klarlegen  müssen,  wie  die  landesfürstliche  Verwaltung 
immer  weitere  Gebiete  für  ihre  Bethätigung  gewonnen  und  ihren  Einfluss 
allmählich  auch  auf  die  Kreise  auszudehnen  gewusst  hat,  welche  zunächst 
noch  privaten  oder  wenigstens  nicht  staatlichen  Händen  anvertraut  blieben. 
Freilich  stehen  Untersuchungen  dieser  Art  ganz  besondere  Schwierigkeiten 
entgegen,  auf  die  im  Folgenden  noch  näher  hinzuweisen  sein  wird. 

Auch  noch  in  anderer  Richtung  werden  H.'s  Darlegungen  noch  eine 
Ergänzung  und  Erweiterung  finden  müssen,  nämlich  bezüglich  des  Ver- 
hältnisses der  einzelnen  Länder.  Zwar  finden  wir  hier  sowohl  in  der  Dar- 
stellung des  Behördenwesens  als  auch  bei  Schilderung  des  Ständewesens 
sorgfältig  alle  Momente  verzeichnet,  welche  gegenüber  der  principiell  be- 
stehenden Trennung  der  einzelnen  Ländergruppen  als  Ansätze  einer  cen- 
tralistisch-einheitlichen  Entwickelung  in  Betracht  kommen.  Aber  für  das 
Verhältnis  der  Länder  innerhalb  der  einzelnen  Ländergruppen,  die  ja  doch 
auch  nicht  schlechthin  ein  einheitliches  Ganze  bildeten,  insbesondere  für 
die  deutsch-österreichische  Ländergruppe,  die  uns  am  nächsten  steht,  ist 
manche  bedeutsame  Frage  unberührt  geblieben.  So  namentlich  die  Frage, 
welche  Stellung  die  einzelnen  Länder  unterhalb  und  trotz  des  einheitlichen 
(oder  zeitweise  zweigetheilten)  Behördeorganismus  eingenommen  haben,  in 
wie  weit  die  Länder  trotz  der  einheitlichen  Regierung  sich  ihre  Selbstän- 


Literatur.  181 

digkeit  und  Individualität  wenigstens  auf  einzelnen  Recht sgebieten  bewahrt 
haben,  und  in  wie  weit  die  centralistische  Verwaltung  zu  einer  inneren, 
organischen  Vereinigung  geführt  hat,  die  nicht  bloss  in  den  Gesetzen  und 
Verfügungen  der  landesfürstliehen  Eegierung  normiert,  sondern  auch  im 
wirklichen  Eechtsleben  zur  Anerkennung  gekommen  ist  —  ein  rechts- 
geschichtliches Problem,  das  doch  gewiss  zu  den  aller  bedeutsamsten  ge- 
hört, welche  die  österreichische  Eeichsgeschichte  der  Neuzeit  zu  lösen  hat. 

Zum  Schlüsse  sei  hier  noch  eine  allgemeine  Bemerkung  gestattet, 
welche  freilich  nicht  bloss  für  die  hier  besprochenen  sondern  auch  für  die 
späteren  Perioden  wenigstens  zum  Theile  zutrifft.  Sie  gilt  den  Quellen 
des  Rechtes  in  dem  doppelten  Sinne:  als  Factoren  in  der  Bildung  des 
Rechtes,  wie  als  Mittel  zu  dessen  Erkenntnis  —  ein  grosser  Abschnitt, 
dem  nicht  nur  um  seiner  selbst  willen,  sondern  mehr  noch  wegen  der 
aus  einer  richtigen  Würdigung  der  Rechtsquellen  für  deren  Behandlung 
und  die  Darstellung  sich  ergebenden  Consequenzen  hervorragende  Bedeu- 
tung zukommt,  und  den  H.'s  Oe.-R.-G.  leider  ganz  mit  Stillschweigen  über- 
gangen hat.  Für  die  hier  behandelte  Periode  schiene  es  nicht  unzweck- 
mässig aus  der  :» Theorie«  der  Rechtsquellen  besonders  darauf  hinzuweisen, 
dass  es  sich,  wie  in  so  vielen  Beziehungen,  so  auch  bezüglich  des  Ge- 
setzesrechtes um  eine  Periode  des  üeberganges  handelt.  Gewiss  tritt  das 
Gesetzesrecht  im  Verhältnis  zur  früheren  Zeit  mächtig  in  den  Vordergrund, 
immer  weitere  Kreise  mit  seinen  festen  Normen  regelnd,  die  früher  ur- 
wüchsig (zufällig  oder  inneren  Gründen  folgend)  in  bunter  Mannigfaltig- 
keit, oder  doch  auch  wieder  nach  einheitlichen  Grundgedanken  sich  frei 
aus  dem  Leben  entwickelt  haben.  Und  gerade  die  äusseren  Erscheinungs- 
formen des  staatlichen  Lebens,  die  Grundsätze  für  die  staatliche  Organi- 
sation treten  uns  immer  ausschliesslicher  im  Kleide  des  Gesetzesreehtes 
entgegen.  Aber  die  Zeit  war  noch  lange  nicht  erreicht,  in  der  man  auch 
nur  entfernt  daran  denken  konnte,  dass  die  einzige  oder  auch  nur  die 
vorwiegende  Quelle  der  Rechtsbildung  im  Gesetzesrechte  liege.  Nach  wie 
vor  haben  dieselben  Kräfte,  welche  das  mittelalterliche  Recht  geschaffen, 
auch  unter  dem  äusseren  Mantel  des  Gesetzesrechtes  fortgewirkt;  sie  haben 
zum  Theile  selbständig  und  neben  diesem  ihre  eigenen  Rechtsbildungen 
gezeugt  oder  auch  modificierend  und  eindämmend  sich  dem  Gesetzes- 
rechte entgegengestellt.  Erst  in  dem  letzten  Jahrhundert  oder  wenige 
Decennien  früher  hat  der  Glaube  an  die  Omnipotenz  des  Staates  und  die 
Omnipotenz  der  Gesetzgebung  dem  Gewohnheitsrechte  fast  jeden  Boden 
entzogen,  ihm  seine  positiv  schöpferische  Function  wenigstens  theoretisch 
so  ziemlich  ganz  benommen:  die  negativ  ablehnende  und  ebenso  die 
modificierende  Macht  wird  auch  die  Zukunft  dem  Leben  niemals  nehmen 
können. 

Die  allmähliche  Entwickelung,  die  hier  vorliegt^  muss  aber  bei  Durch- 
forschung und  Darstellung  der  Rechtsgeschichte  selbst  entschiedendste  Be- 
rücksichtigung finden.  Je  näher  die  behandelte  Zeit  dem  Mittelalter  steht, 
desto  mehr  Beachtung  muss  die  Rechtsentwickelung  finden,  die  ihren  Aus- 
druck nicht  in  dem  Gesetze  findet.  Mit  allen  Mitteln  und  mit  allen 
Kräften  wird  die  zukünftige  Rechtsgeschichte  daran  gehen  müssen,  diese 
im  verborgenen  sich  entfaltenden  Triebe  aufzudecken  und  der  Erkenntnis 
zugänglich    zu    machen,    und   je    weiter    die    Forschung    hier    fortschreitet 


\^'2  Literatur. 

desto  mehr  wird  in  der  Darstellung  der  plötzliche  Sprung  beseitigt  werden, 
"welcher  die  mittelalterliche  Rechsgeschichte  so  schildert,  als  fusste  sie 
lediglich  auf  dem  Gewohnheitsrechte,  und  die  Neuzeit  so,  als  hätten  hier 
nur  Gesetze  die  Rechtsbildung  bewirkt.  Entsprechend  der  allmählich 
sich  vollziehenden  Wandlung  in  der  Ȋusseren*  Rechtsgeschichte  wird  auch 
die  Verschiedenheit  in  der  Darstellung  der  »inneren*  nicht  sprungweise 
sondern  sacht  vermittelt  zu  l'age  treten.  Die  Schwierigkeiten  aber,  die 
sich  hier  der  Forschung  entgegen  setzen,  sind  einleuchtender  Weise  be- 
sondei's  gross.  Abgesehen  von  der  dem  Gesetzesrechte  durch  die  bestimmte 
Form  seines  Auftretens  von  selbst  innewohnende  Präponderanz,  sei  nur 
des  einen  Umstandes  gedacht,  dass  in  den  Archivbeständen  aus  jüngerer 
Zeit  gegenüber  den  Urkunden  das  Aktenwesen  überhand  nimmt;  und 
»Akten*  sind  bekanntlich  nicht  nur  durch  ihre  Zahl  und  ihren  den  Inhalt 
meist  weit  überragenden  Umfang,  sondern  gerade  für  die  hier  angegebenen 
Fragen  oft  auch  darum  eine  Rechtsquelle  von  etwas  bedenklicher  Art. 
weil  sie  vielfach  bewusst  oder  unbewusst  unter  dem  Einfluss  des  einmal 
bestehenden  Gesetzesrechtes  stehen  und  deshalb  oft  nicht  ganz  rein  indi- 
cieren,  wie   viel   von  den  Gesetzen  nur  —  auf  dem  Papiere  stand. 

Bei  diesen  bedeutenden  Schwierigkeiten,  welche  der  Forschung  in  diesen 
Gebieten  entgegen  stehen,  darf  es  nicht  Wunder  nehmen,  dass  das  erste 
diesen  Problemen  gewidmete  Buch,  das  eine  Gesammtdarstellung  bezweckt, 
der  Hauptsache  nach  bei  dem  Aeusserlichen  und  Greifbaren  stehen  ge- 
blieben ist;  lässt  sich  doch  eine  erschöpfende  und  wirklich  befriedigende 
Lösung  dieser  Fragen  nach  dem  heutigen  Stande  der  Wissenschaft  über- 
haupt noch  nicht  geben.  Andererseits  ist  es  wieder  natürlich,  dass  aller 
Voraussicht  nach  eine  tiefer  eindringende  rechtsgeschichtliche  Forschung 
au  den  bisher  in  der  angegebenen  Weise  gewonnenen  Resultaten  mehr 
ändern  und  umstürzen  muss,  als  an  den  auf  den  gleichen  Grundlagen  ge- 
wonnenen Darstellungen  der  jüngeren  Perioden,  für  welche  das  Gesetzesrecht 
zu  viel  umfassenderem  Einflüsse  auf  die  Lebensverhältnisse  gelangt  ist. 
Für  die  Forschung  selbst  aber,  die  nach  wie  vor  auf  dem  Gebiete  der 
staatlichen  Verwaltung  und  dem  anschliessenden  Grenzgebiete  ein  reiches 
Feld  der  Bethäthigung  finden  wird,  wäre  zu  wünschen,  dass  sie  weniger 
dem  wandelnden  Schicksale  der  Behördenorganisation,  als  vielmehr 
der  Bethätigung  derselben  d.  h.  ihrem  Einflüsse  auf  das  öflPentliche  Leben 
vornehmlich  ihr  Augenmerk  zuwenden  möge;  nicht  nur,  wie  die  Behörden 
eingerichtet,  was  sie  gewollt  und  was  sie  für  den  Landesfürsten  bedeutet 
haben,  sondern  daneben  ebenso,  wie  sie  gewirkt  und  was  sie  erreicht, 
welche  Lebensverhältnisse  sie  vorgefunden  und  in  welche  Bahnen  sie  die- 
selben zu  lenken  vermocht  haben,  das  muss  als  das  Ziel  der  inneren  Ver- 
waltungsgeschichte der  Neuzeit  gelten. 

Und  gewinnt  die  Wissenschaft  in  langjährig  mühevoller  Arbeit  die 
Ergebnisse,  die  hier  zu  erwarten  sind,  dann  wird  in  dem  lebensvollen 
Bilde,  das  sie  uns  vorführt,  das  Gesetzesrecht  und  seine  Bedeutung  erst 
im  richtigen  Lichte  erscheinen,  und  die  Darstellung  der  Veränderungen 
innerhalb  der  Behördenorganisation  von  selbst  auf  den  richtigen  Umfang 
sich  einschränken.  — 


Literatur.  1§3 

Die  späteren  Perioden  geben,  nachdem  hier  die  allgemeinen  Fragen 
erledigt  sind,  zu  weiteren  Bemerkungen  weniger  Anlass.  Mutatis  mutan- 
dis  und  mit  den  oben  angegebenen  Einschränkungen  werden  manche  der 
obigen  Andeutungen  freilich  auch  hier  berechtigt  sein.  Auch  für  die 
3.  Periode,  die  Zeit  der  inneren  Eeforraen  unter  Maria  Theresia  und  ihrem 
Söhne,  die  H.  wohl  um  sie  von  der  folgenden  Zeit  »der  politischen  Stag- 
nation'=■'  zu  scheiden  mit  dem  Jahr  1792  abschliesst  und  für  die  Zeit  von 
da  an  bis  1848,  welche  H.  als  4.  Periode  besonders  behandelt,  obwohl 
sie  sich  völlig  ruhig  und,  soweit  das  Gebiet  des  üifentlichen  Rechtes  in 
Betracht  kommt,  ohne  jede  merkliche  Caesur  an  die  frühere  Periode  an- 
schliesst.  bieten  H.'s  Ausführungen  der  Hauptsache  nach  eine  Geschichte 
des  Eegierungs-  und  Behördenwesens  und  der  von  dort  ausgehenden  Re- 
formbewegungen  auf  dem  Gebiete  des  öffentlichen  Rechtes.  Auch  lür 
diese  Zeitabschnitte  ist  zu  hoffen,  dass  die  Zukunft  auch  den  etwas  tiefer 
gelegenen  Gebieten  des  öffentlichen  Rechtslebens  grössere  Berücksichtigung 
werde  angedeihen  lassen.  So  z.  B.  der  Geschichte  der  ständischen  Glie- 
derung und  des  Unterthanenverbandes,  der  Grundherrschaften,  der  Land- 
gemeinden und  der  Städte,  deren  rechtliche  Schicksale  bis  herein  in  die 
moderne  Zeit  eine  genauere  Darstellung  wird  finden  müssen ;  und  ebenso 
wird  die  rechtliche  Stellung,  welche  die  einzelnen  Länder  eingenommen 
haben,  grösserer  Klärung  bedürfen. 

Die  letzte  Periode  gehört  wenigstens  seit  1S67  ■ — •  soweit  das  öffent- 
liche Recht  in  Betracht  kommt  —  wohl  nicht  eigentlich  der  Geschichte 
sondern  der  Gegenwart  an.  Es  ist  das  heute  gütige  Staatsrecht,  das  seit 
der  Publication  der  December-Gesetze  wenig  bedeutendere  Veränderungen 
erfahren  hat.  Vom  Standpunkte  des  Lehrplanes  der  juridischen  Studien, 
aber  auch  von  dem  Standpunkte  aus.  welcher  in  der  österreichischen 
Eeichsgeschichte  eine  rechtsge  schieb  tliche  Disciplin  vor  Augen  hat. 
wird  es  wohl  gerechtfertigt  erscheinen,  die  Ausführungen  über  diese  Zeit 
dem  positiven  Staatsrechte  zu  überlassen. 

Fassen  wir  das  Gesagte  zusammen,  so  wird  man  sich  darüber  keiner 
Täuschung  hingeben  können,  dass  unter  dem  Einflüsse  der  fortschreitenden 
rechtsgeschichtlichen  Forschung  die  Darstellung  der  österreichischen  Reichs- 
geschichte in  gar  vielen  Punkten  eine  wesentliche  Veränderung  erleben 
werde  gegenüber  den  Formen,  die  ihr  H.  in  seinem  Buche  gegeben;  ja. 
€3  ist,  wenn  anders  die  Hoffnungen  sich  erfüllen  sollen,  die  vielleicht  mehr 
als  jeder  andere  H.  selbst  an  die  junge  Disciplin  geknüpft  hat,  zu  deren 
Begründung  er  sein  Buch  geschrieben,  unzweifelhaft  geradezu  zu  wünschen, 
dass  sich  die  angedeutete  literarische  Entwickelung  bald  und  mit  aller 
Entschiedenheit  vollziehe.  Alphons  Huber's  österreichischer  Reichsgeschichte 
steht  demnach  mehr  als  irgend  einem  seiner  Werke  das  Schicksal  bevor, 
dass  es  bald  veralte.  Liegt  aber  dies  einerseits  in  den  Eingangs  erwähnten, 
ganz  eigenartigen  Verhältnissen  tief  begründet,  unter  denen  das  Buch  er- 
schienen ist,  so  soll  man  andererseits,  auch  wenn  es  einst  —  früher  oder 
später  —  von  diesem  Schicksale  ereilt  sein  wird,  des  Nutzens  nicht  ver- 
gessen, den  es  jetzt  jedem  gewährt,  der  als  Lehrer,  Schüler  oder  Exami- 
nator mit  der  österreichischen  Reichsgeschichte  in  Berührung  kommt,  man 
soll  der  Bedeutung  eingedenk  bleiben,  die  dem  Werke  in  dem  Momente 
zukommt,  wo  das  Gesetz  in  autonomer  Souveränität  von  der  Wissenschaft 


Ig4  Literatur. 

etwas  Ganzes  fordert,  und  diese  aus  tief  liegenden  inneren  Gründen  trotz 
jenes  strengen  Gebotes  nur  Bruchstücke  zu  liefern  vermag. 

Innsbruck,   27.  Juli   1895.  Schwind. 


Fejerpataky,  Oklevelek  II.  Istväu  kiräly  kor  ab  öl. 
(Urkunden  aus  der  Zeit  König  Stefan  IL).  Budapest,  Aka- 
demie,  1895. 

Vor  nicht  langer  Zeit  gaben  wir  an  dieser  Stelle  (Mitth.  14,  507) 
Nachricht  von  den  Untersuchungen  F.'s  über  Urkunden  des  König  Kolo- 
mann  von  Ungarn.  Heute  sind  wir  in  der  Lage  eine  neue  Abhandlung 
des  Verf.  zu  verzeichnen,  welche  gleichsam  eine  Fortführung  seiner  ersten 
ist.     Sie  handelt  über  Urkunden  aus  der  Zeit  König  Stefan  IL 

Wie  schon  der  Titel  vermuthen  lässt,  sind  es  nicht  bloss  königliche, 
aus  der  höniglichen  Kanzlei  hervorgegangene  Urkunden,  welche  Verf.  in 
diesem  Werke  einer  genauen  Prüfung  unterzieht.  Und  in  der  That  finden 
wir  in  dem  Werke  an  erster  Stelle  die  ältesten  Privaturkunden  vom 
diplomatischen  Standpunkt  aus  beleuchtet. 

Die  erste  Privaturkunde,  welche  die  angarische  Diplomatik  aufweisen 
kann,  ist  diejenige  Guden's,  mit  der  er  zu  seinem  Seelenheil  seine  Be- 
sitzung in  Paloznak  dem  hl.  Michael  darbringt.  Zu  dieser  Schenkung  gab 
der  König  vorher  seine  Zustimmung.  Der  König  ist  in  der  Urkunde  als 
di'itte  Person  angeführt,  man  könnte  nun  erwarten,  dass  der  Consens  des 
Königs  auch  in  äusserlicher  Form,  in  der  Besiegelung  zur  Schau  tritt. 
Hierin  jedoch  täuscht  uns  die  Urkunde.  Wohl  ist  das  Siegel  der  Urkunde 
zum  Theil  verbröckelt,  zum  Glück  ist  aber  das  Siegelbild  erhalten.  F.  ge- 
lang es  ein  zweites  Exemplar  dieses  Siegels,  wohl  an  einer  jüngeren  Ur- 
kunde, zu  entdecken,  und  mit  Hülfe  dieses  zu  konstatieren,  dass  das  frag- 
liche Siegel  kein  königliches  Siegel  ist.  Aus  seinen  Untersuchungen  erhellt 
weiter,  dass  es  auch  kein  Siegel  irgend  eines  locus  credibilis  ist,  sondern 
ein  Privatsiegel  und  dass  somit  diese  Urkunde  mit  Eecht  als  die  älteste 
Privaturkunde  betrachtet  werden  kann.  Die  Urkunde  selbst  ist  undatiert, 
nach  den  Untersuchungen  Pauler's  stammt  sie  aus  den  .Jahren  1()1{^/\OHO- 

Die  zweite  Privaturkunde  ist  in  Original  nicht  vorhanden.  Der  Text 
befindet  sich  im  Liber  ruber  der  Erzabtei  zu  Martinsberg.  Die  Urkunde 
stammt  aus  den  Zeiten  König  Kolomans.  Nach  dem  Text  zu  urtheileu 
wäre  man  geneigt  die  Urkunde  für  eine  »privata  notitia«  zu  halten,  der 
Umstand  jedoch,  dass  dieselbe  im  Liber  ruber  verzeichnet  ist,  weist  darauf 
hin,  dass  es  sich  um  eine  wirkliche  Privaturkunde  handelt. 

Nunmehr  wendet  sich  Verf.  zu  den  aus  der  Zeit  Stefan  II.  stam- 
menden Privaturkunden,  welche  dieselben  Merkmale  aufweisen,  wie  die  des 
Jahres  1079/80.  Verf.  gelangt  zu  dem  Kesultat,  dass  die  zwei^  ebenfalls 
undatierten  Urkunden,  ebenso  als  Privaturkunden  zu  betrachten  sind,  wie 
die  erste. 

Was  die  aus  der  königlichen  Kanzlei  unter  Stefan  IL  hervorgegangenen 
Urkunden  betrifft,  so  besitzen  wir  leider  kein  einziges  Original.  Wir  kennen 
bloss  drei  Urkundentexte,  theils  aus  späteren  Abschriften,  theils  nach  der 
Mittheilung  Lucius'.    Als  Ergebniss  seiner  Untersuchungen  über  zwei  von 


Literatur.  ]^35 

diesen  Urkundentexten  gelangt  Verf.  zu  dem  Ergebnis?,  dass  die  chartae  pa- 
genses  auf  die  Textier  ung  der  königlichen  Urkunden  entschieden  Einfluss  hatten, 
(lass  aber  die  königliche  Kanzlei  in  dieser  Zeit  schon  als  eine  organisierte 
Einrichtung  dasteht  und  ihre  Thätigkeit  sich  nicht  mehr  bloss  auf  die  Besie- 
gelung  der  Urkunden  —  wie  unter  Kolomann  —  erstreckt,  sondern  schon 
Urkunden  in  dem  Namen   und    unter  dem  Siegel  des  Königs  promulgiert. 

In  einem  besonderen  Abschnitt  beschäftigt  sich  Verf.  mit  der  dritten 
Urkunde  aus  der  Zeit  Stefans  11.  aus  dem  Jahre  1124,  welche  ebenfalls 
nur  in  Transscript  aus  dem  Jahre  1217  erhalten  ist.  Diese  königliche 
Urkunde  ist  zu  Gunsten  der  Benediktiner-Abtei  juxta  Gran  ausgestellt. 
Betreffs  dieser  Urkunde  gelangt  Verf.  nach  sorgfältigen,  bis  ins  Detail 
sich  erstreckenden  Untersuchungen  zu  dem  Resultat,  dass  derselben  sowohl 
nach  äusseren,  wie  nach  inneren  Merkmalen  eine  fides  diplomatica  nicht 
zugesprochen  werden  kann. 

Betreffs  der  königlichen  Kanzlei  gelangt  Vf.  am  Ende  seiner  Erörterungen 
zu  dem  Resultat,  dass  die  königliche  Kanzlei  sich  schon  in  mehr  entwickeltem 
Zustand  befand,  als  unter  Kolomann.  Die  innere  Organisatiori,  das  Kanzlei- 
personal u.  s.  w.  sind  jedoch  noch  immer  nicht  bekannt.  Bloss  in  der 
Urkunde  von  1124  wird  bemerkt,  dass  der  König  dieselbe  durch  den 
Ofner  Propst  Peter  siegeln  lässt.  Leider  kann,  nach  den  Ausführungen 
des  Verf.'s  eben  diese  Urkunde  auf  fides  diplomatica  keinen  Anspruch  er- 
heben. Erst  unter  König  Bela  II.  bewegen  wir  uns  auch  in  dieser  Be- 
ziehung auf  sicherem  Grund. 

Budapest.  A.   Aldiisy. 


Loewe,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Richard  vou  San  Germauo 
und  die  ältere  Redaktion  seiner  Chronik.  Halle  a.  d.  S. 
1894,  Max  Niemeyer.  8°,   100  S. 

Kurze  Zeit,  nachdem  ich  in  dieser  Zeitschrift  (Band  15)  einen  kleinen 
Aufsatz  über  »Das  Vei-hältnis  der  beiden  Chi-oniken  des  Richard  von  San 
Germano*  veröffentlicht  hatte,  erschien  obige  Abhandlung,  gänzlich  unab- 
hängig von  jenem;  dies  spricht  dafür,  dass  eine  Vergleichung  beider 
Chroniken  entschieden  ein  Bedürfnis  war. 

Aeusserlich  unterscheiden  sich  beide  Untersuchungen  schon  durch 
den  Umfang;  während  die  meinige  nur  ungefähr  14  Seiten  umfasst,  ist  jene 
zu  einem  recht  stattlichen  Bändchen  von  100  Seiten  angewachsen.  Gänzlich 
verschieden  ist  auch  die  Anordnung,  indem  hier  beide  Redactionen  Jahr 
für  Jahr  besprochen  wurden,  wodurch  sich  vielfache  Wiederholungen  als 
unvermeidlich  herausstellten,  während  in  meinem  Aufsatze  der  Stoff  nach 
gewissen  allgemeinen  Gesichtspunkten  geordnet  und  möglichst  kurz  zu- 
sammengefasst  ist.  Einige  kleinere  Unterschiede  der  beiden  Redactionen. 
z.  T.  formeller  Art,  konnten  deshalb  von  mir  übergangen  werden,  die  aber 
von  Loewe  mit  grosser  Sorgfalt  und  Genauigkeit  bei  den  betreffenden 
Jahren  aufgeführt  sind. 

Der  Verf.  gibt  zunächst  in  einem  Einleitungskapitel  (S.  1 — '17)  eine 
kurze  Uebersicht  über  Richards  von  San  Germano  Leben.  Er  nimmt  an. 
dass  Richard    etwa    »im  letzten  Viertel  des  zwölften  Jahrhunderts  zu  San 


]^gß  Literatur. 

Germauo«  geboren  sei,  eine  Ansicht,  der  man  recht  wohl  folgen  kann; 
sein  Geburtsjahr  aber  noch  vor  1185  zu  setzen,  und  zwar  aus  dem  Grunde, 
weil  Eichai'd  seine  Anwesenheit  auf  dem  Latei-anischen  Konzil  (1215)  be- 
zeugt, dürfte  etwas  gewagt  sein.  (S.  1  Anm.  3).  Eichard  widmete  sich 
dem  geistlichen  Stande,  und  zwar  im  Dienste  des  Abts  von  Monte  Casino 
(S.  17,  29);  etwa  1221  fand  die  »promotio"*  zum  kaiserlichen  Notar 
statt  (S.  4),  zu  einem  Amte-,  in  dem  wir  ihm  öfters  begegnen.  Der 
Verf.  macht  ferner  darauf  als  erster  aufmerksam,  dass  auch  ein  Bruder 
unseres  Eichard  nachweisbar  ist,  Johannes  von  San  Germano,  wie  jener 
kaiserlicher  Notar.   (S.   S). 

Im  Kapitel  II  kommt  der  Verf.  auf  die  Entstehungszeit  der  von 
Gaudenzi  zuerst  veröffentlichten  Chronik  zu  sprechen,  und  schliesst  aus 
einer  grossen  Zahl  von  Beobachtungen,  wie  Gaudenzi  und  der  Eef.,  1.  dass 
diese  Ausgabe  die  ältere  ist,  2.  dass  diese  nicht  in  der  Form  von  Ein- 
tragungen von  Jahr  zu  Jahr  entstanden  sein  kann  3.  dass  die  »Veröffent- 
lichung«, d.  h.  besser  der  Abschluss  der  Chronik,  etwa  ins  Ende  des 
Jahres  1226  und  Anfang  1227  zu  setzen  ist.  Von  einer  »Veröffent- 
lichung* kann  aber  keine  Eede  sein,  da  sich  Eichard  in  der  Widmung 
ausdrücklich  den  »famulus^^  des  Abts  Stephan  von  Monte  Casino  nennt, 
Avas  er  doch  als  kaiserlicher  Notar  1226/27  nicht  wohl  thun  konnte.  Viel- 
mehr ist  die  Sachlage  die,  dass  das  Wei'k  durch  den  Tod  des  Auftrag- 
gebers (l227,  Juli  27),  unterbrochen  wurde.  Der  Auftrag  wurde  Eichard 
noch  vor  1221,  als  er  Stephans  »famulus«  war,  ertheilt;  er  schrieb  die 
Widmung,  trug  dann  die  Ereignisse  aus  der  Zeit  vor  1221  nach,  woher  die 
zahlreichen  Anachronismen  herrühren  dürften,  und  führte  die  Chronik  fort 
bis  zum   Tode  des  Abtes  Stephan. 

In  dem  dritten  Theil,  dem  Hauptabschnitt  » Vergleichung  der  beiden 
Eedaktionen  der  Chronik  <■=  werden  nun  ausführlich  die  sachlichen  wie 
formalen  Unterschiede  beider  hervorgehoben,  vielfach  unter  Nebeneinander- 
stellung der  Sätze,  unter  Betonung  der  uns  aus  der  älteren  Chronik  er- 
wachsenden Bereicherung  der  geschichtlichen  Kenntnisse  der  Zeit  Frie- 
drichs II.  —  Die  sehr  auffallende  Umänderung  des  »iurare,  iuramentum« 
(in  Chronik  A)  in  »promittere,  fides  data«  (in  B.)  und  zwar  nur  wenn 
von  Friedrich  IL  selbst  die  Eede  ist  (s.  Mitth.  15,  61l),  entging  dem  Verf. 
—  Ueberflüssig  darf  man  es  wohl  nennen,  dass  L.  in  einer  solchen  Spezial- 
untersuchung Uebersetzungen  ganzer  Aktenstücke  gab,  da  doch  jeder,  der 
sich  mit  dieser  Frage  beschäftigen  will,  die  beiden  Ausgaben  selbst  zur 
Hand  nehmen  muss.  —  Auf  Einzelnheiten  der  Vergleichung  hier  einzu- 
gehen, würde  zu  weit  führen.  Unrichtig  wird  es  sein,  wenn  der  Verf. 
den  Satz  der  Vorrede  in  B  »Solet  etas  antiquior  et  provida  priorum 
actoritas  digna  memoria  queque  per  orbem  gesta  describere 
.  .  .«  auf  das  frühere  Mittelalter  bezieht;  vielmehr  kann  es  wohl  nicht 
zweifelhaft  sein,  dass  Eichard  unter  »etas  antiquior*  das  Alterthum  und 
dessen  geschichtliche  Werke  verstand.  —  Von  einem  »Lokaljiatriotismus» 
Eichards  in  A  und  einer  »Erweiterung  des  Gesichtskreises*  in  B  kann 
man  nicht  gut  reden :  die  für  A  so  charakteristische  Bevorzugung  von 
Monte  Casino  entsprang  eben  dem  Umstand,  dass  dessen  Abt  der  Auftrag- 
geber der  »Klosterchronik«  war,   die  Chronik  B  aber  eine  sicilische  »Eeichs- 


Literatur.  187 

Chronik«    sein  sollte  und    schon  aus  diesem   Grunde  mit   1189,  dem  Aus- 
gange des  alten  Herrscherhauses,   anhub. 

•  Im  üebrigen  verliert  die  Arbeit  Loewes  nichts  von  ihrem  Werth. 
wenn  ein  Theil  ihrer  Ergebnisse,  ohne  dass  er  es  wissen  konnte,  schon 
von  andern  vorweg  genommen  war. 

Heidelbero-.  Alfred  Winkel  mann. 


J.  Kenipf,  Geschiclite  des  deutschen  Reiches  wäh- 
rend des  grossen  Interregnums  1245—1273.  Auf  Grund  einer 
von  der  philosophischen  Fakultät  der  Julius-Maximilians-Üniversität 
Würzburg  gekrönten  Preisschrift  umgearbeitet  und  ergänzt.  Würz- 
burg, Stuber  1893.  8^  VIIT  und  292  S. 

Karl  Hampe.  Geschichte  Konradins  von  Hohen- 
staufen.  Mit  einer  Kartenskizze.  Innsbruck,  Wagner  1894.  8*^, 
VI  und  394  S. 

Die  beiden  vor.stehenden  Werke,  von  denen  das  eine  eine  Gesaramt- 
darstellung  der  deutschen  Geschichte  während  des  sogenannten  Interregnums 
zu  bieten  sucht,  das  andere  eine  interessante  Episode  dieses  Zeitraumes 
eingehend  behandelt,  haben  ausser  dieser  stofflichen  Beziehung  auch  noch 
mehrfach  andere  Berührungspunkte.  Sie  gründen  sich  beide  auf  reiche 
Kenntnisse  der  Literatur  und  Benützung  der  neuen  Quellenpublikationen, 
so  namentlich  der  Neubearbeitung  der  Böhmerschen  Eegesteu  durch  Ficker 
und  Winkelmann  und  der  Papstregesten,  wodurch  sie  schon  von  vorne- 
herein frühere  Arbeiten  übertreffen  und  den  neuesten  Standpunkt  der 
Forschung  repräsentiren.  Die  Verfasser  gleichen  sich  auch  in  der  gewissen- 
haften und  nüchternen  Quellenprüfung  und  in  dem  geschulten  kritischen 
Blick,  welcher  sie  auch  in  der  Beurtheilung  derselben  Gegenstände  sich 
begegnen  lässt.  Sie  befleissen  sich  Beide  einer  klaren,  wo  möglich  mehr 
die  Thatsachen  berücksichtigenden  Darstellung  und  vermeiden  die  Phrase 
und  die  Eetiexion,  wobei  allerdings  Kempfs  Schreibweise  etwas  Trockenes 
bekommt,  während  dagegen  Hampe  mit  Frische  und  Wärme  des  Tones 
einen  bedeutenden  Zug  verbindet. 

Das  Eine  hat  Kempf  voraus,  dass  er  der  Erste  ist,  welcher,  abgesehen 
von  Lorenz'  Darstellung  im  Kahmen  seiner  »Deutschen  Geschichte  im  13. 
und  14.  Jahrhundert«,  eine  zusammenfassende  Geschichte  des  Interregnums 
schrieb;  doch  waren  die  einzelnen  Theile  bereits  in  mehr  oder  minder 
trefflichen  Monographien  behandelt  und  es  kann  nicht  geläugnet  werden, 
dass  eine  oder  die  andere  derselben,  wie  Hintzes  Buch ,  über  Wilhelm  von 
Holland  oder  Bussons  »Doppelwahl  des  Jahres  1257«.  einen  sehr  starken 
Einfluss  auf  die  Darstellung  des  Verf.s  ausgeübt  hat.  —  Den  Ausgang 
nimmt  das  Werk  ganz  richtig  von  den  Bestrebungen  des  Papstes  Inno- 
cenz  IV.,  die  Herrschaft  Friedrichs  auch  in  Deutschland  unmöglich  zu 
machen,  also  von  der  Wahl  Heinrich  Easpes  (1245)  und  nicht  vom  Tode 
Konrads  (1254),  von  welchem  Jahre  nach  der  landläufigen  Art  das  Inter- 
regnum gerechnet  wird.     Es  zerfällt  in  zwei  Abschnitte,  von  welchen  der 


l<<j>i  Literatui". 

erste  umftiugreiohere  deu  Stauferu  uud  ihren  Gegenkönigen.  der  zweite 
dem  Poppelkönigthuni  Kicbard;?  von  Coruwallis  und  Altous'  von  Kastilien 
gewidmet  ist  Die  Unterabtheilungeu  sind  durch  die  Eeiheufolge  der  Er- 
eignisse gegeben,  nur  als  III.  Kapitel  des  I.  Äbseiinitts  ist  eine  Schilde- 
rung der  italienischen  Ereignisse  von  1240 — 1250  eingeschoben,  welche 
uns  tiir  eine  Arbeit,  die  sich  ausdrücklich  als  » Geschichte  Deutschlands  "^ 
bezeichnet,  zu  sehr  ins  Einzelne  geratheu  scheint.  Die  Hauptgesichtspunkte, 
nach  welchen  der  Vertl  die  Schuld  au  den  Wirreu  in  Deutschland  dev 
italienischen  Politik  Friedrichs  und  dessen  Gleichgültigkeit  gegen  das  Keich 
iuschiebt,  hätte  er  ja  in  der  Einleitung  auseinaudei-setzeu  ki)nnen.  Hat  er 
doch  auch  die  Beziehungen  Wilhelms  zu  Italien  vielfach  bei  Seite  gelassen. 
Im  Uebrigen  scheint  mir  aber  der  Gedanke  glücklich  durchgeführt.  das> 
die  Päpste  die  Absicht  hatten,  die  stautiseheu  Gegeukönige  auch  in  Italieu 
gegen  die  Ghibellinen  zu  verwenden.  Sie  wollten  sie  also  durchaus  nicht 
in  Ohnmacht  erhalten. 

Bei  der  Darstellung  der  Doppelwahl  des  Jahres  125T  geht  der  Yerf. 
auch  auf  die  staatsrechtliche  Seite,  insbesondere  auf  die  Frage  des  Kiu- 
turstencoUegiums  näher  ein.  Er  setzt  auseinander,  dass  vor  125T  allen 
Fürsten  und  Edlen  des  Kelches  das  Kecht  zukam,  den  X(>nig  zu  wählen, 
und  dass  es  üblich  wtvr.  sich  vor  dem  formellen  Wahlakt  auf  eine  W- 
stimmte  Person  in  den  Wahlverhandiungen  zu  einigen.  Am  Wahltage 
selbst  hatten  dann  einige  wenige  Fürsten  den  Xamen  des  von  den  Uebrigen 
Erwählten  zu  verkündigen.  Die  Aenderuug  seit  1257  bestand  nun  darin, 
dass  diese  bestimmten  Fürsten  nicht  mehr  durch  das  Wahlrecht  der  andern 
Fürsten  gebunden  waren,  sondern  wählten,  wen  sie  wollten.  In  dieser 
Anschauung  nähert  er  sich  den  neuesten  Untersuchungen  Lindners  über 
die  deutschen  Kiinigs\\-ahlen.  welche  er  noch  nicht  kannte,  luir  dass  dieser 
die  Hypothese  von  einem  einzigen  Verkündiger.  dem  Eiector.  aufgestellt 
hat.  Bezüglich  der  Anerkennung  der  Wahl  Wilhelms  von  Holland  durch 
Sachsen  und  Bi-andenburg  auf  dem  Brauuschweiger  Tage  des  Jahres  1252 
geht  er  nicht  so  radikal  vor  wie  Lindner.  welcher  den  Akt  nur  auf  das 
allgemeine  Wahlrecht  der  Fürsten  zurückführen  will  und  ihm  deshalb  eine 
principielle  Bedeutxmg  abspricht,  sondern  schliesst  sieh  der  seit  Böhmer 
herrschenden  Ansieht  an.  wonach  hier  zum  ersteji  Male  auf  die  Stimmen 
Sachsens  und  Brandenburgs  als  zu  einer  rechtmässigen  Wahl  erforderlich 
Gewicht  gelegt  wurde.  —  Ich  brauche  wohl  hier  nur  auf  Seeligers  Aus- 
führungen über  die  Entstehung  des  Kurkollegs  im  16.  Bande  dieser  Zeit- 
schritt ^^S.  44^  zu  verweisen. 

Für  die  kurze  Geschichte  Heinrich  Raspes  sind  zwei  Excurse  wichtig. 
Der  eine  stützt  die  bereits  von  Ficker  behauptete  Echtheit  der  Urkiinde 
von  Oorvey  (^1246  V.  25).  mittels  \velcher  die  Theihiehmer  an  der  Wahl 
Heinrichs  festgestellt  werden  können,  diux^h  weitere  Gründe.  Der  andei-e 
weist  nach.  dass.  wie  gleichtklls  Ficker  schon  erklärt,  im  Sommer  1246 
niur  eine  Schlacht  bei  Frankfiirt  stattgefunden.  Ein  Excurs  enthält  eine 
gute  Beurtheilung  der  Glaubwürdigkeit  des  Matthäus  Paris  auf  Grund  der 
neuen  Ausgaben  von  Liebermann  und  Luard.  Weniger  glücklich  erscheint 
mir  dagegen  ein  anderer  Excurs.  worin  er.  in  den  Spuren  Hintzes  wandelnd. 
die  Bambergische  Briefsammlung,  welche  Busson  im  Archiv  f.  öst.  ilesch. 
40.   134  ff.  herausgegeben  und  Scheffer-Boiehorst  in  den  Mitth.  d.  Insr.  »<. 


Literatur. 


18^ 


ötyi)  ergänzt  hat,  ah  Auszüge  wirklicher  Briefe  nachweisen  will;  da  wird 
es  wohl  auch  in  Zukunft  bei  der  Annahme  der  Herausgeber,  das.s  es  Stii- 
proben  seien,  denen  ja  trotzdem  ein  historischer  Kern  zugrunde  liegen 
kann,  bleiben  müssen  (vgl.  auch  Grauert  in  Götting.  Gel.  Anz.  ]^'.H. 
S.  617  ff.). 

Im  letzten  Kapitel  nimmt  die  Schilderung  des  Prozesses  der  beiden 
Gegenkönige  Richard  und  Alfons  einen  breiten  Üaum  ein,  die  übrigen 
Ereignisse  sind  im  Vergleiche  mit  den  früheren  Partien  kürzer  und  flüch- 
tiger behandelt.  Sehr  zu  bedauern  ist,  dass  der  Verf.  gar  nicht  auf  die 
Wirkung  eingeht,  welche  die  Wirren  auf  die  culturellen  und  wirtschaftlichen 
Zustände  Deutschlands  ausgeübt  haben.  Erst  dadurch  wäre  die  Geschichte 
dieses  traurigen  Zeitraumes  vollständig  geworden :  aber  das  Werk  ist  über- 
haupt nicht  das,  was  der  Titel  besagt,  eine  Geschichte  Deutschlandr!. 
sondern  vielmehr  nur  eine  Geschichte  der  deutschen  Könige  und  Geggji- 
könige  von   ]23o — 1272. 

Während  Kempfs  Buch  als  zusammenfassendes  selbständiges  Werk 
über  den  erwähnten  Zeitraum  ohne  Vorläufer  ist  und  nur  für  die  einzelnen 
Theile  sich  mit  Vorarbeiten  abfinden  muss,  ist  Hampe  vor  die  ^^chwierige 
Aufgabe  gestellt,  ein  bedeutendes  Buch,  welches  densell>en  Gegenstand  auf 
Grund  de=?Belben  Quellenmaterials  und  vom  Standpunkte  moderner  For- 
schung behandelt  hat,  nämlich  Schirrmachers  »Die  letzten  Hohenstaufen*. 
überbieten  zu  müssen,  wenn  anders  seine  Arbeit  Bedeuttmg  für  die  Ge- 
schichtsschreibung besitzen  soll.  Die  Kritik  ist  in  der  angenehmen  Lage, 
die  Frage,  ob  ihm  das  gelungen,  welche  er  selbst  in  seiner  Vorrede  aul- 
wirft^  bejahen  zu  können.  Er  vermag  nicht  nur  seinen  Vorgänger  in 
sehr  vielen  Einzelheiten  zu  berichtigen,  sondern  gibt  neue  Gesichtspunkte 
und  bereichert  auch  im  Grossen  unsere  Kenntnisse. 

Am  schwächsten  und  unselbständigsten  sind  die  drei  ersten  Kapite]. 
welche  die  Kindheit  Konradins  vor  dem  Zuge  nach  Italien  behandeln. 
Hervorzuheben  ist  hier  nur,  dass  der  Einfluss  Eberhards  von  Konstanz 
und  des  Abtes  Berthold  von  St.  Gtillen  auf  den  Knaben  in  das  rechte 
Licht  gesetzt  wird.  Ludwig  von  Bayern  erscheint  auch  hier,  wie  über- 
haupt in  den  neuen  Darstellungen,  als  der  verständige  und  praktische 
Vormund.  Für  einen  Mangel  halte  ich  es,  dass  der  Verf.  die  Lage  in 
Italien  nicht  wenigstens  in  kurzen  Zügen  bis  zu  Friedrichs  Tode  zurück- 
veriolgt  hat,  jedenfalls  hätte  die  Stellung  Manfreds  sowohl  in  Sicilien,  als 
auch  in  Beziehung  zu  den  deutschen  Staui'ern  klar  gezeichnet  werden 
müssen,  die  geringen  Angaben  genügen  dazu  nicht.  Dies  ist  umso  be- 
dauerlicher, als  sich  der  Verf.  im  IV.  und  VI.  Kapitel  als  ein  genauer 
Kenner  der  complicierten  italienischen  Verhältnisse  erweist.  In  ausgezeich- 
neter Weise  versteht  er  es  hier,  die  höchst  verwickelten,  in  den  einzelnen 
Städten  vielfach  diametral  entgegengesetzten  Tendenzen  der  Guelfen  und 
Ghibellinen  klar  zu  legen.  Er  hebt  die  Bedeutung  Sienas  für  die  Action 
za  Gunsten  Konradins  gebührend  hervor  und  schildert  die  Stellung  der 
grossen  Seestädte  Venedig,  Genua  und  Pisa.  Die  ghibellinischen  Häupter 
Oberitaliens,  die  Lancias  und  Capecces,  gehen  nach  Deutschland,  um  per- 
sönlich Konradin  zum  Zuge  zu  bewegen;  von  Konrad  Capecoe  wird  der 
Kriegsplan  entworfen.  Die  hohe  Bedeutung  Heinrichs  von  Kastilien  für 
die  ganze  Unternehmung,    obwohl  er   nicht   als   der   einzige  Urheber    der- 


190 


Literatur. 


selben  anzusehen  ist,  tritt  klar  zu  Tage.  Im  Gegensatz  dazu  werden 
Eonradins  Aussichten  in  der  Lombardei  fast  ganz  zurückgedrängt  durch 
die  politische  Taktik  der  päpstlichen  Legaten,  unter  deren  Einfluss  die 
städtischen  Congregationen  entstehen. 

Mit  dem  Beginne  des  kühnen  italienischen  Unternehmens  Konradins 
hebt  sich  die  Darstellung  des  Verf.s  und  erhält  einen  gewissen  grossen 
Zug,  der  bis  zum  Schlüsse  fesselt.  Vor  seinem  Aufbruch  aus  Deutschland 
hat  Konradin  bekanntlich  in  der  sogenannten  Protestatio  seinen  Rechts- 
standpunkt auseinandergesetzt.  Es  ist  ein  Verdienst  Hampes,  als  den  Ver- 
fasser derselben  den  Protonotar  Konradins,  Peter  von  Prece,  durch  Stil- 
vergleichung mit  dessen  späterer  Schrift,  der  Adhortatio  ad  Henricum, 
nachgewiesen  zu  haben  (Excurs  Nr.  6).  —  Bei  seinem  Eintreffen  in  der 
Lombardei  fand  Konradin  durchaus  nicht  den  erwarteten  grossen  Anhang, 
wodurch  seine  Lage  sehr  misslich  wurde,  und  die  Fortführung  des  Unter- 
nehmens geht  daher  bei  der  eher  abmahnenden  Haltung  seiner  Verwandten 
und  Freunde  wirklich  auf  einen  spontanen  Entschluss  des  von  der  Grösse  seiner 
Ahnen  erfüllten  fünfzehnjährigen  Jünglings  zurück.  Erst  als  der  wesent- 
lich von  Konrad  Capecce  organisierte  Aufstand  im  Königreiche  Sicilien  den 
vom  Papste  nach  Tuscien  berufenen  Karl  von  Anjou,  an  welchem  die 
Guelfen  bisher  einen  starken  Rückhalt  besessen,  zur  Umkehr  zwang,  werden 
die  Aussichten  günstiger.  Ueber  die  mächtige  Ausdehnung  dieser  Erhebung 
gegen  die  Fremdhen-schaft  und  gegen  den  Steuerdruck  gibt  Excurs  Nr.  7 
den  eingehendsten  Aufschluss,  welcher  durch  die  dem  Buche  beigegebene 
Kartenskizze  seine  anschauliche  Ergänzung  findet.  —  Uebrigens  verdankte 
es  Konradin  noch  immer  nur  einer  Reihe  günstiger  Zufälle,  dass  er  sein 
Heer  durch  das  feindliche  Gebiet  glücklich  nach  Rom  zu  führen  vermochte. 
Vortrefflich  schildert  der  Verf.  den  Papst  Clemens  IV.,  wie  er  trotz  mangeln- 
dem Scharfblick  dennoch  selbst  in  der  bedenklichsten  Lage  seinen  uner- 
schütterlichen Optimismus  und  seine  Siegeszuversicht  nicht  verliert,  welche 
sogar  zu  späterer  legendarischer  Ausschmückung  Anlass  gegeben  hat.  Nun 
durchleben  wir  mit  Konradin  die  letzten  zukunftsfreudigen  Tage,  welche 
ihm  Heinrich  von  Kastilien  in  der  ewigen  Stadt  bereitet,  und  begleiten 
ihn  dann  zum  Entscheidungskampfe,  welchen  Karl  von  Anjou  nördlich  von 
Lucera,  dessen  Belagerung  er  beim  Herannahen  des  Gegners  schleunigst 
aufgab,  verlegte,  um  nicht  diese  feindliche  Stadt  im  Rücken  zu  haben. 
Bei  der  Darstellung  der  Schlacht  folgt  der  Verf.  im  Ganzen  und  Grossen 
Ficker.  Das  unerbittliche  Vorgehen  Karls  gegen  Konradin  führt  er  haupt- 
sächlich auf  die  schwere  Bedrohung  der  angiovinischen  Herrschaft  durch 
den  Aufstand  in  Sicilien  zurück.  Sie  konnte  nur  noch  gesichert  werden, 
wenn  der  letzte  Spross  der  Staufer  vollständig  aus  der  Welt  gerättmt  war. 
Mit  einer  sehr  wertvollen  Schilderung  des  Eindruckes  der  Katastrophe  auf 
die  Zeitgenossen  in  Italien,  Frankreich,  Spanien  und  Deutschland  schliesst 
das  Werk  ab.  In  dem  letzten  Theile  vermissten  wir  nur  eine  kurze  Be- 
sprechung der  weiteren  Entwicklung  in  Deutschland  während  Konradins 
Zuges.  Wir  wissen  ja  von  einer  Bewegung  zu  Gunsten  einer  Wahl  des 
Staufers.    Hier  tritt  Kempf  (S.  25 1)  ergänzend  sein. 

Von  den  im  Anhange  gegebenen  Excursen  verdient  ausser  den  schon 
erwähnten  noch  hervorgehoben  zu  werden  Nr.  3,  welcher  eine  Beurthei- 
lung    der   inneren  Politik  Karls    von  Anjou    in    den  Jahren   1266 — 1268, 


Literatur.  j  9  [ 

die  im  Wesentlichen  die  staufische  fortsetzt,  bietet,  und  Nr.  5,  welcher 
darlegt,  dass  Peter  Eomani  und  Peter  de  Vico,  die  wegen  der  grossen 
Aehnlichkeit  ihrer  Schicksale  häufig  identificiert  werden,  dennoch  zwei  ver- 
schiedene Persönlichkeiten  waren. 

Für  den  Diplomatiker  ist  der  Hinweis  auf  eine  Eegisterführung  in 
Konradins  Kanzlei  überraschend  (S.  177).  Leider  stützt  sich  derselbe  auf 
eine  Stelle  —  ^fecimus  has  litteras  in  quaternis  magne  nostre  curia  regi- 
strari^^  —  aus  einer  Urkunde,  welche  nur  im  Codex  Magliabech.  s.  XIY. 
in  Florenz  überliefert  ist.  Busson  veröflPentlichte  sie  in  den  Forschungen 
z.  deutschen  Gesch.  14,  590  zugleich  mit  einer  andern  aus  demselben 
Codex,  welche  wol  nur  eine  Stilübung  ist.  Er  vertheidigt  zwar  die  Echt- 
heit der  Ersterwähnten  und  auch  Ficker  Reg.  imp.  5  n.  4849  spricht 
keinen  Zweifel  daran  aus,  immerhin  dürfte  die  Sachlage  noch  nicht 
ganz  gesichert  erscheinen  und  so  kann  auch  die  oben  citierte  Stelle  noch 
nicht  als  unumstösslicher  Beweis  für  eine  unsere  bisherigen  Kenntnisse 
in  dieser  Hinsicht  umstürzende  Annahme  gelten. 

Dem  Buche  ist  zur  rascheren  Orientierung  ein  Namens-  und  Orts- 
register beigegeben. 

Wien.  M.   Vancsa. 

Otto  Posse,  Die  Siegel  der  Wettine r  bis  1324  uud  der 
Landgrafen  von  Thüringen  bis  1247.  Leipzig  (Giesecke  und 
Devrient)   1888.    20  S.,  Tafel  I  — XV.  gr.  2°. 

Otto  Posse,  Die  Siegel  der  Wettiner  von  1324— 148G 
und  der  Herzöge  von  Sachsen- Wittenberg  und  Kur- 
fürsten von  Sachsen  aus  askanischem  Geschlecht,  nebst 
einer  Abhandlung  über  Heraldik  und  Sphragistik  der  Wettiner.  [Siegel 
der  Wettiner  IL  Theil].  Leipzig  (Giesecke  und  Devrient)  1893.  X  S. 
und  74  Spalten,  Tafel  XVI— XXXIII.  gr.  2^ 

In    neuerer  Zeit    ist   auf   dem    Gebiete    der    historischen    Hilfswissen- 
I     schaffen,  die  bisher,  von  Diplomatik  und  Chronologie  abgesehen,  nicht  recht 
I     als  Arbeitsgebiet    für    den    zünftigen    Historiker    galten,    ein    Wandel    zum 
!     Bessern  eingetreten,   insofern  besonders   die   Disciplin,  die   mit  am   ärgsten 
I     dilettantischer  Behandlung  ausgesetzt  war,  die  Sphragistik,  sich  strengwissen- 
'     schaftlicher    Durchforschung    und    Darstellung    erfreuen    konnte,    die    ihrer 
Zwillingsschwester,    der  Heraldik,    mit   zu  gute    kommt.    Eine  der  sowohl 
ihrem  Umfange,    als  ihrer  inneren  Bedeutung   nach    wichtigsten  Veröffent- 
lichungen   der  letzten  Jahre    bildet  Posses  Werk    über    die  Wettinersiegel. 
Posse    hat    seine  Aufgabe    im    umfassendsten    Sinne    genommen,    indem  er 
nicht  nur  die  regierenden  Mitglieder,    sondern  alle  Personen    des  wettini- 
ichen  Hauses,  männliche  wie  weibliche,  weltliche  wie  geistliche,  aufnahm, 
und  auch  die  Wettinerinnen,    die  durch  Heirath    in    fremde  Häuser    über- 
I    gingen,    deren  Siegel    also  mehr    der  Sphragistik    des    betreffenden  Landes 
oder  Hauses  angehörten,  nicht  ausschloss,  ferner  hat  er  den  Gegenstand  da- 
I    durch    erweitert,    dass    er    die  Vorgänger    der  Wettiner    in  Thüringen    vor 
i     1247,  das  alte  Landgrafenhaus,  und  die  Askanier  im  Hei'zogthum  Sachsen 


192  Literatur. 

vor  1423  mit  behandelt;  wir  erhalten  somit  die  Siegel  sämmtlicher 
Herzöge  und  Kurfürsten  von  Sachsen,  J^andgrafen  von  Thüringen.  Mark- 
crrafen  von  Meissen,  Landsberg  und  der  Lausitz,  Grafen  von  Brehna  u.  a.. 
vom  12.  Jahrhundert  bis  zur  Theilung  der  Ernestiner  und  Albertiner 
1485. 

Den  Tafeln  ist  eine  umfängliche  Einleitung  »Heraldik  und  Sphragistik 
der  Wettiner"^^  vorausgeschickt,  die  die  Grundzüge  der  Entwicklung  der 
wettinischen  Wappen  darlegt  und  dabei  manche  vielumstrittene  Frage 
mitberücksichtigt,  so  die  Entstehung  und  Bedeutung  des  sächsischen 
Rautenkranzes.  Als  eines  der  ältesten  farbigen  Bilder  desselben  ist 
hierzu  nachzutragen  auch  die  aus  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts 
stammende  Darstellung  der  Wahl  Heinrichs  VH.  1308,  vgl.  Die  Romfahrt 
Kaiser  Heinrichs  VH.  im  Bildercyclus  des  Codex  Balduini  Trevirensis 
(Berlin  188l)  Taf.  3^,  nebst  S.  XI,  XII  des  Textes  von  G.  Irmer;  der 
Rautenkranz  erscheint  hier  schon  ganz  in  der  gewöhnlichen  Form  als 
grüner  Schrägbalken  mit  den  kronenartigen  Verzierungen  an  der  oberen 
Seite.  Zu  der  Literaturmenge,  die  Posse  Sp.  23  zusammenstellt,  ist  noch 
zuzufügen  G.  Bursian  in  den  Mittheil,  des  Kgl.  Sachs.  Alterthurasvereins  XIII. 
(1863)  S.  77  folg.,  81,  der  unter  Hinweis  auf  die  Darstellung  von  Herzog 
Rudolfs  I.  (des  Freundes  Karls  IV.)  Wappen  in  der  Veitskirche  zu  Prag, 
den  Rautenkranz  auch  wie  andere  für  eine  Krone,  nicht  für  einen  Laub- 
kranz hält.  Posse  weist  aber  auf  andere  Zeugnisse  hin,  die  für  die  Deu- 
tung als  Laub  kränz  sprechen.  Zu  seinen  Belegen  sei  hier  noch  ein 
besonders  deutlicher  gefügt.  In  der  Klosterkirche  zu  Dobberan  in  Mecklen- 
Ijurg  ist  das  Wappen  der  Gemahlin  Herzog  Johanns  von  Meklenburg 
(t  1422),  der  Herzogin  Katharina,  Tochter  Herzog  Erichs  von  Braunschweig- 
Lauenburg,  angebracht :  Lauenburg  führte  bekanntlich  gleichfalls  den  Rautenr 
kränz  und  in  unserm  Falle  ist  er  als  wirklicher  Kranz  dargestellt :  von  einem 
grünen  Stengel,  der  von  der  linken,  unteren  Ecke  nach  der  rechten  obern 
läuft,  gehen  nach  beiden  Seiten  hin  je  drei  kleine  grüne  Zweiglein 
und  nach  unten  noch  ein  unentwickelter  Zweigansatz  aus,  vgl.  C.  Teske, 
Die  Wappen  des  Grossherzogl.  Hauses  Mecklenburg  in  geschichtlicher  Ent- 
wicklung (Güstrow  1893)  S.  .lO,  Abbildung  Nr.  167  und  in  grösserer 
farbiger  Darstellung  Taf.   9^. 

Auf  die  Einzelheiten  des  Auftretens  und  Verschwindens  der  verschie- 
denen Wappenbilder  hier  einzugehen,  muss  ich  mir  versagen,  so  interessant 
für  die  Heraldik  auch  manche  dieser  Fälle  sind;  es  sei  nur  noch  darauf 
hingewiesen,  dass  Posse  als  ältestes  Wappen  der  Wettiner  nicht  die  so- 
genannten , ,L an dsb erger  Pfähle"  bezeichnet,  sondern  den  meissner 
schwarzen  Löwen  in  Gold;  die  Bezeichnung  „Landsberger  Pfähle"  weist 
er  als  unzutreffend  zurück.  Als  Heinrich  der  Erlauchte  1247  Thüringen 
erwarb,  gab  er,  nach  Posse  Sp.  10.  die  seit  3  Generationen  geführte 
Pfahltheilung  auf  und  nahm  den  Löwen  von  Thüringen  an;  als  er  dann 
seinem  Sohn  Albrecht  1261  Thüringen  überliess,  führte  auch  dieser  einen 
Löwen,  der  als  der  thüringische  zu  betrachten  ist,  und  Heinrich  selbst, 
der  die  Mark  Meissen  behielt,  führt  als  eignes  Wappen  gleichfalls  einen 
Löwen,  der  bei  ihm  nun  als  meissnischer  zu  fassen  ist  (Sp.  11,  12).  Die 
iilte  Pfahltheilung  war  somit  frei  geworden  und  als  1291  die  Mark  Lands- 
berg an  Brandenburg   verkauft  wurde    und    dann    an    den    neuen  Besitzer 


Literatur.  \  93 

mit  dem  Lande  die  Führung  von  Titel  und  Wappen  überging,  fasste  mari 
—  da,  wie  überhaupt  Landeswappen,  so  auch  ein  eignes  altes  landsberger 
Wappen  früher  nicht  existii'te  und  selbst  Markgi-af  Friedrich  von  Lands- 
berg und  sein  Sohn  Friedrich  Tuta  stets  den  Löwen  führten  — ,  die  ledig 
gewordenen  Pfähle  als  solches  auf  und  sie  gingen  deshalb  mit  an  die 
brandenburgischen  Askanier  über  (Sp.  13).  Ferner  sei  von  wichtigeren 
Kichtigstellungen  noch  die  Frage  des  meissner  Helmkleinods,  des  soge- 
nannten Judenkopfes,  erwähnt,  der  angeblich  als  Symbol  des  1350 
durch  Karl  IV.  verliehenen  Judenschutzes  auftritt.  Dies  ist  ganz  falsch: 
1.  kennt  noch  die  erste  Hälfte  des  1 5.  Jahrhunderts  die  Deutung  Judenkopf 
nicht,  2.  besass  Friedrich  der  Ernste  schon  seit  1329  und  1330  das 
Judenregal,  ohne  dasselbe  im  Wappen  zum  Ausdruck  zu  bringen,  3.  hat 
sein  Sohn  Friedrich  der  Strenge,  bei  dem  zuerst  das  bärtige  Kumpfkleinod 
auftritt,  es  schon  1349  vor  Karls  IV.  Bestätigung  und  vor  seines  Vaters 
Tod  geführt,  der  doch,  solange  er  lebte,  allein  Inhaber  dieses  Rechts  war. 
Ausser  diesen  von  Posse  Sp.  20  angeführten  Gründen  sei  noch  ein  altes 
Zeugnis  hervorgehoben:  an  dem  1850  abgetragenen  Niederthor  der  Stadt 
Rochlitz  (SO.  V,  Leipzig)  befand  sich  das  markgräfliche  Wappen  (jetzt  an 
der  Friedhofsmauer  eingemauert);  dasselbe  wird  in  den  Anfang  des  14.  Jahr- 
hunderts angesetzt  und  lässt  noch  deutlich  erkennen,  dass  auf  dem  Schild 
mit  dem  meissner  Löwen  ein  Topfhelm  mit  dem  spitzhütigen  Manneskopf 
und  -rümpf  sitzt,  giebt  gleichfalls  also  ein  Zeugnis  für  das  Vorhandensein 
dieses  Kleinods  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts,  vgl. 
Steche,  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und  Kunstdenkmäler 
des  Königi-eichs  Sachsen  XIV  (1890),  Amtshauptmannschaft  Rochlitz  S.  55. 
57,  Figur   30. 

Ich  habe  diese  Fälle  herausgegriffen,  weil  sie  besonders  deutlich  zeigen, 
wie  unsicher  der  Boden  war,  auf  dem  sich  die  Forschung  bewegt;  Hypo- 
thesen sind  in  der  Heraldik  umso  geföhrlicher,  als  die  bunte  Welt  der 
Bilder  leicht  die  Phantasie  zu  allerhand  sich  hübsch  ausnehmenden  Deu- 
tungen verlockt,  wo  doch  die  nüchternste  Prüfung  auf  Grund  des  posi- 
tiven Thatbestands  von  Siegeln  und  andern  zuverlässigen  alten  Darstel- 
lungen doppelt  geboten  erscheint. 

Den  Siegeltafeln  selbst  ist  hohes  Lob  zu  zollen.  Sie  sind  zum  Theil 
direkt  nach  den  Originalen,  zum  Theil  nach  sehr  guten  galvanoplastischeu 
Nachbildungen  von  Posse  selbst  sorgsam  photographiert  und  in  der  An- 
stalt von  Stengel  und  Markert  zu  Dresden  in  gelungenen  Lichtdrucken 
vervielfältigt.  Aber  dennoch  erwecken  diese  Tafeln  ein  gewisses  Bedenken. 
Bei  ihnen  ist  jede  Sorgfalt,  die  sich  zur  Erzielung  eines  getreuen  Abbilds 
anwenden  Hess,  allseitig  angewandt  worden  und  sie  stehen  jeder  ähnlichen 
Publikation  ebenbürtig  zur  Seite  und  mancher  voran,  und  trotzdem  lassen 
einzelne  Siegelbilder  an  Deutlichkeit  zu  wünschen  übrig.  Es  kommt  dies 
nicht  auf  Rechnung  der  betheiligten  Personen,  sondern  des  photographi- 
schen Verfahrens  an  sich.  Siegelreproduktionen  bieten  infolge  der  er- 
habenen Oberfläche  grössere  Schwierigkeiten  als  die  Facsimilirung  von  Hand- 
schriften. Das  Photographieren  nach  den  originalen  Wachssiegeln  selbst  hat 
besonders  bei  den  oft  tief  in  Schüsseln  liegenden  Siegeln  des  14.  und 
15.  Jahrhunderts  den  Nachtheil,  dass  es  schwer  hält,  die  Siegelfläche  so 
gleichmässig  zu  beleuchten,   dass  die  Photographie  keinen  Schatten  aufweist. 

Mittheilungeu  XVII.  13 


194  Literatm-. 

Auf  mehreren  der  vorliegenden  Abbildungen  ist  denn  auch  ein  Theil  des 
Randes  so  beschattet,  dass  die  Umschrift  Iheilweise  unkenntlich  geworden 
und  damit  die  Kontrolle  der  Lesung  und  die  Vergleichung  mit  einem 
etwa  vorliegenden  Originalsiegel  sehr  erschwert,  wenn  nicht  unmöglich  ge- 
macht ist.  Bei  den  galvanischen  Abgüssen  fällt  dieser  üebelstand  weg, 
dagegen  tritt  mehrfach  infolge  ihrer  metallischen  Glätte  der  andre  auf, 
dass  durch  ihre  zu  glänzende  Oberfläche  die  Photographie  verschwommen 
wird  und  neben  einigen  wegen  der  Spiegelung  zu  grell  l)eleuchteten  Par- 
tien die  anderen  umsoweniger  hervortreten.  Daher  geben  manchmal  die 
Darstellungen  ein  unklareres  Bild,  als  es  das  betreffende  Siegel,  das  Ref. 
im  Original  ansehen  konnte,  in  der  That  bietet.  Ein  deutliches  Beispiel, 
selbst  ohne  Beiziehung  der  Originale,  liefert  ein  Siegel  Markgraf  Wilhelms  I. 
von  Meissen:  XIX,  ],  in  natürlicher  Grösse  nach  dem  Wachssiegel  selbst, 
ist  klar  und  deutlich,  XIX,  2,  dasselbe  Siegel  nach  dem  galvanischen  Nieder- 
schlag, ist  trotz  starker  Vergrösserung  minder  deutlich  als  1.  —  Wenn 
ich  auch  diese  eventuellen  Schwierigkeiten  selbst  der  besten  Photographie 
für  die  Siegeire  Produktion  hervorhebe,  soll  damit  keineswegs  gesagt  sein, 
dass  ich  dem  Nachzeichnen  das  Wort  reden  will.  Es  giebt  ja  —  von  ge- 
lernten Zeichnern  abgesehen  —  ab  und  zu  in  Archiven  fingerfertige  Leute, 
die  Siegel  anscheinend  getreulichst  nachzeichnen,  doch  selbst  die  sklavischste 
Hand  vermag  an  absoluter  Treue  mit  dem  Lichte  nicht  zu  konkurriren. 
Vor  der  Zeichnung  verdient  die  Photographie  doch  noch  weit  den  Vorzug: 
es  sollte  nur  gezeigt  werden,  dass  auch  sie  in  einzelnen  Fällen  noch  der 
Verbesserung  bedarf,  um  überall  deutlich  zu  sein. 

Um  nach  diesen  allgemeinen  Bemerkungen  über  die  Tafeln  ein  paar 
Einzelheiten  herauszuheben,  sei  das  ziemlich  häufige  Vorkommen  von 
Gemmen  im  Siegelbilde  erwähnt.  Der  bekannteste  Fall  ist  der  in  vier 
Generationen,  von  Friedrich  dem  Freidigen  bis  zu  seinem  Urenkel  Fiiedrich 
dem  Streitbaren,  in  Gebrauch  gewesene  reifgeschmückte  Jünglingskopf  VIII 1, 
XVI  9,  XVII  3,  XX  2  und  3;  ferner  XVII  7  (Landgraf  Balthasar  1355); 
XXII  7  (Kurfürst  Friedrich  der  Sanftmüthige  1445):  XXIII  1  (Friedrich 
der  Sanftmüthige  1459),  XXVI  6  (Herzog  Albrecht  der  Beherzte  1493);  XXXT 
11  (Kurfürst  Albrecht  III.  1369)  u.  a.  Für  die  Entwicklung  des  Siegel- 
wesens und  der  Heraldik  ist  manches  Stück  interessant ;  hier  sei  nur  noch 
ein  Prachtstück  erwähnt,  das  für  die  politische  Geschichte  höchst  lehr- 
reich ist:  die  goldene  Bulle  des  Gegenkönigs  Heinrich  Raspe  XVI  2^,  2^'. 
Der  Avers  zeigt  die  gewöhnliche  Darstellung  des  thronenden  Königs,  der 
Revers  das  gewöhnliche  Stadtbild  mit  der  bekannten  Umschrift  »Roma 
Caput  mundi  regit  orbis  frena  rotundi. «  Das  Einzigartige  daran  aber  sind 
in  der  unteren  Hälfte  innerhalb  zweier  von  einem  romanischen  Pfeiler  ge- 
bildeten, thorartigen  Bogen  die  beiden  Apostelköpfe  des  Petrus  und  Paulus 
und  zwar  ganz  in  der  typischen  Form,  wie  sie  auf  den  Papst- 
bullen dargestellt  sind.  Treffender  konnte  der  Pfaffenkönig  Heinrich 
das  Wesen  seiner  Herrschaft  wahrlich  nicht  zum  Ausdruck  bringen!  Mühl- 
baclier  kannte  bei  Abfassung  seines  Aufsatzes  ,,Kaiseru]  künde  und  Papst- 
urkunde* (in  diesen  Mittheilungen,  Ergänzungsband  IV  [1893]  499  folg., 
."ilo)  dieses  Ineditum  noch  nicht;  es  würde  ein  schönes  Beispiel  für  seine 
Darlegungen  vom  Einfluss  der  politischen  Machtverhältnisse  zwischen  Kaiser- 
lliuin  und  Papstthum  auf  die  Kaiser- und  Papstdiplomatik  geliefert  haben,  eine 


Literatur.  |95 

Parallelersclieinung  zu  der  Rota  in  den  Urkunden  von  Heinrichs  Nach- 
folger Wilhelm  von  Holland,  dem  andern  Gegenkönig  von  Papstes  Gnaden. 
Nun  zum  Schlüsse  noch  einige  weitere  Ergänzungen  und  Berichti- 
gungen, Den  thüringischen  Landgrafentitel  konnte  Markgraf  Heinrich  der 
Erlauchte  von  Meissen  erst  seit  1247  führen  und  dem  entsprechend  giebt 
Posse  als  heute  durch  Siegel  nachweisbare  Zeitgrenzen  für  den  Gebrauch 
seines  dritten  Stempels,  HI  ß,  die  Jahre  12  50 — 12M8  an.  Da  muss  es 
nun  doch  sehr  befremden,  als  Datum  der  Urkunde,  an  der  das  als 
Vorlage  für  die  Abbildung  dienende  Siegel  hängt,  bezeichnet  zu  finden 
12  3  1  Oktober  5,  Hauptstaatsarchiv  Dresden  Orig.  Nr.  306,  ohne  dass 
dieser  schroffe  Widerspruch  irgendwie  erklärt  ist.  Hier  musste  unbedingt 
zur  Erläuterung  der  Hinweis  auf  Posses  Lehre  von  den  Privaturkunden 
fLeipzig  1887)  S.  49  gegeben  werden,  wo  die  Urkunde  als  Fälschung  des 
1 4.  Jahrhunderts  bezeichnet  ist ;  es  liegt  also  der  nicht  selten  vorkommende 
Fall  vor,  dass  einer  Fälschung  ein  echtes  altes  Siegel,  und  zwar  hier  un- 
passender Weise  von  einer  Urkunde  aus  der  Zeit  nach  1247,  angehängt 
ist,  denn  mittelalterliche  Fälscher  selbst,  wie  ihre  getäuschten  Zeitgenossen, 
waren  ja  nicht  in  der  Lage,  solche  Anachronismen  wahrzunehmen.  Tafel 
Vni  und  IX  sind  8  Siegel  Landgraf  Diezmanns  von  Thüringen  gegeben. 
Als  fünfter  Stempel  ist  VHl  7  nebst  Text  S.  15  das  Siegel  mit  dem 
Lausitztitel  aufgeführt,  mit  der  Angabe,  es  sei  von  1292 — 1306  in  Ge- 
brauch. Dies  ist  jedoch  unzutreffend.  1303/4  verkaufte  Diezmann  die 
Lausitz  an  Brandenburg  und  seitdem  führte  er  auch  im  Urkundeneingang 
den  Markgrafentitel  der  Lausitz  nicht  mehr.  Die  letzte  mir  bekannte  Ur- 
kunde, woran  er  das  Siegel  mit  ET  •  LVSACIE  •  MARCHIONIS  führt,  ist 
die  vom  10.  August  1303,  Hauptstaatsarchiv  Dresden  Orig.  Nr.  1734 
(Druck  Wilke,  Ticemannus,  Dipl.  S.  168  Nr.  133);  deren  Siegel  ist  zwar 
völlig  zerbröckelt,  aber  gerade  2  Stücke  mit  der  Legende  LVSACI  und 
E  •  MAR  sind  noch  erhalten,  wir  haben  also  VHI  7  vor  uns.  Als  Gebrauchs- 
jahre des  fünften  Stempels  sind  somit  die  Grenzen  1292 — 1303  anzugeben. 
Diezmanns  vierter  und  sechster  Stempel  VIH  6  und  IX  1  zeigen  eine  so 
grosse  Uebereinstimraung,  dass  man  sich  fast  versucht  fühlt,  sie  für 
identisch  zu  halten,  denn  die  Abweichungen  in  den  von  Posse  gegebenen 
Legenden  beider  sind  in  der  That  nicht  vorhanden,  die  Abkürzungszeichen 
und  Punkte  stimmen  überein  und  die  Hauptvariante  VIII  6  GREVIZH. 
IX  1  GREVITZH,  ist  nicht  vorhanden,  beide  bieten  deutlich  das  T.  Ref. 
hat,  um  sicher  zu  gehen,  sämmtliche  Siegel  an  den  Originalurkunden  aus 
Diezmanns  letzten  Jahren  im  Dresdner  Archive  zur  Vergleichung  beigezogen, 
und  ist  schliesslich,  da  die  genaueste  Vergleichung  der  Einzelheiten 
doch  manche  kleine  Verschiedenheiten  betreffs  der  Stärke  der  Buch- 
stabenschäfte, der  Haltung  der  Vorderhufe,  der  Mähne  u.  dgl.,  dabei  aber 
gleichzeitig  eine  solche  absolute  Gleichheit  der  Anordnung  der  2  Schrift- 
reihen und  der  Reiterfigur  aufwies,  zu  der  Ueberzeugung  gelangt,  dass 
beide  Stempel  identisch,  aber  doch  insofern  verschieden  sind,  als  der  wohl 
im  Lauf  der  Jahre  abgenutzte  Stempel  in  späterer  Zeit  einer  Neugravirung 
bez.  Nachgravirung  unterzogen  wurde,  wodurch  einige  Stellen  ein  etwas 
verändertes  Aussehen  durch  Verdickung  der  Schäfte  u.  a.  erlangten,  — 
Posse  giebt  frühere  Abbildungen  der  Siegel  stets  mit  an,  was,  obwohl 
diese  meist  ungenügenden  Darstellungen  durch  die  neue  Publication  werthlos 

13* 


J96  Literatur. 

werden,  doch  für  eventuelle  Identifikationen  nicht  unnütz  ist.  Hierzu  ist 
noch  nachzutragen  die  Abbildung  vom  Siegel  der  Margarete  von  Oester- 
reich,  der  Schwester  Kaiser  Friedrichs  IIL,  Gemahlin  Kurfürst  Friedrichs 
des  Sanltmüthigen,  die  sich  bei  Joh.  Aug.  Schneider,  Biographische  Frag- 
mente von  der  Churfürstin  Margarethe  (Altenburg  ISOO)  S.  22  findet.  — 
Den  Beispielen  von  Siegelkarenz  junger  Wettiner  Sp.  32  ist  noch  beizu- 
fügen der  interessante  Beleg  für  Friedrich  den  Ernsten  1321,  der  bei 
Lebzeiten  seines  durch  Siechthum  regierungsunfähigen  Vaters  den  von 
seiner  Mutter  mit  dem  Erzbischof  von  Magdeburg  geschlossenen  Vertrag 
mitbesiegeln  sollte  und  dazu  seines  Vaters  Siegel  nahm:  »wan  wir  selbe 
nicheyn  ingsigel  noch  habin,  das  wir  unses  vater  ingesigel,  da  uns  ane 
gnuget,  zu  dissem  brive  gegebin  haben*,  (Riedel,  Cod.  diplom.  Branden - 
burgensis  II,  I,   472,  Lippert,  Wettiner  und  Witteisbacher  S.   11  — 13). 

Den  Sp.  1 — 4  gegebenen  urkundlichen  Zeugnissen  über  das  Auftreten 
von  Herolden  und  Persevanten  der  Wettiner  )ait  bestimmten 
Landesnamen  ^)  als  Dienstnamen  kann  ich  zwei  weitere  Fälle  an- 
reihen: Hauptstaatsarchiv  Dresden,  Copial  48  fol.  9^  ist  eingetragen  die 
lateinische  Ernennungsurkunde  Herzog  Wilhelms  IIL  von  Sachsen  für  seinen 
Herold  »Thüringerland«:  ....  considerantes  virtutum  insignia  ac  saga- 
citatis  industriam  Heinrici  de  Schriessen  dicti  Doringerland  eraldi  nostri 
(in  der  fol.  10  darauf  folgenden  deutschen  Fassung  derselben  Urkunde: 
Heinrichs  von  Schriessen  genand  Doringerland  unnsers  erhalts),  quem  in 
agnicione  rerum  et  actuum  militavium  adeo  laudabiliter  expertum  repe- 
rimus,  ut  .  .  .  .;  horum  itaque  et  aliarum  virtutum  intuitu  eundem  in 
eraldum  creavimu^,  instituimus  et  prefecimus  ....  (Der  Text  ist  ganz 
wie  der  der  Bestallungsurkunde  für  Johannes  dictus  Missenland  1421, 
Posse  Sp.  3.)  Datum  in  Castro  nostro  Wymar  sub  sigillo  nostro  appenso 
dominica  die,  qua  cantatur  Oculi  mei,  ab  anno  domini  milleslmo  quadrin- 
gentesimo  quadragesimo  quinto  (28-  Februar  1445).  Noch  lehrreicher  ist 
die  andere  Urkunde:  der  Schutzbrief  Herzog  Wilhelms  III.  für  seinen  auf 
Reisen  gesandten  Persevanten  Thüringerland,  Hauptstaatsarchiv  Dresden, 
Copial  49  fol.  5^,  6;  denn  hierin  wird  die  offizielle  Beilegung  eines  be- 
sondern Amtsnamens  ausdrücklich  mit  beurkundet:  j> wanne  wir  den  erbarn 
Casparn  von  Heytingen  geinwertigen  czeiger  dieszs  brives  zu  unnserm  perse- 
vand  creyret  und  uffgenomen  und  ym  dorzu  den  namen  Doringerland  zu- 

')  In  besonderer  Blüthe  stand  damals  das  Heroidswesen  an  den  glänzenden 
Höfen  des  Westens,  dem  Karls  VII.  von  Frankreich  und  dem  Philipps  von  Bur- 
gund.  Die  Geschichte  beider  liefert  zahlreiche  Beispiele  auch  für  die  Führung 
besonderer  Amts  namen  von  Ländern  oder  Landestheilen,  von 
denen  einige  hier  miterwähnt  seien :  König  Karl  VII.  hatte  in  seinen  Diensten 
die  Herolde  Barry,  Valois,  Touraine,  Dauphin  (ob  Dauphine  y),  den  Wappenkönig 
Normandie  (vgl.  G.  du  Fresne  de  Beaueourt,  Histoire  de  Charles  VIL,  tome  IV., 
15,  16",  58,  314,  V,  141,  143);  auch  noch  in  Ludwigs  XI.  Diensten  kommt  Nor- 
mandie  (eigentlich  hiess  er  Roger  de  Golant)  vor  (Biblioth.  de  1"  ecole  des  chartes 
LIV,  415).  In  Herzog  Philipps  Diensten  finden  wir  die  Herolde  Charolais  und 
Fribourg,  (s.  Beaueourt  V,  396,  VI  157)  und  den  Herold  Osteirich,  Wappenkönig  von 
Ruwier  oder  Ruir  (Chmel,  Der  österreichische  Geschichtsforscher  1,  231,  237). 
König  Ladislaus  Postumus  von  Böhmen-Ungarn  hatte  einen  Herold  Hongrelant 
(Public,  de  r  instit.  de  Luxembourg  XXX,'  64.  —  Als  eins  der  ältesten  deut- 
schen Vorkommen  ist  zu  erwähnen  im  Dienst  Herzog  Ludwigs  des  Brandenburgers 
von  Baiern  1348  Wolflein  der  Wappenmeister  (s.  Abhdlg.  d.  bist.  Kl.  der  K.  B. 
Akad.  d.  Wiss.  zu  München,  II,  I.  Abth.,  S.  181. 


Literatur.  [97 

gefugt  haben,  angesehin  sin  redeliclie  vernunfft,  auch  siuen  zugeneygten 
Üiess,  den  er  treit  zu  merunge  der  ere  des  adels  mit  uflfrichtiger  belobunge 
ritterlicher  tat  und  notdorfftiger  straifunge  der  ubeltete  eins  iglichen,  und 
das  er  die  underscheid  der  woppin  und  cleynod  notdorffticlich  weisz  zu 
plasinaien  ....  Geben  zu  Wymar  uff  sand  Mertins  des  heiligen  bischofis 
tag  anno  domini  MoCCCCLIP«   (n.  November   1452). 

Ein  siegelfreudiger  Herr  war  Landgraf  Balthasar  von  Thüringen,  Posse 
führt  7  Stempel  von  ihm  an.  Für  die  Kunde  seiner  Siegel  ist  wichtig 
seine  und  seines  Sohnes  Friedrich  Urkunde  vom  6.  Juli  1400  (Vereignung 
von  Getreideeinkünften  im  Dorfe  Buffleben  im  Gericht  Gotha  an  dieVikarie 
des  Altars  S.  Michaelis  an  U.  L.  F. -Kirche  zu  Gotha)  Hauptstaatsarchiv 
Dresden,  Copial  2  fol.  244 ''.  ».  .  .  .  mit  Urkunde  diszes  brifes,  daran  wir 
Balthazar  vorgenante  unser  nuwe  ingesigel  wizsentlichen  haben  laszen 
hengen  nach  der  cziet,  alz  unser  alte  ingesigel  verloren  wart  in  deme 
lande  czu  Hessyn,  do  der  herczoge  von  Sachzsen  mit  andern  fursten,  graffen, 
herren    unde    vil    guten    luten    gefangen    unde    beschediget   wart,    dez  wir 

Friderich  vorgenante  mite  hirane  gebrüchen Geben  czu  Gota  am 

dinstage  vor  Kiliani  anno  CCGCo«.  Das  erwähnte  Ereigniss  ist  der  be- 
kannte Ueberfall  auf  den  vom  Frankfurter  Tag  heimreitenden  Herzog 
Rudolf  IIL  von  Sachsen  bei  Fritzlar  am  5.  Juni  1400,  wobei  Herzog 
Friedrich  von  Braunschweig  seinen  Tod  fand,  ein  Vorfall,  über  dessen  An- 
stifter seit  damals  bis  in  unsere  Zeit  viel  geforscht  und  gestritten  worden 
ist,  vgl.  Wenck,  Die  Wettiner  im  14.  Jahrhundert,  insbesondere  Markgraf 
Wilhelm  und  König  Wenzel  S.  69  folg.,   118^). 

Posses  Werk  bildet  eine  der  werthvollsten  Bereicherungen  der  Lite- 
ratur sowohl  der  deutschen  Sphragistik,  wie  der  sächsisch  -  thüringischen 
Geschichte.  Es  erweckt  lebhaft  den  Wunsch,  dass  eine  gleichgute,  brauch- 
bare Bearbeitimg  auch  den  sächsischen  Städtesiegeln  zu  Theil  werden 
möchte.  Für  einzelne  Städte,  die  im  Codex  diplom.  Saxoniae  berücksichtigt 
sind,  sind  Abbildungen  der  mittelalterlichen  Siegel  mit  veröffentlicht,  doch 

')  Bei  dieser  Gelegenheit  seien  noch  ein  paar  andere  Angaben  zur  Siegel- 
kunde der  Wettiner  mitgegeben,  die  zwar,  da  sie  8  Jahre  nach  Posses  Endtermin 
fallen,  nicht  eigentlich  in  den  Bereich  dieser  Besprechung  gehören,  aber  doch 
den  Sphragistikern  nicht  unwillkommen  sein  werden,  da  sie  an  ihren  versteckten 
Stellen  leicht  der  Beachtung  entgehen.  Es  sind  Notizen  über  die  Anschaffung 
neuer  Siegel  Friedrichs  des  Weisen,  des  Kurfürsten  von  Sachsen,  und  seines 
Bruders,  des  Herzogs  Johann  (des  Beständigen)  aus  dem  Jahre  1494.  Der  Kur- 
fürst hatte  damals  eine  Fahrt  nach  dem  heiligen  Lande  unternommen  und  be- 
rührte auf  der  Hin-  und  Rückreise  Venedig  und  Innsbruck  vgl.  über  diesen 
Aufenthalt  N.  Arch.  f  Sachs.  Gesch.  IV,  37  folg.),  wo  er  verschiedene  Einkäufe 
machte.  In  dem  Rechnungsbuch  über  die  Reiseausgaben,  im  Sachsen-Ernestini- 
schen  Gesaramtarchiv  zu  Weimar  Reg.  Bb.  4150  (unfoliirt)  findet  sich  nun  unter 
der  Ueberschrift  ,Uszgab  zu  Venedig  und  Yspruck*  aufgeführt:  ,XX  schock 
XII  groschen  IX  phennige  zcallt  den  Vockern  an  XLII  ducaten  für  meiner 
gnedigsten  und  gnedigen  hern  naw  sigill*,  und  1  Blatt  weiter  in  demselben  Ab- 
schnitt ,11  schock  XXIllI  groschen  zcallt  den  Vockern  für  eyn  wappenstein 
meinem  gnedigen  hern  hern  Hannsen  an  VI  guldin  XVIII  groschen*'  (der  Wappen- 
stein war  wohl  ein  geschnittener  Stein  mit  dem  herzoglichen  Wappen  für  einen 
Siegelring);  ferner  weiter  hinten  unter  »Uszgab  bottenlohn"  :  , XXI  groschen  eym 
hotten,  der  das  armbendlin  [hierzu  :jUszgab  Hanns  Umbhawen  zu  iNürmberg: 
Ltl  groschen  VI  phennige  hat  Umbhawen  zcallt  Cristoff  Schurlin  für  ein  armbant 
meinem  gnedigsten  hern  hern  Friderichen'],  ettlich  briefe  und  meyns  gnedigen 
hern  hertzog  Hannsen  secret  von  Nurinberg  hereyn  getragen  hatt-<. 


Ijiy  Literatur. 

nuinche  Städte,  die  er.st  nach  l-i.S5  Stadtrecht  erhielten  oder  neuere 
Gründungen  sind,  werden  sich  plangemäss  überhaupt  der  Behandlung 
im  Codex  nicht  zu  erfreuen  haben .  andre  werden  bei  dem  leider  sehr 
langsamen  Fortschreiten  dieses  Unternehmens  noch  Jahrzehnte  oder  noch 
mehrere  Menschenalter  lang  zu  warten  haben,  ehe  sie  an  die  Reihe 
kommen ;  auch  wäre  es  für  die  wissenschaftliche  Benutzung  viel  empfehlens- 
werther,  wenn  ebenso,  wie  von  vornherein  bei  dem  I.  Haupttheil  des 
Cod.  dipl.  Sax.  auf  die  Beigabe  landesherrlicher  Siegel  verzichtet  wurde, 
weil  für  diese  die  obenbesprochene  Spezialpublikation  eintreten  sollte,  auch 
dem  II.  die  Städte  behandelnden  Haupttheil  des  Codex  ein  besonderer 
Siegelband  an  die  Seite  gegeben  würde,  statt  die  Siegel  über  die  einzelnen 
Bände  zu  verzetteln.  Der  Umstand,  dass  bisher  schon  dem  Codex,  wie  er- 
wähnt, einige  beigegeben  sind,  käme  bei  deren  geringer  Zahl  gegen  eine 
einheitliche  Gesammtpublikation  der  sächsischen  Städtesiegel  gar  nicht  in 
Betracht;  erst  eine  solche  würde  auch  —  abgesehen  von  der  praktischen 
Brauchbarkeit  für  sächsisch-historische  Zwecke  —  die  Siegel  für  Fragen 
der  wissenschaftlichen  Sphragistik  benutzbar  machen;  Posse  selbst  wäre 
der  geeigneteste  Bearbeiter  für  ein  solches  Werk. 

Dresden.  W.  Lippert. 

Ferdinand  Tadra,  Summa  Cancellariae  (Cancellaria 
Caroli  IV.).  Formuläf  kral.  kauceläfe  ceske  XIV.  stol.  [Ein  For- 
mularbuch  der  königlichen  böhmischen  Kanzlei  aus  dem  14.  Jhd,]. 
Historicky  Archiv  ceske  akademie  cisafe  Frantiska  Josefa.  Öis.  VI.  1895. 

Der  Herausgeber  der  Cancellaria  Arnesti  (I88O),  der  Summa  Gerhardi 
(1882)  und  der  Cancellaria  Johannis  Noviforensis  (I886)  hat  nun  auch  eine 
vollständige  kritische  Ausgabe  der  Summa  Cancellariae  besorgt,  jenes 
Formularbuches,  das  sowohl  wegen  seiner  Reichhaltigkeit  und  unmittelbaren 
Beziehung  zur  Kanzlei  K.  Karls  IV.,  wie  wegen  der  grossen  Verbreitung 
in  Bibliotheken  und  Archiven  Oesterreichs  und  Deutschlands  besondere 
Beachtung  verdient.  Mehrere  Handschriften  dieser  Sammlung  sind  schon 
seit  längei'er  Zeit  bekannt,  eine  ziemlich  bedeutende  Anzahl  von  Briefen 
ist  aus  verschiedenen  Codices  bereits  publiciert,  die  Haupthandschrift,  jene 
des  Prager  Domcapitels,  ist  schon  von  Pessina,  Pelzel  und  Dobner  benützt 
worden.  Im  J.  1886  hat  Tadra  selbst  in  einer  Abhandlung  über  Johann 
v.  Neumarkt  (Casopis  cesk.  Musea)  eine  Uebersicht  des  handschriftlichen 
Materials  geboten,  und  diese  Liste  ist  dann  in  einer  1891  erschienenen 
Arbeit  von  Jean  Lulves,  »Die  Summu  cancellariae  des  Johann  v.  Neumarkt. 
Eine  Handschriftenuntersuchung  über  die  Formularbücher  aiis  der  Kanzlei 
K.  Karls  JV. -^  theils  vermehrt,  theils  richtiggestellt  worden.  Die  Haupt- 
schwierigkeit für  die  Edition  des  Gesauimtwerkes  bildete  die  mühsame 
Vergleichung  der  bisher  bekannt  gewordenen  1 6  Hss.  und  ihre  Gruppierung, 
und  diese  Untersuchung  wurde  für  den  Herausgeber  noch  dadurch  er- 
schwert, dass  er  mit  den  Ex-gebnissen  Lulves'  in  den  meisten  Hauptpunkten 
nicht  übereinstimmen  konnte.  Bezüglich  der  Verwandtschaft  der  Hand- 
schriften untereinander,  der  Entstehungszeit  der  ersten  Anlage  der  Samm- 
lung, der  Ausbildung  der  einzelnen  Redactionen  gehen  die  Ansichten  beider 


Literatur.  |  Qf) 

Forscher  weit  auseinander  und  nur,  was  den  Autor  der  Sammlung  an- 
langt, ist  eine  gewisse  Uebereinstimmung  zu  constatieren.  Allerdings 
Lulves'  »entscheidenden  Beweis«,  dass  der  Kanzler  Johann  »wirklich  der 
Schöpfer  der  Summa  cancellariae  ist«  (S.  4)  hat  Tadra  zerstört.  Ein  Brief 
der  Sammlung  (bei  T.  Nr.  36)  beginnt  nämlich  mit  den  Worten:  »Inter 
clericos  iuniores  cancellarie  mee^^  und  enthält  eine  Entschuldigung  des 
Kanzlers  gegenüber  einem  Bekannten,  namens  Sagremor,  wegen  eines 
Scherzes  der  Kauzleibeamten,  die  mit  des  Kanzlers  Wissen  wie  anderen 
Personen  so  auch  Sagremor  höllischen  Durst  erzeugende  Zeltchen  bei- 
brachten, an  denen  dieser  aber  erkrankte.  Friedjung,  der  diesen  Brief  in 
seinem  »K.  Karl  IV.  etc.«  (S.  322)  zuerst  edierte,  benützte  eine  Hs.  in 
welcher  »cancellaria  mee*  steht,  verbesserte  diese  Lesart  in  »cancellaria 
inea*  und  deutete  nun  das  Schreiben  merkwürdigerweise  in  dem  Sinne, 
dass  sich  Johann  bei  Sagremor  entschuldigt,  j>wenn  er  ihn  durch  die 
Cancellaria  beleidigt  habe,  die  unter  den  jungen  Clerikern  wegen  ihres 
oft  hiuuoristischen  Tones  sehr  verbreitet  sei«  (S.  110).  Lulves  hat  nicht 
nur  die  unmögliche  Auslegung  des  Schreibens,  sondern  auch,  wiewohl  er 
in  mehreren  Hss.  die  richtige  Lesart  »cancellarie  mee«  gesehen  haben 
musste,  die  Emendation  »cancellaria  mea«  mit  ihrer  falschen  Beziehung 
auf  das  Schriftwerk  anstatt  auf  das  Bureau  acceptiert  und  daraus  eine 
Reihe  unrichtiger  Folgerungen  gezogen  (S.   38,   39). 

Entfällt  nun  auch  dieser  positive  Nachweis  über  die  Autorschaft 
Johanns,  so  glaubt  doch  auch  T.  nicht  daran  zweifeln  zu  sollen,  dass  der 
Kanzler  die  Sammlung  in  ihrer  ursprünglichen  Form  entweder  selbst  zxx- 
sammenstellte  oder  von  einem  seiner  Schreiber  zusammenstellen  Hess,  denn 
nur  mit  seinem  Wissen  und  Willen  habe  eine  so  grosse  Zahl  seiner  eigenen 
Briefe  herausgegeben  werden  können. 

L.  hat  mit  Rücksicht  auf  die  Verschiedenheit  der  Hss.  in  Zahl  und 
Anordnung  der  Stücke  4  ßedactionen  unterschieden.  Die  1.  entstand  1374/5, 
von  Johann  selbst  als  eine  private  Sammlung  von  zumeist  eigenen  Briefen 
allmählich  zusanmiengestellt ;  eine  treif liehe  Abschrift  derselben  stelle  uns 
die  Görlitzer  Hs.  dar.  Erst  die  Erkenntnis,  dass  mit  seiner  Arbeit  einem 
allgemein  empfundenen  Bedürfnis  abgeholfen  sei,  veranlasste  den  Kanzler 
eine  zweite  vermehrte  und  verbesserte  Redaction  zusammenzustellen.  Diese 
sei  uns  in  den  Hss.  des  Prager  Domcapitels,  der  Leipz.  Universitätsbibl. 
(1273  a),  der  Wien.  Hofbibl.  (3372),  der  Raigerer  Stiftsbibl.,  der  Prag. 
Universitätsbibl.  (13  D.  6)  und  schliesslich  in  den  beiden  Fragmenten  der 
Prag.  Universitätsbibl.  (8  A.  19)  und  des  Koblenzer  Staatsarch.  (G.  27) 
erhalten;  doch  construiert  L,  zugleich  für  diese  Codices  verschiedene  Ab- 
leitungen und  Zwischenglieder. 

Aber  auch  jetzt  fehlte  noch  »das  Ideal  eines  handlichen  Formular- 
buches«. Nicht  der  Kanzler,  sondern  ein  Kanzleibeamter  habe  sich  dieser 
Arbeit  unterzogen  und  —  Redaction  III.  geliefert.  Das  beste  Exemplar 
derselben  sei  eine  Hs.  der  Breslauer  Universitätsbibl.  (II  F  23);  durch 
mehr  oder  weniger  Mittelglieder  stehen  auch  die  beiden  Wolfenbüttler 
(Heimst.  441  und  362)  Hss.,  ferner  die  der  Prag.  Universitätsbibl.  (l4  G.  4) 
und  eine  Quedlinburger  mit  ihr  in  Verbindung.  Schliesslich  —  Redaction  IV. 
—  Hess  Johann  von  einem  seiner  Notare  für  die  Olmützer  Bischofskanzlei 
ein  ähnliches  Werk    wie    die    bisherige  Sammlung    anlegen,    die    vielleicht 


2(10  Literatur. 

ei'dt  nach  seinen  Tode  (t  i:iS(i)  fertiggestellt  wurde;  eine  gute  Abschrift 
davon  biete  eine  Hs.  der  Leipziger  Stadtbibl.  (II,  7l),  aus  dieser  entstand 
gleichzeitig  und  am  gleichen  Orte  (Oluiütz)  die  Hs.  der  Klagenfurter  bi- 
schöflichen Bibliothek.  Dieses  überaus  kühne  Gebäude  ist  durch  T.'s 
Deductionen  sehr  stark  erschüttert  worden.  Wer  jeuials  ähnliche  hand- 
schriftliche Untersuchungen  auf  verwandten  Gebieten  angestellt  hat,  wird 
Lulves'  Versuch  in  die  Entstehungsweise  der  verschiedenen  Fassungen  mit 
solcher  Bestimmtheit  eindringen  zu  wollen,  für  sehr  precär  erachten.  Dabei 
sind  aber  auch  thatsächliche  Unrichtigkeiten  in  L.'s  Ausführungen  ent- 
halten. So  sagt  er  S.  45,  dass  sämmtliche  Stücke  der  Görlitzer  Hs.,  die 
ihm  als  directe  Abschrift  aus  der  1.  Red.  gilt,  in  den  Hss.  1.  Leipzig  Uni- 
versitätsbibl.  1273  a,  2.  Prag.  Universitätsbibl.  1.3  D  6,  3.  Raig.  Stiftsbibl. 
und  4.  Wien.  Hofbibl.  3372  sich  »bis  auf  einige  Differenzen«  wiederfinden, 
während  die  Tabelle  bei  Tadra  über  Zahl  und  Anordnung  der  Formeln 
in  den  Hss.  beweist,  dass  die  Hs.  sub  2  und  die  mit  ihr  verwandte  sub  3 
keineswegs  alle  Formeln  enthalten,  die  sich  in  Görlitz  finden. 

Tadra  hat  eine  ganz  andere  Anschauung  von  der  Entstehung  der 
einzelnen  Redactionen  und  dem  Verhältnis  der  Hss.  zu  einander.  Die  erste 
Anlage  verlegt  er  etwa  in  das  J.  1360;  das  Original  fehlt;  den  Anspruch 
dieser  ersten  Redaction  am  nächsten  zu  stehen,  schreibt  er  der  Hs.  der 
Prag.  Universitätsbibl.  8  A.  19  zu;  eine  blosse  Vermehrung  zeigen  die 
Hss.  des  Prager  Domcapitels,  der  Prager  Universitätsbibl.  13  D6  und  die 
von  Raigern,  die  alle  bis  spätestens  1365  entstanden.  Eine  weitere  Ver- 
mehrung an  Formeln  erhielt  die  Sammlung  in  der  Zeit  bis  1370  und  von 
dieser  H.  Redaction  erhielten  sich  Beispiele  in  den  Hss.  der  Leipziger  Uni- 
versitätsbibl. 1273  a,  der  Wien.  Hofbibl.  3372  und  des  Koblenzer  Staats- 
archivs. Nun  folgten  in  einer  ganzen  Gruppe  von  Hss.  (Görlitzer  Hs. 
—  die  sich  von  allen  übrigen  abscheidet)  —  Universitätsbibl.  von  Prag  1 4  G.  4, 
die  beiden  Helmstädter  in  Wolfenbüttel  und  die  Quedlinburger  Hs.)  Be- 
arbeitungen von  Schreiben  mit  grösseren  und  kleineren  Auslassungen  und 
Ergänzungen  in  der  Zeit  von  1370 — 1378.  Schliesslich  zeigen  die  beiden 
Hss.  in  der  Leipz.  Stadtbibl.  und  in  Klagenfurt  eine  abermalige  Neu- 
ordnung und   Vermehrung  durch  andere  Formeln, 

Insoferne  Tadra  sein  System  lediglich  auf  die  innere  Verwandtschaft 
der  Hss.  aufbaut  und  eigentlich  keine  Redactionen,  sondern  nur  Gruppen 
von  verwandten  Hss.  scheidet,  erscheinen  seine  Ergebnisse  zuverlässiger  als 
jene  Lulves'.  Die  meisten  Zweifel  erregt  mir  die  rasche  Aufeinanderfolge 
der  einzelnen  Redactionen.  Lulves  drängte  sie  in  die  Zeit  von  1374 — 1380, 
Tadra  lässt  immerhin  einen  Zeitraum  von  c.  20  Jahren,  doch  auch  dieser 
erscheint  mir  zu  kurz.  Die  Bemerkung  Johanns  von  Gelnhausen,  der  nach 
Karls  IV.  Tode  ein  Formularbuch  unter  dem  Titel  » Collectarius  perpetua- 
rum  formarum*  herausgab,  dass  ihm  die  bisherigen  Formulare  des  Kanzler- 
stils nichs  genügten  und  mangelhaft  seien,  scheint  mir  in  Widerspruch 
zu  stehen  mit  der  Annahme,  dass  die  Summa  cancellariae  schon  in  der 
Zeit  Karls  IV.  in  einer  ganzen  Anzahl  von  Redactionen  herausgegeben  war. 

Was  die  Ausgabe  selbst  anbelangt,  so  kann  dieselbe  als  dui'chaus 
gelungen  bezeichnet  werden.  T.  hat  für  die  Textherstellung  die  älteste 
und  zugleich  beste  Handschrift  des  Domcapitels  benutzt ;  da  sie  aber  die 
Sammlung  nicht  vollständig  enthält,   hat  er  die  übrigen  Formeln   nach  der 


Literatur.  201 

üä.  der  Leipz.  Üniversitätöbibl.  ediert  und  schliesslich  die  in  einzelnen  IIss. 
allein  vorkommenden  Briefe  angefügt.  Die  Varianten  wurden  —  ich 
glaube  mit  Kecht  —  auf  das  allernothwendigste  Mass  reduciert,  dass  sie 
zumeist  gleich  im  Text  eingefügt  wurden  und  die  Fussnoten  nur  sach- 
lichen Bemerkungen  vorbehalten  blieben,  ist  nebensächlich.  Das  Vorwort 
(XLVIII  S.)  enthält  neben  den  in  Kürze  bereits  wiedergegebenen  Aus- 
führungen über  die  Handschriften  und  die  Entstehung  der  Sammlung  im 
5.  Abschnitt  eine  Zusammenstellung  der  Briefe  nach  den  Ausstellern  und 
Empfängern,  und  nur  eine  Würdigung  der  historischen  Bedeutung  dieser 
Sammlung  wird  daselbst  entbehrt.  Besonders  bemerkenswerth  ist  die 
schöne  Ausstattung  der  Publicationen  der  Akademie.  Das  Sachenregister 
wäre  von  jenem  der  Namen  zu  scheiden  und  reichlicher  zu  gestalten 
gewesen. 

Brunn.  B.  Br  et  holz. 

Neueste  Schriften  zur  Geschichte  der  Bukowina. 

Die  Bukowina  besitzt  eine  umfangreichere  geschichtliche  Literatur,  als 
die  dürftige  Vergangenheit  dieses  jungen  Landes  erwarten  Hesse.  Die 
Forschungen  zur  Landes-  und  Volkskunde  seit  17  73  hat  Gustos  Dr.  Polek 
im  Jahrbuch  des  Bukowiner  Museumsvereins  von  1893  zusammengestellt; 
das  Verzeichniss  der  im  Jahre  1894  erochienenen  Schriften  liefert  R.  F. 
Kai  ndl.  Für  eine  jährliche  Berichterstattung  über  die  einschlägige 
Literatur  ist  Sorge  getragen.  Es  ist  viel  Minderwerthiges  und  Unbedeu- 
tendes darunter;  auf  einige  neueste  Arbeiten  von  allgemeinerem  Interesse 
sei  im  Folgenden  hingewiesen. 

Privatdocent  R.  F.  Kaindl  Hess  dem  im  J.  1888  erschienenen  ersten 
Theile  seiner  Geschichte  der  Bukowina  1895  den  zweiten  folgen, 
der  sich  bis  zur  Vereinigung  mit  Oesterreich  erstreckt.  Es  ist  keine  aus 
den  Quellen  geschöpfte  Arbeit,  aber  eine  fleissige  Compilation,  erwünscht 
und  dankenswerth  als  die  erste  übersichtliche  Gesammtgeschichte  des 
Landes.  Den  Gegenstand  der  Erzählung  bildet  allerdings  wesentlich  die 
Geschichte  des  moldauischen  Fürstenthums,  da  die  Bukowina  bis  zur  Einver- 
leibung kein  landschaftliches  Sonderleben  entwickeln  konnte ;  doch  gewinnt 
das  Allgemeine  eine  innigere  Beziehung  zur  Localgeschichte  vermöge  der 
Zugehörigkeit  der  früheren  Landeshauptstädte  Sereth  und  Suczawa  und 
einiger  alter  Klöster  zum  österreichischen  Antheil  der  Moldau.  Den  deut- 
schen Leser  werden  vor  Allem  die  Nachrichten  über  deutsche  Stadtver- 
fassung und  deutsches  Bürgerthum,  insbesondere  in  den  Städten  Sereth 
und  Suczawa  zu  Ende  des  14.  und  im  15.  Jahrhundert  überraschen  und 
interessieren  (IT,  28,  7l);  im  J.  1473  stellen  der  Graf  und  die  ge- 
schworenen Bürger  von  Suczawa  eine  deutsche  Urkunde  aus.  Dieses 
Deutschthum  scheint  ein  schwächlicher  Ableger  des  siebenbürgisch-säch- 
sischen  gewesen  zu  sein ;  es  ist  erstaunlich,  wie  viel  von  dem  kostbaren 
Culturelemente  ohne  Nutzen  für  die  eigene  Nation  in  den  entlegenen  Ge- 
genden des  Ostens  aufgebraucht  worden  ist.  Auch  das  jetzige  Deutsch- 
thum des  Landes  ist  dem  Tode  geweiht;  es  wird  mit  seiner  treuen  Ar- 
Ijeit  die  übrigen  Völkerschaften  zu  höherer  Cultur  erziehen  und  dann  vor 
ihrem    Selbständigkeitsdrange,    ihrem  Hass    und  Uebermuth    verschwinden. 


202  iiiteratiir. 

—  Dass  Kaindl  seinem  Buche  keine  ausführliche  Inhaltsübersicht,  bei- 
gegeben hat,  ist  umsomehr  zu  bedauern,  als  die  Darstellung  wie  in  einer 
Klosterchronik  fast  nur  durch  den  dünnen  Faden  der  Zeitfolge  verbunden 
ist,   ohne  dem  sachlichen  Zusammenhang  Eechnung  zu  tragen. 

Von  demselben  Verfasser  rührt  eine  kleine  Studie  über  die  Erwer- 
bung der  Bukowina  her,  ein  Habilitationsvortrag,  der  den  persönlichen 
Antheil  Kaiser  Josephs  IL  an  den  entscheidenden  Ereignissen  nachdrücklich 
hervorhebt. 

Professor  Dr.  v.  Zieglauer  schliesst  zwei  Reihen  j,6eschicht- 
licher  Bilder  aus  der  Bukowina«  (1893  und  1895)  an  seine 
1888  erschienene  Arbeit  über  den  Zustand  der  Bukowina  zur  Zeit  der 
österreichischen  Occupation  nach  den  Denkschriften  des  Generals  von 
Spleny.  Das  erste  Bändchen  schildert  die  Lage  des  neugewonnenen  Landes 
auf  Grund  der  Berichte  und  Vorschläge  des  Generals  Freiherrn  von  Enzen- 
berg,  der,  längst  vertraut  mit  den  Verhältnissen  der  Bukowina,  im  Jahre 
17  78  als  Nachfolger  Spleny's  an  die  Spitze  der  Civil-  und  Militärver- 
waltung trat  und  im  folgenden  auf  Befehl  des  Hofkriegsrathes  sieben 
Denkschriften  verfasste,  in  denen  er  Land  und  Leute  schilderte  und  Pläne 
ffir  die  Organisation  der  Verwaltung  entwarf.  Diese  in  dem  Archiv  des 
Reichs-Kriegsministeriums  aufbewahrten  Denkschriften  bilden  die  Unterlage 
für  Zieglauers  Darstellung;  sie  verdienen  durch  ihre  lebendigen  und  aus- 
führlichen Schilderungen  in  der  That  das  ihnen  vom  Bearbeiter  gespen- 
dete Lob.  Nichts  entgeht  Enzenbergs  Aufmerksamkeit:  Städte,  Dörfer 
und  Volkszahl  des  Landes,  Bauern  und  Grundherren,  Kauf  leute  und  Hand- 
werker, Geistliche  und  Mönche,  Magyaren  und  Zigeuner,  Armenier  und 
Juden  werden  characterisiert  und  ganz  im  Sinne  der  Zeit  nach  ihrem 
Nutzen  für  den  Staat  bewerthet,  die  Armenier  als  eifrige  und  unter- 
nehmende Geschäftsleute  besonders  hoch  gestellt.  Die  drei  Städte  sind 
über  alle  Massen  elend;  Czernowitz  ist  ein  grosses  aber  nicht  statt- 
liches Dorf,  Suczawa  liegt  in  Ruinen.  Der  zahlreiche  Clerus  ist  geistig 
und  sittlich  verwahrlost ;  Simonie  herrscht  überall ;  der  Vicar  des 
Metropoliten  kann  weder  lesen  noch  schreiben,  das  Schulwesen  liegt 
vollständig  im  Argen.  Im  Ganzen  trifft  man  in  dem  vor  Kurzem  den 
Türken  abgenommenen  Lande  noch  völlig  asiatische  Zustände ;  von  einer 
Polizei  sind  kaum  die  Anfänge  zu  finden;  die  Justizverhältnisse  sind 
trostlos.  Dem  gegenüber  steht  als  Vorzug  die  sehr  geringe,  wenn  auch 
unverständig  vertheilte  Besteuerung  der  Bauern;  Enzenbergs  Vorschläge 
streben  eine  angemessene  Uebertragung  westlicher  Einrichtungen  auf  das 
neuerworbene  Kronland  an.  Er  will  sogar  die  Bauern  stärker  als  bisher 
mit  Roboten  belasten,  offenbar  um  Grundherrn  die  Arbeitskräfte  für  eine 
bessere  Bewirthschaftung  zur  Verfügung  zu  stellen.  Vor  Gewaltsamkeit 
und  Bevormundung  scheut  er  so  wenig  zurück  wie  irgend  einer  seiner 
Zeitgenossen:  er  will  die  zerstreuten  Bauernhütten  zusammenziehen  um 
bessere  Polizei  zu  ermöglichen,  er  will  die  Bauern  zum  Bau  von  Ställen 
zwingen  um  die  Viehzucht  zu  heben.  Seine  Gedanken  fliessen  nicht  nur 
aus  seinen  Erfahrungen  in  der  Verwaltung,  sondern  auch  aus  der  Theorie 
der  Staatswissenschaft,  namentlich  will  er  eine  Polizei  ganz  nach  den 
Lehren  Josephs  von  Sonnenfels  einführen.  Zur  Durchführung  gelangten 
seine  Entwürfe  vornehmlich  auf  dem  Gebiet  des  Kirchenwesens. 


Literatur.  203 

Die  zweite  Bilderreihe  behandelt  auf  Grund  der  Akten  des  Kriegs- 
archives  und  des  Archivs  im  Ministerium  des  Innern  die  endlosen  Bera- 
thungen  über  die  »Bukowiner  Distrikts-Einrichtung*  und  die  kirchlichen 
Verhältnisse  des  Landes  in  den  Jahren  17  80  und  1781.  Zuerst  befasste 
sich  der  Hofkriegsrath  mit  dieser  Angelegenheit  und  brachte  unter  Mit- 
wirkung Enzenbergs  und  des  Oberkriegskommissärs  Wagmuth  ein  umfang- 
reiches Elaborat  zu  stände,  das  aber  fruchtlos  blieb,  da  Kaiser  Joseph 
während  seiner  Reise  nach  Galizien  August  1780  auf  den  Gedanken  kam,  die 
Bukowina  in  das  grössere  Nachbarland  einzuverleiben.  Wenige  Monate 
später  überreichte  ein  einheimischer  Bojar,  Basilius  Balschs,  der  einzige 
europäisch  gebildete  Mann  seiner  Heimath,  im  Namen  des  Adels  und  der 
Geistlichkeit  eine  Denkschrift  über  die  Organisation  der  Bukowina,  die 
eben  wegen  ihres  Ursprungs  von  grossem  Interesse  ist.  Indessen  hatte 
Graf  Brigido,  der  Gouverneur  von  Galizien,  dem  kaiserlichen  Befehle  gemäss 
einen  langathmigen  Entwurf  über  die  Vereinigung  der  Bukowina  mit 
Galizien  ausgearbeitet,  der  jedoch  nicht  sofort  die  Genehmigung  des  Kaiser.-i 
erhielt,  sondern  der  Hofkanzlei  zur  Begutachtung  übergeben  wurde.  Die 
Denkschrift  der  Hofkanzlei  schliesst  sich  in  der  Hauptsache  an  die  des 
Grafen  Brigido  an,  steht  aber  im  Widerspruch  mit  der  persönlichen  Mei- 
nung des  Hofkanzlers  Grafen  Blümegen,  eines  Parteigängers  der  admi- 
nistrativen Selbständigkeit  der  Bukowina.  Einer  solchen  Entscheidung 
schien  auch  ein  kaiserliches  Handschreiben  an  den  Hofkriegsrath  vom 
20.  Mai  1781  zuzuneigen,  welches  von  dieser  Behöi'de  wenige  Tage  später 
mit  einem  eingehenden  Keformentwurf  beantwortet  wurde.  Damit  waren 
die  Berathungen  nicht  zu  Ende,  vielmehr  hatte  noch  die  » Staatsräthliche 
Zusammentretung«,  d.  h.  die  Conferenz  der  Mitglieder  des  Staatraths,  ver- 
stärkt durch  die  Vertreter  der  obersten  Verwaltungsbehörden,  ihr  Votum 
abzugeben;  sie  fügte  den  Vorschlägen  des  Hofkriegsrathes  einige  Punkte 
bei  und  erlangte  im  August  1781  für  ihre  meisten  Beschlüsse  die  Ge- 
nehmigung des  Kaisers.  Mit  der  Ausführung  wurde  der  Hofkriegsrath 
als  die  höchste  Instanz  der  Verwaltung  dieses  Landes  betraut;  doch  war 
mit  soviel  Mühe  und  Arbeit  nur  ein  Provisorium  geschaffen  worden,  denn 
im  Jahre  1786  führte  der  Kaiser  den  längst  gehegten  Plan  der  Einver- 
leibung in  Galizien  aus. 

Das  zweite  Hauptstück  schildert  die  kirchlichen  Verhältnisse ;  von  allge- 
meinerem Interesse  sind  besonders  die  drei  ersten  Kapitel:  der  Hochver- 
rathsprocess  des  erzbischöflichen  Vicars  Makari,  der  den  geistigen  und 
moralischen  Zustand  der  orthodoxen  Geistlichkeit,  aber  auch  die  Rechts- 
anschauungen  des  Hofkriegsraths  in  seltsamer  Beleuchtung  erscheinen  lässt; 
der  von  dem  Präfecten  des  griechisch-katholischen  Seminars  in  Wien  aus- 
geheckte, vom  Nuntius  Garampi  übernommene,  von  der  Regierung  zurück- 
gewiesene Plan,  die  Ueberführung  der  Orthodoxen  in  der  Bukowina  zu 
erschleichen,  indem  man  einen  Unirten  zum  Bischof  einsetze,  der  sich 
anfangs  nicht  ausdrücklich  zur  Union  bekennen  solle ;  endlich  die  kix'ch- 
liche  Organisation  des  Landes,  seine  Loslösung  aus  der  Unterordnung 
unter  den  Metropoliten  von  Jassy  und  seine  Vereinigung  zu  einer  einzigen 
Diöcese,  mit  dem  würdigen  Bischof  Dositheu  von  Radautz,  der  als  ein 
weisser  Rabe  unter  dem  Clerus  der  Bukowina  geschildert  wird,  an  der  Spitze. 


2()4  Literatur. 

»Die  Bukowina  zu  Anfang  des  Jahres  1783*  von  Custos 
Johann  Polek  beruht  auf  einer  Denkschrift  des  Mappierungsdirectors 
Johann  Budinszky,  der  zum  Theil  aus  den  amtlichen  Akten  geschöpft  hat, 
zum  Theil  nach  eigener  Anschauung  berichtet,  und  den  Zustand  des 
Landes  besonders  in  wirthschaftlieher  Beziehung  schildert.  Derselbe  Ver- 
fasser hat  eine  Arbeit  über  die  Eeisen  Kaiser  Josephs  II.  nach  Galizien  und 
der  Bukowina  in  der  Czemowitzer  Zeitung  begonnen;  dieselbe  i&t  jedoch 
abgebrochen  worden  und  soll  demnächst  mit  einer  reichlichen  Aktenleilage 
ausgestattet,  als  ein  zusammenhängendes  Ganzes  im  Jahrbuch  des  Buko- 
winer  Landesmuseums  erscheinen  ^). 

Der  letzterwähnte  Umstand  bezeichnet  eine  erfreuliche  Wendung  zum 
Bessern.  Denn  der  Mangel  eines  geeigneten  Organs  für  die  Veröifent- 
lichung  landesgeschichtlicher  Arbeiten  hat  sich  empfindlich  fühlbar  gemacht. 
Sämmtliche  hier  besprochene  Schriften  sind  Sonderabdrücke  aus  Tages- 
blättern und  es  versteht  sich  von  selbst,  dass  die  Verfasser  auf  die  Be- 
dürfnisse des  Leserkreises  Kücksicht  nehmen  mussten.  Für  Zieglauers 
Geschichtsbilder  wäre  der  Abdruck  von  Aktenstücke  oder  Aktenauszügen 
einer  orientierenden  Einleitung  die  entsprechendste  Form  gewesen;  da 
aber  für  den  gewöhnlichen  Zeitungsleser,  dem  wohl  schon  die  sorgfältigen 
Anmerkungen  über  die  vorkommenden  Persönlichkeiten  zu  gelehrt  sein 
dürften,  eine  solche  Darstellung  ungeniessbar  gewesen  wäre,  musste  der 
Verfasser  zu  einer  Darstellungsweise  greifen,  die  zwischen  Aktenauszug  und 
Erzählung  die  Mitte  hält.  Das  ist  auf  die  Dauer  ohne  Schaden  nicht 
durchzuführen.  Einiges,  wie  z.  B.  Zieglauers  zweite  Bilderreihe,  hätte  in 
die  bezeichnete  Form  gebracht,  seine  Stelle  am  besten  im  »Archiv  für 
österreichische  Geschichtet^  gefunden;  vieles  aber,  was  für  die  Landes- 
geschichte werthvoll  ist,  hat  zu  wenig  allgemeine  Bedeutung,  als  dass  es 
in  den  Schriften  der  Akademie  Unterkunft  verlangen  dürfte.  Hier  beginnt 
das  Wirkungsgebiet  einer  landesgeschichtlichen  Zeitschrift;  es  wäre  er- 
wünscht, wenn  das  »Jahrbuch  des  Landesmuseums«  diesem  Zwecke  dienst- 
bar gemacht  würde. 

Czernowitz.  S.  Herzberg-Fränkel. 


Notizen. 

Zwei  neuere  Arbeiten,  die  alte  Geschichte  betreifen,  mögen  auch  hier 
erwähnt  werden:  Gurt  Wachsmuth,  Einleitung  in  das  Studium 
der  alten  Geschichte  (Leipzig  1895,  bei  S.  Hirzel,  727  S.)  und 
Max  Büdinger,  Die  Universalhistorie  im  Alterthume  (Wien 
1895,  bei  C.  Gerold's  Sohn,  222  S.).  Beide  Werke  ergänzen  sich;  während 
das  eine  durch  die  Genauigkeit  der  Daten  ausgezeichnet  ist,  entwickelt 
das  andere  eine  geistreiche  Gesammtansicht.  Wachsmuth  bietet,  indem 
er  die  alten  Quellenschriftsteller  durchnimmt,  auch  eine  S(.)rgfältige  Analyse 
der  heidnischen  und  christlichen  Chronographen  der  Kaiserzeit,  behandelt 
aber  die  spätrömischen  Autoren  nur  bis  zum  J.  375,  wo  der  Verf.  Alter- 
thum  und  Mittelalter  sich  scheiden  lässt;  in  Folge  dessen  fehlt  manches, 
was  in  das   Werk  wohl  passen  würde,  z.  B.  die  Literatur  über  die  römi- 

')  Ist  mittlerweile  erscliieneu. 


Notizen.  205 

sehen  Proviucialkataloge,  die  Mommseu  zuletzt  mit  seiner  wohlcommen- 
tirten  Ausgabe  des  Polemius  Silvius  (Auetores  antiqu.  der  M.  G.  IX,  2) 
bereieiiert  hat,  und  die  man  doeh  eher  hier  als  bei  Wattenbach  verzeiehnet 
zu  sehen  erwartete.  —  Die  Arbeit  von  Büdinger  behandelt  »die  Anfänge 
der  Universalhistorie  ^  bei  den  altorientalischen  Culturvölkern,  den  »Antheil 
der  Hellenen«,  endlich  die  »Einwirkung  der  Römerherrschaft "^  (bis  Taeitus) 
auf  die  Fortbildung  der  universalhistorischen  Betrachtung  der  Dinge.  Dabei 
nimmt  der  Vf.  Bezug  auf  seine  früheren  nniversalhistorischen  Studien,  wie 
^  Zeit  und  Raum  bei  dem  indogermanischen  Volke «,  » Zeit  und  Schicksal 
bei  Römern  und  Westariern«  (W.  Sitzungsb.  1881.  1887),  ferner  »Die 
Entstehung  des  achten  Buches  Otto's  von  Freising«  (ebenda  1881),  »lieber 
Darstellungen  der  allgemeinen  Geschichte,  insbes.  des  Mittelalters*  (Hist. 
Zeitschr.  1861.  Vgl.  Wachsmuth  S.  202)  u.  a.  m.,  ebenso  auf  die  neueren 
Universalhistoriker,  wie  Johannes  Müller  und  Leopold  Ranke.  »Ueber 
Ranke  als  Universalhistoriker  hoffe  ich  mich  noch  in  alter  Dankbarkeit 
äussern  zu  können«.  J.  J. 

Das  Werk  des  Grai'en  Geza  Kuun  »Relation um  Hungarorum 
cum  Oriente  gentibusque  orientalis  originis  historia  anti- 
quissima«  Vol.  I  1893  11  1895  (Claudiopoli,  d.  i.  Klausenburg,  e 
typogr.  societ.  »Közmüvelödes  irod.  es  münyomdai  reszvenytärsasäg«)  ver- 
dient Beachtung,  da  zumal  die  arabischen  Quellen,  u.  zw.  Jbn  Rosteh 
(früher  Ibn  Dasta  genannt)  schon  nach  der  neuen  Ausgabe  von  de  Goeje 
in  Leiden,  fachkundig  ausgenützt  sind,  überdies  de  Goeje  und  (für  die 
alten  Bulgaren)  Konst.  Jirecek  dem  Vf.  Auskünfte  ertheilten,  die  man 
im  Buche  nachsehen  muss.  J.  J. 

Im  Archivio  storico  Serie  V.  15,  276  —  287  theilt  Giov.  Sforza  einige 
Briefe  aus  dem  Archiv  von  Massa  über  die  Fälschungen  mit,  durch  welche 
Alfonso  Ceccarelli  vom  Fürsten  Alberio  Cybo  goldenen  Lohn  gewinnen 
wollte.  Sie  geben  einen  weitern  Beweis  von  der  Gewandtheit,  Findigkeit 
und  der  für  seine  Zeit  nicht  unbedeutenden  Belesenheit  dieses  dunklen 
Ehrenmannes.  Die  Ausführungen  Riegls  in  dieser  Zeitschr.  15,  204  fi'., 
welche  Sforza  zwar  citirt  aber  nicht  weiter  benutzt  hat,  werden  damit 
durchaus  bestätigt,  in  ein  Paar  Einzelheiten  ergänzt.  E.  v.  0. 

In  den  letzten  Jahren  sind  eine  Reihe  von  Arbeiten  erschienen,  in 
denen  frühere  Mitglieder  des  Istituto  Austriaco  di  studi  storici  in  Rom 
die  reichen,  besonders  aus  <ler  Camera  apostolica  stammenden  Archivalien 
(im  Vaticanischen  Archiv  und  im  römischen  Staatsarchiv)  für  die  öster- 
reichische Provincial-  und  besonders  Kii'chengeschichte  des  späteren  Mittel- 
alters und  neuerer  Zeit  verwerteten.  So  die  Publicationen  von  Albert 
Starzer:  Regesten  z.  Gesch.  der  Pfarren  Niederösterreichs 
und  Regesten  z.  Gesch.  der  Klöster  Nieder  Österreichs  im 
24.,  25.  und  26.  Band  der  Blätter  für  Landeskunde  Niederösterreichs 
(1890  — 1892);  dann  Auszüge  aus  den  Rechnungsbüchern  der 
Camera  apostolica  z.  Gesch.  der  Kirchen  Steiermark s  in  der 
A  q  u  i  1  e  i  e  r ,  L  a  v  a  n  t  e  r  und  S  e  c  k  a  u  e  r  D  i  ö  c  e  s  e  in  den  Beitr.  z. 
Kunde  steierm.  Geschichtsquellen  25.  Bd.  (1893);  und  neuestens  Re- 
gesten z.  Kirchengeschichte  Kärntens  im  Archiv  f.  vaterl.  Gesch. 


206  Notizen. 

und  Topographie  17.  Jahrg.  (jsy4).  —  Ferner  hat  Friedrich  St-hneller 
im  3S.  und  39.  Heft  der  Ferdinandeumszeitschr.  f.  Tirol  u.  Vurarlljerg 
(l894,  1895)  eine  umfangreiche  Arbeit  Beiträge  z.  Gesch.  des  Bis- 
thums  Trient  aus  dem  späteren  Mittelalter  veröffentlicht,  die 
aus  dem  römischen  Staats-  und  dem  Innsbrucker  Statthaltereiarchive  Re- 
gesten der  Pfarreien  und  anderer  Seelsorgsstellen,  sowie  von  Bischof  und 
Domcapitel  vom  13.  Jahrh.  an  bis  c.  1520  bringt,  für  die  geistliche  Ver- 
waltungs-  und  die  Localgesehichte  Südtirols  ein  dankenswertes  Material. 
—  Für  das  16.  und  17.  Jahrh.  sind  in  dieser  Hinsicht  zu  erwähnen  die 
Mittheilungen  von  Michael  M  a  y  r  über  Cardinal  C  o  m  m  e  n  d  o  n  e's 
Kloster-  und  Kirchenvisitation  von  1569  in  den  Diöcesen 
Pas  sau  und  Salzburg  (Studien  u.  Mitth.  a.  d.  Benedictiner-  u.  Cister- 
zienserorden  1893)  und  Einiges  aus  den  Berichten  der  Grazer 
Nuntiatur  an  die  Curie  in  Mitth.  d.  histor.  Vereins  f.  Steiermark 
4J.  Jahrg.  1893,  sowie  von  Starzer  über  Die  Eesidenz  des  Nun- 
tius in  Graz  (a.  a.  0.)  und  Ueber  einen  Visitationsauftrag  an 
den  Bischof  Christoph  von  Gurk  i,  J.  1592  (Carinthia  83.  Bd., 
1893).  —  Vgl.  auch  den  Aufsatz  von  M.  Mayr  oben  S.   71   ff.     0.  Pi. 

Vor  kurzem  ist  ein  Werk  zum  Abschluss  gelangt,  das,  der  Geschichte 
einer  einzelnen  deutschen  Landschaft  gewidmet,  vermöge  der  ausgezeich- 
neten Art  seiner  Durchführung  eine  der  besten,  wenn  nicht  geradezu 
die  beste  neuere  deutsche  Specialgeschichte  genannt  werden  darf.  Es  ist 
die  Geschichte  des  Allgäus  von  F.  L.  Baumann,  in  drei  Bänden 
von  1883  bis  1894  bei  Jos.  Kösel  in  Kempten  erschienen.  Der  erste 
Band  reicht  bis  1268,  der  zweite  bis  1517,  der  dritte  bis  1802.  Die 
»äussere  Geschichte«  nimmt  in  der  ältesten  und  mittelalterlichen  Zeit  nur 
einen  geringen  Raum  in  Anspruch,  erst  in  den  letzten  Jahrhunderten  lässt 
sich  mehr  bringen,  der  Antheil  des  Allgäus  am  Bauernki-ieg  von  1525 
ist  ausführlich  behandelt.  Weitaus  überwiegen  im  ganzen  Werke  die  Ab- 
schnitte, welche  die  Zustände  im  Allgäu  durch  den  Wechsel  der  Zeiten 
herab  schildern  und  darin  liegt  der  eigentliche  und  über  das  kleine  Allgäu 
hinausreichende  Wert  des  Buches.  Ein  mit  der  allgemeinen  Entwicklung 
von  Verfassung  und  Recht,  von  kirchlichen  und  ständischen,  städtischen 
und  bäuerlichen  Verhältnisen,  von  Kunst  und  Wissenschaft  vertrauter 
Forscher  hat  mit  vrillständiger  Behen-schung  des  gesammten  Quellen- 
materials hier  einmal  gezeigt,  wie  denn  alle  jene  Seiten  geschichtlichen 
Lebens  in  einer  bestimmten  Landschaft  mit  bestimmten  natürlichen  Be- 
dingungen im  einzelnen  und  individuell  sich  gestaltet  haben.  Das  ist  die 
rechte  Specialgeschichte  und  an  einem  solchen  Werke  lässt  sich,  nebenbei 
bemerkt,  auch  ersehen,  wie  überflüssig  im  Grunde  die  Rufe  nach  einer  be- 
sondern Disciplin  der  » Culturgeschichte «  sind.  Ganz  besondern  Werth  aber 
verleihen  dieser  Geschichte  des  Allgäus  die  mehr  als  1100  Illustrationen 
und  Vollbilder,  welche  uns  Land  und  Leute,  Städte  und  Dörfer,  Burgen 
und  Ruinen,  Bau-  und  Kunstdenkmale  aller  Art,  Wappen  und  Siegel,  Ur- 
kunden, Handschriften  und  Karten  in  lehrreichster  Weise  vor  Augen  führen 
und,  zum  grössten  Theile  erstmalige  Reproductionen,  auch  an  sich  werth- 
volle  Beiträge  zur  Alterthumskunde  bilden,  ßaumann  hat  mit  diesem  Werke 
seiner  Heimat  die  schönste  Gabe  dargeb)-acht.  0.  R. 


Notizeu.  207 

Tadi'ii  l*'enl.,  Souilui  akta  kousistofe  Tiaz^ke  z  rukopisu 
aichivu  kax)it()lnib()  v  Praze  (Acta  judiciaria  consistorii  Pragen- 
sis)  IL  Theil  13S() — 1387.  Prag.  Historisches  Archiv  der  böhmischen 
Kaiser  Franz  Josephs-Aka<lemie  Nr.  2  J893.  Gr.  8"  p.  IX  und  448.  Wir 
haben  bereits  in  diesen  Blättern  14,  673  auf  die  Wichtigkeit  des  von  der 
böhmischen  K.  F.  J.  Akademie  inaugurirten  Unternehmens  der  Herausgabe 
der  Acta  judiciaria  consistorii  Pragensis  hingewiesen.  Von  dieser  Publi- 
kation ist  nun  von  Tadras  bewährter  Hand  der  2.  Band  enthaltend  2  weitere 
Originalbände  und  umfassend  die  Jahre  1380  — 1387  erschienen.  Der  vor- 
liegende Band  gewinnt  noch  dadurch  an  Bedeutung,  dass  die  Confirmations- 
bücher  für  die  Jahre  1380 — 1383  fehlen  und  wir  nur  in  diesen  Geiichts- 
akten  einen  Ersatz  für  sie  bekommen.  Auch  sind  es  die  letzten  2  Bände, 
welche  sich  ganz  erhalten  haben.  Wie  im  1.  Bande  ist  auch  hier  für  die 
leichte  Orientirung  durch  kurze  Regesten  und  durch  sachliche,  Orts-  und 
Personenregister  gesorgt. 

Wittingau.  F.  Mar  es. 

Auch  der  lange  vernachlässigte  ruthenische  Stamm  Oesterreichs  beginnt 
sich  in  erfreulicher  Weise  zu  entwickeln.  Die  zur  wissenschaftlichen  Aus- 
bildung gelegten  Keime  beginnen  Sprossen  zu  treiben.  Die  nationalen 
Vereine  wie  »Matica'^''  und  der  »Sehewczenko-Verein<<  entwickeln  eine  er- 
spriessliche  Thätigkeit  auf  dem  literarischen  Gebiete,  zum  Theile  auch  die 
nationalen  Institute  wie  »Narodnyj  Dom^^  und  das  » Stauropigianische 
Institut«  in  Lemberg.  Dieses  letztere,  ursprünglich  eine  1586  gegründete 
Kirchenbruderschaft  beginnt  nun  sein  Archiv  zu  publiciren.  Der  erste 
Theil  von  Monumenta  confraternitatis  Stauropigianae  Leo- 
poliensis  ed.  Dr.  Wladimir  Milkowicz  (Leopoli  1895,  XVI  und  495) 
liegt  nun  bereits  vor.  Dieses  Urkundenbuch  enthält  ein  für  die  Kirchen- 
geschichte des  Ostens  sehr  wichtiges  Material.  Die  vom  Patriarchen 
Jeremias  IL  von  Konstantinopel  gegründete  Bruderschaft  hatte  weit  vei'zweigte 
Beziehungen  nicht  nur  in  Polen,  sondern  auch  in  Eussland,  in  der  Moldau, 
in  Griechenland,  in  der  Türkei  u.  s.  w.  Viel  unbekanntes  Material  wird 
da  ans  Licht  gezogen,  ohne  welches  die  Geschichte  der  kirchlichen  Union 
kaum  geschrieben  werden  könnte.  Im  Ganzen  sind  im  ersten  Theile  300 
Urkunden  abgedruckt,  von  denen  173  bisher  unbekannt  waren.  Eine  be- 
sondere Schwierigkeit  für  die  Edition  liegt  in  der  Vielsprachigkeit  des 
Materials,  nicht  weniger  als  sechs  Sprachen  muss  der  Herausgeber  be- 
herrschen. Vorrede,  Regesten  und  Anmerkungen  sind  daher  mit  Recht 
lateinisch  abffefasst. 


Personalien. 

Tb.  R.  V.  Sickel  erhielt  die  preussische  grosse  Medaille  für  Wissen- 
schaft, sowie  das  Commandeurkreuz  der  französ.  Ehrenlegion  und  wurde 
zum  Socio  onorario  der  Pontificia  Accademia  Romana  di  archeologia,  zum 
Associe  corresp.  honoraire  etranger  der  Societe  des  Antiquaires  de  France 
und  zum  auswärt.  Mitglied  der  dänischen  Gesellsch.  der  Wissenschalton 
gewählt. 


208 


Personalien. 


H.  Brunn  er  wurde  zum  auswärt.  Mitglied  der  k.  Akademie  der 
AVissenscliaften  in  Wien  gewählt. 

Ernannt  wurden:  P.  Kehr  zum  ord.  Professor  der  Greschichte  in 
Göttingen,  S.  Herzberg-Fränkel  zum  ord.  Professor  der  allgem.  Ge- 
schichte  in  Czernowitz,  M.  Tangl  zum  ausserord.  Professor  für  mittlere 
und  neuere  Geschichte  und  histor.  Hilfswissenschaften  in  Marburg  i.  Hessen ; 
E.  Chmelarz  zum  1.  Custos,  0.  Doublier  und  J.  Mantuani  zu 
Amanuenses  der  Hofbibliothek  in  Wien;  0.  v.  Falke  zum  Director  des 
städt.  Kunstgewerbemuseums  in  Köln. 

Es  habilitirten  sich  S.  Steinherz  für  Österreich.  Geschichte  an  der 
Universität  Wien,  M.  Mayr  für  neuere  Geschichte  an  der  Universität 
Innsbruck,  W.  Milkowicz  für  mittlere  und  neuere  Geschichte  an  der 
Universität  Czernowitz. 

F.  Dorn  hoff  er  trat  als  Praktikant  am  Statthalterei- Archiv  in  Wien, 
K.  Kl  aar  an  jenem  in  Innsbruck  ein. 

M.  Vancsa  erhielt  den  Preis  der  Jablonowski-Gesellschaft  in  Leipzig  für 
seine  Arbeit:  »Das  erste  Auftreten  der  deutschen  Sprache  in  den  Urkunden«. 
Den  XX.  Curs    des    Instituts    (1893 — 1S9.5)    absolvirten    als    ordent- 
liche Mitglieder: 

Hermann  Julius  Hermann,   Dr.  phil. 
Kretschmayr  Heinrich,  Dr.  phil. 
Schedy  Max,  Dr.  phil. 
Schestag  August. 
Tomaseth  Julius,  Dr.  phil. 

Als  ausserordentliche  Mitglieder: 
Dingler  Komuald. 
Dörnhöffer  Friedrich. 

Fuchs  Adalbert  P.,  0.   S.  B.  (1893—94). 
Gablenz  Dionys  Freih.  v.,  k.  u.  k.  Oberlieutenant. 
Gäl  Julius,   k.  u.  k.  Hauptmann. 
Klaar  Karl,  Dr.  phil. 

Strakosch-Grassmann  Gustav^   Dr.  phil.  (l893 — 94). 
Susta  Josef 

Als  Thema  der  Hausarbeiten  wählten: 
Hermann:    Die  Miniaturcodices    in    der  Wiener  Hofbibliothek    und  in 

Innsbruck. 
Kretschmayr:   Eeichsvicekanzler  Georg  Sigmund   Seid. 
Schedy :  Die  Entwickelung  der  Immunität  bis  in  die  Zeit  der  Karolinger. 
Schestag:  Die  Miniaturcodices  der  Wiener  Hofbibliothek  (Nr.  1 — 6  50). 
Tt>maseth:  Beiträge  zur  Geschichte  des  Pontificats  Gregors  XI. 
Dingler:    Franz  Guilliman  und    sein  Werk  De  principum  Habsburgo- 

Austriacurum  vita. 
Dörnhöffer:   Ein  Cyclus  von  Federzeichnungen  mit  Darstellungen  von 

Kriegen  und  Jagden  Maximilians  I.  von  Jörg  Bren. 
Klaar:  Die  Urkundenfälschungen  des  Klosters  Sonnenburg. 
Susta:  Ueber    mittelalterliche  Urbarialaufzeichnungen    mit   besonderer 

Kücksicht  auf  Böhmen. 
Gablenz:  Die  Besetzung  Krakaus  i.  J.    1846; 
(Jäl:  Der  Pressburger  Landtag   1741. 


"^ 


Original-Aufnahme   unJ    [.ichtdruck  von   Wilh.  Oito,   Düs 


Markgraf  Friedricli  der  Freidige  von  3Ieisseii 
und  die  Meinliardiner  von  Tirol  1296—1298. 

Von 

Woldemar  Lippert. 


Wie  die  Persönlichkeit  des  Markgrafen  Friedricli  des  Freidigen 
von  Meissen,  des  rastlosen  Kämpfers  für  sein  und  seines  Hauses  Eecht 
gegen  die  Ländergier  zweier  deutscher  Könige  und  gegen  die  Angriffe 
der  Nachbarn  im  Norden  und  Süden,  eine  der  interessantesten  Er- 
scheinungen des  wettinischen  Hauses  und  des  mittelalterlichen  Reichs- 
fürstenstandes überhaupt  ist,  so  gewinnen  besonders  seine  Schicksale 
zur  Zeit  der  Eroberung  Thüringens  und  Meissens  durch  König  Adolf 
sogar  einen  romantischen  Anstrich.  Im  Volke  haftete  lange  die  Er- 
innerung an  diese  Zeit,  wo  der  Markgraf  im  eigenen  Lande,  nur  von 
einem  Knechte  begleitet,  ruhelos  wie  ein  gehetztes  Wild  umherstreifte, 
von  einem  Zufluchtsort  zum  andern  gescheucht,  aber  durch  des  treuen 
Volkes  Liebe  von  den  Verfolgern  errettet:  hat  doch  bis  in  unsere  Tage 
die  Volkssage  einzelne  Züge  aufbewahrt  ^). 


^)  Schon  der  Abt  Peter,  von  Königsaal,  Friedrichs  Zeitgenosse,  der  in  seinem 
Chronicon  aulae  regiae  auch  über  den  Volksglauben  berichtet,  der  in  dem  jungen 
Friedrich  als  Hohenstaufensprossen  und  Erben  der  staufischen  Ansprüche  den 
ersehnten  machtvollen  Kaiser  der  Zukunft  sah,  erzählt  uns  solche  sagenhafte 
Züge,  II  c.  12  S.  424  (her.  von  Loserth  Wien  1875)  ,.  .  .  nee  unam  munitionem 
in  toto  Misnensi  marchionatu  habuit  neque  equum  proprium,  in  quo  sederet, 
sed  quasi  vagus  et  profugus  in  terra  propria  circa  suos  familiäres  victui  neces- 
saria  ipse  diebus  pluvibus  mendicavit.  Cum  autem  ad  extremam  inopiam  per- 
venisset,  de  se  ipso  ludibrium  facere  coepit,  ad  quendam  pastorem,  qui  gregem 
in  agris  pavit,  solus  accessit,  cui  sie  ait:  »Obsecro  te,  extende  manus  tuas  et 
capias  me.  '<    Pastori  vero  petitioni  loquentis,  quem  minime  cognovit,  satisfacienti 

Mittheilungen  XVII.  14 


2\()  Wol  demar  Lippert. 

Geschichtlich  ist  aber,  dass  Friedrich  zeitweilig  das  Erbe  seiner 
Väter  ganz  meiden  musste,  um  landflüchtig  wie  ein  Recke  der  deut- 
schen Heldensage  in  der  Fremde  Schutz  und  Unterkommen  zu  suchen. 
Wegele  ^)  hat  nach  zwei  zusammenhanglosen  und  unbestimmten  An- 
gaben die  Vermuthung  aufgestellt,  dass  er  sich  nach  Kärnten  zu  sei- 
nen Verwandten  begeben  habe.  Die  Herzoge  von  Kärnten  und  Grafen 
von  Tirol  Otto,  Ludwig  und  Heinrich  waren  Friedrichs  Schwäger, 
denn  dessen  erste  Gemahlin  Agnes  war  die  Tochter  Meinhards  IL  von 
Kärnten,  des  Vaters  jener  drei  Brüder.  Die  1285  geschlossene  Ehe 
hatte  zwar  schon  1293  der  Tod  der  Markgräfin  gelöst;  aber  Agnes 
hinterliess  ihrem  Gemahle,  der  seiner  Zuneigung  durch  Stiftungen  zu 
ihrem  Seelenheil  Ausdruck  verlieh,  einen  Sohn,  Friedrich  den  Lahmen, 
den  treuen  Beistand  seines  Vaters  in  den  späteren  Kämpfen-), 

Diese  Ehe  hatte  enge  Beziehungen  zwischen  beiden  Häusern,  die 
schon  vorher  durch  verwandtschaftliche  Verbindung  mit  den  Staufen 
einander   nahe   standen  3),   geknüpft,    da  Agnes  und  ihre  herzoglichen 


ipsumque  per  laciniam  vestimenti  captivi  more  tenenti  marchio  sie  ait:  »Nunc 
cunctis  hunc  referas  sermonem,  quod  tu  Misnensem  captivum  habueris  marchio- 
nem«.  Ad  baec  verba  pastor  obstupuit  et  rem  gestara  Omnibus  enarravit"'. 
Ueberbaupt  spielt  unter  allen  meissniscben  Fürsten  der  ersten  Jahrhunderte  die 
scharf  sich  heraushebende  Persönlichkeit  Friedrichs  in  der  Sage  eine  häufigere 
Rolle  als  irgend  ein  anderer  der  Markgrafen  jener  Zeiten,  und  gerade  seine 
Kämpfe  gegen  Adolf  und  Albrecht  sind  es,  auf  die  sich  viele  Beziehungen  finden, 
zum  Theil  rein  sagenhaft,  zum  Theil  mit  historischer  Grundlage,  aber  entstellt, 
und  wo  Friedrich  nicht  selbst  Mittelpunkt  der  Sage  ist,  sondern  sie  sich  auf 
andere  Personen  bezieht,  werden  letztere  gern  wenigstens  in  einen  äusserlichen 
Zusammenhang  mit  ihm  gebracht,  vgl.  hierzu  I.  A.  E.  Köhler,  Sagenbuch  des 
Erzgebirges  (Schneeberg  1886)  S.  488,  538,  540,  562  f.  Nr.  619,  723,  725,  745  f. 
(dazu  auch  S.  496  Nr.  639) ;  J.  G.  Th.  Grässe,  Der  Sagenschatz  des  Königreichs 
Sachsen  (2.  Aufl.,  Dresden  1874)  I,  81,  220,  249,  251  f.,  269,  298,  347,  357 
Nr.  83,  246,  270,  273  f.,  296,  333,  399,  410,  II,  396  Nr.  91. 

1)  Wegele,  Friedrich  der  Freidige  und  die  Wettiner  seiner  Zeit  (Nördlingen 
1870)  S.  233. 

-')  Vgl.  Wegele  S.  94,  157,  Lippert  im  N.  Archiv  f.  Sachs.  Gesch.  X,  2  flg. 
—  Noch  1308  bethätigte  der  Markgraf  seine  treue  Anhänglichkeit  an  die  Ver- 
storbene durch  eine  Stiftung  zu  ihrem  Seelenheil,  s.  L.  Schmidt,  Urkundenbuch 
der  Stadt  Grimma  und  des  Klosters  Nimbscheu  (Cod.  dipl.  Saxon.  Abth.  II. 
Bd.  15)  S.  217  Nr.  305,  wo  aber  gesagt  ist,  dass  die  Urkunde  bis  auf  »un- 
wesentliche Abweichungen«  mit  Nr.  270  S.  192  übereinstimme,  obwohl  letztere 
Urkunde  Heinrichs  des  Erlauchten  von  1277  zum  Seelenheile  von  dessen  Gemahlin 
Konstantia  gegeben  ist,  eine  doch  nicht  unwesentliche  Abweichung. 

3)  Wegele  S.  95.  Wichtig  wurden  diese  freundschaftlichen  Beziehungen  der 
Wettiner  und  Meinhardmer  auch  später  in  den  politischen  Stürmen  der  Jahre 
i;^07— 1310,  vgl.  meinen  Aufsatz  »Meissen  und  Böhmen  1307—1310*,  im  N.  Arch. 
f.  Sachs.  Gesch.  X  (1889)  1  flg. 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  211 

Brüder  durch  treue  geschwisterliche  Zuneigung  verbunden  waren  i). 
Wiederholt  hören  wir,  dass  an  die  Fürstin,  die,  des  kräftigen  tiroler 
Weins  gewöhnt,  am  Trank  norddeutscher  Reben  wohl  weniger  Geschmack 
finden  mochte,  im  Auftrage  der  Herzöge  Weinsendungen  abgingen. 
so  1288  und  1289;  sie  theilte  darin  den  Geschmack  ihrer  an  Herzog 
Albrecht  von  Oesterreich  vermählten  Schwester  Elisabeth,  die  obgleich 
selbst  Herrin  eines  gesegneten  Weinlandes,  sich  doch  ihren  Tiroler 
zuschicken  Hess  2). 

Wesrele  stützte  sich  bei  seiner  Annahme  von  Friedrichs  Flucht 
zu  den  Meinhardinern  auf  die  Stelle  der  Altzeller  Annalen,  die  ohne 
nähere  Zeitangabe  berichten,  dass  Friedrich  in  seiner  Hilflosigkeit  Auf- 
nahme bei  seinen  Verwandten  gefunden  habe,  und  auf  die  Notiz  der 
Kolmarer  Annalen  zu  1296,  dass  der  Sohn  des  Landgrafen  von  Thü- 
ringen nach  der  Lombardei  gekommen  sei  ^).  Diese  unbestimmten  An- 
haltspunkte erhalten  die  vollständigste  und  trefflichste  Bestätigung 
durch  verschiedene  Rechnungen  über  die  landesherrliche  Verwaltung 
von  Tirol,  denn  darin  finden  sich  auch  für  Friedrich,  der  bald  als 
Markgraf  von  Meissen,  bald  als  Landgraf  bezeichnet  ist,  mehrere  Aus- 


1)  Noch  1312  soll  ihr  Bruder  Heinrich  ihr  Andenken  durch  Stiftung  eines 
Jahrgedächtnisses  im  Kloster  Stams  geehrt  haben,  s.  L.  A.  Gebhardi,  Genealogische 
Geschichte  der  erblichen  Reichsstände  in  Teutschland  (Halle  1785)  HI,  616. 

2)  Vgl.  die  Belege  aus  tiroler  Verwaltungsrechnungen  mit  unter  den  Bei- 
lagen am  Schlüsse. 

3)  Annales  Veterocellenses  (herausgeg.  v.  Opel,  Mittheil,  der  Deutsch.  Ge- 
sellsch.  in  Leipzig  I,  1874)  S.  94  ».  .  .  marchio  Fredericus  .  .  .  adeo  pauper 
factus  fuit,  ut  tribus  equis  contentus  tamen  modico  tempore  cognatorum  et 
hospitio  et  solatio  frueretur'',  und  Annales  Colmarienses  maiores,  Mon,  Germ. 
Script.  XVn,  222:  1296.  ,  Filius  marggravii  Thuringe  venit  in  Lombardiam  et 
quedam  civitates  eum  dominum  receperunt".  Da  die  Kolmarer  Annalen  bei  den 
aufgezählten  Ereignissen  eines  jeden  Jahres  die  chronologische  Folge  möglichst 
einhalten  und  vorher  von  sicher  bestimmbaren  Vorfällen  des  Jahres  1296  solche 
aus  dem  Februar,  April  und  Mai  stehen,  so  gehört  der  Aufenthalt  Friedrichs  in 
die  Zeit  nachher.  Vgl.  über  die  Stelle  der  Annal.  Colmar.  auch  schon  I.  C,  Adelung, 
Directorium,  Chronolog.  Verzeichniss  der  Quellen  der  südsächsischen  Geschichte 
(Meissen  1802)  S.  141  Nr.  440 ;  K.  Gautsch,  Archiv  f.  sächs.  Geschichte  (Grimma 
1843)  I,  56  zweifelt  an  der  Zuverlässigkeit,  da  ihm  sonstige  Zeugnisse,  wie  sie 
hier  unsere  Rechnungen  erbringen,  für  Friedrichs  Aufenthalt  im  Süden  fehlen. 
—  Dass  Friedrich  aus  seinen  Landen  weichen  musste,  bezeugt  ferner  auch  der 
Zeitgenosse  Sifrid  von  Balnhusin  in  seinem  Compendium  historiarum  (Mon. 
Germ.  Script.  XXV,  713)  cap.  240:    ,et  iunc    [nach  dem  Fall  Freibergs  und  der 

üebergabe  Meissens]    marchio   Fridericus  et  Theodericus    germanus    suus 

de  iam  dictis  terris  progenitorum  suorum  eliminati  sunt*. 

14* 


212  Wolclem  ar  Lippert. 

gabeposten,  aus  deueu  sowohl  die  Zeit  seines  Aufenthalts,  als  auch 
sogar  einzelne  Aufenthaltsorte  sich  ergeben  i). 

Im  Codex  279  (Raitbuch  Nr.  3)  des  Innsbrucker  Statthalterei- 
archivs finden  sich  unter  den  Rechnungen  von  Beamten  der  Grafen 
von  Tirol  und  Herzöge  von  Kärnten  über  das  Jahr  1296  als  Nr.  31 
auf  Blatt  14  b  Rechnungsablegungen  Dietrichs,  des  Richters  von  Lienz. 
Die  erste  fand  auf  dem  Schlosse  Zenoberg  bei  Meran  am  11.  Mai 
1296,  die  zweite  zu  Chemnat  ^)  am  30.  August  1296  statt.  Zu  der 
letzteren  nun,  die  sich  also  über  die  Zeit  vom  Mai  bis  August  er- 
streckt,  sind  Ausgaben  für  Landgraf  Friedrich  zugleich  mit  solchen 
für  die  Herzöge  Ludwig  und  Heinrich  aufgeführt.  Lienz  3),  heute  Sitz 
einer  Bezirkshauptmannschaft,  liegt  im  Pusterthale,  nahe  der  jetzigen 
kärntner  Grenze.  Friedrichs  Aufenthalt  an  diesem  Orte,  der  von  den 
Hauptorten  des  Landes  abseits  liegt,  erklärt  sich  damit,  dass  er  hier 
auf  der  Durchreise  von  Kärnten  her  geweilt  hat,  denn  das  Oberdrau- 
thal  und  westlich  daran  anschliessend  das  Pusterthal  bildeten  die  alte 
Heer-  und  Handelsstrasse  zwischen  Tirol  und  Kärnten. 

Im  Codex  282  (Raitbuch  Nr.  6)  desselben  Archives  stehen  Blatt 
23  folg.  unter  der  Bezeichnung  „Raciones  auni  nonagesimi  septimi- 
die  Rechnungen  von  45  Beamten  über  das  letztverflossene  Jahr  ihrer 
Amtsführung;    der    erste    von    ihnen  legt  seine  Rechnung  im  Januar, 


1)  Ich  verdanke  diese  Stellen  der  Liebenswürdigkeit  des  Hen-n  Professors 
Dr.  O.  Redlich  in  Wien,  Gymnasialprofessors  Ludw.  Schönach  in  Brunn  und 
Archivbeamten  Dr.  Mich.  Mayr  in  Innsbruck.  Theilweise  sind  diese  Aemter- 
rechnungen  gedruckt  in  M.  von  Freybergs  Xeuen  Beiträgen  zur  vaterländischen 
Geschichte  und  Topographie  I.  Bd,  I.  (einziges)  Heft.  (München  1837)  S.  161  folg., 
doch,  wie  er  selbst  S.  163  sagt,  nur  im  Auszuge;  Quelle  war  Cod.  Tirol.  Xr.  3 
im  K.  B.  Reichsarchiv  zu  München,  der  einen  mehrfach  abweichenden  Text  bietet ; 
über  eine  dritte  Ueberlieferungsform  einiger  dieser  Stellen  s.  Beilagen  IV,  Y. 

')  Chemnat  ist  jedenfalls  Kematen,  im  Oberinnthal  westl.  Innsbruck. 

3)  Bei  Lüncz  ist  jedenfalls  Lienz  zu  verstehen.  Lienz  war  damals  allerdings 
nicht  tirolisch,  es  musste  1252  nebst  andern  Orten  von  Graf  Albert  von  Tirol  an 
den  Erzbischof  von  Salzburg  abgetreten  werden,  und  lag  ausserdem  auch  östlich 
von  der  Grenzlinie  des  tirolisch-görzischen  Theilungsvertrages  von  1271;  denn 
hiemach  gehörte  alles  Land  östlich  der  Haslacher  Klause,  die  etwas  östlich  von 
Mühlbach  im  Pusterthal  liegt,  den  Grafen  von  Görz,  und  demgemäss  wird  von 
Herzog  Otto  auch  1309  das  tirolische  Gebiet  von  Ost  nach  West  bezeichnet  durch 
die  Grenzpunkte  von  Weissbach  bei  der  Haslacher  Klause  bis  auf  die  Höhe  des 
Arlberges.  Später  erscheint  Lienz  auch  als  görzisch.  Vgl.  J.  Egger,  Geschichte 
Tirols  (Innsbruck  1872)  I,  259,  304;  A,  Jäger,  Geschichte  der  landständischen 
Verfassung  Tirols  (Innsbruck  1881)  J,  147,  293,  676;  Aelschker,  Geschichte 
Kärntens  (Klagenfurt  1885)  I,  497,  528. 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  213 

der  letzte  im  November  ab.  An  31.  Stelle  erscheint  hier  Blatt  37  b 
der  prepositus  in  Wiptal  ßertoldus  de  Tiuns,  Kichter  zu  Sterzing.  und 
erstattet  seinen  Bericht  über  das  officium  in  Wiptal  i)  am  1.  Septem- 
ber 1297  zu  Petersberg  2)  auf  das  abgelaufene  Jahr;  er  erwähnt  da 
unter  seinen  Ausgaben  für  verschiedene  Fürsten,  Grafen  und  Herren 
auch  solche  für  den  Markgrafen  von  Meissen,  ohne  indessen  dieselben 
näher  zu  spezialisieren. 

An  die  liechnung  des  Berthold  schliesst  sich  auf  Blatt  38  als 
Nr.  32  die  des  Beschliessers  Jakob  zu  Strassberg  3),  der  am  2.  Sep- 
tember 1297  gleichfalls  zu  Petersberg  seine  Rechnung  ablegte,  in  der 
wiederum  Auslagen  für  den  Markgrafen  von  Meissen  gebucht  sind,  je- 
doch ebenfalls  ohne  näheres. 

Beide  Angaben  finden  sich  auch  im  Codex  280  (Eaitbuch  Nr.  4) 
Blatt  42^  und  44^;  derselbe  enthält  ferner  noch  eine  dritte  Notiz 
auf  Blatt  75  in  der  am  29-  Oktober  1297  zu  Tirol  abgelegten  Eech- 
nung  Swikers,  des  Richters  zu  Marling"^).  Dieser  bringt  bei  seinem 
Bericht  5  Urnen  „tailwin"  —  eine  auch  sonst  in  den  Rechnungen 
genannte  Weinart  ^)  —  in  Abrechnung,  die  er  dem  Landgrafen  gespen- 
det hat. 

Aus  dem  folgenden  Jahre  stammen  mehrei'e  weitere  Rechnungs- 
ablegungen.  Blatt  43^  in  dem  obgedachten  Codex  282  sind  zusam- 
mengestellt die  „Racioues  anni  XCYIIIi",  es  erscheinen  hier  die  Rech- 
nungen über  50  Aemter  und  als  dritter  Beamter  tritt  auf  Blatt  45 '^' 
der  Vorstand  des  Officiums  Meran,  Heinrich  (Heinzlin)  Plancho  auf. 
Er  gab  am  14.  Februar  1298  Rechenschaft  über  die  Zeit  vom  Februar 
1297 — 1298  und  verrechnete  dabei  eine  Zahlung  zu  Gunsten  des  Mark- 
grafen von  Meissen  in  der  Höhe  von  23  Mark  7  Piund,  wobei  er  sich 
auf  das  Zeugniss  des  Burggrafen  von  Tirol  berief. 


')  Las  Wippthal  ist  das  Thal  der  Sill  nördlich  vom  Brenner  und  der  nörd- 
lichste Theil  des  Eisackthales  südlich  vom  Brenner,  die  Aratsvorsteher  hatten 
ihren  Sitz  in  Sterzing.  Vgl.  Jäger,  Landständ.  Verfassung  I,  652 — 654.  Tiuns 
ist  wohl  das  Dorf  Tuins  oder  Thuins,  westlich  nahe  bei  Sterzing. 

-)  Petersberg  war  das  Hauptschloss  im  alten  Landgericht  gleichen  Namens, 
im  Oberinnthal,  westlich  von  Innsbruck,  Bez.  Imst,  oberhalb  des  Dorfes  Silz. 

')  Strassberg  heute  Schlossruine  bei  Sterzing. 

*)  Marning  ist  Marling,  Dorf  im  Bez.  Meran,  Gericht  Lana.  In  der  im  Fol- 
genden gegebenen  Meraner  Rechnung  vom  14.  Febr.  1298  ist  ein  pratum  Mer- 
ningerorum  ei-wähnt. 

5)  Als  Theilwein  erklärt  E.  Brinckmeier,  Glossarium  diplomaticum  (1855) 
II,  908  mit  besonderer  Berufung  auf  tirolische  Verhältnisse  den  Wein,  ,,den  der 
Weinbau  treibende  colonus  partiarius  dem  dominus  directus  des  Weinbergs  ab- 
zugeben hatte". 


214  W  0  ]  d  e  m  a  r  L  i  p  p  e  r  t. 

Der  Burggraf  von  Tirol  selbst,  Konrad  Gandner,  legte  an  zwölf- 
ter Stelle  am  8.  Mai  1298  seine  im  Codex  282  Blatt  50*  erhaltene 
Rechnung  in  Tirol  ab  über  den  Zeitraum  wahrscheiulich  nur  eines 
halben  Jahres;  denn  bereits  am  7.  Oktober  1298  legte  er  abermals 
Rechnung  ab.  Bezieht  sich  dementsprechend  die  Rechnung  vom  Mai 
auch  nur  auf  das  letztvergangene  Halbjahr,  so  fallen  die  Zahlungen 
in  die  Zeit  von  Michaelis  1297  bis  Walpurgis  1298.  Unter  denselben 
sind  12  Mark  weniger  1  Pfund,  die  Gandner  dem  Plancho  für  die 
Auslagen  des  Markgrafen  gab.  Dieser  Posten  steht  also  in  Zusammen- 
hang mit  der  in  der  vorhererwähnten  Rechnung  Planchos  vom  14.  Feb- 
ruar 1298  aufgeführten  Zahlung,  der  Zeitraum  dieser  für  Friedrich 
geraachten  Auslagen  wird  somit  auf  die  Wintermonate  von  Michaelis 
1297  bis  Februar  1298  eingeschränkt,  während  deren  Friedrich  sich 
in  oder  bei  Meran  aufhielt. 

Dem  Codex  282  gehört  auch  die  am  19.  Juli  1298  zu  Tirol  voll- 
zogene Abrechnung  Heinrichs,  des  Schliessers  von  Gries  i),  an,  die  als 
Nr.  37  auf  Blatt  63^'  steht;  zugleich  mit  Ausgaben  an  Geld  und  Na- 
turalien für  die  Landesherren  verrechnete  Heinrich  auch  solche  für 
den  Landgrafen. 

Schliesslich  ist  unter  diesen  Rechnungen  von  1298  noch  eine 
vierte  Notiz  in  der  42.  Rechnung  im  Codex  282  Blatt  66  zu  erwäh- 
nen, wo  die  Wittwe  des  Kellners  -)  Heinrich  zu  Meran  im  Hause  des 
vorgenannten  Plancho  am  13.  September  sich  über  ihre  Auslagen  aus- 
weist, und  zwar  liefert  sie  uns  die  genaueste  Angabe,  denn  sie  sagt 
uns  sogar,  wofür  unser  Markgraf  das  Geld  brauchte  und  wo  er  sich 
aufhielt:  sie  zahlte  10  Pfund  für  sein  Ross,  das  er  in  Welsberg  hatte 
verpfänden  müssen.  Welsberg  (heute  noch  eine  Schlossruiue)  liegt 
zwischen  Bruneck  und  Toblach    im  Pusterthale  ^) ;    Friedrichs  Aufent- 


')  Gries  bei  Bozen. 

-)  Ueber  den  Begriff  des  Kellners,  des  landesherrlichen  Finanzbeamten,  der 
die  fürstlichen  Forderungen,  Steuern,  Renten,  Bussen  zu  erheben  und  diese  meist 
in  natura  geleisteten  Zahlungen  zu  verwalten,  davon  Gelder  auf  besondere  An- 
weisungen auszuzahlen,  Beamtengehalte  und  Kosten  landesherrlicher  Bauten  u.  a. 
zu  bestreiten  hatte,  s.  Lamprecht,  Deutsches  Wirthschaftsleben  im  Mittelalter 
(Leipzig  1886)  I,  2,  1410— 142 L  In  wettinischen  Landen  scheint  die  landesherr- 
liche Verwaltung  (für  welche  eingehendere  Zeugnisse  in  den  Beamtenrechnungen 
hier  erst  mit  der  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  beginnen)  diese  Amtsbezeichnung 
nicht  zu  kennen.  Ueber  die  Identität  der  Begriffe  » cellerarius ^-  und  »Speiser* 
s.  Jäger,  Landständ.  Verfassung  II,  1,  16. 

3)  Welsberg  lag  also  gleichfalls  ausserhalb  der  alten  Grenzen  der  damaligen 
Grafschalt  Tirol,  vgl.  über  die  Grenzlinie  im  Pusterthale  oben  S.  212  Anm.  3.  Es  war 


Markgraf  Fiiedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  215 

halt  iu  dem  kleinen,  abgelegenen  Orte  weist  also  gleichfalls,  wie  die 
obige  Angabe  über  Auslagen  in  Lienz,  auf  eine  Durchreise  nach  oder 
von  1)  Kärnten  hin. 

Bei  dem  häufig  zwischen  beiden  Ländern  wechselnden  Aufenthalt 
der  Meinhardiner  ist  wohl  anzunehmen,  dass  Friedrich  auf  der  Reise 
vom  Hofe  des  einen  Schwagers  zu  dem  andern  durch  das  Pusterthal 
geritten  ist. 

Die  Verpfändung  seines  Pferdes  könnte  auch  auf  besondere  äussere 
Noth  hinzuweisen  scheinen  und  würde  somit  den  Vorwurf  ungastlicher 
Knauserei  gegen  seine  herzoglichen  Verwandten  zu  erheben  berechti- 
gen, wenn  nicht  plötzlicher  Mangel  an  baaren  Zahlungsmitteln  bei 
Fürsten  seine  Erklärung  in  den  wirthschaftlichen  Verhältnissen  jener 
Zeit,  dem  Eingehen  der  Einkünfte  in  Naturalien,  fände  und  solche 
Vorkommnisse  selbst  bei  Fürsten  im  eigenen  Lande  und  unter  fried- 
hchen  geordneten  Verhältnissen  etwas  gar  nicht  seltenes  wären  ^). 

Besitz  des  Bisthums  Brixen,  s,  Sinnacher,  Beiträge  zur  Geschichte  der  bischöf- 
lichen Kirche  Sähen  und  Brixen  (Brixen  1827)  V,  39. 

')  Hierüber  s.  im  Folgenden. 

3)  Z.  B.  Versetzung  des  eigenen  Pferdes  u.  a.  Pfänder  finden  wir  bei  den 
Witteisbachern:  11.  September  1342  ersuchte  Kaiser  Ludwig  die  Augsburger,  den 
Wirth  seines  Sohnes  Stephan  zu  bezahlen,  Böhmer,  Regesten  des  Kaiserreichs 
unter  Ludwig  dem  Bayern  Nr.  2263;  am  28.  August  1348  bat  Markgraf  Ludwig 
der  Aeltere  die  Juden  zu  München,  ihm  sein  daselbst  seinem  Wirthe  als  Pfand 
gelassenes  Ross  schleunigst  auszulösen  und  nach  Ingolstadt  nachzuschicken,  da 
er  es  nothwendig  brauche,  Riedel,  Cod.  dipl.  Brandenburg.  III,  1,  29 ;  am  24.  De- 
cember  1351  versprach  Ludwig  der  Aeltere  stünem  Bruder  Ludwig  dem  Römer, 
ihm  sein  Hofgesinde  und  die  Pfänder  für  500  Mark  auszulösen,  Riedel  III,  I,  32. 
Auch  bei  den  Wettinern  finden  wir  ähnliches,  so  verbürgten  eich  am  3.  November 
1336  die  Grafen  Heinrich  und  Günther  von  Schwarzburg- Arnstadt  für  Markgrat 
Friedrich  den  Ernsten  für  100  Mark  Silber  j,di  her  schuldic  sime  wirte  ist  ze 
Nuremberg«,  Hauptstaatsarchiv  Dresden  Orig.  2752;  am  12.  April  1350  sagte  ein 
Erfurter  Bürger  im  Namen  eines  Mainzers  Friedrich  den  Strengen  und  dessen 
Bürgen  einer  Schuld  von  90  Gulden  ledig,  wofür  ihm  2  beschlagene  Gürtel  ver- 
pfändet worden  waren,  S.-Ernestin.  Gesamratarchiv  Weimar  Reg.  G.  p.  621.  — 
Auch  für  die  Meinhardiner  selbst  fehlen  Belege  nicht,  so  buchte  der  Bozener 
Beamte  am  3.  März  1297  Einlösegelder  für  Pfänder,  die  die  Herzöge  hatten  geben 
müssen:  »pro  solutione  seile  domini  ducis  Ottonis  solid.  15,  pro  phantlosa  domino 
duci  Heinrico  in  Bozano  libr.  12*,  s.  v.  Freyberg,  Neue  Beiträge  I,  170.  Herzog 
Heinrich  zahlte  für  seinen  Schwiegersohn  Johann  Heinrich  von  Luxemburg,  den 
Gemahl  der  Margareta  Maultasch,  1330  j,umb  phantlose  auf  Sand  Zenenberg« 
10  Mark,  s.  Chmel,  Der  österreichische  Geschichtsforscher  H,  183.  Ueber  die 
Geldnoth  besonders  Heinrichs  s.  Jäger,  Landständ,  Verfassung  II,  1,  18—21.  Das 
Aufiallige  daran  ist  nicht  sowohl  die  momentane  Zahlungsunfähigkeit  der  Fürsten 
auch  bei  kleinen  Beträgen,  als  vielmehr  der  Mangel  an  Credit  bei  den  eigenen 
ünterthanen,  die  selbst  solche  geringe  Schulden  vielfach  nicht  ohne  besondere 
Sicherstellung  durch  Pfänder  stundeten. 


2\(y  W 0 1  d e m a r  L i p p e r t. 

ISelimeu  wir  nuu  zu  diesen  Zeit-  und  Aufeutlialtsnotizen  der 
Kechnungen  die  sonstigen  spärlichen  Angaben  über  Friedrichs  Auftreten 
in  diesen  Jahren,  so  ergiebt  sich  folgendes. 

Im  März  1296  fiel  Freiberg  in  König  Adolfs  Hand;  damals  weilte 
Friedrich  noch  im  Lande,  denn  um  den  nicht  hingerichteten  Kest  der 
Besatzung  des  Freiberger  Schlosses  zu  retten,  gab  er  Meissen  hin. 
Auch  nach  dem  Verlust  dieses  letzten  festen  Punktes  hielt  er  sich  noch 
einige  Zeit  im  Lande  auf.  selbst  noch  im  Juni  weilte  er  hier,  wie 
sich  mit  ziemlicher  Sicherheit  aus  der  Urkunde  vom  19.  Juni  1296 
schliessen  lässt,  worin  ihm  der  Bischof  Bruno  von  Naumburg  die 
Städte  Grosseuhain  und  Ortrand  verlieh  i). 

Um  die  Mitte  des  Jahres  aber  hat  er  die  Mark  verlassen  und  ist 
nach  Tirol  gegangen;  denn  schon  vor  Ende  August  ist  er  hier  nach- 
weisbar, wie  die  Kechnung  des  Richters  Dietrich  von  Lienz  ausweist. 
Der  Ort  Lienz  zeigt,  dass  Friedrich  von  Kärnten  her  nach  Tirol  kam, 
und  wenn  wir  die  allgemeinen  politischen  Verhältnisse  in  Betracht 
ziehen,  verstehen  wir  auch,  weshalb  der  landflüchtige  Fürst  nicht 
den  nächsten  Weg  nach  Tirol  eingeschlagen  hatte,  denn  dieser,  der 
ihn  von  der  Mark  Meissen  südwestwärts  geführt  hätte,  war  ihm  völlig 
verschlossen.  Quer  an  der  ganzen  Südgrenze  der  Mark  war  Böhmen 
vorgelagert  und  dessen  König  Wenzel  stand  in  engen  Beziehungen  zu 
Adolf,  die  gerade  erst  im  April  1296  durch  eine  persönliche  Zusam- 
menkunft beider  Könige  zu  Grünhain  im  Erzgebirge  ihren  Ausdruck 
fanden  und  noch  am  9.  August  durch  die  Vermählung  von  Adolfs 
Sohn  Kuprecht  mit  Wenzels  Tochter  Agnes  besonders  bethätigt  wur- 
den. Weiterhin  das  Vogtland  hielt  zu  Adolf,  denn  die  Vögte  von 
Plauen  und  Weida  hatten  sich  vom  Anfang  seines  Einschreitens  an 
ihm  angeschlossen.  Thüringen  selbst  war  in  Adolfs  Händen,  die 
fränkischen  Bischöfe  des  Mainlandes,  die  Witteisbacher  in  der  Ober- 
pfalz und  Oberbaiern,  wie  die  in  Niederbaiern,  der  Erzbischof  von  Salz- 
burg, sie  alle  zählten  zu  seinen  Anhängern,  und  gerade  diese  letzteren 
waren  nicht  bloss  als  Freunde  des  Nassauers  dem  Wettiner  feindlich, 
sondern  bei  ihnen  kam  noch  eigene  Feindschaft  mit  den  Meiuhardi- 
nern  hinzu.  Denn  zwischen  Tirol  und  Baiern  bestanden  unmittelbare 
Grenzfehden  und  der  Erzbischof  von  Salzburg  war  mit  den  herzog- 
lichen Brüdern  von  Kärnten-Tirol  verfeindet,  weil  diese  eng  zu  ihrem 
Schwager,  Herzog  Albrecht  von  Oesten-eich,  hielten,  mit  dem  der  Salz- 
burger in  heftigem  Kampfe  lag;  diese  Fehde  berührte  die  Kärntner  um 
so  näher,  als  Salzburg  grossen  Besitz  in  Kärnten  hatte. 


')  S.  Wegele  S.  219  und  422  Nr.  54. 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  9]^7 

So  blieb  für  Friedrich  als  sicherer  Reiseweg  nur  der  weite  Um- 
weg ostwärts  um  Böhmen  und  Mähren  herum  durch  die  von  seinem 
Bruder  besessene  Niederlausitz,  durch  Schlesien,  zu  dessen  Herzöo-eu 
die  Wettiner  freundliche  Beziehungen  hatten,  und  durch  Ungarn,  dessen 
König  Andreas  mit  dem  Habsburger  in  Freundschaft  und  Verwandtschaft 
stand,  nach  Oesterreichi).  Hier  Hessen  ihn  bei  seinem  Schwager  Albrecht 
nicht  nur  die  Bande  der  Verwandtschaft,  sondern  mehr  noch  dessen 
persönhche  Feindschaft  gegen  König  Adolf  gastfreundliche  Aufnahme 
erhoffen,  und  von  hier  führte  ihn  sein  Weg  über  den  Semmering  oder 
eine  andere  Alpenstrasse  nach  Steiermark  und  weiter  nach  Kärnten 
ins  Drauthal,  durch  welch  letzteres  er  dann  seine  Reise  geraeinsam 
mit  seinen  Schwägern,  den  Herzögen  Ludwig  und  Heinrich,  nach  Tirol 
fortsetzte.  Doch  auch  hier  kam  nun  für  ihn  keine  länsere  Zeit  des 
müssigen  Stillliegens  und  der  Ruhe  nach  den  unruhevollen  Zeiten,  die 
ihm  unaufhörlich  das  letzte  Halbjahr  mit  den  unglücklichen  Kämpfen, 
dem  flüchtigen  Umherirren  in  Meissen  und  der  weiten  Fahrt  von  der 
Elbe  bis  zur  Etsch  gebracht  hatte,  denn  mit  ins  Jahr  1296  setzen  die 
Kolmarer  Annalen  seine  lombardische  Unteruehmuno:.  Dieser  Zus  in 
die  Lombardei  findet  seine  Begründung  in  früheren  Beziehungen  Fried- 
richs selbst,  wie  in  gegenwärtigen  Beziehungen  seiner  Schwäger  zu 
Oberitalien.  Friedrich,  der  Erbe  der  staufischen  Ansprüche  durch  seine 
Mutter  Margareta,  des  grossen  Friedrichs  H.  Tochter,  war  wiederholt 
von  den  italieuischen  Ghibelliuen  als  ihr  Oberhaupt  im  Kampfe  gegen 
die  guelfisch  gesinnten  Elemente  und  gegen  das  Papstthum  und  dessen 
Vorkämpfer,  die  Aujous,  in  Aussicht  genommen;  hatte  doch  ihn  selbst 
noch  als  Knabeu  der.  wenn  auch  nur  schattenhafte  Königstitel  vonSicilien 
vorübergehend  geschmückt  -).  Die  Meinhardiner  ihrerseits  unterhielten, 
wie  sich  aus  der  nahen  Grenznachbarschaft  erklärt,  vielfache,  bald 
freundliche,  bald  feindliche  Beziehungen  zu  den  oberitalischen  Siojnoren 


')  Vgl.  über  die  politische  Sachlage  Wegele  S.  185.  189,  198,  221  folg.: 
Lippert,  König  Adolf  und  die  Vögte  von  Plauen,  Zeitschrift  des  Ver.  f.  Thüring. 
Geschichte  XlII  (X.  F.  V,  1887)  340  folg.  (die  daselbst  beigegebeue  ürk.  ist 
auch  gedruckt  bei  Kopp  S.  283  Nr.  12);  Kopp,  Geschichte  der  eidgenössischen 
Bünde  III  (Berlin  1862)  I.  Abth.  75—78,  101,  228—235;  Egger,  Gesch.  Tirols  I, 
326  folg. ;  V.  Ankershofen  und  Tangl,  Handbuch  der  Geschichte  des  Herzogthums 
Kärnten  IV  (Klagenfurt  1864)  682—687 ;  Fessler,  Geschichte  von  Ungarn  (deutsch 
V.  Klein,  2.  Aufl.  Leipzig  1867)  I,  451  ;  Böhmer,  Regesten  des  Kaiserreichs  1246 
bis  1313,  I.  Ergänzungsheft  (Stuttgart  1849)  S.  492  folg. 

-)  Vgl.  Wegele,  Friedrich  der  Freidige,  Beilage  111,  S.  361  folg..  über  Vor- 
gänge der  Jahre  1269—  1271 ;  Busson,  Friedrich  der  Freidige  als  Prätendent  der 
sicilischeu  Krone  und  Johann  von  Procida,  in  den  Historischen  Aufsätzen  dem 
Andenken  an  Georg  Waitz  gewidmet  (Hannover  1886)  S.  324  folg. 


218  W  0 1  d  e  m  a  r  L  i  p  p  e  r  t. 

und  Coramuueu.  Im  Jahre  1290  hatte  ihr  Vater  Meinhard  IL  mit 
Alberto  della  Scala,  dem  Herrn  von  Verona,  ein  Bündniss  geschlossen  i). 
Gerade  im  Jahre  129G  aber  hatten  sich  die  Verhältnisse  feindlich  ge- 
staltet und  es  kam  zwischen  Tirol  und  Verona  zum  offenen  Kriege  =^). 
Wir  erfahren  dies  aus  zahlreichen  Ausgaben,  die  theils  direkt  für  krie- 
gerische gegen  Süden  gericht-ete  Vorkehrungen  gemacht  wurden,  theils 
sonst  darauf  Bezug  nehmen  ^). 

Da  diese  Kämpfe  für  den  Monat  Oktober  und  ihr  Ende  für  den 
Januar  1297  sicher  bezeugt  sind,  fallen  sie  gerade  in  die  Zeit,  in 
der  wir,  wie  erwähnt,  den  Aufenthalt  Friedrichs  in  der  Lombardei 
ansetzen  müssen,  in  die  zweite  Hälfte  von  1296.  Die  Herzöge  hatten 
sich  damals  ganz  in  die  Nähe  der  italischen  Grenze  begeben  und  hiel- 
ten   sich   von  October  1296    bis  Januar  1297    in  Südtirol  auf*).     Im 


')  J.  von  Hormayr,  Sämmtliche  Werke    (Stuttgart  1821)   II,  S.  CXI  Nr.  LI. 

2)  Hieraus  ergiebt  sich,  dass  Verona  nicht,  wie  Wegele  S.  234  Anm.  meint, 
Friedrichs  Stützpunkt  gewesen  sein  kann,  von  dem  sein  lombardischer  Zug 
ausging. 

3)  S.  von  Freyberg,  Neue  Beiträge  S.  167  in  der  Rechnung  des  Uh-ich  Badekk, 
capitaneus  in  Tenno,  über  die  Zeit  von  März  1296  bis  März  1297:  ^Item  Göt. 
de  Bozano  pro  expensis  equitum  missorum  Ripam  marcas  10  bone  monete.  Item 
ipse  Uh'icus  Badekk  et  comites  eius  expenderunt  libras  24 '/^  veteris  monete 
eundo  Castromannum  et  intromittendo  sedeui  montis*.  S.  168  in  der  Rechnung 
des  Bonus  caniparius  (Vorstand  der  Speisekammer  und  Weinkellerei)  zu  Trient 
über  dieselbe  Zeit:  ,Ex  hiis  dedit  ad  expensas  magistri  curie  et  familie  domini 
in  Octobri,    quando  Veronenses   intraverant  Vallem  Suganam,    panicii    modios  4 

Tridentinos *    S.  172  in  der  Rechnung    des  Jakob    Hozzer   in   Tirol    über 

die  Zeit  von  April  1296  bis  1297:  ,Ex  hiis  dedit  ad  expensas  H.  magistri  curie 
et  aliorum  in  Tridento  in  Octobri,  quumque  Veronenses  intrarnnt  Vallem  Suganam, 
marcas  113  solidos  10  veteris  monete«.  S.  175  in  der  Rechnung  des  Ulrich  de 
Corde,  Hauptmanns  zu  Trient,  über  dieselbe  Zeit :  »Idem  F.  de  Tridento  pro  custodia 
montis  in  Triendeburch  per  unum  mensem  libras  5  veteris  monete.  Item  spicu- 
latoribus  versus  Veronam  et  nuntiis  versus  Vallem  Suganam  libras  40  veteris 
monete".  Die  Notizen  von  S.  168  und  172  geben  uns  also  den  genauen  Zeit- 
punkt des  Krieges,  den  Oktober  1296. 

4)  Vgl,  die  in  der  vorigen  Anm.  3  erwähnten  Auslagen  für  den  Hofmeister 
und  das  Hofgesinde  (familia)  der  Herzöge  in  Trient  im  Oktober,  die  auf  einen 
Aufenthalt  des  herzoglichen  Hofes  daselbst  schliessen  lassen,  ferner  über  die 
Anwesenheit  der  Herzöge  selbst  S.  172  in  Hozzers  Rechnung:  »Item  ad  ex- 
pensas dominorum  in  Tridento  tempore  compositionis  facte  inter  eos  et  Vero- 
nenses 10  intrante  Januario  marcas  414  minus  solidis  3  veteris  monete*.  Am 
25.  November  1296  urkundet  Herzog  Otto  zu  Gries  (bei  Bozen)  für  den  deutschen 
Orden,  s.  Just.  Ladurner,  Zeitschr.  des  Ferdinandeums  für  Tirol  (Innsbruck  1861) 
[IL  Folge,  Heft  10  S.  4S.  Am  18.  December  (Dienstag  feria  Hl.  vor  S.  Thomas) 
1296  schlössen  Otto  und  Ludwig  für  sich  und  ihren  Bruder  Heinrich  im  Kloster 
Au  bei  Bozen  mit  Bischof  Landulf  von  Brixen  ein  Abkommen  über  ihre  Streitig- 
keiten., s.  Sinnacher,  Geschichte  von  Sähen  und  Bri^en  V,  26  folg.  (mit  19.  De- 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  219 

Anfang  des  Januars  erfolgte  die  Beilegung  der  Streitigkeiten  i)  und 
im  Februar  wurde  das  alte  Einvernehmen  durch  die  Erneuerung  de^ 
früheren  Bündnisses  wiederhergestellt  -).  Da  der  Krieg  die  Herzöge 
soweit  südwärts  führte,  näherte  sich  Friedrich,  den  wir  uns  jedenfalls 
auch  in  dieser  Zeit  in  ihrer  Umgebung  zu  denken  haben  3),  den  italie- 
nischen Fluren,  und  mit  einer  Schaar  von  Tirolern  oder  Kärntnern 
mag-  er  in  die  Ebene  selbst  herabgekommen  und  dabei  vielleicht  uuter- 


cember) ;  J.  v.  Hormavr,  Gesch.  der  gefiirsteten  Grafschaft  Tirol  (Tübingen  1808) 
I,  2,  S.  59i  Nr.  245  (auch  falsch  19.,  dsgl.  Egger,  Gesch.  Tirols  I,  326).  Ueber 
ihren  Aufenthalt  in  Bozen  s.  auch  die  folg.  Anm.  1. 

^)  S.  vorige  Anm.,  vgl.  auch  S.  172  die  in  dieselbe  Zeit  gehörenden  Aus- 
gaben für  eine  Gesandtschaft  nach  Verona:  »Item  ad  expensas  domini  episcopi 
Brixinensis,  magistri  R.  de  Misna  (dies  ist  der  auch  sonst  bekannte  Notar  der 
Herzöge  Meister  ßudolt  von  Meissen,  der  auch  als  Gesandter  an  der  römischen 
Curie  1296  thätig  war,  vgl.  Codex  280  Blatt  80,  Cod.  281  Blatt  41^,  42»)  domini 
H.  de  Ruvina  descendendo  et  veniendo  de  Verona  et  in  via  libras  54  solidos  5 
veteris  monete*. 

2)  Am  2.  Februar  1297  ermächtigte  Alberto  della  Scala  seinen  ältesten  Sohn 
Bartolomeo,  mit  den  Herzögen  Otto  und  Ludwig  zugleich  mit  für  deinen  Bruder 
Heinrich,  aufs  neue  ein  Bündniss  zu  schliessen  (ad  contrahendum  et  faciendum 
societatem,  confederacionem  et  unionem  de  novo),  s.  Hormayr,  Sämmtliche 
Werke  U,  S.  CXV  Nr.  LIV.  Dieses  neue  Bündniss  war  also  nicht,  wie  Sommer- 
feldt,  dem  gleichfalls  die  Rechnungen  bei  von  Freyberg  und  damit  auch  der  Krieg 
von  1296—1297  unbekannt  geblieben  sind,  in  diesen  Mittheil.  XVI,  432  meint, 
eine  Folge  der  von  König  Adolf  über  die  Meinhardiner  verhängten  Reichsacht, 
sondern  lediglich  die  Wiederherstellung  des  1290  geschaftenen,  durch  den  Krieg 
von  1296  gestörten  Zustandes. 

5)  Dies  wird  dadurch  mehr  als  wahrscheinlich,  als  alle  drei  herzoglichen 
Brüder  Otto,  Ludwig  und  Heinrich  damals  in  Südtirol  nachzuweisen  sind,  denn 
in  der  Rechnung  des  Göthelin  von  Bozen  über  die  Zeit  von  März  1296  bis  März 
1297  (von  Frej'berg  S.  169—170)  finden  sich  Auslagen  verschiedener  Art,  die 
für  jeden  einzelnen  von  ihnen  oder  auf  ihren  direkten  Befehl  oder  für  ihr  Ge- 
folge in  Bozen  gemacht  sind  (pro  cingulo  argenteo  domino  duci  .  .  .,  pro  solu- 
tione  seile  domini  ducis  Ottonis  .  .  .,  pro  phantlosa  domino  duci  Heinrico  in 
Bozano  .  .  .,  pro  medicinis  pro  domino  duce  Ludevico  .  .  .,  dicto  Binge  iussu 
ducis  Ottonis  in  debitis  domini  ducis  Heinrici  .  .  .,  pro  solutione  pignorum  in 
Pozano  .  .  .  iussu  ducis  Ludovici,  fabro  domini  ducis  Heinrici  pro  spadone 
.  .  .,  pro  dimio  (?)  pellicio  vario  veteri  dato  domino  R[udolfb]  notario  .  .  .).  Um 
die  Mitte  des  Decembers  1296  und  im  Februar  1297  weilte  jedoch  Herzog  Hein- 
rich nicht  mehr  in  diesen  Gegenden  und  war  wohl  nach  Kärnten  gegangen,  denn 
den  Vertrag  mit  Bischof  Landulf  von  Brixen  zu  Au  bei  Bozen  am  18.  December 

1296  (S.  2J8  Anm.  4)  schlössen  Otto  und  Ludwig  »pro  se  et  domino  Heinrico  duce 
fratre  suo  absente%  und  in  der  Vollmacht  des  Herrn  von  Verona  vom  2.  Februar 

1297  wird  Bartolomeo  zu  Verhandlungen  mit  Otto  und  Ludwig  ermächtigt,  die 
mit  für  ihren  Bruder  Heinrich  handeln  sollen,  dieser  selbst  kann  also  nicht  mehr 
zugegen  gewesen  sein.  In  der  That  finden  wir  ihn  auch  schon  am  15.  Februar 
1297  in  Klagenfurt,  s.  von  Ankershofen  und  Tangl,  Handbuch  der  Geschichte  des 
Herzogthums  Kärnten  IV,  688. 


220  Woldemar  Lippert. 

stützt  durch  das  Andenken  an  seine  Herkunft  von  einigen  Städten, 
die  wohl  einen  Kückhalt  gecreu  ihre  Nachbarn,  wie  ffegen  die  stei- 
gende  Maclit  der  veronesischen  Scaliger  oder  der  mailändischen 
Visconti,  suchten,  zum  Herrn  angenommen  worden  sein,  nach  Art  der 
zahlreichen  Signoren,  wie  wir  sie  seit  der  zweiten  Hälfte  de^  13.  Jahr- 
hunderts in  fast  allen  Städten  Mittel-  und  Oberitaliens  unter  den 
verschiedensten  Titeln  (als  Podestä,  Generalkapitäu,  Rektor  u.  s.  w.) 
finden.  Auch  für  diese  auf  dem  Zeugnisse  der  Colmarer  Annalen  be- 
ruhende Annahme  lässt  sich  ausser  obigen  auf  die  Wechselbeziehungen 
zwischen  Tirol  und  Verona  bezüglichen  Angaben  zur  Verstärkung 
noch  auf  eine  weitere  Stelle  der  tirohr  Eechnuugen  hinweisen,  die 
uns  zeigt,  dass  um  jene  Zeit  die  Meinhardiner  mit  einer  andera  be- 
nachbarten oberitalischeu  Stadt  Beziehungen  anknüpften,  nämlich  mit 
Brescia  i).  Es  könnte  somit  die  Vermuthung  naheliegend  erscheinen, 
dass  unter  den  Städten,  die  sich  dem  von  Tirol  aus  unterstützten 
Wettiner  anschlössen,  Brescia  mit  war,  wenn  die  italienischen  Partei- 
verhältuisse    nicht    gar    so    verworren   wären  -).     Während  die  in  den 

*)  Freyberg,  Beiträge  S.  170  in  der  Rechnuag  des  Göthelin  von  Bozen:  >  Item 
pro  expensis  Oetlini  notarii  et  ipsius  Gothelini  versus  Brissiam  libras  33*.  In 
dieser  Rechnung  weisen  auf  italienische  Beziehungen  auch  mancherlei  andere  Ein- 
träge hin  :  » Item  pro  phantlosa  domino  N.  et  Iwani  de  Verona  (ein  Yvan  osterius 
de  aquila  de  Verona  erscheint  auch  in  der  veroneser  Büudnissurkunde  von  1290. 
oben  S.  218  Anm.  1.)  in  Tridento  libras  26  solidos  17  veterum.  Item  pro  expensis 
domini  Ulrici  de  Corde  et  H.  de  Schennan  in  Ala  et  in  via  libras  19  solidos  5 
veterum.  item  domino  Petro  Gnano  de  Verona  [ein  Petrus  Nanus  de  Vincencia 
ist  in  der  veroneser  Vertragsurkunde  vom  2.  Feljruar  1297  als  Zeuge  genannt, 
S.  2)9  Anm.  2],  domino  Nikolao  et  Iwauo  et  sociis  eorum  pro  solutione  pignorum 
in  Tridento  marcas  7  libras  4  solidos  2  veterum ^..  Ferner  »Item  A^amy  (?)  et 
Cavalo  Friscobaldis  pro  expensis  in  Bozano  et  Merano  libras  26*,  die  Friscobaldi 
waren  ein  paduanisches  Geschäftshans,  Freyberg  S.  208  (Rechnung  des  Niger  de 
Tridento  vom  2.  März  1298  in  Gries) :  »fecit  rationem  de  libris  20  Venet.  gross, 
receptis  a  Francisco  et  Petro  sociis  de  societate  Friscobaldorum  Padue  morantium*. 

2}  Was  wir  von  den  Parteiverhältnissen  der  oberitalischen  Communen  in 
dieser  Zeit  wissen,  lässt  freilich  gar  keine  näheren  Schlüsse  zu.  Zur  ghibel- 
lini sehen  Pai-tei  zählten  sich  damals  (1296/97)  die  Visconti,  deren  Oberhaupt 
Matteo  als  Reichsvikar  und  Capitano  del  popolo  M  a  i  1  a  n  d  behen-schte,  ferner 
die  Partei  der  Soardi,  die  in  Bergamo,  die  der  Rusconi,  die  in  Como  die 
Oberleitung  hatten,  desgleichen  die  Tornielli  in  Novara,  Manfredi  Beccaria  in 
Pavia,  Bardellone  de' Bonacolsi  in  Mantua.  Als  guel fisch  galten  Lodi 
unter  Antonio  di  Fissiraga,  Brescia  unter  dem  Bischof  Berardo  Maggi,  der 
die  Signoria  inne  hatte,  Piacenza  unter  Alberto  Scotto,  Ferrara  unter  Azzo 
von  Este,  dem  auch  R  e  g  g  i  o  und  M  o  d  e  n  a  gehorchten ;  auch  C  r  e  m  o  n  a  und 
Parma,  die  keinen  Signoren  über  sich  hatten,  waren  guelfisch.  Alberto  della 
Scala  von  Verona,  dem  auch  F  e  1 1  r  e ,  B  e  1 1  u  n  o  unterstanden  (na';h  anderer 
Ansicht  standen  sie  unter  Gerard  da  Camino,  Herrn  von  Treviso)  war  Ghibelline, 
kommt  aber  wesren  des  Kriegs  mit  Tirol  nicht  als  Förderer  Friedrichs  in  Betracht; 


Markgraf  Friedrich  Jer  Freidige  von  Meissen  etc.  221 

Kechnuugen  vom  1.  und  2.  September  1297  erwähnten  Auslagen  für 
Markgraf  Friedrich  den  letzten  Monaten  von  1296  oder  dem  Anfang 
von  1297  angehören  und  seinen  Aufenthalt  zu  Sterzing  zeigen,  hat  er 
sieh  um  die  Mitte  des  Jahres  1297  den  heimischen  Grenzen  wieder 
genähert,  denn  bei  der  Krönung  König  Wenzels  IT.  von  Böhmen  zu 
Pfingsten,  den  2.  Juni,  1297  weilte  er  mit  zahlreichen  anderen  Fürsten, 
darunter  auch  seinen  Schwägern  Otto  von  Kärnten  und  Albrecht  von 
Oesterreich,  in  Prag  ^).  Die  Anwesenheit  seiues  Bruders  Diezmauu,  der 


auch  für  die  andern  von  Ghibellinen  geleiteten  Städte,  die  übrigens  auch  zum 
Theil  in  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  den  Scaligern  standen,  ist  kaum  an- 
zunehmen, dass  ihre  Signoren  oder  Capitane  dem  fremden  Fürsten  ihre  oft  schwer 
erlangte  und  mühsam  behauptete  Herrschaft  überlassen  hätten,  zumal  jede  Aen- 
derung  leicht  einen  politischen  Systcmwechsel  mit  sich  führen  konnte.  Wir  sind 
unter  diesen  Umständen  ganz  im  Ungewissen  darüber,  aus  welchen  Elementen 
sich  die  Anhänger  Friedrichs  in  der  Lombardei  zusammensetzten,  zumal  die 
Parteiverhältnisse  äusserst  schwankend  und  unzuverlässig  waren,  und  oft  Ghibel- 
linen sich  mit  Guelfen  gegen  eine  ghibellinische  Nachbarstadt  oder  Signorie  ver- 
banden und  ebenso  umgekehrt ;  die  beiden  Namen  waren  meist  ein  leerer  Klang, 
ohne  greifbaren  Gehalt  und  feste  Grundsätze.  Vgl.  für  die  dargelegten  Verhält- 
nisse in  den  einzelnen  Städten  Francesco  Lanzani,  Storia  dei  comuni  Italiani 
dalle  origine  al  1313  (Milano  1882,  Theil  der  von  Pasquale  Villari  herausgege- 
benen Storia  politica  d' Italia)  S.  668—694;  für  ßrescia  auch  Federico  Odorici, 
Storie  Bresciane  (Brescia  1856)  VI,  247—253.  Möchte  man  nach  Friedrichs  ein- 
stigem Auftreten  als  ghibellinischer  Prätendent  geneigt  sein,  seine  Anhänger 
unter  den  Ghibellinen  zu  suchen,  so  ist  doch  zu  beachten,  dass  als  oberster  Herr 
der  Ghibellinen  der  deutsche  König  galt  und  dass  damals  der  mächtigste  ghibel- 
linische Parteigänger  Oberitaliens,  Matteo  Visconti,  freundliche  Beziehungen  zu 
König  Adolf  unterhielt,  auch  Friedrich,  wie  erwähnt,  den  zweiten  Hauptführer 
der  Ghibellinen,  den  Scaliger,  als  seinen  Gegner  betrachten  musste.  Bei  dieser 
politischen  Konstellation  dürfte  also  die  Möglichkeit,  dass  die  Anhänger  Friedrichs 
eher  Guelfen  waren,  nicht  ausgeschlossen  erscheinen. 

')  Im  Jahre  1297  fand  auch  ein  reger  gesandtschaftlicher  Verkehr  zwischen 
den  Fürsten  von  Tirol,  Böhmen  und  Schlesien  statt ;  Bussen,  Beiträge  zur  Kritik 
der  steyerischen  Reimchronik  und  zur  Reichsgeschichte  im  13.  und  14.  Jahr- 
hundert, in  den  Sitzungsberichten  der  kais.  Akad.  der  Wissenschaften  zu  Wien 
Bd.  117  (Jahrgang  1888)  S.  37  hat  mehrere  Stellen  aus  den  tiroler  Rechnungen 
angeführt,  wodurch  der  Aufenthalt  einer  Gesandtschatt  aus  Breslau  (an  der  einen 
Stelle  direkt  als  »nuntii  domni  Boleslai  ducis  Slesie*  bezeichnet)  in  Tirol  be- 
wiesen wird,  s.  V.  Freyberg,  Neue  Beiträge  S.  187,  190,  195 ;  er  irrt  freilich  darin, 
dass  er  diese  Gesandtschaft  bestimmt  in  den  August  und  September  1297  verlegt. 
Im  August  und  September  1297  fand  lediglich  die  betreftende  Rechnungsablage 
statt,  die  sich  aber  über  den  Zeitraum  eines  vollen  Jahres  von  August  1296  bis 
1297  erstreckte,  strenggenommen  ist  daher  die  Gesandtschaft  nur  in  diese  Zeit- 
grenzen einzufügen,  oder  falls  eine  engere  Fassung  versucht  werden  soll,  in  das 
Frühjahr  oder  den  Sommer  1297,  da  die  Gesandtschaft  mit  der  Prager  Zusammen- 
kunft im  Juni  in  Zusammenhang  stand,  sie  entweder  vorbereitete  oder  als  Folge 
von  ihr  aufzufassen  ist.  Dasselbe,  wie  für  die  schlesische  Gesandtschaft,  gilt  auch 


022  Woldemar  Lippert. 

bisher  im  Besitz  der  Niederlausitz  unangefochten  geblieben  war,  bei 
der  Prager  Versammlung  ist  von  Wegele  bezweifelt  worden,  weil  sie 
nur  durch  Ottokars  Reimchronik  überliefert  ist;  da  aber  die  fernen 
brandenburgischen  Markgrafen  sicher  zugegen  waren,  so  ist  eine  Be- 
theiliffims:  ihres  lunsitzischen  Nachbars  nicht  ohne  weiteres  abzulehnen, 
zumal  Diezmann  damals  keinen  etwaigen  Angriff  König  Adolfs  zu  ge- 
wärtigen hatte,  denn  der  Nassauer  weilte  im  Frühjahr  und  Sommer 
1297  im  westlichen  Deutschland  i). 


für  eine  tiroler  Sendung  uacli  Prag,  vgl.  Innsbrucker  Statthaltereiarchiv  Codex  282 
fol.  .38^:  »Item  domino  Ulrico  de  Vellenberch  venienti  de  Praga  scapulam  I 
caseos  II  pabuli  galetas  V  vini  pacidam  I.  Item  nnnciis  Omnibus  ibi  pernoctan- 
tibus  apud  eum  (bei  dem  die  Rechnung  ablegenden  claviger  Jacobus  zu  Strass- 
berg)  pro  pastibus  CII  libras  XI  solidos  V  pabuli  modios  VII  vini  pacidam  I  et 
pro  feno  et  solucione  pignorum  libras  IX  solidos  11«,  (theilweise  bei  Freyberg 
S.  195).  Im  Winter  1297  oder  Frühjahr  1298  waren  auch  Gesandte  des  Ungarn- 
königs in  Tirol,  vgl.  Rechnung  des  Burggrafen  Konrad  Gandner  von  Tirol,  im 
Folg.  Beilage  Nr.  VII.  Auch  mit  dem  Erzbischof  von  Mainz,  der  mit  in  Prag 
gewesen  war  und  gegen  Adolf  arbeitete,  standen  die  Kärntner  in  Verbindung, 
s.  in  der  Rechnung  des  H.  prepositus  de  Inspruk  (abgelegt  3.  August  1297  in 
S.  Petersberg)  »Domino  Sifrido  nuntio  episcopi  Moguntinensis  et  Liebenbergerio 
pro  phantlosa  in  Insprukke  libras  24«,  s.  von  Freyberg  S.  183.  Busson  S.  32  und 
Wegele  S.  235  nennen  bestimmt  Heinrich  als  den  in  Prag  anwesenden  Kärntner, 
ohne  dass  aber  eine  der  drei  Quellen  ihn  namhaft  macht.  Schon  aus  dem  Um- 
stand, dass  für  Otto  (nach  Ottokars  Reimchronik  v.  69395—69604,  Mon.  Germ. 
Deutsche  Chroniken  V.,  herausg.  von  Seemüller,  S.  921)  zu  Prag  Albrecht  von 
Oesterreich  als  Freiwerber  um  Euphemia,  Heinrichs  von  Breslau  Tochter,  auftrat 
(s.  dazu  Busson  S.  36  f.),  könnte  man  geneigt  sein,  auf  seine  Gegenwart  zu 
schliessen,  wie  dies  Tang],  Gesch.  des  Herzogthums  Kärnten  IV,  694  thut;  zur 
Gewissheit  wird  Ottos  Anwesenheit  jedoch  erhoben  durch  einen  Posten  in  der 
Rechnung  des  Eberlin  Amphrover  von  Innsbruck  (abgelegt  25,  August  1297  auf 
Schloss  Ambras),  der  eine  dem  Herzog  Otto  in  Prag  geliehene  Summe  bezahlt 
hatte:  »Item  Weimmaro  de  Ratispona  marcas  17  domino  duci  Ottoni  in  Praga 
mutuatas",  von  FiTyberg,  S.  192. 

1)  Irgend  welche  sachlichen  Gründe  gegen  Diezmanns  Anwesenheit  hat 
Wegele  S.  235  Anm.  1  nicht  beigebracht,  auch  widerspricht  keine  sonstige  Auf- 
enthaltsnotiz seiner  Abwesenheit  im  Juni,  da  wir  für  diese  Zeit  überhaupt  keine 
Kunde  von  ihm  haben;  erst  am  7.  August  1297  finden  wir  ihn  wieder  in  einer 
Urkunde  zu  Luckau  (nicht  Lübkau  Wegele  S.  232  Anm.  2),  s.  Worbs,  Inventarium 
diplom.  Lusatiae  inferioris  Nr.  286.  Die  von  Wegele  hierbei  mit  besprochene 
Urkunde  Diezmanns  für  Guben  vom  2.  (nicht  11.)  Mai  1298,  Worbs  Nr.  293, 
worin  er  verspricht,  sie  eventuell  nur  an  einen  Fürsten  zu  veräussern,  ist  übrigens 
keineswegs  so  aufzufassen,  als  wollten  die  Gubener  Bürger  damit  sich  vor  der 
Herrschaft  König  Adolfs  schützen;  »nur  an  einen  Fürsten«  setzt  nicht  als  Gegen- 
satz voraus  r nicht  an  das  Reich',  denn  am  9.  August  1301,  wo  die  Furcht  vor 
Adolfs  zügellosem  Kriegsvolke  doch  niemand  mehr  schrecken  konnte,  Hessen  sich 
Luckaus  Bürger  von  Diezmann  die  gleiche  Zusicht'rung  ortheilen,  Worbs  Nr.  317. 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meisseu  etc.  223 

Bei  dieser  Fürstenzusammenkuuft,  deren  gegen  Adolf  feindlicher 
Charakter  durch  die  Personen  der  Theilnehmer  ziemlich  uuverhüUt  zu 
Tage  trat,  mochte  auch  der  von  Adolf  am  schwersten  verletzte  Mark- 
graf  Friedrich  gehofft  haben,  seine  Rechnung  zu  linden  und  hatte  des- 
halb den  Kärntnerherzog  begleitet  i).  Da  jedoch  die  Verhältnisse  in 
Meissen  ihm  noch  nicht  reif  genug  erscheinen  mochten,  vor  allem  aber 
die  übrigen  Gegner  Adolfs  noch  nicht  sogleich  losschlugen,  sondern 
noch  ein  Jahr  warteten,  ging  Friedrich  von  Prag  wieder  nach  Tirol 
zurück-),  wie  sich  aus  den  Rechnungen  vom  14.  Februar,  8.  Mai. 
12.  Juli  und  13.  September  1298  ergiebt.  Die  beiden,  wie  oben  be- 
rührt, in  Beziehung  stehenden  Posten  der  Rechnungen  vom  14.  Feb- 
ruar und  8.  Mai  führen  auf  einen  Aufenthalt  in  und  um  Meran  in 
den  Monaten  Oktober  1297  bis  Februar  1298,  und  es  ist  deshalb 
wahrscheinlich,  dass  auch  die  Notiz  der  Rechnung  vom  29.  Oktober 
1297,  die  eine  Ausgabe  des  Richters  zu  Marling  betrifft  und  die  sonst 
bei  ihrer  Unbestimmtheit  auch  vor  die  Prager  Reise  gehören  könnte, 
in  den  Herbst  1297  gehört.  Mit  diesem  Aufenthalt  in  Meran  steht 
ferner  in  Zusammenhang  die  Ausgabe  des  Schliessers  in  Gries  in  der 


Gegensatz  ist  hier  entweder  die  Ueberlassung  an  geistliche  Hand,  in  deren  Besitz  in 
der  Lausitz  mehrere  Städte  waren,  (so  war  Lübben  dobrilugkisch,  Fürstenberg 
neuzellisch),  oder  besonders  die  an  adelige  Herren,  denn  zahlreiche  Städte  (Kalau, 
Forst,  Drebkau,  Spremberg,  Sorau,  Beeskow  u.  s.  w.)  waren  damals  herrschaftlich, 
landesherrlich  waren  nachweislich  nur  wenige,  wie  Luckau,  Guben,  Sommerfeld, 
und  ihnen  lag  daran,  diesen  landesherrlichen  Herrschaftscharakter  nicht  zu  einem 
grundherrlichen  herabdrücken  zu  lassen. 

')  Vgl.  Chron.  Aulae  regiae  (her.  v.  Loserth)  II  c.  62  S.  151:  i>insuper  per 
gloriosara  illustrium  principum  praesentiam  domini  Alberti  Austriae,  Bolconis 
Slesiae,  Glogoviae,  Opuliae  et  aliorum  ducum  necnon  per  aspectum  magnificorum 
principum  domini  Hermanni  Brandenburgensis,  domini  Ottonis  cum  telo,  domini 
Friderici  Misnensis  marchionum  gaudium  ingeritur.  Chron.  Sampetiinum  (her. 
von  Stübel.  Geschichtsquellen  der  Prov.  Sachsen  I)  S.  307  nennt  Friedrich  nicht, 
wohl  aber  unter  anderen  seine  Schwäger  von  Oesterreich  und  Kärnten  mit  vielen 
Grafen  und  Herren  aus  ihren  Landen.  Ottokars  Oesterreichische  Reimchronik 
S.  914  f.,  c.  952  erwähnt  die  Füi'sten  von  Schlesien,  Brandenburg,  Oesterreich  u.  a., 
V.  69092:  ,dä  was  ouch  herlich  |  von  Mihsen  marcgraf  Friderich  |  und  von  Durinc 
lantgraf  Diezmann*.  Dass  das  Chron.  aul.  reg.,  wie  Wegele  S.  235  Anm.  1  an- 
giebt,  von  Friedrichs  dürftigem  Auftreten  spreche,  ist  unzutreffend,  da  dasselbe 
über  sein  Aeusseres  gar  nichts  sagt;  der  entgegengesetzte  Ausdruck  der  Reim- 
chronik j, herlich*  hat  aber  wohl  auch  kaum  Anspruch,  strenggenommen  zu 
werden,  sondern  wurde  nur  als  Flickwort  des  Reims  zu  Friderich  gesetzt.  Ueber 
die  anwesenden  Fürsten  (manche  Nennungen  sind  ja  zweifelhaft)  vgl.  die  Bemer- 
kungen von  Busson  a.  a.  0.  S.  31  folg.  und  von  Seemüller  in  den  Anmerkungen 
zur  Reimchronik  S.  914. 

-]  Dadurch  erklärt  sich  zugleich,  dass  er,  wie  Wegele  S.  236  angiebt,  wieder 
für  ein  Jahr  völlig  verschwindet. 


224  AV  0 1  d  e  m  a  r  L  i  i>  p  e  r  t. 

Kechuuug  vom  12.  Juli  1298:  doch  so  sicher  es  auch  ist,  dass  sie, 
dem  Kechnungszeitraum  von  1297 — 1298  entsprecheud,  nach  der  Rück- 
kehr aus  Prag-  fällt,  so  ist  mir  doch  genauere  zeitliche  Begrenzung 
bei  ihr  ebenso  wenig  möglich,  wie  bei  der  letzten  unserer  Rechnuugs- 
angaben,  der  vom  13.  September  1298  über  das  zu  Welsberg  ver- 
setzte Ross.  Denn  geschah  -es  auf  der  Reise  nach  Tirol,  so  gehört 
dieser  zweite  Aufenthalt  im  Pusterthale  dem  Spätsommer  oder  Herbst 
1297  an;  geschah  es  aber  auf  der  Heimreise  aus  Tirol,  so  fällt  er  in 
das  Frühjahr  1298  ^), 

Im  Laufe  des  Frühlings,  in  den  Monaten  März  bis  Juni  1298, 
ist  dann  Friedrich  in  seine  Erblande  heimgekehrt,  am  8.  September 
urkimdet  er  wieder  zu  Grossenhain  -).     Dass  er  zu  Beginn  des  Jahres 


I)  Leider  ist  das  mir  zu  Gebote  stehende  urkundliche  Material  über  den 
Aufenthalt  der  Herzöi^e  von  Kärnten  zu  dürftig,  um  ihr  und  damit  zugleich  mit 
ziemlicher  Zuverlässigkeit  ihres  Gastes  Friedrich  Itinerar  feststellen  zu  können. 
Anfang  Juni  1297  ist  Otto  zu  Prag,  am  14.  August  (s.  Ankershofen-Tangl  IV,  696) 
Heinrich  zu  St.  Andrä  im  Lavantthale  in  Kärnten,  östlich  von  St.  Veit,  am 
24.  September  (a.  a.  0.  IV,  698)  bei  der  Aussöhnung  Herzog  Albrechts  von 
Oesterreich  mit  Erzbischof  Konrad  von  Salzburg,  die  die  Meinhardiner  direkt  mit 
berührte,  wohl  wenigstens  einer  der  Brüder  in  Wien,  16.  Oktober  (a.  a.  0.  IV,  701  f.) 
Otto,  Ludwig  und  Heinrich  zu  St.  Veit  in  Kärnten,  9.  Febr.  1298  zwei  der  Brüder 
in  Wien,  im  Frühjahr  1298  (IV,  712  f.)  alle  drei  in  St.  Veit.  Wir  müssen  uns 
unter  diesen  Umständen  begnügen,  zwei  Möglichkeiten  herauszuheben:  die  eine 
ist  die,  dass  Friedrich  beim  Weggange  von  Prag  mit  Otto  und  Albrecht,  der  nach 
Wien  zvu-ück  ging,  über  Wien  nach  Kärnten  und  von  hier  also  im  Herbste  1297 
durch  das  Pusterthal  nach  Tirol  zurückkehrte  und  zwar,  da  des  Rechnungszeitraums 
wegen  die  Reise  nicht  vor  den  September  fallen  kann,  wohl  erst  nach  dem 
16.  Oktober,  wo  alle  drei  Brüder  in  St.  Veit  weilten;  die  zweite  Möglichkeit 
innerhalb  des  Zeitraums  von  Sept.  1297  bis  Juni  1298  wäre  dann  die,  dass  er 
im  Januar  oder  Anfang  Februar  1298  auf  der  Reise  aus  Tirol  nach  Kärnten  und 
mit  den  Herzögen  weiter  nach  Wien,  wo  wir  letztere  am  9.  Februar  treffen, 
Welsberg  berührte,  s.  hierzu  auch  die  folgende  Anm.  2. 

»)  Wegele  S.  428  Nr.  60.  Wegele  vermuthet,  dass  Friedrich  von  Liegnitz 
(s.  folg.  S.  Anm.  2)  nach  der  Lausitz  gegangen  sei  und  von  hier  aus  mit  seinem 
Bruder  den  Angriff  auf  die  Mark  Meissen  eröffnet  habe.  So  wahrscheinlich  es 
nun  auch  ist,  dass  die  Lausitz,  wo  Diezmanns  Macht  unerschüttert  dastand,  den 
Stützpunkt  für  die  Rückeroberungspläne  abgab,  so  bedurfte  es  doch,  um  dahin 
zu  gelangen,  1298  nicht  des  weiten  Umwegs  über  Schlesien,  den  Friedrich  1296 
bei  der  Flucht  zu  nehmen  hatte,  denn  alle  Länder  von  Tirol  und  Kärnten  bis 
zur  Niederlausitz  waren  jetzt,  seit  dem  Parteiwechsel  des  Böhmenkönigs,  Freundes- 
land. Wenn  eine  allerdings  reine  Vermuthung  gestattet  ist,  bietet  sich  eine 
Erklärung,  wie  Friedrich  heimkehrte,  sehr  bequem  dar.  Am  9.  Februar  1298 
Avurde  zu  Wien  die  Verlobung  des  jungen  Königssohnes  Wenzel  (III.)  von  Böhmen 
mit  Elisabeth  von  Ungarn  gefeiert,  wobei  deren  Väter  König  Andreas  und  König 
Wenzel  II.,  femer  zwei  Herzöge  von  Kärnten,  die  Markgrafen  Hermann  und  Otto 
von  Brandenburg,  die  Herzöge  von  Sachsen,  Oppeln  und  Troppau  und  zahlreiche 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  ete.  225 

1298  sich  nach  Schlesien  begeben  habe  und  am  2b-  März  zu  Liegnitz 
in  einer  Urkunde  Herzog  Bolkos  I.  von  Schweidnitz  und  Fürstenberg 
für  Grüssau,  das  Hauskloster  der  Bolkonen,  als  Zeuge  auftrete  i),  be- 
ruht auf  Verwechslung  mit  einem  andern  Wettiner  dieses  Namens. 
Wohl  erscheint  in  der  gedachten  Urkunde  zu  Liegnitz  am  25.  März 
1298  ^)  hinter  dem  Grafen  Siegfried  von  Anhalt  und  vor  den  Herren 
Ludwig  von  Hakeborn  und  Hermann  von  Barby  ein  ,  Landgraf  Fried- 
rich von  Thüringen".  Doch  das  ist  nicht  unser  Friedrich  3).  Schon  die 
Stellung  hinter  dem  Grafen  von  Anhalt  lässt  auf  einen  Fürsten  von 
geringerer  Bedeutung  schliessen,  und  in  der  That  lebte  ja  damals  in 
Schlesien  ein  Titularlandgraf   Friedrich :    Friedrich    mit  dem  Zunamen 


geistliche  Fürsten  zugegen  waren,  vgl.  die  gleichzeitige  Continuatio  Zwetlensis  lll 
der  Annales  Mellicenses  (Mon.  Germ.  Script.  IX,  659  und  darnach  Annal.  Zwet- 
lenses,  ibid.  679)  und  die  von  einem  in  Wien  oder  Klosterneuburg  lebenden 
Zeitgenossen  aufgezeichnete  und  deshalb  für  diese  Vorgänge  zuverlässige  Contin. 
Vindobonensis  (Script.  IX,  720) :  die  gegen  die  Zeugnisse  von  der  Anwesenheit 
Markgiaf  Hermanns  sprechende  Urkunde  Hermanns  angeblich  vom  8.  Februar 
1298  zu  Spandau  (Riedel,  Codex  diplom.  Brandenburgensis  I.  Haupttheil,  XI,  14), 
ist  thatsächlich  am  9.  Oktober  1298  (denn  dies  ist  der  dies  s.  Dionysii  eiusque 
sociorum)  ausgestellt.  Sollte  nun  nicht  Friedrich  der  Freidige  damals  mit  seinen 
kärntnischen  Schwägern  nach  "Wien,  dann  im  Geleite  König  Wenzels  durch 
Böhmen  und  weiter  durch  die  Oberlausitz,  die  den  befreundeten  Brandenburgern 
gehörte,  in  seines  Bruders  Land  gekommen  sein?  Auf  diese  Weise  würde  sich 
die  Rückkehr  des  ohne  eigenes  Gefolge  und  ohne  Mittel  in  der  Ferne  weilenden 
Fürsten  in  die  Niederlausitz  auf  dem  nächsten  Wege  zwanglos  erklären,  zumal 
auch  zeitlich  sich  diese  Annahme  passend  in  das  sonst  Bekannte  einfügt.  Dass 
Friedrich  spätestens  im  Juni  in  die  Lausitz  zurückgekehrt  war,  geht  daraus  hervor, 
dass  die  Rückeroberung  noch  bei  Lebzeiten  König  Adolfs  begann,  denn  Friedrich 
hatte  bereits  einige  Orte  gewonnen  und  dann  auch  den  Reichsstatthalter  in 
Meissen,  Grafen  Heinrich  von  Nassau,  gefangen  genommen,  als  die  Kunde  von 
Adolfs  Fall  (t  2.  Juli  1298)  nach  Meissen  kam,  s.  Wegele  S.  236  folg. 

')  Wegele  S.  236. 

2)  Ludewig,  Reliquiae  maniiscriptorum  V  (1724)  Nr.  74  S.  495:  Acta  sunt  hec 
in  Legnicz  a.  d.  1298  in  die  annunciacionis  gloriose  virginis  Marie  presentibus 
bis  domino  Sifl'rido  comite  de  Anhalt,  domino  lantgravio  Turingie  Friderico,  do- 
mino  Ludovico  de  Hakinborn  ....  datum  in  Legnicz* ;  zu  diesem  Drucke  sind 
jedoch  zu  vgl.  die  Bemerkungen  Grünhagens  in  den  Regesten  zur  schlesischen 
Geschichte  (Cod.  dipl.  Silesiae  VII,  3,  Breslau  1886)  Nr.  2502. 

^)  Dass  er  mit  Bolko,  der  allerdings  in  Prag  gewesen  war,  nach  Schlesien 
gegangen  sei,  durch  welche  Vermuthung  Wegele  seine  Ansicht  zu  stützen  sucht, 
wird  durch  die  obenbesprochenen  Rechnungsnotizen  bestimmt  als  irrig  er- 
wiesen; dagegen  war,  und  zwar  wohl  im  Gefolge  seines  Oheims  Bolko,  Friedrich 
ohne  Land  gleichfalls  in  Prag  gewesen,  wie  wenigstens  Ottokars  Reimchronik 
angiebt,  v.  69106  i,und  ein  heiTe  wol  erkant  |  hiez  marcgräve  ane  lant^,  und  er 
ist  auch  wieder  mit  nach  Schlesien  zurückgekehrt. 

Mittheilungen  XVII.  15 


226  W  0 1  cl  e  ni  a  r  L  i  p  p  e  r  t. 

,,ohne  Land''  (anelant),  der  Sohn  von  Friedrichs  des  Freidigen  ältestem 
Bruder  Heinrich,  dem  man  fälschlich  auch  den  Namen  „ohne  Land'' 
beigegeben  hat  i).  In  den  Jahren  1287  (bez.  1285),  1290,  1305,  1312, 
1313  tritt  er,  der  seit  1283  niemals  mehr  in  irgend  welchen  Bezie- 
hungen zur  Heimat  nachweisbar  ist,  urkundlich  in  Schlesien  auf,  1297 
soll  er  mit  in  Prag  gewesen  sein,  was  deshalb  nicht  unglaubhaft  ist, 
weil  die  Anwesenheit  des  Herzogs  Bolko  von  Seh weidnitz- Fürstenberg 
durch  das  übereinstimmende  Zeugniss  aller  drei  Quellen  (Keimchronik, 
Chronicon  Sampetrinum,  Chronicon  aulae  regiae)  sicher  bezeugt  ist.  Es 
ist  unter  diesen  Umständen  kaum  ein  Zweifel  gestattet,  dass  auch  der 
Landgraf  Friedrich,  der  1298  in  Liegnitz  iu  ziemlich  untergeordneter 
Stellung  bei  Bolko  auftritt,  der  Prinz  ist,  der  von  der  Landgrafschaft 
Thürincren  nicht  mehr  als  den  bedeutungslosen  Titel  besass. 

Eine  sonderbare  Fügung  des  Schicksals  wollte  es,  dass  sowohl 
der  Sohn  wie  der  Enkel  Friedrichs  des  Freidigen  Tirol  gleichfalls  be- 
suchten, aber  unter  ganz  anderen  Verhältnissen  als  er.  Vor  einem 
deutschen  König  flüchtig,  hatte  er  hier  eine  Zuflucht  gesucht  und  ge- 
funden; als  Gast  eines  deutschen  Kaisers,  seines  Schwiegervaters  Lud- 
wigs des  Baiern,  besuchte  mitten  im  Winter  1330  Friedrich  der  Ernste 
von  München  aus,  wo  er  zwei  Monate  zu  Besuch  weilte,  Tirol  und  hielt 
sich  vom  11. — 15.  December  in  Innsbruck  bei  Herzog  Heinrich  von 
Kärnten,  dem  Titularkönige  von  Böhmen  und  Freunde  seines  Vaters, 
auf-).     18  Jahre  später,  im  Sommer  1348,   kam   sein  Sohn  Friedrich 


')  Ueber  Friedrich  Anelant  vgl.  Grünliagen,  Der  Landgraf  ohne  Land,  iu 
der  Zeitschrift  des  Vereins  für  thüringische  Geschichte  und  Alterthumskunde  IV 
(1860)  S.  161  folg.,  Regesten  zur  schles.  Gesch.  (Cod.  dipl.  Siles.  VII,  3)  Nr.  2043, 
2140,  2144;  (Cod.  dipl.  Siles.  XVI)  2829,  3248,  3334;  H.  Jäkel,  Zur  Geschichte 
Hedwigs  von  Breshiu  und  der  Landgrafen  Heinrich  von  Altenburg  und  Friedrich 
ohne  Land,  in  der  Zeitschrift  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthum  Schle- 
siens XXI  (1887)  219  folg.,  bes.  236  folg.  Dass  nur  bei  Friedrich,  nicht  seinem 
Vater  Heinrich,  der  Zuname  »ohne  Land«  historisch  berechtigt  ist,  haben  Jäkel 
a.  a.  0.  S.  233  und  H.  Ermisch  in  einem  Vortrag  im  K.  S.  Alterthumsverein  zu 
Dresden  1895  gezeigt. 

2)  Vgl.  hieriiber  Lippert,  Zur  Geschichte  Kaiser  Ludwigs  des  Baiern.  II.  Ein 
Besuch  Markgraf  Friedrichs  von  Meissen  beim  Kaiser,  in  den  Mittheil,  des  Instit. 
für  Oesterreich.  Geschichtsforschung  XIII  (1892)  599  folg.  Den  hier  gegebenen 
Nachweisen  über  die  Anwesenheit  des  Kaisers  Ludwig  und  des  Königs  Johann 
von  Böhmen  in  Innsbruck  sind  übrigens  noch  die  Angaben  zuzufügen,  die  aus 
Urkunden  Herzog  Heinrichs  von  Kärnten  zu  entnehmen  sind,  s.  Auszüge  aus 
einem  Diplomatarium  des  tirolischen  Landesfürsten  König  Heinrichs  von  Böhmen 
aus  den  Jahren  1326—1330,  bei  J.  Chmel,  Der  österreichische  Geschichts- 
forscher II,  172  f.  Heinrich  selbst  urkundet  in  Innsbruck  am  27.,  29.  No- 
vember, 8.,  12.,  14.,   19.  December  1330,  s.  S.  182—185  Nr.  41—50;  über  Ludwig 


Markgraf  Frieärich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  227 

tler  Strenge  gleichfalls  anlässlieh  eines  Aufenthalts  bei  seinen  bairischen 
Verwandten,  Kaiser  Ludwigs  Söhnen,  mit  nach  Tirol,  das  damals  der 
älteste  dieser  Witteisbacher,  Ludwig  der  Aeltere,  Markgraf  von  Bran- 
denburg, als  Gemahl  von  Herzog  Heinrichs  Erbtochter  Margarete  be- 
herrschte. Er  besuchte  sogar  zum  Theil  dieselben  Gegenden,  wo  der- 
einst sein  Grossvater  geweilt  hatte, ,  denn  ausser  in  Passeyr  ist  er  in 
Sterzing  nachweislich  i). 

In  allen  drei  Fällen  ist  es  dieselbe  Gattung  von  Quellen,  der  wir 
diese  Kunde  verdanken:  Ausgaberechnungen  über  Lebensunterhalt, 
doch  sind  es  stets  nur  einzelne,  immerhin  werthvolle.  aber  doch  dürf- 
tige Brocken. 

Auch  für  die  Keise  des  Kurfürsten  Friedrichs  des  Weisen,  der 
1493  auf  seiner  Fahrt  nach  dem  heiligen  Lande  sowohl  hinwärts  wie 
herwärts    durch  Tirol    kam,    bilden  Eeiserechnungen   unsere    Quelle  -). 

Weit  reichhaltiger  fliessen  dagegen  die  Quellen  an  Akten,  Correspon- 
denzen  und  zeitgeschichtlichen  Aufzeichnungen  über  einen  Besuch, 
den  im  16.  Jahrhundert  ein  Wettiuer  dem  Lande  Tirol  abstattete, 
kam  er  doch  auch  mit  so  zahlreicher  Begleitung,  wie  keiner  seiner 
Ahnen  zuvor:  über  den  siegreichen  Zug  des  Kurfürsten  Moritz  durch 
die  Ehrenberger  Klause  bis  nach  Innsbruck  im  Jahre  1552  ^). 


und  Johann  8.  die  Urkunde  Nr.  47  vom  12.  December  1330,  worin  Heinrich  dem 
Volkmar  von  Purchstal,  Burggrafen  zu  Tirol,  für  verschiedene  Auslagen  eine 
Anweisung  giebt,  darunter  »unserm  liebm  swager  dem  edlen  graf  Johan  von 
Lutzelburch  [König  Johann]  ze  chost  an  Meran,  do  er  gen  Triende  für  und  do  er 
herwider  auz  gen  Inspruke  für  zu  unserm  oheim  chaiser  Ludweigen  40  mark 
3  grossoa  und  seinem  sun  unserm  aidm  [Johanns  Sohn  Johann  Heinrich]  umb 
gwant  14  mark  an  ain  pfunt  und  zu  der  pruken  ze  Tyrol  25  pfant  4  grossos''. 

*)  Lippert,  Wettiner  und  Witteisbacher,  sowie  die  Niederlausitz  im  14.  Jahr- 
hundert (Dresden  1894)  S.  52  Anm.  45,  wo  die  näheren  Nachweise  erbracht  sind. 

-)  Friedrich  kam  über  Augsburg  (3.  April),  Landsberg  (6.  April)  nach  Inns- 
bruck (14.  April),  Matre}-^  (15.  April),  Sterzing  (16.  April),  Toblach  (19.  April), 
Treviso  (24.  April),  Venedig  (30.  April) ;  auf  der  Heimkehr  über  Venedig  (1.  Sep- 
tember), Treviso  (7.  Sept.),  Seravalle  (9.  Sept.)  nach  Toblach  (12.  Sept.),  Bruneck 
(13.  Sept.),  Mühlbach,  Sterzing  (14.  September),  Matrey  (15.  September),  Innsbruck 
(16.  September  bis  2.  Oktober),  Schwaz  (3.  Oktober),  auf  dem  Inn  nach  Kufsteiu, 
Fischbach,  Aibling  (4.  Oktober),  München  (5.  Oktober).  Er  berührte  also  gleich- 
falls dieselben  Gegenden,  die  fast  200  Jahre  vorher  sein  Ahnherr  durchzogen 
hatte,  wie  das  Wippthal  und  Pusterthal.  Vgl.  Röhricht  und  Meisner,  Hans  Hundts 
Rechnungsbuch  1493—1494,  im  N.  Archiv  f.  Sachs.  Gesch.  IV  (1883)  37  f.,  bes. 
44,  49  f.,  64—67,  79  f.  Einige  Angaben  über  den  Aufenthalt  zu  Innsbruck  bietet 
auch  Hans  Leimbachs  Rechnungsbuch,  Gesammtarchiv  Weimar  Reg.  Bb,  Nr.  4150. 
Auch  Wilhelm  IIL,  Albrecht,  Ernst  reisten  1461,   1476,   1480  durch  Tirol. 

3^  Vgl.  D.  Schönherr,  Der  Einfall  des  Churfürsten  Moritz  von  Sachsen  in 
Tirol,  im  Archiv  für  Gesch.  und  Alterthumskunde  Tirols  IV  (1868);  Issleib,  Moritz 

15* 


228  W  0 1  d  e  m  a  r  L  i  p  p  e  r  t. 

I. 

31.  Juli   1288. 

Weinsendung  an  Agnes  von  Kärnten,  die  Gemahlin  Friedrichs  des  Freidigen 
von  Meissen  und  Thüringen. 

Anno  domini  MCCLXXXYIII  ultimo  die  Julii  fecit  H.  de  Vlurlingen  i) 
prepositus  racionem  de  marcis 

De  vino  dedit 

Item  domine  mee  de  Turingia  carradas  V  pacidas  IUI,  quod  accepit 
H.  de  Vrideberch. 

Item  .... 


Item  de  vino  ducto  domine  de  Turingia  pro  vectura   in  Mittenw^alde 
libras  XXII. 

Item 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,    Codex   277    (Raitbuch  Nr.   l) 
fol.   22^,   22^. 

II. 

23.  April   1289. 

Anno    domini    MoCCoLXXXIX   in    die    sancti  Georii    fecit  Ch.  Tschüds 

claviger  de  Inspruk  racionem.     Item  primo 

Ex  hiis  dedit  Jacobo 

Item  domine  ducisse  Austrie  vini  carradas  III  urnas  II 

Item 

Item  domine  de  Duringia  ^)  vini  carradas  IUI. 

Item 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,  Codex  277  fol.  21  ^). 


von  Sachsen  gegen  Karl  V.  1552,  im  N.  Arch.  für  Sachs.  Gesch.  VII  (1886)  1  f. 
Damals  weilte  auch  noch  ein  Wettiner  in  Tirols  Hauptstadt :  der  ehemalige  Kur- 
fürst Johann  Friedrich  der  Grossmüthige  als  Gefangener  Karls  V. 

1)  Vlurlingen  ist  Flaurling  im  Innthale,  westlich  von  Innsbruck.  Mittewald 
ist  zwar  eine  Gemeinde  im  Bez.  Brixen,  Gericht  Sterzing,  nahe  bei  Franzensfeste, 
doch  ist  hier  wohl  an  den  bekannten  oberbairischen  Flecken  Mittenwald,  Bezirk 
Garmisch,  an  der  Isar,  südlich  vom  Walchensee,  zu  denken,  weil  es  undenkbar 
ist.  dass  man  den  Wein  von  Flaurling  erst  bei  Zirl  vorbei  das  Innthal  entlang 
bis  Innsbruck,  dann  das  Wippthal  hinauf,  über  den  Brenner  und  das  Eisackthal 
hinunter  bis  nach  Mittewald  geschafi't  habe,  um  ihn  dann  den  ganzen  Weg 
wieder  zurückzufahren,  während  von  Zirl  aus  die  eine  Hauptverkehrsstrasse  von 
Tirol  nach  Norden  ausgeht,  um  über  Seefeld  und  Scharnitz  nach  Mittenwald  zu 
gelangen,  das  von  Flaurling  aus  somit  in  einem  Tage  zu  erreichen  war  (vgl.  in 
diesen  Mittheil.  XIII,  600). 

-)  Cod.  »Duringie"". 

3)  Auch  in  der  am  3.  August  1297  zu  S.  Petersberg  abgelegten  Rechnung 
des  R.  caniparius  de  Inspruk  wird  unter  seinen  Ausgaben  aufgeführt:  »Item  mi- 
sit  domine  ducisse  Austrie  vini  carradas  VI  urnas  III  minus  pacidis  11",  vergl. 
V.  Freyberg,  Neue  Beiträge  I,  185. 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  229 

III. 

Keniaten  30.  August   1296  ^). 
Eechnung  des  Richters  Dietrich  von  Lienz. 

Anno  domini  MCCXCoVP  die  XI»  exeunte  Maio  in  Monte  Sancti  Zenonis 
fecit  racionem  Dietericus  iudex  de  Lüncz  de  marcis  XIII 

Et  remanent  apud  eum 

Postmodum  11°  exeunte  Augusto  eiusdem  anni  in  Chemnat  computavit 
idem  Dietericus  se  dedisse  ad  expensas  dominorum  ducum  L[udowici]  et 
H[ainrici],  domini  F[rideiici]  lantgravii,  Petri  Trautson  et  aliorum  Vero- 
uenses  mai-cas  XXXVII  solidos  VIII. 

Item  pro  dextrario,  quem  dominus  dux  Lud[owicus]  dedit  Ch[uni'ado] 
Trautson  Veronenses  marcas  XXV. 

Et  sie  dedit  ultra  marcas  XXXVII  libras  VIIj  Veronenses,  quas 
Ch[unradus]  de  Fridberch  ^)  sibi  statim  assignavit  in  Chemnat ;  et  sie  debita 
ntrimque  sunt  totaliter  expedita. 

K.  k.  Statthaltereiarehiv  zu  Innsbruck,    Codex  279    (Raitbuch  Nr.   3) 

fol.   14^,  als  Nr.   31    der  Rechnungen. 

IV.  • 

Petersberg   1.  September   1297. 

Rechnung  des  Richters  Berthold  von  Sterzing  als  Vorstand 

des  Amtes  Wippthal. 

Anno    domini  MoCCoXCVIlo    primo  Septembre    in    Monte  Sancti  Petri 

legt   Bertholdus    de    Tiuns    iudex    de    Sterzinga  ^),    prepositus    in    Wiptal, 


')  Die  folgenden  Texte  bieten  mit  den  vielfachen  Kürzungen  besonders  auch 
in  den  technischen  Ausdrücken  und  Bezeichnungen  der  Landwirthschaft,  von  denen 
verschiedene  ja  lokaler  Natur  sind,  manche  Schwierigkeiten,  zumal  wenn  man 
nicht  die  gesammten  Texte  zur  Vergleichung  beiziehen  kann,  sondern  nur  ein- 
zelne Abschnitte  vor  sich  hat.  Ich  habe  deshalb  noch  versucht  aus  der  sonstigen 
Ueberlieferung  über  diesen  Gegenstand  Auf8chlu.ss  zu  holen;  Freybergs  Druck  bot 
nicht  zu  viel  Auskunft,  da  seine  Lesungen  und  Auflösungen  oft  unsicher  er- 
scheinen und  uaehrtach  gewiss  unrichtig  sind ;  eher  lässt  sich  die  anscheinend 
getreue  Wiedergabe  des  Textes  der  Rechnungen  vom  Jahre  1303  zur  Unterstützung 
zuziehen,  in  Chmels  Oesterreichischem  Geschichtsforscher  II,  133 — 171,  da  der 
Herausgeber  die  Abkürzungen  beibehält,  man  also  in  den  Fällen,  wo  die  volle  Form 
dasteht,  annehmen  kann,  dass  hier  auch  die  Vorlage  das  Wort  ausgeschrieben 
bietet.  Dass  z.  B.  das  »gal. «  =  »galeta*  ist,  dafür  vgl.  die  Stellen  ebendaselbst  147 
»de  .  .  .  olei  galeta  1"',  149  »galeta  l'<  ;  dass  das  ,bern.  porc.*  =  »berna  porcina"', 
s.  151  j,de  bernis  porcinis,  berne  porcine,  bernas  porcinas*,  dsgl.  152,  155,  163, 
166,  Freyberg  liest  ,birna  pancin*.  Das  öfters  vorkommende  »sagis  scutll."  ist 
mehrfach  mit  isagiminis  scutella*,  Schüssel  Fett,  Schmalz  (sagimen)  aufzulösen, 
obwohl  auch  ,saginata  scutella*  vorkommt,  wenigstens  findet  sich  S.  146,  147 
die  ausgeschriebene  Ablativform  „de  ...  .  saginatis  scutellis"'. 

'-)  Ch.  de  Fridberch  ist  identisch  mit  dem  im  Folgenden  genannten  Ch.  ca- 
merarius,  Konrad  von  Friedberg  war  der  Kämmerer  Herzog  Ottos,  der  des  Herzogs 
Ludwig  hiess  Ottolinus  (im  Folgenden  in  der  Rechnung  V  Ortolf),  vgl.  in  den 
Rechnungen  von  1303  bei  Chmel  die  bestimmten  Zeugnisse  für  Konrad  S.  138, 
150,  151,  153,  168,  169  u.  a.,  für  Ottolinus  S.  138,  147,  150,  163,  169.  Auch  für 
andere  Namen  bieten  die  Rechnungen  von  1303  Aufschlüsse.  Der  „Ch.  Obula* 
{im  Folg.  in  Nr.  V),  bei  Freyberg  »Ebuli*,  erscheint  dort  wiederholt  als  ,Ch[un- 
radus]  Obulus*  (vgl.  S.  150,  170  pro  domino  Ch.  Obulo,  154  domini  Ch.  Obuli) ; 
an  Stelle  des  ,Pero  de  Eben«    tritt  dort   S.  143,   144  ein  »Albero  de  Eben«  auf. 

■°)  Auch  in  den  Rechnungen  von  1303  begegnet   uns  der  Richter  Berthöld, 


93Q  Woldemar  Lippert. 

Kechnung  ab  über  das  seit  dem   3.  August   1296   (anno  preterito  UV'  in- 
trante  Augusto  signato)  abgelaufene  Jahr. 

Item  ad  expensas  dominorum  ducum  i),  marchionis  Mihsinensis,  comitum 
Goricie  et  de  Habsburch,  domini  Peronis,  doraini  de  Auvenstain  "-)  et  de 
Preisinga  et  aliorum,  de  quibus  habuit  litteras  sigill&tas,  factas  usque 
nunc  Veronenses  marcas  XXVI,  libras  VIIj,  armenta^  II,  oves  CXVI,  pul- 
los CCLXXXII,  ova  II  milia  DCX.,  Item  domino  Ülrico  de  Vellenberch. 
libras  XXIV  iussu  domini  ducis  Öttonis  .  .  •  • 

K.  k.  Statthaltereiarcbiv  zu  Innsbruck,  Codex   282   fol.  37^'  unter  den 
fol.   23  beginnenden  »Eaciones  anni  nonagesimi   septirai«    als  n*^   31. 

V. 

Petersberg  2.  September   1297. 
Eeohnung  des  Scbliessers  Jakob  zu  Strassberg. 

Anno  domini  MoCCoXCVIIo  secundo  intrante  Septembre  in  Monte 
Sancti  Petri  Jacobus  claviger  de  Strazpercb  fecit  racionem  de  remanenciis 
preterite  racionis  facte  per  eum  anno  preterito  IUI  intrante  Augusto. 
Item  de  tritici 

Ex  hiis  dedit  ad  expensas  dominorum  ducum  ^),  marchionis  Mihsi- 
nensis,   comitum    Goricie    et    Habsburch    et    Werdenberch,    Tauverserii    et 


zwar  nicht  als  Rechnungsableger  selbst,  wohl  aber  wird  seiner  in  des  Innsbrucker 
caniparius  Reimboto  Rechnung  vom  16.  August  gedacht  »Perhtoldus  iudex  de 
Sterzinga*,  Chmel  II,   151. 

')  Der  Druck  bei  von  Freyberg  S.  194  Nr.  XXV.  weicht  vielfach  ab:  ^Ad 
expensas  dominorum  ducum  Ottonis  et  Ludovici,  comitis  junioris  de  Goritia; 
domini  R.  comitis  de  Habspurch,  domini  marchgravii  Mianensis,  Preisingerii  et 
domini  Peronis  de  Eben  et  domini  H.  de  Uvenstain  Veronenses  marcas  2H  libras 
7V„  ....",  auch  die  Zahlenangaben  sind  theilweise  verschieden.  Die  dritte  An- 
gabe über  die  am  1 .  Sept.  1 297  abgelegte  Rechnung  des  Bertoldus  iudex  et  prepo- 
situs  de  Wiptal  über  das  Amt  Wippthal  im  Codex  280  des  Innsbrucker  Statthalterei- 
archivs fol.  42i>,  stimmt  ziemlich  mit  der  in  Cod.  282  überein,  in  einigen  Punkten 
aber  berührt  sie  sich  mit  dem  Freybergschen  Texte:  ,Item  dedit  ad  expensas 
dominorum  Ot[tonisJ  et  Lud[owici]  ducum,  comitum  de  Goricia  et  de  Habspurch, 
domini  marchionis  de  Mihssina,  domini  H.  de  Prisingen,  domini  Peronis  de  Eben, 
domini  H[ainrici]  de  Uvenstein  et  aliorum  in  litteris  sigillatis  contentas  marcas 
XXVI  .  .  .  ."  (die  folgenden  Zahlen  ganz  wie  in  Cod.  282). 

2)  Ueber  die  Aufensteiner,  die  später  in  direkte  Beziehungen  zu  Friedrich 
und  seinem  Sohne  kamen,  s.  Neues  Archiv  für  Sachs.  Gesch.  X,  4  folg.;  Graf 
G.  von  Pettenegg  im  Jahrbuch  des  Vereins  Adler,  Wien  1875. 

3)  Auch  hierbei  zeigt  der  Druck  bei  Freyberg  S.  195  Nr.  XXVI  starke  Ab- 
weichungen: »Ex  hiis  dedit  ad  expensas  dominorum  marchgravii  (die  Hauptsache, 
der  Name  Meissen,  fehlt  also),  0.  et  L.  ducum,  comitum  de  Gorizia,  de  Habchs- 
purch  et  de  Werdenberch,  Tuverserii  et  sororis  eius,  raagistri  curie  domini  H. 
de  Vouvenstain,  Peronis  de  Eben,  Preisingerii,  nunciorum  de  Brezlawe,  0.  et 
Ch.  Camerariorum,  Ch.  Ebub,  Vetlini  de  Tablat  et  aliorum  Veronenses  libras  50 
grossos  5  .  .  .  ."';  dasselbe  gilt  für  die  Zahlenangaben  und  selbst  für  die  Auf- 
fösungen  der  oft  stark  abgekürzten  Begriffe  der  gelieferten  Gegenstände,  der  Masse 
u.  s.  w.  Auch  hierfür  bietet  einen  dritten  Text,  der  aber  sich  ziemlich  an  den 
von  Cod.  282  anschUesst,  der  Codex  280  fol.  44«:  ,Ex  bis  dedit  ad  expensas 
dominorum  ducum,  marchionis  Mihssinensis,  comitum  Goricie,  de  Haspurch  et  de 
Werdenberch,  Taufersarii,  magistri  curie,  domini  H.  de  Uvenstein,  Peronis  de  Eben, 
nunciorum  de  Prezlawe,  Ch.  Obuli,  Utlini  de  Tablat,  camerariorum  et  aliorum 
in  litteris  sigillatis  contentas  Veronenses  libras  L  grossos  V <"  (die  fol- 
genden Zahlen  wie  in  Cod.  282). 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  231 

sororis  eius,  magistri  curie  i),  dominorum  Heinrici  de  A-Uvenstain,  Peronis 
de  Eben,  Ch[unradi]  Obula,  nunciorum  de  Vratizlavia,  Ortolfi  et  Ch[unradi] 
camerariorum,  Autonis  de  Tablat  et  Cli[unradi]  Trautsou,  de  quibus  habuit 
litteras  sigillatas,  libras  L  grosses  V,  tritici  modios  XVI  galetas  IIIIj, 
siliginis  modios  XIII  galetas  IUI,  pabuli  et  ordei  modios  CX  galetas  III, 
armentum  I,  oves  aridas  XXVj,  bernam  porcinam  I  quartale  I,  scapulas 
XLVII,  sagiminis  scutellas  XXXVIj,  caseos  DCCCXLIII,  vini  carradas  VII 
pacidam  j. 

Item  Jaclino  clavigero  in  Tirol 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,  Codex  282  fol.  38,  unter  den 

Rechnungen  von   1297   als  n*^.  32. 

VI. 

Tirol  29.  Oktober   1297- 
Rechnung  des  Richters  Swiker  von  Marling. 

Anno  domini  MCCXCVII    III  exeunte  Octobre  in  Tirol  fecit  Swikerus 

iudex  de  Marninga  racionem  de  marcis 

Summa 

Ex  his  dedit  Fer.  de  Passira  camerario  ante  racionem   ipsius  ...... 

Item  lantgravio  de  tailwin  urnas  V. 

Item 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,    Codex  280    (Raitbuch  Nr.   4) 
fol.   7  5. 

VII. 

Tirol   14.  Februar   1298. 
Rechnung  des  Heinrich  Plancho  von  Meran. 

Anno  domini  MCCXCVIII»  XIIII  intrante  Februario  -)  in  Tirol  Hainz- 
linus  Plancho  de  Merano  [fecit  racionem]  de  Veronensibus  marcis  X  •*)  de 
Ch[unrado]  camerario  ante  eius  racionem  receptis,  item  de  libris  CXIX  de 
Ch[unrado]  purkgravio  post  eius  racionem  receptis,  item  de  libris  LXX  de 
Hupoldo  de  Laas  post  eius  racionem  receptis. 

Ex  hiis  dedit  ad  expensas  domini  marchionis  Mihsinensis  marcas  XXIII 
libras  VII,  sicut  seit  purkgravius  ^).    Item  ad  fenum  primum  et  secundum 


')  Hofmeister  war  Heinrich  von  Rottenburg,  dessen  Familie  das  Amt  erblich 
besass,  vgl.  Jäger,  Landständ.  Verfassung  II,  1,  28,  der  den  hier  in  Betracht 
kommenden  Heinrich  von  Kottenburg  erst  vom  Jahre  1305  an  als  Hofmeister 
erwähnt ;  ferner  G.  Seeliger,  Das  deutsche  Hofmeisteramt  im  späteren  Mittelalter 
(Innsbruck  1885)  S.  37  folg. 

2)  Druck  bei  Freyberg  S.  207  Nr.  XXXIX:  »Anno  domini  MCCXCVIU.  14  in- 
trante februario  fecit  H.  Planche  rationem  in  Tyrol  de  Veronens.  marc.  10  de 
camerario  Gh.  de  Fridberch  receptis  ante  eius  rationem.  Item  de  libr.  100.  19 
de  Ch.  purchgravio  post  rationem  ipsius  Ch.  receptis.  Item  de  marcis  7  de 
Hupoldo  officiali  de  Las  recept.  post  eius  rationem.  Ex  hiis  dedit  ad  expensas 
marchionis  Michsne.  marc.  23  libr.  7*,  das  Weitere  fehlt  hier. 

')  Erst  geschrieben  XHII,  korrigiert  X. 

■*)  Der  Burggraf  ist  der  vom  Schlosse  Tirol  bei  Meran,  unter  dem  Meran 
und  das  ganze  Amt  stand,  vgl.  C.  Stampfer,  Chronik  von  Meran  (2.  Aufl.  Inns- 
bruck 1867)  S.  20,  22  und  Urkunden  2—5,  7—9,  11  —  14  u.  s.  w. :  A.  Jäger,  Ge- 
schichte   der   landständischen    Verfassung   Tirols   II,  1,   16,  27.     Daher   bat   sich 


232  W  0 1  cl  e  m  a  r  L  i  p  p  e  r  t. 

in  Merana  anno  XCVP  libras  LH,  sicut  seit  Schilhius..  Item  ad  fenum 
prati  Merningerorum  grosses  XXII. 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,  Codex  282  fol.  45^  unter  den 

»Kaciones  anni  XCVIIIi«  als  n».   3. 

yiii. 

Tirol  8.  Mai   1298. 
Rechnung  des  Konrad  Gandner,  Burggrafen  von  Tirol. 

Anno  domini  MCCXCVIIlo  die  YHIo  intrante  Maio  in  Tirol  Ch[un- 
radus]  Gandnerius  purkgravius  in  Tirol  fecit  racionem  de  Veronensibus 
marcis  XII  libris  IIIj  puris  libris  VIII  duplicatis  de  ficto  domorum  Arnoldi 
Tarandi  ...... 

Ex  hiis  dedit  Ch[unrado]  de  Fridberch  camerario  ante  racionem  ipsius 
camerarii  marcas  XXX.     Item 

Item  pro  solucione  expensarum  nunciorum  i-egis  Ungarie  libras  XXX 
clipeatori.     Item 

Item  Planchoni  ad  expensas  marchionis  marcas  XII  minus  libra  I  ante 
racionem  Plan[chonis].     Item 

Summa  expeditorum  marce  DCCCLXXXII  libre  VIj 

Postmodum  YII  intrante  Octobre  fecit  idem  Ch[unradus]  purkgravius 
racionem   ...... 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,   Codex  282  fol.  50,  unter  den 

»Eaeiones    anni    MCCXCVIII«    als    n».    12    »Eacio    Ch[unradi]    purk- 

gi'avii  *. 

IX. 

Tirol   19.  Juli   1298. 
Rechnung  des  Schliessers  Heinrich  von  Gries. 

Anno  domini  MCCXCVIII  XIII»  exeunte  Julio  in  Tirol  Hainricus 
claviger  de  Griez  fecit  racionem  de  Veronensibus  marcis  XI  libris  VI, 
tritici  

Summa  receptorum  tritici   ...... 

Ex  hiis  dedit  Ch[unrado]  de  Fridberch  ante  eius  racionem  Veronenses 
marcas  X. 

Item  Völchlino 

Item  ad  expensas  dominorum  et  lantgravii  et  quorundam  dextrariorum 
contentas  in  litteris  sigillatis  Veronenses  libras  XL  solidos  V,  armenta 
viva  II,  armenta  arida  LXXXXII  quartalia  III,  oves  vivas  XII,  aridas  LXXXV, 
bernas  porcinas  XXX,  scapulas  CCCXCVIII,  agnos  et  edos  CCLXXXVIII, 
aueas  XLII,  pullos  et  capones  CCCCXXVII,  ova  III  milia  CX,  caseos  VI 
railia  CCCC,   sagiminis   scutellas  XXXIII,   tritici 

K.  k.  Statthaltereiarchiv  zu  Innsbruck,  Codex  282  fol.  63^\  unter  deu 

Rechnungen  von   1298   als  n^.   37. 

für  das  Land  um  Merau  mit  dem  I'asseyerthale  der  Name  des  »Burggrafeu- 
arats*  bis  in  die  neueste  Zeit  erhalten.  Damals  bekleidete  schon  das  Amt  Eourad 
Gandner,  den  Jäger  erst  zum  Jahre  1304  als  Burggrafen  kennt,  vgl  folgende 
Beilage  VUL 


Markgraf  Friedrich  der  Freidige  von  Meissen  etc.  233 

X. 

Heran   13.  September   1298. 
Eechnung  der  Wittwe  des  Kellners  Heinrich  von  Heran. 

Anno  domini  HoCC'^LXXXXVIIP  XIII«  intrante  Septembre  in  Herano 
in  domo  Planchonis  domina  Katherina  relicta  quondam  Heinrici  celnerii 
fecit  racionem  de 

Ex  hiis  dedit  ad  expensas  dominorum  ducum,  comitum  Groricie,  de 
Ortenburch,   Gralandi,  marschalci  et  aliorum 

Item  pro  solucione  palefredi  lantgravii  Mihsinensis  in  Welfspercb 
libras  X. 

Item  Wilhalmo  de  Trostperch 

K.  k.  Stattbaltereiarchiv  zu  Innsbruck,  Codex  2s2   fol.  6G,   G6^'  unter 

den  Eechnuncren  von   1298  als  n°.   42. 


Die  Eeiclissteuer  der  scliwäbisclien  Eeiclisstädte 
Esslingen,  Eentlingen  und  Eottweil. 

Ein  Beitrag  zur  Gescliichte  der  Einkünfte  der  deutsclien  Könige  und  Kaiser. 


Von 

Theodor  Schön. 


Am  Beginn  des  14.  Jahrhunderts  waren  die  deutschen  Könige 
bezüglich  ihrer  Einkünfte  hauptsächlich  auf  die  Reichsstädte  ange- 
wiesen, da  es  den  Fürsten  nach  und  nach  gelungen  war,  sich  fast 
gänzUch  ihren  finanziellen  Verpflichtungen  gegen  das  Reichsoberhaupt 
zu  entziehen.  Doch  auch  diese  Quelle  von  Einkünften  floss  im  Laufe 
der  folgenden  Jahrhunderte  bis  zum  Ende  des  römischen  Reiches 
deutscher  Nation  immer  schwächer  und  trüber.  An  der  Hand  der 
Geschichte  der  Reichssteuer  dreier  schwäbischen  Reichsstädte  soll  im 
folgenden  gezeigt  werden,  wie  nach  und  nach  der  Ertrag  der  Reichs- 
steuern statt  in  die  Hände  des  Reichsoberhaupts  in  die  einzelner  Stände 
des  Reichs  gelangte. 

1.  Die  ßeiclissteuer  der  Stadt  Esslingen. 

Die  erste  Nachricht  stammt  aus  dem  Jahre  1315.  Am  27.  October 
desselben  erliess  Kaiser  Heinrich  VII.  der  Stadt  Esslingen  die  Reichs- 
steuer für  die  Dauer  des  Kriegs  mit  Graf  Eberhard  von  Württemberg 
und  noch  weitere  10  Jahre  nach  Beendigung  desselben  i).  Auch  wurde 
in  diesem  Jahre  die  Esslinger  Reichssteuer  auf  1000  Pfund  Heller 
festgesetzt.  Als  indessen  am  24.  August  1313  der  Kaiser  gestorben 
war,  kehrte  sich  sein  Nachfolger  Ludwig  der  Bayer  an  diese  Verfügung 


')  Chr.  Fr.  Stalin.  Wirtemberg.  Gesch.  3,  145. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  235 

seines  Vorgängers  nicht,  sondern  wies  am  12.  Jnli  lo23  dem  Grafen 
Eberhard  von  Württemberg  2000  Pfund  Heller  auf  die  Esslinger 
Eeichssteuer  an  i).  Am  1.  April  1330  versprach  er  jedoch  den  Esslin- 
gern  fünfjährige  Steuerfreiheit,  sowie  dass  die  Steuer  nicht  über 
800  Pfund  Heller  erhöht  werden  sollte  -).  Im  Besitz  dieses  Privilegs 
suchte  die  Reichsstadt  sofort  die  noch  ausstehende  Zahlung  der  Reichs- 
steuer vom  Vorjahr  zu  begleichen  und  so  quittierte  ihr  denn  auch  am 
B.April  1330  Graf  Ulrich  von  Württemberg,  der  seit  2.  April  1330  Land- 
vogt in  Niederschwaben  war,  für  800  Pfund  Heller  Reichssteuer  3).  Es 
hätte  nun  Esslingen  eigentlich  bis  1335  keine  Reichssteuer  mehr  zu 
zahlen  gehabt.  Aliein  der  Kaiser  gestattete  noch  vor  Ablauf  des  Termins 
dem  Grafen  Ulrich  von  Württemberg  wiederum,  800  Pfund  Heller  aus 
der  Esslinger  Reichssteuer  zu  beziehen,  welche  dieser  auch  am  8.  Juli 
1333  erhielt  und  darüber  eine  Quittung  ausstellte  ^).  Am  8.  Juni 
1336  erhielt  Graf  Ulrich  von  Kaiser  Ludwig  600  Mark  aus  dieser 
Steuer  dafür ,  dass  er  dem  Grafen  Burkard  V  von  Hohenberg  die 
gleiche  Summe,  welche  der  Kaiser  demselben  schuldete,  gezahlt  hatte  ^). 
Auch  im  Jahre  1340  bezog  Graf  Ulrich  400  Pfund  aus  dieser  Steuer 
und  bat  am  11.  Januar  die  Stadt,  die  Martini  1340  fällige  Steuer  dem 
Juden  Löwen  von  Stuttgart  zu  zahlen.  Am  30.  Januar  1341  stellte 
dann  der  Graf  eine  Quittung  über  den  Empfang  dieser  400  Pfund 
Heller  aus'*). 

Noch  am  18.  März  1342  wies  Kaiser  Ludwig  demselben  Grafen 
2502  Pfund  Heller  auf  die  Reichssteuer  zu  Esslingen,  Reutlingen,  Hall, 
Weil  der  Stadt  und  Gmünd,  und  zwar  800  Pfund  Heller  auf  die 
Esslinger  Steuer  an  ^).  Nach  dem  Tode  Kaiser  Ludwigs  hört  man 
erst  1352  wieder  etwas  von  der  Esslinger  Reichssteuer.  Am  26.  August 
1352  baten  die  Grafen  Eberhard  und  Ulrich  von  Württemberg,  die 
Söhne  des  im  Jahre  1344  gestorbenen  Grafen  Ulrich,  die  ihm  in  der 
Landvogtei  nachfolgten,  die  Stadt  Esslingen,  dem  Vogt  Heiner  von 
Göppingen  die  jährliehe  Stadtsteuer  pro  Martini  1 353  auszuzahlen  ^), 
Am  15.  September  1353  befahl  König  Karl  IV.  der  Stadt  Esslingen, 
die    Reichssteuer   an    die    Grafen  von  Württemberfj,    seine   Landvögte. 


')  Ebeudas.  164. 

2)  Ebeudas.  181. 

3)  Staatsarchiv,  Geschichte  der  Stadt  Esslingen  von  Pfatf,  S3. 
*)  Staatsarchiv  in  Stuttgart. 

'')  L.  Schmid,  Monumenta  Hohenbergica  Nr.  377. 

'^)  Pfaff  83  und  Staatsarchiv  in  Stuttgart. 

')  Stalin  3,  207,  Anm.  3. 

*)  Staatsarchiv  Stuttgart,  ebenso  die  fo]gf>nden  Urkunden  bis  1359. 


236  Theodor  Schön. 

zu  entrichten  und  stellte  auch  am  22.  October  1356,  23.  Juli  1358. 
sowie  29.  Januar  1359,  diesen  Grafen  Anweisungen  auf  diese  Steuer 
aus.  Allein  ira  Jahre  1363,  nachdem  Württemberg  am  31.  August 
1360  die  Laudvogtei  verloren  hatte,  liess  Kaiser  Karl  IV.  den  Herzog 
Friedrich  von  Teck,  seit  3.  November  1347  Landvogt  in  Augsburg 
(t  1390),  die  Esslinger  Reichssteuer  ^)  zukommen,  empfieng  am  20.  Juli 
1360  selbst  800  Pfund  Heller  2)  und  begabte  am  27.  Dezember  1364 
wieder  den  Bürgermeister  ?tüdeffer  Manes  von  Zürich  und  Eberhard 
Braun,  des  Kaisers  heimliches  Hofgesind  mit  1100  Gulden  vou  den 
1600  Pfund  Heller,  welche  Esslingen  jüngst  dem  Kaiser  bewilligt 
hatte  3).  Im  Jahre  13ö6  wies  Kaiser  Karl  IV.  dem  Grafen  Ulrich 
v.  Helfenstein,  seinem  Landvogt  in  Schwaben  (d.  h.  Oberschwaben  bis 
1367)  400  Pfund  Heller  und  dem  Bischof  von  "Werden  (Eudolf  II 
Rühle)  die  gleiche  Summe  auf  die  Reichssteuer  der  Stadt  Esslingen 
an,  beide  Anweisungen  wurden  noch  im  selben  Jahr  bezahlt  *).  Nach 
einer  Urkunde  vom  26.  Februar  1367  hatte  vom  Kaiser  der  Bischof 
Lambrecht  von  Speyer  400  Pfund  Heller  aus  der  Esslinger  Steuer 
erhalten.  Sechs  Jal:  re  später  liess  der  Kaiser  dem  BurggTafen  Friedrich 
von  Nürnberg,  dei  seit  31.  März  1367  Landvogt  in  Oberschwaben 
war,  die  Esslinger  Reichssteuer  zukommen.  Im  gleichen  Jahre  musste 
die  Stadt  dem  Kaiser  noch  eine  aussergewöhnliche  Abgabe  entrichten. 
Am  19.  April  1373  quittierte  derselbe  ihr  nemlich  den  Empfang  von 
10.000  Gulden,  so  sie  in  seinem  Namen  dem  Grafen  Eberhard  vou 
Württemberg  bezahlt  hatte,  und  am  25.  Mai  1373  befahl  er  den  Bür- 
gern zu  Esslingen,  die  ihm  auf  Pfingsten  zu  bezahlenden  10.000  Guldeu 
dem  Bürgermeister  und  Rath  von  Nürnberg  zu  übergeben  ^).  Unter 
Karls  IV.  Sohn,  König  Wenzel,  welcher  noch  als  römischer  König  am 
31.  Mai  1377  Esslingen  die  abgelaufeneu  Steuern  erliess,  dauerten  die 
Anweisungen  auf  die  Esslinger  Reichssteuer  fori.  Am  11.  Januar  1390 
quittierte  Graf  Eberhard  der  ältere  vou  Württemberg  für  sich  und 
seinen  Enkel  Eberhard  über  den  Empfang  von  2100  Gulden*^). 
König  Wenzel  wies  am  20.  September  1394  den  Jürgen  Vraunhofer 
(Frauenhofer  aus  dem  bayerischen  Geschlecht),  der  seit  17.  August 
1385  bis  1388  Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben  gewesen  war, 


')  Pfaff,  Esslingen  83.  . 

-')  Reg.  Karls  IV.  n.  3238. 

•'')  Staatsarchiv  Stuttgart.  -   .. 

*)  Pfaff,  Esslingen  83,  Staatsarchiv  Stuttgart. 

s)  Pfaff",  Esslingen  83,    Staatsarchiv   Stuttgart   und   Reg.  Karls  IV.  n.  5204. 

")  Staatsarchiv  Stuttgart. 


Die  Reichssteuer  der  Schwab.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  237 

auf  die  Reichssteuei*  zu  Esslingen    au    und    befahl  der  Stadt,    dieselbe 
an  ihn  zu  zahlen  ^). 

Dem  abgesetzten  König  Wenzel  folgte  am  21.  Auo-ust  1400 
Ruprecht  von  der  Pfalz.  Schon  am  9.  Mai  1402  erhielt  sein  Sohn, 
Pfalzgraf  Ludwig  von  ihm  die  Esslinger  Reichssteuer,  ferner  am 
25.  November  1402  der  Nürnberger  Bürger  ßerthold  Pfinzing  die 
Steuer  für  1403.  Ohne  practische  Folgen  blieb  es,  dass  Ruprecht  im 
gleichen  Jahre  seinen  königlichen  Hofsehreiber  Johann  Kircheim  auf 
die  jährliche  Steuer  des  nächsten  Jahres  anwies,  da  er  schon  am 
25.  October  1403  der  Stadt  auftrug,  dem  Albrecht  Raner  (Roner)  und 
Hans  Sachs  von  Esslingen  200  Gulden  zu  geben  ^).  Am  22.  Juni  1404 
und  8.  Juli  1405  befahl  er  der  Stadt,  die  nächste  Jahressteuer  dem 
Heinrich  von  der  Hubeu,  Hofmeister  zu  Heidelberg  zu  geben,  am  2.  Oc- 
tober 1406  und  25.  November  1407  gebot  er,  die  nächste  Jahressteuer 
dem  Syraod  von  Eberbach,  Haushofmeister  zu  Heidelberg,  desgleichen 
am  14.  Nov.  1408,  17.  November  1409  und  im  Jahre  1410  seinem  nicht 
benannten  Haushofmeister  zu  geben  •^). 

Der  neue  König  Sigismund  verpfändete  am  4.  September  1413 
seinem  Protonotar  Johann  Kirchen,  der  ihm  drei  Jahre  lang  in 
Deutschland  und  Italien  treu  gedient  hatte  und  dem  er  für  Kosten 
und  Zehrung  4000  Gulden  schuldig  geworden  war,  die  Reichssteuer 
zu  Esslingen,  jedoch  so,  dass  er  sie  wieder  verkaufen  konnte.  Am 
21.  Januar  1414  schlug  er  noch  2000  Venediger  Ducaten  wegen 
neuer,  , festiglicher  und  köstlicher"  Dienste  auf  diese  Pfandschaft.  Zu 
dieser  Verpfändung  gaben  Kurköln  am  25.  April  1415,  Kurtrier  am 
I.April  1415,  Kurpfalz  am  14.  Februar  1415,  Kursachsen  am  I.April 
1415,  Kurbrandenburg  am  6.  Februar  1414  und  Kurmainz  am  1,  Februar 
1416  ihre  Einwilligung.  Der  nene  Pfandinhaber  Johann  Kirchen  ver- 
kaufte sodann  am  23.  Mai  1414  die  Pfandschaft  au  die  Stadt  Esslingen 
für  6000  Gulden  (ein  Drittel  baar,  der  Rest  in  Schuldverschreibungen), 
nachdem  am  6.  Februar  1414  Sigismund  in  diese  Veräusseruug  eiu- 
gewilligt  hatte  ■*). 

Fortan  blieb  Esslingen  von  der  Zahlung  der  Reichssteuer  befreit. 
Zwar  wies  Kaiser  Friedrich  III,  am  13.  November  1461  die  Bürger 
von  Esslingen  mit  der  Bezahlung  der  gebührenden  Steuer  an  den 
Markgrafen  Albrecht   von  Brandenburg  ^)    und    forderte   nochmals  am 


')  Ebendort. 

2)  Chmel  Reg.  Ruperti  n.  1181,   1356,  1378,  1620. 

3)  Ebenda  n.   1784,  2005,  2200,  2419,  2690,  2826,  2894. 

4)  Pfaff,  Esslingen  83. 

^)  Stuttgart  Staatsarchiv. 


238  Theodor  Schön. 

4.  Februar  1484  die  Keichssteuer  vou  Esslingen.    Doch  war  dies  ohne 
practische    Folgen    und    Esslingen    blieb    bis    zum   Tod    des    Kaisers 
(19.  August  1493)  von  wirklicher  Zahlung  der  Steuer  verschont  i).   Am 
27.   August    1504    verlangte    Herzog    Ulrich    von    Württemberg    von 
Esslingen,    dass  es  die  Steuern,    die  sie    den  Schürmann,    den  Kechts- 
nachfolgern    Johann    Kirchens    schuldig    sei,    fortan    seinem    Kanzler 
Dr.  Gregor  Lamparter   und    Marschall  Conrad  Thumb    (nicht  Thunck) 
und   deren    Erben  -')    zahlen    solle.     Als  am  7.  September  1505  Kaiser 
Maximilian  I.  aufs  neue  von  Esslingen  die  Keichssteuer   forderte,    ant- 
wortete die  Stadt,  sie  habe  diese  Steuer  von  Johann  Kirchen  erkauft ;  auch 
hätte  des  Kaisers  Vater  Friedrich  III.  darüber  zwar  Bericht   verlangt, 
sich  aber    mit    diesem   begnügt   und  es  würde  seit  Menschengedenken 
die  Steuer    nicht   mehr    eingefordert.     Damit  gab  sich    der  Kaiser  zu- 
frieden und  erklärte  am  1(3.  December  1505,    bezüglich   der  Esslinger 
Keichssteuer    sollte    alles    beim    alten    bleiben,    er  versprach    auch  am 
26.  Juli  1510,  die  Reichssteuer  Esslingens  nicht  mehr  zu  erhöhen.    Die 
Forderungen    wegen    der   Keichssteuer    erneuerten    noch    1573    Kaiser 
Maximilian  II.  und  1579  Kaiser  Rudolf  IL,    sie  standen   aber   auf  den 
Bericht    des    Esslinger  Raths    von   ihrem    Begehren    wieder    ab.     Erst 
Kaiser  Karl  VI.,    der  1723  die    verpfändeten  Keichssteuern    einzulösen 
beschloss,    trat  mit  der  Forderung    der  Wiedereinlösung    an    die  Stadt 
heran.     Diese  suchte  in  einer  Vorstellung  an  den  Kaiser  vom  5.  Dec. 
1724  zu  beweisen,  dass  sie  zur  Einlösung  nur  durch  einen  Keichstags- 
beschluss  gezwungen  werden  könne,  sie  trat  1725  sogar  mit  der  Be- 
hauptung auf,  dass  die  verpfändeten  Reichssteuern  garnicht  mehr  ein- 
gelöst  werden    könnten.     Allein  der  Kaiser    beharrte    auf  seiner  For- 
derung von  1600  Gulden  Reichssteuer  jährlich,    da    die  früheren    800 
Pfund  Heller  so  viel  nach  jetzigem  Geldwerth  ausmachten,  und  erlaubte 
ihr  nur  300  Gulden  als  Zins  der  Pfandsumme  von  6000  Gulden  davon 
abzuziehen.     Darauf   erwiderte  1734    die    Stadt:    der    abziehbare  Zins 
müsse    auf  600,    sogar  900  Gulden    berechnet    werden.     Doch    nützte 
dies    nichts,    ebensowenig    als  die  Fürbitte    des    schwäbischen  Elreises. 
Der    Kaiser    begehrte     sogar    noch     11750    Gulden    Steuerrückstände 
Letztere    erliess  er  jedoch  am  18.  Januar  1738  und  ordnete    an,    dass 
die  Stadt  erst  nach  sechs  Jahren    (also  1743)  die  Keichssteuer  wieder 
zu  zahlen  habe.     Noch    vor    dieser  Termin    ablief,    starb   Karl  VI.  am 
20.  October  1740.     So  lange   sein   Nachfolger   Karl  VII.  lebte,   wurde 
Esslingen    nicht   weiter   bedrängt.     Erst   Kaiser  Franz  I.   forderte   am 


')  Pfaif,  Esslingen  84,  woselbst  auch  die  weiteren  Belege  für  Esslingen. 
-)  Klüpfel,  Ürk.  zur  Geschichte  des  schwäb.  Bundes   1.  515. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  239 

24.  Januar  1746  die  Stadt  auf,  die  Sache  wegen  der  Keichssteuer  zu 
ordnen,  Hess  es  indes  bei  der  blossen  Aufforderung  bewenden.  Kaiser 
Joseph  II.,  der  am  1 8.  August  1765  ihm  folgte,  begehrte  noch  im 
Jahre  seines  Regierungsantritts  die  Steuer  nebst  den  Rückständen  von 
1743  an  ohne  Verzug  und  verklagte  1781  die  Stadt  durch  den  Reichs- 
fiskal beim  Reichshofrath.  Dieser  verurtheilte  die  Stadt  Esslingen  1787 
zur  Zahlung  der  Steuer  nebst  42.100  Gulden  Rückständen,  gewährte 
ihr  aber  eine  Frist  nach  der  andern,  bis  1792  endlich  der  Revo- 
lutionskrieg ausbrach  und  die  Sache  ganz  in  Vergessenheit  gerieth. 

2.  Die  Steuer  der  Stadt  Reutlingen. 

Eine  ganz  andere  Entwicklung  als  in  Esslingen  nahm  die  Ge- 
schichte der  Reichsöteuer  in  Reutlingen,  Acht  Jahre  später  als  die 
Esslinger  wird  die  Reutlinger  Reichssteuer  zuerst  erwähnt.  Am  12.  Juli 
1323  gab  Ludwig  der  Bayer  dem  Johann  von  Bernhausen  von  der 
Steuer  der  Reichsstadt  Reutlingen  1200  Pfund  Heller,  ebenso  dem 
-Hermann  von  Haldenberg  von  der  Steuer  der  Reichsstädte  Reutlingen 
und  Rottweil  1000  Pfund  Heller  i).  Als  am  18.  März  1342  Graf 
Ulrich  von  Württemberg,  seit  2.  April  1330  Landvogt  in  Nieder- 
schwaben, mit  dem  Kaiser  abrechnete  und  ihm  noch  2502  Pfund  zu 
gut  kamen,  wies  der  Kaiser  dem  Grafen  400  Pfund  Heller  auf  die 
"Steuer  der  Stadt  Reutlingen  an  ^). 

Karl  IV.  gebot  am  20.  Juli  1360  dem  Bürgermeister,  Rath  und 
den  Bürgern  von  Reutlingen  ihm  400  Pfund  Heller  auf  künftigen 
Martini  zu  zahlen  3).  Am  22.  Sept.  1360  erhielt  Graf  Rudolf  III.  von 
Hohenberg  von  demselben  eine  Anweisung  von  600  Gulden  auf  die 
jährliche  Reichssteuer  zu  Reutlingen  und  am  4.  Nov.  1360  quittierte 
der  Kaiser  der  Stadt  den  Empfang  der  gewöhnlichen,  auf  Martini 
übers  Jahr  fälligen  Steuer -i).  Vier  Jahre  später,  am  9.  Februar  1364, 
befahl  er  wieder  der  Stadt,  die  dem  Reiche  schuldigen,  jährlich  auf 
Martini  fälligen  400  Pfund  Heller  dem  Werner  von  Mörsberg  um 
seiner  getreuen  Dienste  willen  zu  geben.  Auf  diese  400  Pfund  Heller  ^) 
jährlicher,  auf  künftigen  Martini  fälliger  Steuer  gab  der  Kaiser  in  den 
folgenden  Jahren    einer  Reihe    von  Fürsten   und   Edlen  Anweisungen, 


')  Böhmer,  Reg.  Ludwigs  n.  öül,  592. 

-')  Stalin  3,  207. 

3)  Böhmer  -  Huber,  Reg.  Karls  IV.  n.  3238. 

•*)  Staatsarchiv  Stuttgart,  ebenso  alle  folgenden  Urkunden  bis  einschliesslich 
zum  Jahre  1401. 

ä)  In  der  Urkunde  vom  24.  Februar  1367  heisst  es:  löV»  Schilling  Heller 
gleich  einem  Gulden. 


240 


Theodor  Schön. 


nemlich  am  14.  Januar  1365  dem  Herzog  Friedrich  vou  Teck,  der 
seit  3.  November  1347  Landvogt  in  Augsburg  war,  am  12.  Januar 
1366  dem  Grafen  Ulrich  von  Helfeu stein  (Landvogt  in  Oberschwaben 
bis  1367),  am  24.  Februar  1367  dem  Landgrafen  Johann  von  Leuch- 
tenberg, am  3.  Februar  1368  dem  Herzog  Wenzel  von  Luxemburg, 
Brabant  und  Limburg,  Keichsvicar  diesseits  des  Lampertschen  Gebirgs, 
,,dieweil  er  Vicar  ist'S  und  am  28.  October  1368,  sowie  am  26.  Sept. 
1370,  14.  Sept.  1371  und  16.  October  1373,  dem  Burggrafen  Friedrich 
von  Nürnberg,  welchei*  seit  31.  März  1367  Landvogt  in  Ober- 
schwaben war. 

Inwieweit  übrigens  diese  kaiserlichen  Anweisungen  Zahlungen  zur 
Folge  hatten,  ist  unbekannt,  erhalten  sind  nur  Quittungen  des  Burg- 
grafen Friedrich  vom  29.  März  1371,  vom  15.  Januar  1372  und  vom 
19.  Februar  1374  für  die  Martini  des  Vorjahres  fälligen  Steuern. 

Weitere  Anweisungen   des  Kaisers    auf  diese  Steuer   lauteten   am 

4.  Juni  1374  auf  Friedrich,  Pfalzgraf  bei  Khein  und  Herzog  in  Bayern, 
sowie  am  3.  August  1375  auf  Stephan  und  Friedrich,  Pfalzgrafen 
bei  Khein  und  Herzogen  in  Bayern.  Doch  muss  der  Letztgenannte, 
der  ja  seit  1374  Landvogt  iu  Oberschwaben  und  seit  1378  in  Nieder- 
schwaben war,  auch  auf  die  auf  Martini  1374  und  Martini  1375 
fällige  Reichssteuer  kaiserliche  Anweisungen  erhalten  haben.  Denn 
am  25.  November  1375  befahl  er  dem  Bürgermeister,  Eath  und  Bür- 
gern von  Reutlingen,  die  auf  den  vergangenen  Martini  fällig  gewesene 
gewöhnliche  Steuer  an  Otto  den  Roten,  Bürgermeister  zu  Ulm  und 
Hans  den  Gäzzeler,  Bürger  daselbst,  zu  reichen  und  am  18.  November 
1375  quittierte  er  der  Stadt  den  Empfang  von  400  Pfund,  alles  „gärer 
und  geber  iteliger  Heller'',  ihrer  gewöhnlichen  Stadtsteuer. 

Auch  König  Wenzel  begabte  Friedrich,  Pfalzgi'af  bei  Rhein  und 
Herzog  von  Bayern,  1379  oder  1380  mit  der  halben  Reichssteuer  der 
Stadt  Reutlingen,  denn  am  1.  Nov.  1380  gebot  Friedrich  dem  Bürger- 
meister, Rath  und  den  Bürgern  von  der  auf  Martini  1380  fälligen 
o-ewöhnlichen  Steuer  200  Pfund  Heller  dem  Grafen  Heinrich  von 
Wartstein  zu  geben.  Eine  königliche  Anweisung  auf  die  ganze,  Martmi 

1380  fällige  Steuer  erhielt  Friedrich  erst  am  3.  November  1380.     Am 

5.  November  1380  that  daher  dieser  der  Stadt  kund,  dass  er  Hans 
dem  Vischer,  seinem  Wirth  uud  Vogt  zu  Esslingen,  200  Pfund  Heller 
von  der  auf  Martini  1380  fälligen  Steuer  verschrieben  habe.  Auch 
die    Steuer    des   nächsten    Jahres   erhielt  König  Wenzel   am  19.  Sept. 

1381  von  Pfalzgraf  Friedrich.  Am  11.  October  1381  stellte  er  der 
Stadt  über  den  Empfang  derselben  eine  Quittung  aus.  Doch  schon 
im  folo-enden  Jahre  wurde  ein  anderer  Fürst   vom  König  Wenzel  auf 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  241 

die  Steuer  angewiesen;  am  5.  September  1382  gebot  Wenzel  dem 
Bürgermeister,  Kath  und  den  Bürgern  die  gewöhnliche  Steuer  an 
Martini  dem  Herzog  Leopold  zu  Oesterreich  (seit  25.  Februar  1379 
Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben)  zu  geben,  der  auch  am 
16.  November  1382  den  Empfang  derselben  quittierte.  Die  gleiche 
Anweisung  erfolgte  im  nächsten  Jahr  am  24.  August  1383.  Am 
16.  October  1383  und  31.  August  1384  stellte  der  Herzog  der  Stadt 
eine  Quittung  für  die  Steuer  aus,  die  sie  ihm  als  des  Keiches  Land- 
vogt zu  Sehwaben  zu  reichen  schuldig  war  i).  Die  Steuer  war  ihm 
aber  nicht  baar  gezahlt  worden,  sondern  deren  Betrag  von  der  Geld- 
schuld, wofür  den  mit  Keutlingen  verbundenen  Städten  von  den  Ver- 
wandten des  Herzogs,  dem  Grafen  Rudolf  von  Hohenberg,  Oberndorf 
und  Schömberg  versetzt  worden  waren,  in  Abzug  gebracht  worden. 
Noch  einmal,  am  21.  Juli  1384,  gebot  Wenzel  der  Stadt,  dem  Herzog 
die  gewöhnliche  Steuer  zu  zahlen. 

Am  17.  August  1385  entzog  König  Wenzel  dem  Herzog  Leopold 
von  Oesterreich  die  Landvogtei  und  ernannte  am  gleichen  Tage  zu 
deren  Verweser  Wilhelm  Frauenberger  vom  Hage.  Diesem  musste  die 
Stadt  nach  einer  königlichen  Anweisung  am  9.  October  1385  die  ge- 
wöhnliche Steuer  entrichten ,  worüber  Wilhelm  am  28.  Januar  1386 
eine  Quittung  ausstellte. 

Am  7.  Juli  1386  und  8.  Juli  1387  befahl  sodann  Wenzel  der 
Stadt,  dem  Edlen  Hadmar  von  Laber  die  gCAvöhnliche  Steuer  zu  zahlen, 
der  dann  auch  am  7.  Februar  1387  und  17.  Juni  1388  deren  Empfang 
bescheinigt.  Zu  Landvögten  in  Ober-  und  Niederschwaben  bestellte 
im  letzteren  Jahre  König  Wenzel  die  Gebrüder  Landgraf  Johann  und 
Sigobot  von  Leuchtenberg.  Daher  erklärt  es  sich,  dass  am  28.  Febr.  1389 
Bürgermeister,  Richter  und  Rath  der  Stadt  Reutlingen  dem  Schreiber  des 
Landgrafen  Friedrich  20  rheinische  Gulden  von  der  an  Martini  1388  fällig 
gewesenen  Steuer  zahlten.  Am  12.  Juni  1389  gebot  der  König  der  Stadt, 
die  gewöhnliche  an  Martini  1389  fällig  werdende  Steuer  an  Borziboy  von 
Swinars,  Pfleger  zu  Ruerbach  und  Ulrich  v.  Wolfsberg,  Pfleger  zum 
Rotenberg,  sowie  am  16.  October  1389  die  an  Martini  1388  fällig  ge- 
wordene Steuer  an  den  Landgrafen  Sigobot  zu  Leuchtenberg,  Graf  zu 
Hals,  Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben,  zu  entrichten,  welcher 
der  Stadt  auch  die  Quittung  der  genannten  zwei  Pfleger  überantworten 
sollte.  Ebenso  gebot  er  am  28.  December  1388  der  Stadt,  die  Steuer 
an   Sigobots  Bruder  Hans,    dagegen    am    11.  December    1390   dieselbe 

')  Schon  früher  hatten  Landvögte  die  Steuer  erhalten.  Hier  wird  aber 
zum  erstenmal  die  Steuer  als  eine  Zubehör  des  Amts  eines  Landvogts  bezeichnet. 
Ursprünglich  war  dies  nicht  der  Fall,  wie  die  ältesten  Anweisungen  zeigen. 

MittheUungen  XVII.  16 


942  Theodor  Schön. 

dem  Borziboy  von  Swinars,  Pfleger  zu  Auerbach,  zu  entrichten,  der 
dann  auch  am  13.  Januar  1391  deren  Empfang  bestätigte.  Am 
14.  Februar  1391  erhielt  Landgraf  Sigobot,  dem  auch  am  18.  October 
1391  die  Steuer  angewiesen  wurde,  erst  die  ihm  1389  angewiesene 
Steuer  im  Betrag  von  47  Pfund  Heller  und  60  rheinischen  Gulden 
ausbezahlt. 

^^i^achfolger  Sigobots  in  der  Landvogtei  von  Schwaben  wurde  der 
Böhme  Borziboy  von  Swinars,  der  auch  Landvogt  im  Elsass  wurde. 
An  diesen  musste  Reutlingen  nach  königlichen  Anweisungen  vom 
12.  August  1392,  2.  Mai  1393  und  1.  September  1394  die  Steuer 
zahlen. 

Am  19.  Juni  1395  ernannte  der  König  Herzog  Stephan  von 
Bayern  zum  Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben  und  gebot  am 
28.  August  1395  der  Stadt  ihm  die  Martini  1395  fällige  Steuer  zu 
zahlen;  mit  der  Eincassierung  derselben  beauftragte  der  Herzog  am 
9.  Januar  1396  Ulrich  den  Eumhof,  seinen  Landschreiber.  Desgleichen 
wies  der  König  am  29.  April  1397  Herzog  Stephan,  der  am  12.  Nov. 
1397  eine  Quittung  über  den  Empfang  ausstellte,  die  Steuer  an, 
v^rährend  dagegen  am  25.  August  1396  wieder  Borziboy  von  Swinars, 
jetzt  Hauptmann  in  Bayern  eine  Anweisung  auf  dieselbe  erhalten  hatte 

Im  Jahre  1398  ernannte  König  Wenzel  den  Grafen  Friedrich  zu 
Oettingen  zum  Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben,  welchem  er 
am  11.  Juli  1398  die  gewöhuliche,  Martini  1398  fällige  Steuer  laut 
Quittung  vom  11.  November  1398  zukommen  liess.  Die  Martini  1399 
fällige  Steuer  dagegen  erhielt  am  13.  August  1398  seine  Wirthin 
zu  Nürnberg,  Barbara,  die  Witwe  des  Nicolaus  Muffel;  diese  bevoll- 
mächtigte am  6.  November  1399  zur  Empfangnahme  ihren  Diener 
Hans,  dem  dann  am  12.  Nov.  gegen  eine  Quittung  die  Steuer  von 
Seiten  der  Stadt  gezahlt  wurde.  Auch  die  Martini  1400  fällige  Steuer 
übertrug  König  Wenzel  am  3.  Jänner  1400  au  Barbara  (Colar),  Wittwe 
des  Nicolaus  Muffel,  Bürgerin  zu  Nürnberg  und  ihre  Kinder  Nicolaus 
und  Anna. 

König  Ruprecht  von  der  Pfalz  wies  am  31.  August  1401  die  auf 
Martini  1401  fällige  Steuer  dem  Nürnberger  Bürger  Heinrich  Hars- 
dorfer  an,  der  sie  auch  am  11.  November  in  Empfang  nahm.  Unter 
diesem  neuen  König  wechselten  die  Empfänger  der  neuen  Steuer  fort- 
während. Es  waren  der  Reihe  nach  mit  derselben  begabt  worden: 
Am  9.  Mai  1402  Johann  Kirchen,  des  Königs  Hofschreiber,  der  am 
28.  December  1402  der  Stadt  den  Empfang  bescheinigte  i),  am  25.  Nov. 


')  Chmel,  Reg.  Ruprechts  n.  1181  und  Staatsarchiv  Stuttgart. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  243 

1402  der  Nürnberger  Bürger  Berthold  Pfintzing,  dem  die  Stadt  die 
Steuer,  ausgenommen  127  Guldeu  i),  am  12.  November  1403  aus- 
zahlte 2) ,  am  25.  November  1403  Ritter  Eberhard  von  Landau  3) ,  am 
2.  November  1405  Johannes,  Kammerschreiber  des  Königs^),  am 
S.  September  1406  Ritter  Heinrich  Buchberger,  der  am  12.  November 
1406  über  die  ganze  Steuer  im  Betrage  von  400  Pfund  Heller  quit- 
tierte, was  auch  am  18.  November  1407  Albrecht  von  Giech  zu  der 
Zeit  gesessen  zu  Brunn  in  Franken,  that,  der  am  29.  September  1407 
eine  königliche  Anweisung  auf  die  Steuer  erhalten  hatte  s).  Am 
10.  November  1408  verschaffte  König  Ruprecht  dem  Herrn  von 
Hemesperg  100  Gulden,  dem  Salentin  von  Isenburg  dem  Juno-eu 
40  Gulden,  dem  Kammerschreiber  Johann  von  Altdorff  50  Gulden, 
dem  Hanman  Waltmann  50  Gulden,  dem  Hans  Stumpf  von  Aspach 
und  Diether  Hund  dem  Jungen  60  Gulden  von  der  Steuer  der  Stadt 
Reutlingen.  Doch  sollte  der  Kammerschreiber  die  Quittung  über  den 
Empfang  der  300  Gulden  ausstellen,  was  auch  am  28.  November  1408 
geschah  6).  Am  17.  November  1409  wies  der  König  dem  Kammer- 
schreiber Johann  von  Altdorff  wieder  die  Martini  1409  fällig  o-ewor- 
dene  Steuer  an.  Am  17.  November  1409  gab  dagegen  der  Könio- 
diese  Steuer  dem  Kammerschreiber,  Hanman  Waltmann,  dem  Herrn 
von  Hemesperg  und  Salentin  von  Isenburg  dem  Jungen;  den  Empfano- 
quittierte  wieder  am  25.  November  1409  der  Landschreiber  allein. 
Auch  1410  verschrieb  der  König  jenen  vier  die  Steuer ').  Vom  neuen 
König  Sigmund  erhielt  am  31.  August  1411  der  Burggraf  Friedrich 
von  Nürnberg  die  au  Martini  1411  fällige  Steuer,  welcher  der  Stadt 
am  3.  April  1412  eine  Quittung  ausstellte«).  Am  31.  August  1412 
wies  der  König  seinen  Protonotar  Johannes  Kirchen    auf  die  Martini 

1412  fällige  Steuer  an,    ferner  am  ]  1.  August  1413   auf   die   Martini 

1413  fällige  seinen  Rath  Wiguleus  Schenk  von  Geyern,  dem  er  sogar 
am  23.  December  1413  die  Anweisung  bis  auf  Widerruf  wegen  rück- 
ständiger Besoldung  ausdehnte.     Eine  weitere  Anweisung  erfolgte  am 


-)  Diese  hielt  die  Stadt  zurück  für  einen  ihrer  Bürger,  dem  eine  gleiche 
Summe  zu  Heidingsfeld  am  Main  (Königreich  Bayern)  geraubt  worden  war. 

3j  Chmel  n.  1356  und  Staatsarchiv  Stuttgart. 

3)  Chmel  n.  1619. 

*)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

*)  Chmel  n.  2189,  2364  und  Staatsarchiv  Stuttgart. 

^)  Chmel  n.  2683  und  Staatsarchiv  Stuttgart,  woselbst  auch  die  beiden 
nächsten  Urkunden. 

')  Chmel  n.  2824,  2895  und  Staatsarchiv  Stuttgart. 

*)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

16* 


244  Theodor  Schön. 

16.  Januar  1414  ^).  Inzwischen  hatte  Johannes  Kirchen  dem  gekl- 
bedürftigen  Könige)  3000  Gulden  geliehen,  wofür  dieser  ihm  am 
30.  März  1415  die  gewöhnliche  Steuer  von  Reutlingen,  im  Betrag  von 
400  Pfund  Heller  versetzte.  Als  Kurfürst  von  Brandenburg  gab  König 
Sigmund  am  6.  April  1415  zu  dieser  Verschreibung  seine  Zustimmung 
und  benachrichtigte  am  gleichen  Tage  den  Bürgermeister,  Eath  und 
die  Bürger  von  Reutlingen,  dass  die  Steuer  auf  Wiederlösung  und  in 
Pfandsweise  verschrieben  wäre  und  dass  Johann  Kirchen  und  seine 
Erben  ihre  Rechte  an  der  Steuer  versetzen  und  verkaufen  dürften^ 
wenn  sie  wollten,  und  dass  ihnen  und  ihren  Rechtsnachfolgern  die 
Steuer  auf  Martini  gegen  ihre  Quittungen  bezahlt  werden  müsste.    Am 

17.  November  1417  beschränkte  indessen  der  König  das  Recht,  die 
Steuer  zu  versetzen,  anf  ein  Versetzen  derselben  an  die  Pfalzgrafen 
Ludwig  uud  Otto  bei  Rhein  und  Graf  Eberhard  von  Württemberg. 

Die  Pfaudsumme  wurde  übrigens  mehrmals  durch  Sigmund  erhöht, 
am  4.  August  1418  um  600  rheinische  Gulden  und  am  27.  April  1420 
um  400  venetianische  Ducaten  („wegen  der  seitens  Johann  Kirchen 
dem  König  zu  Breslau  geleisteten  Dienste,  in  den  grossen  und 
schweren  Sachen,  die  zwischen  dem  König  von  Polen  und  dem 
deutschen  Orden  3)  gewesen  sind").  Am  8.  März  1422  verwandelte 
Sigmund  die  Pfandsumme,  die  3600  rheinische  Gulden  und  400  vene- 
tianische Ducaten  betrug,  in  Mark  Silber,  so  dass  er  600  Mark  Silber 
für  die  3600  rheinische  Gulden,  d.  i.  für  6  Gulden  1  Mark  löthiges 
Silber  rechnete,  worauf  er  noch  100  Mark  Silbers  dazu  schlug.  Die 
Pfandsumme  belief  sich  nun  auf  700  Mark  Silber  und  400  Ducaten.  Fortan 
bezog  Johann  Kirchen  die  Reichssteuer  ruhig  ais  zu  seinem  Tod,  da 
Graf  Rudolf  von  Sulz,  dem  Sigmund  am  29.  September  1427  die  Er- 
laubnis zur  Einlösung  der  Steuer  gab^),  hievon  keinen  Gebrauch 
gemacht  hatte.  Im  Pfandbesitz  der  Steuer  folgte  Johann  Kirchen  sein 
Sohn  Johann,  Lehrer  in  geistlichen  und  kaiserlichen  Rechten,  welcher 
am  12.  März  1434  von  Sigmund  im  Pfandbesitz  bestätigt  wurde  s). 


1)  Staatsarchiv  Stuttgart  und  Wien. 

2)  Derselbe  sagt;  „wann  wir  yetzund  fil  czyte  in  unsern  und  des  heihgen 
romischen  richs  landen  unsere  und  desselben  richs  und  nemelich  des  heiligen 
concilii,  das  man  gegenvorticlichen  in  der  stat  Costentz  czu  trost  der  heiligen 
Cristenheit  heldet,  und  ouch  gemeines  nutzes  anligende  und  notdurftige  sache 
und  geschefte  mit  grossr  zerung  und  Coste  getriben  und  gearbeitet  haben."  — 
Die  folgenden  Urkunden  bis  1422  im  Staatsarchiv  Wien. 

■i)  Siehe  Schiemann,  Russland,  Polen  und  Livland  I,  S.  535. 
*)  Aschbach,  Gesch.  K.  Sigismunds  3,  463. 
^)  Staatsarchiv  Wien. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  245 

Am  5.  Mai  1460  war  auch  der  jüngere  Johann  Kirchen  tot;  er 
hinterhess  zwei  Töchter,  Mechtilt  und  Magdalena  als  Erbinnen,  die 
an  Ludwig  Bettendorfer  und  Ludwig  Schuermann  vermählt  waren. 
Diese  beiden  Töchter  wurden  durch  ein  Verbot  Kaiser  Friedrichs  an 
dem  Bezug  der  Steuer  gehindert,  erlangten  jedoch  am  16.  März  1459 
eiue  Aufhebung  des  Verbots  und  einen  Befehl  des  Kaisers  an  den 
Bürgermeister  und  Rath  der  Stadt  Reutlingen  zur  Auszahlung  der 
Steuer.  Die  Mäuner  der  beiden  Erbinnen  Hessen  vorsichtiger  Weise 
am  5.  Mai  1460  durch  Bruder  Gerhard,  Abt  des  Cistercienserklosters 
Schönau  im  Bisthum  Worms,  Lehrer  der  heiligen  Schrift,  sich  ein 
Vidimus  der  kaiserlichen  Urkunde  ausstellen,  welche  sie  der  Stadt 
Reutlingen  am  6,  Febr.  1462  übersandten  mit  dem  Ersuchen,  die  auf 
Martini  1461  fällig  gewordenen  400  Pfund  Heller  an  den  Ueberbringer, 
Lenhard  Kurcz  von  Augsburg,  auszuzahlen  i).  Die  eine  Tochter  des 
Johann  Kirchen,  Mechtilt,  verstand  es  später  sich  in  den  alleinigen  Besitz 
der  Pfandschaft  zu  setzen.  Am  12.  Februar  1487  erlaubte  ihr  Kaiser 
Friedrich  IIL,  die  Reutlinger  Reichssteuer  so  lange  einzunehmen,  bis 
sie  wegen  der  Hauptsumme  und  400  Gulden,  welche  sie  dem  Kaiser 
von  den  verfallenen  Steuern  zu  geben  versprochen  hatte,  befriedigt 
worden  sei,  und  befahl  der  Stadt,  ihr  die  Steuer  im  Betrag  von  400 
rhein.  Gulden  zu  zahlen. 

Schuermann  (Schewrmann)  und  seine  Frau  erhielten  um  Martini 
1487,  1488  und  1489  je  275  Gulden  von  der  Steuer,  ebenso  ihre 
Söhne  Ludwig  und  Johann  Martini  1490,  1491,  1492  und  1493  je 
275  Gulden.  Am  1.  März  1491  theilte  Ludwig  dem  Reutlinger  Bürger- 
meister Wilhelm  Walker  mit  „ich  han  ylens  uff  den  nehsten  abscliiedt 
burgermeister  und  rate  der  stat  Rutlingen  mynem  bruder  geschriben, 
von  mynem  gnedigen  herren  pfaltzgraven  sclirifft  erlangen  zu  berich- 
timg,  wie  soliche  der  von  Reutlingen  stadtstuwer  hinfüre  nit  mee 
unser  lieben  muter  gebure,  sonder  uns  sonen.  Die  schicke  uch  sampt 
unser  quitantzen,  uch  fliszlich  bitten  uff  semlich  Paulo  Butler,  zeiger 
dieser  brietf  an  myn  stat  zu  uszrachtung  der  Ilir'  pfund  heier  ver- 
helffen  und  mir  bey  im  schicken  darfür  275  gülden  an  guten  golt, 
dieser  zit  nemen  vollen.  Darab  get  ein  gülden  dem  statschriber. 
Wollet  auch  entrichten  und  gebietteut  all  zit  zu  mir". 

Im  Jahre  1495  wurde  die  Familie  Schuermann  im  ruhigen  Besitz 
der  Pfandschaft  gestört.  Denn  am  6.  September  1495  befahl  König 
Maximilian  I.   dem   Bürgermeister    und    Rath    der    Stadt    Reutlingen, 


')  Staatsarchiv  Stuttgart,    daselbst   auch    die    folgenden  Urkunden  bis  1496 
November  23. 


246  Theodor  Schon. 

fortan  die  Steuer  dem  Grafen  Eitel  Friedrich  zu  Zollern  zu  geben 
dem  er  sie  um  etlicher  von  seinem  Vater  herrükrenden  Schulden  ver- 
schrieben hatte,  bis  der  Graf  oder  seine  Erben  2000  rliein.  Gulden 
empfangen  haben  würden.  Am  30.  November  1495  zahlte  auch  die 
Stadt  275  rheinische  Gulden  an  des  Grafen  Obervogt  zu  Zollern  und 
Haigerloch,  Thomas  von  Wehiugen.  Die  Steuer  des  Vorjahrs  (fällig 
Martini  1494)  hatte  die  Stadt  dem  König  selbst  laut  Quittung  am 
13.  November  1495  gezahlt,  ebenso  zahlte  sie  ihm  die  Martini  1496 
fällig  werdende  Steuer  am  27.  September  1496.  Am  23.  November  1496 
dagegen  gebot  er,  die  Martini  1496  fällig  gewordene  Steuer  dem 
Grafen  Eitel  Friedrich  zu  Zollern,  seinem  Kämmerer  und  Eath,  zu 
geben,  der  auch  laut  Quittung  am  2.  December  1496  die  275  rhein. 
Gulden  empfieng  ^).  Es  hat  demnach  die  Stadt  1496  die  Steuer 
doppelt  gezahlt.  Am  8.  August  1497  befahl  der  König,  400  rhein. 
Gulden  von  der  Keichssteuer,  die  etliche  Jahre  (jedenfalls  vor  1495) 
in  Arrest  und  Verbot  gelegt  worden  waren,  ebenfalls  dem  Grafen 
auszuzahlen  ''^).  Letzterer  sandte  am  22.  October  1497  seinen  Diener 
Gabriel  Hypp  nach  Eeutlingen,  um  die  gewöhnliche  Stadtsteuer  zu 
empfangen,  und  erhielt  am  8.  November  1497  die  Martini  1497  fällig 
werdende  Steuer  ^).  Indessen  regten  sich  wieder  die  Schuerniann  mit 
ihren  Ansprüchen  und  am  13.  August  1498  kam  ein  Vertrag  zu  stände, 
laut  welchem  Mechtilt  Kirchnerin  nnd  ihre  Söhne  Ludwig  und  Johann 
Schuermann  künftig  alljährlich  zu  Martini  in  Abschlag  der  Summe 
Gelds,  so  ihnen  an  der  Hauptsumme  oder  dem  Kapital,  um  welche 
ihnen  solche  Stadtsteuer  verschrieben  worden  war,  noch  ausstand, 
175  rheinische  Gulden,  Graf  Eitel  Friedrich  zu  Zollern  die  übrigen 
Gulden  ebenfalls  in  Abschlag  der  Summe  Geldes,  um  die  ihm  die 
Stadtsteuer  verschrieben  worden  war,  erhalten  sollten.  Auch  wurde 
bestimmt,  dass  die  beiden  Gebrüder  Schuermann  und  ihre  Mutter 
noch  ein  Jahr  nach  Ausgang  der  die  zur  Bezahlung  ihrer  Haupt- 
summe nöthigen  Jahre  175  rheinische  Gulden  erhalten  sollten,  da 
sie  etliche  Jahre  die  Steuer  nicht  eingenommen  hätten  und  dadurch 
200  Gulden  Schaden  erlitten  zu  haben  glaubten.  Am  24.  August  er- 
folgte dann  ein  Mandat  an  die  Stadt,  künftig  in  oben  angegebener 
Weise  die  Steuer  auszuzahlen  ^).  Ludwig  und  Johann  Schuwermann, 
beide  Licentiaten  der  Kechte,  empfiengen  dann  ihre  175  Gulden  zuerst 
mit  der  Mutter  am  3.  April  1499,  dann  allein  am  19.  November  1499 


ij  Staatsarchiv  Stuttgart. 
-)  Staatsarchiv  Wien. 
3)  Staatsarchiv  Stuttgart. 
•*)  Staatsarchiv  Wien. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  247 

19.  November  1500,  19.  November  1501,  19.  November  1502,  19.  Nov. 
1503,  während  Graf  Eitel  Friedrich  die  100  rheinischen  Gulden  am 
19.  Februar  1499,  9.  März  1500,  2.  März  1501  und  18.  Februar  1502, 
sowie  16.  Juni  1503  empfieng  i). 

Das  Jahr  1504  brachte  indessen  wieder  eine  Veränderung.  Am 
3.  September  1504  that  König  Maximilian  der  Stadt  Keutlingen  kund, 
dass  er  den  Pfalzgrafen  Philipp  bei  Rhein  mit  sammt  seinen  Auhän- 
o-eru,  Verwandten,  Helfern  und  Helfershelfern  wegen  ihres  merklichen 
Ungehorsams  und  Verachtung,  welche  sie  ihm  und  dem  heiligen  Reich 
bewiesen  hätten,  in  seine  und  des  Reiches  Acht  und  Aberacht  erklärt 
habe;  da  nun  Ludwig  und  Hans  Schirman  des  Pfalzgrafen  Anhänger 
und  Verwandte  seien,  dieselben  aber  von  der  Stadtsteuer  175  Gulden 
einzunehmen  hätten,  habe  Herzog  Uh-ich  von  Württemberg  und  Teck 
kraft  der  Acht  des  königlichen  Processes  und  der  königlichen  Man- 
date diese  Summe  Geldes  angefallen  (d.  h.  mit  Beschlag  belegt)  und 
sie  seinem  Kanzler  Gregor  Lamparter  und  seinem  Marschall  Conrad 
Tumm  (Thumb  v.  Neuburg)  mit  Einwilligung  des  Königs  übergeben, 
welcher  der  Stadt  bei  einer  Strafe  von  20  Mark  löth^gen  Silbers  gebot, 
die  175  Gulden  jährlich  an  die  beiden  zuletztgenannten  auszuhändigen, 
lüdessen  kam  es  hierzu  nicht.  Vielmehr  hat  König  Maximilian  selbst 
am  10.  October  1504  und  2.  November  1505  laut  Quittung  die  175 
Gulden  eingenommen ;  die  übrigen  100  Gulden  empfing,  wie  bisher, 
am  11.  Januar  1504  und  21.  Februar  1506  Graf  Eitel  Friedrich  zu 
Zollern. 

Wenn  auch  am  1.  November  1505  König  Maximilian  der  Stadt 
gebot,  die  Stadtsteuer  zu  Reutlingen  an  Ludwig  und  Johanna  Schuer- 
mann,  die  demnach  der  Acht  entlassen  waren,  auszuzahlen,  so  gieug 
doch  dieselbe  bald  ganz  der  Familie  Schuermann  verloren.  Am 
6.  December  1506  verlieh  Maximilian  dieselbe  dem  Grafen  Eitel 
Friedrich  zu  Zollern  zu  rechtem  Mannslehen,  wozu  am  24.  Juli  1507 
Erzbischof  Jacob  von  Mainz  und  Erzbischof  Jacob  von  Trier,  sowie 
Kurfürst  Friedrich  von  Sachsen,  am  4.  November  1507  Kurfürst 
Joachim  von  Brandenburg  und  am  4.  Mai  1510  Erzbischof  Philipp 
von  Köln  und  Kurfürst  Ludwig  von  der  Pfalz  ihre  Zustimmung  gaben. 
Am  7.  August  1507  gebot  dann  Maximilian  dem  Bürgermeister  und  Rath 
der  Stadt  Reutlingen,  die  Steuer  dem  Grafen  Eitel  Friedrich  zu  zahlen, 
welcher  am  23.  December  1507  über  den  Empfang  von  275  Gulden,  die 
auf  Martini  1506  fällig  geworden  waren,  und  200  Gulden,  die  am  letzten 
Martini  fällig  waren  eine  Quittung  ausstellte.  Weitere  Quittungen  über 
die  gleiche  Summe  erhielt  die  Stadt  von  dem  Grafen  am  12.  Nov.  1508, 

*)  Staatsarchiv  Stuttgart,  wo  auch  alle  folgenden  Urkunden. 


248  Theodor  Schön. 

18.  November  1509,    18.  November    1510,    16.  November    1511.     Am 
23.  Jänner  1512    verspraeli    er,    dass,    wenn    vom  Kaiser    oder  dessen 
Nachfolgern  etwas  ausginge,  das  ihn  oder  seine  Leibeserben  an  dieser 
Lehenschaft  und  die  ßeutlinger  an  der  Bezahlung  solcher  Reichssteuer 
hindere,  er  und  seine  Erben    dies  auf  ihre  Kosten  und  ohne  Schaden 
der  Eeutlinger  abschaffen  sollten;  wenn  letzteres  nicht  geschehe,  oder 
er  oder    seine   Erben  rechtlich    solcher   Lehenschaft   entsetzt    würden, 
oder  diese  ihnen  aberkannt  oder  von  ihnen  eingelöst  würde,  so  sollte 
die  Verschreibung  die  Keutlinger  nicht  binden,  ihnen  etwas  zu  geben. 
Auch  Bürgermeister    und  Richter    der    Stadt  Reutlingen    mussten    sich 
durch   einen  Revers   am   gleichen  Tage  für  sich  und   ihre  Erben  ver- 
pflichten, wenn  vom  Kaiser  oder  dessen  Nachfolgern  etwas  ausgienge, 
das  den  Grafen   von  Zollern    uder    seinen  Erben    an   der   Lehenschaft 
hindere,  dem  kaiserlichen  Gebote  nachzukommen.    Hierauf  verlieh  der 
Kaiser    dem    Graten    Franz  Wolfgang    von  Zollern,    der    am    18.  Juni 
1512   seinem  Vater   Eitel   Friedrich    gefolgt    war,    als    ältestem  Sohne 
die   Reutlinger    Stadtsteuer   (275  rh.  fl.j    als    Pfandlehen.      Der    neue 
Pfandherr  stellte  der  Stadt  am  13.  November  1514,  am  19.  November 
1515,  am  20.  November  1516  Quittungen  aus.     Er  starb  jedoch  schon 
am  16.  Juni  1517.     Am  10.  Juli  1517    fragte    Kaiser  Maximilian   bei 
der  Stadt  an,  ob  die  Stadtsteuer  dem  verstorbnnen  Grafen  sein  Leben 
lang    oder    auf   etliche  Jahre   verschrieben    gewesen    sei.     Graf  Franz 
Wolf  gang  hinterliess    einen  siebenjährigen  Sohn,    Christoph  Friedrich. 
Der    Bruder    des  Verstorbenen,    Graf   Eitel  Friedrich  111.,    schrieb  am 
17.  Juli  1518  der  Stadt,  dass  er  ihr  Schreiben  betreffs  der  Stadtsteuer, 
den    Mitvormündern    zuschicken    und    ,  darinnen  auf  das    fürderlichste 
handeln  werde,  wie  sich  das  gebüren  will.*     Sieben  Tage   vorher  war 
aber  bereits  Graf   Joachim,    des    verstorbenen  Grafen  anderer  Bruder, 
als  Lehenträger  Christoph  Friedrichs  mit  der  Reichs-  oder  Stadtsteuer 
zu  Reutlingen  vom  Kaiser    belehnt   worden.     Als  Vormund   Christoph 
Friedrichs  stellte    Graf  Eitel    Friedrich    der  Stadt   am   11.  Jänner  und 
26.  November  1518,  18.  November  1519,  9.  Jänner  und  26.  November 
1521,  25.  November  1522  Quittungen  aus.    Doch  nicht  all'  dieses  Geld 
gelaugte  in  die  Hände  seines  Mündels.    Am  18.  Juni  1520  verschrieben 
sich  Graf  Christoph  von  Werdenberg  und  Heiligenberg,  Graf  Joachim 
von  Zollern,   Jörg  Truchsess  Freiherr   von  Waldburg,  Vormünder   der 
Kinder    des    verstorbenen  Grafen  Franz  Wolfgang,    gegen    Graf  Eitel 
Friedrich  III.,  dass  letzterer  sein  väterliches  und  mütterliches  Erbe  um 
30.000  Gulden  ihnen  verkauft,   aber   nur  24.000  Gulden  baar  erhalten 
habe.    Für  den  Zins  des  noch  ausstehenden  Kaufgeldes  (6000  Gulden), 
nämlich  300  Gulden,  verschrieben  sie  ihm  250  Gulden  von  der  Reut- 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  24"^ 

linger  Stadtsteuer,  die  er  jährlich  auf  Martini  beheben  sollte.  Graf 
Eitel  Friedrich  schickte  darauf  der  Stadt  am  19,  Februar  1521  eine 
Quittung  über  die  275  Gulden  Stadtsteuer,  die  am  letzten  Martini 
fällig  war,  und  50  Gulden  (je  15  Batzen  1  Gulden)  Zins  von  300 
Gulden,  die  ihm  die  Stadt  geliehen  hatte.  Am  8.  Jänner  1521  hatte 
nämlich  Graf  Eitel  Friedrich  die  Stadt  gebeten,  seinem  Boten  250 
Gulden  zu  übergeben,  25  Gulden  aber  als  Abschlagszahlung  am  ent- 
lehnten Gelde  zurückzubehalten. 

Während  noch  am  8.  März  1521  der  Kaiser  Graf  Joachim  von 
Zollern  als  Lehenträger  des  Grafen  Christoph  Friedrich  mit  der  Stadt- 
steuer belehnte,  überkam  1523  Graf  Eitel  Friedrich  III.  die  Stadtsteuer 
als  Mannsieheu.  Doch  behielt  sich  das  Reich  das  Eecht  vor,  dieselbe 
für  5000  Gulden  einzulösen  i).  Am  21.  Juni  1523  versprach  Balthasar 
Kylmayer,  Schultheiss  zu  Hechingen,  der  Stadt  Reutlingen  die  Wille- 
briefe der  Kurfürsten,  so  die  Grafen  von  Zollern  über  die  Könio-s- 
oder  Stadtsteuer  Reutlingens  in  Händen  haben,  in  Monatsfrist  zu 
überantworten  -).  Am  5.  September  1523  theilte  Kaiser  Karl  V.  dem 
Bürgermeister  und  Rath  mit,  er  habe  einen  allgemeinen  Reichsconvent 
nach  Nürnberg  ausgeschrieben  und  wollte  zugleich  Bericht  über  die 
Reichssteuer  haben.  Ehe  die  Stadt  hierauf  antwortete,  wandte  sie  sich 
au  Graf  Eitel  Friedrich.  Dieser  antwortete  ihr  am  1.  December  1523 : 
^ich  mag  wohl  leiden,  dass  ihr  des  heiligen  reichs  regiment  zu  Nürn- 
berg anzeigen  sollet,  dass  ihr  die  königsteuer  jährlich  gebet  den  Grafen 
von  Zollern  auf  ihre  quittung".  Indessen  erfreute  sich  Graf  Eitel 
Friedrich  III.  nicht  lange  des  Genusses  der  Steuer;  er  starb  am 
15.  Jänner  1525.  Schon  am  17.  December  1526  bestätigten  die  Vor- 
münder seiner  Kinder,  Graf  Felix  v.  Werdenberg  und  Heiligenberg 
und  Gaugolf  Herr  von  Hohengeroldseck  und  Sulz,  der  Stadt  den 
Empfang  non  220  Gulden  (1  Gulden  =  27  Kreuzer  und  2  Heller), 
ebenso  am  19.  November  1527  Graf  Felix  von  Werdenberg  als  Vor- 
mund derselben  Kinder  den  Empfang  von  250  Gulden.  Auch  stellte 
am  12.  December  1527  der  Graf  von  Werdenberg  diese  250  Gulden 
und  50  Gulden  baar  der  Stadt  zurück,  wodurch  das  Anlehen,  welches 
Graf  Eitel  Friedrich  III.  bei  der  Stadt  Reutlingen  gemacht  hatte,  im 
Betrage  von  300  Gulden  getilgt  wurde.  Ferner  quittierte  Freiherr 
Gottfried  Werner  von  Zimmern  am  23.  November  1529  und  30.  Nov. 
1530  den  Empfang  der  im  Betrage  von  250  Gulden  fälligen  Stadt- 
steuer. 


1)  Statthalter  ei  archiv  Innsbruck. 

-)  Staatsarchiv  Stuttgart  wie  die  folgenden  Urkunden. 


250  Theodor  Schön. 

Inzwischen  hatten  sich  wieder  die  Schuermannschen  Erben  mit 
ihren  Ansprüchen  auf  die  ßeichssteuer  gemeldet.  Schon  vor  dem 
11.  September  1518  sandten  der  Bürgermeister  und  Rath  au  Graf 
Eitel  Friedrich  von  Zolleru,  weil  von  Barbara  Scheurmanu  an  sie  eine 
„Anforderung*  wegen  der  Stadtsteuer  erhoben  worden  war.  Der  Graf 
begehrte  von  Bürgermeister  und  Rath  am  letztgenannten  Tag,  dass 
sie  in  dieser  Angelegenheit  das  dienliche  thun  möchten,  und  erbot 
sich  zu  a'leichem.  Indessen  ruhte  die  Sache  noch  zwei  Jahre.  Erst 
im  Jahre  1520  beklagten  sich  Hans  Schurmann  für  sich,  Philipp  von 
Hansen,  Hanman  von  Stetten,  Gatte  der  Felicitas  Schurmanu,  Walter 
Boschmann,  Gatte  der  Margarethe  Geckenheimer,  von  wegen  ihrer 
Frauen,  und  Margarethe  Geylin,  die  Wittwe  des  Hans  Schurmann, 
bei  den  Kurfürsten  unter  Berufung  auf  den  am  13.  August  1498  ab- 
o-eschlossenen  Vertrag  und  unter  dem  Vorgeben,  dass  die  wider  die 
Schurmanu  geschehene  Acht  noch  nie  „dargethan"  (bewiesen)  sei  i). 
Hierüber  beschwerte  sich  die  Stadt,  die  von  den  Schurraännischen 
Erben  vor  das  westfälische  Gericht  geladen  worden  war,  und  betonte, 
dass  „sie  doch  nach  kaysers  Maxmilian  befehl  niemandem  als  dem 
Grafen  von  Zollern  die  reichsteur  schuldig  und  an  den  mit  diesen 
Schurmännischen  getroffenen  Accord  nicht  gebuuden  sey".  Sie  be- 
tonte, dass  ,sie  hoffen  wolle,  die  Schurmänuischeu  werden  entweder 
gar  ab  oder  an  die  erste  Instanz,  richter  der  statt  Reuttlingen,  ver- 
wiesen werden."  üer  Process  gelangte  aus  Kammergericht,  das  am 
30.  Jänner  1539  entschied:  „ist  nach  allen  fürpringen  zu  recht  er- 
kennt, das  gemellte  von  Reutlingen  von  fürpracht  clag  zu  absolviren 
und  erledigen  seyen.  *  ^)  So  zahlte  denn  Reutlingen  die  Steuer  an 
Graf  Karl  I.  von  Zollern,  den  inzwischen  mündig  gewordenen  Sohn 
des  Grafen  Eitel  Friedrich  III.  Derselbe  quittierte  dann  auch  der 
Stadt  am  15.  November  154G,  28.  December  1547,  12.  November  1548, 
6.  Jänner  1550,  15.  December  1550,  20.  Jänner  1553,  16.  März  1554, 
•2S.  Februar  1555,  4.  Jänner  1558,  12.  December  1558  den  Empfang 
von  250  Gulden  (den  Gulden  zu  Gl  Kreuzer).  Im  Jahre  1560  wurde 
die  Stadt  Esslingen  mit  der  Entscheidung  in  Reutlinger  Steuerange- 
legenheiten betraut  i).  Ob  diese  sich  auch  auf  die  Reichssteuer  be- 
zogen, ist  unbekannt. 

Graf  Karl  I.  von  Zollern,  der  am  7.  Mai  1569  und  14.  December 
1571    den    Empfang    von    250   Gulden    rheinisch    in    Gold    der    Stadt 


*)  Stadtarchiv  Reutlingen,  wo  auch  die  folgenden  Urkunden. 
^)  Staatsarchiv  Stuttgart,  wo  auch  die  folgenden  Urkunden. 
3)  Pfaft,  Esslingen  li,  521. 


Die  Reiclissteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  251 

bescheinigte  1) ,  starb  am  8.  März  1576.  Von  ihm  hatte  am  27.  Mai 
1573  Kaiser  Maximilian  II.  Bericht  über  die  Keichssteuer  verlaugt, 
wie  auch  am  19.  Januar  von  der  Stadt  Nachricht,  was  und  an  wen 
sie  die  Steuer  zahle.  Nach  des  Grafen  Tod  begehrte  am  28.  December 
1578  wiederum  Kaiser  Rudolf  II.  einen  Bericht.  Bei  der  Theilung  des 
väterlichen  Erbes  gelangte  die  Lehenschaft  der  Reutlinger  Stadtsteuer 
au  Graf  Eitel  Friedrich  I.  zu  Hohenzollern  -  Hechingen.  Derselbe 
schrieb  am  3.  December  1580  an  die  Stadt  und  verlangte  die  250 
Gulden  an  Gold,  doch  nicht  wie  bisher  in  allerlei  „verbotenen  kleinen 
Münzen-,  sondern  in  guter  Eeichswähruug.  Am  26.  September  1585 
forderte  Graf  Karl  II.  zu  Hohenzollern  -  Sigmaringeu  ,  welcher  wider 
seinen  Bruder  Graf  Eitel  Friedrich  I.  wegen  einer  Pfandhandlung  eine 
Gegenpfändung  auf  die  Reichssteuer  vornehmen  wollte,  dass  Bürger- 
meister und  Rath  nichts  von  den  250  Gulden  ausfolgen  Hessen.  Im 
Besitz  der  Lehenschaft  der  Stadtsteuer  folgte  am  16.  Jänner  1605 
Graf  Johann  Georg  (seit  28.  März  1623  Reichsfürst).  Am  20.  Jänner 
1618  verlangte  Kaiser  Mathias  von  der  Stadt  einen  Bericht  über  die 
Stadtsteuer,  den  man  schon  1578  an  Kaiser  Rudolf  IL  hätte  erstatten 
sollen,  aber  nicht  erstattet  hatte.  Am  28.  September  1623  folgte  dem 
Fürsten  Johann  Georg  sein  Sohn  Eitel  Friedrich  II.  Dieser  bevoll- 
mächtigte am  14.  April  1642  seinen  Bruder  Leopold  Friedrich,  die 
ihm  zuständige  Stadtsteuer  zu  Reutliugen  zu  erheben.  Graf  Leopold 
wies  die  Urkunde  hierüber  1646  dem  Bürgermeister  und  Rath  vor, 
sie  vertrösteten  ihn  auf  1647.  Am  23.  November  1647  ersuchte  Graf 
Leopold  nun  die  Stadt,  „an  baar  Geld  oder,  da  es  nicht  sein  können, 
an  Wein  die  Gebür  zu  erstatten ".  Die  Stadt,  welche  am  23.  April 
1607  sich  für  Graf  Johann  Georg  bei  Dr.  Johann  Drechsler  in  Augs- 
burg um  4000  Gulden  Darlehen  verbürgt  hatte,  wollte  sich  wegen 
dieser  Bürgschaft  so  lange  au  der  Reichssteuer  ,  erhohlen ",  bis  sie  für 
die  übernommene  Bürgschaft  schadlos  gehalten  sei,  und  theilte  dies 
am  30.  Jäuner  1648  dem  Grafen  Leopold  mit.  Der  Graf  erwiderte 
hierauf,  dass,  weil  die  Zollernsche  Reichssteuer  Niemandem  zu  ver- 
setzen sei,  die  Ausrede  wegen  der  Entschädigung  für  die  Drechslerische 
Schuld  der  Stadt  nicht  zu  statten  käme.  AUeiu  die  Stadt  erklärte  am 
22.  December  1649,  sie  könne  dem  Grafen  nichts  auf  Abschlag  der 
ausständigen  Reichssteuer  verabfolgen.  Graf  Leopold  beklagte  sich 
darauf  am  29.  December  1649  sehr,  dass  man  ihm  dife  Bezahlung  der 
Zollernschen  Reichssteuer  so  schwer  mache,  und  bat  die  Stadt,  „dem 
Rittmeister   und  Wirth  Pfäfflin  in  Reutlingen   die   bei  demselben  von 


>)  Staatsarchiv  Stuttgart,  wo  auch  die  folgenden  Urkunden. 


252  Theodor  Schön.  j 

i 

ihm  gemachte  Schuld  auf  Abschlag  zu  zahlen.  Die  Stadt  hinwiederum  j 
erklärte  nochmals  am  31.  December  1649,  dass  sie  wegen  der  Friedens- 
gelder und  der  bairischen  Einquartierung  die  Keichssteuer  zu  bezahlen  \ 
nicht  im  Stande  sei,  und  bat  den  Grafen  um  Geduld.  Nochmals  wieder-  ' 
holte  der  Graf  am  22.  Jänner  1650  sein  Gesuch,  dem  Pfäfflin  etwas  im  | 
Rbschlag  von  der  Zollernschen  Reichssteuer  zu  zahlen.  Alles  umsonst,  i 
Der  Graf  schrieb  nun  dem  Syndicus  der  Stadt,  Dr.  Kurrer,  nm  I 
3|24.  Jänner  1650  sehr  scharf:  „Ich  will  den  Effect  meines  Bruders 
und  seiner  Erbarn  Siegel  und  Brief  und  sait  iher  versichert,  das  ain 
kaiserlicher  Eat  und  Graf  des  Eeichs  so  fihel  verstaut  wurt  haben, 
als  ain  ungeschigter  Doctor,  so  nur  auf  seinen  Nutzen  gehet."  Am 
15.|26.  Jänner  1650  erklärte  er  sodann  aber  nochmals:  „Ich  will 
simpliciter  haben,  dass  man  auf  Abschlag  meiner  von  meinem  Herrn 
Bruder  in  Hand  habender  Obligation  meine  Schuld  im  Wirthshaus 
zum  rothen  Ochsen  alhier  bezahlen  solle. "  Auch  Eitel  Friedrich  IL 
mischte  sich  in  die  Sache  und  schrieb  am  30.  Jänner  1650  der  Stadt: 
„ich  will  die  verlangte  Abechnung  und  auf  abschlag  wenigstens  etwas 
an  Geld".  Da  gab  dann  endlich  die  Stadt  nach  und  versprach  von 
der  Reichssteuer  des  Jahres  1647  219  fl.  40  kr.,  von  der  des  Jahres 
1648  58  fl.  20  kr.,  von  der  des  Jahres  1650  an  Pfäfflin  214  fl.  24  kr., 
von  der  des  Jahres  1651  116  fl.  2  kr.  und  von  der  des  Jahres  1652 
152  fl.  30  kr.  zu  zahlen.  Diese  Abrechnung  wurde  1652  mit  dem 
Rentmeister  des  Fürsten  Eitel  Friedrich  IL,  Heinrich  Ehrincjer,  getrofien. 
Sie  sollte  der  Stadt  theuer  zu  stehen  kommen.  Denn  der  vom 
Grafen  Johann  Georg  unter  Bürgschaft  der  Stadt  Reutlingen  am 
23.  April  1607  dem  Dr.  Johann  Drechsler  ausgestellte  Schuldschein 
über  4000  fl.  war  von  des  Doctors  Erben  (der  einzigen  Tochter  Maria 
Magdalena)  den  Carmelitern  zu  Augsburg  gegen  Alimentation  über- 
lassen worden.  Der  Prior  Bonaventura  mahnte  nun  die  Stadt  am 
17.  October  1652  wegen  Bezahlung  der  Zollernschen  Steuerausstände 
und  drohte  mit  Execution,  wenn  mau  sich  nicht  mit  ihm  vergleichen 
wollte.  Dies  meldete  Dr.  Erhard  Schreiber,  Rath  und  Advocat  der 
Stadt  Augsburg,  am  20.  October  1652  dem  Syndicus  von  Reutlingen. 
Joh,  Wendel  Kurrer,  der  sofort  am  25.  October  an  den  Kammer- 
gerichtsadvocat  Dr.  Lucas  Goll  in  Speyer  schrieb,  dass  dieser  die  Exe- 
cution durch  Errichtung  eines  guten  Vergleiches  abwenden  möge,  wozu 
sich  auch  Bürgermeister  und  Rath  am  26.  October  gegenüber  dem 
Prior  bereit  erklärten.  Doch  kam  erst  am  1.  Juli  1654  zu  Rotten  bürg 
ein  Vergleich  zu  stände,  nach  welchem  Reutlingen  dem  Carmeliter- 
orden  so  lange  jährlich  254  fl.  10  kr.  zu  zahlen  habe,  bis  die  8000  fl- 
—  so  hoch  war,    da    keine  Zinsen    gezahlt    worden  waren,    das   1607 


Die  ßeichssteuer  der  schwäb,  Reichsstädte  Esslingen  etc.  25H 

von  Graf  Johauu  Georg  entlehnte  Kapital  angewachsen  —  getilgt 
seien;  falls  später  ein  Graf  von  Zollern  im  Eechtswege  vom  Orden 
die  Eückzahiung  dieser  8000  fl.  an  sich  erstritte,  sollte  Eeutlingen 
wiederum  dem  Orden  wegen  der  entlehnten  4000  fl.  sammt  Zinsen 
haften. 

Hatte    somit    die    Stadt  8000  fl.  für   die  Grafen   den  Karmelitern 
gezahlt  und  war  sie  auch  mit  den  1652  den  Zollernschen  Rentmeistern 
zugesagten  Geldern  nicht  im  Eückstaud  geblieben,  so  hörten  doch  die 
Geldforderungen  nicht  auf.     Am  8.  August  1653  verlangte  Fürst  Eitel 
Friedrich  5341  fl.  43  kr.  als  Eest  der  Eeichssteuer,    deren  er  zur  Ab- 
fertigung seines  Herrn  Bruders  Graf  Leopold  Deputates  „  höchstnothig  •• 
bedürfe.     Allein    die    Stadt    erwiderte    am  29.|19.  August  1653,    es  sei 
!     ,bei  jeziger  Zeit  allerorthen  kundbaren  Gelttmangel  und  noch  immer 
!    fort   continuierenden  Eeichsanlage "    unmöglich,    mit    einer  so  starken 
'    Summe   auf   einmal    aufzuwarten.     Am  1.  October  1653  forderte  Graf 
Leopold  Friedrich    von  Zollern    von    der  Stadt  1000  Thaler,    die    von 
i    der  Eeichssteuer  auf  sein  Deputat  kämen,   und   erklärte,    die   von  der 
!    Stadt  für  Zollern    übernommene    Bürgschaft    sei   kein   Grund    für    die 
i    Stadt,  nicht  zu  zahlen,  da    ,  solche  Steuer    kraft  der  Erbeinigung  von 
dem  Hause  Zollern  als  Eeichslehen  und  Pfaxidschilling  in  keiner  Weise 
zu  veräussern    wäre".     Jedenfalls    fand    seine    Forderung    kein  Gehör, 
ebensowenig    als    das  Begehren    des    Fürsten    Eitel  Friedrich,    der  am 
19.  August  1654  bat :    ihm  zu  einer  Eeise,  die  er  vorhätte,  ein  Stück 
Geld  auf  Abschlag   des    alten  Ausstandes    widerfahren  zu  lassen.     Am 
2.|12.  August    1655    suchten  J.  Eudolf   Streitt    von    Immendigen    und 
Johann  Hildebrandt,  Jägermeister,  den  Bürgermeister   und  Eath  „gar 
beweglich"  um  Bezahlung    von  500  fl.  restierender  Eeichssteuer   nach. 
Inzwischen    nahm    sich  1650  Kaiser  Ferdinand  III.  der    hohenzollern- 
schen  Lande  an  und  übertrug  dem  Bischof  von  Konstanz  und  Mark- 
grafen von  Baden  die  Verwaltung  des  Landes.     Diese  ernannten  zwei 
Subdelegierte    ,zur  Zollern  -  Hechingenschen  Eeformation",    Ferdinand 
von  Hochberg   und   Johann  Wagner,    welche   am  22.  September  1655 
den  Bürgermeister  und  Eath  sehr   ernstlich   ermahnten,    dass    sie  mit 
Hintansetzung    des    nichtigen  Vorwandes    der    Entschädigung    für   die 
Bürgschaft  die  Zollernschen  Eeichssteuerausstände  insgesammt  bezahlen 
sollten.     Am    3.  October    1655    kam    zu   Eottenburg    durch    Heinrich 
Efiferenn,  Apotheker  zu  Eeutlingen  ein  Vergleich  zu  stände,  durch  den 
die  angeschwollenen  Steuerausstände  ermässigt  wurden.    Am  6.|16.  Oct. 
1655  schlugen  Johann  Hildebrandt,    Oberlieutenant   und   Jägermeister 
und  Melchior  Zündelin,  Kanzleiverwalter  der  Stadt,  vor,  dass  die  Stadt, 
bis  das  Drechslerische  Kapital    abgelöst    wäre,    von    der    Zollernschen 


254  T  h  e  0  d  0  r  S  c  h  ö  n.  j 

i 
Reichssteuer  200  fl.  den  Carmelitern  bezahlen  sollte.     Die  Stadt  gieug    i 

hierauf  ein  und  zahlte  am  28.  Jänner    1656   für   den  Jahrgang    1655  j 

den    fürstlich    Hohenzollernschen    Eäthen    und    Oberbeamten   254  fl.  ' 

Courantmünze,    bedang   sich   dabei   aber   aus,    auf  Georgi   oder  sonst  ; 

nicht  das  Geringste  zahlen  zu  müssen.    Am  5.  Februar  1656  erklärten  i 

sich  auch  die  Carmeliter  bereit,  die  Schuldverschreibung  bis  zur  völligen 

Compensatiou  der  Fristenzahlungen  beim  Magistrat  der  Stadt  Augsburg  ; 

zu  deponieren.     So    hatte    denn    dieser   ärgerliche    Handel   sein   Ende  , 

erreicht.  ■ 

Unter    dem   Fürsten   Philipp  Christoph  Friedrich,  seit  1661  Erbe 

seines  Bruders  Eitel  Friedrich,  hört  man  nichts  von  Streitigkeiten  oder  , 

Anständen   wegen   der   Keichssteuer.      Sein    Sohn   Friedrich   Wilhelm,  ; 

der  am  13.  Jänner  1671  ihm  gefolgt  war,  sah  sich  aber  am  28.  Jänner  j 

1726  veranlasst,    die  Stadt   daran  zu  erinnern,    dass   zwei  Jahre  lang  ! 

die  Reichssteuer   ungeachtet   der    öfteren  Erinnerung   nicht    entrichtet  i 

worden  sei,  und  bat,  die  ausstehenden  108  fl.  20  kr.  (jedes  Jahr  54  fl.  ; 

10  kr.)   ohne  weitere  Verzögerung  zu  zahlen.     Fürst  Joseph  Wilhelm,  i 

der  am  4.  Juni    1750   seinem   Vetter   Friedrich   Ludwig,    dem   Sohne  | 

seines  am  14.  November  1735  gestorbenen  Oheims,  folgte,  wandte  sich  i 

am   17.  December  1792  an  die  Stadt:    die  Reichssteuer,  die  das  Haus  j 

Hohenzollern    vom    Kaiser    zu    Lehen   trüge,    beliefe   sich  auf  275  fl.  > 

jährlich,    die    Stadt   zahle   aber   nur  254  fl.     Er  ersuche  um  Auskunft  j 

wegen  dieser  Abänderung,    da  er  ehestens   um    abermalige  Belehnung 

nach  dem  Ableben  Kaiser  Leopolds  IL  nachsuchen   müsse.     Die  Ant-  | 

wort   der   Stadt   ist   unbekannt.     Noch   am   24.  Oct.    1800   zahlte   die  i 

Stadt  einem  Boten  von  Hechingen   wegen  Abholung  der  Reichssteuer  ; 

40    Kreuzer.     Das    gräfliche,    später    fürstliche    Haus    Hohenzollern- 

Hechingen  hat  also  bis  zum  Ende  des  heiligen  römischen  Reichs  deut-  . 

scher  Nation  die  Steuer  bezogen,  zuletzt  Fürst  Hermann  Friedrich.  ! 

3.  Die  Reichssteuer  der  Stadt  RottweiL  ! 

Früher,    als  der  Esslinger   und  Reutlinger   Stadtsteuer,   wird   der    ; 
Reiehssteuer  der  Stadt  Rottweil  gedacht.     Schon    im  Jahre    1285    um    . 
den    22.    September    verpfändete    König    Rudolf  I    seinem    Schwager, 
Graf  Albrecht  II.  von  Hohenberg,  der  seit  1274  Landvogt  in  Schwaben    . 
war,  56  Mark  von  der  Reichssteuer  zu  Rottweil.     Die  eine  Hälfte  war 
]\Iichaelis,  die  andere  am  Aschermittwoch  zu  entrichten  ^).    Den  Besitz 
dieser  Pfandschaft  bestätigte  am  23.  Nov.  1299  König  Albrecht,  ebenso 
am    5.    Mai    1310    König    Heinrich    VII.    dem    Grafen    Rudolf  I    von 
Hohenberg-),    dem    auch   König  Ludwig,    welcher  am  28.  März  1325 

')  L.  Schmid  Monumenta  Hohenbergica  Nr.  103. 

^)  Oberamtsbeschreibung  Rottweil  230. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  255 

über  die  auf  11.  Nov.  fällige  Jahressteuer  auf  5  Jahre  quittierte  i),  am 
28.  Aug.  1330  eine  Bestätigung  ertheilt  ^).  Derselbe  König  hatte  übrigens, 
wie  schon  erwähnt,  am  12.  Juli  1323  dem  Hermann  von  Haldenberg 
1000  Pfund  Heller  von  der  Steuer  der  Reichsstädte  Reutlingen  und  Rott- 
weil angewiesen.  Eine  andere  Urkunde  vom  17.  Jau.  1331  that  kund, 
dass  er  1000  Pfund  Pfennige  Müncheuer  Währung,  die  er  und  sein 
verstorbener  Bruder  Herzog  Rudolf  seinem  Oheim,  dem  Grafen  Rudolf 
von  Hohenberg,  „der  etwenne  unser  pfleger  waz",  za  Rottenburg 
schuldig  geworden  und  geblieben  waren,  für  die  ihnen  zu  Rottenburg 
gereichte  Kost,  auf  das  Pfand,  das  jener  von  andern  Königen  und 
Kaisern  her,  in  der  Stadt  Rottweil  besass,  geschlagen  habe  ^). 

Als  Graf  Rudolf  am  11.  Jan.  1336  starb,  ging  die  Pfandschaft 
auf  seine  Söhne  Albrecht,  Hugo  und  Heinrich  über.  Doch  bestimmte 
am  19.  Mai  1336  Kaiser  Ludwig,  dass  den  nicht  verpfändeten  Rest 
der  Steuer  Ritter  Heinrich  von  Reischach  so  lange  beziehen  sollte, 
bis  er  600  Pfund  Heller,  die  ihm  der  Kaiser  verschaffte,  empfangen 
habe;  nach  dieser  Befriedigung  sollten  vom  restierenden  üeberschuss 
Friedrich  von  Lochen  und  seine  Söhne  500  Pfund  Heller  erhalten; 
während  dieser  Zeit  habe  Rottweil  jährlich  nicht  mehr,  als  500  Pfund 
Heller  Steuer  zu  reichen'^). 

Am  2.  März  1341  überliess  mit  Einwilligung  seiner  Brüder  Graf 
Heinrich  von  Hohenberg  den  Rottweilern,  da  sie  seine  Schulden  (2000 
Pfund  Heller)  zu  bezahlen  übernommen  hatten,  unter  anderm  die  Pfand- 
schaft an  den  56  Mark  von  der  Reichssteuer  zu  Rottweil  so  lange, 
bis  diese  die  ausgelegte  Summe  wieder  erhalten  hätten  ^).  Dies  muss 
vor  dem  24.  Juni  1348  erfolgt  sein.  Denn  an  diesem  Tage  verkaufte 
Graf  Heinrich  die  Pfandschaft  der  56  Mark  um  1000  Pfund  Heller 
seinem  Bruder  Albrecht,  erwählten  Bischof  zu  Würzburg,  der  am 
18.  April  1349  den  Empfang  von  224  Pfund  Heller  der  Stadt  quit- 
tierte, jedoch  am  21.  August  1355  die  Pfandschaft  der  56  Mark  an 
die  Rottweiler  um  1110  Mark  Silbers  und  1000  Pfund  Münchener 
Pfennige  verkaufte,  wozu  am  20.  März  1358  Kaiser  Karl  IV.  seine 
Zustimmung  gab  ^). 

Einen  andern  Theil  der  Rottweiler  Reichssteuer  bezog  eine  Zeit 
lang   der  jeweilige  Inhaber   der  Landvogtei.     Seit  2.  April  1330  war 

1)  Boehmer,  reg.  imp.  nr.  806. 

2)  L,  Schmids  Monumenta  Hohenbergica  Nr.  177  und  218. 

3)  Staatsarchiv  Stuttgart;    L.  Schmids  Monumenta  Hochenbergica   Nr.  329. 
^)  Oberamtsbeschreibung    Rottweil    232 ;    L.    Schmids    Monumenta    Hohen- 
bergica Nr.  374. 

5)  L.  Schmids  Monumenta  Hohenbergica  Nr.  413. 

6)  L.  Schmids  Mon.  Hohenbergica  Nr.  471  und  515. 


256  Theodor  Schön.  I 

Graf  Ulrich  von  Württemberg  Landvogt.  jS'acli  seinem  Tode  (1344),  j 
folgten  ihm  als  Landvögte  seine  Söhne  Eberhard  und  Ulrich  i).  Sie  j 
befahlen  am  12.  Nov.  1346  der  Stadt,  die  auf  Martini  fälligen  320  ' 
Pfund  Heller  dem  Grafen  Heinrich  von  Fürstenberg  zu  Haslach,  ihrem  | 
Oheim,    desgleichen    dem   Eitter   Albrecht   von  Kechberg   am  18.  Juli   | 

1348  250  Pfund  Heller  und  am  25.  Febr.  1349  76  Pfund  Heller  von   | 
der  Martini  1348  und   1349  fälligen  Steuer  auszuzahlen.     Am  21.  Ja-   i 
nuar  1349  wies  Graf  Eberhard  die  Stadt  an,    200  Pfund,    die  er  und   ] 
sein  Bruder  seinem  Diener  Wernher    von  Horenberg   schuldeten,   von 
der  Martini  1349  fällig  werdenden  Steuer  zu  begleichen.    Am  12.  März 

1349  c^uittierten  Graf  Eberhard  und  Ulrich  der  Stadt  den  Empfang 
von  26  Pfund  guter  Heller,  die  Martini  1349  fällig  wurden.  Am 
3.  Januar  1351  geboten  beide  Grafen  die  am  vergangenen  Martini 
fällig  gewordene  Steuer,  ihrem  Oheim  Herzog  Hermann  von  Teck  zu 
reichen  2),  am  22.  Nov.  1351  dagegen  175  Pfund  Heller  von  der 
Martini  1351  fällig  gewordenen  Steuer  ihrem  Diener  Frik  Kaib  ^). 
Weitere  Anweisungen   erhielten   von   den   beiden  Grafen    am  9.  März 

1355  ihr  Diener  Eitter  Conrad  v.  Ehingen  auf  200  Pfund  Heller  von 
der  Martini  1355  fälligen  Steuer  (den  Empfang  von  100  Pfund  Heller 
quittierten  am  17.  November  1356  Eitter  Conrad  und  seine  Söhne 
Marquard  und  Peter  der  Stadt),  am  6.  Januar  1355  Wilhelm  Schenk 
von  Stain  auf  75  Pfund  Heller  von  derselben  Steuer,    am   9.  October 

1356  Berhtold  der  Sahse  auf  75  Pfund  Heller  von  der  Steuer  für 
1356,  ferner  laut  Quittung  vom  28.  Februar  1357  Volmer  von  Brandeck 
auf  75  Pfund  Heller  von  der  Steuer  für  1257  und  am  11.  Mai  1357  ihr 
Diener  Swigger  von  Gundelfingen  auf  225  Pfund  Heller  von  der 
gleichen  Steuer*).  Kaiser  Karl  IV.  befahl  am  22.  Juli  1358,  und 
am  29.  Jänner  1359  der  Stadt  die  am  künftigen  Martini  fällige 
Steuer  den  beiden  Grafen  zu  entrichten  ^).  Er  selbst  quittierte  am 
20.  Juli  1360    der    Stadt    den  Empfang    von    400    Pfund    Heller    auf 

')  Wie  man  sah,  bezogen  Graf  Uhich  und  seine  2  Söhne  auch  die  Reichs- 
steuer von  Esslingen  von  1330—1359.  Mit  der  Landvogtei  Niederschwaben  war 
1342  auch  die  Reichssteuer  von  Reutlingen  verbunden,  3  330—1359  die  von  Rott- 
weil, dagegen  mit  der  Landvogtei  Oberschwaben  die  Essliuger  1366  und  1372, 
die  Reutlinger  1366,  1368-1373,  1374—1378,  die  Rottweiler  1368-1373,  1374 
bis  1378,  mit  der  Landvogtei  Schwaben  die  Rottweiler  1274  und  1299,  mit  der 
Landvogtei  Ober-  und  Niederschwaben    die  Reutlinger    1382—1386,    1388,    1389, 

1391,  1392—1394,  1395,  1397,   1398,  die  Rottweiler  1382—1384,  1385,  1389,  1391, 

1392,  1393,  1395,  1397,  1398,  sowie  1399. 
-)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

■■')  Stadtarchiv  Rottweil. 

^)  Staatsarchiv  Stuttgart  und  Stadtarchiv  Rottweil. 

^)  Stadtarchiv  Rottweil. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  257 

Martini  1360  fälliger  Steuer  i),  da  er  in  diesem  Jahre  die  Grafen  mit 
Krieg  überzogen  hatte  und  ihnen  auch  am  31.  August  1360  die  Land- 
vogtei  entzog. 

Im  Jahre  1360  wurde  die  Steuer  wieder  von  der  Landvogtei  ge- 
trennt. Schon  vorher  am  29.  Nov.  1355  hatte  Karl  IV.  der  Stadt 
eine  Quittung  über  den  Empfang  von  500  Gulden,  die  jedoch  nicht 
zur  regelmässigen  Stadtsteuer,  sondern  zu  den  anlässlich  der  Krönung 
in  Rom  von  den  Reichsstädten  geschenkten  11912V2  Gulden  gehörten, 
ausgestellt.  Am  29.  Jänner  1362  befahl  er  der  Stadt  176  Pfund 
Heller  von  der  Martini  1362  fälligen  Steuer  dem  Grafen  Eberhard 
von  Wertheim  zu  geben  -).  Von  1363 — 1366  war  Herzog  Friedrich 
von  Teck  im  Genuss  der  Steuer.  Diesem  wies  Karl  IV.  am  20.  März 
1363,  15.  Mai  1364  und  14.  Jänner  1365  175  Pfund  Heller  von  der 
am  nächsten  Martini  fälligen  Steuer  an  •^).  Am  15.  Jänner  1365 
empfing  in  des  Herzogs  Namen  Oswald  von  Wildenstein  die  Martini 
1365  fälligen  175  Pfund  Heller  und  am  5.  October  1366  Herzog 
Friedrich  selbst  für  dieses  Jahr  176  Pfund  Heller^). 

Am  19.  Jänner  1366  wies  Karl  IV.  die  Martini  1366  fälligen 
200  Pfund  Heller  seinem  Kammermeister  Thyme  von  Kolditz  an  ^).  Dieser 
stellte  am  24.  Jänner  1367  der  Stadt  eine  Quittung  aus  giltig  für 
den  Fall,  dass  sie  seinem  Schreiber  Heinrich  die  Summe  zahlen 
würden  ß). 

Dem  Landgrafen  Johann  von  Leuchtenberg  hatte  der  Kaiser  be- 
fohlen, die  gewöhnliche  Steuer  in  allen  Reichsstädten  zu  erheben  und 
dabei  je  15  V2  Schilling  Heller  für  1  Gulden  zu  rechnen.  Am  26.  Fe- 
bruar 1367  trug  er  ihm  jedoch  auf,  den  Bischof  Lamprecht  von 
Speyer  die  ihm  früher  auf  die  Rottweiler  Steuer  angewiesenen  200 
Pfund  Heller  ruhig  einnehmen  zu  lassen  '). 

Am  3.  Februar  1368  erhielt  der  Herzog  Wenzel  zu  Luxemburg 
und  Limburg  von  Karl  IV.  die  Rottweiler  Reichssteuer,  so  lange  er 
Vicar  des  heiligen  Reiches  diesseits  der  lombardischen  Gebirge  wäre  *). 

Von  1368  bis  1373  war  im  Genuss  der  Reichssteuer  Burggraf 
Friedrich  von  Nürnberg,  seit  31.  März  1367  Landvogt  in  Oberschwaben. 
Ihm  wies  Karl  IV.  am  28.  October  1368,  22.  October  1369,  26.  Sep- 

»)  Böhmer-Huber  Reg.  Karls  IV.  n.  3238! 

2)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

3)  Stadtarchiv  Rottweil. 
*)  Staatsarchiv  Stuttgart. 
5)  Stadtarchiv  Rottweil. 
")  Staatsarchiv  Stuttgart. 
')  Ebendort. 

•^)  Stadtarchiv  Rottweil. 

Mittheilungen  XVII.  17 


258  Theodor  Schön. 

tember  1370,    (jedenfalls   auch  1371,    obgleich  eine  Anweisung  fehlt), 

I.  September  1372  und  16.  October  1373  die  künftigen  Martini  fällige 
Steuer,  je  15  Vg  Schilliug  Heller  für  einen  Gulden  au,  und  der  Burg- 
graf empfing  auch  die  angewiesenen  Summen  (je  176  Pfuud  Heller) 
laut  Quittungeu  vom  3.  März  1370,  29.  April  1371,  15.  Jänner  1372, 

II.  Juni  1373  und  19.  Febr.  1374  i). 

Von  1374  bis  1378  hatten  die  Herzoge  Friedrich  und  Stephan 
von  Bayern,  beide  seit  1374  Landvögte  in  Oberschwaben,  die  Steuer 
inne.  Es  ist  auffällig,  dass  die  Eeichssteuer  dieser  niederschwäbischen 
Stadt  so  lange  mit  der  Landvogtei  in  Oberschwaben  verbunden  wurde. 
Karl  IV.  wies  dem  Herzog  Friedrich  die  Steuer  am  8.  Juui  1374, 
26.  December  1375  und  den  Herzogen  Friedrich  und  Stephau  am 
7.  April  1376,  4.  August  1377  und  14.  März  1378  an.  Herzog 
Friedrich  stellte  am  13.  December  1374  eine  Quittung  über  den  Em- 
pfang aus  2).  Doch  erst  am  22.  December  erhielten  seine  Bevoll- 
mächtigten, die  ülmer  Bürger  Otto  der  Rot,  genannt  Hittishain.  und 
Hans  Gessler  der  Junge  das  Geld.  Ebenso  war  es  im  folgenden  Jahr. 
Am  15.  Nov.  1375  stellten  Herzog  Friedrich  und  Stephan  eine  Quit- 
tung aus.  Doch  erst  am  24.  December  1375  empfingen  die  genannten 
zwei  ülmer  Bürger  das  Geld.  Vom  Jahre  1376  fehlt  eine  Quittung. 
Am  23.  December  1377  bescheinigte  Hans  der  Gesseler  den  Empfang 
der  jährlichen,  von  seinen  Herren  in  Bayern  an  ihn  gewiesenen  Reichs- 
steuer. Am  14.  Juni  1378  quittierte  Herzog  Friedrich  selbst  den 
Empfang  der  Steuer,  desgleichen  am  25.  April  1379  Herzog  Friedrich 
und  Stephau.  In  der  letzteren  Urkunde  heisst  es  wiederum:  „nach- 
dem könig  Wenzel  ihm  (Friedrich)  die  landvogtei  in  Ober-  und 
Niederschwaben  mit  allen  steuern,  nutzen,  reuten,  anfallen  und  zuge- 
hörden  empfohlen  hat"  ;  es  wird  somit  die  Steuer  wieder  als  Zubehör 
der  Landvogtei  bezeichnet  '^).  König  Wenzel  verlieh  am  27.  Februar 
1379  dem  Wilhelm  von  Burne  seinem  Diener  und  Hofgesinde  für  ge- 
treue stete  Dienste  zu  rechtem  Mannleheu  50  Gulden  von  der  Steuer 
der  Stadt  RottweiH).  Doch  blieb  ihm  die  Stadt  diese  50  Gulden  10 
Jahre  lang  (1379—1389)  schuldig.  Erst  am  24.  Juni  1390  erhielt 
er  von  derselben  eine  Abschlagszahlung  von  300  Gulden  und  am 
18.  November  1390  die  auf  Martini  1390  fällig  gewordenen  50  Gulden. 
Den  Rest,  200  Gulden,  empfieng  er  dann  am  11.  November  1390. 
Als  Ruprecht  König  wurde,  hielt  die  Stadt  Rottweil  4  Jahre  lang  50 
Gulden    von   der   Stadtsteuer   zurück,    um   damit  Wilhelm   von  Burne 


1)  Ebendort.  '')  Ebendort. 

s)  Ebendort. 

4)  Oberamtsbescbr.  Rottweil  232. 


Die  ßeichssteuei-  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  259 

befriedigen  zu  köuiieu.  Am  25.  März  1405  zahlte  sie  jedoch  dem 
König  die  zurückbehaltenen  50  Gulden  aus,  nachdem  derselbe  sie  auf- 
gefordert hatte,  ihm  als  römischen  König  uud  niemandem  andern 
ohne  allen  Abzug  die  Steuer  zu  entrichten  i). 

Am  11.  October  1381  quittierte  Herzog  Stephan  in  Bayern  der 
Stadt  den  Empfang  der  auf  Martini  1381  fälligen  Steuer  2).  Von 
1382 — 1384  bezog  Herzog  Leopold  von  Oesterreich,  seit  25.  Februar 
1379  Landvogt  in  Ober-  und  Niederschwaben,  die  Steuer.  König 
Wenzel  wies  ihn  am  5.  September  1382  ^)  und  24.  August  1383  auf 
dieselbe  an  und  am  16.  November  1382  und  16.  Oct.  1383  quittierte 
er  auch  den  Empfang  der  Steuern  der  beiden  Jahre.  Doch  hatte  er 
sie  nicht  baar  erhalten,  sondern  sie  war  zur  Abzahlung  der  Geld- 
schuld verwendet  worden,  wegen  deren  den  verbündeten  Städten  von 
seinem  Oheim,  dem  Grafen  Kudolf  von  Hohenberg.  Oberndorf  und 
Schönberg  verpfändet  worden  waren.  Der  gleiche  Fall  trat  am  6.  Ja- 
nuar 1384  ein^).  d  •■:l: 

Am  9.  October  gebot  König  Wenzel  der  Stadt  die  gewöhnliche 
■Steuer'  an  Wilhelm  Frauenberger,  seit  17.  August  1385  Landvogt  in 
Schwaben,  zu  zahlen  und  zwar  15V2  Schilling  Heller  für  1  Gulden. 
Am  16.  November  1386  bestätigte  Bischof  Nicolaus  von  Constanz  der 
Stadt  den  Empfang  von  110  Pfund  neuer  Heller  von  der  an  Martini 
1387  fälligen  Steuer,  welche  ihm  König  Wenzel  angewiesen  hatte. 
Am  10.  August  1387  Hess  dann  der  König  wieder  die  auf  Martini 
1387  fällige  Steuer  den  Nürnberger  Bürgern  Niclas  Muffel  und  Hein- 
rich Eysfogel  zukommen  ^). 

Erst  1389  wurde  wieder  der  Genuss  der  Steuer  mit  der  Land- 
Tog-tei  vereinigt,  indem  am  2S.  December  König  Wenzel  der  Stadt 
gebot,  die  Steuer  für  1390  an  Johann  den  jungen,  Landgrafen  zu 
Leuchtenberg  und  Grafen  zu  Hals,  seit  1388  Landvogt  in  Schwaben  ^) 
ÄU  geben.  Im  Jahre  1391  erhielt  dagegen  der  Landgraf  Sigiost  zu 
Leuchtenberg,  ebenfalls  seit  1388  Landvogt  in  Schwaben,  die  Steuer  '). 

Schon  1390  hatte  Borziwoy  von  Swinars,  Pfleger  zu  Auerbach, 
vom  König  eine  Anweisung  auf  die  Steuer  erhalteu.  Auch  am  12. 
August  1392 '^),    2.  Mai  1393  imd  25,  August    1396  gebot  der  König 

^)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

')  Stadtarchiv  Rottweil. 

-)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

•■')  Stadtarchiv  Rottweil. 

^)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

'")  Ebendort. 

''')  Stadtarchiv  Rottweil. 

')  Staatsarchiv  Stuttgart. 

17* 


260  Theodor  Schön.  ^ 

die  am  nächsten  Martini  fällige  Steuer  demselben  zu  geben  i).  Er 
nennt  ihn  1392  und  1393  Landvogt  in  Schwaben,  —  er  war  es  seit 
1392  —  und  1396  seinen  Hauptmann.  Am  28.  August  1395  und 
29.  April  1397  ^)  wies  Wenzel  dem  Herzog  Stephan  von  Bayern,  seit 
19.  Juni  1395  Landvogt  in  Schwaben,  am  11.  Juli  1398  ^)  dem  Grafen 
Friedrich  von  Oettingen,  seit  1398  ebenfalls  Landvogt  in  Schwaben^ 
am  3.  Mai  1393  dem  Herzog  Ernst  von  Bayern,  nach  Urkunden 
vom  3.  Juli  1399  und  4.  Mai  1400  ebenfalls  Landvogt  in  Ober-  und 
Niederschwaben,  die  Steuer  der  betreffenden  Jahre  an.  Am  3-  Juli 
1399  gebot  er,  die  Steuer  an  Hans  den  Selman,  Bürger  zu  Mem-r 
mingen  zu  zahlen  *). 

Mit  dem  Jahre  1399  hörte  die  Verbindung  der  Rottweiler  Steuer 
mit  der  Landvogtei  auf.  König  Ruprecht  wies  auf  die  je  am  künf- 
tigen Martini  fällige  Steuer  an:  am  29.  Juni  1401  Heinrich  Hars- 
dorfer,  Bürger  zu  Nürnberg  s);  am  9.  Mai  1402  seinen  Hofschreiber 
Johann  Kircheim  ß) ;  am  20.  März  1403  Eberhard  von  Gemmiugen 
den  Jungen,  am  2.  April  1404  Gerhard  von  Thalheim  und  Herolt 
von  Oren "),  am  3.  November  1405  seinen  Kammerschreiber  Johann 
von  Altdorff. 

Am  13.  August  1400  quittierte  der  König  der  Stadt  den  Em^ 
pfang  von  1000  rheinischen  Gulden,  welche  sie  ihm  bezahlte  ,von 
solcher  gütlicher  aumutung  und  vorderung  wegen,  als  wir  an  sie  und 
andere  unsere  und  des  heiligen  reichs  stedte  gemeinlich  getan  haben"  ^). 

Ln  Jahre  1406  verfügte  der  König  wieder  über  die  50  Gulden^ 
die  einst  Wilhelm  von  Burne  gehabt  hatte,  er  verlieh  sie  am  9.  No- 
vember an  Burkard  von  Mansperg,  den  Hofmeister  des  Herzogs  Friedrich 
von  Oesterreich,  zum  rechten  Mannlehen  und  befahl  am  10.  November 
1406  der  Stadt,  ihm  und  seinen  Erben  diese  Summe  alljährlich  gegen 
Ausfolgung  einer  Quittung  auszuzahlen  ^).  Die  Stadt  zahlte  übrigens 
nicht  pünktlich,  1411  standen  100  Gulden  aus.  Da  König  Ruprecht 
1410  gestorben  war  und  Rottweil,  gewitzigt  durch  die  schlimmen  Er- 
fahrungen, die  es  bezüglich  der  dem  Wilhelm  von  Burne  angewieseneu 
50  Gulden  gemacht  hatte,  fürchtete,    dass   der   neue   König   Sigmund 


1)  Stadtarchiv  Rottweil. 

2)  Ebendort. 

s)  Staatsarchiv  Stuttgart. 
*)  Stadtarchiv  Rottv?eil. 
s)  Staatsarchiv  Stuttgart. 
")  Stadtarchiv  Rottweil. 
■)  Staatsarchiv  Stuttgart. 
**)  Stadtarchiv  Rottweil. 
»)  Staatsarchiv  Stuttgart. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  261 

die  Anweisung  seines  Vorgängers  nicht  anerkennen  würde,  so  gab  sie 
am  20.  Dez.  1411  dem  Eitter  Burkard  von  Mansperg,  Landvogfc  der  Herr- 
schaft von  Oesterreich,  und  seinem  Sohne  Burkard  nur  leihweise  die  rück- 
ständigen 100  Gulden,  und  derselbe  musste  sich  verpflichten:  falls  der 
römische  König  oder  jener,  dem  von  ihm  die  Steuer  verliehen  würde, 
die  Stadt  darum  anspräche,  sie  vor  Gericht  zu  vertreten.  Indessen 
erkannte  König  Sigmund  die  Verfügung  seines  Vorgängers  an  und 
gebot  am  27.  März  1413  ^)  und  29.  Juli  1414  ~)  der  Stadt,  die  am 
künftigen  Martini  fälligen  50  Gulden  dem  Ritter  Burkard  von  Mansperg 
zu  zahlen.  Am  10.  August  1434  belehnte  sodann  der  König,  nachdem 
Heinrich,  der  Sohn  Burkards  von  Mansperg  nach  des  Vaters  Tod  dies 
Lehen  am  5.  März  1433  aufgegeben  hatte,  Wilhelm  von  Münchingen  mit 
den  50  Gulden,  der  auch  am  17.  Juli  1442  dieses  Lehen  von  König 
Friedrich  IV.  erhielt.  Wilhelm  starb  am  19.  Juni  i486.  Am  22. 
Dec.  1486  ertheilte  König  Friedrich  dessem  Sohn  Wilhelm  das  Lehen 
der  50  Gulden  aus  der  Eeichssteuer  zu  Rottweil  *).  Dieser  starb  schon 
1491,  beerbt  von  seinem  Vetter  Georg.  Da  von  diesem  keine  Be- 
lehnung mit  der  Reichssteuer  bekannt  ist,  hat  wohl  schon  Wilhelm 
bei  Lebzeiten  das  Lehen  der  50  Gulden  an  Claus  Reinhart  von  Weis- 
sach veräussert,  der  es  1511  inne  hatte. 

König  Ruprecht  wies  auf  die  Rottweiler  Steuer  noch  an:  am  29. 
September  1406  den  Ritter  Haupt  Marschall  von  Pappenheim  ^),  am 
13.  Deceraber  1407  seinen  Kanzler  Bischof  Raban  von  Speyer,  am 
29.  September  1408  Ritter  Raban  von  Mentzingen  und  am  29.  Sep- 
tember 1409  Herrn  Hadmar  zu  Laber  ß). 

Der  neue  König  Sigmund  wies  am  31.  August  1411  dem  Burg- 
grafen Friedrich  von  Nürnberg  die  Steuer  für  1410  und  1411  an, 
deren  Empfang  im  Betrag  von  222  Pfund  Heller  er  am  9.  Mai  1412 
quittierte  '),  ferner  am  31.  August  1412  Johann  Ladebom,  Domherrn 
zu  Worms,  am  27.  Mai  1415  seinem  Rath  Graf  Rudolf  von  Montfort, 
Landvogt  in  Oberschwaben  und  am  26.  Februar  1417  dem  Heintz 
Schitrer.  Am  1.  März  1417  verschrieb  er  den  nach  Zahlung  der 
Manspergschen  50  Gulden  erübrigenden  Rest  der  Reichssteuer  dem 
Herzog  Reinold  von  ürslingen,  den  er  mit  einem  Jahressold  von  500 


1)  Ebendort. 

-)  Stadtarchiv  Rottweil. 

^)  Oberamtsbeschr.  Rottweil  232. 

*)  Stadtarchiv  Rottweil  und  Ohmel,  Gesch.  K.  Friedrichs  IV.  86,  729. 

^)  Stadtarchiv  Rottweil. 

®)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

')  Stadtarchiv  Rottweil. 


262 


Theodor  Schön. 


Gulden  zu  seiuem  Dieuer  und  Hofgesinde  angenommeu,  jedoch  2  Jahre 
lauo-  den  Sold  nicht  gezahlt  hatte,  für  1500  Gulden  solchen  Soldes. 
Am  17.  Februar  1422  verpfändete  der  Herzog  um  1500  Gulden  die 
Pfaudschaft  des  Rests  der  Kottweiler  Steuer  an  Ritter  Hans  Bock  von 
Rottweil,  dessen  Wittwe  Ursula  am  17.  December  1435  der  Stadt  den 
Empfang  der  bis  auf  diesen, Tag  fällig  gewordenen  Steuer  quittierte  i). 
Am  11.  October  1438  bestätigte  ihr  König  Albrecht  diese  Pfand- 
schaft ^).  Ursula  wurde  von  ihrem  Bruder  Dietrich  Last  von  Tübingen 
beerbt,  der  am  30.  December  1440  den  Pfandbrief  durch  den  Ess- 
liuger  Bürgermeister  und  Rath  vidimieren  liess  ^),  jedoch  am  31.  Mai 
1447  die  Pfandschaft  des  Restes  der  Steuer  von  Rottweil  an  Graf 
Ludwig  von  Württemberg  um  350  Gulden  und  ein  Leibgeding  ver- 
kaufte. König  Friedrich  IV.  bestätigte  am  5.  Februar  1448  die  Pfand- 
schaft mit  dem  ausdrücklichen  Befehl,  dass  die  Stadt  an  die  Grafen 
von  Wüi-ttemberg  50  Gulden  so  lange  zahlen  sollten,  bis  der  Kaiser 
und  das  Reich  dieses  Pfand  um  1500  Gulden  eingelöst  hätten. 

Doch  auch  Württemberg  blieb  nicht  im  dauernden  Besitz  der 
Pfandschaft  der  Reichssteuer -i).  1508  begab  sich  Rottweil  in  den 
österreichischen  Schutz  und  Schirm.  Nun  verbot  König  Maximilian  L 
der  Stadt  die  Steuer  so  lange  an  Herzog  Ulrich  von  Württemberg  zu 
zahlen,  bis  er  sich  mit  demselben  verglichen  habe.  Die  Stadt  drehte 
dies  Verbot  so,  als  ob  ihr  damit  die  Steuer  nachgelassen  worden  sei^ 
und  berichtete  am  23.  October  1509  dem  Herzog,  dass  sie  hinfort 
nichts  mehr  au  ihn  bezahlen  würde.  Der  Herzog  beschwerte  sich 
1510  auf  dem  Reichstag  zu  Augsburg  beim  Kaiser  und  verwies  da- 
rauf, dass  diese  Steuer  keine  Begnadigung,  sondern  eine  Pfandschaft 
sei,  für  die  er  mit  gutem  Titel  Briefe  und  Siegel  habe.  Der  Kaiser 
erkannte  das  Recht  desselben  an  und  versprach,  ihm  daran  keinen 
Eintrag  zu  thun.  Die  Stadt  wollte  sich  aber  nicht  zur  Zahlung  eut- 
schliessen,  bis  sie  einen  schriftlichen  Befehl  vom  Kaiser  hätte.  End- 
lich am  2.  October  1511  befreite  der  Kaiser  die  Stadt  von  der  jälir- 
lichen  Zahlung  von  62  Gulden  und  40  Kreuzer  an  Herzog  Ulrich 
von  Württemberg  und  50  Gulden  an  Claus  Reinhart  von  Weissach,, 
den  Rechtsnachfolger  Wilhelms  von  Münchingen  für  Zeit  seinem  Lehens 
und  verpflichtete  sich,  diese  112  rheinischen  Gulden  und  40  Kreuzer 
aus  seiner  Kammer  in  Innsbruck  zu  zahlen.  Zugleich  quittierte  er 
der  Stadt  den  Empfang  aller  Anschläge,  so  ihnen  durch  die  Kurfürsten, 

1)  Staatsarchiv  Stuttgart.  .iijVi.  . 

^)  Oberaintsbeschr.  Rottweil  232. 

S)  Staatsarchiv  Stuttgart. 

*)  Oberamtsbeschr.  Rottweil  232,  233. 


Die  Reichssteuer  der  schwäb.  Reichsstädte  Esslingen  etc.  263 

Fürsteu  uud  Stände  des  Reichs  auf  alleu  Reichstagen  bisher  auferlegt 
worden  waren  i). 

So  blieb  denn  Rottweil  bis  zum  12.  Januar  1519  von  der  Reichs- 
steuer befreit.  Während  der  schwäbische  Bund,  Karl  V.  und  Ferdi- 
nand I.  das  Herzogthum  Württemberg  inne  hatten  (1519 — 1534), 
scheint  Rottweil  längere  Zeit  keine  Steuer  gezahlt  zu  haben.  Auch 
befreite  am  17.  Nov.  1530  Kaiser  Karl  V.  die  Stadt  wegen  Hand- 
habung des  katholischen  Glaubens  auf  15  Jahre  lang  nach  Absterben 
Sebald  Hallers  (f  26.  Oct.  1578)  und  Leonhard  Stockheimers,  denen  er  die 
Steuer  auf  ihre  Lebenszeiten  verschrieben  hatte,  von  der  Reichssteuer  -). 
Nach  dem  Absterben  der  Beiden  kam  der  Reichshofrathssecretär  Andreas 
Erstenberger,  Licentiat  der  Rechte  mit  der  Stadt  überein,  dass,  falls 
der  reo'ierende,  römische  Kaiser  dazu  seine  Einwillicjuno^  cyeben  und 
die  Befreiung  der  Stadt  von  der  Steuer  noch  zu  den  5  Jahren  auf 
15  Jahre  erstrecken  würde,  so  dass  die  Stadt  nach  Erstenbergers  Ab- 
sterben 20  Jahre  lang  steuerfrei  bliebe,  die  Stadt  ihm  die  Steuer  sein 
Leben  lang  gutwillig  ausfolgen  würde.  Dieses  üebereinkommen  wurde 
am  22.  October  1579  von  Kaiser  Rudolf  IL  genehmigt  3).  Erstenberger. 
der  am  13.  Nov.  1562  den  Reichsadel  und  am  18.  Juli  1571  den 
Reichsritterstand  mit  dem  Prädikat  ,  zum  Freyenthurm  *  erhalten  hatte, 
starb  1593  als  kaiserlicher  Reichshofrath.  Somit  blieb  Rottweil  bis 
1613  von  der  Reichssteuer  befreit.  Der  bald  hereinbrechende  Krieg 
scheint  es  herbeigeführt  zu  haben,  dass  man  vergass,  dass  die  Steuer- 
befreiung nur  eine  zeitlich  begrenzte  war.  Wenigstens  fanden  sich 
keinerlei  weitere  Nachweise  darüber,  dass  fernerhin  noch  die  Steuer 
bezahlt  wurde. 

An  der  Hand  der  Geschichte  dreier  schwäbischer  Reichsstädte 
wurde  im  Vorhergehenden  geschildert,  wie  die  Reichsteuer  zeitweilig 
doch  nur  bis  1399  mit  dem  Besitz  der  Landvogtei  verbunden,  später 
von  ihr  getrennt  war,  um  schliesslich,  sei  es  auf  dem  Wege  der  Ver- 
pfändung oder  auf  dem  der  Belehnung  oder  auf  dem  einer  andern 
Begnadigung  aus  den  Händen  des  Reichsoberhaupts  in  die  einzelner 
Reichsstände,  ja  selbst  in  die  von  Privatpersonen  zu  gelangen.  Der 
Zweck  der  Reichssteuer,  dem  Reichsoberhaupt  Geldmittel  zu  schaffen, 
wurde  hierdurch  natürlich  vereitelt. 


')  Stadtarchiv  Rottweil  und  Staatsarchiv  Stuttgart. 
2)  Oberamtsbeschr.  Rottweil  292. 
■»)  Staatsarchiv  Stuttgart. 


Die  österreicliischen  Länder-Kongresse. 

Von 
weiland  Professor  H.  J.  Bidermann. 

Aus  dem  Nachlasse  des  Vei'ewigten  hei-ausgegeben  von  Sigmund  Adler. 


Unter  dem  vorstehenden  Titel  übergebe  ich  eine  Abhandlung  der 
Oeffentlichkeit,  welche  sich  in  dem  literarischen  Nachlasse  des  hoch- 
verdienten Gelehrten  vorgefunden  hat.  lieber  die  Beschaffenheit  die- 
ses Nachlasses  und  über  meine  Legitimation  zur  HerausgalDC  wurde 
schon  anlässlich  der  Veröffentlichung  einer  andern  nachgelassenen 
vSchrift  des  Verewigten  in  Grünhut's  „Zeitschrift  für  das  Privat-  und 
öffentliche  Recht"  XXI.  Bd.  umständlich  berichtet.  Die  dort  veröffent- 
lichte Abhandlung  schien  damals  das  einzige  zu  sein,  das  mir  aus 
dem  Nachlasse  zu  publicieren  vergönnt  sein  könnte.  Eine  wiederholte 
Durchsicht  wurde  aber  mit  Erfolg  belohnt,  eine  Anzahl  gesammelter 
Blätter  ergab  ein  Ganzes,  das  ich  nun  vorlegen  und  kurz  kennzeichnen 
möchte. 

Auf  meine  Anfrage  war  Herr  Professor  von  Luschin  in  Graz 
so  freundlich  festzustellen,  dass  Bidermann  am  15.  November  1882  in 
Graz  eine  Eectoratsrede  gehalten  hat,  welche  bisher  ungedruckt  blieb. 
Inhalt  und  Form  der  vorliegenden  Abhandlung  erweisen  nun  ihre 
Identität  mit  diesem  Vortrage,  wenn  auch  mit  Rücksicht  auf  die  fest- 
liche Gelegenheit  und  die  gemessene  Zeit  manche  Kürzung  unvermeid- 
lich gewesen  sein  wird.  Der  Grund,  warum  der  Vortrag  seiuer  Zeit 
nicht  gedruckt  wurde,  ergiebt  sich  aus  Bidermann,  ,, Gesch.  der  Oest. 
Gesammtstaatsidee"'  II,  Bd.,  wo  ein  besonderer  Excurs  über  die  Ge- 
sammt-Landtage  versprochen  wird.  Offenbar  hatte  B.  die  Absicht,  den 
Vortrag  zu  ergänzen  und  mit  Benützung  neuerer  Forschungen  in  ver- 
änderter  Gestalt   zu   publicieren,    eine   Annahme,    welche    durch    eine 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  265 

briefliche  Mittheilung  des  Verewigten  an  mich  ihre  Unterstützung  fin- 
det. Trotz  dieser  Pläne  Bidermaun's  hielt  ich  mich  verpflichtet,  den 
Vortrag  in  unveränderter  Gestalt  zu  veröfifentlichen.  Nur  stilistische 
Aenderuugen  wurden  hier  und  dort  vorgenommen.  Eine  künftige 
Forschung  wird  an  dem  Inhalte  manches  berichtigen  und  ergänzen, 
aber  die  grosse  Wichtigkeit  des  Gebotenen  kaum  verkennen. 

Die  Arbeit  stützt  sich  fast  durchwegs  auf  archivalisehe  Forschun- 
gen, ohne  dass  in  der  Niederschrift  die  Quelle  näher  bezeichnet  ist. 
Dieser  bedauerliche  Umstand  mindert  zwar  bei  der  bekannten  Gewis- 
senhaftigkeit des  Autors  nicht  die  Zuverlässigkeit  des  Gesagten,  ent- 
zieht aber  freilich  dem  Forscher  auf  gleichem  Gebiete  die  nötigen 
Behelfe.  Es  ist  jedoch  wahrscheinlich,  dass  sich  ein  grosser  Theil 
des  Inhalts  auf  Akten  des  Archivs  des  Ministeriums  des  Innern,  des 
Hofkammer-Archivs,  der  Landes-Archive  in  Graz  und  Wien  und  des 
Statthalterei-Archives  in  Innsbruck  gründet.  —  Seite  287  fehlt  im 
Manuscript  eine  Ausführung,  ohne  dass  dieser  Mangel  den  Zusammen- 
hang des  Ganzen  wesentlich  beeinträchtigen  könnte. 

Der  Herausgeber. 


Der  Kougress  geht  in  der  Verfassungsgeschichte  der  Länder  natur- 
gemäss  dem  Landtage  überall  voran,  wo  der  Landschafts-Verband, 
aus  dessen  Mitgliedern  späterhin  der  echte  Landtag  besteht,  erst  ge- 
gründet werden  soll,  oder  es  sich  um  eine  Erweiterung  dieses  Ver- 
bandes, insbesondere  um  das  versuchsweise  Erproben  der  Zuträglich- 
keit einer  solchen  Erweiterung  handelt.  Es  kann  auch  vorkommen, 
geschieht  aber  selten,  dass  der  Kongress  nur  die  Nachwirkung  einer 
ehedem  innigeren  Verbindung  ist,  mit  welcher  diese  sozusagen  aus- 
klingt. 

Während  eines  gewissen  Uebergangsstadiums  tragen  sodann  in 
dem  einen  wie  in  dem  anderen  Falle  diese  Zusammenkünfte  sowohl 
Merkmale  des  Kongresses,  als  solche  eines  Landtags  au  sich,  und  die 
Verfassungsgeschichte  lehrt,  dass  ihre  Benennung  überhaupt  den  wah- 
ren Sachverhalt  nicht  immer  richtig  ausdrückt. 

So  gab  es,  um  mich  ohne  Aufenthalt  der  vaterländischen  Verfas- 
sungsgeschichte zuzuwenden,  in  und  für  Krain  sogenannte  Landtage, 
welche  bis  um  die  Mitte  des  XVI.  Jahrhunderts  eigentlich  Kongresse 
waren.  Denn  es  nahmen  daran  auch  die  Stände  der  windischen  Mark, 
des  Karstgebietes,  der  Grafschaft  Istrien,  dann  zeitweilig  die  Städte 
Triest  und  Fiume  theil,  ohne  dass  dieselben  eine  Verpflichtung,  mit 
den  Inner-  und  Oberkrainern  sich  auf  solchen  Tagen  zusammenzufin- 
den, anerkannt    und    sich    durch    die    daselbst    gefassten  Mehrheitsbe- 


266  H.  J.  Bill  er  mann. 

Schlüsse,  selbst  wenn  sie  hiebei  mitwirkten,  unbedingt  gebunden  er- 
achtet hätteu.  Die  „Landleute"  der  windisehen  Mark  wachten  bis  ins 
XVI.  Jahrhundert  hinein  so  eifersüchtig  über  ihrer  Selbstständigkeit, 
kraft  deren  sie  durchaus  nicht  in  den  Ständen  des  Fürstenthumes 
Kraiu  begriffen  sein  wollten,  dass  der  krainer  Landtag  im  Jahre  1510 
die  Ursache  ihres  damaligen  Fernebleibens  in  einem  Versehen  der 
Hofkanzlei  fand,  welchem  zufolge  jene  ,, Landleute"  in  dem  betreffen- 
<len  Einberufungsschreiben  Maximilians  nicht  ausdrücklich  genannt 
waren.  Und  noch  im  Jahre  1567  ergiengen  abgesonderte  Privilegien- 
Bestätigungen  des  Beherrschers  von  Innerösterreich.  Erzherzog  Karl, 
für  Möttling  und  die  March  einerseits,  Istrien  und  den  Karst  an- 
dererseits, ungeachtet  derselbe  Erzherzog  am  29.  April  1564  ,, einer 
ganzen  ersamen  landschaft  des  Fürstenthums  Krain  sambt  derselben 
angeraihten  Herrschaften:  der  Wind.  March,  Möttling,  Isterreich  und 
Karst"  über  ihre  Freiheiten  eine  in  die  krain.  Landhandfeste  nicht  auf- 
genommene Kollektivbestätigung  ertheilt  hatte.  Späterhin  verzichte- 
ten freilich  jene  kleinen  Verbände  auf  jede  Sonderstellung,  somit  auch 
auf  formelle  Anerkennung  der  betreffenden  Rechtsbasis  und  giengen 
in  der  grossen  Krainer  Lajidschaft  auf.  —  Dass  die  ursprünglichen 
Kongresse  den  Weg  hiezu  gebahnt,  ddss  sie  diese  Verschmelzung  ge- 
fördert haben,  ist  unverkennbar.  Doch  betrifft  dies  nur  die  Gestal- 
tung einer  Provinz,  bei  Avelcher  auch  landesfürstliche  Hoheitsrechte 
und  diesen  entsprungene  administrative  Einrichtungen  mitwirkten,  ins- 
besondere den  Kahmen  dafür  feststellten  und  für  die  Assimilierung 
des  Inhalts  sorgten. 

Auch  in  Tirol  trugen  die  sogenannten  , Landtage"  Jahrhunderte 
laug  den  Kongress-Charakter  an  sich  und  verloren,  staatsrechtlich  ge- 
nommen, ihn  gänzlich  erst  mit  der  Mediatisierung  der  geistlichen  Fürsten- 
thümer  Trient  und  Brixeu.  Die  Landschaft  an  der  Etsch  war  ur- 
sprünglich ein  Körper  für  sich,  hatte  bis  ins  19.  Jahrhundert  herauf 
ihr  besonderes,  landeshauptmannschaftliches  Gericht  und  erfreute  sich 
bis  dahin  in  Gestalt  des  sogenannten  südlichen  Activitätscollegiums 
eines  besonderen  stäudischen  Orgaus  mit  eigenen  Beamten.  Die  Puster- 
thaler  hielten  noch  42  Jahre  nachdem  sie  von  Maximilian  I.  der  ge- 
fürsteten  Grafschaft  Tirol  zugetheilt  worden  waren,  nämlich  im  Jahre 
1542  einen  besonderen  Landtag  zu  Toblach,  besuchten  also  in  der 
Zwischenzeit  die  Tiroler  Landtage  nur  in  der  Eigenschaft  von  Kongress- 
Mitgliedern,  nicht  als  tiroler  Landleute.  Dabei  begegnen  wir  der  son- 
derbaren Erscheinung,  dass,  solange  den  Zusammenkünften,  aus  wel- 
chen späterhin  der  grosse  tiroler  Landschaftsverband  erwuchs,  der 
Kongress-Charakter    sozusagen    an    der  Stirne  geschrieben  stand,    die- 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  267 

selben  Landtage  hiesseu,  späterhin  aber,  als  sie  diesen  Charakter  mehr 
und  mehr  einbüssten  (vielleicht  um  die  Widersacher  für  diese  essen- 
tielle Veränderung  zu  entschädigen),  ,,Kougresse"  genannt  zu  werden 
anfiengen.  Uebrigens  sind  gerade  bei  Bewerthung  der  Faktoren,  welche 
die  Abrundung  der  Provinz  Tirol  herbeiführten,  die  vorerwähnten  Kon- 
gresse, ausnahmsweise  hoch  anzuschlagen.  Dieselben  begünstigten 
nämlich  die  Waffenbrüderschaft,  welche  dem  neueren  tirolischen  Land- 
schaftsverbande vornehmlich  za  Grunde  liegt,  und  erleichterten  auch 
sonst  den  Angehörigen  dieses  Verbandes  das  Erkennen  ihrer  gemein- 
samen Interessen ,  eine  Erkenntniss,  welche  bei  ihnen,  die  sich  vor 
der  Fürstenmacht  von  Alters  her  weniger  beugten  uud  administrativen 
Einflüssen  weniger  gehorchten,  als  die  Bevölkerungen  anderer  Provin- 
zen, der  Konstituierung  der  wesentlichen  Bestandtheile  des  heutigen 
Landes  Tirol  zu  Einem  Ganzen  nothwendio-  vorauscjehen  umsste. 

Dagegen  vermochten  die  Kongresse,  zu  welchen  das  Land  ob 
der  Enns  mit  dem  Lande  unter  der  Enns  im  XV^.  Jahrhun- 
derte nicht  selten  zusammentrat,  eine  dauernde  Vereinio'uns;  dieser 
beiden  Provinzen  nicht  zu  begründen.  Sie  wirkten  eher  trennend  als 
bindend.  Gleiches  gilt  von  den  General-Landtagen  der  böhmischen 
Krone,  welche  in  der  ersten  Hälfte  des  XVL  Jahrhunderts  die  dieser 
Krone  unterthänigen  Länder  häufig  zusammenführten,  ohne  dass  die- 
selben sich  wechselseitig  angezogen  gefühlt  hätten.  Vielmehr  entstan- 
den daraus  und  verschärften  sich  dadurch  Abneio-uno;en,  welchen  so- 
gar  die  jene  Länder  umspannenden  Verwaltungs-Behörden  zeitweilig 
zum  Opfer  fielen  und  welche  namentlich  zur  Folge  hatten,  dass  die 
Beseitigung  gemeinsamer  Einrichtungen  unter  Maria  Theresia  von 
den  Mährern  so  gut  wie  von  den  Schlesiern  als  Befreiung  begrüsst 
wurde. 

Von  keiner  längeren  Dauer  waren  die  als  „Ausschusstage"  oder 
„gemeine  Landtage'*  bezeichneten  KongTcsse  der  fünf  nie d eröster- 
reichisch eu  Länder,  nämlich  der  drei  Herzogthümer  Steiermark. 
Kärnten  und  Krain,  denen,  ohne  stets  ausdrücklich  hervorgehoben  zu 
werden,  insgemein  die  Grafschuft  Görz  sich  anschloss,  und  der  beiden 
Länder:  Oesterreich  unter  und  Oesterreich  ob  der  Enns.  Diese  Pro- 
vinzen, —  denen  der  ältere  Sprachgebrauch  Tirol,  Vorarlberg  und  die 
österreichischen  Vorlande  als  „Ob  er  Österreich'',  die  Letzteren  allein 
oder  in  Verbindung  mit  Vorarlberg  als  „Vor  der  Österreich"  gegen- 
überstellt, —  also  die  im  Gegensatze  hiezu  mit  der  Collectiv-Bezeich- 
uung  „Nieder Österreich"  belegten  fünf,  richtiger  sechs  Länder 
begannen  frühzeitig  bei  feierlichen  Anlässen,    wenn  es  einen  gemein- 


9ßg  H.  J.  Bidermann. 

Samen  Beherrscher  zu  begrüssen  oder  Staatsverträge  zu  besiegeln  galt, 
unter  sich  in  Berührung  zu  treten. 

Doch  waren  dies  noch  keine  förmlichen  Länder-Kongresse.  Die 
älteste  Spur  einer  derartigen  Zusammenkunft  der  kärntner  und  kraiaer 
Stände,  zu  welcher  diese  auch  die  der  Steiermark  und  die  des  Landes 
unter  und  ob  der  Enns  luden,  entdeckte  ich  vor  17  Jahren  in  einer 
Urkunde  des  lunsbrucker  Statthalterei-Archivs.  Diese  Zusammenkunft 
sollte  am  20.  März  1474  zu  Judenburg  stattfinden  und  war,  wenn  sie 
zu  Stande  kam,    der  erste    niederösterreichische  Ausschusstag. 

In  den  „Vorarbeiten  zur  Quellenkunde  und  Geschichte  des  Land- 
tagswesens der  Steiermark",  welche  der  nicht  blos  um  die  österrei- 
chische Geschichtschreibuug,  sondern  auch  um  das  Erforschen 
der  bezüglichen  Quellen  vielverdiente  Historiker  K  r  o  n  e  s  veröfientlicht 
hat,  geschieht  eines  solchen  Ausschusstages,  der  im  Frühjahre  1494 
zu  Wien  abgehalten  wurde,  Erwähnung.  Das  ist  der  älteste,  von  dem 
es  feststeht,  dass  er  wirklich  stattfand.  Auf  ihm  huldigten  die  fünf 
uiederösterreichischen  Lande  ihrem  künftigen  Herrscher,  Maximilian  I., 
gemeinschaftlich.  Von  da  an  wiederholten  sich  solche  Ausschuss- 
tage bei  den  verschiedensten  Anlässen,  hauptsächlich  aber  wegen  stei- 
gender Türkeugefahr,  bis  mit  der  Theilung  der  österreichischen  Erb- 
lande nach  dem  Tode  Ferdinands  L  eine  wichtige,  wo  nicht  wesent- 
liche Voraussetzung  dafür,  die  Identität  des  Herrschers,  entfiel. 

Hievou  unberührt  blieben  die  Ausschusstage  der  inner  öster- 
reichischen Länder,  d.  h.  diejenigen,  auf  welchen  Ausschüsse  der 
Herzoffthümer  Steiermark,  Kärnten  und  Krain  nebst  solchen  aus  der 
Grafschaft  Görz,  sich  zu  trefien  gewohnt  waren  und  deren  Anfänge, 
wie  Krones  nachgewiesen  hat,  in  das  Jahr  1338,  also  hinter  die 
Zeit  zurückreichen,  in  welche  der  erste  erweisbare  niederösterreichische, 
also  umfassendere  Ausschusstag  fällt. 

Hundert  Jahre  später  kam  das  Abhalten  innerösterreichischer 
Ausschusstage  dergestalt  in  Uebung,  dass  nun  beinahe  kein  Quinquen- 
uium  mehr  vergieng,  ohne  dass  mindestens  ein  solcher  Kongress 
stattgefunden  hätte,  bis  unter  Ferdinand  II.  au  die  Stelle  dieser  Zu- 
sammenkünfte mehr  und  mehr  die  „nachbarliche  Correspondenz"  d.  h. 
ein  ziemlich  lebhafter  Zuschriften- Wechsel  trat,  welcher  bis  in  die 
Tage  Kaiser  Josephs  IL  ununterbrochen  dauerte  und  auch  späterhin 
noch  als  Verständigungsmittel  zuweilen  in  Anwendung  kam.  Eine  ge- 
meinsame Angelegenheit,  welche  die  drei  Herzogthümer  immer  wieder 
zwang,  unter  sich  Einvernehmen  zu  pflegen  und  über  den  bezüglichen 
Kostenaufwand  mit  einander  abzurechnen,    war    durch    zwei  Jahrhuu- 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  269 

derte  die  sogenannte  Militärgrenze.  Ihr  galten  die  „Raittage",  zu 
welchen  sich  Deputierte  und  Beamte  der  drei  Herzogthümer  regel- 
mässig alle  Jahre  nach  Graz  begaben;  ihr  galten  auch  die  drei  letzten 
innerösteiTeichisehen  Länder-Kongresse,  die  der  Jahre  1639,  1661 
und  1677.  Dieselben  unterschieden  sich  allerdings  von  den  älteren 
dadurch,  dass  sie  nur  wenige  stimmberechtigte  Theilnehmer  zählten 
(der  Kongress  von  1661  z.  B.  nur  drei  von  jedem  Lande,  der  von 
1677  gar  nur  je  zwei),  und  desshalb  werden  sie  auch  nicht  als  „Aus- 
schusstage" bezeichnet,  sondern  als  „Konferenzen".  Aber  im  Wesent- 
lichen waren  sie  so  gut  Kongresse,  wie  jene. 

Den  innerösterreichischen  Ausschusstagen  gebührt  die  Anerken- 
nung, dass  sie  weittragende,  praktische  Wirkungen  äusserten,  den  Zu- 
sammenhalt der  innerösterreichischeu  Länder  befestigten,  den  wechsel- 
seitigen Bestand  regelten,  die  Bereitwilligkeit  dazu  immer  von  Neuem 
auffrischten.  Aber  einen  sie  selber  überdauernden,  staatsrechtlichen 
Verband,  haben  sie  so  wenig  begründet,  als  die  niederösterreichischeu 
Länder-Kongresse   oder   die  General-Landtage  der  böhmischen  Krone. 

Und  ohnmächtiger  noch  in  dieser  Beziehung  erwiesen  sich 
zweifellos  die  Zusammenkünfte  der  Nieder-Oesterreicher  mit 
den  Ober-Oesterreichern  (hier  mit  denen  der  Stände  von 
Oesterreich  unter  und  ob  der  Enns  ja  nicht  zu  verwechseln),  welche 
zu  veranstalten  Maximilian  L  unablässig  sich  bemühte.  Noch  bei  seines 
Vaters  Lebzeiten  berief  er  in  Verbindung  mit  diesem  Ausschüsse  aller 
österreichischen  Erblande  für  den  24.  August  1493  nach  Linz.  Die 
Sendboten  aus  Krain  waren  schon  auf  dem  Wege  dahin,  als  die  Nach- 
richt vom  Tode  des  Kaisers  Friedrich  ihnen  zukam  und  sie  umzukehrn 
bestimmte.  Auf  dem  Sterzinger  Landtage  von  1499  trug  Maximilian 
den  Tirolern  das  Begehren  vor,  dass  „zu  guet  den  ober-  und  nider- 
österreichischen  Landen",  d.  h.  zum  Frommen  derselben  „gegen  wel- 
chem Landt  krieg  auferstundt,  das  ander  demselben  hilf  vnd  beistaudt 
thät".  Es  hat  den  Anschein,  als  wären  sohin  Ausschüsse  aller  öster- 
reichischen Lande  nach  Köln  gezogen,  um  dort  in  des  Kaisers  Gegen- 
wart über  diesen  Punkt  sich  zu  verständigen.  Gewiss  ist,  dass  drei 
Jahre  später  ein  zu  Wiener-Neustadt  versammelter  niederösterreichi- 
scher Ausschusstag  mit  den  oberösterreichischen  Landen,  deren  Bot- 
schafter dort  anwesend  waren,  Verbindungen  knüpfte.  An  diesen 
Kongress  schloss  sich  im  Jahre  1503  ein  Ausschusstag  zu  Linz,  dessen 
Umfang  und  Resultate  unbekannt  sind. 

Nun  trat  eine  Pause  ein,  während  welcher  Maximilian  von  sei- 
nen Unterhandlungen  mit  Ungarn  stark  in  Anspruch  genommen  war. 
Im  Juli  1507  lässt  er  plötzlich    auf   dem  Kremser  Landtage  mit  den 


97Q  H.  J.  Bi  der  mann. 

Stäucleu  des  Landes  unter  der  Enns  wegen  eines  Schutz-  und  Trutz- 
Bündnisses,  welches  die  fünf  niederösterreichischen  Lande  zunächst 
unter  sich  und  nach  ihrer  Einigung  mit  den  Oberösterreichischen 
schliessen  sollten,  durch  seine  Kommissäre  verhandeln.  Der  Kremser 
Landtao-  lehnt  die  Defensions-Ordnung.  welche  diesem  Bündnisse  zu 
Grunde  liegen  sollte,  ab.  Dadurch  wird  der  Kongress  aller  österrei- 
<ihischen  Lande,  welchen  Maximilian  nach  St.  Veit  in  Kärnten  zu  obi- 
gem Zwecke  einzuberufen  vorhatte,  gegenstandslos.  Aber  der  Kaiser 
verfolgt  jenes  Ziel  mit  aller  Energie  weiter.  Ihn  nöthigt  dazu  die 
Heiratsabrede  mit  dem  Könige  Wladislaw  von  Ungarn  und  Böhmen 
vom  12.  November  1507,  wonach  dessen  Tochter  Anna  demjenigen 
österreichischen  Erzherzoge  angetraut  werden  sollte,  „qui  in  archi- 
ducatu  Austrie  et  comitatu  Tirolis  cum  principatibus  et  provinciis  eis 
adherentibus  succedet  seu  successor  deputabitur".  Sein  Trachten  muss 
daher  auf  eine  desto  innigere  Verbindung  Nieder-  und  Oberösterreichs 
gerichtet  sein. 

Ich  eüthalte  mich  der  näheren  Ausführung  dessen,  was  demzu- 
folge im  Jahre  1509  zu  Salzburg,  späterhin  wiederholt  zu  Brück  an 
der  Mur,  dann  1513  in  Wien  und  1518  zu  Innsbruck  verhandelt 
wurde  und  was  zur  Ermöglichung  der  betreffenden  Zusammenkünfte 
geschah. 

Das  Ergebnis  liegt  in  Gestalt  des  Innsbrucker  Küstungs-  oder 
Defeusions-Libells  vom  24.  Mai  1518  und  anderer  damals  gemeinsam 
gefasster  Beschlüsse  aller  Ausschüsse  vor. 

Die  Nieder-  und  Oberösterreieher  sicherten  sich  mit  diesem  Libelle 
für  Fälle  der  Bedrängnis  wechselseitige  Unterstützung  zu  und  zwar 
auf  die  Dauer  der  nächstfolgenden  fünf  Jahre,  nach  deren  Ablauf 
diese  Reziprozität  mit  Zustimmung  aller  ßetheiligten  (wozu  auch  der 
Kaiser  gehörte)  sollte  verlängert  werden  können.  Es  wurden  auch 
verschiedene  andere  Vorbehalte  gemacht,  welche  zu  weiteren  Verhand- 
lungen Anlass  gaben. 

Diese  waren  um  so  weniger  zu  umgehen,  als  der  bald  darauf 
erfolgte  Tod  Kaiser  Maximilians  es  zweifelhaft  machte,  ob  wohl  das 
Innsbrucker  Libell  auf  die  dadurch  herbeigeführte  Situation  ohne  Wei- 
teres Anwendung  zu  finden  habe.  Die  zur  Entscheidung  hierüber 
nach  Brück  an  der  Mur  gekommeneu  Ausschüsse  aller  österreichi- 
schen Erblande  errichteten  daselbst  am  11.  März  1519  ein  neues  Li- 
bell, mit  dem  sie  das  lunsbrucker,  insoweit  ihre  „freuntlich  vnd  brü- 
derliche Verainigung  vnd  Verstentnuss"  darin  Ausdruck  fand,  als  auf- 
recht anerkannten  und  worin  die  ,. Gesandten  der  fstl.  Gfschft.  Tirol" 
ausdrücklich  erklärcen:  die  tiroler  Landschaft  sei  erbötig,  die  zu  Inns- 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  271 

brück  gegen  die  Niederösterreicher  eiugegaugeuen  Verpflichtungen  zu 
erfüllen.  Einhellig  wurde  daselbst  noch  beschlossen,  die  „Erbherrn", 
den  König  Karl  von  Spanien  und  Erzherzog  Ferdinand,  mittelst  einer 
Gesandtschaft  „von  allen  und  jeden  Oesterr.  Landen"  zu  bewillkomm- 
ueu,  ferner  zu  Wien  einen  gemeinsamen  Münztag  abzuhalten,  und  das 
Kecht  zum  Aufgebote  der  verbündeten  Länder  einem  Verordneten- 
Kollegium  zu  übertragen,  welches  bei  drohender  Feiudesgefahr  zu 
Brück  an  der  Mur  zusammentreten  sollte. 

Die  Gesandten  Tirols  schieden  demnach  damals  von  den  Nieder- 
österreichern in  gutem  Einvernehmen.  Dasselbe  erfuhr  aber  bald  dar- 
auf durch  den  Streit  über  die  Zugehörigkeit  des  Pusterthaies  und  die 
Concurrenz  bei  Erhaltung  der  Friauler  Festungen  eine  merkliche  Trü- 
bung. Die  an  den  spanischen  Königshof  bestimmte  Huldigungs-Depu- 
tation der  Tiroler  zog,  der  Brucker  Abrede  zuwider,  einen  anderen 
Weg,  als  die  der  Niederösterreicher,  und  stellte  sich  auch  dem  Könige 
nicht  im  Vereine  mit  dieser  vor,  was  die  Spannung  erhöhte. 

Ferdinand  L,  ursprünglich  ständescheu,  hatte  beim  Antritte  seiner 
Regierung  wenig  Lust,  was  die  Veranstaltung  von  Länder-Kongressen 
betrifft,  dem  Beispiele  seines  Grossvaters  zu  folgen.  Auch  die  öster- 
reichischen Erbländer  sehnten  sich  damals  wenig  nach  solchen  Zusam- 
menkünften. Hatten  ja  doch  die  zu  Innsbruck  und  zu  Brück  beschlos- 
senen Libelle  dem  dringendsten  Bedürfnisse  endlich  abgeholfen  und 
die  diesen  Abmachungen  vorausgegangenen,  vielfältigen  Anläufe  den 
betheiligten  Ständen  das  Abhalten  von  Ausschusstagen  verleidet.  Allein 
im  Jahre  1525  regte  sich  wieder  in  mehreren  Ländern  das  Verlangen 
nach  einer  Zusammenkunft,  obschon  gerade  damals  bei  Unterdrückung 
der  Bauernaufstände  die  vorerwähnten  Libelle  sich  als  wirksam  er- 
wiesen, indem  die  einzelnen  Landschaften  sich  wechselseitig  unter- 
stützten und  namentlich  den  Steierraärkern  der  Beistand  der  Krainer 
und  Görzer  zu  Theil  wurde. 

Den  vornehmsten  Anlass,  jenem  Begehren  zu  willfahren,  bot  das 
Verhalten  der  Tiroler  Stände,  welche  unter  sich  uneinig,  von  der  Theil- 
nahme  Anderer  an  ihren  Berathungen  eine  Versöhnung  der  in  ihrer 
Mitte  bestehenden  Gegensätze,  sowie  die  Förderung  spezieller  Anliegen, 
die  sie  hatten,  erwarten  mochten  und  deren  Reformeifer  auf  kirch- 
lichem Gebiete  dem  Erzherzoge  Ferdinand  das  Eingehen  auf  diesen 
Wunsch  gerathen  erscheinen  liess.  Anfangs  zögerte  er  zwar  „die  Zu- 
einander-Verfueguug  gemainer  Erblande",  um  welche  die  Tiroler  drin- 
gend baten,  zu  bewilligen.  Er  gebrauchte  allerlei  Ausflüchte  und  re- 
dete sich  namentlich  auf  den  Kaiser  aus,  welcher  nothwendig  vorher 
um  seine  Zustimmung  angegangen  werden  müsste,    da  er  ja  Gebieter 


972  ^'  '^*  Biclei*™''*^"^- 

in    mehreren    Erbländern,    Ferdinand    daselbst   nur   „Gubernator"  sei. 
Als  jedoch  die  Tiroler  erklärten:  Daferne  die  Versammlung  nicht  be- 
willigt   uud    sofort    der   Termin    für    sie  bewilligt  wird,    werde  „ewig 
Zerrüttung,  abfall"  und  anderes  Unheil  folgen:    da  verstand  sich  Fer- 
dinand  zu    deren  Einberufung  und  verwies  die  Erledigung  der  tiroli- 
schen Keligionsbeschwerden    auf   dieselbe.     Dem  Landtage    im    Lande 
ob  der  Enns,   welcher  Mitte  Juni  1525  tagte,    gieng  bereits  die  Wei- 
sung der  niederösterreichischen  Centralstelle  zu:    den  tiroler  Landtag, 
welcher  am  12.  Juni    eröfiiiet    werden  sollte,    mit  zwei  Abgeordneten 
zu  beschicken,  die  dort  „neben  anderen  niederösterreichischen  Landen 
und  derselben  Potschaftern  was  zu  Erhaltung  irer  f.  Durchlaucht  Ee- 
putation,    auch    in    ander  Weg    zu    Frid  vnd  Eue   dienstlich,    handeln 
sollen".     Da    dieser    Auftrag    verspätet    eingetroffen    war,    entsprachen 
die  von  Oesterreich    ob  der  Enns   demselben,  so  gut  es  eben  noch  in 
der  Eile  o-ieng,    indem    sie    dem    ohnehin    gerade   in  Tirol    weilenden 
Obersthofmeister  des  Erzherzogs,    Cyriak    Freiherrn  von  Polheim,    ein 
Creditiv  an  die  tirolische  Landschaft  zuschickten,  es  aber  im  üebrigen 
dem  Ermessen  des  Erzherzogs  anheimstellten,  ob  von  dieser  Vollmacht 
noch  werde  Gebrauch  zu  machen  sein.    Und  da  ihnen  bald  darauf  ein 
neuer  landesfürstlicher  Befehl,    die  Wahl    von  Ausschüssen   für    einen 
., gemainen"  Landtag,  den  der  Erzherzog  am  11.  November  „mit  allen 
nidern  und  obern  österr.  Landen  zu  halten"  entschlossen  sei,  auftrug, 
so  entsendeten  sie  auch  hiezu  Ausschüsse  „mit  genuegsamer  Gewalt". 
Aber    diese   letzterwähnte    Zusammenkunft    unterblieb    so   gut  als  die 
ein  halbes  Jahr  zuvor  nach  Innsbruck  ausgeschriebene  und  es  bedurfte 
energischer  Kundgebungen,  wie  eine  solche  z.  B.  von  Seiten  der  Stände 
des  Landes  unter  der  Enns  am  14.  November  1525  durch  einstweilige 
Verweigerung  aller  Kriegshilfen  ausging,  um  Ferdinands  Widerwillen 
gegen  den  Länder-Kongress  so  weit  zu  besiegen,    dass  dieser  am    13- 
Dezember  1525  durch  den  Hofkanzler  Leonhard  von  Harrach  eröffnet 
werden  konnte  i).    An  ihm  nahmen  nicht  nur  sämmtliche  niederöster- 
reichische Länder,    sondern    auch  Tirol  und  die  vorderösterreichischen 
Länder  mit  Ausnahme  von  Elsass,    Sundgau  und  ßreisgau,    theil  und 
auch  diese  drei  Landschaften  waren,  gleich  dem  Fürstenthum  Würtem- 
berg,  während  der  Kongress  seine  Verhandlungen  hielt,  zu  Augsburg 
mindestens  durch  Gesandte,    die  dem  Gauge  der  Verhandlungen  sorg- 
falti<5  folgten,  vertreten.    Die  Versammlung  ruhte  nicht,    bis    der  ver- 


1)  Vgl.  jetzt  über  dies^en  ,Generallaudtag*  die  im  Jahre  1894  erschienene 
Arbeit  von  Michael  Mayr  in  der  Zeitsebr.  des  Ferdinandeums  38.  Bd.  (Aiini.  des 
HorauBg.). 


Die  österreichisclien  Länder-Kongresse.  273 

hasste  Günstling  und  oberste  Sehatzmeister  Ferdinands,  der  Spanier 
Gabriel  von  Salamauca,  in  seiner  Stellung  so  erschüttert  war,  dass 
sein  vollständiger  Sturz,  d.  h.  seine  Entfernung  vom  Hofe  nur  mehr 
eine  Frage  der  Zeit  war.  Sie  berieth  auch  über  Vorkehrungen  wider 
neue  Bauernaufstände,  Sicherung  des  protestantischen  Gottesdienstes, 
d.  h.  der  „lauteren"  Verkündigung  des  Evangeliums,  wie  Ferdinand 
kurz  zuvor  sie  den  Tirolern  gewährt  hatte  — ,  über  Abwehr  der  Tür- 
ken, Besetzung  der  Hofämter  mit  Personen  „hochteutscher  Nation" 
(nachdem  der  Erzherzog  „ein  regierender  Fürst  in  hochteutschen  Erb- 
landen"), ferner  über  eine  Polizei-Ordnung  und  über  das  lunsbrucker 
Defensions-Libell  von  1518,  welches  die  hiezu  bevollmächtigten  Aus- 
schüsse für  die  nächsten  vier  Jahre  unter  gewissen  Bedingungen  als 
ihre  Kommittenten  bindend  anerkannten.  Sie  machten  dies  nämlich 
von  der  Einbeziehung  aller  vorderüsterreichi&chen  Gebiete  in  das  be- 
zügliche Schutz-  und  Trutzbündniss,  welches  der  .Erzherzog  zu  bewerk- 
stelligen hätte,  ferner  von  der  Zusicherung  abhängig,  dass  der  Erz- 
herzog ohne  Zustimmung  der  Erblande  keinen  Offensivkrieg  beginnen 
werde,  endlich  von  der  Erfüllung  bestimmter  Zusagen,  welche  schon 
Maximilian  .1.  diesfalls  gegeben  hatte.  Erstere  Bedingung  stellten  ins- 
besondere die  Vertreter  Tirols,  Ferdinand  genehmigte  den  also  ver- 
klausulierten Beschluss  am  22.  Februar  1526  der  Hauptsache  nach 
und  versprach  am  12.  März  den  Ausschüssen,  dass  er  mit  den  „vor- 
dem Landen"  „aufs  förderlichst"  handeln  wolle,  damit  sie  der  Defen- 
sions- Ordnung  beitreten. 

Nichtsdestoweniger  war  diese  Angelegenheit  damit  nicht  erledigt, 
sondern  galt  fortan  als  der  Feststellung  erst  noch  bedürftig.  Die  Ur- 
sache lag  offenbar  bei  den  Vorderösterreichern,  denen  es  nicht  con- 
venierte,  dem  Schutz-  und  Trutzbündnisse  der  übrigen  Erblande  sich 
anzuschliessen.  So  geschieht  denn  auch  der  Augsburger  Beschlüsse 
über  diesen  Gegenstand  vom  Jahre  1525  in  der  Folge  nur  selten  Er- 
wähnung. Auch  die  Beisteuer  von  400.000  fl.,  mit  welcher  Ferdinand 
nach  einigem  Bedenken  sich  zufrieden  gab,  machten  die  Ausschüsse 
der  fünf  niederösterreichischen  Lande  und  Tirols  davon  abhänsrio",  dass 
Ferdinand  „die  vorderen  und  äusseren  österreichischen  Erblande  ver- 
möge", d.  h.  sie  bestimme,  die  nach  der  Inusbrucker  Repartition  auf 
sie  entfalleude  Quote  zu  zahlen.  Dass  dies  gelaug,  muss  bezweifelt 
werden.  Aber  dass  es  ausbedungen  wurde,  ist  ein  Beweis,  wie  ent- 
schieden die  österreichischen  Erblande  damals  schon  zu  dem  Grund- 
satze sich  bekannten,  dass  ein  Zersplittern  ihres  Kraftaufwandes  ver- 
mieden werden  müsse  und  dass,  wenn  keine  den  Erfolg  verbürgende 
Anstrengung    vereinter    Kräfte    zu    erzielen   ist,    besser  jede  über   die 

Mittheilungen  XVII.  18 


274  H-  J-  Bi dermal! u. 

unmittelbare,    eigene    Vertheidigung    hinausgehende   Kriegsaktion   un- 
terbleibt. 

Ein  weiteres  Hindernis  für  das  Inslebentreten  des  Innsbrucker 
Defensions-Libells  war  der  Streit  der  einzelnen  Länder  unter  sich  über 
die  sogenannten  „Gülten-Ansagen",  d.  li.  über  ihre  Einschätzung  zum 
Zwecke  gleichmässiger  Vertheilung  der  gemeinsamen  Steuerlast.  Au 
derartigen  Misshelligkeiten  scheiterte  wohl  auch  ein  für  den  Monat 
Oktober  des  Jahres  1526  nach  Linz  ausgeschriebener  Ausschusstag, 
auf  welchem  die  von  den  krainer  Ständen  gewählten  Ausschüsse  auch 
Vertretern  der  oberösterreichischen  Lande  zu  begegnen  hofften.  Viel- 
leicht aber  vereitelte  diese  Zusammenkunft  die  mittlerweile  in  Ungarn 
bei  Mohacz  eingetretene  Katastrophe,  welcher  zufolge  Erzherzog  Fer- 
dinand sich  beeilen  musste,  in  Ungarn  und  Böhmen  die  Erbschaft 
anzutreten,  die  der  vorsorgende  Eifer  seiner  Ahnen  ihm  zuzuwenden 
bemüht  gewesen  war.  Zur  Geltendmachung  seiner  bezüglichen  Kechte 
bedurfte  es  grosser  Opferwilligkeit  auf  Seite  der  österreichischen  Erb- 
lande. Um  diese  rege  zu  erhalten,  schilderte  Ferdinand  den  Ständen 
dieser  Lande  bald  nach  der  Mohaczer  Schlacht  die  Vortheile,  welche 
die  nunmehr  bevorstehende  Inbesitznahme  Ungarns  und  Böhmens  durch 
ihn,  beziehungsweise  der  Anfall  dieser  Königreiche  und  ihrer  Depen- 
denzen  an  das  Haus  Habsburg  für  sie  haben  werde,  mit  so  bestechen- 
den Farben,  dass  diese  Stände  nothwendig  auf  den  Gedanken  verfallen 
mussten:  es  sei  an  der  Zeit,  die  Theiluahme  der  beiden  Königreiche, 
namentlich  die  Böhmens,  an  der  Bestreitung  der  allgemeinen  Lasten, 
die  ja  gerade  ihretwegen  von  Jahr  zu  Jahr  stiegen,  anzustreben.  Die 
Stände  des  Landes  ob  der  Enns  beantworten  die  aus  Ofen,  den  3.  Feb- 
ruar 1528  datierte  Darlegung  der  Gründe,  wesshalb  Ferdinand  I.  mit 
seinen  bezüglichen  Forderungen  an  die  einzelnen  Landtage  herantrete 
und  nicht  lieber  auf  einem  Kongresse  der  nieder-  und  oberösterrei- 
chischen Laude  sie  vorbringe,  —  mit  der  Gegenproposition :  der 
König  wolle  ehestens  auch  Ausschüsse  seiner  neu  erworbenen  König- 
reiche zu  sich  bescheiden,  mit  ihnen  sich  berathen  und  bewirken, 
dass  sie  sich  über  eine  „erspriessliche  und  gleiche  Bürde"  unter 
einander  vergleichen.  Handelt  es  sich  um  eine  „stattliche  und  be- 
harrliche Hilfe'',  so  ist,  sagen  sie  in  ihi*er  Antwort  vom  13.  Feb- 
ruar 1528,  nichts  geeigneter,  als  eine  „ainträchtige  Vergleichung", 
an  welcher  auch  jene  Königreiche  participieren ,  weil  dann  selbst 
die  Stände  des  deutschen  Kelches  lieber  ihre  Streitkräfte  den  schon 
geeinigten  der  habsburgischen  Länder  werden  beifügen  wollen. 
Die    Centralstelle    der    niederösterreichischen    Lande    sab    über    diesen 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  275 

Vorschlag  wegen  eines  Verbands  aller  S.  Mt,  Königreiche  und 
Fürstentümer  am  21.  Febrnar  1528  ihr  Gutachten  dahin  ab:  dass  ihr 
eiue  solche  Vorkehrung  ,,gantz  wol  non  nöthen  bedüncke". 

Die  Stände  des  Landes  unter  der  Euns  dachten  sieh  freilich  die 
Sache  noch  einfacher.  Sie  proponierten  dem  Könige  auf  dem  Wiener 
Landtage  vom  8.  November  1528  die  Vereinigung  Böhmens,  Mährens, 
Schlesiens  mit  den  niederösterreichischen  Erblanden  und  mit  Tirol  zu 
Einem  Staatskörper.  Einige  Monate  früher  hatte  das  Verordneten- 
Collegium  dieses  Landes  den  krainer  Ständen  bedeutet:  es  erwarte 
eine  gründliche  Abhilfe  nur  von  einer  allgemeinen  Versammlung  aller 
Lende.  Dieselbe  Ueberzeugung  äusserten  die  steiermärkischeu  Stände 
am  30.  Mai  1529  in  einer  ausführlichen  Beschwerdeschrift. 

Solcliera  Andrängen  musste  Ferdinand,  der  ohnehin  wieder  vier 
Jahre  hatte  verstreichen  lassen,  ohne  dass  er  eiue  allgemeine  Zusam- 
menkunft auch  nur  der  altösterreichischen  Lande  veranstaltete,  noch 
vor  Ablauf  des  Jahres  1529  nachgeben.  Anfangs  Dezember  eröffnete 
er  den  einzelnen  Ständeversammlungen :  er  wünsche,  dass  sie  bis  zum 
13.  Januar  1530  nach  Linz  ihre  Ausschüsse  senden.  Kaum  waren  die 
Ausschüsse  der  innerösterreichischen  Stände  hier  eiugetroifen,  so  eni- 
pfieugen  sie  den  Besuch  der  Ausschüsse  des  Erzherzogthums  Oester- 
reich  ob  und  unter  der  Enns,  welche  ihnen  mittheilten:  ihre  Voll- 
macht laute  auf  „Verhandeln  und  Schliessen  mit  der  Krone  Böhmens, 
den  Markgrafschaften  Mähren  und  Lausitz,  dem  Fürstenthume  Schle- 
sien und  den  österreichischen  Erblanden  Sr.  Majestät";  sie  müssten 
daher  den  abwesenden  König  bitten,  „solche  Handlung  neben  der 
Cron  Behaimb  und  ihren  zugethanen  Landen  in  Vollziehung  kommen  zu 
lassen".  Die  Innerösterreicher  waren  mit  diesem  Begehren  nicht  ein- 
verstanden. Sie  suchten  die  dafür  Eingenommenen  zum  Zuwarten  zu 
bewegen.  Am  16.  Januar  wurden  die  Ausschüsse  aller  fünf  nieder- 
österreichischen Lande  zu  den  königlichen  Kommissären  in  das  Linzer 
Schloss  beschieden,  wo  ihnen  des  Königs  „Werbung"  vorgelesen  ward. 
Darin  ist  betont,  dass  die  zur  Behauptung  Böhmens  und  Ungarns 
bisher  gebrachten  Opfer  nicht  ohne  Wissen  und  ßath  der  Königreiche 
und  anderer  Lande  ünterthanen  aufgewendet  wurden  und  dass  Ferdi- 
nand, von  allem  Anderen  abgesehen,  es  den  Böhmen  schuldig  gewesen 
sei,  der  ungarischen  Krone  nachzutrachten,  nachdem  die  Böhmen  es 
gewesen,  welche  schon  dem  Könige  Wladislaus  zu  dieser  Krone  ver- 
halfen und  weil  sie  bei  seiner  Wahl  zum  König  von  Böhmen  darauf 
rechneten,  dass  er  den  Ansprüchen  der  Ungarn  auf  Gebietstheile  ent- 
gegentreten werde,  was  auf  keine  Weise  so  sicher  geschehen  konnte, 
wie    mittelst    der    Geltendmachung    seiner  Erbansprüche    auf  Ungarn. 


276  H.  J.  Bi  der  mann. 

Den  Vorwurf,    als  hätte  er  liiedurch  den  Türken  Anlass  gegeben,    bis   I 
zu  Wien's  Mauern  vorzudringen,  und   ihnen  gewissermassen  den  Weg   ■ 
dahin  gebahnt,  —  wies  er  mit  dem  Hinweise  auf  das  längst  von  vie-    ; 
len  Fürsten  anerkannte  Axiom    zurück:    „dass    den  Türkhen    nit   wol   j 
zu  widersteen.  dann  allain  so  das  Königreich  Hungern  in  aines  Ertz-    ; 
herzogen  von  Oesterreich  oder  aines  andern  teutschen  Fürsten  gewalt   | 
und   banden   wäre".     Sein   Nichterscheinen    in  Linz    entschuldigte    er    : 
mit  der  Nothwendigkeit,  gerade  jetzt  bei  den  Ländern  der  böhmischen    j 
Krone  um  Hilte  wider  den  Gegenkönig  in  Ungarn  und  wider  die  mit    j 
diesem  verbündeten  Türken  anzuhalten.      Hiezu  weilte  er  in  Budweis,    I 
wo  die  Stände  jener  Länder  zum  General- Landtag  versammelt  waren,    j 
jedoch   trotz    eifrigen  Zusprechens    von    seiner  Seite   und  so   kurz  die    j 
Reise  gewesen  wäre,    nicht    zu    bewegen  waren,    ihrerseits  Ausschüsse    • 
nach  Linz  zu  senden.      Die  Nebenlande    zwar  zeigten  sich  dem  nicht 
abgeneigt;  doch  die  Vertreter  des  Hauptlandes  Böhmen  wollten  davon    ^ 
absolut  nichts  wissen,     Sie  schützten  Mangel  an  entsprechender  Voll- 
macht   vor,    verhehlten   aber   auch  nicht,    dass,   hievon  abgesehen,  sie    ' 
es  mit    der  Würde    der    böhmischen    Krone    und  mit    der  eigenen  als 
Repräseutanteu    eines    Königreiches    nicht  vereinbar  finden,    den  Aus-- 
schüssen  von  Ländern  niedrigeren  Ranges  eutgegenzureisen.    Ferdinand 
war  über  diese  Weigerung  so  erbost,  dass  er  am  17.  Jänner  1530  von 
Budweis  aus  seiner  Schwester,  der  Königin- Wittwe  Maria  klagte :  diese 
böhmischen    OHgarchen    hätten    den    Teufel    im  Leibe  (je  vois  autant 
que  ont  du  tout  le  diable  au  corps),    worauf  Maria,    der  Erfahrungen 
eingedenk,  welche  sie  selber  an  der  Seite  ihres  verstorbenen  Gemahls 
gemacht  hatte,  von  Linz  aus,  wo  sie  als  ihres  Bruders  Stellvertreterin 
fungierte,    erwiderte:    „fürwahr,    solange    dieses  Gelichter  obenauf  ist, 
können   Eure  Geschäfte    unmöglich    gut   von    Statten    gehen'-    (certes, 
entretant  que  cette  bände  fiorisse,    il   n'est  possible,    que    vos    affaires 
peuvent  bien  aller.    Bucholtz  IV.  421). 

Am  18.  Jänner  fassten  die  in  Linz  anwesenden  Ausschüsse  der 
fünf  niederösterreichischen  Länder  den  einhelligen  Beschluss,  bevor 
nicht  auch  Ausschüsse  der  böhmischen  Kronländer  und  solche  aus 
den  oberösterreichischen  Landen  ihnen  zur  Seite  treten  und  dabei  mit- 
wirken, auf  keinerlei  Verhandlungen  mit  dem  Laudesfürsten  sich  ein- 
zulassen. Die  Bekanntgabe  dieses  Beschlusses  kreuzte  sich  mit  der 
vom  19.  Jänner  datierten  ausführlichen  Schilderung,  welche  Ferdinand 
zu  Händen  seiner  Gemahlin  und  Schwester  von  den  Schwierigkeiten 
entwarf,  mit  welchen  er  zu  Budweis  kämpfte  und  die  ihn  zwangen, 
für  das  Königreich  Böhmen  allein  einen  neuen  Landtag  auszuschrei- 
ben.   Am  folgenden  Tage,    den  20.  Jänner,    lud  er  gleichwohl  die  in 


Die  östeiTeichischen  Länder-Kongi-esse. 


v<  i 


Liuz  versammelten  Ausschüsse  der  einzelnen  Länder  ein,  je  zwei  oder 
drei  Personen  aus  ihrer  Mitte  sofort  nach  Budweis  zu  delegieren, 
welchem.  Ansinnen,  aber  nur  zur  Entgegennahme  von  Mittheilungen, 
die  vor  die  Linzer  Pleuarversammlung  zu  bringen  wären,  entsprochen 
wurde.  Am  23.  Jänner  erneuert  diese  Versammlung  den  vorerwähnten 
ßeschluss,  anerkennt  übrigens  auch  Ferdinands  redliches  Bemühen, 
demselben  gerecht  zu  werden.  Am  24.  Jänner  weist  sie  ihre  Dele- 
gierten in  Budweis  an,  hier  mit  den  Ausschüssen  Böhmens  und  der 
zugewandten  Laude  sich  wegen  nachbarlichen  Beistandes  ins  Einver- 
nehmen zu  setzen  und  ihnen  für  Nothfälle  dessen  Vergeltung  in  Aus- 
sicht zu  stellen,  namentlich  aber  sie  für  die  Theilnahme  an  der  jre- 
planten,  allgemeinen  Zusammenkunft  günstig  zu  stimmen.  AVas  die 
Delegierten  über  den  Erfolg  ihrer  Bemühungen  nachträglich  berich- 
teteu,  bestätigte  vollkommen  des  Königs  Erklärung,  dass  zwar  die 
Mährer,  Schlesier  und  Lausitzer  bereit  wären,  an  einem  derartigen 
Kongresse  theilzunehmen.  dass  jedoch  die  Böhmen  völlig  untraktabel 
seien.  Daher  beschränkte  sich  auch  des  Königs  Einflussnahme  in  Bud- 
weis  zuletzt  nur  auf  jene  Vertreter  der  Nebenlande,  denen  er  das  Ver- 
sprechen abnahm,  dass  sie  auf  dem  nächsten  Generallandtage  der  böh- 
mischen Krone  die  Beschickung  einer  allgemeinen  Versammlung  be- 
fürworten und  dafür  stimmen  würden.  Das  Fernebleiben  der  Tiroler 
und  Vorarlberger  motivierte  er  mit  dem  Winke,  umzukehren,  den  er 
ihnen,  welche  schon  auf  der  Keise  nach  Linz  waren,  ertheilte,  als  sich 
herausstellte,  dass  ihre  Vollmachten  unvollkommen  und  die  Vorderöster- 
reicher, ohne  deren  Mitthun  sie  schon  gar  nicht  zu  einer  ,,beschliess- 
lichen''  Theilnahme  sich  hätten  verstehen  mögeu,  nicht  einmal  gewillt 
waren,  Ausschüsse  mit  beschränkter  Gewalt  nach  Linz  zu  entsenden 
Diesen  Aufklärungen  zufolge  Hessen  sich  die  hier  anwesenden  Aus- 
schüsse endlich  doch  auf  Verhandlungen  mit  dem  Könige  ein;  nur 
fassten  sie  ihre  bezüglichen  Resolutionen  auf  „Hintersichbringen"  und 
erstatteten  daher  auch  dem  Könige  am  5.  Februar  1531  blos  einen 
„uuverpindtlichen  Ratslag".  Darin  ist  die  Bereitwilligkeit  der  fünf 
niederösterreichischen  Erblande,  Gesandte  „zur  Krön  Behaim"  nach  Prag 
zu  schicken,  welche  dort  die  böhmischen  Stände  um  Beistand  anzu- 
flehen hätten,  ausgedrückt.  Am  folgenden  Tage  schritten  die  Aus- 
schüsse auch  schon  zur  Wahl  dieser  Gesandten,  Die  Steiermärker 
wählten  ihren  Landeshauptmann  Sigmund  von  Dietrichstein. 

Der  Eindruck,  welchen  damals  das  Misslingen  der  auf  einen  all- 
gemeinereu Kongress  gerichteten  Bestrebungen  auf  die  Landschaften 
der  einzelnen  mit  dem  Kongress  einverstandenen  Provinzen  machte, 
war  der  der  bittersten  Enttäuschung. 


278 


H.  J.  B  i  d  e  !•  m  a  n  n. 


Die  Stände  des  Landes  ob  der  Enus,  welche  unmittelbare  Zeugen 
der  Linzer  Vorgänge  gewesen  waren,  bejammerten  im  März  1530  die 
trostlose  Lage  der,  wie  sie  sagten,  „durch  unaufhörliche  Particular- 
hilfen  erschöpften''  niederösterreichischen  Lande  und  machten  sich  für 
die  Zukunft  blos  anheischig,  daferne  der  König  mit  Zuthun  der  böh- 
mischen Krone  und  oberösterreichischen  Erblande  sowie  Würtembergs 
und  der  Vorlande  ein  stattliches  Heer  aufbrächte,  diesem  Kriegsvolke 
ein  ihrer  Gültenschätzung  entsprechendes  Contingeut  als  „Zusatz'^  an- 
zufügen. Den  Anfang  mit  einer  Truppen-  oder  Geldbewilligung  zu 
machen,  lehnten  sie  für  die  Folge  ab,  was,  beharrlich  eingehalten, 
allerdings  ein  Mittel  war,  den  König  zur  Veranstaltung  einer  allge- 
meinen Zusammenkunft  aller  vorgenannten  Länder  zu  zwingen. 

Gleichzeitig  schlugen  auch  die  Stände  des  Landes  unter  der  Enns 
diesen  Ton  au,  und  um  sich  mindestens  der  Willfährigkeit  der  mäh- 
rischen Stände  zu  versichern,  leiteten  sie  durch  Abgeordnete  Verhand- 
lungen mit  denselben  über  gemeinsamen  Grenzschutz,  Stellung  von 
Reitern  und  Lieferung  von  Proviant  ein.  Das  hiezu  dienende  Memo- 
rial vom  21.  März  1530  beantworteten  die  Mährer  am  9.  Mai  mit 
Zusicherung  nachbarlicher  Unterstützung  und  durch  Entsendung  von 
Deputierten  zur  Besichtigung  der  Grenze  gegen  Ungarn. 

Ob  die  in  Linz  gewählte  Gesandtschaft  der  Niederöstereicher  sich 
wirklich  nach  Prag  begab,  ist  mir  nicht  bekannt.  Keinesfalls  erreichte 
sie  dort  ihren  Zweck.  Denn  es  vergiengen  noch  elf  Jahre,  bis  die 
Böhmen  den  Niederösterreichern  die  Hand  boten,  und  in  der  Zwischen- 
zeit fanden  sich  wiederholt  Abgeordnete  Letzterer  in  Böhmens  Haupt- 
stadt ein,  welche  alle  Ueberredungskünste  aufboten,  um  dieses  Resultat 
herbeizuführen. 

Zunächst  galt  es,  den  gesunkenen  Muth  der  Niederösterreicher 
dadurch  aufzurichten,  dass  sie  mit  den  Oberöaterreicheru  in  nähere 
Berührung  gebracht  und  ihnen  von  diesen  beruhigende  Zusagen  ge- 
macht wurden. 

Ferdinand  berief  die  Ausschüsse  der  fünf  niederösterreichischen 
Lande  für  Weihnachten  des  Jahres  1531  abermals  nach  Linz,  wo  die- 
selben,  hoffend  dort  die  Oberösterreicher  zu  treffen,  sich  pünktlich 
und  zahlreich  einfanden.  Aber  statt  hier  ihre  Hoffnung  erfüllt  zu 
sehen,  mussten  sie  vielmehr  nach  längerem  Zuwarten  sich  zur  Weiter- 
reise nach  Innsbruck  entschliessen,  wo  Ferdinand  sie  zu  erwarten  er- 
klärte. Auch  diesem  Rufe  folgten  sie  willig.  Brachte  er  sie  ja  doch 
in  räumlicher  Beziehung  Denjenigen  näher,  nach  deren  Beistaude  sie 
sich  sehnten.  Aber  die  tiroler  Stände  kehrten  den  Ankömmlingen  so- 
zusagen  den    Rücken    und   verhielten    sich    selbst    den  paar  Anfragen 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse,  279 

treo^enüber,  welche  diese  an  sie  richteten,  schroff  ablehnend.  Erregt, 
wie  sie  von  vorneherein  waren,  und  durch  diese  Erlebnisse  in  noch 
crrössere  Aufregung  versetzt,  geriethen  nun  die  Niederüsterreicher  zu 
Innsbruck  unter  sich  in  heftigen  Streit,  was  nicht  geeignet  war.  die 
Tiroler  aus  ihrer  Zurückhaltung  hervortreten  zu  machen,  deren  nächste 
Ursache  in  den  Hindernissen  lag,  welche  die  Steiermärker  unkluger 
Weise  gerade  damals  der  Approvisiouierung  der  tirolischen  Bergwerke 
und  dem  Einkaufe  von  Lebensmitteln  für  Tirol  in  ihrem  Lande  be- 
reiteten. Ferdinand,  der  die  grosse  Tragweite  dieses  an  sich  kleinen 
Zerwürfnisses  ganz  richtig  würdigte  und  sogleich  erkannte,  Hess  es 
nicht  an  Versuchen,  dasselbe  beizulegen,  fehlen.  Doch  gelang  ihm 
dies  um  so  weniger,  weil  die  Gegensätze  theils  im  Hochmthe  der  Ab- 
o-esandten  von  Oesterreich  ob  der  Enns,  welche  durchaus  ihre  enge 
Heimat  als  ein  besonderes  Erzherzogthum  anerkannt  wissen  wollten, 
theils  in  dem  Argwohne  der  Innerösterreicher,  dass  die  Stände  des 
Landes  unter  der  Enns  sie  bei  Fatierung  der  Steuerfahigkeit  zu  über- 
vortheilen  suchten,  ihren  (Irund  hatten. 

In  der  gedrücktesten  Stimmung,  welche  sich  auch  den  Eegie- 
rungskreisen  mittheilte,  verliessen  die  Niederüsterreicher  nach  zweimo- 
uatlichem  Aufenthalt  Tirol. 

Eine  Wendung  zur  Besserung  trat  für  sie  und  für  ganz  Oester- 
reich erst  auf  dem  Prager  Kongresse  ein,  welcher  im  Winter 
von  1541  auf  1542  stattfand  und  an  dem  ausser  ihnen  auch  die 
Länder  der  b(»hmischen  Krone,  sowie  ein  Theil  der  Oberösterreicher, 
nämlich  die  Tiroler  und  Vorarlberger  sich  betheiligten. 

Dieser  Kougress,  einer  der  umfassendsten,  welche  die  österrei- 
chische Geschichte  kennt,  war  die  Frucht  mühseliger  Anstrengungen, 
welche  sowohl  von  Ferdinand  I.  als  von  den  Ständen  der  niederöster- 
reichischen Lande  gemacht  worden  waren,  um  endlich  bei  Abwehr  der 
Türken  und  der  mit  diesen  verbündeten  Ungarn  ein  planmässiges  Zu- 
sammenwirken aller  Länder  zu  erzielen.  Schon  zu  Anfang  des  Jahres 
1538  gaben  sich  die  Innerösterreicher  der  Ei  Wartung  hin,  es  stehe 
eine  solche  Zusammenkunft,  und  zwar  eine,  an  welcher  auch  die 
Ungarn  theiluehmeu  würden,  unmittelbar  bevor.  Die  von  den  krai- 
uer  Ständen  hiezu  erwählten  Ausschüsse  erhielten  mit  Instruction  vom 
27.  Mai  1538  den  Auftrag :  bei  den  Gesandten  der  beiden  König- 
reiche sich  dafür  zu  bedauken,  dass  sie  den  Erzherzog  von  Oesterreich 
zum  Landesfürsteu  angenommen  haben  und  dadurch  zum  Tröste  der 
österreichischen  Erblande  .,Giieder  eines  Leibs,  ihre  Mit  ver- 
wandten, Brüder  und  Gesellen"  geworden.  Den  Ober-  und 
Vorderösterreichern  sollten  sie  sagen:  dass  die  Aussicht,  diese  würden 


280 


H.  J.  Bi  der  mann. 


ihuen  die  schwere  Kriegsbürde   tragen   helfen,    sie  mit  der  Zuversicht 
des  Sieges  erfülle. 

ludessen  erwiesen  sich  derlei  sanguinische  Voraussetzungen  auch 
jetzt  als  trügerisch,  und  da  die  in  Wien  auf  den  Beitritt  der  Böhmen 
und  Ungarn  harrenden  Ausschüsse  aller  niederösterreichischen  Lande 
die  Vereitelung  ihrer  Hoffnungen  dem  heimlichen  Entgegenwirken  des 
Königs  zuschrieben,  versicherte  ihnen  dieser  am  2.  Dezember  1538 
mündlich:  er  habe,  um  die  Böhmen  zur  Theilnahme  zubewegen,  drei 
Landtage  mit  ihnen  gehalten  und  —  das  sind  seine  eigenen  Worte 
—  er  habe  .,wahrlich  sein  Leben  laug  nit  so  hart  und  schwarlich  ver- 
gebens orearbeitet".  Schliesslich  hätten  ihm  die  böhmischen  Käthe 
unverholen  eingestanden,  dass  nicht  die  mindeste  Aussicht  auf  einen 
Erfolg  vorhanden  sei.  Nicht  besser  sei  es  ihm  bei  den  tiroler  Ständen 
ergansen,  zu  welchen  er  seinen  Hofmarschall  Leonhard  Freiherrn  von 
Vels,  der  zugleich  die  Würde  eines  Landeshauptmannes  von  Tirol  be- 
kleidete, abgeordnet  hatte,  und  die  „vorderen  Laude"  —  klagte  der 
König  —  ..habens  gar  abgeschlagen  und  wollten  keiuesweg  in  die 
Zusammenkunlt".  Das  Widerstreben  der  Böhmen  war  für  die  Nieder- 
österreicher um  so  verletzender,  je  weniger  sie  mit  zuvorkommenden 
Schritten  gespart  hatten.  Wiederholt:  im  Monate  März  des  Jahres 
1537  und  zu  Anfang  des  folgenden  waren  sogar  ihrer  Aller  Gesandte 
in  Prag  als  Bittsteller  erschienen,  die  es  sich  laut  der  von  den  steier- 
märkischen  Abgeordneten  erstatteten  Relation  zu  hoher  Ehre  rechneten, 
von  den  Ständen  der  böhmischen  Krone  mindestens  im  offenen  (xene- 
ral-Landtage,  wo  sie  ihre  Anliegen  mündlich  darbrachten,  empfangen 
worden  zu  sein.  Jedoch,  so  dringend  sie  auch  darum  baten,  der  Ge- 
neral-Landtag verstand  sich  weder  im  Jahre  1537  noch  im  folgenden 
Jahre  dazu,  Ausschüsse  zur  Verhandlung  zu  delegieren. 

So  schleppten  sich  denn  die  VerhandUmgeu  zur  Bewerkstelligung 
des  grossen  Kongresses  Jahre  lang  hin. 

Eine  bestimmte  Gestalt  nahmen  dieselben  erst  im  Jahre  1540  an, 
wo  die  Böhmen  wenigstens  die  Zusicherung  gaben,  sie  würden  auf 
Anträge  der  Nieder-  und  Oberösterreicher  eingehen ,  vorausgesetzt, 
dass  diese  sich  zuvor  unter  einander  darüber  verständigen  und  bindende 
Beschlüsse  fas.sen.  Damit  dem  entsprochen  werde,  beschied  Ferdinand 
gegen  das  Ende  des  Jahres  1541  neuerdings  die  Nieder-  und  Ober- 
österreicher nach  Linz.  Diesmal  liess  die  Versammlung,  was  Voll- 
ständigkeit anbelangt,  wenig  zu  wünschen  übrig. 

Doch  beim  Vergleichen  der  Vollmachten  der  Repräsentanten- 
Gruppen  der  einzelnen  Länder  zeigten  sich  solche  Abweichungen  und 
Mäugel,    dass   der  Kongress   vom  6.  November   bis   zum  4.  Dezember 


Die  österreichischen  Länder- Kongrest<e.  281 

unterbrochen  wurde,  damit  in  der  Zwischenzeit  durch  die  betreffenden 
Landtage  die  erforderliche  üebereinstimmung  hergestellt  werden  konnte. 
Bios  die  Vollmacht  der  steiermärkischeu  Ausschüsse  bedurfte  keiner 
Nachbesserung.  Als  der  Kongress  wieder  zusammentrat  geschah  dies 
nicht  mehr  in  Linz,  sondern  in  Prag,  wo  der  König  am  5.  Dezember 
den  böhmischen  Generallandtag  mit  einem  Vortrage  eröffnete,  dessen 
wesentlicher  Inhalt  mit  der  Proposition  übereinkam,  die  er  dem  Kon- 
gresse in  Linz  gemacht  hatte.  Während  der  folgenden  Tage  beriethen 
sich  die  Niederösterreicher  in  Prag  eifrigst  über  ihr  den  böhmischen 
Kronläudern  gegenüber  zu  beobachtendes  Verhalten.  Den  Freiherru 
Hanns  von  Uugnad  erkoren  sie  zu  ihrem  Sprecher,  der  am  10.  De- 
zember vor  den  Generallandtag  trat,  den  Anliegen  seiner  Kommit- 
tenten zierliche  Worte  lieh  und  die  von  einem  engeren  Ausschusse 
ausgearbeitete  Denkschrift  derselben  über  die  ihnen  drohenden  Gefahren 
überreichte.  Am  Morgen  dieses  Tages  erschienen  übrigens  die  Ge- 
sandten der  mährischen  Stände  bei  den  Niederösterreichern  mit 
einem  besonderen  Kredenzbriefe  an  dieselben  und  mit  dem  Erbieten: 
ihnen  bei  Ermittlung  der  geeignetsten  Vorkehrungen  wider  die  Türken 
getreulich  Beistand  leisten  zu  wollen.  ,, Dessen  haben"  —  Avie  das 
Tagebuch,  dem  diese  Angaben  entnommen  sind,  berichtet  —  ,,die 
Herrn  Gesandten  der  u.  ö.  Lande  gegen  ihnen  sich  freundlich  bedankt.'' 
Auch  der  böhmische  Generallandtag  that  nun  nicht  mehr  spröde, 
sondern  erwiderte  die  Werbung  des  Freiherrn  von  Ungnad  mit  Be- 
theuenmgen,  wonach  es  ihm  zur  grössten  Freude  gereiche,  von  den 
Niederösterreichern  also  freundlich  und  vertraulich  heimgesucht  zu 
werden";  die  böhmischen  Kronländer  hätten  dies  längst  herbeige- 
wünscht und  seien  nun  gar  ,, begierlich,  all  ihr  Vermögen,  Leib  und 
Gut  zu  ihnen,  den  niedern  und  obereu  österr.  Landen  zu  setzen,  diese 
in  Nöthen  als  ihre  lieben  Freunde  und  Nachbarn  nicht  zu  verlassen". 
Schliesslich  einigten  sich  damals  in  Prag  die  Niederösterreicher  nicht 
nur  unter  sich  über  gleiche  Grundsätze,  nach  welchen  bei  Einschätzung 
der  Steuerkraft  der  einzelnen  Länder  vorgegangen  werden  sollte,  son- 
dern auch  mit  den  Oberösterreichern  und  Böhmen  über  verschiedene, 
das  Kriegswesen  und  die  Beschaffung  von  Geld  liiefür  betreffende 
Punkte. 

Die  Gesandten  der  Tiroler  und  Vorarlberger  traten  in  Prag  erst 
am  folgenden  Tage,  den  1 1 .  December  mit  den  Niederösterreichern 
in  Berührung,  gleich  als  hätten  sie  abgewartet,  welchen  Erfolg  die 
Werbung  des  Fhrn.  von  üngnad  haben  würde.  Ein  meritorischer 
Bescheid  hierüber  wurde  den  Niederösterreichern  am  18.  Dezember 
schriftlich  zugestellt.     Tags  darauf  besahen    sich  diese    denselben    und 


282 


H.  J.  Biderman  n. 


befanden  ihn,  wie  das  Tagebuch  sagt,  „in  vielen  Artikeln  gering  und 
unerkannt"  d.  h.  wohl:  undeutlich.  Ihre  Ausstellungen  daran  theilten 
sie  nicht  blos  dem  Generallandtage  sondern  auch  dem  Könige  mit,  auf 
dass  er  diesem  zu  Gehör  rede  und  ihre  eigenen  Einwendungen  unter- 
stütze, was  auch  in  der  Zeit  vom  24.  Dezember  bis  8.  Jänner  geschah. 
Die  Nieder-  und  Oberösterreicher  hielten  auch  am  22.  und  23.  De- 
zember „allerlei  Disputation"  d.  h.  Besprechungen  mit  Ausschüssen 
der  böhmischen  Kronländer,  und  änderten  darauf  hia  einzelne  Aus- 
drücke in  ihren  zu  Linz  beschlossenen  Anträgen. 

Das  Hauptresultat  dieser  vereinten,  vom  besten  Willen  beseelten 
Bemühungen  liegt,  so  weit  die  n.  ö.  Lande  dabei  in  Betracht  kommen, 
in  Gestalt  einer  vom  11.  Jänner  1542  datierten  Vereinbarung  vor, 
welche  wiederholt  gedruckt  wurde  und  folgenden  Titel  trägt:  „Der 
Nieder-Oesterreichischen  Erblandt  sambt  der  fürstl.  Grafschafit  Görtz 
aufgerichte  Vergleichung  und  Anlag  des  Werths,  so  neben  der  Krön 
Böhaimb  und  derselben  zugewendten  Fürstenthumben  und  Landen  zu 
Prag  beschlossen  worden".  Dieser  Titel  drückt  jedoch  den  Inhalt  nicht 
genau  aus  und  der  Letztere  erschöpft  auch  keineswegs  die  auf  dem 
damaligen  Prager  Kongresse  vereinbarten  Beschlüsse. 

O  o  o 

Der  Titel  läs,st  die  Bewilligung  der  Oberösterreicher,  derer  doch 
iü  dem  Libelle  Erwähnung  geschieht,  vollkommen  unberücksichtiget 
und  das  Libell  enthält  Nichts  von  den  damaligen  Abmachungen  zwi- 
schen den  böhmischen  und  österreichischen  Ländern  in  Bezug  auf  gleich- 
massige  Truppen-Stellung  und  vorläufige  Unterordnung  aller  Truppen- 
Kontingente  unter  den  vom  Könige  zu  ernennenden,  obersten  Feld- 
hauptmann, ferner  hinsichtlich  eines  gleichen  Müüzfusses,  gleicher 
Reiterbesoldung  und  gleicher  Kündigungsfristen  für  das  Kriegsvolk, 
dann  in  Ansehung  gemeinsamer  Vorstellungen  an  den  König,  einer 
gemeinsamen  Legation  an  den  Reichstag  zu  Speyer  und  an  den  König 
von  Polen,  auch  nicht  in  Bezug  auf  einen  der  Regierung  bewilligten 
Vorschuss  und  rücksichtlich  der  späteren  Erledigung  jener  Punkte,  über 
welche  sie  sich  vorerst  nicht  einigen  konnten,  obschon  sie  dieselben 
prinzipiell   jetzt    schon  als  geraeinsame  Angelegenheiten    anerkannten. 

Diese  Punkte  wareu:  die  Einbringung  rückständiger  Steuerfassio- 
nen, die  Theilnahme  an  der  Proviantbeschaö'ung  für  das  Kriegsvolk, 
die  Beistellung  verschiedener  Kriegsgeräthe  und  die  Bemannung  für 
eine  Flotille,  welche  der  König  auf  der  Donau,  Save  und  Drau  zu 
verwenden  gedachte. 

Auf  die  Vertagung  der  Entscheidung  hierüber  beziehen  sich  die 
Worte  eines  krainischen  Landschaftssekretärs,  welcher  als  Ohrenzeuge 
eine  Uebersicht  der  „Prager  Handlung"  zu  Papier  brachte:  „In  Summa 


Die  österreichischen  Länder-Kongresse.  283 

sie  (die  Böhmeu)  haben  sich  in  nichts  weisen  oder  pessern  lassen.  Ihr 
Maiuung  stundt:  Also  ists  beschlossen;  dapey  muss  es  pleiben". 

x\llein  aus  der  grossen  Anzahl  der  damals  vereinbarten  Beschlüsse 
und  aus  der  Bereitwilligkeit,  zur  Einigung  über  die  noch  unerledigten 
Verhandlungsgegenstäude  einen  Nach-Kongress  zu  beschicken, 
erhellt,  dass  der  Starrsinn  der  Böhmen  damals  einer  versöhnlichen 
Stimmung  gewichen  war.  ohne  dass,  jenen  Worten  nach  zu  urtheilen, 
jetzt  auch  die  Innerösterreicher  sich  einer  solchen  rühmen  durften. 

Welchen  Antheil  an  diesem  ßoUenwechsel  die  Haltung  der  Stände 
der  böhmischen  Nebenländer  hatte,  die  sich  von  jeher  mehr  zu 
den  Niederösterreichern  hingezogen  fühlteu,  ist  nicht  vollkommen  klar. 
Aber  das  früher  über  das  Entgegenkommen  der  Mährer  Mitgetheilte  und 
die  Thatsache,  dass  die  Stände  aller  in  Kede  stehenden  Nebenläuder 
der  böhmischen  Krone  den  unmittelbar  vorhergegangenen  Linzer  Kou- 
ofress  zu  beschicken  bereit  gewesen  wären,  Avenu  nicht  die  ünseueifft- 
heit  der  Böhmen  ihnen  die  üeberzeugung  von  der  Fruchtlosigkeit  auf- 
gedrängt und  der  Eespect,  den  sie  Letzteren  als  den  Prinzipalständeu 
schuldig  zu  sein  glaubten,  sie  davon  zurückgehalten  hätten.  —  diese 
verbürgten  Argumente  berechtigen,  jenen  Antheil  hoch  anzuschlagen. 

Was  die  Tiroler  und  Vorarlberger  anbelano-t,  so  war  es  fast 
ebenso  schwer,  sie  zur  Theilnahme  an  dem  nach  Linz  ausgeschriebenen 
und  sohin  nach  Prag  verlegten  Kongresse  zu  bestimmen.  Ferdinand 
suchte  schon  in  den  Jahren  1537  und  1538  die  Tiroler  für  sein  be- 
zügliches Vorhaben  zu  gewinnen.  Die  Niederösterreichür  aber  forderten 
sie  im  Jahre  1540  direct  durch  Männer  von  Ansehen  auf,  mit  ihnen 
gemeinsame  Sache  zu  machen.  Es  handelte  sich  da  um  Differenzen, 
welche  noch  hinter  die  auf  dem  Innsbrucker  Kongresse  von  1532  zu 
Tage  getretene  Verstimmung  zurückreichten  und  wahrscheinlich  in 
einer  verschiedenen  Auffassung  des  Innsbrucker  Defensionslibells  vom 
Jahre  1518  wurzelten.  Denn,  während  in  lunerösterreich  die  Mei- 
nung verbreitet  war,  die  rechtsverbindliche  Kraft  jenes  Libells  erstrecke 
sich  auch  auf  die  Tiroler,  und  demzufolge  der  steiermärkische  Landtag 
am  4.  September  1526  einen  Beschluss  fasste,  der  mit  den  lakonischen 
Worten :  .,Den  Tyrolern  zueschreiben,  Hilf  thuen"  in  das  betreffende 
Protokoll  eingetragen  ist,  —  erwiderte  anderthalb  Jahre  später,  am 
6.  Mai  1528,  die  tirolische  Landesstelle  dem  Könige  Ferdinand  auf 
dessen  Befehl,  vorzusorgen,  dass  falls  ein  Land  dem  anderen  zu  Hilfe 
ziehen  müsste,  auch  Tirol  dem  Innsbrucker  Libelle  gemäss  gerüstet 
dastehe,  — :  das  bezogene  Libell  sei  noch  nie  in  volle  Wirksamkeit 
getreten  und  nicht  einmal  von  ihm,  dem  Könige,  genehmigt.  Die 
Landesstelle  bemerkte  dazu  ausserdem:  es  bedürfe  zum  Anfgfebote  der 


.)^_.  H.  J.  Bidermaun. 

ausjerecrteu  Küstung   eines    besondern  tii-oler  Landtagsbeschlusses  und 
es  sei  "nicht  zu  er-^varteu.    dass  die  tiroler  Staude    diesen   tas.>en  bevor 
sie  der  Mitwirkung  der  übrigen  oberösterreichischeu  Lande  gewiss  sind. 
Als  Ferdinand  im  folgenden  Jahre  Ausschüsse   der  tiroler  Landschaft 
nach  Linz   citierte.   damit   sie   in    (jemeinschaft   mit   den  Ausschüssen 
anderer    Erbländer    über    Kriegsanstalten    wider    die    Türken   berath- 
schlacren,  fertigte  die  genannte  Landschaft  ihre  Sendboten  zwar  dahin 
ab.  jedoch   nur   mit   der  Yollmacht   ,.aiü'  Hintersichbringen-   und  da 
diese   zwecklos   war,    blieb   dem   Konige.    um   den  Linzer  Beschlüssen 
die  Durchführung  in  Tirol   einigermasseu    zu   sicheru.   nichts  Andei-es 
übrig,  als  am  IS.  Dezember  an  die  tirolisehe  Landesstelle  ein  Sehreiben 
zu  richten,   in   welchem   er   die   zuversichtliche  Erwartung   aussprach: 
die  tiroler  Stände  würden,  so  wie  sie  „bisher  in  allen  uasern  der  ge- 
maiuen  Lande  Beschwerungen  vnd  Obliegen  mit  Hilf,  fiat  uud  Beystand 
uit  die  Letzten  gewesen",  so  auch  jetzt  annehmen  und  befolgen,  was 
der  Linzer   Kougress   ohne    sie   beschliesst.     Zu   diesen   traurigen  Er- 
fahrunsen   gesellte   sich    die   des  Jahres  löol.     Terdiuand  that  daher 
LTut  daran,  dtvss  er.  auf  die  Kompletierung  der  österreichischen  Länder- 
KoLgresse  bedacht,  schon  um  die  Mitte  des  Jahres  1537  von  einigen 
tiroler  Landräthen  ein  Gutachten  darüber  verlangte,  ..wie  und  welcher 
Massen-'  die  tiroler  Stande  ..auf  einem  künftigen  Landtag  von  wegen 
einer   gemaineu  Zusammenkunft   aller   unserer   Königreiche   und  Erb- 
lande zu  ersuchen  sein   möchten,    damit  sie  gleicherweise,    wie  nnseix* 
niederösterreichischen  Et-bland   gethan.    in   solche  Zusammenkunft  be- 
willigen   und   desshalb  ihre  Ausschüsse  mit  vollraechtiger  Gewalt  ohn 
"Widerhindersiehbringen  verordnen  und  fürnehmen".  Am  13.  Februar  1 5oS 
leitete  er  abemuüs  im  Wege  der  Kegierung  zu  Innsbruck  Erhebungen 
hierüber  ein.     Diese  Yorbereitimgen   genügten,    wie  wir  sahen,   nicht 
um  noch  für  das  Jahr  1538  einen  Erfuig  zu  erzielen;  aber  sie  fruch- 
teten wenigstens  insoferne.  als  die  Tiroler  und  Yorariberger  sich  mehr 
imd  mehr  mit  dem  Gedanken  vertraut  machten,  eines  Tags  doch  noch 
einmal,   den   Niederösterreichern  zur  Seite,  über  Angelegenheiten,    «lie 
ihnen  AJen  gemein  wären,    zu  berathen  und  zu  beschliessen.     Hiezu 
kam-  dass  -lie  Nieder  Österreicher  dieselben  direct  auliorderten,  mit  ihnen 
gemeinsame  Sache  zu  macheu.    Zu  diesem  Ende  begab  sich  im  Früh- 
jahre 154».'  Franz    von  Herberstorf  als  Abgeordneter  der  steiermärki- 
schen  Stünde  nach  Tirol  imU   das  schmeichelte  den  schmollenden  Se- 
paratisten,   die  nun  bei  allem  Selbstbewusstsein  sich  dazu  verstanden. 
Deputierte  nach  des  Königs  "Wunsch  und   den  Niederösterreichern  zu 
Gefallen  zu  entsenden,  denen  dann  auch  die  in  Innsbruck  anwesenden 
Wahlmänner  der  vorariberger  Stände  das  Mandat  übertrugen. 


Die  ößteiTeicliiBelieii  Linder-KongreBBe.  285 

Der  zeitgenÖÄSüSche  Tiroler  Ckronist  Kirckmair  geräth  bei  Be- 
sprechung jener  WaUvorgänge  völlig  ausser  si-eii  und  findet  es  un- 
begreiflich, wie  der  Tiroler  Landtag  sich  entsehliesseii  konnte  .,solclie 
Procuratores  ausser  Land  zu  schicken,  er,  der  sich  je  und  allzeit" 
geweigert,  dieses  zu  thun,  weil  es  den  Landesfreiheiten  zuwiderlaufe, 
weil  Tirol  nicht  berufen  sei  „das  Üngarland  weder  zu  gewicneu  noch 
zu  erhalten'%  weil  das  Land  trotzdem  seit  40  Jahren  sich  über  seine 
Kräfte  angestrengt  kabe  u.  s.  w.  Ein  Beweis,  wie  schwer  es  den 
Tirolern  fiel,  dem  Könige  diesfalls  zu  willfahren,  Sie  thaten  es  auch  erst 
nach  300  Jahren  wieder. 

Als  Wirklicher  Theilnehmer  am  Kongresse  wird  nur  der  Freiherr 
Hanns  Trautson  Ton  Sprechenstein  erwähnt  und  auch  er  scheint  mit 
den  übrigen  Mitgliedern  desselben  selten  mündlich,  sondern  in  der 
Kegel  durch  Vermittlung  der  kgl.  Hofkanzlei  verkehrt  zu  haben.  Auf 
dem  ^ach-Kongresse  der  am  10-  Februar  1542  seinen  Anfang  nahm. 
waren  diese  Landschaften  gar  nicht  vertreten;  aber  auch  die  Inner- 
österreicher waren  es  lediglich  durch  den  krainischen  ßitter  Sigmund 
von  Weichselberg,  welcher  von  all